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Der Kampf um Rom

Ricarda Huch: Der Kampf um Rom - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kampf um Rom
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1907
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDer Kampf um Rom
pages371
created20171222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Giovannara hatte ein Wirtshaus in der unteren Stadt von Neapel, wo hauptsächlich Fischer, Matrosen und kleine Leute, aber wegen des Rufes, den die Frau, ihr Wein und ihre Küche genossen, auch zuweilen Herrschaften verkehrten. Sie war Witwe und hatte zwei Kinder an einer ansteckenden Krankheit verloren; seit dieser Zeit war sie zu keinem Manne mehr in dauernde Beziehungen getreten, sondern hatte Lieblinge, die sie dann und wann wechselte und die keinerlei merklichen Einfluß auf sie ausübten. Ihre Kunden erlaubten sich nicht leicht, auf diese Verhältnisse anzuspielen, überhaupt wurde es meist nicht bekannt, wer sich ihrer Gunst erfreute, außer wenn sie selbst in einer mutwilligen Laune es verriet. Das 206 braune Gesicht von fremdartiger Wildheit, in das die Augenbrauen wie ein Stirnband von schwarzem Eisen gezeichnet waren, hatte für gewöhnlich einen düsteren Ausdruck, wenn sie sprach oder lachte, konnte es von toller und barbarisch selbstvergessener Lustigkeit funkeln. Am lieblichsten sah man sie mit einem kleinen Affen umgehen, einer niedlichen Meerkatze, der meist auf ihrer Schulter saß und gegen jeden die Zähne fletschte oder sonst Zeichen der Mißbilligung von sich gab. Er wurde von den Leuten als eine Art Kobold betrachtet und nicht mit Unrecht gefürchtet; seiner Herrin aber war er mit der zärtlichen und zugleich anspruchsvollen Ergebenheit eines Kindes zugetan.

Von der Tatkraft und dem Einfluß der Giovannara erzählte man sich allerlei Geschichten: so hatte sie einmal einem kleinen Buben Meerfrüchte abgekauft und sie ihm, da er ihr wegen seiner Schönheit gefiel, reichlicher als gebräuchlich war bezahlt. Als nun die Männer, die ihr für gewöhnlich Fische und andre Erzeugnisse des Meeres lieferten, eine Abgabe von dem Jungen verlangten, leistete er sie, verschwieg aber, daß er mehr als das Uebliche von ihr erhalten hatte. Nach einiger Zeit kamen sie dahinter und beanspruchten einen nachträglichen Zuschlag, und da er nicht darauf eingehen wollte, prügelten sie ihn, worauf er zu seinen Angehörigen flüchtete und ein Kampf sich entspann, bei dem Blut floß und noch mehr vergossen wäre, wenn nicht die Giovannara, die dazu kam, Ruhe geboten hätte. Die brutalen und habgierigen Männer ließen auf ihren Befehl sofort vom Streite ab und fügten sich ihrem Schiedsspruch, daß der Kleine künftig eine Abgabe von dem üblichen Preise seiner Ware zahlen sollte, nicht aber von dem, was sie ihm darüber hinaus, freiwillig aus Wohlgefallen, an dem sie keinen Teil hätten, geben würde.

Ein andermal, beim Regierungsantritt des jungen 207 Königs Franz, war unter ihren Gästen ein Advokat gewesen, der nicht wie die Fischer eine weiße Nelke oder andre weiße Blume an sich getragen hatte, was als ein Zeichen der Königstreue galt. Als diese, dadurch gereizt, ihn zwingen wollten: Es lebe der König! zu rufen, und er sich weigerte, bedrängten sie ihn so sehr, daß er sich an die Giovannara wendete. Sie stellte sich auf des Advokaten Seite, indem sie sagte, man könne noch nicht wissen, was an dem neuen König sei; da er gar so häufig beichte, müsse er wohl viel auf dem Gewissen haben, was einen der Streitenden zu einer zweideutigen Bemerkung über ihre Begünstigung des Advokaten veranlaßte. Sie gab ihm sofort eine Ohrfeige und forderte ihn auf, ihr Haus zu verlassen; da er sich widersetzte, winkte sie seinen Genossen, ihn hinauszuwerfen, was sie nach kurzem Zögern, durch ihren drohenden Blick überwunden, taten.

Ueberhaupt wurde sie in andern Wirtshäusern beschuldigt, nicht königlich zu sein, wohingegen sie behauptete, keiner Partei anzugehören. Wie aber die ersten Nachrichten von der Landung Garibaldis in Sizilien nach Neapel kamen, erklärte sie sich für ihn und fing an, nach ihren Kräften für ihn zu arbeiten. Ihre Gäste wetteten mit ihr, ob er die bourbonische Armee besiegen würde, ob er Palermo nehmen und ob er sich darin würde halten können, wobei sie stets darauf hielt, daß ihm alles gelänge, und infolgedessen jedesmal gewann, so daß er vielen ein Geschöpf ihres Glückes zu sein schien. Noch war sein Name in den amtlichen Berichten der Regierung, die ihn nur als einen berüchtigten Seeräuber bezeichnete, nicht genannt, als die Giovannara schon eine rote Jacke trug und auch dem Aeffchen einen roten Fetzen um den Leib wand. Als der König, um die Neapolitaner für sich zu gewinnen, an den Mauern anschlagen ließ, daß 208 er die Verfassung des Jahres 1848 verleihen wolle, wachte sie darüber, daß die von den Patrioten in Umlauf gesetzte Verhaltungsmaßregel, mit würdiger Nichtbeachtung an der Bekanntmachung vorüberzugehen, zur Ausführung kam. Im niederen Volke waren einige geneigt, dem Könige die Nachgiebigkeit gegen die Liberalen zum Vorwurf zu machen, andre ihm dafür Ovationen zu machen, doch bei den meisten gewann die Spottlust die Oberhand.

Eines Tages kam die Giovannara aus der oberen Stadt mit einem Bilde Garibaldis zurück, das ihn in roter Bluse, mit blauen Augen und rotblondem Haar farbenprächtig darstellte. Sie zeigte es mit Stolz und schickte sich an, es an Stelle eines Königsbildes, das an der Wand hing, zu befestigen. Der Affe, der arglos auf dem Fußboden saß und mit Nüssen spielte, kam neugierig näher, und als die Giovannara das Bild des Königs herunterfallen ließ, fing er es auf, betrachtete es aufmerksam, riß es mitten durch und putzte sich damit unterhalb des Schwanzes, worauf er es mit einer verächtlichen Bewegung seiner langen schwärzlichen Finger wegwarf. Diese mit Feinheit und Anmut ausgeführte unanständige Handlung begeisterte die Anwesenden: das Aeffchen wurde auf den Tisch gesetzt, mit Leckerbissen gefüttert und der kleine Garibaldiner genannt, während die Giovannara unbändig lachte und jauchzte und dadurch die Stimmung erhöhte. Seitdem belustigten sich die Gäste damit, Bilder des Königs mitzubringen und sie von dem Affen in der erwähnten Art mißhandeln zu lassen, was er mit immer neuer Possierlichkeit tat. Wer es mit angesehen hatte, war von der Lächerlichkeit und Untauglichkeit des Königs überzeugt.

Die gebildeten Kreise, die im Strome einer längst bestehenden Revolution vorwärts trieben, beharrten 209 dabei, die liberalen Verfügungen und Versöhnungsversuche des Königs durch Nichtbeachtung zu entkräften. Infolgedessen fanden die Emigranten, als sie nach der Amnestie aus Turin zurückkehrten und sich daran machten, den König zu stürzen, bevor Garibaldi komme, niemand dazu geneigt und in allen Schichten der Bevölkerung keine andre Erregung als die Spannung, Garibaldi erscheinen zu sehen und seine Taten zu erleben. Immerhin gewannen sie einigen Anhang und riefen dadurch eine Spaltung unter den Patrioten hervor, von denen die Mehrzahl zwar mit dem Anschluß an das Königreich Sardinien einverstanden war, ihn aber durch Garibaldi vollzogen wissen und sich ruhig verhalten wollte, bis der Mann des Schicksals käme und geböte. Auf den hohen Adel jedoch machte die Tatsache, daß der Minister Viktor Emanuels selbst Schritte tat, um sich unter der Hand in Neapel festzusetzen, einen bedeutenden Eindruck, und viele, die den Glauben an das Glück des Bourbonen verloren hatten, reisten schleunig ins Ausland, um sich auf Umwegen dem König von Sardinien zur Verfügung zu stellen.

