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Der Kardinal

Benno Rüttenauer: Der Kardinal - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDer Kardinal
publisherGeorg Müller
year1912
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Der Bekenntnisse erstes Stück.

Als eine Ausländerin, verehrte Freundin, darf ich Euch wohl daran erinnern, daß wir Gondy italienischen Ursprungs sind. Einer der stolzesten und reichsten Paläste von Florenz, ein Werk des Meisters Antonio da Sangallo. trägt noch heute unsern Namen. Der Kaminbau im Festsaal dieses Palastes gehört zu den famosesten Schöpfungen der italienischen Kunst im leonitischen Zeitalter. Durch die große Königin Katharina Medici kam unser Geschlecht nach Frankreich und infolge von Einheiratung durch den König Franz persönlich vermittelt, in den Besitz des bretonischen Herzogtums Retz.

Also nur von mütterlicher Seite her – die aber physisch wie moralisch oft die stärkere ist,– fließt das Blut des berühmten und berüchtigten Gilles von Retz in meinen Adern. Dieser Gilles von Retz aber – man schrieb damals statt Retz noch Rais – war unter Karl VII. der reichste und mächtigste Baron von Frankreich. Er hatte, als der beste Kriegsmann des Königs, an der Seite jener visionären, oder wie man heute auch sagen würde, jener somnambulen Bäuerin Johanna von Arc gegen die Engländer gekämpft und ist danach, wie dieses unglaubliche Mädchen selber, wegen Ketzerei und Zauberei zum Feuertod verurteilt worden.

Von ihm soll sich, wie man es vielleicht auch Euch gesagt hat, das bekannte Ammenmärchen vom Ritter Blaubart herschreiben. Diese Volksüberlieferung stellt sich aber bei näherer Betrachtung als gröbliche Verleumdung dar. Ein so ungalanter Ritter war jener Baron und fromme Kampfgenosse der sogenannten Jungfrau von Orleans durchaus nicht. Er hat in seinem Leben keine Frau ermordet. Er hat nur etwa fünfhundert bis sechshundert halbwüchsige Kinder, Knaben und Mädchen, in alchimistischen oder sodomistischen oder satanistischen oder was weiß ich für Absichten, mit eigener Hand geschlachtet, was ja allerdings ein etwas ungewöhnlicher Zeitvertreib scheinen mag.

Aber kommen wir von diesem verdächtigen Ahn zurück auf unsere eigene Person. Schon vor meinem Erscheinen auf der Welt war ich, als dritter Sohn, für den Orden von Malta bestimmt worden, und da es sich traf, daß man just am Tage meiner Geburt zu Paris ein Kapitel hielt, wurde ich, noch nicht vierundzwanzig Stunden alt, als Ritter des Ordens immatrikuliert, was mir für mein ganzes Leben vor allen andern einen großen Vorsprung der Anciennität geben mußte. Aber meine Laufbahn sollte eine andere Richtung nehmen.

Der zweite Sohn meines Vaters mit dem Titel eines Marquis von Hières, pflegte als Knabe oft zu sagen, daß er Kardinal werden wolle, um in der Welt und am Hofe den Vortritt vor dem Erstgeborenen zu haben, und so wunderbar sind die Wege der Vorsehung, daß, was jener Ehrgeizige sich wünschte, von mir erfüllt werden sollte, der ich nichts so sehr haßte als das priesterliche Gewand. Denn der genannte Bruder mußte als Dreizehnjähriger das Unglück erleben, daß er bei einer Fuchsjagd in der Heide bei Bourgneuf-en-Retz unglücklich vom Pferde stürzte, im Steigbügel hängenblieb und, lange Zeit über Gestrüpp und Gestein fortgeschleppt, mit unter Huftritten herausgequollenem Gedärm und zerschmettertem Schädel aufgelesen wurde.

Dieser entsetzliche Tod bestimmte auch mein Schicksal, indem er den Marschall, meinen Vater, bewog, mich ganz dem Dienst der Kirche zu weihen. Gewisse andere Motive spielten mit.

Ich war ein unansehnlicher Knabe, von nur halbwegs geradem Wuchs, mit stark nach innen gerichteten Füßen und linkischem Wesen. Dazu mein pechschwarzes, ein wenig wolliges und tief in Stirne und Schläfe hineinwachsendes Haar, das mir, zusammen mit der gelblich braunen Gesichtsfarbe, ein fast plebejisches Aussehen gab. Wenigstens sagte man mir es so.

Auch war ich von Kindheit auf in hohem Maße kurzsichtig, woher mir die Gewohnheit kam, beim Blicken in die Ferne die Augen einzukneifen. Das hinderte aber nicht, daß mir später allgemein eine strenge Herrschermiene und ein stolzer und gebieterischer Blick nachgerühmt wurde, den manche schöne Frau unwiderstehlich genannt hat. Und was mir an körperlicher Mitgift Mißliches verblieben war, wußte ich durch Unerschrockenheit des Auftretens auszuwetzen. Dem schönen Geschlecht besonders, mit einer oder zwei Ausnahmen, gebührt das Verdienst, mich allezeit mehr um meiner innern als äußern Eigenschaften gewürdigt zu haben, dafür denn auch meine Dankbarkeit bis auf den heutigen Tag ohne Grenzen geblieben ist. Damals aber, in meinem neunten Jahre, war man in der Familie von nichts so sehr überzeugt, als daß meine Mangelhaftigkeiten, wozu auch eine wenig vorteilhafte Bildung der Knie gehörte, allein durch die Soutane genügend verdeckt werden könnten.

