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Der Kanzler Klaus von Bismarck

Walter Flex: Der Kanzler Klaus von Bismarck - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorWalter Flex
titleDer Kanzler Klaus von Bismarck
publisherC. Bertelsmann Gütersloh
printrun1. Auflage der Feldausgabe
year1943
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectidb51b9ce9
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II.

»Jetzt wähle, Klaus!«

Als Klaus in sein väterliches Haus eintrat, hatte Rule Bismarck den schweren Anfall seiner Herzkrämpfe noch einmal überwunden. Doch gab er sich keiner trügerischen Hoffnung hin. Er sah die vertrautesten der Gildebrüder, er sah Weib und Kind um sich versammelt und wußte, es galt einen Abschied. Der hünenhafte Alte zagte nicht vor dem Tode.

Noch einmal wanderten die großen Augen des Greises im Raume umher, als wollte er sich vor der Reise hausväterlich versichern, daß das Seine wohl bestellt war. Sie glitten an dem gotischen Holzgetäfel der Wände entlang und verweilten noch einmal auf den verblaßten Bildteppichen, die in sie eingelassen waren, sie streiften über Truhen und Schränke und wanderten endlich unter den Menschen, die um ihn waren, vom einen zum andern.

Rule Bismarck litt seinen Tod ohne gierigen Lebenshunger. Ein jeder stirbt in dem, worin er gelebt hat. Der Greis war darin ganz ein Sohn des sterbenden Mittelalters, daß er sich selbst stets nur als Glied einer größeren Gemeinschaft gefühlt hatte. Er empfand in seinem Tode, daß die Gilde den Verlust eines Gliedes duldete, das ihr nachwachsen würde, er litt kaum in sich selber, sondern stand vielmehr mit seinem Herzen unter den Gildebrüdern, die um ihn waren, und sah sein eigenes Sterben mit an, mit einer starkherzigen Trauer, der alle selbstische Weichmütigkeit fehlte. Sein Lebensgefühl überdauerte vorausfühlend den eigenen Tod im bleibenden Leben der Gemeinschaft, in der sich all sein Wesen und Wollen erschöpft hatte. Ein Gildebruder ging in die Fremde. Weiter nichts. Die Gilde würde bleiben.

Am längsten weilte sein Auge auf der Gestalt des alten Godin von Sluden, der ihm lebenslang vor andern lieb gewesen war. Ihre Blicke hatten sich oft in leisem Lächeln gefunden, denn was sie verband, war die innere Heiterkeit gewesen, mit der sie dem Leben zusahen. In Rule von Bismarck ging ein Mann dahin, der gern und viel gelacht hatte. Und auch sein letzter Atem wollte verlächelt sein. Ihn störte im Sterben die tiefschattende Schwermut, die das Gesicht des greisen Gefährten entstellte und fremd machte. Er öffnete die blasse Hand, die auf dem nachtschattenfarbenen Samt der Decke über seinen Knien ruhte, und beugte sich aus seinem Armstuhl vor, dem Freunde entgegen. Sluden kniete bewegt nieder und fügte seine Hand in die des Sterbenden.

»Alter Godin«, lächelte Rule, »was willst du das Lächeln verlernen? Es bleibt alles beim Alten. Rule Bismarck, Godin Sluden, Giso Schadewachten – was heißt das! Schall, Schall, Godin! Kosenamen sind's für kurze Stunden. Der Muttername für uns alle ist die Gilde, die in uns lebt und nach uns. Die alte Gilde hat so viel Namen wie eine Geliebte; was tut's, wenn man einen vergißt, man erfindet zwei neue!«

Aber Godins Züge hellten sich nicht auf. Zu schwer empfand er die Kränkung, die Rule im Sterben litt. Stark war in all den Männern, die das Zimmer füllten, der Sinn für die Würde überkommener Lebensformen, und daß an diesem Sterbenden kein Priester sein Amt übte, galt ihnen bei aller trotzigen Unnachgiebigkeit als Schmach und Raub.

