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Der Kanzler Klaus von Bismarck

Walter Flex: Der Kanzler Klaus von Bismarck - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorWalter Flex
titleDer Kanzler Klaus von Bismarck
publisherC. Bertelsmann Gütersloh
printrun1. Auflage der Feldausgabe
year1943
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb51b9ce9
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III.

»Herr Ludwig, nun sind meine Hände leer!
Legt mir ein Schwert hinein!
sonst dorren sie mir am lebend'gen Leib...«

Am Abend von Rule Bismarcks Sterbetag hatte Klaus den Markgrafen zu entscheidungsschwerer Beratung in sein Haus gezogen. Die ganze Nacht hindurch hatten Fürst und Ratsherr über Not und Rettung des Landes geredet. Als der Morgen graute, waren sie mit festem Händedruck geschieden. Ludwig Wittelsbach trug unsichtbar an seiner Seite, als er schied, das goldne Schwert der Bismarcks, von dem er gesungen hatte. Klaus hatte ihm den größeren Teil seines Erbes vertraut, um die verpfändete Altmark einzulösen. Auf dem schweren Eichentisch des Bismarckschen Hauses war als fürstlicher Dank ein gesiegeltes Pergament zurückgeblieben, das den Gildejunker zum schloßgesessenen Ritter machte, sobald er wollte: der Lehnsbrief über Burgstall, Ludwigs festes Schloß inmitten der Letzlinger Heide und ragender Wälder – –«

Danach galt es, die tief verletzten Freunde zu versöhnen und für die weitschauenden Pläne, die ihm am Herzen lagen, zu gewinnen. Das war keine leichte Sache. Aber vollendete Tatsachen sprachen eine gewichtige Sprache. Die Gildeherrn konnten sich der Einsicht nicht verschließen, daß der Markgraf durch den Bismarckschen Reichtum über Nacht zu einer Macht geworden war, die zu stützen sich doch vielleicht lohnte. Zudem wußte Klaus in überzeugender Weise darzulegen, welche Vorteile den ständig durch blutigen Bürgerkrieg bedrohten Geschlechtern durch die Belehnung mit festen Burgen außerhalb der Mauern von Stendal erwuchsen. In der Stadt herrschte nach Klaus' eigenmächtigem Friedensschluß, den sie freilich innerlich nach wie vor verwünschten, augenblickliche Ruhe. So folgte doch dieser und jener der Gildeherrn, sosehr es sie verdroß, daß der jüngste Ratsherr so selbstwillig neue Bahnen einschlug, dem Bismarckschen Vorgang, schoß dem Fürsten namhafte Summen vor und ließ sich dafür mit einem Burglehen entschädigen.

Das aufgesammelte Gold der Gilde floß, nachdem Klaus die Schleuse aufgezogen, in wachsendem Strom in die Staatskasse, und Markgraf Ludwig vermochte einen der schmählich verpfändeten Landesteile nach dem andern einzulösen. Eher als er in seinen kühnsten Hoffnungen geträumt hatte, hielt er die Hoheitsrechte des ganzen Staates gesammelt in Händen, aber er konnte sich nicht verhehlen, wie schwach die Grundmauern der Herrschaft noch waren. Die Welt, die ihm zukam, war sein, aber sie war erst das Chaos, das der Schöpfung wartete.

Ludwigs Herz schlug ganz dem gigantischen Werke, das er sich gesetzt hatte. Aber das in tausendfältiger Verworrenheit seufzende Land barg dem landfremden Fürsten seine innersten Geheimnisse. Klaus Bismarck trug in der Zeit den Titel eines markgräflichen Rates nicht nur dem Namen nach. Täglich fast flogen ihm die Briefe des Kurfürsten ins Haus. Sie berichteten von den Fortschritten des fürstlichen Werkes und heischten dringlich Aufklärung und Rat.

Klaus kannte die Mark besser als der Wittelsbacher. Die bodenständige Macht seines Geschlechts war herangereift unter dem befruchtenden Segen ererbter Erfahrungen. Niemand kennt ein Volk besser als der Kaufherr, der es in Handel und Wandel beherrscht. Nicht umsonst waren die Bismarcks durch Jahrhunderte stadtgesessene Aldermänner der Gilde von Stendal gewesen. Zug um Zug gewann das kühle Rechnen des Kaufherrnsohnes den Gegnern des Fürsten den Boden ab. Ohne sein Wissen hätte der Wille Ludwigs brach gelegen. Wohl liebte der Kurfürst sein Land, aber nur sein Rat kannte es. Darum betrieb der Markgraf nichts eifriger als die völlige Loslösung Klaus Bismarcks von Stendal. Klaus' Herz kam ihm darin williger entgegen, als er ahnte. Durch innerste Anlage jeder Halbheit feind, erkannte Klaus, daß seine Macht in Stendal wurzellocker geworden war und der Verpflanzung in jungfräuliche Erde bedürfte, um kraftvoll zu gedeihen. Die Zeit geht ihren Weg wie ein Mensch, keines Menschen Wille ist mächtiger als der ihre. Der Wille einer verklungenen Zeit hatte den Schwertadel der Geschlechter im Bürgertum seßhaft gemacht und zum Vormund Stendals bestellt, der Wille einer aufklingenden Zeit rief ihren Erben aus der mündig gewordenen Stadt ab, zwang ihm von neuem das ritterliche Schwert in die Hand.

Klaus hörte den herrischen Ruf der Zeit wohl und war bereit, ihm zu folgen. Nicht so die Gilde. Ihr Trotz litt nicht den Wechsel, den die Zeit ihr aufzwingen wollte, sondern stemmte sich gegen ihn mit zäher, zum äußersten bereiter Kraft. Sie erkannten keine andere Notwendigkeit an als die nackensteife Verfechtung ihres Herrenerbes gegen den Ansturm der neuen Zeit. Mochte man ihnen endlich auf offenem Markt unter dem Roland von Stendal die Köpfe vor die Füße legen – das schändete weniger als ein Pakt mit dem Gesindel, das unbotmäßig und rebellisch aufbegehrte. Das blutige Beispiel, das so viel andere Städte der Mark durch die Vertilgung ihrer Geschlechter gegeben hatten, schreckte sie nicht. Sie trugen allesamt das Eisen ihrer ritterlichen Vorfahren im Blute, es ziemte ihnen, im Kampfe zu bestehen oder zu verbluten.

So sah Klaus bald die Unmöglichkeit ein, Rat und Gilde zu Zugeständnissen an die Handwerker zu bewegen. Damit aber schien auch jeder Weg zu Versöhnung und Frieden verschüttet. Denn die Zünfte waren unnachgiebig wie die Gilde; auch sie wußten, daß ihre Zunftwehren eine den Geschlechtern ebenbürtige, ja überlegene Macht darstellten. Mochte ehedem das Reitergeschwader der ritterlichen Geschlechter Stendals Schirm und Schild gewesen sein! Was lag daran? Ihre Zeit war tot. Die Fußwehren der Bürger hatten ihr Erbe an Pflichten übernommen, so wollten sie auch ihre Rechte erben!

So standen die Dinge und warteten der blutigen Entscheidung. Für Klaus war das eine bittere Erkenntnis. Die Blutsverwandtschaft duldete nicht, daß er in der Stunde der Gefahr seine Sache von der der Gildebrüder trennte. Er wäre nicht nur in ihren Augen ein Abtrünniger gewesen.

Darum warben Ludwigs Briefe umsonst um den Mann, den er brauchte. Ehe die Schicksalsfrage der Geschlechter entschieden war, durfte Klaus dem Rufe nicht folgen, der ihn aus den wankenden Mauern des Gildehauses in die adlige Freiheit der Wälder um Burgstall lockte.

Endlich machte sich der Markgraf selbst auf den Weg, um Klaus aus Stendal abzurufen, ehe er in Stendal zugrunde ginge.

Als heimlicher Gast, selbst Frau Margarete unbekannt, kehrte er im Bismarckschen Hause ein. Er kam im Dunkel der Nacht und beriet mit Klaus bis in den grauenden Morgen.

»Ich brauche dich.« Das war's, was er wieder und wieder den leidenschaftlichen Einwendungen des jungen Ratsherrn entgegenhielt. Und in der Tat – das sah Klaus mit ingrimmiger Klarheit – die Sache des Markgrafen stand nicht weniger auf des Messers Schneide wie die der Geschlechter. Hier wie dort war seine ganze Kraft bitter nötig.

Markgraf Ludwig faßte seine Hand und rief eindringlich in den Schweigenden hinein: »Du bist mein Kopf, Klaus! Du hast kein Recht, ihn an Stendals Mauern zu zerschellen! Wenn du dich mir jetzt versagst, so war alles, was du für mich tatst, vergeblich, mehr: es war Verbrechen! Weil du halfst, mein verpfändetes Erbe einzulösen, verfolgt mich Kaiser Karl mit seinem Haß. Er lauerte auf das Erbe der Markgrafen, um die Mark seiner Hausmacht zu vereinigen. Er schäumt, daß der Mark ein Helfer ersteht, und lauert, wie er ihn zu Fall bringt, um sein Räubererbe zu bergen. Er hetzt und schürt im Lande gegen mich, und das Land ist dunkel vor meinen Augen. Du mußt es mir erleuchten, sonst sehe ich den Feind nicht einmal, der mich verdirbt!«

Klaus sah wohl die unerbittliche Wahrheit in den Worten des Markgrafen. Der Kaiser wollte den Verfall der Mark und wiegelte heimlich die Parteien zu unversöhnlichem Hader gegeneinander auf. Sein heißes Herz trieb ihn, das schnöde Spiel zu hintertreiben, aber sein eigenes Haus brannte, und die Seinen riefen aus der Glut um Hilfe nach ihm. Er schwieg und biß die Lippen.