Also gab man mir die Soutane und dazu gleich vier bretonische Abteien und den Titel eines Abts von Bussay, den ich aber selber in den eines Abts von Retz umwandelte, womit ich als erster die kühne Neuerung einführte, mich als Abt nicht nach meiner Abtei, sondern nach meiner Familie zu nennen.

Erst später haben das viele nachgeahmt, wo dann auch die Sitte oder Unsitte immer mehr um sich griff, sich auch ohne Abtei den Titel beizulegen, so daß man, wenn es so weitergeht, bald jeden Dorfpfarrer damit verunehren wird.

Nun aber, schöne Frau, will ich Euch nicht länger von meiner Kinderstube erzählen. Ich beginne vielmehr mit einem Erlebnis, das, wiewohl unbedeutend, ja geringfügig an sich, für mich so wichtige Folgen hatte, daß man sagen könnte, der Himmel habe hier ganz absichtlich ein Wunder für mich getan.

Es war nach überstandenem Bakkalaureat, und nachdem ich gerade das Lyzeum Clermont auf dem Mont Sainte Geneviève verlassen hatte, da sagte mir eines Tags der Kammerdiener meines Hofmeisters – – –

Doch von diesem letzteren ein Wort. Ihr würdet vielleicht nicht ahnen, daß dieser Hofmeister kein anderer war als der Stifter zweier religiöser Orden, die wohltätiger gewirkt in der Welt als alle übrigen zusammen, nämlich der Brüder vom hl. Lazarus und der barmherzigen Schwestern, kein anderer als jener seltene und demütigste Nachfolger Christi, den eine große Gemeinde längst als Heiligen verehrt, ja, dessen Kanonisation durch den Papst bevorsteht: der mit aller Tugend und Reinheit geschmückte Vinzenz von Paul. Er hat wenig auf mich abgefärbt.

Und nun also von dessen Kammerdiener, der wohl aus etwas anderem Holze geschnitzt sein mußte.

Dieser Bursche, er hatte sich seit einiger Zeit durch ähnliche Dienste in mein Vertrauen eingenistet, sagte mir denn eines Tages, er habe im Lumpensammlerviertel bei einer armen Nähzeugkrämerin eine vierzehnjährige Nichte von überraschender Schönheit gesehen, auch schon mit der Alten gesprochen, und das Ungeheuer sei bereit, mir das süße Ding um fünfzig Dukaten abzutreten.

Ich besah mir noch an demselben Nachmittag in seiner staubigen Trödelbude hinter der ärmlichen Kirche von St. Médard das gepriesene Täubchen, erklärte mich mit dem Handel einverstanden, und der Schurke von Kuppler verlor keine Zeit, draußen in Issy ein hübsches Häuschen zu mieten und die entzückende Kleine, zusammen mit ihrer älteren Schwester, dahinzubringen. Er log mir von der naiven Unschuld und gutmütigen Bereitwilligkeit der Kleinen derart den Buckel voll, daß ich, echt schülerhaft, fast den Abend nicht abwarten konnte.

Aber es kam anders, als ich gedacht. Ich fand das gute Kind ganz zerflossen in Tränen und so erfüllt von Ratlosigkeit und Jammer, daß es einem Verbrecher hätte das Herz erweichen müssen. Auf den Knien flehte sie mich an, sie zu schonen, ja ihr Beschützer zu sein gegen ihre Verwandte, von der sie das Schlimmste zu befürchten habe. Ihre Verzweiflung wie ihre Schamhaftigkeit rührten mich. Ich stellte nun zwar die letztere noch eine Zeitlang auf harte Proben, doch darf ich gestehen, daß ich mich meines Vorhabens bereits in tiefster Seele schämte.

Und also ließ ich die Kleine zu meiner Tante bringen, der Marquise von Maignelay, der das geängstigte Vögelchen weinend gestand, daß sie noch lieber mir gehören wolle als zu den Ihrigen zurückzukehren.

Da entschloß sich meine fromme Tante kurzerhand, ihren Schützling für das Kloster der Karmeliterinnen zu Val-de-Grace, das gerade erst von der Königin Anna von Österreich gestiftet worden war, auszustatten und die verfolgte Unschuld dergestalt in ewige Hut und Sicherheit zu bringen. Das Kind soll dort schon nach einigen Jahren als Schwester Angelika im Ruf der Heiligkeit gestorben sein.

Aber die heilige Magdalena, verzeiht, schöne Frau, daß ich diese Reflexion hier nicht unterdrücke, die heilige Magdalena ist doch noch als größere Heilige gestorben, und also hätte die spätere Schwester Angelika dieses Ziel ja immer noch erreichen können, auch wenn meine Wenigkeit in dem kleinen Häuschen zu Issy weniger bescheiden, oder soll ich sagen, weniger blöd gewesen wäre. Und wer wollte entscheiden, ob so ein armes Ding in der kalten Einsamkeit seiner vier Zellenwände meine Zurückhaltung heimlich im Herzen auch immer gesegnet hat oder ob, allem Geruch der Heiligkeit zum Trotz ...