Rule Bismarck wußte wohl, was die andern bewegte. Er empfand im stillen die Herzkränkung wie sie. Aber er suchte sich und ihnen über die Bitterkeit der Stunde hinwegzuhelfen. »Ich sterbe wie ein König,« fuhr er mit wehmütigem Scherzen fort. »Alle Glocken der guten Stadt haben mir zur letzten Fahrt geläutet. Freilich –«

»Nein, kein Aber!« rief Sluden herzlich. »Unsre guten Glocken klangen voll und schön wie immer. Und ob sie sollen, sie können keine Pöbelsprache reden! Es sind ja unsre Glocken, Rule! Auch ein treuer Hund gibt Laut, den man auf den Herrn hetzt, aber nicht in Wut, wie er soll, sondern in stürmischer Freude. So haben dir unsre Glocken geläutet!«

Rule kopfnickte ernst und bedächtig. »Sie haben mir für meinen letzten Weg zu Gott die Kerzen gelöscht.« Er hob das Haupt. »Ich werde den Weg zu Gott auch im Dunkeln finden. Ein Heimweg braucht kein Licht.«

Nun beugte sich der greise Schadewachten zu ihm nieder. »Ganz ohne Licht soll dein Heimweg nicht sein! Ein Kerzlein hat dir die Gilde doch gezündet, zwar ist's nur ein irdisches Lichtlein und leuchtet nach, nicht voraus, aber es gibt doch gute Helle, Rule! Hör, wir haben unter uns getagt und sind einig geworden: Wenn du von uns gehst, soll dein Stuhl in Rat und Gilde nicht verwaisen. Ein Bismarck geht, ein Bismarck soll, bleiben. Da steht dein Erbe!«

Und seine Hand deutete auf Klaus, der nahe dem väterlichen Stuhl am Fenster lehnte und widerstreitende Empfindungen duldete. Jetzt fuhr er auf, und seine Gestalt straffte sich in unwillkürlicher Abwehr. Mit grausamer Klarheit erkannte er die unüberbrückbare Kluft zwischen dem in alten Geleisen beharrenden Geiste dieser Greise, deren Leben sich in ihrer Gilde und Kaste erschöpfte, und den fremden und großen Zielen, die des Markgrafen Worte wie Fackeln aufgehellt hatten. Er wußte wohl, was Schadewachtens Worte zu bedeuten hatten. Die Gewerke liefen Sturm auf die Geschlechter, Sitz und Stimme im Rat der Stadt fordernd, die Kirche selber segnete ihre Waffen –-jetzt gab die Gilde Antwort. Diese Antwort war Hohn: sie hob auf den verwaisten Stuhl im Rat einen Jüngling, dessen Name dem Volk ein feindseliger Streitruf war. Klaus Bismarck fühlte klar, daß er den Geschlechtern Mittel und Waffe war, den offenen Kampf zu entfesseln. Er aber fühlte sich schon als Schwert in der Hand seines Fürsten. Er schwieg ohne Dank und Widerspruch und sah fast angstvoll auf die Lippen des Vaters, als erwarte er von dort die Forderung eines Schwurs, den er nicht leisten und in dieser Stunde doch auch nicht weigern durfte.

Auch Rule durchfuhr die unerwartete Kunde dieser trotzigen Wahl, aber er war des Sohnes zu sicher, um ihm zu mißtrauen. Er richtete sich hoch auf und sah seinen Erben voll an. »Ratsherr von Stendal!« sagte er schwer und wog jedes Wort, »junger Ratsherr, du! Du erbst ein brennendes Haus! Sei feuerfest!«

Dem leidenschaftlichen Gottschalk von Jerichow brannte das Herz. »Ja, Rule,« rief er, »das ist der Kampf! Und der Kampf ist der Sieg! Daß du ihn noch schauen dürftest, Rule!«

Nun blickte der Greis wieder lächelnd auf die stürmische Jugend. »Ich –?« sagte er langsam. »Was bin ich? Die Gilde wird ihn schauen.«

Eine Weile war es still in dem hohen Zimmer. Über den Sterbenden kam es wie eine treibende Unruhe. Endlich wandte er sich den stillgewordenen Freunden zu und sagte herzlich: »Und nun, Freunde, ist der Gildebrüder Rule tot. Ein Vater möchte noch ein paar Worte mit seinem Sohne tauschen. Verzeiht und lebt wohl!«

Noch einmal sammelte er ihrer aller Hände zu still beredtem Abschied in den seinen. Dann ließ er sie gehen. Seine Augen wanderten ihnen nach, bis die Tür sich hinter ihnen schloß. Als letzter ging Godin. Da feuchteten sich doch die Augen Rules, und er wandte sich ab.

