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Der Kanzler Klaus von Bismarck

Walter Flex: Der Kanzler Klaus von Bismarck - Kapitel 6
Quellenangabe
typenovelette
authorWalter Flex
titleDer Kanzler Klaus von Bismarck
publisherC. Bertelsmann Gütersloh
printrun1. Auflage der Feldausgabe
year1943
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb51b9ce9
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V.

Jetzt rauscht der Vogel über eurem Haupt,
den ich beschworen wie ein Opferpriester
durch unermeßlich lange Leidensjahre,
jetzt steht er schwingenbreitend über uns,
der Göttervogel, der die Krone trägt!

Leben und Tod waren am selben Tage in Klaus Bismarcks Haus getreten, und der mächtige Wechselgesang, mit dem sie sein Herz bestürmt hatten, beherrschte fortab sein Leben.

Klaus Bismarck war der Kanzler des dritten Wittelsbachers auf dem kurbrandenburgischen Thron, und die Geschicke der Mark rollten sich ab, wie er vorausgesehen und vorausbestimmt hatte. Das kühne Doppelspiel, durch das dem beutelüsternen Kaiser ein Schatten beigesellt war, gelang. Mit gelassener Hand hatte der Kanzler den Schattenkaiser Günther hervorgeholt und mit ihm den Schattenmarkgrafen beschworen, dessen gespenstische Erscheinung Herrn Ludwig aus dem Leben getrieben hatte. Der falsche Waldemar und Günther von Schwarzburg verschwanden aus dem Spiel, die Masken fielen, und der offene Endkampf um die Mark entbrannte zwischen Kaiser Karl und Otto von Wittelsbach.

Klaus Bismarcks Kraft und Wille schien seit Ludwigs Tod ins Übergewaltige gewachsen. Sein Lebenswerk wurde zu einem Totenopfer und Ehrenmal für den hingemordeten Freund. Das war die unversiegliche Quelle seiner Tatkraft. Es wurde ihm nicht leicht, den vorgezeichneten Weg zu gehen. Denn lähmend und zermürbend lag die Kleinlichkeit des Alltags auf ihm, seit Kurfürst Otto den Purpur trug. Der Kanzler hatte sich über die Artung des neuen Herrn nicht getäuscht.

Otto von Wittelsbach glich seinem Bruder äußerlich; wie nur ein Jünglingsbild dem Manne zu gleichen vermag. Oft glaubte Klaus mit beinah visionärer Qual zu fühlen, wie der Tote leibhaftig aus dem blühenden Antlitz seines Erben wie aus einem unwürdigen Spiegel ihn anschaue. Innerlich hatte Otto mit seinem edlen Bruder nicht den armseligsten Wesenszug gemein. Sein Lebensinteresse erschöpfte sich in den Freuden einer lockeren und ausschweifenden Hofhaltung. Die Sorgen um den zerrütteten Staat überließ er restlos seinem Kanzler, und nur die Sorge um den ebbenden Goldstrom, auf dem seine fürstliche Barke treiben sollte, bereitete ihm dann und wann eine schlaflose Nacht. In allen großen und kleinen Dingen verließ er sich auf die Hilfe und Umsicht seines Kanzlers, dessen Unentbehrlichkeit ihm dabei ein uneingestandenes Ärgernis war.

Mit zorniger Beharrlichkeit zwang sich Klaus Bismarck, den Willen des Toten an dem Lebendigen zu vollstrecken. Er überbrückte kraft der ihm eigenen Menschenkenntnis ohne schulmeisterliche Aufdringlichkeit die Kluft zwischen seiner Mannesart und der knabenhaften Unreife des Fürsten. Er schien seine kleinen Sorgen um den Alltag ernst zu nehmen und lag mit immer bereiter Wachsamkeit auf der Lauer, um keine Stunde zu versäumen, die geeignet wäre, Otto von Wittelsbach zum Manne zu schmieden. Aber er litt Enttäuschung auf Enttäuschung.

Am Hofe des neuen Herrn fühlte sich der Kanzler als ein fremder. Und er war es in Wahrheit. Die leichtlebige Schar schmarotzender Höflinge und Damen, mit denen sich Otto zu umgeben liebte, erkannte in ihm mit dem Instinkt der Gemeinheit die hassenswerte Art des überragenden Edelmenschen, der ihnen lieber heute als morgen den Kehraus bereitet hätte. Sie übten an ihm, der ihnen ohne Vergleich und Maßstab überlegen war, die feilen Waffen eines scheinbar harmlosen Witzes, und Herr Otto lieh nur zu gern sein Ohr, wenn man die ungefüge Art des steinernen Rolands und seine katonische Sittenstrenge durchhechelte und belächelte. Lange Zeit hindurch verschaffte ein Umstand dem spottlüsternen Gesindel unerschöpflichen Stoff, die angebliche Froschblütigkeit des steinernen Richters der Mark zu belachen. Der Markgraf, seinem Kanzler auch persönlich tief verschuldet, glaubte es besonders fein zu machen, indem er ihm als Faustpfand für unermüdlich geleistete Vorschüsse an die Staatskasse die Gerichtsbarkeit von Stendal verschrieb. Er erwartete sich insgeheim ein belustigendes Schauspiel davon, wie der unbestechliche Richter sich mit einmal als Mensch entpuppen würde, nun er Recht und Gelegenheit hatte, denen die Daumenschrauben bis zum Weißbluten anzusetzen, die ihn und seine Sippen wie räudige Hunde ausgetrieben hatten. Aber Klaus Bismarck enttäuschte seine Erwartungen. Er wußte, was auf dem Spiele stand, wenn das Volk der Mark den zum Sprichwort gewordenen Glauben an seine Rechtlichkeit verlor. So ließ er die Gelegenheit zu später Rache ungenutzt verstreichen und setzte unbestechliche Richter und Beamte zur Verwaltung der ihm verpfändeten Stadtgerechtigkeiten von Stendal ein. Damals steigerte sich, zumal unter der ätzenden Wirkung des Tuschelns und Witzelns am Hofe, Ottos innere Abneigung gegen den Kanzler, dessen Frommblütigkeit und Herzensreinheit von allen mit verstecktem Lächeln gerühmt wurden, zur uneingestandenen Verachtung des Wesensfremden. Er sah nur Unmännlichkeit, wo in Wahrheit eine asketische Selbstbeherrschung am Werke war.