Der Markgraf drang leidenschaftlicher in ihn. »Klaus, hast du vergessen, daß du dich mir zum Freunde gegeben hast –? Du hast mir deine Hand gegeben, ich habe sie gläubig genommen. Ich brauche dich. Ich lasse dich nicht. Du bist mein Mann. Ich gebe dich nicht frei. An deiner rechten Hand halte ich dich und fordere Treue!«

Klaus riß sich los und brach wild aus: »Treue fordert Ihr, und Treue fordert die Gilde auch! Ihr wißt ja nicht, Herr, daß meines Vaters Augen aus Sludens und Schadewachtens Blick unbarmherzig nach mir sehen und drohen: Klaus, sei treu! Ihr wißt das ja nicht, wie ich es weiß, weil ihr Blut mein Blut ist!«

Alles, was Herr Ludwig erreichte, war, daß Klaus sich zu einem letzten Versuch entschloß, die Gilde umzustimmen und zu einem Ausgleich mit den Gewerken zu bewegen. Er berief die Gilde zu einer Morgensprache ins Gildehaus. Dort mußten die Würfel fallen.

Zudem hatte Herr Klaus einen eiligen Boten nach Magdeburg an seinen dort hausenden Bruder Christian abgeschickt. Wenn dieser noch rechtzeitig zur Morgensprache der Gilde nach Stendal kam, so war von seiner schlagfertigen Beredsamkeit viel zu hoffen. In der Frühe des folgenden Tages, an dem die Beratung stattfinden sollte, kam der Bismarcksche Knecht zurück und meldete, daß ihm Herr Christian von Bismarck in kurzer Zeit nachfolge.

Mit ein paar harmlosen Scherzworten teilte Klaus seiner Mutter die zu erwartende Ankunft Christians mit. Er vermied es, die Frauen vorzeitig und, wie er meinte, unnötig in die drohenden Gefahren und Entscheidungen einzuweihen. Frau Margarete wußte indessen mehr, als er ahnte.

Eben war Ursel Hidde wieder einmal zu ihr geschlüpft, um der zweiten Mutter ihre Verwirrung und Verängstigung zu klagen. In jüngster Zeit mehrten sich schreckhaft die Gerüchte und Anzeichen drohender Unruhen. Ihr liebendes Herz empfand mit schmerzvoller Feinfühligkeit, daß bei jeder stillen Tat des Geliebten der Haß aus allen Winkeln Stendals wie in giftigen Schwaden aufströmte. So schweigsam Klaus war, so beredt sprachen die Blicke voll unversöhnlichen Hasses, die ihn verfolgten, wo er ging und stand, und alle Schrecken einer drohend nahen Schicksalswendung ließen sich ahnen aus den tausend heimlichen Geräuschen, von denen seit Wochen Tage und Nächte erfüllt waren: erregte Stimmen, Lärm und Geflüster, verhohlenes Waffenklirren, leises Türenschließen, Gehen und Kommen von Boten und Gästen, und was der angstvollen Vorzeichen mehr waren.

Mit leidenschaftlicher Ungeduld verlangte sie alles zu wissen, was um sie her vorging und, wie sie innigst fühlte, ihre Liebe und den Geliebten bedrohte. Aber Klaus blieb verschwiegen, soviel sie mit Blicken und Worten fragte. Er wurde ihr fast fremd in dem herben und wortkargen Ernst, der den Stillgeschäftigen beherrschte. Nur Frau Margarete verstand die herbe und verschlossene Art des Sohnes. Er lebte einen Kampf, in dem er der gesammelten Kraft zu bedürfen glaubte. Sie wußte, daß man den Mann in Stunden, die er allein bestehen will, nicht stören soll. Aus dem Schatze ihrer stillen, vielerfahrenen Güte tröstete sie die zagende Ungeduld der jungen Braut. Sie suchte sie die schwere Frauenkunst zu lehren, ohne Groll zurückzustehen, in Stille zu warten und die eigne Kraft, die sich so gern mit der des Mannes mischen und mit ihr ausgeben möchte, aufzuspeichern wie einen heimlichen Schatz. Verstand das Mädchen die Frau? Das Herz wurde ihr beklommen, als habe die hilfreiche Güte Frau Margaretens eine Bürde auf sie gelegt.

Als gleich darauf Klaus eintrat und die bevorstehende Ankunft des Bruders meldete, bestürmte sie ihn mit bettelnder Ungeduld und tausend Fragen. Sie wisse, daß er einen Fremden in seinem Haus versteckt halte. Wer er sei? Wozu er den Bruder in Stendal brauche?

Aber Klaus wich ihr nach seiner Art mit einem Kuß und einem Scherzwort, das seine umwölkte Stirn Lügen strafte, aus. Ursel wandte sich in kindlichem Schmollen ab, und Frau Margarete nahm sie still mit sich aus dem Zimmer. Ihr Sohn brauchte jetzt Stille, Gleichmaß, Sammlung. Das sah sie ihm an. Seine Augen begegneten dankbar den ihren, als sie ohne Bitte und Frage hinausging. Er stieß eine Seitentür auf, hinter der der Markgraf als heimlicher Gast hauste, und Herr Ludwig trat in tiefer Erregung ein. Er wußte, daß dieser Morgen vielleicht für alle Zeiten entscheidend war. Würde es Klaus gelingen, die Gildeherrn zu sich herüberzuziehen? In zehrender Ungeduld sah er ihm in die Augen.

Da schlug die Uhr von St. Marien die neunte Stunde.

Klaus Bismarcks Gestalt straffte sich. »Es ist Zeit,« sagte er ernst. »Mein Bruder kommt zur Morgensprache. Das ist ein gutes Zeichen und gilt mir viel. Aber der Erfolg steht bei Gott. Lebt wohl!«

Noch einmal drang Herr Ludwig in ihn, fordernd und heischend: »Klaus, was wirst du tun?«

Und Klaus entgegnete fest, indem er ihm die Hand reichte: »Seid gewiß, ich werde das Äußerste tun, die Gilde zum Paktieren zu gewinnen. Was ich kann, geschieht, das schwör ich Euch zu. Aber dringe ich nicht durch, so haben wir den Aufruhr über Nacht. Dann, Herr, kann ich mich den Meinen nicht versagen. Ich kann nicht, Herr. Dann muß ich mich mit ihnen im Gildehaus verschanzen und die Ehre retten. Verzeiht mir, wenn Ihr mich nicht wiederseht! Lebt wohl!«

Noch hielt der Markgraf die Hand des andern, noch einmal fing er an, in ihn zu dringen. »Klaus –«, begann er beschwörend, aber von der Stirn Bismarcks leuchtete ein so tödlicher und düsterer Ernst, daß er mutlos abbrach und die Hand des andern fallen ließ. Die hoffnungslose Gebärde griff Klaus stärker ans Herz als laute Worte, und er wandte sich noch einmal zurück. »Lieber Herr,« sagte er mit Herzlichkeit, »so müßt Ihr mich nicht ansehen! Noch hoff ich. Hofft auch Ihr!«

In diesem Augenblick wurde die Zimmertür wild aufgerissen, und Gottschalk von Jerichow brach keuchend herein. In atemloser Erschöpfung stützte er sich, ein paar Stühle umstoßend, mit ganzem Leibe über den schweren Tisch, der ihm Halt gab. Seine Kleider waren zerfetzt. Seine Augen loderten. Er rang nach Atem.

»Jerichow–-?« rief Klaus ihm entgegen. »Wo kommst du her?«

Da schrie der andre außer sich: »Wenn du ins Gildehaus zur Morgensprache willst, so spare dir den Weg!«

Klaus faßte ihn am Arm. »Wie siehst du aus, Jerichow? Was ist geschehen?«

Rasende Erbitterung verschlug dem Bestürmten fast die Rede. »Die Zünfte sind im Gildehaus!« brach er aus. »Sie halten Gasse und Tor besetzt! Wir sind knapp entronnen.«

»Das ist Gewalt!« entfuhr es Klaus. Stirn und Augen verdunkelten sich bei ihm wild in aufwühlender Leidenschaft. Jetzt war er ganz Gildejunker. »Den Teufel auch!« schrie Jerichow. »Das spürten wir! Deine Mutter flickt unten dem alten Godin die Hand, die sie ihm beinah vom Leib gerissen haben. Hunde!«

Den Markgrafen hatte der Rasende noch nicht bemerkt, oder, wenn er ihn gesehen hatte, so kannte er ihn doch nicht, und ein fremdes Gesicht kümmerte ihn wenig in dieser Stunde, in der es um Sein und Nichtsein ging.