Denken Sie den Satz zu Ende, liebe Freundin. Ich meinerseits bin heute, da ich dem Grabe nahestehe, nicht sicher, ob ich damals nicht gar durch meine Tugendhaftigkeit einer menschlichen Seele das Tor zum Glück grausam verschlossen habe.

Jedenfalls kann ich heute so wenig wie einst zu Issy in meiner Handlungsweise ein besonderes Verdienst für mich erkennen. Die fromme Marquise von Maignelay aber war aufs äußerste gerührt von meinem, wie sie sich ausdrückte, großmütigen Betragen, um so mehr, je weniger sie es mir zugetraut hatte. Sie erzählte das Geschichtchen jedermann, der es nur hören wollte, unter andern auch dem Bischof von Lisieux, der das kleine Abenteuer an der königlichen Tafel zum besten gab.

Das alles erfuhr ich, hätte mir aber niemals träumen lassen, was für weittragende Folgen daraus für mich entstehen würden. Ich werde später darauf zurückkommen.

Einstweilen war meine einzige Sorge, wie ich dem geistlichen Stand entgehen könne.

Ich suchte darum vor allem, auf welche Weise es sein mochte, einen öffentlichen Skandal zu erregen, wodurch ich meinen Vater zu bestimmen, ja zu zwingen hoffte, seine Absicht mit mir zu ändern.

Die erste Gelegenheit bot sich, als ich mich bald darauf in die schönen Augen der Gräfin Duchâtelet vergaffte, derselben, die später als Herzogin von Mecklenburg so unglücklich wurde. Ihr kennt vielleicht ihre Geschichte. Sie hatte mit Gewalt Souveränin werden wollen und den alternden Herzog von Mecklenburg geheiratet, der seine Einkünfte am französischen Hof verzehrte und sich den Kuckuck um seine Bauern und bäurischen Junker zu Hause scherte. Unsere Dame aber, kaum mit dem Herzog vermählt, zog unverweilt nach dem fernen Thule, um dort Landesmutter zu spielen! Das Spiel ist ihr schlecht bekommen. Wie kann auch eine elegante Pariserin, wie diese Gräfin und Herzogin war, auf den Gedanken kommen, eine Königin über Eisbären werden zu wollen. Das deutet doch bedenklich auf Perversität. Die guten Protestanten da oben aber verstehen, scheint es, noch weniger Spaß als unsere Hugenotten. Die Sitten der Herzogin erregten dort die moralische Entrüstung des ganzen Mecklenburger Volks, den Adel mit inbegriffen. Ihr unnatürliches Verhältnis zu einem gewissen Grafen, einem blonden Riesen, obwohl noch Knabe an Jahren, brachte das Faß zum Überlaufen. Nur durch Flucht aus dem Lande konnte sie sich vor der Wut des Volkes retten. Und eines Tages erschien sie wieder in Paris. Hier sah sie sich gezwungen, gegen ihren edlen Gemahl und Herzog um ihre Einkünfte einen Prozeß anzustrengen. Ich verwandte mich in ihrem Interesse, und sie gewann den wichtigen Prozeß.

So christlich habe ich mich nur einmal in meinem Leben gerächt.

Aber noch habe ich, über diesem Vorausgreifen, gar nicht erzählt, wofür ich mich zu rächen hatte. Also, die spätere Herzogin von Mecklenburg, lächerlichen Angedenkens, hieß noch die Gräfin Duchâtelet. Sie war bereits im dritten Jahr verwitwet und stand mit ihren auffallenden blonden Ringellocken derart in Ruf, daß ich keinen Augenblick fürchtete, vergeblich zu schmachten. Zu meinem Unglück aber, oder auch zu meinem Glück, hatte Prinz Heinrich von Lothringen, Graf von Harcourt, es der strengen Schönen gerade angetan, also daß es ihrer Laune gefiel, mich als Schüler und dummen Jungen zu behandeln.

In diesem Sinn machte sie sich sogar abends bei der Herzogin von Lesdiguières in meiner und des Prinzen Gegenwart über mich lustig. »Wer ist denn,« fragte sie einmal so laut, daß ich es hören mußte, »wer ist denn dieser gelbschwarze kleine Teufel – und hinkend scheint er zu allem Überfluß auch zu sein –, der sich da aus Versehen in einen Priesterrock verirrt hat?« Das Wort fand Beifall, alle Umstehenden lachten. Ich kochte vor Wut. – Es war dies das erste und zum Glück letztemal, daß jemand in meinem Beisein auf meine Leibesbeschaffenheit angespielt hat, mein sicheres Überlegenheitsgefühl hat später jedermann die Lust dazu benommen. Aber für diesmal war ich noch zu sehr Lehrling. Man merkte meine Beschämung, und sogar einige Damen, die mich oft gehätschelt hatten, konnten sich des Kicherns hinter ihren Fächern nicht enthalten. Nur die schöne Fürstin von Rohan-Guemené trat freundschaftlich zu mir heran. »Mein lieber Vetter,« flüsterte sie mir zu, »mich wundert nur, daß Ihr dem blondgelockten Papagei nicht an die Halskrause gefahren seid.« »Das hätte ich getan,« antwortete ich grimmig, »wenn ich eine Katze wäre; so aber ziehe ich es vor, dem langbeinigen dünnen Lothringer bei der ersten besten Gelegenheit die Gurgel abzuschneiden.« Ich sagte es laut genug, daß es der Prinz hören konnte, der mir sehr graziös, halb ironisch, halb ernsthaft, eine zustimmende Verbeugung machte.