Es waren drei Männer, die Cavour an die Spitze der von ihm eingefädelten Verschwörung gestellt hatte: der Admiral Persano, dem der neuerdings erteilte Auftrag sehr unerwünscht war, Villamarina, der sardische Gesandte am Hofe von Neapel, und Baron Nisco. Villamarina war nicht weniger betrübt als Persano über die Politik des Grafen, dem er vergebens vorzustellen suchte, daß, wenn man auf Garibaldi warte, nichts verloren sei, vielmehr wahrscheinlich alles ruhiger und besser verlaufen würde, als wenn man eine Revolution erzwänge, abgesehen davon, daß es schwerlich gelingen würde. Er war ein Mann von überaus verletzlichem Ehrgefühl, und es war ihm peinlich, gegen den König von Neapel, bei dem er 210 als Gesandter beglaubigt war und mit dem seine Regierung in Verhandlungen wegen eines Bündnisses stand, Verschwörungen anzuzetteln. Er verstehe, sagte er zu Persano, die meisterhafte Feinheit der Pläne des Ministers, aber es sei nicht einem jeden gegeben, Handlungen vorzunehmen, die durchaus der Heiligung durch einen großen Zweck bedürften, um nicht verräterisch genannt werden zu müssen. Außerdem hatte er eine hohe Meinung von Garibaldi, worin ihn der Graf Persano bestärkte. Garibaldi, sagte er, sei der liebste und angenehmste Mensch, den er kenne, redlich bis zur Schwärmerei; man würde ihm lieber zur Hand gehen, als ihm Steine in den Weg legen. Baron Nisco, mit dem sich diese beiden nach dem Wunsche Cavours in Verbindung setzen mußten, war ein Mann von anderm Schlage, mit einer natürlichen Neigung zu Umtrieben behaftet, die er bisher hatte unterdrücken müssen, weil er aus Tradition der Familie und aus Vorsicht immer der Regierungspartei angehörte. Die von der Spitze befohlene Verschwörung kam seinen innigsten Wünschen entgegen, und er glühte vor Ungeduld, die unterirdischen Gänge zu graben. Von den Bedenken der beiden andern Herren teilte er keine. Garibaldi müsse man zeigen, daß man seiner nicht bedürfe, damit er sich nicht zu viel einbilde. Der junge König von Neapel sei ein Duckmäuser, ahnungslos und erschrocken, der von hundert Möglichkeiten zu handeln am liebsten alle zugleich wählen würde, um das Richtige zu treffen, seine Brüder und Oheime wären hohle Figuren, die sich schieben ließen und sich mehr oder weniger pfauenhaft dabei gebärdeten; es sei ebenso löblich wie leicht, mit ihnen aufzuräumen. Um eine Revolution herbeizuführen, brauche man erstlich Geld, womit sie reichlich versehen seien, ein paar zündende Worte in die stets empfängliche Masse geworfen, schließlich müsse zur rechten Zeit ein Schuß 211 fallen und etwas Blut fließen, wodurch die Wut des Volkes entfesselt würde, die gescheite Männer dann leiten könnten, wie und wohin sie wollten. Wirklich kostete es ihn keine Mühe, das Geld anzubringen; denn viele Tagelöhner, Angestellte, Kutscher und Lazzaroni nahmen es, indem sie schwuren, sich, wann immer man wolle, zusammenzurotten, es lebe Viktor Emanuel zu rufen, Häuser zu belagern und zu plündern. Mit Hilfe der Emigranten gelang es auch, einen Mann zu finden, der sich bereit erklärte, den ersten Schuß zu tun; es war ein Zollbeamter, der, durch Bestechung von Schmugglern bereichert, eine Wohnung in der Hauptstraße Neapels hatte beziehen können; in dieser aber sollte der Aufstand nach dem Urteil des Baron Nisco beginnen. An dem bestimmten Tage hielten sich Villamarina und Graf Persano in einem an der Hauptstraße gelegenen Hotel auf, Villamarina gebeugt und trostbedürftig, der Graf nicht ohne menschliche Teilnahme an den bevorstehenden Ereignissen. Baron Nisco ritt die Straße hinunter und wurde auf ein von ihm selbst gegebenes Zeichen von mehreren Eingeweihten mit dem Rufe: Es lebe Viktor Emanuel! begrüßt, in welchen die bereitstehenden Aufständischen drohend einstimmten, so daß die zufällig Vorübergehenden aufmerksam wurden und neugierig stehen blieben. Während Baron Nisco für die Begrüßung mit geeigneten, zur Tat reizenden Worten dankte, fiel der verabredete Schuß und traf einen Mann, der Stiefelwichse verkaufend und anpreisend unvorbereitet daherkam. Dieser Unglücksfall veranlaßte einen Auflauf, es wurde noch einige Male geschossen, und ein Haufen Menschen versuchte in das Haus einzudringen, aus dem der Schuß gefallen war, fand es aber verschlossen. Alles war im besten Gange, als die kürzlich gebildete Nationalgarde anrückte, vor welcher die Aufrührer nach kurzem Besinnen 212 auseinanderstoben, so daß nach Verlauf einer Stunde von der Revolte keine Spur blieb und die Regierung den Vorfall als ungeschehen betrachten konnte.

Villamarina und Graf Persano begrüßten den glücklichen Ausgang des Konfliktes aufatmend mit erleichtertem Gemüte, ohne sich aber dessen lange erfreuen zu können, denn Baron Nisco war nicht entmutigt, sondern mehr als zuvor erpicht, die große Handlung herbeizuführen und bereits voll neuer Verschwörungspläne. Es sollte in dieser Zeit der Todestag des Guglielmo Pepe gefeiert werden, des bekannten neapolitanischen Generals, der, ein Haupt der Liberalen, durch die Verteidigung Venedigs berühmt geworden und vor einigen Jahren im Auslande gestorben war. Bei dieser Gelegenheit konnten und mußten verfängliche Reden gehalten werden und versammelten sich viele Menschen, die sich dem Anlaß entsprechend in revolutionärer Erregung befinden würden. Der Anlaß aber sollte auf folgende Weise gegeben werden: es lag im Hafen ein piemontesisches Schiff, auf dem sich piemontesische Bersaglieri befanden, deren sich nach Cavours Absicht seine Beauftragten bei Gelegenheit bedienen sollten. Da nun an dem Feiertage auf den Plätzen Musik spielen und spaziert werden würde, sollte einer der Bersaglieri sich mit einem hübschen Mädchen einlassen, damit die leicht gereizte Eifersucht der Südländer einen Wortwechsel und Zusammenstoß veranlaßte. Dieser würde durch die Beleidigung eines piemontesischen Soldaten, dessen Kameraden auf seine Seite treten müßten, von selbst ernsthaft werden und einen politischen Charakter annehmen.

Der Gedenktag fiel in den August; seit mehreren Tagen wütete die Hitze. Neapel mit seinen Bergen und dem Meere selbst schien in Flammen zu stehen und rötlicher Dunst sich über dem ungeheuern Scheiterhaufen zu sammeln. An dem Tage als die 213 Revolution ausbrechen sollte, gewitterte es schon in der Frühe; aber es fiel kein Regen, und die Schwüle wurde nur drückender. In das Wirtshaus der Giovannara kehrten mehrere von den eben aus Palermo zurückgekehrten Soldaten ein und erzählten allerlei, was sie von der Großmut und Unbesiegbarkeit Garibaldis gehört hatten. Als sie, um sich einzuschiffen, an ihm vorübergezogen wären, hätte er ihren Gruß freundlich erwidert und ihnen lächelnd zugerufen: Auf Wiedersehen in Neapel! und sie zweifelten nicht, daß er sein Wort wahr machen würde. Man warf ein, daß die Flotte des Königs in der Meerenge kreuzte, und daß die kalabrische Küste von vielen Truppen besetzt sei; aber die Soldaten entgegneten, wer ihn nicht sehen solle, werde mit Blindheit geschlagen, wie es zugehe, wüßten sie nicht, er sei zugleich hier und dort, nur da nicht, wo man ihn suche. Ob er ein Heiliger oder ein Teufel sei, etwas Dämonisches sei in ihm und wende die Sterne nach seinem Willen. Die Giovannara setzte ein volles Glas schwarzen Weines an den Mund, leerte es und rief: Auf daß er komme! und schwur, demjenigen eine Handvoll Dukaten zu schenken, der zuerst die Botschaft brächte, daß Garibaldi das Festland betreten habe.

Inzwischen war es durch das zudringliche Benehmen einiger Bersaglieri gegen ein Mädchen zu einem Tumult gekommen, der den Festplatz mit Geschrei erfüllte, ohne daß die Musik zu spielen aufhörte. Von den Banden von Nichtstuern, die mit dem Gelde des Baron Nisco angeworben, die Stadt durchzogen, um die Revolution in Gang zu bringen, kam eine in das Wirtshaus der Giovannara, wo sie von draußen die bourbonischen Soldaten gesehen hatten. Sie fingen sogleich an, diese als geschlagene Feiglinge zu verhöhnen, und waren mitten im Streite, als einige von ihnen das Aeffchen bemerkten, das auf den Tisch 214 gesprungen war und dem Raufhandel wehmütig, doch nicht ohne Verständnis zusah. Ein hübscher junger Mensch mit bleichem Gesicht und schwarzem Haar machte eine drohende Bewegung gegen den Affen, die er augenblicklich genau nachahmend erwiderte, worauf der Bursche plötzlich mit Bezug auf die rote Schärpe, die das Tier trug, ausrief: »Er ist ein Garibaldiner!« und mit Wucht sein Messer nach ihm warf. Das Aeffchen warf sich mit einem jämmerlichen Aufschrei an die Brust der Giovannara, die erschreckt herbeigesprungen war, und versuchte, immer noch mehr Schutz suchend, in ihr Kleid hineinzuschlüpfen. Während sie es sorgsam an sich drückte, stürzte sie sich auf den Burschen, der es verletzt hatte, und schlug ihn, bevor er sich besinnen und zur Wehr setzen konnte, ins Gesicht. Er brüllte laut auf, schlug um sich, und der Streit hätte von neuem begonnen, wenn die Giovannara nicht dazwischengetreten wäre und folgendermaßen entschieden hätte: die Bande, die händelsuchend hereingekommen wäre, sollte frei ausgehen, wenn sie ihr den jungen Menschen auslieferte, der das Aeffchen erschlagen hätte, sonst würde sie ihren Anhängern und Freunden freie Hand gegen sie lassen. Nach kurzem Bedenken fügten sich die Fremden, da sie einsahen, daß sie dem Ansehen der Giovannara und ihrem Anhang gegenüber den kürzeren ziehen würden, und verließen das Wirtshaus, den zähneknirschenden Missetäter zurücklassend. Diesem befahl die Giovannara ihr zu folgen und führte ihn in einen Stall, wo sie eine Kuh und ein Pferd stehen hatte, indem sie ihm sagte, wenn das Aeffchen stürbe, würde sie ihn mit eignen Händen töten, sonst ihn laufen lassen; worauf sie die Tür hinter ihm abschloß und ihn verließ.