Das Volk freilich verstand seinen Helden besser, und es war eine der immer seltener werdenden Feierstunden im Leben des Kanzlers, als der Rat von Stendal ihm alsbald durch freiwillige Haftentlassung Konrads von Hidde und Berndts von Röxe Dank sagte.

Konrad von Hidde freilich mied auch jetzt das Haus seines Tochtermannes. Er konnte so wenig wie Sluden die Sterbestunde der Gilde verwinden und vergessen. Da erwies sich, wie sehr Ursel Hiddes Frauenart ins Weite und Tiefe gewachsen war. Mit einem selbstverständlichen Anschmiegen bekannte sie sich nach einer zornmütigen Botschaft des haftentlassenen Vaters, die ihr Klaus schweigend hinreichte, zu ihrem Gatten. Sie hatte im tiefsten ergriffen, daß es Pflicht und Bestimmung des Weibes ist, Vater und Mutter zu lassen und am Manne zu hangen.

Bald darauf schenkte sie dem Gatten den Stammhalter und Erben. Mit immer neuer Ergriffenheit, immer gesteigerter Dankbarkeit kehrte Klaus Bismarck in Haus und Wäldern von Burgstall ein, wo ihn Ruhe und Liebe wie ein Jungbrunnen voll heimlicher Wunderkraft umfing und nach den Nöten und Sorgen verzehrender Arbeit gesund badete. Im Kreise der beiden Frauen und im Anblick des frisch gedeihenden Knaben erwuchs ihm der Glaube an die Zukunft, der ihm notwendig war wie Blut und Lebensluft.

Von Burgstall zog endlich Klaus Bismarck auch aus zur letzten Entscheidung. Die Brust war ihm geschwellt von leidenschaftlicher Zuversicht, als er zum blutigen Endkampf für die gerechte Sache der Wittelsbacher auszog. Wie tolle Hunde erwürgte er die Meute der Sorgen und Zweifel unter der Zügelfaust, während er durch Wald und Heide der Letzlinger Forsten zog. Um das märkische Städtchen Fürstenwalde lagen die Heere des Kaisers und des Markgrafen, um den alten Hader in offenem, blutigem Ringen auszutragen.

Auf dieses Endziel, an dessen Schranken es gelingen mußte, den immer wieder hinter List und Ränke ausweichenden Kaiser endlich und für immer zu stellen, hatte Klaus Bismarck ein Mannesleben hindurch mit unablässiger Spannung gewartet und gearbeitet. Nun lag die Entscheidungsschlacht vor ihm wie das hohe Fest der Erfüllung. Seine Seele war hochgestimmt und voll tatendurstiger Spannkraft. Heute vermochte er sogar des toten Freundes zu gedenken, ohne daß die Grabtücher der Trauer sich erstickend um seine Brust legten. Die Schlacht, der er entgegenzog, war eine würdige Totenfeier, die das Gefühl inniger Gemeinsamkeit mit dem Hingeschiedenen beglückend und ergreifend steigerte. Er ritt ins Feld, eine Stunde voll inbrünstiger Glut zu erleben, die Geister aus jenseitigen Sphären wieder zur Erde zu reißen vermochte. Unsichtbar würde Ludwig von Wittelsbach heute unter den Heerhaufen sein und die Schlacht im Puls der tausend Kriegerherzen mitschlagen. Mochte das kaiserliche Heer dem kurfürstlichen an Zahl überlegen sein, es würde vom Plane gefegt werden durch den Sturmhauch eines ganz auf den leidenschaftlichen Willen zum Siege eingestellten Geistes. Es konnte nicht anders sein, Klaus Bismarck glaubte aus der Ferne den glostenden Gluthauch des Krieges, der Männerschmiede, zu spüren, in der Otto von Wittelsbach den Ritterschlag des Lebens erwerben mußte. Der Kanzler hoffte mit zähester Sehnsucht, daß die leichtsinnige Lebensgleichgültigkeit des jungen Fürsten unter den Weihen der Schwerterstunde in die ritterliche Tapferkeit seines Bruders umschlagen würde.

So war dem Kanzler zu Mute, als er bei Morgengrauen in Ottos Lager vor Fürstenwalde einritt. Aber die Flut der Empfindungen schlug ihm ins Herz zurück, noch ehe er seinem Fürsten Auge in Auge gegenüberstand. Mit verkapptem Lächeln, hinter dem die Geringschätzung lauerte, wurden ihm die neuesten Gerüchte über den Markgrafen zugetragen. Er erfuhr, daß ihm das Hoffräulein Anna von Lybben in das ungastliche Kriegslager gefolgt und von ihm mit zärtlicher Feierlichkeit eingeholt worden sei. Klaus von Bismarck biß die Lippen zusammen und bereitete sich auf eine Aussprache mit seinem Herrn vor. Halbheit, Lauheit und Tändelei war Fahnenflucht in dieser Stunde, die über Vergangenheit und Zukunft zu Gericht saß. Es war an ihm, Otto von Wittelsbach an seine Fürstenpflicht zu mahnen, den Feuergeist stürmischer Begeisterung in den Truppen zu entfachen, die lohe Glut des reinen Brandes zu schüren und vor der Stickluft des Jämmerlichen und Alltäglichen zu bewahren. Wehe, wenn der Kurfürst sich heute nicht seinen Soldaten als Krieger zeigte, der nur eine Sehnsucht, Sieg oder Tod, kannte! Wehe, wenn er merken ließ, daß sein Blut, das heute vor Schlachtlust aus den Adern drängen und treiben mußte, von leichten Lüsten bewegt wurde!

Es gelang Klaus Bismarck nicht sogleich, in das Fürstenzelt des Markgrafen vorgelassen zu werden. Er erfuhr, daß Otto von Wittelsbach vor länger als einer Stunde einen Unbekannten zu einer Beratung unter vier Augen empfangen und noch nicht wieder entlassen habe.

Beunruhigt eilte der Kanzler durch das Lager ins Zelt des markgräflichen Feldhauptmanns von Alvensleben, den er als einen unbestechlichen und geraden Mann schätzte. Dieser empfing Klaus Bismarck mit tausend Freuden, doch war ihm von Ankunft und Mission des geheimnisvollen Fremden nicht das Geringste bekannt. Der Kanzler verbarg die immer stärker in ihm aufsteigende Unruhe und fragte den alten Soldaten nach seinem Kriegsplan aus.

