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Der Kardinal

Benno Rüttenauer: Der Kardinal - Kapitel 3
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typefiction
authorBenno Rüttenauer
titleDer Kardinal
publisherGeorg Müller
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Gefangenschaft und Flucht.

Der Kardinal von Retz an die Marquise von Sévigné.

Rom, den 19. Mai 1656

Verehrte Freundin, liebe Base.

Die schönen Worte, die Ihr mir über meine Reise von San Sebastian über Florenz nach Rom schriebt, waren mir ein neuer Beweis Eurer aufrichtigen Freundschaft und Ergebenheit.

Heut' melde ich Euch die Erwählung des neuen Papstes, des früheren Kardinal Chigi, der den Namen Alexander VII. angenommen hat.

Wenn ich mich nur nicht in seiner Person getäuscht habe. Denn so viel darf ich mir schmeicheln, daß der Mann ohne meine umsichtige Politik niemals zu der hohen Würde gelangt wäre. Er weiß das selber nur zu gut.

Und so viel ist sicher, daß noch niemals eine Papstwahl so allgemeinen Beifall gefunden hat, und das Betragen des neuen Papstes im ersten Augenblick schien diesen unverhehlten Beifall durchaus zu rechtfertigen. Für mich war sein Verhalten nur ein neuer Beweis von jener seltsamen Schwäche der menschlichen Natur, die bewirkt, daß der Mensch über das Eintreten des Außergewöhnlichen umsomehr erschrickt, je ungeduldiger seine Erwartung danach stand. Der Papst zeigte so wenig Freude und Genugtuung über seine Erhebung, daß es fast den Anschein gewann, sie erfülle ihn einzig mit Schmerz und Betrübnis. Er weinte bitterlich, als das Skrutinium, das ihn zum Papst machte, verlesen wurde, und als er bemerkte, daß ich, der ihm zunächst stand, mich darüber verwunderte, umarmte er mich wie in plötzlicher Rührung.

»Verzeiht,« sprach er, »diese Schwäche einem Manne, der seine Nächsten immer herzlich geliebt hat und sich nun auf einmal so hoch über sie hinweggesetzt und von ihnen getrennt sieht.«

Merkwürdige Worte, nicht wahr? Man begab sich unter den üblichen Zeremonien von der Palastkapelle hinunter nach dem Sankt Peter. Hier setzte sich der Papst, nicht ohne Affektation, an der äußersten Ecke des Hochaltars nieder, obwohl ihm der Zeremonienmeister zu verstehen gab, daß nach Sitte und Herkommen sein Platz in der Mitte des Altars sei. Er empfing die Adoration des Heiligen Kollegiums mit mehr Bescheidenheit als stolzer Würde, mit mehr Niedergeschlagenheit als Triumph, und als an mich die Reihe kam, ihm die Füße zu küssen, umarmte er mich von neuem und sprach: Signor Cardinal de Retz, ecce opus manuum tuarum. (Herr Kardinal von Retz, Ihr kniet vor dem Werk Eurer eignen Hände.) Er sprach dies so laut, daß die Botschafter von Spanien und Venedig, sowie der Connetable Colonna es deutlich hörten. Und denkt nur, welche Wirkung die Worte tun mußten. Die Botschafter wiederholten sie den nächststehenden und in wenigen Augenblicken liefen sie von Mund zu Mund durch die ganze ungeheure Kirche.

Ich sollte unterdessen bald erfahren, wie wenig ein Wort in dem Mund eines Souveräns zu bedeuten hat. Man feiert hier nach altem Herkommen alljährlich zu Sankt Johann im Lateran eine Seelenmesse für Heinrich den Vierten, an der die Botschafter von Frankreich wie auch sämtliche Kardinäle der französischen Partei teilzunehmen pflegen. Wenige Tage vor dieser Gedächtnisfeier ließ der Kardinal von Este, der Söldling Mazarins, öffentlich erklären, daß er meine Gegenwart bei dieser Feier nicht dulden werde. Ich ließ hierauf den Papst um eine Audienz bitten. Er verweigerte sie mir unter dem Vorwand, unpäßlich zu sein. Ich ließ darauf Seine Heiligkeit um ihre Befehle bitten. Einem ausdrücklichen Verbot des Papstes zu gehorchen und auf Grund eines solchen Befehls der Feier fern zu bleiben, konnte nichts Schimpfliches für mich haben. Aber ich brachte aus dem Papst nichts heraus als zweideutige und ausweichende Antworten.

Ich durfte aber nicht von mir aus mich selber als französischen Kardinal degradieren, indem ich mich von einer Sache ausschloß, wozu mich die Pflicht des Patrioten vor allen berief. Und also begab ich mich mit einem großen und wohl bewaffneten Gefolge nach dem Lateran und nahm meinen Platz ein. Ich grüßte meine Kollegen aufs höflichste, nicht ausgenommen die französische Partei, die sich damit begnügte, meinen Gruß unerwidert zu lassen. So lief durch die Zaghaftigkeit dieser Herren die Sache noch gut ab. Sie hätte aber auch, denn ich war mit meiner Mäßigung zu Ende, einen bösen, ja blutigen Ausgang, nehmen können, und ein solcher wäre allein dem Papst und seinem feigen Verhalten gegen mich zur Last gefallen.

Ebenso schwankend zeigte sich Papst Alexander in einer andern Angelegenheit. Der französische Botschafter in Rom hatte allen französischen Untertanen im Namen des Königs (sollte heißen des Ministers) verboten, mir die meiner Stellung schuldigen Ehren zu erweisen, als insbesondere auf der Straße vor mir anzuhalten und das Knie zu beugen.

Diesen Affront mußte ich mir von allen königlichen Würdenträgern wohl oder übel gefallen lassen, da ich es mir zum Prinzip gemacht hatte, jede Feindseligkeit zu vermeiden, die als direkt oder indirekt gegen die Person des Königs gerichtet ausgelegt werden konnte. Gegen Privatpersonen aber, ohne Schild und Banner des Königs, hielt ich mich für verpflichtet, den Respekt vor dem Purpur, wenn es sein mußte, mit Gewalt zu ertrotzen. Und so zeigte ich mich in der Öffentlichkeit nur noch im Gefolge von sechs Karossen und zahlreichen bewaffneten Mannschaften. Da jedoch wirkliche Gewalttätigkeiten, sowohl gegen meine Grundsätze wie meine angeborenen Neigungen gehen, schärfte ich meinen Leuten ein, niemanden persönlich ein Leids zu tun, sondern nur den Pferden die Flechsen zu durchschneiden, sobald eine fremde Karosse nicht vor mir anhielt. Diesem Schimpf wollte sich niemand aussetzen. Die Mehrzahl der Franzosen zog es vor, anzuhalten, und diejenigen, die da glaubten, dem Botschafter vor allem gehorchen zu müssen, vermieden es ängstlich, mir zu begegnen.

Von diesen Vorgängen hörte der Papst. Er ließ mich zu sich rufen und meinte, daß ich Unrecht tue, die Untertanen meines Königs zu bedrohen; als ich ihn aber frei heraus fragte, ob es seine Meinung sei, daß ich die Würde des Purpurs in meiner Person ungestraft beschimpfen lassen solle, wurde er verlegen und schien seinen Tadel zurückzunehmen, höchst ärgerlich, daß ich ihn, wie er sich ausdrückte, fortgesetzt dem französischen Minister gegenüber in peinliche Verlegenheit brächte.

Ich fuhr nichtsdestoweniger in meinem Betragen unverändert fort, und alle meine Freunde beglückwünschten mich über mein kühnes und von Erfolg gekröntes Auftreten.