Ludwig von Wittelsbach aber hatte seine Botschaft gehört, und es war ihm, als erfröre ihm das Herz in jäher Erkenntnis. Da war es, was er so lange gefürchtet hatte. Das tödliche Unwetter, vor dessen Ausbruch er Klaus Bismarcks Haupt hatte bergen wollen, tobte entfesselt. Aber so brennend der Schmerz um die zerstampfte Saat seiner jungen Hoffnungen in ihm wühlte, sein ritterlicher Sinn war so wach wie sein Schmerz. Er wußte, was es bedeutete, daß die Zünfte sich durch einen kecken Handstreich des Gildehauses bemächtigt hatten: die Festung und das Arsenal der Geschlechter war in Feindeshand. Aber er dachte in dieser Stunde in behütender Sorge nur an das bedrohte Haupt des Freundes und der Seinen. Jerichows erster Aufschrei hatte in ihm den Gedanken an Klaus' Bruder geweckt, der ahnungslos vielleicht eben durchs Tor von Stendal ritt und von dem empörten Pöbel in Stücke gerissen wurde.

Er rührte den Freund am Arm und sprach ernst: »Klaus –«

Aber Klaus meinte, der Markgraf wolle auch jetzt noch in ihn dringen, er wandte sich unwirsch nach ihm um, sah ihm hart in die Augen und sagte kurz und feindlich: »Ja, das ist der Aufstand, Herr!«

Herr Ludwig verstand den Treuen zu wohl, als daß er das Gefühl einer Kränkung hätte in sich aufkommen lassen. Er fuhr fort: »Nein, Klaus, so meinte ich das nicht. Ich dachte an deinen Bruder. Wer warnt ihn?«

Klaus Herz brannte in Scham. Er faßte nach der Hand des andern, als wollte er ihm abbitten. Aber zugleich packte ihn jähe Angst um den bedrohten Bruder.

»Christian ist noch nicht hier!?« schrie nun auch Jerichow und sah erschrocken auf Klaus. Der sprang zur Tür. »Christian weiß von nichts,« rief er. »Ich muß ihn warnen!«

Aber Jerichow verstellte ihm den Weg und hielt ihn an den Schultern.

»Bist du splitterrasend toll, Klaus!?« rief er. »Du bist Freiwild! Dir gilt die Jagd des Gesindels! Wo willst du hin? Die Kolonnen der Zünfte streifen durch alle Gassen. Du mußt hier bleiben!«

Aber Klaus' leidenschaftliches Herz kannte nur ein Muß. »Wer soll ihn retten, Jerichow,« schrie er außer sich und suchte sich von den ihn umklammernden Händen loszureißen, »wenn nicht ich!? Laß mich!« Er suchte Jerichow beiseitezustoßen, der ihm unerbittlich die Tür verstellte.

Da drängten von außen Schadewachten, Sluden und ein Häuflein Patrizier, die so lange bei Frau Margarete verweilt hatten, herein. Der greise Godin von Sluden hob die blutig verbundene Hand und stieß ingrimmig hervor: »Verdammt! Ich habe mich durchgebissen wie ein Fuchs, der die Rute im Eisen läßt! Was nun?«

Schadewachten drängte ungestüm zum Fenster und knirschte mit den Zähnen. »Die Bürgerwehr sperrt das Haus!« grollte er. »Wir sitzen in der Falle.«

»Wo sind die andern?« rief Klaus.

Jerichow sah ihn wild an. »Den Konrad Hidde, den Berndt Röxe und noch ein paar andre hat man von uns abgesprengt. Sie werden in Hiddes Haus in der Falle sein wie wir hier!«

Da war Klaus' verzweifelter Entschluß gefaßt. Wortlos drängte er zur Tür, um trotz allem den aussichtslosen Versuch zu machen, seinen Bruder zu retten. Der Markgraf sah und verstand ihn. Er hielt ihn zurück und sprach rasch und fest: »Bleibe hier, du kommst nicht durch! Jedes Kind kennt dich. Wenn einer durchkommt, so bin ich das. Mich kennt keiner. Kein Wort, Klaus! Ich suche ihn. Will's, Gott, ist er nicht zu schnell geritten.«

Klaus' ganzes Herz drängte in ungestümer Dankbarkeit dem fürstlichen Freunde entgegen, dessen reiches Herz er noch eben verkannt hatte. Aber er rang vergeblich nach einem Wort. Herr Ludwig preßte warm seine Hand. »Laß, Klaus. Ein Freundesdienst für den andern. Nichts weiter. Ich bin schon fort!« Und er enteilte der Tür.

Betroffen hatten die Gildeherrn den kurzen Wortwechsel angesehen. »Wer war das?« stieß Jerichow hervor. Aber Klaus antwortete nicht. Er stand stumm am Fenster und rang mit seiner Bewegung.

Jerichow ließ unwirsch von ihm ab. Die Zeit drängte. »Was nun?« rief er und stampfte mit dem Fuß.

Inzwischen hatte Schadewachten, der seit Rule Bismarcks Tod der Älteste und das Haupt der Geschlechter war, seine ganze Ruhe wiedergefunden. Die Scham fraß in dem alten Graukopf, daß die Gildeherrn drauf und dran gewesen waren, im Schrecken der jähen Überrumpelung ihre angestammte Würde daranzugeben. Ein Kampfesfeuer brach aus seinen alten Augen. Der sonst so ruhige und beherrschte Greis war nicht wiederzuerkennen. Sein Haupt unter verworrenem Haar schien in einen grauen Landsknechtskopf verwandelt. Seine Stimme klang ehern und herrisch.

»Was nun – ?« rief er. »Ich schlage vor, daß wir Morgensprache halten, soviel wir hier sind, dem Pöbel zum Trotz, in Bismarcks Haus. Fürs erste sind wir sicher, denn das Haus ist fest. Und sollen wir endlich den Kopf verlieren, so soll's durch andre geschehen, nicht durch uns selbst. Setzt Euch!«

Das war das rechte Wort für die in ihrem Herrenstolz tödlich verletzten Männer. Der Trotz wachte in ihnen auf bei den Worten ihres Führers, und sie waren mit einmal von einem verwilderten, höhnischen Geiste erfüllt, der zum äußersten entschlossen war. Die ritterlichen Ahnen wachten in den Kaufherrenenkeln auf.

Sie trugen alle Stühle des Zimmers um den schweren Eichentisch zusammen und scharten sich um ihren Führer. Jerichow zog eine alte Truhe aus dem Winkel, daß die Waffen in ihr klirrten, und hob sich aus ihr beide Arme voll alte Dolche und rostige Schwerter. Schmetternd warf er das Eisen auf den Tisch und rief dazu: »Recht so, alter Giso! Und statt der Silberhumpen der Gilde legt Schwerter auf den Tisch. Der Pöbel zerwühlt und zerreißt im Gildehaus unsre Rechtsurkunden und reißt sie in Stücke. – Eisen auf den Tisch, Brüder! Sein Recht ist härter und besser als Papier.«

Schadewachten nickte ihm mit grimmigem Wohlwollen zu. »Nehmt Platz, Brüder,« mahnte er noch einmal. »Die Bräuche weiß ich aus dem Kopf. Ich habe sie oft genug gehört und gelesen.«

Ungeduldig wehrte Jerichow ab. »Laß die Bräuche, Giso! Die Formeln sind unnütz. Laß sie heut beiseite! Die Zeit drängt!«

Da aber hob sich Sluden aus seinem Stuhl und murrte gegen den allzu Stürmischen. Der alte Schalk konnte auch in dieser Stunde ein zorniges Scherzen nicht lassen. »Wer drängt uns, Gottschalk?« sagte er verweisend. »Die Zeit drängt uns nicht. Der Pöbel will uns drängen. Wir lassen uns nicht drängen, Gottschalk! Laß sie schreien! Wir wollen unsre alten Bräuche geruhsam üben wie je. Und wenn sie uns darüber totschlagen, ich erkenne keine Morgensprache an, die nicht die alten Formeln wahrt. Behag es Euch, wie's mag– ich will behaglich sterben!«

Das zustimmende Murren der andern zeigte, daß er den rechten Ton in dieser Runde getroffen hatte.

Jetzt erhob sich Giso von Schadewachten als regierender Aldermann der Gilde und sprach: »Ich frage Euch, ob es die rechte Stunde ist, daß ich eine Morgensprache hegen und halten mag?«

Er wandte sich dabei, wie es die Übung vorschrieb, an Klaus Bismarck, der ihm an seines Vaters Statt als zweiter Aldermann zur Rechten saß. Aber im Herzen des jungen Ratsherrn gingen ganz andre Dingen vor. Er saß wie in einer Runde von fremden Gesichtern und warf dem Fragenden ein gedankenloses Ja hin.