Der Tumult auf dem Festplatz hatte sich unterdessen weiter ausgebreitet, obwohl die Patrioten sich bemühten, Frieden zu stiften; aber diejenigen, welche 215 rauften und stachen, hatten zum Teil den Zweck ihrer Aufregung vergessen, zum Teil nie etwas davon gewußt, so daß die staatsgefährliche Wendung nicht zum Durchbruche kam. Die Einmischung der Nationalgarde, die etwa die Leidenschaft der Parteien hätte entzünden können, blieb ohne Nachdruck, weil ähnliche Straßenskandale ja häufig vorkamen, als daß man sie ernst genommen hätte. Auch die Giovannara war ausgegangen, nachdem sie das Aeffchen versorgt hatte, und befand sich in einer Straße, die zum Festplatze führte, als ein Fischer von denen, die ihre Waren bei ihr absetzten, sich atemlos zu ihr drängte und ihr zurief, Garibaldi sei bei Castellamare, eine Stunde vor Neapel, gelandet. Sie stutzte und indem sie forschend in die Augen des Mannes sah, die vor ungeduldiger Lust funkelten, erwog sie, ob er sie belügen wollte; denn er wußte, welchen Preis sie für diese Nachricht ausgesetzt hatte; plötzlich aber fiel ihr ein, daß es in diesem Augenblick nicht darauf ankomme. Sie zog eine Geldbörse aus der Tasche, drückte sie ihm in die Hand und sagte, das übrige würde er erhalten, wenn die Nachricht sich bewahrheitete, jetzt solle er ausführlich erzählen, was er wisse und woher er es habe. Während er seinen Bericht ihr und den Leuten, die sich angesammelt hatten, wiederholte, riß die Giovannara, da sie nichts andres fand, einen Aermel aus ihrer roten Bluse, schwenkte die kleine Feuerfahne in der Luft und stürmte, indem sie laut schrie: Garibaldi! Garibaldi ist da! auf den Platz. In wenigen Minuten hatte es sich verbreitet, daß Garibaldi im Anzuge sei. Zwar schien es manchem unglaublich, daß der Diktator so unbemerkt bei Neapel sollte haben landen können; aber durch die Ereignisse der letzten Monate an das Wunderbare gewöhnt, hielten sie sich nicht lange mit Zweifeln auf, sondern ließen sich von dem anschwellenden Jubel mitreißen. 216 Die Musikanten stimmten die Hymne Garibaldis an, die von Sizilien her, seinen Schiffen voranfliegend, herübergekommen war. Wie eine Hochflut überstürzte die ausgelassene Freude die Stadt, löste in einem Nu die kleine Revolte auf und schwemmte sie weg; ja die Anstifter selbst, nämlich der Admiral Persano und Villamarina, der Gesandte, wünschten heißer als alle, das fabelhafte Gerücht möchte wahr sein.

Am folgenden Morgen stellte es sich heraus, daß ein Garibaldinischer Dampfer, vermutlich zu Rekognoszierungszwecken, sich Castellamare genähert, aber bereits wieder zurückgezogen habe. Baron Nisco sah ein, daß er mit der Revolution von neuem beginnen müsse, und es fehlte ihm nicht an Mut dazu. Er gab seinen Mitverschworenen zu, daß er bisher einen unrichtigen Weg verfolgt habe aus Unkenntnis des neapolitanischen Volkes; dieses sei unselbständig im Urteilen und Handeln, am ehesten noch bourbonisch gesinnt; der Name Garibaldi wirke auf seine Phantasie, Viktor Emanuel reiße es nicht hin, man bedürfe eines Mittelsmannes, und er habe einen solchen in der Person des Grafen von Syrakus entdeckt, eines der Oheime des Königs, der längst auf eine Gelegenheit passe, sich an Stelle des Königs zu setzen. Gegen die Zusicherung einer Art von Vizeregentschaft im Namen des Königs von Sardinien sei er bereit, sich an die Spitze der Volkserhebung zu stellen. Die Herren wußten, daß Cavour, wenn er auch eine Revolution ohne Mitwirkung der herrschenden Dynastie vorgezogen hätte, doch mit dem Bourbonen leichter fertig zu werden dachte als mit Garibaldi, im stillen hoffend, daß dieser durch sein Kommen die neue Anzettelung vereiteln möchte. Am Tage darauf wurde in den Straßen ein gedruckter Brief des Grafen von Syrakus an seinen Neffen, den König, verteilt, in welchem er dem Monarchen in herzlicher Sprache 217 zuredete, um seines Volkes willen auf den Thron zu verzichten, auf dem er nicht gern gesehen sei; allein dies Blatt machte keinen Eindruck gegenüber den Stimmen, die, Trompetenstößen gleich, täglich anschwellend aus dem Süden der Halbinsel in die Hauptstadt drangen. Bald hier bald dort sollte Garibaldi gelandet sein, bewaffnete Banden durchzogen die Gebirge Kalabriens und des Basilikats und riefen das Volk zu seinem Empfange auf. Täglich liefen Telegramme ein, die den Abfall von Städten und Provinzen meldeten. Der König konnte den Grafen von Syrakus aus seinen Staaten ausweisen, ohne daß das Publikum sich darum bekümmerte; es wartete, ob er nicht selbst folgen würde, bevor Garibaldi käme.

*

Um die Mitte des August kam in Cosenza, von Garibaldi abgesendet, Domenico Corelli an, der aus Cosenza gebürtige Sohn eines reichen Gutsbesitzers. Er meldete die bevorstehende Ankunft des Diktators, und daß er gekommen sei, um die Stadt und Provinz zu revolutionieren, da es von Wichtigkeit sei, daß Insurrektionen Garibaldi den Vorwand gäben, zu ihrer Unterstützung zu erscheinen. Der Vater des Domenico und seine Freunde waren einverstanden und beschlossen, bei Gelegenheit einer großen Hochzeit, die demnächst stattfinden sollte, und zu welcher viele Begüterte aus der Umgegend zusammenströmen würden, Geld zu sammeln und das Nähere zu verabreden.

Die Hochzeit wurde ausgerichtet durch Faustino Innamorati, einen der reichsten Landwirte von Cosenza, der seine einzige Tochter Innocenza mit dem Sohne eines alten Freundes, des Marco Barbuto, verheiratete. Der Bräutigam, der wie sein Vater Marco hieß, war ein stattlicher junger Mann, braun und feurig, berühmt durch Liebesabenteuer und Verwegenheiten aller Art. Er war bei den letzten kalabrischen 218 Aufständen tätig gewesen und hatte dabei solche Gewalttätigkeiten begangen, daß der Anführer der Erhebung ihn zum Tode verurteilt hätte, wenn er nicht wegen des Einflusses seiner Familie und seiner eignen Furchtlosigkeit allzu brauchbar gewesen wäre. Nur sein Vater, der noch kräftiger, zornmutiger und wilder als er selbst war, vermochte ihn zu bändigen. Dieser, der alte Marco, dachte ihm mit der Heirat einen Zaum anzulegen, und der junge fügte sich dem Machtspruch, obwohl ihm der Gedanke an die Ehe zuwider war, besonders weil er seit einiger Zeit ein Liebesverhältnis mit einem armen Mädchen hatte, das ihn ganz erfüllte. Mit diesem Mädchen brachte er die letzte Nacht vor der Hochzeit zu. Sie war die Tochter eines Töpfers, der, als er dem Verhältnis auf die Spur gekommen war, anfänglich gezürnt, dann geschwiegen hatte, teils weil der Reichtum und der Ruf des jungen Barbuto ihn einschüchterte, aber auch aus übergroßer Liebe zu seiner Tochter, deren Reiz niemand leicht widerstehen konnte. Sie war klein und schien ein Kind zu sein, so daß sie auch allgemein als ein solches behandelt und ihr nachgesehen wurde, daß sie nicht arbeitete, weder im Hause noch im Geschäfte, sondern nur hier und da mit einem Vogel, einer Katze oder einem Kinde spielte. Ihre großen blauen Augen waren traurig, blitzten aber von Schelmerei, wenn sie lachte. Jedermann sprach leiser und freundlicher mit ihr als mit andern Menschen und behandelte sie behutsam, obwohl sie es nicht beanspruchte noch dafür dankte. Ihren Augen gegenüber, die ihn oft ansahen, als wollten sie sagen: ›Tue mir nicht weh, wenn du mich tötest‹, hatte Marco den Mut nicht gefunden ihr zu sagen, daß er heiraten müsse, doch erfuhr sie es zufällig am Tage vor der Hochzeit und weinte bis zum Abend, als er kam. Bei seinem Anblick verging ihr Schmerz; sie warf 219 sich an seine Brust und badete ihr Kindergesicht in seiner Glut. Sie bewohnte in einem schmalen hohen Hause der oberen Stadt eine Mansarde; dort nahmen sie, am offenen Fenster sitzend, ein Abendessen ein, Wein, Obst und Süßigkeiten, die er mitgebracht hatte, und die sie wie ein zahmer Vogel von seinem Munde aß. Es hatte den Tag über geregnet und die Luft war weich und wohlriechend; über die Dächer der Stadt hinweg sahen sie den sanft fließenden Busento, die Gebüsche der Oelbäume an seinen Ufern und die Pappeln, die Marcos Vaterhaus umgaben, groß und unbekannt alles, in die feuchte, wolkige Dunkelheit gehüllt. Dies Haus hatte sie sonst, als ein Stück von ihm, gern mit den Augen aus den grünen Hügeln herausgesucht; nun aber schienen ihr die Pappeln wie Trauergestalten um ein Grab zu stehen und zu mahnen: ›Denke des Einst! Denke des Vorüber! Denke des Nimmermehr!‹, und sie mußte wegblicken, um nicht wieder zu weinen. Ihre Weise war in dieser Nacht so süß, daß er die Wut seiner Liebkosungen achtlos entfesselte, dennoch schien es ihrer Zärtlichkeit nie genug zu sein. Als es vor dem Fenster hell zu werden begann, riß er sich los, um ohne Abschied fortzugehen. Da er nun aber, schon in der Tür, zurückblickte und sie im Hemde, mit bloßem Halse sitzen sah, die Augen mit jenem Ausdruck rätselhaften Flehens auf ihn gerichtet, übermannte ihn plötzlich ein unerträgliches Gefühl, und er stürzte sich über sie, indem er einen brüllenden Laut ausstieß, küßte sie auf Brust, Leib und Arme und stieß ihr ein Messer, das er immer bei sich trug, mehrmals rasch nacheinander ins Herz. Dann legte er sie, die lautlos sterbend zusammensank, auf das Bett und setzte sich, noch sinnlos, daneben.