Alvensleben schlug mit dem Schmunzeln des schlachtenerprobten Kriegsmannes den Kanzler auf die Schulter und wies in die Ebene hinaus. Die Frühnebel senkten sich schwer und dunstig wieder über das Feld. Bismarck verstand. Der Feldhauptmann wartete das Fallen der Nebel ab, um sein Heer unter ihrem Schutze unsichtbar bis an den Gegner heranzubringen. Das Herz schlug ihm stärker. Gab nicht der Herr der Schlachten selbst der Stunde den Stempel des Gottesgerichts? Hielt er nicht seine Wolken als Himmelsschild vor die Vollstrecker seines gerechten Willens? Klaus Bismarck drückte dem alten Krieger in einer frohen und starken Wallung die Hand.

Da hielt es Alvensleben für an der Zeit, die schwerste Sorge, die ihn bedrückte, vorzubringen. Otto von Wittelsbach hatte dem Heere seit dreißig Tagen schon keinen Sold zahlen können. Er wußte, wie gefährlich die Unzufriedenheit auf den Geist der Söldner zu drücken vermochte. Die Staatskassen aber waren aufs äußerste erschöpft. Es gab nur einen Ausweg: Der Kanzler mußte noch einmal persönlich für die Sache seines Fürsten einspringen und den Söldnern mit seinem eigenen Besitz für die Erfüllung ihrer Ansprüche Bürgschaft leisten.

Bismarcks Mienen hellten sich, während Alvensleben zögernd sprach, auf. Er unterbrach ihn fast heiter: »Die Bürgschaft war aufgesetzt und gesiegelt, ehe Ihr spracht. Hier, Alvensleben, ich gebe es Euren Söldnern schriftlich!« Er zog ein gefaltetes Pergament unter dem Schuppenhemd hervor und reichte es dem Feldhauptmann.

Gepackt von der selbstverständlichen Opferbereitschaft des seltenen Mannes drückte Alvensleben dem Helfer in der Not die Hand. Verehrung und Dankbarkeit leuchteten warm in seinen ehrlichen Augen auf. Lächelnd wehrte der Kanzler ab.

»Sitzt Ihr zum Angriff mit auf?« fragte der Feldhauptmann unvermittelt, und seine Frage klang dringlich wie eine Bitte. Da fühlte er sich fast schmerzhaft an beiden Schultern gepackt und sah aus Bismarcks Augen die tiefe Glut einer unbändigen Kampfessehnsucht lodern. »Das fragt Ihr, Alvensleben?« rief der Kanzler, und seine Stimme hatte ein fremdes und wildes Dröhnen. »Das fragt Ihr mich? Fesselt mich heute mit Eisenketten, ich werde doch unter Euch sein, bis wir den Sieg in roten Fäusten halten!«

»Dann, Herr Klaus,« rief Alvensleben, »habe ich nichts mehr zu fragen. Meine Söldner vergöttern Euch. Wenn ich ihnen nun sage: Der Roland von Stendal zieht zu Felde mit uns, so rennen sie blind in den Feind, als wären sie alle unverwundbarer Stein, wir Ihr es seid nach ihrem Aberglauben, sobald Ihr fürs Recht in Fehde liegt!«

Klaus Bismarck tat zwei starke und fröhliche Schritte zum Zelteingang und rief seinem Knechte Hans, der draußen wartete. »Hans,« sagte er, und seine Brust hob sich, »geh einmal vors Lager! Sieh zu, daß du mir einen Buschen von Klee und Eichenlaub bindest – es sind meine Wappenblumen, Alvensleben –, pflück ihn frisch, und wenn einer dich fragt, für wen der Strauß ist, so sag ihm: Der Strauß ist für den Kanzler. Er will die goldne Gnadenkette, die Markgraf Ludwig, sein lieber Herr, ihm einst gab, heute um den grünen Buschen winden und mitten in den Feind schleudern, wo er am dichtesten steht. Wer ihm Strauß und Kette zurückbringt, dem wiegt er's mit Gold auf. Geh, Hans!«

Der Knecht stand bestürzt. »Die Kette –?« fragte er zögernd und verdutzt, als verstände er den Auftrag nicht. Aber sein Herr drängte ihn lächelnd hinaus. »Wir holen sie wieder, Hans,« sagte er, »sonst tät ich's doch nicht!« Der Mann ging.

Alvensleben sah Klaus von Bismarck voll an. »Herr Klaus,« rief er, »das läuft durchs Lager wie Feuerlärm!«

»Darauf hoffe ich!« entgegnete der Kanzler stark und mit Nachdruck. »Jeder soll's heute fühlen: Der Sieg ist Pflicht!«

Im selben Augenblick trat ein gewappneter Mann mit tief in die Stirn gezogenem Hute ins Zelt. »Wo ist der Kanzler?« rief er. Klaus Bismarck horchte betroffen auf. Ihm war, als erkenne er die Stimme des Vermummten. Da, als Alvensleben mit einem raschen Schritt zwischen den Fremden und den Kanzler trat, entblößte der Mann freimütig sein Antlitz und bot es Bismarck voll zur Schau wie ein Geschenk. »Stotfalke!« rief der Kanzler, und das Blut schoß ihm ins Gesicht.

»Herr Kanzler,« begann nun der andere, und die Erregung flackerte aus seiner Stimme, »ich habe Euch einst gehaßt, wie Ihr mich. Heute wissen wir: Die märkischen Städte sind vaterlos, wenn Ihr verspielt. Darum komme ich Euch mit Stendals Bürgerwehr zugezogen. Wollt Ihr uns?« Er streckte die Hand aus.