Sluden fuhr auf. »Klaus, willst du Aldermann in der Gilde sein, und kennst ihre Formeln nicht?«

Gleichgültig besann sich Klaus auf seinen Spruch: »Sofern Ihr von der kurfürstlichen Durchlaucht, unserm gnädigsten Herrn, und einem ehrbaren Rate allhier die Macht habt, ist es wohl an der Stunde, daß Ihr eine Morgensprache hegen und halten mögt.«

Schadewachten wandte sich an Godin Sluden, der ihm als dritter Aldermann zur Linken saß: »Ich frage Euch, wie oft ich die Sprache hegen soll?«

»Dreimal, als Recht ist,« kam die Antwort zurück.

Schadewachten wandte sich zu Gottschalk von Jerichow und begann: »Ich frage Euch, was ich in dieser gehegten Sprache –« Aber er kam nicht zu Ende. Wüstes Trommeln der Zunfthaufen klang von der Gasse herauf und unterbrach ihm die Rede. Er verstummte, und die Stirnadern schwollen ihm, als sei er bübisch beleidigt worden.

Aber in grimmiger Behaglichkeit rief Sluden.: »Laß sie trommeln, Giso! Laß dich nicht stören! Noch einmal!«

Und Schadewachten begann von neuem. Die Worte kamen ihm schwer, langsam und in trotziger Feierlichkeit von den Lippen, als gäbe es keinen Aufruhr, der ihm im nächsten Augenblick vielleicht Rede und Leben mit eins abschneiden konnte. »Ich frage Euch, was ich in dieser gehegten Sprache gebieten und verbieten soll?«

Das Trommeln schwoll lauter und frecher an und übertäubte fast das gesprochene Wort. Die Männer saßen, als hörten sie nichts. Prächtige Kindsköpfe, diese Greise! dachte Klaus Bismarck wie ein Unbeteiligter. Da klang Jerichows Antwort. Seine Stimme fuhr wie Hornstoß in das wüste Trommeln! »Ihr sollt Recht – verdammtes Trommeln! Ihr sollt Recht gebieten und Unrecht verbieten, daß auch keiner des andern Wort reden oder halten soll, es geschehe denn mit Bewilligung der Aldermänner und Gildemeister.«

Schadewachten reckte sich und sprach dröhnend den Schluß: »So hege ich denn eine Morgensprache und hege sie zum erstenmal und hege sie zum zweitenmal und hege sie zum drittenmal, gebiete daneben Recht und verbiete Unrecht.« Aber als er nun fortfuhr, da lohte ingrimmige Selbstverhöhnung durch die Feierlichkeit der überlieferten Worte: »So einer der Gildebrüder etwas weiß, das der Gilde abträglich ist, der soll reden.«

Auch Sluden fuhr auf und rief, wild mit den Fingern auf dem Eichenholz des Tisches trommelnd: »Ho, Giso! Die Antwort war schon getrommelt, eh' deine Frage kam!«

»Wer spricht zur Sache?« fuhr der Regierende unbeirrt fort.

Nun war Klaus Bismarcks Stunde da. Jetzt oder nie mußte er den Versuch machen, die Gilde zum Paktieren zu bewegen. »Gildemeister, schaffe mir Gehör!« rief er laut, ehe ein andrer ihm das Wort vom Munde nahm.

Schadewachten hätte nicht mit dem Schwerte zu klappen brauchen, um Ruhe für den jungen Aldermann zu schaffen. Alle sahen in stillem und fast feindselig lauerndem Schweigen auf den blassen Mann. Klaus empfand klar, was es war, das ihn kühl aus dieser Runde anwehte. Sie mißtrauten ihm: wie dem verlorenen Sohne, seit er den Bischof eigenmächtig in Rule Bismarcks Sterbehaus eingelassen. Er biß die Zähne zusammen und sprach aus, was, wie er wußte, ihre laute Empörung entfesseln würde. Er schlug vor, den Wortführer der Zunftmeister zur Verhandlung zu laden und um die Forderungen der Gewerke zu befragen.

Seine Stimme klang kalt und mutlos. Er empfand bitter die Aussichtslosigkeit seines Versuchs. Selbst wenn es ihm gelang, die Gilde zum Anhören der Gegenpartei zu bewegen, so würden Wille und Wille, Hochmut und Anmaßung nur um so unversöhnlicher aufeinanderplatzen. Aber der sichere Instinkt des geborenen Staatsmannes ließ ihn keinen Versuch hoffnungslos aufgeben. Selbst am siegreichen Gegner mag man oft eine Blöße erspähen, die man nur zu nutzen braucht, um alles zu wenden.

So sah er gleichmütig, wie jetzt Jerichow auffuhr, daß der Stuhl hinter ihm zu Boden schlug, und scharf erwiderte: »Ich fordere, die Gilde soll bei Ehre und Leben jedem der Brüder jede Verhandlung verbieten. Wir wissen, was das Gesindel will. Wir brauchen es nicht zu hören. Wir beschließen im voraus, die alten Rechte bis ans Ende und, wenn's sein muß, mit unsrem Leibe zu decken.«

Der alte Sluden kopfnickte. »Wohl, wohl. Das ist eine gute und klare Lösung, ehrlich und herzhaft und Freund und Feind verständlich!«

Jerichow drängte scharf zum Schluß. Er setzte die Faust auf den Tisch und rief: »Ich stimme für Kampf!«

Und wieder bekräftigte Sluden die Worte des Draufgängers. Aber diesmal klang seine Stimme doch anders. »Ich stimme ebenso,« sprach er langsam. »Nur nenne ich's anders. Ich nenne es Tod. Ich stimme für den Tod.«

Alle schwiegen betreten. Einen Augenblick herrschte völlige Stille.

Mit einmal erkannten alle den Punkt, an den man gelangt war. Das Ende war da. Es galt nur noch ein der Gilde würdiges Ende.

»Ich stimme für das Unabwendliche,« sprach ein andrer in die schwere Stille. Und der Dritte und Vierte setzte dumpf hinzu: »Auch ich.« Wie Stundenschläge um Mitternacht fielen die Stimmen. Nur einige wenige verharrten zuletzt in Schweigen oder tuschelten, als ob sie noch einen andern Ausweg suchten. Aber schnell und triumphierend übertrumpfte Jerichow ihre Unschlüssigkeit, indem er den Willen der Mehrheit ausrief: »Keine Verhandlung! Es ist Beschluß!«

Das Wort entfesselte eine gewaltige Aufregung. Der und jener aus der Minderheit grollte dem voreiligen Beschluß und suchte zu Wort zu kommen. Aber die Nachbarn machten sie stürmisch mundtot: »Es ist Beschluß!«

Da klang Klaus Bismarcks herrische Stimme in das Durcheinander: »Schaffe mir noch einmal Gehör, Gildemeister!«

Schadewachten versuchte Stille zu gebieten und schlug, als der Tumult nicht schwieg, mit dem Schwert auf den Tisch. »Der Aldermann Klaus Bismarck redet!« rief er mächtig, und der Groll über die verletzte Würde der Verhandlung klang aus seiner Stimme.

Aber auch jetzt noch hatte Klaus Mühe, sich und seine Worte gegen die lärmenden Zwischenrufe Jerichows und seines Anhangs durchzusetzen.

»Brüder,« fing er an, »mancher unter Euch mißtraut mir, seit ich am Totenbett meines Vaters –«

»So ist's!« unterbrach Jerichow schneidend.

»– Besonnenheit bewahrt habe,« vollendete Klaus, den Wilderregten in überlegener Ruhe ins Auge fassend. Jerichow schäumte auf und hieb mit der Faust unter das Eisen, daß es klirrend durcheinandersprang. »Du hast paktiert!« schrie er.

Klaus sah verächtlich über den Maßlosen hinweg und blickte abwartend und fordernd auf den Regierenden. Jerichows Zuruf hatte einen Tumult entfesselt, der ihn am Weiterreden verhinderte. »Ich habe Ruhe geboten für den Aldermann!« rief Schadewachten, und seine grollende Stimme beschwichtigte den Lärm.

Und Klaus Bismarck begann von neuem. Seine Rede ging laut und klar, doch ohne Schärfe über die Aufhorchenden hin. Geschickt nutzte er die Blöße, die sich Jerichow durch sein würdeloses Lärmen gegeben hatte.