»Wer glaubt ihm, daß er stirbt!« sagte draußen Jerichow zu den Freunden. »Ein Herz von Eisen!«

Bei dem Sterbenden blieben nur der Sohn und sein Weib Margarete, die bisher regungslos hinter dem Stuhl des Gatten gestanden und den Abschied der Gildebrüder mit keinem Wort und keinem Seufzer gestört hatte.

Lange sammelte sich Rule, ehe er sprach. Dann winkte er Klaus näher zu sich heran. Er zwang sich zu einem leichten Ton, aber aus der Unruhe, die über Blick und Glieder des Greises kam, sprach eine Erregung, die nicht zu der Stimme passen wollte.

»Jeder Handel,« fing er an, »hat ein Schmäcklein Heimlichkeit, Klaus. Wer wie ich sein ganzes Leben Handel trieb, kann nicht ohne kleine Heimlichkeiten sterben. Komm näher, Klaus! Ich habe eine Heimlichkeit vor dir gehabt bis zu dieser Stunde. Ich habe eine Versuchung vor dir verborgen. Je älter du wurdest, ehe ich sie an dich ließ, um so besser. Die härteste Versuchung ist die zu Torheit und Macht; die habe ich dir verborgen. Aber ehe ich sterbe, sollst du versucht sein. Da, lies das und wirf es ins Feuer!«

Er hatte im Sprechen unter der Samtdecke einen Brief hervorgeholt, an dem ein verkapseltes Siegel hing. Klaus, der ohne Ahnung war, worauf die seltsamen Worte des Vaters zielten, erblaßte jäh, als er das Siegel erblickte. Es trug das Wappen Herrn Ludwigs von Wittelsbach unterm brandenburgischen Kurhut. »Vater,« entfuhr es ihm, »das ist Markgraf Ludwigs Siegel!«

Dem Alten entging die Bewegung seines Sohnes nicht. Seine Stimme schwoll in Groll und Verachtung auf. »Fürstenbriefe an Bürger sind Bettelbriefe, Klaus! Lies, aber lies ohne Ehrfurcht!«

Er beugte sich weit vor, daß der schwere Oberleib in der Erregung leise schwankte, und faßte den Sohn scharf und lauernd ins Auge, während er las. Er sah mit Erbitterung, wie das Blut in Klaus' Antlitz kam und ging. »Lies mit kühlem Kopfe!« rief er dazwischen. »Heißes Blut ist Narrenblut! Nun, was steht in dem Wisch?«

Klaus hatte nicht geahnt, daß der Markgraf schon vorher Hilfe bei seinem Vater gesucht hatte. Nun hielt er mit einmal einen Brief in Händen, aus dem alle Worte aufklangen, die er kurz zuvor auf dem Markt von Stendal vernommen hatte, nur ruhiger und voll kühlen Abwägens; und doch sprach auch aus diesen an den scharf rechnenden Verstand eines Greises gerichteten Worten die gebändigte Leidenschaft eines heißen Willens.

Klaus bog der letzten Frage des Vaters aus, um Zeit zur Sammlung zu finden. »Wann kam dir das ins Haus, Vater?« fragte er schwer atmend.

Immer schärfer trat in dem Greisenantlitz ein herrischer und eigenwilliger Verdruß hervor. Aber Rule hielt an sich, weil er fühlte, daß er mit seinen Kräften kargen müsse. »Vor Wochen, Klaus. Ruhig, Junge, ruhig! Ein abgetaner Handel. Der Wisch wäre längst verbrannt, wenn ich nicht wüßte, daß der markgräfliche Bettler nach meinem Tode von neuem an diese Tür klopfen wird. – Nun, was scheint dir? Was schweigst du? Was schreibt er Großes?«

Klaus kämpfte mit seiner tief wühlenden Erregung und gab mit verstelltem Gleichmut zurück: »Es ist eine Bitte, Vater, aber mir scheint eine Mannesbitte, die nicht schändet.«