Klaus Bismarck war im tiefsten erschüttert. Alle Stunden der Vergangenheit brachen wie Quellen aus verschütteten Tiefen und überrauschten ihn, daß ihm der Atem verging. Was lag nicht alles zwischen heute und dem Tag, an dem er diesem Manne zum letzten Mal Auge in Auge gegenübergestanden hatte! War das nicht ein atemraubendes Träumen, daß nun die Rotten der Zünfte, die ihn einst ausgetrieben, dem Gildejunker in Not und Tod beisprangen? »Bei Gott!« rief er erschüttert und packte Stotfalkes Hände, »bei Gott! das will ich!«

Der Handwerksmeister wandte sich frisch an Alvensleben. »Herr Feldhauptmann,« sagte er, »wir haben an diesen Mann eine alte Schuld. In unsrer Stadt ist ihm ein Bruder mörderisch erschlagen worden. Er will sich nicht rächen. Darum rächen wir selbst ihn, indem wir unsre Leiber in seine Feinde stürzen.« Ein Lachen brach ihm aus den Augen. »Wir Stendaler halten zu unsrem Roland!«

»Recht, wackrer Freund!« rief Alvensleben, der wohl wußte, welch goldener Lohn diese Stunde für den ausharrenden Sinn des Kanzlers war. »Kommt, wir wollen ins Lager und ausrufen: Der ist ein Schurke, der heute noch alten Hader wärmt! Kommt!« Er faßte Stotfalke am Arm und verließ rasch mit ihm das Zelt.

Klaus Bismarck blieb allein in tiefer Bewegung zurück. Das Herz des Volkes hatte zu ihm gesprochen, Gott selbst hatte zu ihm gesprochen. Sinn und Rätsel seines Lebens und Leidens waren erhellt und verklärt. Leise nahm er die goldene Gnadenkette seines lieben Herrn vom Halse und betrachtete sie mit einer Rührung, die ihm die Tränen in die Augen trieb. »Ludwig,« sagte er leise, »Ludwig, hast du dies gehört? Das Sterbelied der Mark ist ausgesungen, Ludwig!«

Lange stand er so in Andacht und Ergriffenheit versunken und fühlte Segen und Weihe erfüllter Mannessehnsucht auf seinem Haupte. Dann richtete er sich straff auf und schritt zur Zelttür.

Dort aber prallte er auf einen Fremden. Unbeweglich wie ein Lauscher stand im Eingang ein dunkelgekleideter Herr mittleren Alters mit blassen, klugen Zügen. Bismarck stutzte in raschem Mißtrauen vor der Erscheinung, die sich schattenhaft und lautlos in seinen Weg schob.

Ehe er reden konnte, sprach der andere ihn an. »Herr Klaus von Bismarck, wollt Ihr zur Schlacht?« Er sprach gelassen und mit einer sonderbaren Bewegungslosigkeit in Stimme und Haltung, die dem Kanzler das Blut aufrührte. Er spürte deutlich einen verhaltenen Unterton leiser Ironie und unerträglicher Überlegenheit. »Wer seid Ihr?« fragte er kurz und mit herrischem Mißtrauen.

Der andere lächelte unmerklich. »Einer, der Euch sagen kann, daß die Schlacht schon geschlagen ist, ehe sie anfing. Legt die Waffen ab! 's ist Frieden, Kanzler!«

Klaus Bismarck trat in jäh aufwühlendem Entsetzen dicht auf den Fremden zu. »Seid Ihr toll –?« rief er. Er brach ab. Redete er mit einem Wahnwitzigen?

Der andere schien seinen Gedanken zu erraten. Sein Ton wurde kühl und geschäftsmäßig. »Ich habe eine Botschaft von Kaiser Karl an Euch,« sagte er.

»An mich – vom Kaiser?« entfuhr es Klaus Bismarck.

Der Fremde neigte bestätigend das Haupt.

Mit zorniger Festigkeit suchte der Kanzler die Unterredung abzubrechen. »Nur eine Botschaft kann die schon erhobenen Schwerter senken,« sagte er finster. »Aber diese Botschaft bringt Ihr nicht. Kaiser Karl verzichtet nicht.«

Das dunkle Lächeln huschte deutlicher um die schmalen Lippen des Fremden. »Nein, Herr Klaus von Bismarck, der Kaiser verzichtet nicht.«

»So geht und schweigt!« brauste der Kanzler auf, »Laßt die Schwerter reden und geht!«

Der Unbekannte trat einen Schritt näher. »Herr Kanzler,« sagte er in seiner aufreizenden Ruhe, »hört zum zweiten Mal: Es ist Frieden!«

»Ich höre Euch nicht, und so ist Krieg!«

»Nein, Herr, denn Euer Kurfürst hat ein feineres Ohr als Ihr –«

Klaus Bismarck horchte auf. Sein Herz schlug schwer. Er witterte eine Gefahr, ohne sie ins Auge fassen zu können. Er fühlte wohl, der andere hielt absichtlich zurück und verfolgte, indem er lauernd Schritt um Schritt näher kam, ein gefährliches Ziel. Wollte er für seinen Kaiser Zeit gewinnen ? Suchte er durch sein hinterhältiges Versteckspiel Minuten zu gewinnen, die aus diesem oder jenem Grunde kostbar waren? Was es auch war, dieses dreiste Spiel sollte enden. Herr Klaus richtete sich schroff auf. »Mein Herz sagt mir, daß Ihr nichts Gutes bringt,« sagte er. »Ich lasse Euch nicht zu der Durchlaucht. Folgt mir zur Lagergrenze und kehrt zurück. Wendet Euch nicht um, sonst, bei Gott, lasse ich Euch in Eisen legen!«

Der andre schien die Abfertigung zu überhören. »Ihr laßt mich nicht zur Durchlaucht, Kanzler?« fragte er gleichmütig.

»Nein, ich sagt' es.«

Da trat der Fremde noch dichter an den Kanzler heran und dämpfte seine Stimme, die nun doppelt zum Aufhorchen zwang. »So sage ich Euch: Ihr mißtraut nicht mir, Ihr – traut der Durchlaucht nicht, Herr.« Er hatte mit gesammelter Aufmerksamkeit gesprochen und stand seinem mächtigen Widerpart gegenüber wie ein Fechter, der nach einem gefährlichen Vorstoß Gegenstoß und Blöße zugleich erlauert. Er wußte, daß er in eine offene Wunde gestoßen hatte.

Klaus Bismarck erblaßte jäh wie unter einem Schimpf und griff auffahrend ans Schwert. »Was wagst du, Schurke?!« donnerte er.

