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Der Kampf um Rom

Ricarda Huch: Der Kampf um Rom - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kampf um Rom
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1907
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDer Kampf um Rom
pages371
created20171222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Während der Frühlingsmonate war Mazzini in London. Seine Freunde fanden seine Gespräche weniger belebend, als sie gewohnt waren; er konnte jetzt stundenlang in einem Kreise weilen, ohne daß der wärmende und weckende Geist, der sonst von ihm ausging, sich der Gesellschaft mitteilte. Als er an einem warmen Abend mit einem englischen Freunde durch eine der unabsehbar langen Straßen ging, deren äußerste Strecke in rosigblauem Dunst verhüllt war, so daß man glauben konnte, an den warmen Häusern wie an einer Mauer entlang zu gehen, die in paradiesische Landschaften führe, redete dieser ihm zu, eine gewisse literarische Arbeit zu übernehmen, die in einer Zeitschrift erscheinen sollte. Mazzini antwortete ablehnend, da er sich nicht dazu imstande fühle. »Jetzt fühle ich, wie reich ich einmal war,« sagte er, »an meiner Armut. Was für süße Farben quollen an meinem Horizonte, was für Quellen sprudelten da, 191 wo es jetzt trocken in mir ist! Wie wenn man über eine strotzende Wiese geht und die Blumen den Fuß zu umschlingen scheinen, damit man stehenbleibe und pflücke, so blühte es in meinem Geiste und drängte mich, bunte Kränze zu winden. Ich pflückte die Blumen nicht, um anstatt dessen Steine zum Bau Italiens zu tragen, und inzwischen sind sie verwelkt und neue nicht mehr gewachsen.« Gewachsen sei dafür Italien, sagte der andre; im Grunde sei es begreiflich, daß er die Gedanken nicht von seiner Heimat abziehen könne, jetzt, wo sich Entscheidendes dort vorbereite. »Wenn es gelingt,« erwiderte Mazzini trübe, »so krönt der Erfolg den König von Sardinien und macht uns und unsre Hoffnungen zu Bettlern. Wer weiß aber, ob es gelingt.« Ob nicht Garibaldi, der einzige Mann, den die Natur Italien zum Siegen gegeben hat, abwärts auf stygischem Wasser nach Sizilien fährt.« Der Engländer sagte: »Es war sonst Eure Art nicht, zu fürchten, solange man noch glauben konnte.« »Vielleicht,« entgegnete Mazzini, »habe ich schon zu oft gehofft und mich ergeben.« Ergeben? Nein, versetzte der andre, ohne Hoffnung zu hoffen, das eben sei seine Größe gewesen; wie eine Frau, die tote Kinder gebäre und immer wieder in Hoffnung neuer Geburten sei, um durch neu sprießende Lebenskeime den Fluch zu überwinden; habe er nach jeder Niederlage sich lächelnd aufgerafft und sei dem Schicksal mit neuen Plänen und neuer Siegeshoffnung entgegengetreten. Mazzini nickte. »Es mag sein, daß ich alt geworden bin,« sagte er; »auch die bewußteste Kraft überwindet die Zeit.« Von seiner Sorge um Rosolino Pilo vermied er zu sprechen; er hatte so viel Bangigkeit und Wünsche an diesen Namen gehängt, daß er zu schwer für seine Zunge geworden war.

Wenige Tage nach diesem Gespräch veranlaßte ihn die Nachricht von der Abfahrt Garibaldis, nach dem 192 Festlande zu reisen. Er ging über Lugano nach Genua und pflegte beim Einbruche der Dunkelheit Bertani aufzusuchen, bei dem er die eingetroffenen Briefe lesen und die Ereignisse besprechen konnte; dort erfuhr er den Tod Rosolino Pilos. Die Baronin Cambiaso, eine Freundin Bertanis, versuchte den wehrlos in Schmerz Versunkenen dadurch aufzurichten, daß sie ihn daran erinnerte, wie er vor drei Jahren in ihrem Hause, nach Tagen der Furcht, der bösen Ahnung, der zweifelnden Hoffnung, den Untergang des Carlo Pisacane erfahren habe. Wie der Schrecken alle Anwesenden stumm, fast blöde gemacht habe und er vor allen ins innerste Herz getroffen gewesen sei. Wie er indessen allmählich sich gefaßt habe, wie das von innen strömende Licht seine Stirn geklärt habe, wie er aufgestanden sei und etwa so gesprochen habe: Das Erscheinen des Menschen in irdischen Formen sei wie ein Kämpfen des Geistes im Traume, das Ringen eines in Wasser Versunkenen, der sein Antlitz und seine Gestalt vergeblich zu enthüllen suche, bald aufblitzend wie eine geheimnisvolle Weissagung, bald untertauchend und sich verlierend, so daß nur ein undeutbares Gurgeln von ihm Kunde gebe. So sei das Leben ein Schleier, unter dem die Geschicke des Menschen hinliefen. Wir sähen wohl eines Freundes leidenschaftliche Gebärde, wir hörten seinen Schrei, wir vernähmen frohe, traurige, süße, liebevolle Worte, oft unverbunden und mißdeutet, wir bemühten uns, in allen seinen Reden und Mienen Zusammenhang zu finden und hätten doch nur Stückwerk. Da käme die weiße Hand des Todes und zöge den Schleier von diesem Schicksal. Morgenrot leuchtend läge die still entfaltete Gestalt vor uns; seht, das war sein Haß, seine Sehnsucht, seine Weisheit! Er sei nun nicht mehr eine Reihe verworrener, in Nebel gehüllter Zeichen, er sei ein Bild im Lichte unveränderlich 193 jung, er lebe! Die Toten seien die wahrhaft Lebendigen, und ein Gott der Sonne sei der Gott der Toten. So habe Mazzini gesprochen, allen sei dabei zumute geworden, als befände sich der Tote vollendet in ihrer Mitte, und sie hätten im Herzen ihm gedankt, dessen Lippen das Auferstehungswunder gespendet hätten.