»Seit wann,« fing er an, »ist es Sitte, daß die Gildeherrn einander niederschreien? Gottschalk Jerichow, der du dich so versteifst, ein Torhüter alter Rechte zu sein, fühlst du gar nicht, daß du am ärgsten gegen alte, kluge Sitte der Geschlechter verstößt? Nicht dadurch, daß du gegen mich anlärmst – beileibe, davon rede ich nicht! Aber dadurch, daß du und Ihr andern die Waffe vergeßt oder verschmäht, durch die Stendals Gilde durch Jahrhunderte geherrscht hat – den Kopf. Unsre Urahnen mögen einst mit den Reiterwaffen, die ihnen der König gab, geherrscht haben. Das ist vorbei. Die Fußwehr der Zünfte braucht keine Reiter mehr zum Schutz. Dennoch herrschten wir. Mit dem Kopf allein herrschten wir jahrhundertelang. Heut aber soll es, so wollt Ihr's zum erstenmal, eine Schande sein für die Gildeherrn, den Kopf zu brauchen. Ich fordere Verhandlung mit unsern alten Waffen. Jerichow nimmt des Gesindels eigene Sprache an, wenn er kopflos die Fäuste brauchen will. Ich achte's nicht für Schande, den Kopf zu brauchen. Darum fordre ich noch einmal: Hört die Zünfte an, ehe Ihr über Tod und Leben beschließt. Das ziemt der Gilde besser als ein verzweifelter Raufhandel.«

Die Herren waren bei den Worten des jungen Aldermanns immer stiller und nachdenklicher geworden. Manch einem kam der Gedanke, daß es unwürdig sei, in frischem Jähzorn Weib und Kind in die Schanze zu schlagen. Klaus merkte den Umschwung der Stimmung, doch ohne Freudigkeit. Seine Gedanken schweiften während des Redens ab zu dem hartbedrohten Bruder und seinem fürstlichen Freunde. Wenn Christian doch dem Pöbel in die Hände fiele? In tiefem Ernst, der sein Gesicht mit einmal seltsam altern ließ, schloß er: »Der Tod ist nur ein Punkt. Schreibt erst einen klugen Satz, der Punkt beschließt ihn früh genug. Ist's an der Zeit, so weiß auch ich den Punkt zu setzen. Wer zweifelt daran?«

Klaus Bismarck wuchs fast sichtbar unter seinen Worten und ragte in erdrückender Überlegenheit über den andern. Der wuchtige Ernst, der aus den Worten des jungen Ratsherrn sprach, legte sich lastend über die Grauköpfe. Die Minderheit, die vorhin durch Jerichows treibenden Zorn mundtot gemacht war, brach in laute Zustimmung aus.

Jerichow fuhr auf. Da entschied Giso von Schadewachten, indem er beschwichtigend die Hand hob. »Der Aldermann hat recht,« sprach er, »ich stimme wie Klaus Bismarck.«

Laut und nachdrücklich stimmten fast alle bei. Jerichows Beschluß war umgestoßen, und die Gilde bereitete sich zu erneuter Abstimmung. Da wurde plötzlich von neuem lautes Trommeln hörbar, und Klaus Bismarcks Name schallte rufend unter den Fenstern!

Klaus erhob sieh. Jerichow fuhr ihn wild an. »Bleib sitzen, Klaus! Aldermann der Gilde, an deinen Platz!« Klaus wandte nur halb das Haupt nach ihm und gab kühl zurück: »Die rufen den Hausherrn, Gottschalk Jerichow. Der bin ich.« Und trat ans Fenster. »Hallo! Was soll's?« rief er hinunter. Eine undeutliche Stimme, die denen im Zimmer unverständlich blieb, antwortete. Klaus wandte sich zu der Gilde zurück.

»Sie bieten selber Verhandlung. Sie wissen, daß die Gilde hier versammelt ist. Ihr Sprecher will verhandeln. Wir brauchen nicht mehr um Verhandlung zu bitten.«

Fragend lag sein Blick auf den Gildebrüdern, als erwarte er Vollmacht. Wieder kam ihm Schadewachten zu Hilfe. Der Greis fühlte mit einmal etwas wie Zuneigung zu dem Jüngling, der sich gegenüber dem lauten Mißtrauen der Genossen so ruhig und beherrscht behauptete; »Brüder,« sagte er, »ich denke, wir hören sie an.«

Keine laute Zustimmung folgte. Aber niemand widersprach. Jerichow biß sich in wehrloser Erbitterung die Lippen wund, er fühlte die Aussichtslosigkeit weiteren Widerspruchs. Klaus ging ruhig aus der Tür, um Stotfalke, den Wortführer der Handwerker, in sein Haus zu lassen.

Jerichow blickte wild um sich, als suche er, woran er seinen Ingrimm auslassen könnte. Sein Blick überflog die Zahl der Stühle, er bemerkte einen überzähligen und packte ihn zornig mit beiden Fäusten an der geschnitzten Lehne. »Wäre dies mein Haus,« schrie er, »wahrhaftig, es wäre mir zu schade für den Schmutz des Gesindels! Aber Ihr wollt's. So hört sie in Teufelsnamen! Aber setzt Euch! Wollt Ihr, daß die Gildeherrn vor diesem Hanswurst wie Schulbuben stehen, die nach der Rute schielen? Setzt Euch und sitzt unbewegt und gönnt ihm keinen Gruß. Er soll's beim Eintritt fühlen, daß er als schmutziger Rebell vor den Herren der Gilde steht. Dieser Stuhl ist übrig, so zerschlage ich ihn. Sonst setzt sich der Lümmel unter uns als seinesgleichen.«

Er schwang den Stuhl, um ihn auf den Boden zu schlagen. In dem Augenblick ging die Tür auf, und Stotfalke wurde hinter Klaus Bismarcks Rücken sichtbar. Schadewachten suchte Jerichow zu beschwichtigen und raunte ihm ärgerlich zu: »Laß das, Gotschalk!«

Aber der Schäumende schrie nur um so lauter: »Er soll es sehn!« und hieb den schweren Stuhl krachend auf den Boden, daß die Trümmer umhersprangen und dem eintretenden Handwerker vor die Füße fielen.

Stotfalke sah spöttisch auf den Rasenden und warf die Splitter mit einer verächtlichen Fußbewegung beiseite. »Ich stehe gern, Ratsherrn und Gildemeister,« sagte er. »Wer sitzt, ist dem Boden näher, als wer steht.«

Er trat dicht an den Tisch und weidete sich mit schlechtverhehltem Triumph an der ingrimmigen Verlegenheit der allmächtigen Gilde. Aber nun fühlte er doch, wie ihn aus dieser Runde, die in starrer Würde gleichsam versteint vor ihm saß, ein kühler und feindseliger Hochmut anwehte, der auch vor dem Äußersten nicht zurückschreckte. Das hatte er nicht erwartet. Diese Männer saßen in unversöhnlicher Hoffart vor ihm wie Richter, die einen Schelm vor sich lassen. Der Haß des Unterdrückten quoll heiß in ihm auf.

Ein wilder, höhnischer Triumph spritzte aus seinen Worten, die er den Herren wie Schimpf und Demütigung entgegenrief: »Die Rechtsurkunden der Gilde sind verbrannt!«

Klirrend schlug Jerichow auf die Schwerter. »Hier liegen neue!« schrie er drohend.

Stotfalkes Augen funkelten. »Diese neuen Siegel,« sagte er hämisch, »scheinen noch heiß zu sein. Verbrennt Euch nicht daran!«

Da wurde dem greisen Schadewachten das gassenbübische Keifen des Gildejunkers und des Handwerkers unleidlich. Schroff herrschte er Stotfalke an: »Bring deine Aufträge vor. Wir verstatten Gehör. Aber dann tritt ab und laß uns verhandeln!«

Stotfalke warf den Kopf auf und verzog die Lippen. »Schon gut,« höhnte er. »So hört! Mein Wort ist bündig. Schmecke es Euch, wie's mag!« Seine sehnige Gestalt straffte sich, er fühlte sich in diesem Augenblick des Haders und Triumphs entschädigt für Jahre der Unterdrückung. »Ich stehe vor Euch im Namen aller Gewerke und Zünfte von Stendal und erhebe vor Euch und gegen Euch Anklage. Ich klage, daß die stadtgesessenen Geschlechter, die bis heute geherrscht haben –«

»Wir herrschen!« fuhr Jerichow schneidend dazwischen.

Aber unbeirrt, nur mit einem verstärkten Unterton spöttischen Behagens fuhr Stotfalke fort: »– die bis heute geherrscht haben, ihr Amt mißbrauchten gegen unsre heilige Kirche und für Ludwig von Wittelsbach, den die Kirche gebannt hat. Ihr seid Kirchenfeinde, obwohl sich die Kirche des toten Rule erbarmt hat –« »Für Geld!« unterbrach Jerichow von neuem wild und höhnisch.

»Für Bußgeld, Herr Gottschalk Jerichow,« gab Stotfalke gelassen zurück und blickte mit barer Verachtung auf den wutbebenden Mann. Dann fuhr er fort: »Ich klage, daß die Gildeherrn die Freiheiten der Stadt bedrohen. Ich klage, daß die Geschlechter von dem Kirchenfeinde feste Burgen zu Lehen nahmen. Schloßgesessene und Städtebürger sind Todfeinde von alters her. Ihr seid Schloßgesessene. Leugnet's, wenn Ihr könnt! Herr Klaus von Bismarck, als Ihr Burgstall zu Lehen nahmt, habt Ihr Euch von Stendal geschieden!«

Klaus Bismarck blickte Stotfalke kaltblütig und abwartend ins Gesicht. In diesem Augenblick war nichts in ihm lebendig als der Instinkt des Fechters, der darauf lauert, daß der hitzige Gegner sich eine Blöße gibt. Aber gerade die scheinbar unbewegte Ruhe des Verhaßtesten unter den Gildejunkern machte dem Handwerker das Blut schäumen. Er ließ von neuem die Anklagen des Volkes über die Häupter der Gilde niedersausen.