Der Fremde hob die Hand und rief rasch und laut: »Gemach –! Ich wollte nie zu der Durchlaucht. Ich bin bei Euch. Das ist mir genug.«

»Wer seid Ihr, Rätseldrechsler? Schnell! Die Zeit drängt.«

Der andre fiel in seine aufpeitschende Gelassenheit zurück. »Es drängt nicht, Kanzler,« sagte er und setzte, als er in Klaus Bismarcks Augen das gefährliche Aufflammen tödlicher Gereiztheit bemerkte, rasch hinzu: »Ich bin Hans von Calbe, das Kaisers Rat und geheimer Schreiber, und ich sage Euch: Es drängt nicht mehr, Herr Kanzler.«

»Was wollt Ihr?« fragte Bismarck kurz, wie man einen Lästigen abfertigt.

»Kaiser Karl bietet Frieden –,« begann Calbe, aber Herr Klaus unterbrach ihn wie einen Schwätzer. »So bietet er uns die Mark?« fragte er schroff.

Der Unterhändler ließ sich durch den Hohn nicht abweisen. »Nein, Herr,« fuhr er in zäher Verfolgung seines Zieles fort, »aber beinahe dasselbe. Er bietet den Wert der Mark in Gold.« Er blickte auf und gewahrte in den Augen des Kanzlers ein Hohnlachen, das aus der tiefsten Seele herauszubrechen schien. »Versteht mich wohl,« setzte er rasch hinzu, »er bietet das nicht Euch, er bietet es der Durchlaucht.«

Klaus Bismarck lachte auf. »Herr –!« höhnte er und sah den andern an wie einen Narren. Vor diesem plumpen Gegner hatte ihn ein geheimes Grauen anwandeln können?

»Ihr habt mich nicht verstanden,« wiederholte Calbe ruhig. »Wenn Euch der Kaiser das böte, so wäre Euer Lachen Antwort genug. Aber er bietet das Gold der Durchlaucht.«

»Bietet er?« hohnlachte Bismarck zornig. »So, so! Kaiser Karl kennt den Preis der Mark. Dann weiß er viel! Dann weiß er mehr als wir. Sagt doch, was wiegt Markgraf Ludwigs Blut und Sehnsucht in Gold? Wie hoch steht unser Lebenswerk im Preise? Was gilt Ehre und Treue in barer Münze –!?«

Hans von Calbe sah den Tieferregten fest und beinahe mitleidig an, und nun sagte er zum dritten Male dasselbe. »Ihr versteht mich noch nicht, Kanzler. Kaiser Karl sagt das alles nicht zu Euch. Er spricht zu Otto von Wittelsbach. Und die Durchlaucht – weiß, was ihr die Mark gilt.«

Jäh erblassend packte Herr Klaus den andern am Wams. Jetzt erst erkannte er den Abgrund, an dem er stand. »Habt ihr die Durchlaucht gesprochen?« rief er wild und stand vor dem andern, als werde er ihn im nächsten Augenblick niederschlagen oder erdrosseln.

Calbe hielt den in tödlicher Leidenschaft funkelnden Blick Bismarcks voll aus. »Nicht ich,« sagte er, »aber meinesgleichen.« Die Maske war gefallen. Der tödliche Schlag war geführt. Knapp und leidenschaftslos reihte jetzt Calbe Satz an Satz. Er hatte sein Ziel erreicht. Er kannte nun Art und Wesen seines großen Gegners aus eigener Anschauung, den er wie ein ritterliches Wild in immer engeren Kreisen umschlich. »Die Durchlaucht kennt die Übermacht des Kaisers,« sagte er gleichsam entschuldigend, »sie zieht gewissen Anspruch einer ungewissen Hoffnung, die auf der Doppelschneide des Schwertes liegt, vor.«

Er hielt während des Redens Klaus scharf im Auge, der sich krampfhaft an der Tischkante hielt und ihn drohend anstarrte. Zuweilen während seiner Worte sah er den mächtigen Leib des Kanzlers wanken; dann stockte er, sekundenlang abwartend.

Plötzlich schrie Klaus Bismarck, jäh ausbrechend, auf: »Das – ist – nicht – wahr!!«

Da kam Calbe förmlich, als spräche er von Alltäglichem, zum Schluß: »In runden Zahlen gesprochen: Die Durchlaucht schätzt die Mark auf fünfhunderttausend Goldgulden.«

Klaus starrte den andern an, sein Gesicht war zu einer Maske des Todes verzerrt. Plötzlich flammte ein lodernder Entschluß sichtbar in ihm auf. Er riß das breite Schwert aus der Scheide und rief wild entschlossen: »Dann scheide ich Kaiser Karl und den Kurfürsten für ewig durch das Blut seines Kaiserboten!« Hans von Calbe sah das richtende Schwert über seinem Haupte funkeln, aber er war auch auf diese Wendung der ungeheuren und unberechenbaren Entschlußkraft des Kanzlers gefaßt gewesen. »Halt, Herr!« rief er klirrend, als würfe er eine schützende Klinge gegen den Stahl des Gegners. »Der Kaiserbote an die Durchlaucht hat das Lager vor mir verlassen.«

Da sank Klaus Bismarcks Schwert schwer nieder, als seien ihm die Muskeln des Arms durchhauen. Und ruhig fuhr Hans von Calbe fort: »Auf Euer rasches Schwert und seinen Scheidespruch war der Kaiser gefaßt. Darum schickte er zwei Boten. Der Kaiserbote an die Durchlaucht ritt aus dem Lager, als ich einritt. Er kennt auch Euch. Er ist ein Schützling des Kaisers, aus Stendal ausgetrieben gleich Euch. ›Grüßt meinen Gildebruder Klaus Bismarck!‹ rief er mir im Davonreiten zu, ›und sagt ihm, daß Gottschalk von Jerichow es war, der dem Kaiser den besten Rat gegen ihn gab.‹«

Gottschalk von Jerichow – das also war die giftige Lösung des Rätsels. Das war die Rache der toten und verschollenen Gilde. Aschfahl im Gesicht wurde Klaus von Bismarck und starrte in Calbes unbewegtes Höflingsantlitz wie ins Dunkel. Anfang und Ende seines Manneslebens fügten sich ineinander wie Enden einer Kette, die ihn erdrosselte. »Er gab den Teufelsrat –?« stieß er rauh hervor. Mit einmal aber ging ein Zucken wie ein Riß durch sein Gesicht, und er schrie auf wie in körperlichem Schmerze: »Dann hat er mehr geraten! Dann hat er auch Herrn Ludwigs Tod geraten!«