Unter allen Akklamationen aber, die ich bis jetzt von den verschiedensten Seiten erhielt, steht ein Brief der Fürstin von Rohan-Guémené obenan. Ich glaubte meine Beziehungen zu der alten Freundin so gut wie abgerissen. Ihr enthusiastisches Schreiben vom dreizehnten Mai belehrte mich eines Besseren. Immerhin mochte es sein, daß ihre Liebe unter der Asche der Jahre seit lange nur noch schwach glomm, nun aber durch den Sturm großer persönlicher Ereignisse, die ich in den letzten Monaten durchschritt, zu neuer Kraft angefacht wurde. Die Großmütige hat es sogar fertiggebracht, ich begreife selbst nicht, wie es ihr gelungen, mir die Summe von zehnmalhunderttausend Talern zur Verfügung zu stellen, da sie mit Recht annahm, daß der Kredit eines politischen Flüchtlings auf schwachen Füßen stehe.

Und nun ein Wort von dem weiteren Inhalt des Pakets. Das dicke Manuskript ist die Geschichte meiner Einkerkerung im Turm zu Vincennes und auf der Burg zu Nantes, sowie meine Flucht aus dem letzteren Orte. Euch, verehrte Freundin, sind diese Vorgänge mehr oder weniger bis in die Einzelheiten bekannt. Ich habe darum das Opuskulum für mein Patenkind, Eure Tochter, bestimmt. Sie kann es jetzt noch nicht verstehen. Aber ich denke, sie wird sich eines Tages, wenn ich vielleicht nicht mehr sein werde, ein wenig freuen, dieses Dokument und Andenken von ihrem unglücklichen Paten zu besitzen.

Mit den besten Wünschen für Eure und der Eurigen Gesundheit bin ich

Euer allzeit ergebener und getreuer Diener
Kardinal von Retz.

Beilage zu dem voranstehenden Briefe.

Mein liebes, teures Patenkind, herzlich verehrtes Bäschen.

Das Manuskript, das ich Dir hier schicke, wirst Du vielleicht erst lesen, wenn Dein Pate schon nicht mehr unter den Lebenden weilt. Was Du darin finden wirst, ist freilich nur ein Fragment, und Du mußt Dir von der Frau Marquise, Deiner Mutter oder von wem es sonst sei, erzählen lassen, wie die Dinge gekommen sind:

Wie im Jahr 1648 der Kardinal Mazarin durch unmäßige und ungerechtfertigte Steuer das Parlament und die Bevölkerung von Paris zum Aufstand gegen die königliche Regierung reizte und wie ich als geistlicher Hirte des Volkes dessen Partei nahm und den Bürgerkrieg einleitete;

wie ich als Coadjutor von Paris und Vertreter des kranken Erzbischofs meines Onkels im Pariser Parlament Sitz und Stimme nahm, mit dessen Zustimmung ich Kontributionen ausschrieb und eine geregelte Bewaffnung der Bürgerschaft vornehmen ließ;

wie ich auf eigene Kosten ein Regiment auf die Beine stellte, das ich nach meinem Bistum in partibus das Korinther Regiment nannte;

wie sich der erzbischöfliche Palast rasch in ein tumultvolles Kriegslager verwandelte und wie ich in kurzer Zeit fast alle Gewalt in meine Hände bekam;

wie der Hof in der Nacht vom sechsten auf den siebenten Januar (1649) sich mit dem König in heimlicher Flucht aus der Stadt entfernte;

wie man sich schon nicht mehr scheute, im Parlament den furchtbaren Namen Republik auszusprechen und in hohem Grad geneigt schien, das Beispiel Englands nachzuahmen;

wie ich, gleichsam von Macht zu Macht, mit Spanien unterhandelte und die verlockendsten Zusagen erhielt;

wie der König, will heißen der Kardinal, seine gute Stadt Paris durch jenen berühmten Bourbonen, den Fürsten Condé, einschließen und belagern ließ und wie das Parlament auf meinen Vorschlag den Vetter des Belagerers, den Fürsten Conti zum Generalissimus der Pariser Verteidigungsarmee machte, der sich alsbald der Bastille und der übrigen Staatsgefängnisse bemächtigte;

wie der Königin-Mutter die Anmaßungen des großen Condé unerträglich wurden und der Kardinal Schritte tat, sich mit mir zu versöhnen;

wie die beiden königlichen Hoheiten Condé und Conti verhaftet und nach Havre gebracht wurden und infolgedessen der Herzog von Orleans offen auf unsere Seite trat:

wie ich die Königin, die nach Paris zurückkehrte, in ihrem eigenen Palast als Gefangene bewachen ließ;

wie ich mit offener Gewalt die Befreiung der beiden Bourbonen aus ihrer Kerkerhaft zu Havre durchsetzte und mit diesem Erfolg den Kardinal zwang, in das Gebiet des Kurfürsten von Köln zu entweichen.

wie das Parlament ihn ausdrücklich aus dem Königreich verbannte, aller seiner Ämter und Würden verlustig erklärte, alle seine Güter einzog, und wie unsere Truppen unter der amazonenhaften Anführung der jungen Herzogin von Monpensier sich der Stadt Orleans bemächtigten, die Stadt Bordeaux aber freiwillig in unser Bündnis eintrat;

wie mich Papst Innozenz der Zehnte zum Kardinal ernannt und ich mir, ohne erst die Zustimmung des Königs abzuwarten, den Namen eines Kardinals von Retz beilegte;

wie die Truppen unserer Partei unter der Anführung des Fürsten Condé, wieder nicht ohne die phantastische Mitwirkung jener Amazone von Monpensier, das von Turenne verteidigte Paris eroberten;

wie aber durch die Schwachheit und Uneinigkeit der öfter genannten bourbonischen Fürsten in Paris und in den Provinzen große Verwirrung und Unordnung entstand, infolgedessen sich die Bürgerschaft der Hauptstadt von unserer Sache abwandte und der landflüchtige Kardinal fast unter dem Jubel des Volkes nach Frankreich zurückkehren konnte, allwo nun, von einer Art Märtyrertum verklärt, sein Ruhm lichter strahlte als je zuvor und seine Macht und Willkürgewalt erst recht alle Dämme niederriß;

wie der König, eben volljährig geworden, uns den Frieden anbot und allgemeine Amnestie versprach, mit welchem Zeitpunkt mein folgendes Memorandum einsetzt.

*

Die königliche Amnestie war in dem Lit de justice vom 22. Oktober 1652 feierlich verkündet worden und obwohl ich dabei nicht ausdrücklich mit Namen genannt war, durfte ich mich doch für darin eingeschlossen halten. Dennoch fuhr ich fort, mich nicht ohne ein zahlreiches bewaffnetes Gefolge in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Nur in der Ausübung meines geistlichen Amtes glaubte ich mich jeder Befürchtung überhoben, und da die heilige Adventszeit herannahte, traf ich meine Vorbereitungen, entschlossen, wenigstens jeden Sonntag in einer der großen Kirchen von Paris persönlich die Predigt zu übernehmen. Ich begann damit am Allerheiligentag in der Kirche von Sankt German, zu deren Pfarrei der Louvre gehört, und ihre Majestäten erwiesen mir die Ehre, der Predigt beizuwohnen. Mich für diese Gnade zu bedanken, verlangte die Schicklichkeit. Einige Freunde rieten mir dringend ab, aber ich hörte nicht auf sie. Und also verfügte ich mich am andern Morgen in den Louvre und wurde im Vorzimmer der Königin durch Herrn von Villequier, den Hauptmann der Garden, verhaftet.