»Seitdem Ihr Burgen haltet, ist Stendals Freiheit bedroht. Schloßgesessene gehören nicht in unsre gute Stadt. Darum treibt Euch die Bürgerschaft aus Sitz und Rechten, Rat und Gilde aus!«

Dröhnend wie ein Mann fuhr bei diesen Worten die Gilde in die Höhe, und eine Schar von geballten Fäusten drohte wie Schmiedehämmer dem Übermütigen entgegen. Nur Klaus Bismarck bewahrte auch jetzt noch Ruhe. Stotfalke sah den ruhigen Mann mit wachsendem Grimm, er übersah den drohenden Ingrimm der andern und trat dicht an den Gildejunker heran, als müßte er gerade ihn aus seiner Unbeweglichkeit herausreißen.

»Ohne Macht,« fuhr er fort, »habt Ihr allzulange geherrscht, weil wir das überkommene Unrecht ehrten» Jetzt geht Ihr daran, Euer schwaches, papierenes Recht mit Burgen vor unsern Mauern zu festigen. Hütet Euch! Der Anschlag ist entdeckt. Die Bürgerschaft hat Euer Recht verbrannt. Kraft bessern Rechts lösen wir den Rat von Stendal auf und verstoßen ihn aus den Mauern der Stadt –«

Mitten im Reden sah er die tödliche Drohung der wild gegen ihn gereckten Fäuste und sprang einen Schritt zurück. »Hütet Euch!« schrie er. »Ihr habt nur noch die Wahl, die wir Euch lassen. Weicht oder sterbt! Wir wollen nicht Euer Blut, wir wollen unser Recht. Darum lassen wir Euch die Wahl. Weicht vor Nacht aus Stendal, oder Ihr seid tot vor Nacht! Entscheidet Euch! Ihr seid nur ein Häuflein, wir sind die Stadt. Stadttore und Gildehaus halten wir besetzt und bewacht. Unsre festen Rotten umlagern alle Häuser der Gildeherrn so wie dieses hier, in dem wir reden. Wählt nun!«

Zugleich riß er ein Blatt aus seinem Kittel, das mit ungefügen Schriftzügen überdeckt war, und warf es als letzten Triumph auf den Tisch unter die in lautlosem Ingrimm stehenden Männer. »Lest das Pergament, das die Zünfte aufgesetzt haben! Lest und unterschreibt! Eine Stunde habt Ihr zur Überlegung. Dann ist unsre Langmut erschöpft. Ist dieser Pakt über eine Stunde nicht unterschrieben – Euer Blut auf Euch! Wählt, wie Ihr mögt! Der Pakt ist bündig. Auf Wiedersehn, Ihr Herren!« Er wartete keine Antwort ab, sondern schied mit spöttischer Verneigung. In der Tür sah er sich noch einmal um und lachte höhnisch auf. Er sah den Schimpf sichtbar auf den grimmig geduckten Nacken lasten. Er warf die Tür laut und frech hinter sich ins Schloß.

Eine lange Weile brachte keiner der Gildeherrn ein Wort über die Lippen. Es war, als wage einer den andern nicht mehr anzusehen. Keiner regte sich. Nur Klaus Bismarck hielt den papierenen Pakt in Händen, und sein Geist arbeitete fieberhaft über den krausen Schriftzeichen.

Da brach Jerichow die Stille. Seine Augen flackerten in unverhülltem Haß. »Wer riet uns die Schande,« rief er knirschend, »das anzuhören!? Klaus Bismarck, auf dein Haupt die Schande der Gilde!«

Aber Klaus ließ sich auch durch den Schimpf nicht fortreißen. Seit er die Forderungen der Aufrührer in Händen hielt, sah er den Weg vor sich, den er zu gehen hatte. Nichts würde ihn davon abhalten. Er blickte kühl und mit verächtlicher Überlegenheit auf den Gegner. Er spürte wohl, wie sich in dieser Stunde zwischen ihm und dem andern eine tödliche Feindschaft anspann. Aber das kümmerte ihn wenig. Die Brüder des Vaters waren ihm seltsam fremd geworden, er stand unter ihnen und tat seine Pflicht. Sonst kümmerte ihn nichts.

»Ich hadre nicht mit deiner Blindheit, Gottschalk,« sprach er kalt und wandt sich an die andern. »Dies hier, Ihr Herren,« – er klopfte mit dem Knöchel auf das Pergament–»dies hier ist keine Schande. Es ist Torheit. Der neue Rat von Stendal regiert mit Fäusten ohne Köpfe. Es ist ganz, wie ich hoffte. Lest und lacht! Dieser Pakt ist kopflos von Anfang bis Ende. Das tolle Gesindel sieht in seinem Rausch nicht auf Steinwurfsweite. Es fordert den Abzug der Geschlechter. Weiter nichts. Kein Verzicht auf alte Rechte, keine Zustimmung zu der neuen Ordnung, nichts. Seht Ihr denn nicht, daß dies den freien Abzug der Geschlechter auf ihre Burgen bedeutet? Laßt uns abziehen! Kein aufgezwungenes Wort und kein Verzicht wehrt uns das Wiederkommen. Wir kommen wieder. Laßt sie doch die Tore hinter uns verrammeln. Wir haben Zeit. Wir haben feste Schlösser und freie Hand zu offener Fehde. Kann einer in verzweifelter Lage Besseres hoffen?«

Er warf das Papier unter die Gildeherrn. Zehn, zwölf Hände haschten zugleich danach. Eine große Erregung bemächtigte sich aller. Schadewachten überlas als erster den Pakt, und aller Augen hingen an seinen Lippen, als er ihn niederlegte. Das Gesicht des Greises überzog sich mit der Röte, der Überraschung und Scham. »Wahrhaftig,« sagte er langsam, »wo hatten wir unsre Augen und Gedanken! Muß der Jüngste unter uns für uns denken? Das ist kein Verzicht, nein, das ist ein Anspruch. Das ist ein Bekenntnis erlittener Gewalt und ein verbrieftes Recht auf Rache!«

Allen schoß die Röte einer tiefen Erregung ins Gesicht. Das Pergament wanderte von Hand zu Hand. Klaus lächelte unmerklich bei Schadewachtens letzten Worten, die schon wieder nach hochmütiger Drohung klangen.

Jetzt legte auch Sluden das Pergament nieder. »Es ist wahrhaftig so,« sagte er tief atmend und drückte Klaus die Hand. »Wahrhaftig,« sprach er, »wir müßten Narren sein, unterschrieben wir nicht.«

Die unerwartete Wendung zu neuer Hoffnung weckte in dem alten Sluden wieder die grimmige Behaglichkeit, die ihn in dieser Stunde verlassen hatte. Er ergriff die Schwanenfeder und unterschrieb als erster mit einem entschlossenen Zuge. »Ich unterschreibe,« lachte er, »und wenn es ginge, so setzte ich ein Gelächter hinter meinen Namen!«

Er schob den unterschriebenen Pakt an Schadewachten weiter, für dessen Namen er den ersten Platz frei gelassen hatte. Zögernder unterschrieb der Greis. »Hart bleibt es doch,« sagte er schwer. »Mancher unter uns hat keine Burg als Zuflucht, hat kaum ein Dach für sein Haupt, wenn er Stendal hinter sich läßt. Und Stendals Mauern berennt man nicht so leicht. Wir wissen's. Wir haben sie gebaut.«

Sluden legte ihm die Hand auf die Schulter. »Wir sind allesamt Brüder,« sagte er. »Was einer von uns hat, das haben alle. Und besser ist eine jahrelange und harte Fehde als ein sicherer Tod ohne Hoffnung für Weib und Kind.«

Beinahe hastig unterschrieben die übrigen. Zuletzt fehlte nur noch Jerichows Name. Der leidenschaftliche Mann kämpfte einen harten Kampf. Da drückte ihm Sluden die Feder in die Hand und rüttelte ihn, als wollte er ihn wecken. »Gott weiß,« sprach da Jerichow, »daß mir das Schreiben blutsauer fällt. Aber die Gilde will's. Uneinig soll uns das Gesindel nicht finden.« Und er unterschrieb mit zornigem Federzug. Wie ein Aufatmen ging es durch die Runde.

Klaus Bismarck nahm das Papier schweigend wieder an sich, um auch seinen Namen beizufügen. Aber als er eben die Feder eintauchte, wurde die Zimmertür jäh aufgerissen, und Ursel Hidde stürzte wie eine Verzweifelte über die Schwelle. »Klaus! Klaus!« rief sie so gellend, daß den Männern das Mark gefror, und drohte taumelnd zu stürzen.