Wir trafen uns am andern Morgen bei nebligem Novemberwetter vor der Vorstadt St. Marcel bei den Stallungen eines Fuhrhalters. In einem der leeren Schuppen, wo die Nacht über Pferde gestanden und ihren Mist zurückgelassen hatten, kreuzten wir ein halbes dutzendmal unsere Degen. Beim siebenten Gang verwundete mich der Lothringer in der Magengegend, doch nur äußerlich, gleichzeitig aber wußte er mir ein Bein zu stellen, daß ich zu Boden fiel. Er machte sich über mich her, um mich zu entwaffnen. Ich wehrte mich wie ein Verzweifelter und hatte im Ernst nichts geringeres vor, als ihm den Degen in den Hals zu stoßen. Er aber, bedeutend älter und stärker als ich, hielt meinen Arm fest und verhinderte meine Bewegungsfreiheit. So rangen wir eine Weile. Dann erhob sich der Prinz lachend: »Genug,« rief er, »sich so zu balgen ist wirklich nicht anständig. Eure Bravheit habe ich nun kennen gelernt und stehe nicht an zu versichern, daß es mir nie in den Sinn gekommen ist, Euch zu nahe treten zu wollen.«

Wir umarmten uns und vereinbarten, dem empfindlichen Ruf der Gräfin zuliebe, über das Vorgefallene ein unverbrüchliches Schweigen. Ich kam so nicht auf meine Rechnung, sah aber ein, daß ich mich fügen müsse.

Die zarten Rücksichten auf die tugendhafte Gräfin Duchâtelet retteten also einstweilen meine Soutane.

Ich wollte aber um jeden Preis ein Ende damit machen, und also sagte ich dem jungen Bassompierres, dem Sohn des bekannten Marschalls, als welchen man kurz vorher in die Bastille geworfen hatte, aus der ich ihn später befreien sollte – – aber ich verwirre mich. Der Sohn also dieses Marschalls stand damals im Ruf des größten Raufbolden, und ich näherte mich ihm eines Tages mir nichts dir nichts im Hofe des Palais-Royal. »Mein Herr«, sprach ich, »ich, ich weiß jemand, der Euch für den größten Narren von Frankreich erklärt hat.«

Wir schlugen uns im Gehölze von Vincennes in der Gegend hinter dem Minoritenkloster. Der Kampf ging auf Pistolen und Degen zugleich. Bassompierres verwundete mich am Hals unter dem linken Ohr, ich durchschoß ihm den rechten Arm und versetzte ihm außerdem mit meinem Degen einen Stich in den Schenkel.

Graf Meillancourt, der Stallmeister meines Vaters, der mir als Sekundant diente, und der Chevalier Duplessis, der Sekundant meines Gegners, trennten uns endlich.

Diesmal unterließ ich nichts, mir den skandalösen Handel zunutze zu machen, und wahrlich, ich durfte auf guten Erfolg rechnen, denn erst vor wenigen Wochen waren die Strafbedrohungen wegen Zweikampfs von Richelieu in einer bisher unerhörten Weise verschärft worden – was aber allerdings die Duelle eher vermehrte als verminderte. Ich meinerseits hatte meine Sache weislich vorbedacht. Ich hatte sogar im Dickicht des Gehölzes mehrere sichere Männer aufgestellt und sorgte dafür, daß diese Leute dem Prokurator des Königs namhaft gemacht wurden, um als Zeugen zu dienen.

Aber wer kann gegen sein Schicksal. Unsere kleine Schlacht machte zwar von sich reden, der Generalprokurator leitete auch die Verfolgung ein, aber durch den Einfluß meiner Familie wurde alles niedergeschlagen. Und so stand ich abermals da mit meiner Soutane, aller Duelle zum Trotz.

Ein drittes mit dem Marquis von Praslin ergab keinen bessern Erfolg.

Hier aber kann ich mir nicht versagen, eine Betrachtung einzurücken über die Natur des menschlichen Geistes, wie über den Wert und das Wesen dessen, man gemeinhin Frömmigkeit nennt.

Wahrhaftig, ich glaube nicht, daß es auf der Welt einen bessern Vater gab als den meinigen. Es war nur die reine Wahrheit, wenn man von ihm sagte, er sei die Tugend selber, und so war auch seine tiefe Frömmigkeit, die ihn zuletzt veranlagte, der Welt zu entsagen und in den strengen Orden der Oratorier einzutreten, über jeden Zweifel erhaben.

Aber weder meine drei Duelle noch meine zahlreichen skandalösen Liebeshändel hinderten ihn, mich mit Gewalt zum Diener der Kirche machen zu wollen, indessen ich mich wahrlich zu ganz andern Dingen in der Welt berufen fühlte.

Zu dieser Haltung bestimmten meinen Vater, einmal die unmäßige Vorliebe für seinen Erstgeborenen, und als zweites, die Aussicht auf den erzbischöflichen Stuhl von Paris. Er aber hätte geschworen (und geschworen, ohne eine Ahnung von Meineid), daß von all dem auch nicht eine Spur in seiner Seele zu finden sei. Er glaubte ganz ehrlich, mich nur darum für den geistlichen Stand bestimmt zu haben, um mich vor den Gefahren des Weltlebens zu bewahren und mein ewiges Heil sicherzustellen.