Er führte mich zunächst in ein Zimmer, wohin die königlichen Tafelbeamten mir ein Mittagessen brachten. Und wie seltsam, man fand es am Hof sehr übel angebracht, daß ich es mir schmecken ließ – so groß ist die Feigheit der Höflinge. Ich meinerseits fand es nicht sehr geschmackvoll, daß man mir die Taschen umkehrte wie einem Beutelschneider. Herr von Villequier war mit der Ausführung dieser ungewöhnlichen Zeremonie beauftragt. Man fand bei mir nur einen Brief des Königs von England, der bei mir leise anpochte, ob ich nicht in Rom eine Geldbewilligung für ihn auswirken könnte. Die Tatsache dieses Briefes aus England wurde von einem Edelmann aufgegriffen, dessen Namen ich verschweige, aus Rücksicht auf einen seiner Brüder, der zu meinen Freunden gehört. Er glaubte sich wichtig zu machen am Hofe, indem er das Gerücht ausstreute, der Brief sei von Cromwell gewesen.

Um drei Uhr führte man mich über die große Galerie des Louvre und durch den Pavillon »Mademoiselle« ins Freie, wo ich mit Herrn von Villequier und fünf oder sechs Offizieren der Leibgarde in eine königliche Karosse stieg.

Nachdem der Wagen ein Dutzend Schritte weit die Richtung nach der Stadt zu genommen hatte, machte er plötzlich vor dem Justizpalast kehrt. Er wurde von dem Marschall von Albret, an der Spitze des Regiments » Gens d'armes« von Herrn von Vauguion als Führer der leichten Reiterei und von Herrn von Venne dem Oberstleutnant des Garderegiments begleitet. Als wir uns dem Tore der Vorstadt von Sankt Anton näherten, stießen wir auf zwei oder drei andere Trupps von Soldaten, an denen wir vorüber mußten. Jedem dieser Trupps war ein Bataillon Schweizer beigeordnet, die mit gesenkter Picke gegen die Stadt gewendet standen. Die weitesten Vorsichtsmaßregeln waren also getroffen und wahrlich recht unnötige. Nichts rührte sich in der Stadt.

Schrecken und Bestürzung waren eingetreten, aber sie hatten sich noch nicht bis zur Erregung gesteigert, sei es, daß die Niedergeschlagenheit im Volk in Wahrheit zu tief war, sei es, daß diejenigen, die mir wohlwollten, den Mut verloren hatten, da sie des Führers ermangelten.

Ich kam zwischen acht und neun Uhr im Turm zu Vincennes an, und der Marschall von Albret fragte mich beim Verlassen der Karosse, ob ich dem Könige nichts mitzuteilen hätte, worauf ich antwortete, ich fürchtete den schuldigen Respekt zu verletzen, wenn ich mir diese Freiheit herausnehmen wollte.

Man führte mich in ein großes Gemach, wo weder Vorhänge noch Wandteppiche, noch ein Bett vorhanden waren. Um elf Uhr brachte man ein solches; es bestand aus chinesischem Taffet und war also wenig geeignet für ein winterliches Lager.

Ich schlief sehr gut, was man aber nicht meiner Kaltblütigkeit zuschreiben darf, denn ein großes Mißgeschick hat bei mir immer diese Wirkung. Der Grund davon ist nicht eine besondere Seelenstärke; ich habe vielmehr entdeckt, nachdem ich mich selber genau geprüft, daß dieser Schlaf eine Folge der Niedergeschlagenheit ist, die mich in den Augenblicken überkommt, wo die Betrachtung über meine traurige Lage nicht weiter abgelenkt wird durch die Kraftanstrengungen, über diese Lage Herr zu werden. Dies bemerke ich, weil ich recht eine moralische Befriedigung darin finde, mich sozusagen innerlich aufzurollen und meinem Leser Rechenschaft abzulegen von den innersten und verborgensten Bewegungen meiner Seele.

Ich mußte am nächsten Morgen im ungeheizten Raume aufstehen, weil kein Holz da war, um ein Feuer anzuzünden. Die drei Gefreiten aber, die man mir zur Bewachung gegeben, hatten die Güte mir zu versichern, daß es am andern Tage nicht daran fehlen solle. Jedoch derjenige unter ihnen, der allein zu meiner Bewachung zurückblieb, behielt das Holz für sich, und ich war vierzehn Tage lang, um die Weihnachtszeit, ohne Feuer in einem Gemach, groß wie eine Kirche. Dieser Gefreite, ein Gaskogner, hieß Croisat, und ich glaube nicht, daß es zum zweitenmal ein Menschenkind gibt wie dieses.

Er stahl mir meine Wäsche, meine Kleider, meine Schuhe, und ich mußte manchmal acht und zehn Tage im Bette liegen bleiben, weil ich nichts anzuziehen hatte. Für mich litt es keinen Zweifel, daß man mich nicht ohne höheren Befehl einer solchen Behandlung aussetzte und einzig in der Absicht, mich durch Kummer zu töten. Ich aber beschloß bei mir, wenigstens nicht auf diese Art zu sterben.

Ich gewöhnte meinen Gefreiten daran, mich nicht mehr zu quälen, indem ich ihn merken ließ, daß ich mich über nichts aufregte. Ich ließ ihn nie den geringsten Verdruß sehen, ich beklagte mich über gar nichts und ich ließ ihn nicht einmal wahrnehmen, daß ich es merkte, wenn er etwas sagte, um mich zu ärgern, trotzdem er sein Wort hervorbrachte, was nicht zu diesem Zweck gesprochen worden wäre. Ich ertrug alles mit unwandelbarer Sanftmut, und diese Sanftmut erbitterte ihn fast zu Tode, weil er sich sagte, daß ich mich über ihn lustig mache.

Während des ganzen Verlaufs meiner Gefangenschaft in Vincennes, die fünfzehn Monate dauerte, beschäftigte ich mich so sehr mit Studien, daß mir die Tageszeit nicht genügte und ich die Nächte dazu benutzte. Ich machte ein besonderes Studium aus der lateinischen Sprache, das mich erkennen ließ, daß man darauf gar nicht genug Fleiß verwenden kann, weil dieses Studium alle anderen in sich begreift. Ich arbeitete auch im Griechischen, das ich immer sehr geliebt hatte und dem ich von neuem viel Geschmack abgewann. Ich verfaßte, in Nachahmung des Boetius einen »Trost der Theologie«, wo ich ausführte, wie jeder Gefangene darin seinen höchsten Trost suchen und finden müsse, daß er in sich nichts anderes sieht als jenen »in Christo Gefesselten«, von dem der Apostel spricht.

Während ich dergestalt im Kerker schmachtete, erwachte ich plötzlich eines Tages, am 21. März, als Erzbischof von Paris.

Mein Onkel starb um vier Uhr morgens, um fünf nahm man in meinem Namen Besitz von dem erzbischöflichen Stuhl auf Grund einer in aller Form von mir ausgestellten Vollmacht. Und der Staatskanzler, Herr Le Tellier, der um fünfeinviertel Uhr in der Kathedrale erschien, um im Namen des Königs Einspruch zu tun, hatte die Genugtuung zuhören zu können, wie man im Chor feierlich die päpstlichen Bullen für mich so wie meinen Hirtenbrief der Besitzergreifung verkündigte.

Alles, was überraschend ist, bewegt die Massen. Dieser Vorgang war es im höchsten Grad. Es konnte nichts Außerordentlicheres geben als die korrekte Erfüllung einer ganzen Menge von Formalitäten unter derartig beschaffenen Umständen, wo man nicht für möglich hielt, eine einzige Form wirklich beobachten zu können.

So wurde ich also, ein Gefangener des Königs, Erzbischof von Paris, am 21. März des Jahres 1654.