Aber schon diese ruhige Antwort brachte das Fieber einer zornigen Erregung über den Greis. Seine buschigen Brauen starrten wie eine Wildnis unter den gefurchten und gefältelten Stirnwülsten. Grollend und schmähend brach die zurückgestaute Flut verächtlichen Hohns von seinen Lippen. »So, so! Sieh da! Ja, ein Bettler wie andre Bettler ist das nicht! Er will nicht wenig von uns, er will alles! Alles, Klaus, was die Geschlechter sich in Jahrhunderten erworben haben, ist ihm gut genug, für einen tollen Handel vertan zu werden! Ist's nicht so?«

Klaus stand schweigend; und hielt den Widerspruch seines Herzens zurück, um den Vater in dieser schweren Stunde zu schonen. Aber gerade sein Schweigen erbitterte den Alten. »Worte, Worte, Klaus! Kluge Worte, listige Worte. Die Mark retten! Ha, wer rettet die Mark! Zweige sind wir am Baum der Mark, schreibt er, goldne Zweige! Im Fallen wird der Baum die goldnen Zweige zerschlagen. Schreibt er nicht so?«

»Wohl.«

»Nein, nicht wohl,« fuhr der Greis jäh auf, »erbärmlich! Glaub diesem Schwätzer nicht, Klaus! Wir sind keine Zweige. Wir sind Wurzeln. Laß den Baum stürzen, wenn er morsch ist. Wir sind Wurzeln und treiben aus uns selbst. Ein Schelm, wer uns entwurzeln will! Schloßgesessen will er uns machen! Ein Lehen geben! Wir treiben Handel, treiben keine Händel! – Die Gilde, die Geschlechter, das sind Worte, die gelten wie ehrliche Münze, aber die Mark und Wittelsbach – Falschmünzer, Klaus! Es gibt keine Mark mehr. Die Mark hat so viel Herren, wie sie Schulden hat. – Weg den Fetzen, Klaus! Fort ins Feuer!«

Er griff in loderndem Grimm nach dem Briefe in den Händen des Sohnes. Der aber zog ihn unwillkürlich mit einer unbedachten schützenden Bewegung, die sein Herz verriet, zurück.

Rule sah es und starrte mit geweiteten Augen auf seinen Erben. Mit einmal wußte er alles. Sein Sohn war schon versucht und der Versuchung erlegen.

Die Enttäuschung des Alten war so furchtbar, daß sie ihn trotz des kraftlosen Leibes aus den Kissen trieb. Halb aufgerichtet, von seinem Weibe gestützt, schwankend mit drohend vorgestrecktem Haupte stand er vor Klaus, und seine Arme hoben sich, als wollte er sein Fleisch und Blut an den Schultern packen und wachrütteln. »Klaus –!« Seine Stimme klang wie dumpfes, gefährliches Drohen. »Junge, her zu mir –! Mir ins Auge geschaut! Du – du kennst den Markgrafen!«

»Vater, um Gott, bleibe ruhig, Vater!« Angstvoll und beschwörend rief es der Jüngling, der die tödliche Erregung des Greises sah. Aber Rule hörte ihn nicht. Er rüttelte den Sohn, der bittend vor ihm kniete, hart und drohend an beiden Schulternd »Gehorsam, Klaus! Gehorche! Die Gilde will nicht. Du hast keinen Willen. Hüte dich! Denk an die Gilde, Klaus! Gehorsam! Sie zählt auf dich. Du darfst sie nicht betrügen – mit meinem Blute!«

Mühsam hielt Margarete Bismarck den schweren Leib, den die Empörung in Stößen erbeben ließ, nieder. Beschwörend rief Klaus: »Vater, ich schwöre dir zu: Ich werde nie tun, was mir nicht Kopf und Herz zu tun befiehlt!«

»Tu, was die Gilde dir befiehlt –!« Wie ein rauher Wutschrei gellte Rules Stimme. »Gib her!«

Widerstandslos ließ jetzt der Jüngling dem Greis den Brief. Rule griff danach und packte ihn mit wildem, gehässigem Griff, er suchte ihn zu zerreißen, aber die Hände versagten den Dienst, rissen kraftlos an dem Blatt, zerknitterten es, ließen es fallen, zuckten krampfhaft auf der samtnen Decke. – Er röchelte und rang qualvoll nach Luft. Die Herzkrämpfe kamen wieder und packten ihn mit gesteigerter Wut.