Solchen groben Täuschungen ist also die echteste Frömmigkeit unterworfen. Die scheußlichsten Selbstsüchteleien und innerlichen Verlogenheiten verbergen sich hinter diesem Schleier, und nichts kann so verwerflich sein, daß es die religiöse Einbildungskraft nicht zu heiligen vermag.

Ich blieb denn trotz allem Widerstreben einstweilen ein Mann der Kirche: doch allzulange, bei Gott, gedachte ich es nicht mehr zu bleiben, denn schon tat sich mir eine neue Hoffnung auf.

Leider aber wurde auch sie vereitelt, diesmal jedoch nicht durch die Obsorge der Frömmigkeit, sondern durch die Strategie der Liebe, die nicht weniger sophistisch ist als jene.

Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag erhielt mein Vater unvermutet den Besuch seines älteren Bruders, des Herzogs von Retz und Oberhauptes der Familie, mit dem er sich früh überworfen und fast allen Verkehr abgebrochen hatte. Der lang nicht gesehene Onkel überraschte nun meinen Vater mit der höchst erfreulichen Neuigkeit, daß die Verlobung seiner Tochter mit dem Herzog von Merceur auf Wunsch des Königs gelöst worden (aus welchen Gründen, weiß ich nicht), infolgedessen der von meinem Vater so leidenschaftlich gewünschten Verbindung dieser Erbtochter mit meinem ältesten Bruder nichts mehr im Wege stehe. Diese Heirat, wodurch das unermeßliche Erbe des Fräulein von Retz (unermeßlich sage ich, da der Herzog ohne männliche Nachkommen war) in der Familie blieb, wurde von meinem Vater als eine höchste Gunst des Himmels begrüßt und die Vorbereitungen dazu ohne Verzug ins Werk gesetzt.

Der Herzog hatte aber eine zweite Tochter, der das Herzogtum Beaupréau nebst einer Rente von achtzigtausend Livres zum Erbe bestimmt war, und im Hinblick auf diese (die Tochter sowohl als die Erbschaft), faßte ich sofort den Gedanken, dem schönen Werk dadurch die Krone aufzusetzen, indem ich die einfache Allianz zu einer zwiefachen machte. Daß die andern ebenfalls auf diesen genialen Gedanken kommen könnten, durfte ich, wie ich meine Leute kannte, nicht erwarten, und mußte mich also schon entschließen, für mich allein zu denken und zu handeln.

Meinem Vater merkte ich gleich an, daß man für die Hochzeit, die auf dem Schloß zu Beaupréau bei Nantes gehalten werden sollte, nicht mit meiner Gegenwart rechnete. Man traute mir offenbar von vornherein nicht.

Ich wußte es dennoch anders zu fügen. Ich wußte den Anschein zu erwecken, als ob ich endlich andern Sinnes geworden und mit meiner geistlichen Bestimmung im innersten Herzen einverstanden sei. Und als mir mein Vater seine Befriedigung hierüber aussprach, zeigte ich mich so gerührt, kurz, ich spielte meine Heuchlerrolle mit so viel Geschick, daß mein Vater, der schon so lange den Himmel in inbrünstigem Gebet um diese Gnade angefleht, an meiner innern Umwandlung durch die Macht des Heiligen Geistes nicht mehr zweifelte. Er änderte darum seine Absicht und erlaubte meine Teilnahme an der Reise in die Bretagne um so lieber, als ich mich wohl gehütet hatte, das geringste Verlangen danach an den Tag zu legen.

Zu Anjou, wohin sie uns entgegengekommen waren, trafen wir die beiden Schwestern, und ich fand gegen alles Erwarten die jüngere von großer Frische und Schönheit. Sie war blond und von untadeliger Weiße der Haut. Nicht ganz so untadelig zeigte sich ihr Wuchs; doch dies war kaum bemerklich, und achtzigtausend Livres Einkommen nebst der Aussicht auf das Herzogtum Beaupréau hätten noch viel schlimmere Gebrechen mit dem Mantel der christlichen Liebe umhüllt.

Ich hing mit all dem nicht etwa einer Schimäre nach. Meine Absichten waren durchaus zu verwirklichen, wenn ich nur klug und besonnen zu Werke ging, und daß ich in meiner lebhaften Phantasie auf das Gelingen meines Anschlags geradezu gigantische Zukunftspläne gründete, wird man mir, wenn man mein Alter und die Lebhaftigkeit meines geistigen Temperaments bedenkt, nicht als übermäßige Torheit anrechnen.

Ich trachtete zunächst, meine Umgebung in absoluter Ahnungslosigkeit zu erhalten. Während der ganzen Reise hatte ich mit großem Erfolg den bescheidenen Kleriker, ja den Frommen gespielt; in dieser Übung fuhr ich zu Beaupréau eifrig fort. Meine Angebetete schien ich eher zu fliehen als zu suchen und wußte es dennoch einzurichten, daß sie insgeheim und unvermerkt bald einen verliebten Blick, bald einen unterdrückten Seufzer erhaschte. Um so ernstere und trockenere Worte sagte ich ihr in Gegenwart der andern.