Schon wenige Tage darnach, es war der Charfreitag, ließ sich der spätere Marschall, Herzog von La Meilleraye. damals noch einfacher Feldzeugmeister, bei mir melden. Er kam im Auftrag des Königs, in Begleitung des ersten Parlamentspräsidenten, Herrn von Bellièvre, und die Zumutung, die er mir machte, überraschte mich keineswegs.

Herr von Bellièvre hatte eine Urkunde mitgebracht, die er mir zur Unterschrift vorlegte und worin meine Verzichtleistung auf den erzbischöflichen Stuhl von Paris zu Händen des Römischen Stuhles ausgesprochen stand.

Ich unterzeichnete ohne Zögern. Und ich konnte dies um so leichtern Herzens tun, als ich bereits die Gelegenheit wahrgenommen, dem Papst gegenüber in einem geheimen Schreiben jede derartige, von mir unterzeichnete Urkunde als mir in Unfreiheit abgenötigt, für null und nichtig zu erklären.

Nach Unterzeichnung des besagten Schriftstücks verlas mir der Herzog von La Meilleraye folgenden königlichen Brief an ihn:

»Mein Vetter.

Nach reiflichen Überlegungen sind wir geneigt, unserem Vetter, dem Kardinal von Retz die Freiheit zu geben, sobald die Bullen von Rom und das erwartete päpstliche Breve eingetroffen ist, deren wir bedürfen, um nach erfolgter Abdankung des Kardinals eine von mir erwählte Person mit dem Erzbistum von Paris zu belehnen.

Inzwischen habe ich für gut befunden, die Person des Kardinals von Retz Euren Händen zu übergeben, um unter Eurem Befehl nach der Bretagne geführt und dort bewacht zu werden, bis ich die Nachricht von der Übersendung der päpstlichen Bullen oder das besagte Breve in Händen hätte. Danach möge der Kardinal sich unverzüglich nach Rom begeben, sobald ich ihn habe wissen lassen, daß ich dieses wünsche, was durch die Vermittlung des Herrn von Bellièvre, ersten Präsidenten des Pariser Parlaments, geschehen wird, den ich zu diesem Geschäft erwählt habe.

Es ist mein Wunsch, durch diesen Brief meinen endgültigen Willen auszudrücken und Euch zu sagen, saß Ihr, meinen Absichten gehorsam, Euch der Person des Kardinals versichert, um sie von meinem Schloß in Vincennes, wo er sich gegenwärtig befindet, in mein Schloß von Nantes zu überführen unter Bedeckung der Soldaten meiner Garde, die ich zu diesem Zwecke beordert habe, ferner zur Bewachung in dem genannten Schlosse Euch der dortigen Garnison zu bedienen, die Personen auszuwählen und alle Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die Ihr zu einer vollkommenen Sicherheit für nötig erachtet. Ferner, daß Ihr den Kardinal so lange unter Eurer Bewachung haltet, bis Ihr von dem genannten Präsidenten Nachrichten erhalten habt, daß die Bullen abgeschickt und das besagte Breve mir zugegangen ist.

Alsdann möget Ihr ihn in Freiheit aus dem Schlosse und der Stadt Nantes entlassen, damit er sich nach Rom begebe auf dem geraden Wege durch die Provence, ohne daß Ihr andern Befehl als den hier gegenwärtigen abwartet, durch den ich Euch Machtvollkommenheit gebe, und ohne Euch von irgendeiner Gegenordre, die Ihr erhalten könntet, abhalten zu lassen.

Um dem Kardinal von Retz die Versicherung zu geben, daß Ihr pünktlich meinen Befehl hinsichtlich seiner unter den genannten Umständen erfüllt, sollet Ihr ihm ein schriftliches Versprechen ablegen, worin die hier genannten Punkte enthalten sind. Ich zweifle nicht daran, daß Ihr alle nötige Sorgfalt aufwendet, die es in einer so folgenschweren Angelegenheit braucht, und verlasse mich vollkommen auf Eure Klugheit und Eure Diensteifrigkeit, indem ich Gott bitte. Euch in seiner heiligen Gnade und Obhut zu erhalten.

Gegeben zu St. Germain, am 27. März 1654.
Ludwig

weiter unten: Le Tellier

Darauf hatte ich nichts zu erwidern, und Herr von Bellièvre verlas mir das Versprechen des Herzogs; es lautete:

»Wir, Herzog von La Meilleraye, Pair von Frankreich, versichern dem Herrn Kardinal von Retz, daß in Ausführung des an uns gerichteten königlichen Schreibens, dessen Abschrift Gegenwärtigem beigegeben ist, wir den Herrn Kardinal in Freiheit setzen werden, damit er sich nach Rom begeben könne, zur nämlichen Zeit, wenn wir die Nachricht von dem Herrn Parlamentspräsidenten von Bellièvre erhalten haben, daß die päpstlichen Bullen, bestätigend die Verzichtleistung des Herrn Kardinals von Retz auf den Stuhl von Paris zugunsten des von Seiner Majestät ernannten Nachfolgers, eingetroffen sind und Seine Majestät das gewünschte Breve von Seiner Heiligkeit in Händen hat.

»Und dieses unverzüglich, ohne einen neuen königlichen Befehl abzuwarten oder uns durch einen Gegenbefehl, den wir bekommen könnten, abhalten zu lassen.«

Nach Anhörung dieses vereinbarte ich mit dem Präsidenten folgendes Versprechen meinerseits:

»Wir, Kardinal von Retz, Erzbischof von Paris, erkennen an, daß wir nichts anderes von dem Herrn Herzog von La Meilleraye zu wünschen haben als die Ausführung des uns gegebenen Versprechens unter den erwähnten Bedingungen und zu dem genannten Zeitpunkt.«

Beide Schriftstücke, zusammen mit dem Brief des Königs, wurden doppelt ausgefertigt, beiderseitig unterschrieben und jedem Teil ein Exemplar davon ausgehändigt.

Und also brachen wir von Vincennes auf, unter Bedeckung von mehreren Kompagnien aus dem Regiment » Gens d'armes«, der leichten Reiterei und der königlichen Musketiere; außerdem machten die Wachen des Kardinals Mazarin, die meiner Ansicht nach nichts bei diesem Zuge zu tun hatten, viel Aufsehen.

Wir verließen den Herrn Präsidenten bei Port à l'Anglois und setzten unsere Reise bis nach Beaugenet fort, wo wir uns auf der Loire einschifften, nachdem wir die Bedeckung gewechselt hatten: die Reiterei kehrte nach Paris zurück und Hauptmann Pradelle begab sich zu uns ins Schiff; er befehligte eine Kompagnie des Garderegiments, die in einem andern Schiffe folgte.

Auch er und seine Mannschaft verließen mich am Tage nach meiner Ankunft in Nantes und ich blieb allein der Bewachung des Herrn von La Meilleraye überlassen, der mir sein Wort hielt: denn man konnte nichts aussetzen an der Höflichkeit, mit der er mich behandelte.

Jedermann durfte mich besuchen, man bemühte sich, mich auf alle mögliche Weise zu zerstreuen. Man spielte mir fast allabendlich Komödie. Alle Damen fanden sich ein und speisten oft bei mir. Die Marquise von La Vergne, die mit ihrem Gatten in Anjou wohnte, besuchte mich und brachte selbst ihre Tochter, Fräulein von La Vergne, mit, die jetzt Frau von Lafayette ist. Sie war sehr hübsch und sehr liebenswürdig. Sie gefiel mir sehr, aber um die Wahrheit zu sagen, ich gefiel ihr gar nicht, sei es aus wirklicher Antipathie oder daß das Mißtrauen, welches ihre Mutter und ihr Stiefvater schon von Paris aus und mit Beziehung auf meine verschiedenen Liebesverhältnisse geäußert hatten, sie auf ihrer Hut sein ließen.