Im Hause der Barbuto bemerkte in der Morgenfrühe ein Diener, der des jungen Marco Vertrauter 220 war, daß sein Herr nicht da war, und machte sich sogleich nach dem Hause des Töpfers auf, wo er ihn vermutete, um ihn zu holen. Als er in die Mansarde eintrat, deren Tür noch offen stand, und Marco gewaltsam schluchzend neben dem Mädchen sitzen sah, das nicht mehr atmete, bemühte er sich, ihn fortzuziehen, damit nicht Leute im Hause wach würden und ihn dort fänden; aber er weigerte sich. Dieser Wortwechsel machte verschiedene Bewohner aufmerksam; sie kamen und sahen die Tote. Das Geschrei des Dieners, die Aermste habe sich selbst entleibt, unterbrach Marco herrisch mit der Erklärung, er habe sie getötet, womit er die erschrockenen Menschen herausfordern zu wollen schien, daß sie etwas gegen ihn unternähmen. Als nun aber von allen Seiten Nachbarsleute herbeikamen und schimpften und zeterten, geriet er plötzlich, alles andre vergessend, in Zorn, machte sich mit den Fäusten Bahn und stürmte davon, nicht ohne daß sie ihm nachdrohten, die Polizei würde ihn, wenn es sein müßte, vom Hochzeitsmahle wegholen.

Der alte Barbuto, durch das späte Kommen seines Sohnes ohnehin erzürnt, war willens, ihn auf der Stelle zu erschlagen, als er erfahren hatte, was geschehen war; auch machte Marco keinen Versuch, sich zu rechtfertigen oder sich zu wehren, sondern saß gebückt da wie ein Gebundener, der den Todesstreich erwartet. Domenico Corelli jedoch, der sich zur Besprechung der politischen Dinge schon so früh eingefunden hatte, fiel dem tobenden Manne in den Arm und brachte ihn dahin, daß er wenigstens seinen Einwänden und Vorschlägen Gehör schenkte. Freilich habe der junge Marco die schwerste Strafe verdient; er sei aber ein tapferer und verdienter Bursche, deshalb möge der Vater ihn in Anerkennung dieser Tugend den Tod im Kampfe für das Vaterland suchen lassen. 221 Man hätte so wie so vor, die Männer von bourbonischer Gesinnung aus dem Gemeinderate zu entfernen und die Gemeindesoldaten, die nicht zuverlässig seien, durch eine neuzubildende Nationalgarde zu ersetzen; das heutige Unglück gäbe die Gelegenheit, den Streich sofort auszuführen. Marco solle sich, wenn nun die Gendarmen kämen, um ihn abzuführen, mit der Dienerschaft im Hause verteidigen, wovon die Folge sein würde, daß mehr und mehr nachgeschickt werden würden, bis sie sich seiner bemächtigten; inzwischen wolle er selbst mit einigen Gefährten die Munizipalität überrumpeln, womit dann die Umwälzung in der Stadt in der Hauptsache schon abgemacht wäre. Die zum großen Teile durch Marco beschäftigte Gendarmerie würde sich vielleicht ohne weiteres dem neuen Gemeinderate freiwillig unterwerfen, im andern Falle würde es ihm nicht schwer werden, die Unvorbereiteten und Führerlosen unschädlich zu machen. Barbuto möge nach dem Hause Innamorati eilen, den Freund verständigen und den schwierigen Handel irgendwie ins reine zu bringen suchen. Marco der Alte gab nach, gebot seinem Sohne mit Strenge, den Weisungen, die Domenico ihm geben würde, pünktlich nachzukommen, da er nur auf diese Weise einen ehrenvollen Tod gegen einen schändlichen eintauschen könne, und verließ das Haus, ohne noch einen Blick auf ihn zu werfen.

Faustino Innamorati, der etwas älter als Barbuto und bei weitem weniger kräftig, ein zierliches, galantes Männlein war, rang die Hände und weinte über den Verlust des Schwiegersohnes, auf den er stolz gewesen war; seine Frau hingegen zählte auf, was für Vorbereitungen sie getroffen, wieviel Hühner und Gänse sie geschlachtet, wieviel Eier sie zerklopft hätte, und wieviel Mägde das Haus geputzt und geschmückt hätten, weswegen die Hochzeit unter allen 222 Umständen stattfinden müsse, und wenn der Bräutigam aus der Hölle geholt werden sollte. Ihr Mann bemühte sich, sie zu beschwichtigen und erwog, wer unter den anwesenden Gästen des Hauses sich etwa zum Bräutigam eignen würde, ohne sich jedoch entschließen zu können. Da schnitt der alte Marco, der bis dahin finster vor sich hin gebrütet hatte, die Beratung ab, indem er erklärte, die Braut selbst nehmen zu wollen; denn weil sein Sohn das Unheil verschuldet habe, halte er sich gewissermaßen dazu verpflichtet. Die beiden Innamorati waren über dies Versprechen glücklich, umarmten den Freund, und die Mutter eilte in das Haus, um das Festmahl womöglich zu noch größerer Ueppigkeit zu steigern. Die Braut, ein junges, leidlich hübsches blondes Mädchen, die meistens die Augen niederschlug, aber zuweilen, wenn sie sie öffnete, ein verstohlenes Feuer merken ließ, schien über den Wechsel weder betrübt noch beglückt zu sein und wagte den Bräutigam vor Ehrfurcht kaum anzublicken. Bei dem Essen, das nach der Trauung in einer großen, kühlen Halle zu ebener Erde eingenommen wurde, saß Barbuto aufrecht und stattlich auf seinem Ehrenplatze; zwischen seinem kurzgeschorenen Haupthaar glänzten einige weiße Haare, aber sein Bart und die starken Brauen waren schwarz, von seinen festen, gelben Zähnen fehlte keiner. Er war im Anfang ernst und einsilbig, allmählich indessen wurde er aufgeräumt und erwiderte die Neckereien der Tafelgäste schlagfertig, so daß seinen Worten anhaltendes Gelächter folgte. Ihm gegenüber saß die Aebtissin eines zum Gebiet von Cosenza gehörigen Frauenklosters, Donna Basilissa, von der die Rede ging, daß sie in früheren Jahren in zärtlichen Beziehungen zu ihm gestanden habe, und mit ihr besonders unterhielt er sich angelegentlich und vertraulich. Sie war eine Frau von fünfzig Jahren, nicht groß, doch üppig 223 gewachsen und von stolzer Haltung, mit freimütig blitzenden Augen, die niemals geweint zu haben schienen. Sie hatte reiches mattweißes Haar, das sie in prächtigen Wellen über der hohen glatten Stirn aufgetürmt trug, und in dem sie an diesem Tage als Kopfputz ein paar schwarze Straußfedern befestigt hatte. Obwohl man ihr allerlei nachsagte, flößte sie doch Respekt ein; die Herren liebten es, sich mit ihr zu unterhalten, weil sie stets guter Laune und witzig war und sie wie mit einem Manne mit ihr scherzen konnten, ohne daß sie unweiblich war.