Schon nach einigen Tagen hatte ich heraus, daß sie eine ihrer Kammerfrauen über alles liebte, und der Zufall fügte es, daß diese Kammerfrau die Schwester eines meiner Mönche aus der Abtei Buzay war.

Nun könnt Ihr Euch denken, daß ich mir nichts so angelegen sein ließ, als jene Kammerfrau für meine Absichten zu gewinnen. Mittels eines Geschenks von zweihundert Dukaten und geradezu fabelhaften Versprechungen wurde sie ganz die Meinige.

Diese Zofe mußte ihrer Herrin einblasen, daß die Familie mit nichts geringerem umgehe, als sie in kürzester Frist in ein Kloster zu stecken, aus demselben Familieneigennutz, aus dem man auch mich zu einen Mönch machen wolle. Diese Einflüsterungen verfehlten ihre Wirkungen auf das junge lebensfreudige Ding nicht. Und da, wie ich meinen Bruder, sie ihre ältere Schwester, der ungerechten Bevorzugung halber, ehrlich haßte, wir also in unsern Abneigungen von vornherein übereinstimmten, konnte es nicht fehlen, daß bald auch unsere Neigungen sich begegneten.

Nachdem wir so weit waren, fürchtete sie nicht, mir ihre Liebe kühnlich durch die Tat zu beweisen. Dies geschah zu Machecoul auf dem alten Schlosse Tiffauges, wo nach vollzogener Hochzeit meines Bruders die Nachfestlichkeiten gefeiert wurden.

Schloß Tiffauges. Welche Erinnerungen sich daran knüpfen ...

Sagt doch, schöne Frau, kennt Ihr das Gruseln? Liebt Ihr es gar? Die Geschichte des Schlosses Tiffauges birgt mehr heimliches Grauen und Entsetzen, als sich der schreckliche Dante selbst auf allen seinen Höllenwanderungen je träumen ließ.

Ich habe mir nämlich zu Machecoul – weder die geräuschvollen Familienfeste noch mein sehr geräuschloses heimliches Minnespiel konnte mich davon abhalten – die Akten jenes famosen Prozesses aus den königlichen Archiven zu Nantes herbeischaffen lassen, die mich über den fälschlichen Blaubart, meinen berühmten Ahn, genannt Gilles von Retz, Marschall von Frankreich, zum erstenmal gründlich aufklärten. Mit diesem wenig hochzeitlichen Studium habe ich zugleich auf geschickte Weise die Aufmerksamkeit von dem abgelenkt, was ich sonst in der Stille betrieb, und nun spüre ich Lust, dem fürchterlichen Baron (er war der reichste und mächtigste im Königreich) in diesen Bekenntnissen einige Seiten zu widmen. Nicht jede Familie kann sich eines solchen Ahnherrn rühmen.

*

Im Frühling, vierzehnhundertzweiundreißig war es, da kam über das Volk der Bretagne eine Heimsuchung, grauenhafter als die Pest und der schwarze Tod, unheimlicher und gespenstischer als eine der sieben Plagen Ägyptens.

Da fing es an, da schwanden sie weg wie vom Erdboden verschluckt, Knaben und Mägdlein im zartesten Alter, und war keine Spur von ihnen zu entdecken und hätte niemand zu sagen gewußt, wo sie hingekommen. Immer mehrere wurden es, und bald war weithin im flachen Land, insbesondere in der Gegend von Machecoul, von Pornic und Champocé (alles feste Residenzen des Gilles von Retz) kein Haus und keine Hütte mehr, wo nicht Vater und Mutter über das geheimnisvolle Verschwinden eines Kindes jammerten.

Und immer noch häufiger forderte das Unnennbare, das Unerkennbare seine unerklärlichen Opfer. Vom Feld, von den Landstraßen, von den abendlich dunklen Dorfplätzen weg verschwanden die Kleinen wie weggeweht vom Hauch eines Zauberers, wie aufgesaugt von einem ungeheuerlichen bösen Lustgeist.

Acht volle Jahre dauerte das.

Mit der Zeit jedoch wurde allerlei gemunkelt. Auf den Baron von Retz fiel der Verdacht. Und was erst nur Vermutung war, wurde bald in der ganzen Bevölkerung zur Gewißheit.

Aber dieser Große, reicher als der König von Frankreich, schien unangreifbar und unverletzbar. Das kleine Volk der Bauern vermochte nichts gegen den Gewaltigen. Denn auch nur seinen gefürchteten Namen im Zusammenhang eines Verdachtes auszusprechen, konnte schon an den Galgen bringen. Sogar der Herzog von Burgund, Johann der Unerschrockene, sein nächster Lehnsherr nach dem König, hatte Gründe, den mächtigen Baron zu schonen.

Und der König selber saß in jammervoller Schwäche zu Bourges und wich nicht von der Schürze der schönen Agnes Sorel, die, höheren Sinns, den mattherzigen Fürsten nur selten zu einer männlichen Unternehmung aufzureizen vermochte.

Nur eine Macht gab es, wie ein neuerer Geschichtschreiber mit Recht hervorhebt, die, erhaben über die unendliche Verzwicktheit der feudalen Ordnung und aller weltlichen Interessen, in sich selber Kraft und Mut genug besaß, den Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, und in den Geringen und Demütigen die verachtete Menschheit zu rächen, nämlich die Kirche.