Ich tröstete mich über ihre Grausamkeit mit der Leichtigkeit, die mir angeboren ist, und der Freiheit, die mir der Herzog von La Meilleraye mit den Damen der Stadt gestattete, als welche in Wahrheit ganz vollkommen war.

Aber die Gewissenhaftigkeit, mit der ich bewacht wurde, hielt dieser Gefälligkeit das Gleichgewicht. Man verlor mich niemals aus dem Auge, außer wenn ich mich in mein Zimmer zurückgezogen hatte, und die einzige Türe, die zu diesem Gemach führte, war Tag und Nacht von sechs Wachen besetzt. Das Gemach hatte nur ein Fenster, hoch oben, das in den Hof hinab ging, in welchem beständig eine ansehnliche Leibgarde postiert war.

Die Wache von sechs Mann aber, von der ich gesprochen habe, pflanzte sich, sobald ich mein Zimmer verließ, auf der Terrasse eines Turmes auf, um mich zu beobachten, während ich mich in dem kleinen Garten erging, der auf einer Art Bollwerk oder Schanze lag und auf die Loire hinausführte.

Mein Vetter, der Herzog von Brissac, der sich in dem Schlosse zu Nantes befand, als ich aus der Karosse stieg, und meine nächsten Freunde, die Herren von Caumartin, von Haqueville, der Abbé von Pointcarré und Herr Amelot, die bald nachher ankamen, waren noch erstaunter und erschrockener über die Schärfe der Bewachung, als sie befriedigt waren über die außergewöhnlich höfliche Behandlung meiner Person. Sie alle drängten mich zur Flucht, und der Herzog von Montrésor ließ mir durch eine Dame in Nantes ein kleines Billett zukommen, folgenden Inhalts: Ihr sollt Ende des Monats nach Brest gebracht werden, wenn Ihr Euch nicht rettet.

Die Sache war sehr schwierig. Vorläufig galt es, von dem Feldzeugmeister jeden Verdacht abzulenken, indem ich ihn nach seiner Rückkehr von Fort Louis glauben machte, daß Rom anfinge, mürbe zu werden und sich geneigt zeige, meine Verzichtleistung anzunehmen. Mein Geheimsekretär Joly ließ ihn chiffrierte Depeschen aus Rom sehen, die sehr geschickt fabriziert waren, und bei dieser Gelegenheit erkannte ich, daß die mißtrauischsten Leute oft am leichtesten zu täuschen sind.

Schließlich vertraute ich mich dem Herzog von Brissac an, meinem Vetter, der von Zeit zu Zeit nach Nantes reiste und mir behülflich zu sein versprach. Da er immer großes Gepäck mit sich führte, reiste er mit vielen Mauleseln, und man feindete ihn fast darum an, daß er es dem König an Zahl der Koffer gleichtue. Diese Masse von Koffern brachte mich auf den Gedanken, daß es mir gelingen möchte, mich in einer dieser Truhen zu verstecken. Man ließ einen Koffer etwas größer als sonst anfertigen und unten ein Loch anbringen, damit ich atmen könne. Ich probierte dies, und mir schien die Sache leicht ausführbar und auch einfach, da man dabei nicht viele Leute ins Vertrauen zu ziehen brauchte. Herr von Brissac schien auch ganz damit einverstanden. Dann reiste er für einige Tage nach Machecoul zu meinem Bruder, dem Herzog von Retz, und kam ganz anderer Meinung zurück.

Er hatte den Plan seiner Frau und seinem Schwiegervater dem alten Herzog von Retz, meinem Onkel eröffnet, und sie hatten ihm abgeraten, die erstere, meiner Ansicht nach, aus Haß gegen mich und der letztere durch einen Zug seines Charakters, der, obwohl in vielen Stücken eines wahren Grandseigneurs würdig, doch nicht frei von Kleinlichkeit war.

Herr von Brissac kam also nach Nantes zurück in der Überzeugung, daß ich in dem Koffer ersticken würde, und von dem Bedenken erfaßt, daß er durch eine derartige Handlung zu offenkundig das Recht der Gastfreundschaft verletze.

Ich unterließ nichts, um ihn zu überzeugen, daß er noch offenkundiger das Recht der Freundschaft verletze, wenn er mich nach Brest verbringen ließe. Er gab das zu und versicherte mir auf sein Wort, daß er nicht mehr nach Machecoul gehen werde und daß er mir nach allen seinen Kräften zur Befreiung helfen wolle, sobald ich einmal außerhalb des Schlosses wäre. Innerhalb desselben mir Vorschub zu leisten, verböten ihm seine Gastpflichten gegen den Herzog von La Meilleraye.

Wir trafen also unsere Maßregeln für einen Plan, den ich mir selber ausdachte, sobald der erste für mich verfehlt war.

Ich habe schon gesagt, daß ich manchmal auf einer Art von Schanze spazieren ging, die auf die Loire hinausführte, und ich hatte beobachtet, daß das Wasser jetzt, im Monat August, nicht gegen die Mauer schlug, sondern einen kleinen Zwischenraum von Erde zwischen dem Bollwerk und der Loire freiließ. Ich hatte auch bemerkt, daß sich zwischen dem Garten, der auf diesem Bollwerk lag, und der Terrasse, auf der meine Wächter sich während meines Spazierganges aufhielten, eine kleine Türe befand, die der Festungskommandant hatte anbringen lassen, damit ihm die Soldaten seine Trauben nicht stehlen könnten.

Auf diese Beobachtungen baute ich meinen Plan dahingehend: diese Türe, ohne daß man etwas merkte, hinter mir zuzuziehen, die zwar eine Gittertüre war und die Soldaten nicht verhindern konnte, mich zu sehen, aber doch, mir zu folgen; mich dann an einem Seil hinabzulassen, das mein Arzt und der Abbé Rousseau, ein Bruder meines Hausverwalters, mir hielten und am Fuße der Schanze auf bereitgehaltenen Pferden mit vier Edelleuten zu entfliehen.

Dieser Plan war sehr schwer auszuführen: denn ich mußte am hellen Tage zwischen zwei Schildwachen hindurch, die auf Schußweite, keine dreißig Schritte voneinander entfernt, patrouillierten, dazu unter den Augen meiner sechs Wächter, die durch das Gitterwerk der Türe auf mich zielen konnten. Die vier Edelleute, die mich begleiten sollten, mußten gerade im rechten Augenblick erscheinen, um nicht vorher einen Verdacht zu erwecken. Eine geringere Zahl konnte mir nichts nützen, weil wir an einem Platze vorbei mußten, auf dem der Feldzeugmeister noch zahlreiche Wachen postiert hatte.

Wäre es mir nur darum zu tun gewesen, aus der Haft zu entkommen, so hätte es genügt, auf alle die genannten Punkte mein Augenmerk zu richten. Aber mein Plan ging weiter: Ich wollte geradewegs Paris erreichen und mich öffentlich zeigen: denn nur dort, an meinem Bischofssitz und an der Spitze meiner Diözesanen, konnte ich dem Minister mit Erfolg trotzen.