»Vater, Vater –!« rief Klaus erschüttert und barg sein Haupt unter den hilflosen Händen des Sterbenden. »Segne mich!«

Aber Rule Bismarck hörte nicht mehr. Sein Leib bäumte sich auf und fiel zusammen. Seine Augen brachen. Leise fuhr Frau Margarete über die toten Lider –

Es war eine schwere Stille –

Endlich hob der Jüngling das Haupt und sah schmerzvoll zu seiner Mutter auf. »Mutter,« stöhnte er, »ich habe ihn getötet –«

Eine Welt voll Liebe und mütterlichen Verstehens lag jetzt in Blick und Haltung Frau Margaretens, als sie den unter der Wucht der Selbstanklage zusammenbrechenden Sohn zu sich emporzog. Bisher hatte sie geschwiegen, und nur ihre großen Augen hatten bei den Reden der Männer mitgesprochen. Diese Augen, die denen des Sohnes seltsam glichen, litten sichtbar unter jedem Worte und wechselten bei aller Ruhe der hohen Gestalt unruhig und qualvoll den Ausdruck. Sie lagen in mitleidiger und hilfloser Sorge auf dem Gatten und wanderten immer wieder in grenzenloser Liebe zu ihrem Sohne.

Jetzt sprach sie. Ihre Stimme klang tief und voll, und eine beruhigende, linde Kraft ging von ihr aus. Ihre Hände lagen auf dem gebeugten Haupte des Knienden, als wollte sie ihn statt des Vaters segnen. »Geh deinen Weg, mein Kind! Du kannst nicht mehr noch weniger. Das weiß ich. Ich sehe viel voraus. Dein Weg wird schwer und voll Haß sein. Du mußt ihn dennoch bis zu Ende gehen. Steh auf, mein Sohn!«

Und sie zog den Knienden, der in inbrünstiger Dankbarkeit zu ihren verstehenden, mütterlichen Augen aufsah, an ihr starkes Herz, als wollte sie ihm Kraft geben.

Lange gab sich Klaus der Geborgenheit der mütterlichen Umarmung hin und fühlte sich innig eins mit der Frau, die Spenderin und Behüterin seines Lebens war.

Dann schrak er auf. Es klopfte. Als er die Tür öffnete, traten Schadewachten, Sluden, Jerichow und mit ihnen Ursel Hidde in mühsam niedergehaltener Erregung ein. Frau Margarete hob leise die Hand. Da gewahrten sie den Toten, bekreuzten sich und beteten still auf den Knien. Endlich erhoben sie sich, und nun erfuhr Klaus, was sie noch einmal hierher trieb.

Konrad Hidde hatte nach seinem Abschied von Rule in der Stadt durch einen Parteigänger erfahren, daß die Geistlichkeit von der jähen und hoffnungslosen Erkrankung des alten Bismarck Nachricht habe und beschlossen habe, die trotzige Seele des Mannes in ihrer Schwachheit noch einmal zu bestürmen und zur Buße zu zwingen. Auf dem Sterbebett unter den ernsten Augen des Priesters, der die Sakramente spenden und verweigern, die Tore des Himmels und der Hölle entriegeln und verriegeln konnte nach seinem Willen, hatte schon mancher Reue und Demut wiedergefunden, die er seit Kindertagen verlernt zu haben glaubte. Hidde erkannte, daß schleuniges Handeln nötig sei, um den Sterbenden und die Seinen vor einem plumpen und trotz aller Aussichtslosigkeit des Versuches quälenden Überfall zu bewahren. Eilends hatte er Ursel zu Frau Margarete geschickt, um sie auf den Anschlag vorzubereiten. Er selbst eilte von Haus zu Haus zu den Gildebrüdern, um sie zu Beistand und Zeugenschaft in so gewichtiger Stunde zu rufen. Schlössen jetzt, woran nicht zu zweifeln war, die Geschlechter das Tor des Bismarckschen Hauses vor aller Augen vor dem Priester und ließen ihren greisen Führer im Banne unbußfertig und unversöhnt dahinfahren, so war der Kampf bis aufs äußerste entfesselt und jeder Weg zur Verständigung abgeschnitten. Dieser Kampf, der zu rascher Entscheidung führen mußte, schien Konrad Hidde besser als ein faules Markten und Hadern durch Jahr und Tag.