Sie war es in der Tat, die in der Person des Herrn Johannes von Malestroit, des Bischofs von Nantes, den Angeschuldigten zur Verantwortung zu ziehen wagte.

Seiner habhaft zu werden, war keine Kleinigkeit. Denn das Schloß Tiffauges bildete zu jener Zeit eine gewaltige Festung, und die Leibwache des Barons bestand aus einer kleinen Armee von Hauptleuten, Rittern, Pagen und Knechten. Er wurde dennoch ergriffen und schwer mit Ketten beladen in das Kastell von Nantes abgeführt. Ach, geliebte Freundin, in denselben Kerker wurde er geworfen, den rund hundertundfünfzig Jahre später, im Herbst sechzehnhundertvierundfünfzig, auch Euer ergebenster Diener, bis er mit Hilfe seiner Freunde die Riegel sprengte, nichts weniger als freiwillig bewohnt hat; aber bleiben wir vorderhand bei dem Ahnherrn.

Nicht wie ein armer Sünder, sondern wie ein Hohepriester geheimer Kulte, gekleidet in einen goldverbrämten Talar aus weißer Seide und auf der Brust unter dem pechschwarzen Bart eine heilige Reliquie an goldener Kette tragend, so trat Gilles vor die Schranken des geistlichen Gerichts.

Unerschrocken und mit einem Blick voll Hochmut und Verachtung, ein echter Retz, verweigerte er seinen Richtern jede Rede und Auskunft. Er änderte aber seine Haltung, als die Bischöfe in feierlichen Formeln die Exkommunikation über ihn aussprachen. Der Aberglaube der Zeit war seine Schwäche. Derselbe Mann, der tausendmal in unsagbaren Orgien sozusagen Brüderschaft getrunken mit Satan und seiner Hölle, knickte doch erschüttert zusammen vor dem priesterlichen Machtspruch.

Die Taten, zu denen sich Gilles von Retz darauf bekannte, sind unglaublich. Es fehlt der Sprache an Worten, sie auszusprechen. Er gestand den Raub der vielen Hunderte von Kindern: er sprach eingehend von ihrem Sterben und wie er sie getötet in grauenvoller sodomitischer Lust, wie er dem einen lebendig die Augen aus den Höhlen gerissen, dem andern die Glieder verstümmelt, um sich zu weiden an den entsetzlichen Zuckungen und wieder anderen das Herz aus der Brust geschnitten zu teuflischer Zauberei. Er schien über seine eigenen Geständnisse, die Gegenwart vergessend, wie in Verzückung zu geraten. Wie im Delirium, wie berauscht durch seine Evokationen von Blut und Verwesung sprach er immer hingerissener und in unerhörter Beredsamkeit von seinen diabolischen Ekstasen vor den zarten Leichen, vor den abgeschnittenen Gliedern, vor dem Geruch der dampfenden Eingeweide, vor dem Zustand ausgegrabener Leichen ...

Aber verzeiht, schöne Frau, alles, von der Langeweile abgesehen, darf ein Schreiber im Leser aufrufen, nur nicht den Ekel. Noch nicht den tausendsten Teil der Greuel habe ich ausgesprochen, aber beruhigt Euch, ich werde nicht fortfahren.

Nur so viel noch. Der Gerichtsnotar bemerkt in seinem trockenen Protokoll, wie Gilles, während er sprach, von Zeit zu Zeit seine schönen weißen Hände betrachtete und sie dann in plötzlichem Grauen schüttelte, um das tropfende Blut abzuschleudern, das die schauerlich hervortretenden Augen daran wahrzunehmen glaubten.

So entsetzlich waren die Einzelheiten der Dinge, deren Gilles geständig wurde, daß jeden Augenblick die hohen Spitzbogengewölbe des Kapitelsaals erdröhnten von den unwillkürlichen Empörungsschreien der Menge, daß eine große Anzahl der anwesenden Damen ohnmächtig weggetragen werden mußten, daß die Richter, diese Priester und Prälaten, gewöhnt an alle Unflätereien des Beichtstuhls und eingeweiht in alle Greuel der zeitgenössischen Dämonomanie, erblaßten unter ihren goldenen Mitren, und daß Johann von Malestroit zuletzt die seidene Schärpe von seinem schweren silbernen Hirtenstab riß und das Angesicht des Gekreuzigten, dessen Bild vor ihm auf dem Tische stand, aus mitleidigem Schamgefühl damit bedeckte.

Und das war der nämliche Gilles von Retz, der bereits mit zwanzig Jahren – er zählte jetzt deren dreiunddreißig – als ein Kenner alter Dichter, als Dichter selbst, als feiner Latinist, als geistreicher Gesellschafter, als ein seltenes Wunder der Gelehrsamkeit von allen Chronisten des Jahrhunderts gepriesen wird – eines Jahrhunderts, wo die wenigsten seiner Standesgenossen auch nur lesen und nur hie und da einer der Kunst des Schreibens sich rühmen konnte.

So ins Subtile hatte er Geist und Sinn kultiviert, daß er sich einen italienischen Bischof und einen ganzen Hofstaat von italienischen Geistlichen hielt, weil sein feines Ohr die Latinität der Franken und Burgunder nicht zu ertragen vermochte.