Ich hatte also noch andere Vorsichtsmaßregeln zu ergreifen, die unvergleichlich schwieriger waren. Ich mußte in größter Eile von Nantes nach Paris gelangen, wenn ich nicht auf dieser Straße angehalten werden wollte, wo die Kuriere des Herzogs von La Meilleraye nicht verfehlt haben würden, Alarm zu schlagen. Darum mußte ich zu Paris alles vorbereiten, und es war ebenso wichtig, daß meine Freunde von meinem Vorgehen genau benachrichtigt wurden, als daß meine Feinde nichts erfuhren. Es waren also viele Saiten gespannt. Wenn eine versagte, geriet die ganze Maschine in Verwirrung. Von dem Erfolg werde ich berichten, wenn ich eine Betrachtung gemacht habe, die hier anzubringen mir notwendig scheint.

Ich glaube, ich habe anderswo schon einmal gesagt, daß das Außerordentliche denen, die nur des Gewöhnlichen fähig sind, nur möglich scheint, nachdem es geschehen ist. Ich habe dies hundert und hundertmal beobachtet. Und wenn ich mich nicht irre, hat Longinus, der berühmte Kanzler der Königin Zenobia, es schon vor mir gesagt. Ich habe eine dunkle Erinnerung, daß ich es in seinem göttlichen Werke: » De sublime genere« gelesen habe.

Es würde in unserem Jahrhundert nichts Außerordentlicheres gegeben haben als der Erfolg einer Flucht, wie es die meine war, wenn sie damit geendigt hätte, daß ich, meine Fesseln zerbrechend, zugleich Herr der Hauptstadt wurde. Die Folgen davon sind unausdenkbar.

Dieser ganze Plan wurde in einem unglücklichen Augenblick umgestoßen, obgleich keine der mitwirkenden Kräfte versagte. Ich floh an einem Samstag, es war der 8. August, um fünf Uhr nachmittags.

Die Türe des kleinen Gartens schloß sich fast von selber hinter mir. Ich kam glücklich, einen Stock zwischen den Beinen, von dem vierzig Fuß hohen Bollwerk hinunter. Ein Kammerdiener, der noch in meinen Diensten ist, namens Fromentin, beschäftigte meine Wächter, indem er ihnen zu trinken gab. Und sie belustigten sich ihrerseits damit, einem Jakobinermönch zuzusehen, der sich in der Loire badete und dabei ertrank.

Die Schildwache, die nur zwanzig Schritte von mir entfernt war, mich aber nicht erreichen konnte, wagte nicht zu feuern, weil ich in dem Augenblick, als sie anlegen wollte, ihr zurief, sie würde gehenkt, wenn sie schieße. Sie gestand später, aus dieser Drohung geschlossen zu haben, daß der Feldzeugmeister im Einverständnis mit mir sei. Zwei kleine Pagen, die im Flusse badeten und mich am Seil hängen sahen, schrien zwar, daß ich entfliehe, aber sie wurden nicht verstanden, und jedermann glaubte, sie riefen um Hilfe für den ertrinkenden Mönch.

Meine vier Edelleute waren zu dem bestimmten Zeitpunkt am Fuße der Schanze und taten dergleichen, als ob sie die Pferde tränken und auf die Jagd gehen wollten. So sah ich mich zu Pferd, ehe der geringste Alarm geschlagen wurde, und da ich viermal die Pferde zwischen Nantes und Paris wechseln konnte, würde ich unfehlbar am Dienstag mit Tagesanbruch die Hauptstadt erreicht haben, ohne einen dummen Unfall, der, ich kann wohl sagen, der verhängnisvollste und entscheidendste Augenblick für den Rest meines Lebens war.

Zu Pferde gestiegen, nahm ich die Straße von Mauve, das, wenn ich nicht irre, fünf Meilen von Nantes entfernt an der Loire gelegen ist, und wo Herr von Brissac und der Chevalier von Sévigné mich mit einem Schiff zur Überfahrt erwarten sollten. Der Stallmeister des Herzogs von Brissac, der mir voranritt, sagte plötzlich, wir müßten uns beeilen, um den Wachen des Marschalls nicht Zeit zu geben, das Tor einer Gasse in der Vorstadt zu schließen, wo wir notwendigerweise durchpassieren müßten. Ich hatte eines der besten Pferde der Welt, es hatte Herrn von Brissac tausend Gulden gekostet; auch ließ ich ihm, des schlechten Pflasters wegen, nicht ganz die Zügel schießen, aber einer meiner Edelleute namens Boisguérin rief mir zu, die Pistole zur Hand zu nehmen, da er zwei Wachen des Feldzeugmeisters erblickt hatte, die aber gar nicht an uns dachten. Ich ergriff die Waffe und richtete sie nach dem Kopf der mir am nächsten stehenden Wache, um sie zu verhindern, mein Pferd am Zügel zu fassen. Da blitzte der Widerschein der Sonne in dem Metall meiner Pistole, mein lebhaftes Pferd scheute vor der Blendung, es machte einen Seitensprung, überschlug sich und stürzte.

Ein anderer von meinen Edelleuten, namens Beauchesne, hob mich auf und half mir wieder aufs Pferd.

Und trotzdem ich entsetzliche Schmerzen litt und mich manchmal an den Haaren ziehen mußte, um nicht ohnmächtig zu werden, vollendete ich meinen Ritt von fünf Meilen, bevor der Feldzeugmeister mich einholen konnte, der mir in vollem Galopp und – wenn man dem Liedlein, das Marigny darauf gemacht hat, glauben soll – mit der sämtlichen leichten Reiterei und allem Straßengesindel von Nantes auf der Ferse folgte.

Ich traf am bestimmten Platz den Herzog von Brissac und den Chevalier von Sévigné mit dem Schiff. Als ich dieses betrat, fiel ich in Ohnmacht. Man schüttete mir ein Glas Wasser ins Gesicht, um mich wieder zu beleben. Als wir über den Fluß gesetzt hatten, wollte ich wieder zu Pferde steigen, aber die Kräfte versagten mir, und Herr von Brissac mußte mich in einem großen Heuschober verstecken. Er ließ einen Edelmann bei mir namens Montet, der mich in seinen Armen hielt; der Herzog selber nahm meinen Sekretär Joly mit sich, der einzige, der außer Montet mir hatte folgen können (die Pferde der andern hatten alle versagt), und jagte gradewegs nach der Stadt Beaupréau, die ihm gehörte, um dort den Adel zu versammeln und im Verein mit ihm mich aus meinem Heuschober zu erretten. Sieben Stunden blieb ich darin versteckt unter unbeschreiblichen Qualen.

Ich hatte eine ausgerenkte und zerbrochene Schulter und eine ganze Anzahl böser Quetschungen. Um neun Uhr abends überkam mich ein heftiges Fieber, und dieser schreckliche Zustand wurde noch grausam gesteigert durch die Hitze, die das junge Heu ausströmte.

Trotzdem ich mich hart an Ufer des Flusses befand, wagte ich nicht zu trinken, denn wenn wir uns aus dem Heu entfernt hätten, Montet und ich, wäre niemand dagewesen, um das Heu wieder in Ordnung zu bringen: meine Verfolger hätten Verdacht schöpfen und den Schober durchstöbern können. Wir hörten rechts und links Reiter vorbeitraben, wir erkannten sogar den Oberst Coulon an seiner Stimme.

Die Qual des Durstes aber ist unglaublich und unbeschreiblich für den, der sie nicht selbst empfunden hat.

Herr von La Poise-Saint-Offanges, ein Edelmann des Landes, den der Herzog von Brissac verständigt hatte, kam zwei Stunden nach Mitternacht, um mich aus dem Heu zu ziehen, nachdem er sich vergewissert hatte, daß keine Reiter mehr in der Nähe waren. Auf einer Tragbahre, zum Austragen von Stallmist bestimmt, ließ er mich durch zwei Bauern in die Scheuer eines ihm gehörigen Hauses verbringen, ungefähr eine Meile weit entfernt. Er begrub mich wieder im Heu; aber da ich jetzt zu trinken hatte, befand ich mich sogar ganz wohl dabei.