Als der Nachtisch aufgetragen wurde, nämlich ein einem indischen Tempel gleichendes Gebäude aus Mandelgebäck mit Zierat von wohlriechenden Zuckerrosen, Schüsseln voll Feigen und Schaumwein, ließ Faustino Innamorati, wie verabredet worden war, die Listen herumgehen, auf denen Beiträge zur Insurrektion gezeichnet werden sollten. Donna Basilissa winkte, daß ihr zuerst ein Blatt und die Feder gereicht würde, und zeichnete für das Kloster mit schiefer und ungeübter Schrift, denn sie war keine Gelehrte, dreitausend Dukaten. Dann zog sie aus einem großen perlengestickten Beutel, den sie am Arme trug, eine seidene Mantille von scharlachroter Farbe, warf sie sich um, ergriff ihr Glas, das ein Diener soeben mit Schaumwein gefüllt hatte, und rief: »Es lebe der, welcher kommen soll!« Alle standen auf, riefen Evviva, und die Gläser klangen aneinander. Die Mädchen liefen in den Garten, der dunkelgrün in die Halle hineinglühte, und pflückten Granatblüten, um sich selbst und die Herren damit zu schmücken. Der alte Barbuto rief anzüglich scherzend der Donna Basilissa zu, er möchte wissen, wem ihre königliche Freigebigkeit gelte; denn er habe sagen hören, daß die Frauen sich nicht für eine Idee, nur für die Vertreter derselben aufopfern könnten. Sie antwortete ohne zu zögern: 224 »Mag sein, daß es so ist. Ich bin nicht bourbonisch, aber auch nicht italienisch, denn ich weiß nicht, was das zu bedeuten hat. Was ich tue, tue ich für diesen Garibaldi, der meine letzte Liebe ist.« »Es wird Euch leichter sein, die letzte festzustellen als die erste,« fiel Barbuto ein. »Ihr irrt Euch,« entgegnete sie triumphierend, »der ersten entsinne ich mich, obwohl es war, bevor ich Euch kannte und lange her ist; die dazwischenliegenden, die nur die Lücke füllten, die habe ich vergessen!« Der alte Marco sagte mit fester Stimme und ungewöhnlich warmem Blick seiner beschatteten Augen: »Wer das Almosen gibt, darf es vergessen, der Bettler, der beglückt wurde, gedenkt,« und trank auf ihre Gesundheit. »Evviva, Donna Basilissa,« rief er, »und ihre letzte Liebe!« Der Wein stürzte in die Gläser, die jubelnd geleert wurden. Doch hüteten sich die Männer, zu viel zu trinken, da sie wußten, daß ihrer noch eine scharfe, vielleicht blutige Arbeit harrte.

Der Bräutigam, Marco, wurde zuerst unruhig und stieg auf das Dach des Hauses, um nach dem seinigen hinüberzusehen, wo der Kampf schon im Gange sein mußte. Von den Männern folgten ihm mehrere, die älteren Damen zogen sich zurück, um auszuruhen, und die jungen Mädchen zerstreuten sich in den Garten. Die Lorbeergebüsche und Orangenbäume, die Sonnenblumen, Hortensien und Georginen atmeten würzige Kühle in die blaue Luft, die auf den Zweigen der ineinandergreifenden Gewächse wie auf einer grünen Matte ruhte. Auf der Tafel in der Halle sammelten sich Vögel und pickten an den angebrochenen Feigen, die, purpurne Flecke in den Damast des Tischtuchs drückend, zwischen umgeworfenen Gläsern, Handschuhen und welkenden Blumen lagen.

Die Männer auf dem Dache horchten auf fallende 225 Schüsse, aber bei der vollkommenen Windstille vernahmen sie nichts; doch glaubten einige in der Gegend des Hauses Barbuto Rauch aufsteigen zu sehen. Sie stimmten darin überein, daß es das beste sein würde, dorthin zu eilen und sich an dem Kampfe, der vermutlich noch nicht beendigt wäre, zu beteiligen. Mit Waffen versehen, machten sich alle auf bis auf Faustino und einige seiner Gäste, die für alle Fälle zum Schutze des Hauses Innamorati zurückblieben. Sie fanden Domenico Corelli mit den Insurgenten im Kampfe mit den Gemeindesoldaten, die jenen an Zahl überlegen, aber trotzdem schon im Weichen begriffen waren, so daß die Neuangekommenen nur mehr den Sieg beschleunigen konnten. Auf der Seite der Gendarmen fochten auch einige Bürger, nämlich der Töpfer, dessen Tochter der junge Marco getötet hatte, und eine Anzahl seiner Freunde und Nachbarn, die nun allesamt von der siegreichen Partei in Gewahrsam gebracht wurden.

Als der alte Barbuto in sein verwüstetes Haus eintreten konnte, fand er seinen Sohn tot und von den Dienern nur noch wenige am Leben, die beschäftigt waren, die Spuren des Kampfes und der Zerstörung so viel wie möglich zu verwischen. Er trat in das Zimmer ein, wo die Toten lagen, verweilte dort eine kurze Zeit und suchte sein Schlafgemach auf, um, da es bereits Nacht war, sich hinzulegen und zu schlafen. Er war schon im Bette, als ihm die Hochzeit und seine Braut einfiel, von der er sich am Nachmittage nicht verabschiedet hatte; doch glaubte er, es sei jetzt zu spät, um zu den Innamorati zu gehen, die sich gewiß schon zur Ruhe begeben haben würden, und schlief ein, da er ohnehin am folgenden Morgen in Geschäften der Revolution schon früh an die Arbeit gehen mußte. 226

*

Bertani fand Garibaldi am Strande von Messina, wo er, nachdem die bourbonische Besatzung die Stadt hatte räumen müssen, sein Lager aufgeschlagen hatte, schlafend. Er wollte warten, bis der General von selbst erwachte, und ging inzwischen mit Bixio auf und ab, der ihm von der augenblicklichen Lage des Befreiungsheeres erzählte. Da, wo sie sich befanden, konnte der Blick die kalabrische Küste erfassen: in stillen Nächten, sagte Bixio, könne man aus den nächstliegenden Ortschaften die Hunde bellen und die Hähne krähen hören. Die Sonne war im Untergehen, und unaufhaltsames Licht bespülte das immergrüne Land; man sah die weißen Häuser, an denen seine goldenen Tropfen hingen, wie Marmorbilder aus den dichtgelockten Gebüschen glänzen. So schmal wie die Meerenge hier sei, sagte Bixio, könne man sich einbilden, es müsse leicht sein, hinüberzufahren und in irgendeinem kalabrischen Hafen zu landen; doch sei es ein Unternehmen, fast schwieriger, als die Eroberung von Palermo gewesen sei. Eine Flotte von vierundzwanzig Fregatten sperre den Zugang zur Küste, die außerdem durch eine Armee von fast dreißigtausend Mann besetzt sei; dagegen kämen die wenigen Schiffe, die Garibaldi besäße, kaum in Betracht. Er zeigte Bertani die Stelle nahe beim Leuchtturm, wo vor einigen Tagen zweihundert Freiwillige abgefahren waren, um irgendeinen Punkt Kalabriens zu überrumpeln und die Einwohnerschaft auf die bevorstehende Ankunft Garibaldis vorzubereiten; man hatte noch keine Nachricht von ihnen, außer daß sie die Landung bewerkstelligt hätten. Da sie sich jetzt wieder dem schlafenden Garibaldi näherten, sagte Bertani: »Wenn ich dies Haupt voll Frieden ruhen sehe, zweifle und fürchte ich nicht. Sein Atem ist stärker und reicht weiter als der Rauch aller Flotten.«

Indem sie stillstanden und ihn betrachteten, 227 erwachte Garibaldi; er erkannte staunend Bertani, stand auf und umarmte ihn. Dann sah er ihm prüfend ins Gesicht und sagte mit Zärtlichkeit: »Ihr habt kein gutes Aussehen, Bertani, und ich fürchte, daß ich es bin, um den Ihr vieles erduldet habt.« »Gerade weil Ihr es seid,« antwortete Bertani, »achte ich es für nichts; besonders wenn Ihr mit dem, was ich getan habe, zufrieden seid.« Er berichtete in Kürze, wie er bei dem Ausbleiben einer bestimmten Willenskundgebung Garibaldis nicht mehr gewußt habe, wie er sich gegenüber dem Druck und Drängen von verschiedenen Seiten habe verhalten sollen und wie er schließlich, den Wünschen des Königs entgegenkommend, die gesamten Truppen nach Sardinien geführt habe, wo sie die Entscheidung des Generals erwarteten. Garibaldi nickte billigend; er wolle selbst, sagte er, nach Sardinien fahren, um die Sache zu ordnen, und zwar wollten sie gleich aufbrechen, um keine Zeit zu verlieren. Bixio fragte ängstlich, ob eine mehrtägige Abwesenheit des Diktators von Sizilien nicht gefährlich sei und was aus der Ueberfahrt werden sollte. Allein Garibaldi erwiderte, vielleicht würde seine Abwesenheit dazu beitragen, den Feind über seine Absichten zu verwirren; in drei Tagen werde er zurück sein, und vorher würde die Ueberfahrt doch nicht bewerkstelligt werden können. Inzwischen solle es ein Geheimnis bleiben, wo er sich aufhalte.

Als Garibaldi und Bertani unterwegs waren, sagte dieser, das von ihm gesammelte Heer setze sich zum größten Teile aus Republikanern und Anhängern Mazzinis zusammen, und so redlich Mazzini selbst sich bemüht habe, die Gereiztheit des Parteigeistes auszugleichen, möchten doch viele unter ihnen sein, die es mißbilligen und vielleicht umkehren würden, wenn Garibaldi, dem Könige zuliebe, das Unternehmen gegen Rom aufgäbe. Nicotera, der mit zweitausend 228 Freiwilligen in Toskana gewesen sei, habe sich geweigert, sie nach Sardinien zu bringen; inzwischen sei er durch den Baron Ricasoli, der sich endlich doch dem Grafen Cavour gefügt habe, bis auf weiteres verhaftet und die Truppe aufgelöst. Er zweifle nicht, daß Garibaldis Anblick Gewalt über die Leute haben werde; aber eine eigenwillige Gesinnung herrsche in diesem Heere. »Es wird schon gehen,« sagte Garibaldi; über das, was er vorhatte, äußerte er sich nicht.