Hans von Calbe verfärbte sich unmerklich, aber er hatte sich voll in Zucht. »Herr Kanzler,« sagte er unbewegt und abweisend, »ich kann Euch nicht verstehen.«

Klaus Bismarck trat ihm drohend nahe. »Ihr versteht mich,« sagte er ingrimmig, »Herr, Ihr versteht mich völlig!« Dann verließ ihn die Kraft, und er sank in einen Stuhl. »Ludwig –,« stöhnte er, »Ludwig –!« Gräber taten sich auf und Tote sprachen –

Plötzlich raffte sich der Kanzler auf. »Ich muß zur Durchlaucht,« sagte er, und ein gefährliches Leuchten glomm in seinen Augen auf. Calbe vertrat ihm die Tür. »Eins noch, ehe Ihr geht,« sprach er. »Ihr könnt dem Markgrafen drohen und könnt ihn zum Widerruf zwingen. Geht, und tut's, wenn Ihr mögt! Herr Otto kann noch kämpfen, siegen nicht mehr. Denn dem Feldherrn, der für ihn kämpfen wollte, zeigten wir den Pakt, durch den er die Mark verkauft hat.« Der Kanzler stand zerschmettert. Da fuhr Calbe mit veränderter Stimme, die um Vertrauen zu werben schien, fort: »Und hätten wir nichts Schriftliches von der Durchlaucht – sagt selbst, Herr Kanzler, lohnt sich's zu siegen für Otto von Wittelsbach?«

Klaus Bismarck schwieg finster. Da drang Calbe plötzlich mit vollem, warmem Ton auf ihn ein: »Bleibt, Herr Kanzler! Hört mich ruhig! Die Mark hat noch ein Wort an Euch, dem Ihr nicht taub sein dürft. Mein kaiserlicher Herr will der Mark helfen, und dazu bedarf er des Kanzlers.«

Klaus Bismarck warf das mächtige Haupt empor. »Nie!« donnerte er wild.

Calbe ließ sich nicht abschrecken. »Die Mark ist wie ein wildes Roß, das keiner reitet, der es nicht kennt. Ihr sollt es für ihn wie für Herrn Otto reiten.«

»Nie!« knirschte Klaus noch einmal, und in seinen blauen Augen flammten Haß und Verachtung.

Doch Hans von Calbe glaubte zu wissen, wo er den Kanzler packen mußte. Er hatte in dieser Stunde einen klugen und tiefen Blick in die lautere Ehrenhaftigkeit seines Charakters getan. »Der Kaiser besticht Euch nicht,« fing er noch einmal an, »er bietet Euch keinen Heller. Wenn Ihr sein Kanzler sein wollt, so lohnt er Euch mit tausendfacher Arbeit und Mühsal, mit Gefahren und Kämpfen. Euer Lohn ist die Mark, deren Glück Ihr schmieden sollt wie bisher.«

»Nie!« rief Bismarck noch einmal, und das Wort kam wie ein rauhes Dröhnen und Klirren aus seiner Brust.

Hans von Calbe gab innerlich seine Sache verloren. Doch er wußte, wieviel für den neuen Herrn der Mark daran lag, daß dieser eine Mann, der Glauben und Liebe des Volkes besaß, sich zu ihm schlug. Er änderte die Stimme: »Überlegt es Euch wohl!« sagte er ernst. »Der Kaiser kann nicht von Euch lassen. Er braucht Euch!«

»Der Kaiser trägt den Fluch der Mark,« fuhr der Kanzler auf. »Er hat den falschen Waldemar von den Toten erweckt, um die Mark zu verderben, Ludwigs Blut – –« die Worte erstickten ihm wie unter einem Krampf, der die Lungen zusammenschnürte.

»Ihr sprecht von toten Dingen, Kanzler, und von ungewisser Schuld,« sagte Calbe abweisend. »Aber selbst wenn Karl schuldig wäre, wie Ihr ihm vorwerft, so geschah alles, was immer geschah, um ihn zum Herrn der Mark zu machen. Die Gegenwart allein ist lebendig. Heute ist Karl Markgraf von Brandenburg, und das Glück der Mark ist sein Glück!«

Hans von Calbe glaubte den Kanzler zu kennen, aber hätte er in Wahrheit einen Blick in seine Seele getan, er hätte auf die feile Sprache des Verstandes verzichtet und wäre schweigend gegangen. Alles, was er sprach, war richtig und wahr und dennoch sinnlos für diesen Mann, dem der Kopf stets nur der dienende Knecht des Herzens gewesen war. Klaus Bismarck schien alle Gründe Calbes in leidenschaftlichem Zorn zu überhören, und doch entging ihm kein Wort. Aber ein untrügliches Gefühl schlug die Beweiskraft aller klugen Wendungen nieder. Sein Lebenswerk lag in Scherben. Der große Staatsgedanke Ludwig von Wittelsbachs, für den er gelebt, war vernichtet. Selbst wenn Klaus Bismarck im Dienst der Pflicht und des Volkes sein Herz vergewaltigte, er konnte es nicht mehr retten. Unter dem Zepter des Welfenkaisers blühte für die Mark keine Zukunft.