Herr und Frau von Brissac kamen nach Verlauf von sieben oder acht Stunden mit fünfzehn oder zwanzig Pferden und brachten mich nach Beaupréau.

Von Beaupréau richtete ich den folgenden Brief an das erzbischöfliche Kapitel.

»An die hochwürdigen Herren Dekane, Domherren
und alle Mitglieder eines hohen
Kapitels von Paris.«

»Der Zustand, in dem ich mich bis zu dieser Stunde befunden habe, hat mich genötigt, die wahren Gefühle der Verbundenheit gegen Eure Hochwürden zurückzuhalten: ich benutze den ersten Augenblick meiner Freiheit, um sie Euch auszudrücken. Und da ich das Glück und die hohe Ehre hatte, einer der Eurigen zu sein und dies die erste Stufe bildete, von der ich zu der Würde des Erzbischofs von Paris hinaufgestiegen bin, welche Würde Ihr mir mit so viel Eifer und Hochherzigkeit zu erhalten bestrebt waret, in der richtigen Erkenntnis und Würdigung, daß die mir in harter Gefangenschaft abgedrungene Verzichtleistung auf den Stuhl von Paris nicht Kraft noch Geltung haben könne: so will ich auch in dieser meiner Eigenschaft als Erzbischof leben und sterben, mit der Versicherung, daß, wie Eure Liebe zu mir sich immer steigern möge, meine Dankbarkeit unsterblich sein wird. Dieses beschwöre ich Euch zu glauben, und mir in Eurem Gedächtnis und Euren Gebeten den Anteil angedeihen zu lassen, den ich wünsche.

Euer sehr verbundener und sehr ergebener
Diener
Kardinal von Retz, Erzbischof von Paris.

Gegeben in der Nähe von Beaupréau,
den 8. August 1654.«

In Beaupréau blieb ich nur eine Nacht, eben nur so lange, bis der Adel sich versammelt hatte. Herr von Brissac war sehr beliebt im Lande; er brachte in dieser kurzen Zeit mehr als zweihundert Edelleute zusammen. Der Herzog von Retz, der in seinem Gebiet eher noch beliebter war, stieß, vier Meilen weiter, mit dreihundert Edelleuten zu uns. Wir kamen fast unmittelbar unter den Mauern von Nantes vorüber, wo einige Wachen des Herrn von La Meilleraye ein Scharmützel anfangen wollten. Sie wurden kräftig zurückgeworfen und wir gelangten glücklich nach Machecoul, der Hauptstadt des Herzogtums Retz, die mir jede nur wünschbare Sicherheit bot.

Leider aber wurde in meine Befriedigung hierüber ein großer Tropfen Bitterkeit gemischt.

Empfindlich berührte mich die Härte meiner Schwägerin, der Frau von Retz und ihres Dafers, die nicht imstande waren, ihr Mißvergnügen über meine Ankunft zu verleugnen. Jene beklagte sich darüber, daß ich ihr mein Geheimnis nicht anvertraut habe, trotzdem sie Nantes erst am Vorabend meiner Flucht verlassen hatte, und Herr von Retz, der alte Herzog (mein Onkel) fluchte ehrlich genug über die Hartnäckigkeit, mit der ich mich dem Willen des Königs widersetzte.

Beiden hatte ich nie etwas zu leid getan. Anders verhielt es sich mit der Schwester meiner Schwägerin-Base, der Herzogin von Brissac.

Sie zürnte mir aus zwei Gründen. Einmal, weil meine beabsichtigte Heirat mit ihr mißlungen war. Sie lebte sehr unglücklich mit Herrn von Brissac. Und dann hatte ich ihr später einmal einen Schimpf zugefügt von der Art, wie ihn Frauen nie vergessen. Sie kredenzte mir bei meiner Ankunft, weil ich ganz erschöpft war, ein Glas Wein, wobei sie mir ein seltsames Wort zuflüsterte. »Nur Euer Unglück«, sagte sie, »hat mich abgehalten, den Wein zu vergiften.« Ihre Rede erschütterte mich.

Im Elend fühlt der Mensch ein dem andern zugefügtes Unrecht und die Reue darüber doppelt so tief.

Mein Onkel und seine genannten beiden Töchter taten alles, um Herrn von Brissac zu überreden, daß er mich veranlasse, die Genehmigung meiner Entsetzung als Erzbischof von Paris am Hof einzureichen.

In Wahrheit hatten sie Todesangst vor dem Herzog von La Meilleraye, der, wütend über meine Flucht und noch mehr über den Abfall des Adels, gedroht hatte, das ganze Land von Retz mit Feuer und Schwert zu verderben. Ihre Angst ging so weit, daß sie sich sogar einbildeten, meine Schmerzen wären nur Empfindlichkeit, es sei gar nichts ausgerenkt und ich sei mit einer Quetschung davongekommen. Der vertraute Wundarzt des Herzogs von Retz sagte dies jedem, der es hören wollte. Man fand es rücksichtslos, wegen einer kleinen Schürfung eine ganze Familie in Gefahr zu bringen, die jeden Tag der Belagerung und Brandschatzung von Machecoul gewärtig sein mußte.

Ich hatte inzwischen unglaubliche Schmerzen in meinem Bett und konnte mich kaum bewegen. Aber ihre Reden machten mich so ungeduldig, daß ich den Entschluß faßte, diese Leute zu verlassen und mich auf die Insel Belle-Isle zu werfen, wo ich mich wenigstens jeden Augenblick auf das hohe Meer einschiffen konnte.

Die Übersiedelung war mit großen Schwierigkeiten verknüpft, denn der Feldzeugmeister La Meilleraye hatte die ganze Küste bewaffnet. Ich wagte es dennoch. Ich schiffte mich im nahen Hafen von La Roche ein in einer elenden Schaluppe, die der Kapitän, ein guter Seemann, selber steuern wollte. Wir machten die Fahrt bei Nacht und kamen bei Tagesanbruch nach Belle-Isle.

Ich hatte unsagbare Schmerzen während dieser Seefahrt, und nur meiner kräftigen Konstitution verdanke ich es, daß sich kein Brand in meiner so gefährlichen Verletzung einstellte, gegen die ich kein anderes Mittel anwendete als Salz und Essig.

Zu Belle-Isle, wo sich mein Bruder hielt, wurde ich nicht mit dem Widerwillen empfangen wie in Machecoul, aber im Grund fand ich auch hier keine Verläßlichkeit. Man war im ganzen Lande Retz überzeugt, daß der Kommandeur zu Neufchaise und La Rochelle Befehl habe, mich am ersten Tage in Belle-Isle zu überrumpeln, und man wollte wissen, daß der Feldzeugmeister zu Nantes zwei Barken ausrüsten ließ.

Diese Nachrichten stimmten. Aber der geplante Überfall konnte keineswegs so schnell ins Werk gesetzt werden, als die Meinigen befürchteten. Das Unternehmen erforderte Zeit, und zwar bedeutend mehr, als die Heilung meiner Verletzungen gebraucht hätte. Aber die Angst, die in Machecoul herrschte, machte auch die Bewohner von Belle-Isle unruhig, und auch hier schien man überzeugt, daß ich gar keine gebrochene Schulter habe, daß meine Schmerzen nur von der Quetschung herrührten und ich mir mein Übel größer einbilde als es in Wirklichkeit sei.