Im Golfe der Orangen angekommen, erfuhren sie, daß zwei Schiffe, etwa zweitausend Mann führend, auf bestimmte Anweisung der Regierung, der die Anführer gehorchen zu müssen geglaubt hatten, nach Sizilien abgefahren waren. Garibaldi zeigte eine leichte Verstimmung, und es war ihm anzumerken, daß er sich nicht zu geselliger Unterhaltung, noch zu freundschaftlichem Gespräch aufgelegt fühlte, so daß auch Bertani ihn bald verließ; ohnehin war es Abend. Als er allein war, nahm er ein Boot und ruderte nach dem nahen Ufer der Caprera hinüber, deren Südspitze der Insel Sardinien gegenüberliegt. Nachdem er die Kette des Bootes an einem Pfahl im Wasser befestigt hatte, stieg er über Geröll in die Höhe, denn das Erdreich erhob sich hier bergig über dem Ufer, bis die Flügel der Windmühle sichtbar wurden, die jenseits seines Hauses stand. Sie tauchten wie große Ruder in die warme Flut der langen Dämmerung. Nachdem er eine Weile hinübergeblickt hatte, kehrte er dahin zurück, wo er das Boot angelegt hatte und wo ihm ein Platz zwischen den Felsen nahe am Meere besonders lieb war.

Obwohl kein Wind ging und nichts Lebendes in der Natur sich rührte, war die Nacht nicht still; man meinte das Mondlicht über die Berge und Klippen rieseln zu hören. Garibaldi atmete mit Lust den salzig wilden Dunst seiner Insel ein; er fühlte sich 229 wie zwischen Welten allein mit seiner Seele. Nicht einmal die Gedanken des Mannes, der tückisch seinen Weg unterwühlte und seine Kräfte von ihm abzuleiten suchte, konnten ihn hier unter den Ginsterbüschen auf dem hohen Gezack der Felsen erreichen. Dieser, der ihm Nizza genommen hatte und nun auch Neapel und Rom entreißen wollte, hatte wiederum einen Sieg davongetragen, indem er ihm die Hälfte des Heeres, mit dem er seine Schläge zu führen dachte, entwendet hatte. Er zweifelte nicht daran, daß er dennoch endlich siegen würde, sonst hätte er die Wucht seines Hasses nicht ertragen können; aber zunächst schien es doch so, daß er einen Schritt zurückweichen mußte. Er hatte noch viertausend Mann, mit denen er selbst vielleicht etwas hätte ausrichten können; was würde aber, wenn er sie nach Rom führte, unterdessen aus Sizilien und Neapel werden? Er durfte nicht daran denken, das dort Errungene preiszugeben, sondern mußte seinen Marsch auf Neapel fortsetzen. Weder den Ungestüm Bixios noch Medicis Beharrlichkeit durfte er der Armee des Südens entziehen, und einen andern wußte er nicht, den er zum Helden eines Wagnisses machen konnte, wie der Einfall in die Provinzen des Papstes war. So lieb es ihm gewesen wäre, wenn er den Plan hätte ausführen können, so leicht hätte er darauf verzichtet, wenn er sicher gewußt hätte, daß er von Neapel aus Rom würde erobern können. Und warum sollte ihm das nicht möglich sein? Es war Mazzini, dessen Urteil in militärischen Dingen er nicht viel zutraute, der gemeint hatte, man müsse zuerst Rom besitzen und von dort weiter ausgreifen; er selbst hatte immer dazu geneigt, vom Süden gegen die Mitte vorzugehen. Der König würde es ihm verbieten, aber im Herzen mit ihm sein; wenn er sich seiner Begegnungen mit ihm erinnerte, sich sein treuherziges und zutrauliches Wesen zurückrief, konnte er nicht glauben, 230 daß es Cavour gelingen sollte, diesen König ohne Falsch für seine furchtsame, ränkevolle Politik zu gewinnen. Freilich hatte der König es seinem Minister nicht gewehrt, ihn und die Seinigen aus unterirdischen Schlupfwinkeln zu bekämpfen; die Tatsache blieb, daß er dort, von wo ihm Hilfe hätte kommen sollen, verraten wurde. Mit Sicherheit konnte er nur auf sich selbst und seine erprobten Treuen rechnen.

Aus dunkeln Gedanken machte ihn der Angstschrei eines Vogels auffahren; wie er aufsprang, sah er einen Habicht davonfliegen, der auf einen schlafenden Vogel gestoßen hatte und durch seine Bewegung verjagt war. Er nahm das verwundete Tier sorgsam, um zu untersuchen, ob es noch lebe; aber der Raubvogel hatte ihm die Brust eingedrückt; es zuckte noch ein paarmal und war dann tot. Es war ein Rotbrüstchen; Garibaldi betrachtete es, während ein Tropfen Blut langsam an seiner Hand hinunterlief, dann beugte er sich vor und ließ es hinunter in das Wasser fallen. Seine Gedanken blieben bei dem kleinen Leichnam; er stellte sich vor, daß die Wellen in ihn eindrangen und ihn auflösten, und wie die winzigen, in Lebenskraft geglühten Teilchen, die ihn gebildet hatten, wiederum frei sich zerstreuten. Das kleine Lied war aus, und seine Töne strömten in den Elementen, bis ein wunderbarer Augenblick neue Harmonien aus ihnen schuf. Die Gräser, die von den Klippen herunter ins Meer tauchten, die wilden Ziegen, die in den Felsenhöhlen schliefen und manchmal, wenn es zwischen den Steinen raschelte, den Kopf hoben und schnupperten, die Gestirne und er, sie hingen über die volle Nacht gebeugt und tranken entbundenes Leben in ihre berauschten Seelen. Er schloß die Augen und träumte; das Fallen der Tropfen in den ausgehöhlten Steinen neben ihm klang wie das klopfende Blut der Zeit in immergleichen, ewigen Minuten. 231

Am andern Morgen hielt er eine kurze Ansprache an die Truppen, daß der Gedanke an Rom ihn nie verlasse, daß aber jetzt die Lage so wäre, daß er seine ganze Macht zur Eroberung Neapels gebrauchen müsse, daß er von ihrer Vaterlandsliebe und ihrem Pflichtgefühle erwarte, daß sie ihm folgten. Nach der Pause eines kurzen Augenblicks antwortete ihm ein donnerndes Evviva. Ohne weiteren Aufenthalt fuhren die Schiffe nach Sizilien.

*

Als Garibaldi in Taormina seine beiden Schiffe rüstete, um über die Meerenge nach Kalabrien zu fahren, rührte sich der Staub der Vergangenheit in der erschütterten Erde, und die goldenen Schatten der alten Götter stiegen grüßend in die Sonne. Auf den geborstenen Bänken der verschütteten Theater lagen sie und wanden Jelängerjelieber und wilde Rosen, die den Marmor zerrissen und begruben, um die träumerischen Stirnen. Sie bogen sich von schroffen Ruinen und riefen harfenstimmige Laute hinunter, die die Dämonen des Meeres aus ihren rosigen Grotten lockte. Mit ihnen tollten sie wie Delphine um den Bauch der Schiffe, ereilten die Küste und zogen triumphierend über die Fluren Kalabriens. Auf ihren Wink kamen die weißen Rinder mit den gebogenen Hörnern, die Esel und Ziegen, trugen sie auf ihren Rücken und ließen sich mit Trauben und Feigen beladen, die sie springend verschütteten. Die Hufe der Tiere und die Sohlen der Götter zertraten die Früchte und drückten ihren schwarzen Saft in die Erde, so daß die Wälder und Gärten und Felder den Wein mit ihren Wurzeln tranken. Wo die bacchantischen Geister vorüberkamen, warfen die Menschen ihre Sichel oder Hacke hin oder standen von ihren Betten auf, traten auf die Schwelle und rochen den Ueberfluß der schäumenden Natur. Schaudernd vor Ungeduld drängte 232 die witternde Erde dem Fuß des verkündeten Siegers entgegen.

Mit der aufgehenden Sonne stieg Garibaldi und sein Heer, etwa dreitausenddreihundertsechzig Mann, bei Melito ans Land und wendete sich sofort gegen Reggio, um so schnell wie möglich einen festen Platz in seine Hand zu bekommen. Nach einem heftigen, nicht unblutigen Kampfe kapitulierte die Festung, worauf Garibaldi am folgenden Tage weiterzog. Bei Villa San Giovanni, wohin er zunächst kam, standen sechstausend Mann unter dem General Briganti, einem schönen alten Manne mit buschigem weißem Haar und einem äußeren Anschein von militärischer Strammheit, dem seine Sinnesart nicht entsprach. Er war von feinem, zurückhaltendem Wesen, im Verkehr mit den Untergebenen einsilbig, tatsächlich aber überaus milde, weniger aus Gutmütigkeit als aus vornehmem Erbarmen mit der menschlichen Schwachheit und einer Art von Gleichgültigkeit gegen das Tatsächliche. Als er, von dem Näherrücken Garibaldis unterrichtet, Anordnungen zur Verteidigung traf, bemerkte er, daß eine Stimmung der Unlust in seinem Heere herrschte, und stellte deshalb in einer Ansprache alle Vorteile der eignen Stellung und Zahl im Vergleich mit den Garibaldinern vor; aber seine Art zu sprechen, wie wenn er wenige vernünftige Menschen vor sich hätte, pflegte ihm keine Zuhörer unter den Soldaten zu verschaffen. Bald meldeten Offiziere Fälle von Insubordination, manche verließen ihre Posten oder weigerten sich, sie zu beziehen, andre versuchten zu entfliehen, um zu Garibaldi überzugehen, und sagten offen, sie wollten sich nicht in gewissen Tod schicken lassen gegen einen, den die Heiligen zu schützen für gut fänden. Briganti trug dem Offizier auf, in Anbetracht der außerordentlichen Umstände die Missetäter nicht scharf zu strafen, sondern sie auf die Lächerlichkeit ihres 233 Aberglaubens hinzuweisen und an die Pflicht und das Vertrauen, das der König in sie setze, zu mahnen.