»Er ist der Fluch,« sagte er düster und voll glimmenden Hasses, »den Gott selber nicht zum Segen wandeln könnte! Ich segne das Land nicht, das Gott durch ihn verdammt und verdirbt.«

Calbe machte einen letzten Versuch. »Der Kaiser wird nicht von Euch lassen,« sagte er bedeutsam. »Er wird Euch suchen, Kanzler, wo Ihr auch sein mögt, und wird Euch zu finden wissen.«

Herr Klaus überhörte die Drohung nicht, er empfand sie in der dumpfen Qual, die ihn erdrückte, wie eine unfruchtbare Erlösung. »Herr –,« gab er höhnisch und grimmig zurück, »ich bin kein Pflug, vor den er seine Gäule spannt, wie er will! Ich bin ein Mensch, dem man die Hände vom Leibe hacken kann, – aber weder tot noch lebendig schafft meine Hand für den Kaiser! Das sagt ihm!«

»Kanzler,« sagte Calbe, als begänne er selbst, sich seines Auftrages zu schämen, »ich habe gewarnt, wie ich sollte. Ihr findet nicht Ruhe, ehe Ihr ihm als Kanzler huldigt.«

»Lieber ruhelos wie Kain,« schäumte Klaus Bismarck auf, »als – – Geht, Herr, geht, geht! Ich bin – bei Gott! ich bin kein Hund, der jedem Herrn zuläuft!«

Calbe verneigte sich und trat zurück. »Gut, ich gehe,« sagte er. »Aber ich komme wieder, Kanzler. In immer anderen Gestalten und Namen komme ich zurück und lasse Euch nicht Ruhe, bis Ihr die Siegel für Kaiser Karl führt.«

Klaus Bismarck bebte vor Ingrimm. »Herr,« sagte er und hob die Hand, die ihm schwer wie Blei war, »ich habe Herrn Ludwigs Siegel mit dieser Hand geführt. – Ehe ich an Eures Herrn Siegel rühre, stecke ich die Hand ins Feuer!«

Hans von Calbe verbarg eine männliche Rührung und entgegnete kühl: »Die Wahl steht bei Euch, Kanzler. Ihr habt die Wahl zwischen höchster Macht und leerem Trotze.«

Klaus Bismarcks Gestalt reckte sich in unnahbarem Stolze. »Ich scharre mich in meinen Trotz wie in ein Grab,« sagte er finster. »Das meldet dem Kaiser!«

»Nun, gebe Gott,« sprach Calbe nachdenklich und mit einem Anflug von Trauer, »Ihr scharrt Euch nicht ins Grab!«

Der Kanzler entgegnete nichts mehr. Da verneigte sich der Kaiserbote und wandte sich zum Gehen. In diesem Augenblick trat Otto von Wittelsbach durch den Zeltvorhang.

Calbe gönnte dem Eintretenden keinen Gruß. »Da ist Herr Otto selber,« sagte er leichthin und verächtlich zu dem Kanzler und blieb abwartend stehen.

Otto von Wittelsbach empfand wohl die absichtliche Ehrfurchtsversagung und fragte verletzt und hochmütig: »Wer seid Ihr?«

Ehe Calbe antworten konnte, trat Klaus Bismarck mit einem großen Schritt zwischen ihn und den Fürsten. »Fragt nicht!« sagte er schroff. »Ich brauche nur eins zu wissen: Verweigert Euch dieser Mann, der Euch Herr Otto nennt, Titel und Ehrfurcht zu Recht?«

Otto von Wittelsbach erblaßte. Die peinliche Unterredung, um derentwillen er kam, erschien ihm plötzlich in einem anderen und gefährlichen Lichte. »Herr Klaus,« sagte er ausweichend, »ich suchte Euch eben in dieser Sache.«

Der Kanzler fiel ihm barsch in die Rede. »Antwortet, Herr! Verweigert er die Titel zu Recht?« Otto wich einen Schritt zurück. »Droht Ihr mir?« sagte er hochmütig.

Da schleuderte Herr Klaus von Bismarck sein Schwert krachend zu Boden. »So ist's wahr!« rief er wild. »Der Markgraf hat die Mark verschachert, und dieses Schwert ist ehrlos!«

Hans von Calbe brach die Stille, die dem Schimpf folgte. Leise hob er das Schwert des Kanzlers vom Boden. »Nicht ehrlos, Kanzler, wenn Ihr's für den Kaiser führen wollt,« sprach er bedächtig.

Herr Klaus brauste auf. »Schweigt! Geht!« rief er. »Ich habe ein Wort mit diesem Manne zu reden.«

Schweigend legte Calbe das Schwert auf den Tisch nieder und ging. In der Zelttür blieb er stehen. Kam vielleicht doch noch der Augenblick, der Karls Wünschen günstig war?

Otto von Wittelsbach faßte sich. »Herr Klaus,« begann er versöhnlich, »zum Herrschen war ich nicht geboren –«

»Nein, bei Gott!« fuhr ihm Herr Klaus mit aufbrandendem Hohn in die Rede. »Das wart Ihr nicht!«

Eine Stille staute sich auf. Dann sagte Otto von Wittelsbach gelassen und mit erwachendem Trotze: »Ich muß am besten wissen, wie viel mir Brandenburg gilt.« »Wer fragt danach!« rief Klaus Bismarck schneidend. »Wenn Euch der Kurhut eine Dornenkrone war, so mußtet Ihr die Dornen verteidigen, als ob ein jeder Dorn eine Krone wäre! An diesen Dornen klebt Ludwigs Blut, der Todesschweiß der Mark klebt an ihnen, und sie sind heilig! Ehrlos, wer mit diesen Dornen Schacher treibt!«

»Ist es so schändlich,« fiel Otto dem Schmähenden unsicher ins Wort, »vor der Gewalt zurückzuweichen? Ich weiche heute aus Brandenburg, Ihr wicht vor Jahren aus Stendal und wart dennoch der Mark ein Sinnbild aller Ehren.«

Er sprach nicht weiter, denn er sah, wie des Kanzlers mächtige Hände sich um das Holz einer Stuhllehne spannten, daß ihm die Knöchel weiß wurden. »Daran wagt Ihr zu rühren?« rief Klaus Bismarck gefährlich aufflammend und den Grabschänder seiner martervollen und heiligen Erinnerungen wie einen Schandbuben anstarrend.

Hans von Calbe nahm den Augenblick wahr, trat vor und sprach mit einem verächtlichen Blick auf Otto: »Herr Kanzler, habt Ihr noch keine andere Antwort an den Kaiser?«

»Schweigt!« rief Bismarck, als schüttle er einen Bettler von den Rockschößen, »Geht! Dem Totengräber in Stendal will ich eher dienen als dem Henker der Mark! Sagt ihm das!«

Hans von Calbe warf einen Blick halb voll Enttäuschung und halb voll ehrlicher Bewunderung auf Herrn Klaus. »So lebt wohl, Kanzler,« sagte er. Noch einmal neigte er sich ehrerbietig vor Klaus von Bismarck und ging ohne Gruß mit einem kalten und verächtlichen Blick an Otto vorüber durch die Tür.