Der Kummer, den mir diese Art von ungerechtem Mißtrauen bereitete, ist nicht zu beschreiben. Allerdings ändert ein solcher Kummer seine Natur, sowie man anfängt zu bemerken, daß die Ungerechtigkeit bloß aus der Angst und der Schwäche entspringt. Das eine und das andere hielten sich die Wage in den in Frage kommenden Personen. Der Chevalier von Sévigné, ein Mann von Mut, aber bedacht auf seinen Vorteil, fürchtete, daß man ihm sein Schloß in der Normandie niedermache, und Herr von Brissac, der seine Lässigkeit von ehedem, während der Zeit meiner Gefangenschaft, nun genügend wieder gutgemacht zu haben glaubte, war es satt, sein weichliches Leben eines Wollüstlings gegen endlose Unruhe aufzuopfern.

Ich wünschte mit nicht weniger Ungeduld als sie, meine Freunde nicht länger in eine Angelegenheit verwickelt zu sehen, in die sie sich nur aus Liebe zu mir verstrickt hatten. Der Unterschied bestand nur darin, daß ich die Gefahr nicht für so dringend hielt, weder für sie noch für mich, und daß ich glaubte, mir die Zeit nehmen zu können, mich behandeln zu lassen und meine Heilung sowie die Gelegenheit eines vernünftigen Fahrzeugs abzuwarten.

Sie wollten mich überreden, mit einem Hamburger Schiff, das in der Reede lag, nach Holland zu fahren, aber ich wagte nicht, meine Person einem Unbekannten anzuvertrauen, der mich kannte und mich ebensogut nach Nantes wie nach Holland hätte führen können. Und so schlug ich vor, mich einer Seeräuberfregatte von Biskaya zu bedienen, die bei Belle-Isle gelandet hatte. Aber da fürchteten die andern wieder, durch diesen Handel mit den Spaniern Mißhelligkeiten zu bekommen. – Kurz, es wurde so viel hin und her beraten, daß ich die Geduld verlor und mich schließlich Hals über Kopf auf einer Fischerbarke einschiffte, zusammen mit fünf Heringsfischern von Belle-Isle, meinem Geheimsekretär Joly, zweien meiner Edelleute namens Boisguérin und La Sales, nebst einem Kammerdiener, den mein Bruder mir geliehen. Die Barke war mit Sardinen beladen, was uns ganz gelegen kam, denn wir hatten nur wenig Geld. Mein Bruder hatte mir einiges verschafft, aber der Bote, dem er es anvertraut, war von den Strandwächtern verhaftet worden, und sein Schwiegervater der alte Herzog, zeigte sich nicht so liebenswürdig, mir welches anzubieten.

Herr von Brissac lieh mir achtzig Pistolen und der Kommandant von Belle-Isle vierzig. Wir verkleideten uns mit den schlechten Lumpen einiger Garnisonsoldaten und bei einbrechender Nacht stießen wir ins Meer, um auf San Sebastian zu steuern. Der Weg war weit genug für ein Fahrzeug wie das unsrige, aber von all den Möglichkeiten, wie ich ohne Gefahr landen konnte, war er die sicherste. Wir hatten ein böses Wetter die ganze Nacht durch, gegen Morgen beruhigte sich der Sturm, aber wir erlebten nicht viel Freude daran, denn unser Kompaß, der einzige, war uns, ich weiß nicht durch welches Mißgeschick, ins Meer entfallen.

Unsere Heringsfischer, ganz ratlos und unwissend, hatten keine Ahnung, wo wir uns befanden, wir richteten uns in unserer Fahrt ausschließlich nach einem Schiff, das uns verfolgte und den Weg sozusagen vorschrieb. Seine Flagge erkannten wir als türkische, und da es am Abend seine Segel einzog, schlossen wir daraus, daß es sich fürchte zu landen und wir also wahrscheinlich nicht weit von einer Küste entfernt sein könnten. Die kleinen Vögel, die sich auf unserm Mast niederließen, bestätigten ebenfalls unsere Vermutung.

Die Frage war, welchem Land wir uns näherten. Wir fürchteten ebensosehr französisches wie türkisches Gebiet.

Und so blieben wir die ganze Nacht und den folgenden Morgen in dieser Ungewißheit an Bord. Ein Fahrzeug, dem wir uns nähern wollten, um Aufklärung zu bekommen, antwortete uns mit drei Kanonenschüssen. Wir hatten wenig Wasser bei uns und fürchteten, von schlechtem Wetter überrascht zu werden, denn es sah ganz danach aus. Die Nacht war sehr mild, und als der Morgen dämmerte, bemerkten wir auf dem Meere eine Schaluppe. Mit vieler Mühe gelang es uns, in ihre Nähe zu kommen; sie fürchtete sich offenbar davor, daß wir Seeräuber sein könnten. Wir sprachen spanisch und französisch mit den drei Männern im Schiff, aber sie verstanden weder die eine noch die andere Sprache. Einer davon rief San Sebastian, um uns zusagen, daß er von dorther sei; wir zeigten ihm Geld und antworteten ihm San Sebastian, um ihm verständlich zu machen, daß wir dahin wollten. Darauf stieg er in unsere Barke, um uns zu führen, und bald zeigte es sich, daß uns der Hafen von San Sebastian ganz nahe lag.

Dort angekommen, verlangte man unsern Frachtvertrag, der so notwendig ist für die Seefahrer, daß jeder, der ohne einen solchen auf der See betroffen wird, ohne weiteren Prozeß dem Galgen verfallen ist. Der Kapitän unserer Barke aber hatte nicht daran gedacht, weil er meinte, ich habe so etwas nicht nötig. Das Fehlen dieses Papiers, in Verbindung mit unserer schlechten Kleidung, machte den schlimmsten Eindruck, und die Hafenwächter unterließen nicht zu bemerken, wir sähen aus, als ob wir am nächsten Morgen gehängt würden.

Ich antwortete, wir seien dem Herrn von Vateville bekannt, der für den König von Spanien das Kriegsschiff »Guipascoa« kommandierte. Daraufhin führte man uns in ein Gasthaus und lieh uns einen Führer, der meinen Sekretär Joly zu dem Herrn von Vateville begleitete.

Herr von Vateville hielt Joly seinen Kleidern nach für einen Schwindler. Er ließ es ihm aber, da er seiner Sache doch nicht sicher war, nicht merken und kam am nächsten Tage zu mir in mein Gasthaus. Hier begrüßte er mich zwar aufs Feierlichste, obwohl ich ihm seine Zweifel anmerkte; denn ein Mann in seiner Stellung ist daran gewohnt, gar oft mit Spitzbuben zu tun zu haben. Erst die Ankunft des Marquis von Beauchênes. den ich durch Eilpost von Paris nach Béaupréau bestellt hatte und den meine Freunde mir schleunigst nachgeschickt, sowie sie von meiner Landung auf San Sebastian gehört hatten, verscheuchten Herrn von Vatevilles Zweifel über meine Person. Er fand Beauchênes so gut unterrichtet über alles, ja sogar besser unterrichtet als er gewünscht hätte (denn von ihm erfuhr er den Sieg der französischen über die spanische Armee bei Arras), daß er ihn unmöglich für einen fingierten Kurier halten konnte. Beauchênes war mit unglaublicher Schnelligkeit auf einem biskaischen Korsarenschiff, das er an der Spitze von Belle-Isle getroffen und das ihn mit Vergnügen aufgenommen hatte, zu mir geeilt. Meine Freunde ließen mir durch ihn anempfehlen, den Weg nach Rom anstatt nach Mezières zu wählen, wohin sie fürchteten, das meine Absicht wäre. Ihr Rat war wohl der weiseste, den sie mir geben konnten, der glücklichste war es kaum, wie ich immer mehr befürchten muß.

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