Als Garibaldi zum ersten Male zur Kapitulation aufforderte, antwortete Briganti, daß er sich verteidigen werde, und erwartete den Angriff; aber Garibaldi, der so wenig wie möglich Blut vergießen wollte, schlug ein Lager auf und beschloß zuzuwarten, ohne zunächst von den Waffen Gebrauch zu machen. Es war Abend, als Abgeordnete eines Bataillons vor Briganti erschienen und ihm ankündigten, daß sie die Waffen niedergelegt hätten und den Dienst gegen Garibaldi verweigerten. Er betrachtete sie forschend und fragte, ob sie es nicht angenehmer fänden, in der Schlacht zu fallen, als wegen Meuterung von Kameraden erschossen zu werden; denn sie wüßten wohl, daß sie diese Strafe verdient hätten. Einer von den Soldaten, ein struppiger Kerl, antwortete achselzuckend: »Wie es Gott und der heiligen Jungfrau gefällt;« und zu einer andern Aeußerung war keiner von ihnen zu bewegen. Briganti hieß sie sich in Ordnung zurückziehen und seine Befehle erwarten und überlegte, was er tun müsse.

Er hatte nie etwas andres gedacht, als daß er, wie es auch enden möchte, mannhaft gegen Garibaldi kämpfen würde; angesichts des unerhörten Abfalls seiner Truppen fing er an, über die wunderbare Erscheinung nachzudenken. Für Italien und Piemont hatte er kein Interesse und konnte sich nicht viel dabei denken; um so staunenswürdiger kam ihm dieser Mann vor, der von Norden her zu erobern kam wie ein Gote des Mittelalters, und sein Glück. Vielleicht, dachte er, wäre das Reich der Sizilien zum Untergange reif, wie Früchte zu einer gewissen Jahreszeit zu faulen beginnen, und wenn er sich die Soldaten vorstellte, ihre Roheit, ihre Untüchtigkeit, den niedrigen Gang ihres Denkens, kam es ihm wahrscheinlich vor. 234 Es war ihm nicht unbekannt, daß klägliche Zustände im Lande herrschten: Trägheit, Armut, Bestechlichkeit und Erpressung und keine Betriebsamkeit, kein Handel, kein Verkehr, kein Aufschwung: ein stehendes, stinkendes, morastiges Wasser. Dies hatte er oft von andern gehört und auch erlebt; aber es war ihm nie eingefallen, daß es anders sein könnte, ja, er hatte es selbstverständlich gefunden, daß man diejenigen, die Verbesserungen herbeiführen wollten, bestrafte. Nun schien es ihm, daß eben das ein Zeichen des Verfalles an ihm selbst sein könnte, und der Gedanke, daß Garibaldi der erste eines andern Geschlechtes sei, eines hoffnungsvollen, starken, dem das vom Tode gezeichnete weichen müßte, hatte nichts Schreckliches für ihn. Er öffnete ein Fenster, auf dem die Sonne nicht mehr stand, und ließ die Luft um seine Schläfe spielen; nach einer Weile raffte er sich auf, zündete eine Zigarre an und berief seinen Stab, um die Meinung der Offiziere zu hören. Er sagte ihnen, daß ein ganzes Bataillon den Gehorsam verweigert, daß eine abergläubische Furcht die Manneszucht aufgelöst habe. Es komme ihm überflüssig vor und widerstrebe ihm, so viele Menschen zu töten: er wolle diejenigen, die gegen Garibaldi zu fechten nicht wagten, ihres Gehorsams entlassen und mit den übrigen getrost den Kampf aufnehmen; besser mit wenigen Tapferen und Pflichttreuen als mit vielen Feiglingen.

Es zeigte sich aber, daß nur etwa tausend Mann sich zu schlagen bereit waren. Sie maßen ihren General mit herausfordernden Blicken, grollend, daß er die Unbotmäßigen, Feigen unbestraft entließ; auch diese sahen ihn aus bösen und tückischen Augen an, in denen Verachtung lag. Da es Tollkühnheit gewesen wäre, mit einer so geringen Anzahl von Truppen sich Garibaldi zu widersetzen, beschloß Briganti zu kapitulieren. 235

In einer kleinen Ortschaft bei Villa San Giovanni traf Garibaldi mit dem General Briganti und dem General Mellendez, der gleichfalls kapituliert hatte, zusammen. Er lud die beiden Herren zu einem Mittagessen ein, das in einem großen Bauernhause von zwei Engländerinnen, Frauen garibaldinischer Anführer, die zur Pflege der Verwundeten mitgekommen waren, und den kochkundigsten Offizieren bereitet wurde. Es gab Geflügel, Schinken, gebackene Eier, Salat und Früchte in Menge, die Garibaldi liebte. Der Tisch war im Freien unter Platanen gedeckt, durch die das Licht wie durch grünes Glas auf die bunte Tafel fiel. Der Himmel war dunkelgelb und schwer, die Hitze lastete; die Pflanzen standen steif, als hätten sie Furcht, sich zu regen, manchmal drehte sich ein Blatt an einem langen Stiel, wie wenn ein Zucken den Zweig überliefe. Garibaldi, der selbst einfach und mäßig aß, liebte einen reichlichen Tisch, wenn er Gäste hatte; es fehlte nicht an guten Weinen.

Der Diktator sprach mit dem General Briganti, dessen Gesicht und ruhiges Benehmen ihm gefielen, über die Eigenschaften der italienischen Soldaten im Vergleich mit denen andrer Völker. Mellendez, der andre bourbonische General, besaß einen leichten, trockenen Humor, mit dem er namentlich die eigne Schuld und das eigne Unglück ins Lächerliche zog, und erzählte launige Historien von der Verwirrung und Verräterei der letzten Wochen in den Regierungskreisen und im Heere, ohne sich selbst zu schonen, den er als einen harmlosen, gewissermaßen aus Versehen in so tragische Verhältnisse geratenen Lebemann auffaßte. Den Garibaldinern war es nicht ganz wohl bei diesen Enthüllungen; doch war es unmöglich, bei den komischen Darstellungen nicht zu lachen, die ein hundertfaches Zwinkern und Blitzen in seinem gelben, zerknitterten Gesichte begleitete. Ihrerseits belustigte 236 die neapolitanischen Herren die Eßlust der Offiziere Garibaldis, denen es selten geboten wurde, daß sie sich in Behagen an schmackhaften Speisen sättigen konnten.

Als das Gespräch allgemein und die Stimmung unbefangen geworden war, wurde ein Wettstreit vorgeschlagen, so nämlich, daß jeder seinen Lieblingstrank oder seine Lieblingsspeise besingen sollte, sei es in Versen oder in gehobener Prosa; den Sieger sollten die Frauen nach ihrem Gutdünken belohnen. Garibaldi begann: »Ich rühme das heilige Wasser, das, bevor Menschen waren, die Götter berauschte. Jedes andre Getränk ist Erzeugnis, nur das Wasser ist Element. Es ist das Element der Schönheit und der Liebe und der Fruchtbarkeit. In ihm ist nicht der hitzige Geist der Gärung; es kühlt, löscht, löst und läutert, es nährt und stählt. Es quillt aus Himmel und Erde. Wenn wir Wasser trinken, trinken wir aus dem Mischkrug des Lebens!« – »Eccellenza,« rief Mellendez hingerissen, »ich wundere mich nicht mehr, daß das Volk Euch mit dem Erlöser vergleicht! Eure Worte verwandeln das nüchterne Wasser in mehr denn Wein, in das Blut der titanischen Erde, die älter als die olympischen Götter ist!« Oberst Türr dagegen sagte, indem er aufstand, er müsse dem General, dem er im Felde gehorche, an der Tafel widersprechen, und begann das Lob der ungarischen Weine zu verkündigen. Er bediente sich zuerst der italienischen Sprache, da aber seine Kenntnisse mit seiner Begeisterung nicht Schritt hielten, fing er plötzlich an, ungarisch und in Versen zu reden. Garibaldi, der etwas Ungarisch verstand, hörte aufmerksam zu und freute sich, wenn er einige Worte auffassen konnte. Nun sprang Bixio auf, um die Weine Italiens zu verteidigen. Ein Wein, sagte er, sei ihm teuer vor allen, der schwarze von Velletri, den er mit Goffredo Mameli getrunken 237 habe. Ihn solle man zu seinem Gedächtnis trinken, wenn er tot sei. »Für euch Soldaten,« sagte Bertani, »die ihr euch berauschen müßt, um zu töten, mag der Wein gut sein; für uns, die die von euch geschlagenen Wunden heilen sollen, ist es der Kaffee. Seine Tropfen auf unsre Nerven gegossen setzen ihr ganzes Saitenspiel harmonisch klingend in Bewegung. Unser Inneres wird hell, in alle Winkel fällt Licht, die Schatten der Verzagtheit weichen. Der Schlag des Herzens wird mutig wie des Pferdes Tritt, wenn es die Trompete hört. Seine edle Bitterkeit, sein morgenstarkes Aroma erregen Hoffnung; er sollte Tau der Nerven heißen.« Hierauf nahm General Briganti das Wort und sagte: »Ich werde jetzt zum ersten Male in meinem Leben einen Reim machen, indem ich neben den Kaffee die Zigarre setze. Führt er die Lust des Morgens herbei, so die Zigarre das Gefühl des Abends. Sie löst die Seele aus der Brust und führt sie auf Wolken aus der Beschwerlichkeit des Lebens in die freie Region der Träume.« Zur Ueberraschung aller mischte sich jetzt Sirtori ein und sagte, da zeige sich, wie entartet und altersschwach unsre Zeit sei, daß Kaffee und Zigarre als das Beste könnten gepriesen werden. Das Beste sei die Zwiebel. Jetzt müsse der Mensch, kaum aus dem Bette, seine Nerven peitschen, damit sie den Tag aushielten. Die Griechen und Römer, deren Werke noch jetzt das große Schauspiel und Beispiel der Welt wären, hätten Zwiebeln gefrühstückt. Die Zwiebel habe zugleich Fleisch und Saft, Säure und Süße; so wie sie aus der Küche der Natur komme, könne sie genossen werden, ohne Zusatz und Würze. Man könne sie mit den Tieren teilen. Sie schmeichle dem Gaumen nicht und locke nicht zum Uebermaß. Wenn er Diktator wäre, würde er verbieten, daß eine andre Frucht als die Zwiebel gepflanzt würde, um das Volk an Einfalt, Sparsamkeit 238 und Tugend zu gewöhnen. Er sprach mit dem schwermütigen Ernst, der ihm eigentümlich war, und einer Art von Hoffnungslosigkeit, was in diesem Zusammenhang überaus komisch wirkte und alle zum Lachen brachte.