Auf ihrem Wege zu den Bismarcks war Ursel den Freunden des Vaters begegnet, die eben erst das Sterbehaus verlassen hatten. So kehrte sie mit ihnen zurück.

Das Gerücht von den Absichten der Geistlichkeit war aber nicht nur zu den Gildeherrn gedrungen, sondern hatte sich mit fliegender Eile durch ganz Stendal verbreitet. In gewaltiger Erregung sammelte sich das Volk, das eben noch in St. Marien mit kaum unterdrücktem Jubel den Bannspruch angehört hatte, in den Gassen und strömte vor dem Bismarckschen Hause zusammen, um Zeuge von Demütigung oder Verdammung der Geschlechter zu werden.

Mit erregtem Flüstern tauschten die Gildeherrn im Sterbezimmer Rules Nachrichten und Meinungen. Die Gegenwart des Toten dämpfte den Eifer und steigerte den wuchtigen Ernst der entscheidungsschweren Stunde. Wortlos stand der Sohn des Toten, während die andern auf ihn einsprachen. Seine Lippen waren zusammengepreßt und seine Brust hob sich schwer. Er trat, ohne Antwort zu geben, ans Fenster und sah auf die Gasse. Wohl, da rottete sich das Gesindel zusammen, als gälte es ein Leichenbegängnis zu bestaunen. Ekel und feindseliger Abscheu packten ihn, aber der Wille zur Selbstbeherrschung siegte. Endlich redete er, und nur das Zucken der Lippen sprach von seiner inneren Erregung. »Wissen sie nicht, daß mein Vater tot ist?«–

»Was tut's –?« sprang es schneidend von Jerichows Lippen. »Rule Bismarck ist der Versuchung entrückt, so wird der Pfaffe – seinen Sohn versuchen!«

Klaus verstand. Die Kirche konnte den Gegner noch im Tode beschimpfen, konnte ihm die Ruhestatt neben Vätern und Brüdern verweigern. Er nagte die Lippen.

Schadewachten glaubte zu wissen, was in dem jungen Herzen vorging. Er legte Klaus die Hand auf die Schulter und deutete auf den Leichnam Rules. »Laß sie ihr Ärgstes tun,« sprach er. »Der Tote liegt in Ehren, wo du ihn auch betten mußt!«

Klaus schwieg noch immer und grübelte. Er wußte, was die Freunde wortlos von ihm heischten. Er sollte dem Priester die Tür weisen und den Kampf entfesseln, auf den man gerüstet war. Die Lage war nur zu klar. Kam es jetzt zum unversöhnlichen Bruch mit der Kirche, sah das Volk, wie die Geschlechter ihr totes Oberhaupt in ungeweihter Erde verscharren mußten, so würde bare Ehrfurchtlosigkeit auch die Zahmsten und Zagsten zu frecher Unbesonnenheit verlocken. Die Führer, die im geheimen längst zum blutigen Aufruhr geschürt hatten, würden, übermütig durch die Bundesgenossenschaft der Kirche, offen zum Kampfe rufen. Und die Gilde wartete nur darauf, daß die Häupter der Gewerke sich eine sichtbare Blöße gäben, um sie zu ergreifen und dem Henker zu überantworten. Dann mochte die führerlose Meute sehen, wie weit sie käme.

Der junge Ratsherr sah die Kette der künftigen Ereignisse klar vor sich. Kam es so, wie die Gilde wollte, so gab es auch für ihn nur ein Schicksal: Er mußte in der blutigen Stünde der Entscheidung bei den Brüdern ausharren. Und indessen ging Herr Ludwig Wittelsbach zugrunde –-

Er schwieg noch immer.