Klaus fing die Braut in seinen Armen auf. »Ursel –!« rief er erbleichend. »Um Gott, was ist –?«

Das Mädchen schluchzte im Weinkrampf an seinem Hals. »Klaus– Klaus –« jammerte sie leidenschaftlich, »Dein Bruder, Klaus –«

Der aufrechte Mann wurde totenblaß. Mit beiden Händen umfaßte er Ursels Haupt und sah ihr mit weitaufgerissenen Augen auf die Lippen, als wollte er sein Schicksal lesen. »Der Christian –?« rief er. »Ursel –? Sprich!«

Da riß sich das Mädchen los, trat mitten unter die Männer und rief ihnen aufjammernd und markerschütternd in die blassen Gesichter: »Er ist erschlagen!«

Ein Tumult brach aus. Ursel Hidde warf sich von neuem an Klaus' Brust und wimmerte: »Auf offenem Markte – vor dem Roland – ermordet –«

Einen Augenblick schienen aller Herzen auszusetzen. Da rief Jerichow flammend: »Das ist das Letzte, Brüder! Das ist das Ende! Nun bleibt noch eins und nichts sonst! Dies frische Blut löscht unsre Namen vom Papier. Ein Schuft, wer jetzt noch von Frieden redet!«

Auch Schadewachten hob tiefernst das Haupt und sprach ihrer aller Schicksal in schweren Worten aus. »Wahrhaftig, Klaus,« sagte er mahnend, »jetzt bleibt dir nur noch ein letzter Gang: an deiner linken Hand die Mutter und in deiner rechten Hand das nackte Schwert, durch Haß und Mord bis zu dem blutigen Leichnam deines Bruders –. Das ist dein und unser letzter Weg auf Erden, das weiß Gott.«

Klaus antwortete nicht dem einen noch dem andern. Er hörte sie kaum. Er blickte unentwegt auf Augen und Lippen der Geliebten und stützte ihre bebende und kraftlose Gestalt. Endlich kam ihr so viel Fassung zurück, daß sie zu erzählen vermochte. Ihr Herz zuckte fühlbar unter den eigenen Worten.

Vor noch nicht allzu langer Zeit war sie durch die plötzliche Rückkehr ihres Vaters und des Berndt von Röxe erschreckt worden, die nach dem Handstreich der Empörer gegen das Gildehaus sich fluchtartig in das Hiddische Haus retteten. Die beiden Männer berieten noch sorgenvoll über die Möglichkeit, sich mit den übrigen Gildebrüdern in Verbindung zu setzen, als sich plötzlich lauter Tumult unter den Fenstern des Hauses erhob. Trommeln und Johlen schallte vom Markt herauf. Ursel stürzte gleich den andern ans Fenster und sah, wie der zusammengerottete Pöbel einen einzelnen Mann frech umdrängte und beschimpfte. Umsonst mühte sich dieser, eine hohe Gestalt in dunkler Gewandung, sich durch den immer wachsenden Volkshaufen hindurchzuarbeiten. Ein Bursche, der wie ein Schlächtergeselle aussah, zerrte ihn frech am Rock. Der Bedrängte machte eine schnelle Wendung, schüttelte den Kläffer ab und schleuderte ihn aufs Pflaster. Im selben Augenblick hatte ihn Ursel erkannt. »Es ist Klaus Bismarcks Bruder!« schrie sie auf und schlug die Hände vors Gesicht. Auch Hidde und Röxe erkannten jetzt Christian und stürzten besinnungslos hinaus, um den schwer bedrohten Jüngling zu retten. Aber ehe sie noch die Haustür entriegeln konnten, hatte sich der Kerl vom Pflaster aufgerafft und von hinten dem Ahnungslosen ein breites Messer in den Rücken gejagt. Christian Bismarck griff taumelnd mit beiden Armen in die Luft, drehte sich um sich selbst und schlug schwer wie eine gefällte Eiche zu Boden, den hündischen Angreifer unter sich begrabend und erschlagend. Zuckend hauchte der ritterliche Junge über dem hingestreckten Meuchelmörder sein Leben aus. Gaffend drängte das Gesindel näher –

Von da an war eine Lücke in Ursels Erinnerung. Das fassungslose Entsetzen hatte sie der Besinnung beraubt. Sie wußte nur, daß sie sich selbst plötzlich unten auf offenem Markt wiedergefunden hatte, wo Christians, Leiche unterm Roland hingestreckt lag. Der Pöbel erkannte kaum die Braut des verhaßten Gildejunkers, als er sie auch schon in wölfischer Gier umdrängte. Sie war allen Roheiten des Packs wehrlos ausgeliefert. – Da plötzlich sah sie den Fremden, den Klaus in seinem Hause beherbergte, wie einen Wächter neben sich stehen. Selbst bleich wie ein Toter starrte er auf den Erschlagenen. Wortlos lud er sich den schweren Leichnam auf die Schulter und faßte Ursels Hand. So schritt er langsam unter seiner Last, bleich bis in die Lippen, durch das Gesindel. Das Pack wurde still im Bann seiner dunklen Augen, wie er schweigend zu Werke ging. Aber stumm und trotzig starrten sie auf ihn und sein Tun und sperrten ihm den Weg. Da sah er sie an: »Einen toten Mann und ein wehrloses Weib führe ich nach Hause. Wer ist so ruchlos, daß er hilflose Kinder und tote Männer schändet? Gebt Raum!« Da wichen sie schweigend auseinander und ließen den Fremden durch. –

Nun wußte Klaus Bismarck um das Schicksal seines Bruders. Ludwig von Wittelsbach hatte umsonst sein Leben in die Schanze geschlagen. Nun blieb nur noch eins. Wie hatte doch Schadewachten vorhin gesagt –? Die Mutter an deiner Linken, das nackte Schwert in der Rechten, durch Mord und Tod –. Wie ein sinnloses Brausen füllten die Worte, die sein Schicksal waren, sein Hirn. Sterben –? Was galt das! Er sah im Geiste Ludwig Wittelsbachs Antlitz, von hoffnungsloser Trauer verdüstert. Da stöhnte er auf. Ihn, den Treuen, verlassen müssen – das war das bittere Ende.

Mit einmal trat der, an den er dachte, leibhaftig durch die noch offene Tür unter die still gewordenen Männer. Er hatte Frau Margarete ihren toten Sohn gebracht. Nun kam er, seinem Freunde zu helfen, der um ihn litt. Sein ritterliches Herz trieb den Fürsten, den Vielgetreuen freizugeben, daß er ohne Reue sein letztes Amt auf Erden, das Rächeramt, üben könne.

Er trat wie das Schicksal selbst schweigend in die Runde der todbereiten Männer und blickte auf Klaus. Das Herz war ihm schwer, als litte er die Verdammnis Gottes in dieser Stunde. Er wußte, daß er sich selbst in diesem Mann preisgab und verlor. Er legte die Hände auf Klaus' Schulter und sagte schwer: »Es ist aus, Freund. Ich halte dich nicht mehr. Frau Margarete weint um ihr mörderisch erschlagenes Kind. Du bist ihr Kind wie er, seit dieser Stunde habe ich kein Recht mehr auf dich. Meine Hand, Gesell! Sie ist noch rot vom Blut deines Bruders und macht dich frei von deiner Treue. Du hast nun noch eine Pflicht auf Erden, danach bleibt für die Zweite keine Zeit. Fahr wohl, Klaus!«

Klaus Bismarck rang wie ein Ertrinkender mit seinen Empfindungen, die ihn in qualvollem Andrang bestürmten. Die menschliche Größe des Markgrafen erschütterte ihn. Im tobenden Aufruhr aller Gefühle brach er aus: » Darum seit Ihr zurückgekommen –? mir das zu sagen? Zurückgekommen, einen toten Mann auf den Schultern, ein Weib an der Hand, waffenlos durch Haß, Mord und Tod – um mich von meinem Worte zu lösen?!«

Ludwig Wittelsbach litt unter der Seelenqual des Freundes wie unter der eigenen. Ihre ebenbürtigen Herzen verstanden sich. Er drückte ihm noch einmal die Hand und sagte schlicht: »Treue um Treue, Klaus! Hättest du anders gehandelt? Ich schlage mich wohl durch. Wozu freilich? Ich weiß es nicht. Vielleicht hilft Gott unsrer Mark, wenn du nicht mehr helfen kannst.«

Er wollte leise gehen, um den andern den Schmerz zu kürzen. Plötzlich stand er still und sah mit wachsendem Staunen auf Klaus. In dessen Antlitz ging jäh eine fremdartige, unvermittelte und beinahe furchtbare Wandlung vor sich. Sein von qualvoller Trauer entstelltes Gesicht schien plötzlich wie eine Maske abzufallen, und darunter kam ein Antlitz wie eine Schicksalsmaske zum Vorschein. Und nun rief er klirrend und in einem jähen Aufruhr des Herzens: »Nein, Herr! Nein! Nein! Das ist nicht wahr! Die Stunde schmiedet mich an Euch. Ich kann nicht anders. Und wenn mich Vater und Bruder vor Gott verleugnen darum – Markgraf Ludwig, ich bin dein Mann von dieser Stunde! Nimm mich! Brauche mich! Ich folge dir, wohin du willst. Ich habe keine eigene Rache, bis ich dich errettet habe, wie ich geschworen habe!«

Die Unwiderruflichkeit eines Entschlusses, der Ungeheures kostete, stand so steinern in dem Antlitz des Mannes, daß dem Fürsten das Herz schauderte. Er wußte, wozu Klaus Bismarck bereit war und wovon er um seinetwillen in dieser Stunde auf ewig ließ. Er zog ihn erschüttert an sich. »Gesell, Gesell!« sprach er leise, »weißt du auch, was du da tust?«

Aber Klaus Herz' ertrug keine weiche Regung. Er machte sich los. Er wußte, was er tat. Er stellte sich an den Schandpranger vor den Augen der Seinen, die nun mit einmal auf ihn starrten, als laste Blutschande auf ihm. Er wußte, warum sie noch schwiegen. Sie hatten wohl gehört, wer der Fremde war. Sie wußten wohl, was Klaus' Worte bedeuteten. Sie schwiegen aus Verachtung. Ihr Schweigen war Schimpf.