Er besaß eine seltene Bibliothek, und er war so verliebt in seine Bücher, daß er sie, wie seinen kostbaren Hausaltar, überall, auch in seinen Feldzügen, mit sich führte. Einen Ovid hatte er eigenhändig abgeschrieben. Von dem Herzog von Burgund erhandelte er sich um eine fabelhafte Summe einen niederländischen Maler namens Thomas, der ihm seine Lieblingsbücher mit Bildern schmücken mußte in Gold und kostbaren Farben. Er selber malte in Email auf Kupferplatten und schmückte damit die Einbände seiner Bücher. Seine Freigebigkeit kannte keine Grenzen. Wenn er die Stadt Nantes mit seiner Gegenwart beehrte, ließ er haufenweis kleine Goldmünzen unter das Volk werfen. Über alles liebte er die Komödie. Mehrere Male im Jahr ließ er zu Nantes auf öffentlichem Markt geistliche Mysterien und weltliche Spiele aufführen, mit einem Aufwand von Kostümen und Gerätschaften, deren Kosten er nur aufbringen konnte, indem er dem Herzog von Burgund und andern nach und nach alle seine Herrschaften, Städte und Ländereien unter den leichtfertigsten Bedingungen verpfändete. Einmal ließ er ein Spiel aufführen, das in sieben Handlungen die Eroberung von Orleans darstellte. Das Stück war von ihm selber gedichtet und umfaßte zwanzigtausend Verse.

Noch mehr als in der Komödie fand er in der musica sacra eine Quelle tiefster Lust. Der Gottesdienst in seiner Hauskapelle nahm oft die Gestalt heiliger Orgien an. Die heiligen Gefäße, die sacerdotalen Gewänder, die seidenen Stoffe, die brokatenen Decken, die bildgewirkten Tapeten liebte er von solcher Pracht, daß sie die Sinne verwirrten und den Geist in einen Taumel versetzten.

Was diesen tapfern und starken Mann verdarb, war ein unheilvoller mystischer Hang seines Geistes, der so charakteristisch ist für jenes trübe und schwüle Jahrhundert, das Jahrhundert der verwunderlichen Bauerndirne von Arc, als deren Ehren-Stallmeister dieser Baron und Marschall von Frankreich bestellt war durch Dekret des Königs während der Tage von Orleans.

*

Die geistlichen Richter des Marschalls mochten es sich mit dem einfachen Geständnis seiner Taten nicht genügen lassen; als Männer des geistigen und geistlichen Handwerks wollten sie verstehen und begreifen.

Aber da versagte Gilles. Alles, was sie aus ihm herausbrachten, war das: er habe aus keinem äußeren Grund gemordet, nur aus innerem Trieb und weil ihm die Zuckungen und Todeskrämpfe der gemarterten Leiber eine Wollust waren, wie sie nichts in der Welt ihm geben konnte, und aus unmenschlichem Hochmut habe er sich vorgesetzt, das Unendlich-Böse kennen zu lernen, und so weit in die letzten Abgründe der Sünde hinunterzusteigen, als kein anderer Sterblicher sich je den Mut zugetraut. Und «sein Geist habe ihn getrieben«, so wiederholte er öfter, «alle Riegel wegzustoßen und jene furchtbaren Pforten aufzureißen, wo das Mysterium des verbotenen Wissens thront im Licht der Ewigkeiten«.

Ob die guten Bischöfe klar wurden aus diesem Gallimathias? Gilles von Retz, so scheint mir, war von einer Art Vorurteilslosigkeit, die für jene Zeit überrascht und die die Menschen vielleicht überhaupt nie begreifen werden, obwohl nichts einfacher ist. als daß einer das Böse um des Bösen willen tue, wie andere, wenn man sie hört, das Gute um des Guten willen, wobei noch erst auszumachen wäre, welches von beiden die höhere Kraft erfordert. Darüber braucht man nicht zu streiten: wahr aber bleibt ewig das tiefe Wort des einzigen Machiavell: daß nur seltene und außerordentliche Menschen, und auch diese nur in erhöhten Momenten ihres Lebens, den Mut und die Kraft in sich finden, entweder ganz gut oder ganz böse zu sein.

Gilles von Retz wurde verurteilt, am Galgen zu sterben und auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden. Er betrug sich zuletzt den Umständen gemäß. Der Ausbruch seiner Reue war laut und weithin vernehmbar. Er erwarb sich also noch das Verdienst, dem Volk ein erbauliches Exempel zu geben.

Und dieses arme, getretene, verachtete, ins Antlitz gespiene Volk, dem der Baron die Eingeweide zerfleischt, dem er hundert und hundertmal das Herz stückweise aus dem Leibe gerissen – an die fünfhundert Gerippe von Kinderleichen hatte man in den Gruben und Gräben und andern Auswurfsörtern des Schlosses Tiffauges gefunden, fast ebenso viele in den andern Schlössern zusammen –: dieses Volk war tief gerührt von der Zerknirschung des Feudalgewaltigen, der nun als nackter, armer Sünder sich bereithalten mußte, vor das Angesicht des Ewigen zu treten. Ein unendliches Mitleid erfaßte dieses Volk, und es scharte sich zusammen in zahlreichen Prozessionen und durchzog mit Kreuz und Fahnen die Straßen der Stadt, unter feierlichem Singen der Bußpsalmen, und gelobte ein allgemeines Fasten von drei Tagen, und lag auf den Knien diese drei Tage und diese drei Nächte und betete für die arme Seele des Verurteilten ...

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