Da furchte sich des alten Schadewachten Stirn, und er sprach ernster als vorhin: »Klaus, heute macht die Gilde ihr Recht geltend an Rules Kind. Vergiß das nicht im Schmerz um eigene Schmach. Du bist durch unsern Willen Ratsherr und Aldermann der Gilde anstatt des Vaters trotz deiner Jugend. Das ist nicht umsonst. Du sollst den Kampf, den wir wollen, entfesseln, und die Stunde ist da. Schließ deine Tür vor dem Bischof; laß den Bischof an deiner Türe klopfen und sei taub, laß es alle sehen, die sehen wollen, und mache die Gasse zum Zeugen unserer Kampfansage. Die Gilde will's, und so willst auch du's.«

Da reckte sich die Entscheidung von Klaus auf, die er so lange kommen sah. Aber nun fiel sie ihm leichter, als er gedacht hatte. Der Augenblick der Tat gab ihm Kraft wie allen großen Naturen. Er richtete sich auf, und sein Haupt glitt schwer und langsam in den Nacken. Groß und unerbittlich ruhte sein Auge auf den ungeduldig fordernden Augen der Gildeherrn. »Nein,« sprach er fest. »Da irrt Ihr, Brüder. Das will ich nicht wie Ihr.«

Fassungslose Verblüffung machte die Männer stumm. – So sehr lebten sie in dem Geiste strenger, ständischer Geschlossenheit ihrer Zeit, daß der eigene Wille, der sich dem Ganzen entgegenstemmte, als Schmach und Hochverrat empfunden wurde. Die Greise wurden blaß, und dem jungen Jerichow fuhr das rote Blut wie eine Feuergarbe über Stirn und Wangen.

Kaum vermochte die Gegenwart des Toten ihre leidenschaftliche Erbitterung zu zügeln. Klaus wußte wohl, was in ihnen vorging. Er sah ihre Augen mit einmal fremd und feindlich auf sich ruhen wie auf einem Abtrünnigen und Verräter. Das Blut schoß ihm in die Stirn, und er sprach rasch: »Versteht mich recht! Was Ihr wollt, will ich nicht. Ich kann es nicht. Aber Unterwerfung will ich auch nicht, so wenig wie Ihr. Ich will eine Versöhnung in Ehren, wenn sie möglich ist. Und darum will ich verhandeln, ehe ich handle.«

Mitten in seine Worte dröhnte der Schlag des eisernen Klopfers am Haustor, und Schadewachten, der dem Fenster nahe stand, sprach aus, was alle fühlten: »Der Bischof.« Hätte er's nicht gesagt, alle hätten es doch gewußt, denn der summende Lärm von der Gasse her war plötzlich in atemlose Stille umgeschlagen.

Klaus erblaßte unter der Unerbittlichkeit des Augenblicks. Das Bitterste für ihn war, daß ihm nicht einmal Zeit blieb, den Freunden seine innersten Gründe zu enthüllen. Was er zu sagen hatte, ließ sich nicht in jagenden Worten aussprechen. Er mußte handeln, ohne sich ihnen erklären zu können. »Freunde,« sprach er noch einmal, »habt Vertrauen! Warum ich Euch nicht folge, davon ist lang zu reden. Davon ein andermal. Ihr sollt alles wissen. Dann urteilt! Heute nicht! Heute habt Vertrauen!«

»Nein,« schrie Jerichow, »ich kann nicht! Der Friede ist die Schande!« Der Tote war vergessen, aber sein Sohn und Erbe spürte doppelt den beschimpfenden Haß neben der Leiche des Vaters.

»Willst du das Schulhaus niederreißen, das dein Vater gebaut hat?« zischte Jerichow feindselig und höhnisch dicht an seinem Ohr. Klaus sah an ihm, der ihn beschimpft hatte, vorbei und griff nach Sludens Hand. »Sei gewiß,« sprach er mit einem herzgewinnenden Klang bescheidener und doch fester Bitte zu dem väterlichen Freunde, »ich reiße nichts nieder, was mein Vater gebaut hat. Glaube mir das! Aber bietet der Bischof, wie ich glaube, für leichte Kirchenbuße den Frieden, so will ich nicht den Kampf.«

Aber auch in Sludens Blick las er nur eine halb traurige, halb verächtliche Ablehnung. Da schwieg er. Sluden faßte ihn an den niederhängenden Armen und rief beschwörend, als wollte er ihn wecken: »Klaus! Klaus! Das ist ja nicht möglich! Denke an deinen Vater, Klaus!«

Gequält blickte der Jüngling um sich und bat noch einmal: »Habt Vertrauen, Freunde!«

In dem Augenblick trat Jörg, der Knecht, ein und meldete den Bischof an. Drohend trat der Älteste der Gilde, Schadewachten, zwischen den Knecht, der auf Bescheid wartete, und seinen jungen Herrn. »Jetzt wähle, Klaus! Er oder wir. Willst du den Bischof einlassen, so laß uns erst hinaus. Wähle!«

Klaus sah ihn fest an. »Ich wähle nicht. Ich handle, wie ich muß, und bitte Euch um Vertrauen.« Und er winkte Jörg, den Bischof einzulassen.