Der Kanzler und sein Fürst waren allein.

In dem regelmäßigen Knabengesicht Otto von Wittelsbachs wechselte die Farbe. Das Gefühl der Beschämung, so unwürdig wie ein gezüchtigter Bube vor seinem Ratgeber zu stehen, ging unter in dem Bewußtsein, daß sich jetzt in des Kanzlers Seele etwas Grauenvolles und Unberechenbares vorbereite. Hünenhaft und drohend stand der Kanzler vor seinen Herrn. Unwillkürlich wich Otto von Wittelsbach zurück. »Herr Klaus –,« stammelte er mahnend.

Doch Klaus Bismarck unterbrach ihn flammend. »Euch antworten, hieße mich und Euren toten Bruder schänden. Ich klage an und spreche Urteil! Ich bin die Mark, die vor Euch steht und Euch richtet!«

Otto von Wittelsbach stand wie gelähmt im Bann eines Entsetzens, das sich nicht abschütteln ließ. Der mächtige Mann vor ihm schien ins Ungeheure und Unnatürliche gewachsen und schien in Wahrheit zu dem furchtbaren Symbol des steinernen Richters erstarrt, den das Volk mit abergläubischer Scheu in ihm verehrte. Der Roland von Stendal stand steinern und unangreifbar vor ihm, kein Mensch mehr von Fleisch und Bein.

»Markgraf Otto,« sprach Klaus von Bismarck mit furchtbarem Ernste und einer Stimme voll zermalmender Kraft, »du hast dein Volk und Land verschachert. Wie ein Priester, der das Sakrament Gottes verkauft hat, bist du des Todes! Du hast den Schwur gebrochen, den dein Bruder im Sterben tat. Du bist meineidig und treulos, feige und feil wie eine Dirne, und wie eine Dirne sollte man dich nackt und in Schanden aus Land und Lager peitschen! Trügst du nicht deines Bruders Züge, bei Gott! ich ließe an dir tun, wie ich gesagt habe. So aber – blick auf dieses Schwert! Es ist das Richtschwert von Brandenburg, das mir Ludwig von Wittelsbach vertraut hat –«

Er hob das breite Schwert und wollte es auf das meineidige und treulose Haupt des Fürsten niedersausen lassen. Otto fühlte, er war dem Tote verfallen. Er stand sehr bleich, doch hob er keine Hand zur Abwehr. Eine stumpfe und beinahe höhnische Gleichgültigkeit überkam ihn. »Schlag zu!« forderte er und erwartete den Streich. »Was weiter? Ich halte dir still.«

Und fast verächtlich fuhr er fort, als er die entwaffnende Wirkung seiner geringschätzigen Gleichgültigkeit gewahrte: »Glaube mir, ich kenne meine Laster. Feigheit ist nicht darunter. Um feige zu sein, nehme ich dich und mich und mein Leben nicht ernst genug. Warum schlägst du nicht zu?«

Da erlahmte Klaus Bismarck in seinem Rächeramte. Der Geruch der Zersetzung und Verwesung wehte ihm entgegen, als stände er vor einem Leichnam. Das Schwert sank ihm nieder. Er schleuderte es fort. »Ja, du bist aalglatt,« sprach er dumpf. »Nichts ist dir ernst, nicht du selbst, noch deine Ehre. Ein Schlag in dein Gesicht ist ein Schlag in den Wind. Lebe denn, Kinderspott, solange du magst, bis du verfaulst am Ekel vor dir selber!«

Nun Stand der Kanzler stier und erschöpft, als sei sein Leib ausgeblutet und ohne Kraft, sich aufrecht zu erhalten. Otto sah es, und seine kleine Natur ertrug dieses harte und unbarmherzige Ende nicht. Er suchte in seiner unmännlichen Art nach einem glimpflichen und halben Worte und nach dem feilen Schein eines versöhnlichen Auseinandergehens. »Kanzler,« fing er tastend an, »Ihr wißt nicht mehr, wie Ihr zu mir redet. – Ich seh's Euch nach, denn Ihr seid von Sinnen – Ihr habt mir immer treu gedient.«

»Euch –!« rief Klaus Bismarck aufbrausend und bebend. »Euch?! Ich habe Euch nie gedient! Euch nie! Ich habe der Mark gedient, die Herr Ludwig mir ans Herz legte – Euch habe ich immer verachtet–!«

Otto von Wittelsbach sah den leidenschaftlich Erregten kalt an. »So braucht's auch keinen Dank,« sagte er eisig und ging.

Klaus Bismarck blickte ihm nach, tat einen Schritt, blieb stehen und faßte sich ächzend an die Schläfen.

In diesem Augenblick trat sein Knecht ahnungslos ins Zelt. Erhitzt und fröhlich hielt er dem Kanzler einen Strauß von Klee und Eichenlaub entgegen, den er im Felde gepflückt. »Hier ist der Buschen,« rief er, »die schönsten Eichen!« Er stockte und brach ab. Denn er blickte in das Gesicht des Kanzlers, das wie das eines Schwerkranken war.

Klaus Bismarck riß dem Knecht den Strauß mit entstelltem Gesicht aus der Hand. »Wirf ihn vor die Ziegen!« schrie er, schleuderte ihn wild zur Erde und stampfte darauf. Dann brach er konvulsivisch schluchzend in einem Stuhl zusammen und schlug mit dem Haupte schwer auf den Tisch.

Hans rüttelte seinen Herrn bestürzt an der Schulter. »Herr Klaus –!« rief er, »Herr, um Gottes willen, Ihr seid krank!«

Draußen erklangen Heerhörner und Trommeln. Langgezogene Signale riefen das Heer zum Sammeln. »Herr Klaus –!« rief der Knecht noch einmal, »es bläst zur Schlacht!«

Aber der Kanzler wußte besser, was die Signale verkündeten. Er suchte sich emporzuraffen und lauschte mit entstelltem und verzerrtem Antlitz. »Ludwig,« stöhnte er, »Ludwig – sie blasen das Sterbelied der Mark über deinem Grabe –. Ich muß – es – dulden –«

Und er stürzte mit einem gurgelnden Schrei schwer in sich zusammen, indes die Signale der Hörner sich unermüdlich wiederholten.

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