Die Ausgelassenheit wurde durch eine jähe Erschütterung unterbrochen, die das Geschirr auf dem Tische klirren machte. Alle sprangen auf, die Herren mit der Hand am Säbel, und sahen sich nach der unbekannten Gefahr um. Gleichzeitig fuhr ein starker Windstoß durch den Garten, ein paar losgerissene Blätter flogen blitzend zur Erde, und die gelben Wipfel der Ulmen und Linden bogen sich rauschend. Garibaldi, der ruhig sitzen geblieben war, sagte lächelnd: »Meine Herren, das ist ein Erdbeben, Ihre Waffen werden Ihnen dagegen nicht nutzen.« In demselben Augenblick wiederholte sich der Stoß heftiger, so daß Flaschen vom Tische fielen und zerbrachen. Die Tafel war durch das Ereignis aufgehoben; Sirtori trat zu Garibaldi und fragte halblaut, ob es nicht bedenklich sei, sich noch länger aufzuhalten, wo alles, nach des Diktators eignem Urteil, auf Schnelligkeit der Bewegung und des Erfolges ankomme. Garibaldi nickte und trug ihm und einigen andern Offizieren auf, den Aufbruch des Heeres zu besorgen; er selbst wolle noch kurze Zeit verweilen, um einiges zu erledigen.

Es waren nämlich verschiedene Leute aus dem Ort und der Umgegend da, die Anliegen an ihn hatten, und inzwischen mit andern Neugierigen aus einiger Entfernung dem Essen zugesehen hatten. Zuerst kamen ein paar Mönche, furchtsam die pfiffigen Augen verdrehend, und führten Klage gegen einen Bauern, dessen Land an ihres grenze und der im Beginne der Revolution sich ein großes Stück von ihrem Besitze angeeignet habe unter dem Vorwande, 239 das Kloster habe es ihm in früherer Zeit widerrechtlich weggenommen. Auch der Bauer war gekommen: ein stämmiger Mann mit finsterer Stirne und stechenden schwarzen Augen. Er gebärdete sich als ein Patriot, der von jeher unter den Geistlichen zu leiden gehabt habe, und beschuldigte die Mönche, sie haßten die Freiheit und suchten sich auf Kosten des Volkes zu bereichern; man sollte sie ausrotten und vertilgen und ihre Habe unter den armen und guten Patrioten verteilen. Die Mönche verteidigten sich in großer Bestürzung, sie hätten große Summen für die Insurrektion gegeben und wüßten, daß Garibaldi von Gott gesandt sei, um den König von Neapel aus dem Lande zu jagen.

Ein paar krumme alte Weiber hatten sich hinter Garibaldi aufgestellt, von denen eine ihm von Zeit zu Zeit auf die Schulter klopfte und ihre Ansicht über die verhandelte Sache zuflüsterte. »Söhnchen,« sagte sie, »die Mönche sind arme Schelme. Traue dem Galgenstrick nicht, er würde auch dich essen, wenn er dich gesotten auf den Tisch bekäme.«

Garibaldi sagte, jedem solle das bleiben, was er bisher als sein Eigentum besessen habe. Er wolle in der Provinz einen aus Kalabrien gebürtigen, bewährten Mann als Diktator an seiner Stelle einsetzen, ihm sollten sie ihre Ansprüche vortragen und sich seiner Entscheidung unterwerfen. Es wäre möglich, daß jetzt Klöster geschlossen und Mönche und Nonnen dem tätigen Leben zurückgegeben würden; aber niemand dürfe gewaltsam und ungesetzlich ihr Land an sich reißen, das sie mit ihrem Fleiße bebaut hätten. Die Kutte mache keinen besser, aber auch keinen schlechter; auf das Herz komme es an, das darunter schlage.

Eine Reihe von Männern, die sich in die Brust warfen und mit vielen überflüssigen Worten ihre gegen 240 die Tyrannei geführten Kämpfe und der Befreiung des Landes gebrachten Opfer rühmten, fertigte er ebenfalls mit der Hinweisung auf seinen Stellvertreter ab, nicht ohne die Ermahnung hinzuzufügen, daß noch nicht Zeit sei, weder an Ausruhen noch an Belohnungen zu denken.

Auf einen Wink Garibaldis näherte sich nun eine junge Frau, die ein zierliches kleines Mädchen an der Hand führte. Sie war nicht schön, aber sehr anziehend durch ein Paar dunkler Augen, die ihrem Gesicht einen leidenschaftlichen, verhängnisvollen Ausdruck gaben, das Kind ganz von ihr verschieden, hell, beweglich und vorwitzig. Sie erzählte, daß ihr Mann sie mit Eifersucht quäle und ihrer Ehre zu nahe trete, indem er laut sage, er glaube nicht, daß er des Kindes, das sie da bei sich habe, Vater sei. Sie würde alles ertragen, auch die Gefahr, von ihm umgebracht zu werden; aber zuweilen drohe er, dem Kinde etwas antun zu wollen, und sie wüßte nicht, wie sie es schützen sollte. Sie habe weder Vater noch Brüder, Garibaldi möge ihrem Manne ins Gewissen reden. Sie schwur, wie wenn der Tag des jüngsten Gerichtes sei, daß nie ein andrer als ihr Mann sie besessen habe.

Garibaldi ließ den Mann holen, der, etwas unwillig, aber doch liebenswürdig herbeikam. Sein Aeußeres war gefällig, sein Gesicht fein und rosig wie das eines Kindes, sein Benehmen von übertriebener Munterkeit, die bestimmt schien, seine Verlegenheit zu verdecken. Er fing mit großer Geläufigkeit von den Frauen im allgemeinen zu sprechen an und verlor sich bald in Anekdoten und Witze, die treffend und gewagt waren und die Menge der Umstehenden zum Lachen brachte. Die alte Frau klopfte Garibaldi auf die Schulter und sagte: »Söhnchen, laß dir von dem Bajazzo nichts weismachen. Er sieht so gut wie 241 Jedermann, daß das Kind sein Abdruck ist, und man sollte seine Nase einmal tüchtig darauf stoßen und darin herumrühren, damit er sich daran erinnert.« Garibaldi unterbrach das Geschwätz des Mannes, indem er sagte: »Du hättest unrecht, wenn du deine Frau aus Eifersucht quältest, aber du hast es doppelt, wenn du es nur tust, um dir die Zeit zu verkürzen.« Er sprach von der Verehrung, die der Mann seiner Frau schuldig sei, besonders wenn sie ihm Kinder geboren habe, von ihrer Opferwilligkeit und Selbstlosigkeit, die sie in hundert großen und kleinen Dingen täglich beweise und die er ihr nie genug vergelten könne. Er übertreffe sie an Kraft des Körpers und die solle er anwenden, um sie zu schützen, nicht um sie zu schädigen. Ein Elender sei, wer eine Frau beleidige, die den Schimpf nicht rächen könne wie ein Mann. Wenn er sich nicht beherrschen könne, solle er ihm in den Krieg folgen und seine Streitlust an den Bedrückern seines Vaterlandes auslassen.

Dem Manne, der noch niemals in solcher Weise über die Frauen hatte sprechen hören, wurde zumute, als ob seine Frau plötzlich in eine Heilige verwandelt wäre; er sagte, daß er sie über alles liebte, daß er allerdings ein schlechter Mensch und ihrer nicht wert sei und daß er gerade deshalb immer an ihrer Liebe und Treue zweifeln müsse, und suchte sie dabei zu umfassen und ihre Hand zu ergreifen. Während sie sich ihm schamrot entzog, richtete sie einen Blick voll inbrünstiger Dankbarkeit auf Garibaldi, wobei sie ein wenig lächelte, so daß ihr dunkles Gesicht wie ein grünes Blatt am gewitternden Himmel leuchtete.

Von hier aus marschierte Garibaldi gegen Cosenza, wo ein zahlreiches Heer unter dem General Ghio ihm den Weg verlegte und seine Lage bedenklich zu machen schien; aber auch dieses löste sich nach kleineren Gefechten auf, ohne ihm größere Verluste beigebracht 242 zu haben. Die Verwilderung der neapolitanischen Soldaten nahm fortwährend zu; General Briganti wurde von seinen eignen Leuten, die sich bandenweise in die Wälder geworfen hatten, weil er sie verraten habe, ermordet.

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