Aber Klaus Bismarck wankte nicht in seinem Wollen. Er wuchs in dieser Stunde hinaus über Menschen und Menschensatzung, die so lang für ihn gegolten, und die Gildebrüder verblaßten schemenhaft vor ihm wie Kinder einer toten und abgetanen Zeit, die keine Macht über den Lebendigen hatten.

Riesengroß und gewaltig wuchs etwas Neues vor ihm auf und türmte sich wie ein Sühnedenkmal über dem Leichnam des Bruders. Die Idee des Volkes, dessen Recht über allen Rechten ist, verkörperte sich ihm leibhaftig in der Gestalt Ludwig Wittelsbachs und stand vor ihm wie ein opferheischender Gott. Ihm brachte er sich zum Opfer, sich selbst, sein Leben, seine Rechte und seine Rache. Die Persönlichkeit Ludwig von Wittelsbachs hatte ihm jäh die Größe der Pflicht offenbart, für die dieser Mann zu leben verdammt und gesegnet war, und diese Offenbarung verpflichtete auch ihn, dem der Tod eben noch Pflicht und Ehre schien, an das Leben. Er wuchs über sich und seine Sippe hinaus und wurde einem größeren Ganzen leibeigen und dienstbar: dem Lande, dessen Gedeih und Verderb über dem Leben und Sterben der Einzelnen und ihrer Geschlechter ist.

Laut rief er in das tödliche Schweigen, das um ihn her war, hinein: »Schmäht mich, Ihr Gildebrüder, wenn Ihr müßt! Schmäht mich, wie Ihr wollt! Ich habe kein Recht mehr, mir mein Grab unter den Trümmern meines Vaterhauses zu graben. Ich opfere meine Rache meinem Herrn, der vor Euch steht. Markgraf Ludwig, ich kann nicht anders! Ich bin ein Stück der Mark! Komme daraus, was mag!«

Da löste sich den Herren der Gilde die Zunge. Es war ihnen klar, daß es Klaus furchtbarer Ernst um seine Worte war. Und auch das war klar, daß nur ein Ehrloser oder Wahnsinniger so handeln und reden konnte. Sie riefen ihn beim Namen, als wollten sie ihn wecken, und ohne daß sie es recht wußten, klang sein Name auf ihren Lippen schon wie ein Schimpfwort. »Klaus! Klaus! komm zu dir!« rief es durcheinander. »Du bist von Sinnen, Klaus!« Still hielt der Markgraf die Hand des Mannes, der nun verfemt wurde um seinetwillen, und er fühlte, wie sie warm und kalt wurde in der seinen wie die eines Kranken.

Da tat Klaus das Letzte. Der greise Sluden rüttelte ihn am Arm. Er riß sich los und trat bebend vor seelischer Erregung unter die andern. »Ich bin ganz wach,« sagte er. »Ich weiß, was ich tue.« Er zog den von der Gilde unterschriebenen Pakt aus seinem Gürtel. »Mein Name fehlt noch,« sagte er schwer. »Mir fällt's am schwersten zu unterschreiben. Dennoch tue ich's. Nennt es Schande – ich werde es tragen.« Und griff zur Feder, die noch feucht auf dem Tische lag.

»Klaus, daß die Hand dir dorre!« rief Jerichow und griff nach einem Schwerte, als wolle er sie ihm vom Leibe hauen. Klaus hörte und sah ihn nicht. Noch einmal rief Jerichow wild und schmähend: »Klaus, du tauchst die Feder in das Blut deines Bruders und erkaufst dein Leben!«

Jede Fiber an Klaus Bismarcks Leibe bebte, als er außer sich zurückrief: »Nein, nein, bei Gott! Ich erkaufe mir das Leben nicht! Ich verkaufe es, Gottschalk Jerichow! In mein Blut tauche ich die Feder und verkaufe mich und alles, was an mir ist, an Ludwig von Wittelsbach, den Herrn der Mark!« Er schrieb zu Ende und riß das Papier vom Tische auf. Sein Atem ging schwer und heiß wie in körperlicher Erschöpfung. »Es ist geschehen,« sagte er.

Die andern blickten auf ihn, als wollten sie ihn in Stücke reißen. Er trat ans Fenster und winkte. Eine Trommel lärmte auf, und Stotfalke löste sich aus dem Haufen und schritt auf das Haus zu.

Klaus Bismarck ging zur Tür. Die Gildeherrn wichen vor ihm zurück wie vor einem Aussätzigen. So schritt er hinaus. Am Tore reichte er Stotfalke schweigend das Pergament, das ihn und die Gilde bei ihrer Ehre band, vor Nacht aus Stendal zu weichen. Kurz danach scholl Hohngelächter und Triumphgeschrei von der Gasse herauf. Der Pöbel bejubelte seinen Sieg.

Die Gildeherrn hörten's, und die Scham fraß sich in ihr Mark. Der greise Schadewachten trat dicht vor Markgraf Ludwig und rief grollend: »Herr Markgraf, wenn Euch dieser Mann zum Glück hilft, so lebt kein Gott!« Der Fürst schwieg. Da reckte Jerichow die Faust nach ihm und rief haßerfüllt und drohend: »Fluch Euch, Markgraf! Sterbt an dieser Stunde!«

Klaus Bismarck trat wieder ein. Sein Antlitz war aschfahl. Was er getan hatte, ging über Manneskraft.

Da löste sich Ursel Hidde, die bis dahin ratlos und verständnislos dem Wortkampf der Männer gefolgt war, aus dem Winkel, in dem sie in Verzweiflung kauerte, rang die Hände und rief dem Geliebten in bettelnder Hilflosigkeit zu: »Klaus! Klaus –! Was hast du getan? Klaus, ich verstehe nichts! So hilf mir doch!«

Klaus war am Ende seiner Kraft. Er erfaßte die verschlungenen Hände seiner Braut und sagte bebend in beinahe inbrünstiger Bitte: »Ursel, Vertrauen! Helfen kann ich nicht.«

Da sank das Mädchen zusammen. Ihr Herz war dieser Stunde nicht gewachsen. Sie sah die Schande über dem Haupte des Verlobten zusammenschlagen und fand nicht Trotz noch Kraft zum Vertrauen. Ihre Hände entglitten den seinen, und er spürte einen zehrenden Schmerz in seinem Herzen.

Kurz und hart rief da Jerichow: »Ich gehe. Wer mag noch länger bleiben?« Er wandte sich verächtlich und ging aus der Tür. Wortlos folgte Godin von Sluden. Und so ging einer um den andern.

Draußen wurden die Patrizier mit Trommeln und Hohngeschrei empfangen, wie Besiegte, die durchs Joch gehen. Gellend schallte der wüste Lärm in das stille Zimmer.

Als letzter ging Schadewachten von dem Geächteten. Er zog Ursel Hidde an sich. »Komm mit uns, Kind!« sagte er mit tödlichem Ernst. »Konrad Hidde wird seine Tochter nicht länger hier wissen wollen. Komm mit mir, Kind! Ich spreche statt deines Vaters.« Er stützte die Schluchzende und führte sie halb ohnmächtig zur Tür.

»Bleib, Ursel!« rief Klaus jäh, und sein Schrei klang wie der eines im innersten Mark verwundeten Mannes. Aber Ursel warf sich aufschluchzend an Schadewachtens Brust. Sie hatte nicht die Kraft, Vater und Mutter zu verlassen und am Manne zu hangen.

Die Tür fiel hinter den beiden ins Schloß. Das Hohngelächter der Gasse schwoll von neuem auf. –

Klaus Bismarck war in einen Stuhl gesunken und starrte vor sich hin.

»Gesell, Gesell, das ist zu viel!« sprach ihm Ludwig Wittelsbach in erbarmender Liebe zu. Er rührte sich nicht.

Da beugte sich der Fürst tiefer über ihn und sagte warm und schlicht: »Klaus, ich bin bei dir, heute und immer. Klaus, brauchst du einen Freund?«

Klaus saß stumm und brütend, teilnahmslos und tief in sich zusammengeduckt. Hörte er den werbenden Trost des Freundes?

Mit einmal sprang er wild auf und reckte sich. Er spürte, wie bei dem Zuspruch des andern eine Weichheit über ihn kam, die ihn verderben mußte. Er schrie auf: »Jetzt sind meine Hände leer, Herr Ludwig! Legt ein Schwert in meine Hände und gebt mir Feinde! Einen Freund brauche ich nicht, ich brauche Feinde! Sonst falle ich mich selber an!«

Erschüttert und bittend zog der Markgraf den Verzweifelnden an sich. »Klaus!«

Da warf sich der einsam Gewordene aufschluchzend an die Freundesbrust und ächzte.

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