Schadewachten erblich, und seine Stimme zitterte. »Dann bleibt für uns keine Wahl. Wir weichen.« Und er wandte sich um und ging aus der Tür.

Die andern folgten. Sluden blieb noch einen Augenblick an Rules Leiche stehen und blickte, die Hand auf dem grauen Haupte des Dahingeschiedenen, auf dessen treulosen Erben. Dann ging auch er.

Jerichow griff in rasender Erbitterung in das Holz der Tür, als wollte er eine Waffe herausbrechen. Zähneknirschend stieß er hervor: »Ich traue dir nicht, Klaus! Ich traue dir nicht!« und warf die Tür des Sterbezimmers hinter sich zu.

Starr und blaß stand der junge Rat der Markgrafen und sah die alten Freunde scheiden. Ein Riß klaffte auf, der vernarben, aber nicht mehr verschwinden konnte.

Margarete Bismarck hatte schweigend alles mit angesehen, und ihr Blick war nicht um Augenblicksdauer von dem Antlitz des Kindes abgeglitten. Sie kannte seinen Weg nicht, aber sie sah, daß er in Einsamkeit führte. Und sie kannte das Herz des Sohnes. Sie wußte, er tat, was er tun mußte. Darum tat er recht. Sie störte ihn mit keiner Frage. Er würde reden, wenn es ihn zu reden trieb.

Ursel Hidde hatte den unerklärlichen Auftritt ratlos und verstört wie ein verzweifeltes Kind mit angesehen. Ihre Augen waren mit bettelnden Fragen zwischen den Hadernden hin- und hergegangen. Jetzt, da es so seltsam still im Zimmer geworden war, kam sie bleich und zitternd zu dem Verlobten. Ihre Knie zitterten und drohten zu brachen. Sie schloß die Arme Halt suchend um seinen Hals und sah ihn bittend und fragend an. »Klaus, bist du noch der, der du warst? Klaus, bist du noch derselbe, den ich heut' morgen vor St. Marien sah und hörte –?«

Herzlich und hilfreich umschloß Klaus mit seinen großen Händen ihr blondes Haupt. »Derselbe nicht mehr, Ursel,« sprach er leise, »aber auch kein Schlechterer. Glaubst du mir das?«

Die Tränen stiegen dem Mädchen in die angstvollen Augen. »Ich muß wohl, Liebster!« antwortete sie bebend und barg ihr Haupt an seiner Brust.

Frau Margarete löste das Mädchen leise und mütterlich aus der Umarmung des Sohnes und führte sie zur Seitentür. Sie wußte, daß Klaus ohne Zeugen mit dem Bischof zu reden verlangte.

Der Sohn folgte der Mutter mit den Augen. Plötzlich wurde er sich bewußt, wie sehr ihn in dieser bösen Stunde ihre schweigend vertrauende Gegenwart gestärkt hatte. Das Herz brannte ihm in zärtlicher Dankbarkeit. Er tat einen Schritt nach ihr, beugte sein junges Haupt über ihre Hand und küßte sie. »Mutter,« sagte er leise, »Mutter, warum verstehst du immer, was mir not tut?«

Voll und warm ruhte der Blick der Mutter auf ihrem Sohn. »Wenn die Mütter den Söhnen nicht mehr vertrauten,« sprach sie schlicht, »was wäre die Welt noch wert!« Und sie ging hinaus, gefolgt von seiner aufwallenden Liebe. Wußte sie, wieviel sie ihrem Kinde in dieser Stunde gegeben? Voller Ruhe sah Klaus dem eintretenden Bischof entgegen. Der erste bittere Schritt auf seinem Wege fiel ihm nicht mehr so schwer.

In dieser Stunde schloß Klaus von Bismarck seinen Frieden mit der Kirche und machte seine Hände frei für den Dienst seines Fürsten.

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