Alle waren von dieser Erinnerung ergriffen; Bertani stand auf, ging schnell auf Mazzini zu und blieb vor ihm stehen, ohne ein Wort zu finden. Nach einer Pause sagte Mazzini zu der Dame: »Ich erkenne meine Worte nicht wieder, und fast möchte ich glauben, es wären Eure und Ihr hättet sie, weiblich zartfühlend, mir selbst zugeschrieben. Als solche sollen sie mich trösten und mahnen.« Seit der Zeit war keine Niedergeschlagenheit mehr an ihm zu bemerken; im Gegenteil wurde seine Stimmung täglich frischer, und er pflegte, wenn er des Abends zu Bertani kam, die Freunde durch die Erzählung seiner inzwischen erlebten Abenteuer zu belustigen. Denn es machte ihm Vergnügen, die Leute, von denen er wußte, daß sie beauftragt waren, seinen Aufenthalt auszuspüren, selbst anzusprechen und irrezuführen, wobei ihm die zahlreichen ergebenen Freunde, die er im Volke hatte, gern behilflich waren, so daß sich unversehens die drolligsten Komödien ausbildeten. Es war ihm eingefallen, sich gegenüber einem dieser Spione als einen Beauftragten der französischen Polizei auszugeben, der eben auch auf Mazzini fahnde, weil derselbe mit Anschlägen auf des Kaisers Napoleon Leben umgehe, und er ängstigte den Mann damit, daß er ihm seine Waffen zeigte und in alle seine Vorsichtsmaßregeln und Verteidigungsmittel einweihte, da Mazzini ein verzweifelter Mensch sei, der seine Freiheit teuer erkaufen und Menschenleben nicht schonen würde. Trotz seines ausgeprägten und unvergeßlichen Gesichtes war 194 er dank seiner Unbefangenheit und einer Gewandtheit seines Wesens, die er übermütig ausnutzte, von jeher allen Nachstellungen, denen er beständig ausgesetzt war, entronnen.

Was ihn jetzt vor allem beschäftigte, war der Einfall in den Kirchenstaat, den Bertani dem Auftrage Garibaldis gemäß vorbereitete, den er für besonders wichtig, ja entscheidend für das Gelingen der großen Unternehmung des Generals hielt. Es fehlte noch an einer geeigneten Persönlichkeit, denselben anzuführen; denn Medici, an den er und Bertani zuerst dachten, weigerte sich, weil er durch Cavour gegen den Plan eingenommen war, unter dem Vorwande, daß er ungeduldig sei, sich mit Garibaldi in Sizilien zu vereinigen. Bevor er an der Spitze der ersten großen Hilfsexpedition, die Bertani ausgerüstet hatte, abreiste, sagte er zu diesem, er möge Mazzini nicht zu viel Einmischung gestatten, wenn es möglich wäre, ihn bewegen, nach England zurückzugehen. Mazzini wäre nun einmal das Haupt der Republikaner und, er möge sich anstellen wie er wolle, durch seinen Namen und Ruf, die mächtiger wären als er selbst, ein Gegner oder eine Gefahr der Sache, für die sie jetzt kämpften. Bertani sah Medici mit einem langen, staunenden Blick an und sagte dann: »Er kämpft für dieselbe Sache wie ich und du, soviel ich weiß. Oder bist du nicht mehr derselbe, der das Vascello verteidigte?« Derselbe in verschiedenen Zeiten sei derselbe und doch ein andrer, sagte Medici, leicht errötend. Er liebe und schätze Mazzini nach wie vor und würde ihn niemals verraten, obwohl er wisse, daß er sich dadurch bei Cavour angenehm würde machen können; aber da er sich nun einmal entschlossen habe, wie Garibaldi für die Monarchie zu arbeiten, so könne er Mazzinis Teilnahme an den politischen Dingen nicht wünschen, da er die Erreichung des 195 Zieles nur erschweren werde. »Es war eine Zeit, wo nichts ohne ihn ging, so wird es jetzt auch mit ihm gehen,« sagte Bertani. Nachdem sie sich getrennt hatten, kehrte Medici noch einmal um, und indem er Bertani die Hand hinhielt, sagte er: »Was ich gesagt habe, wird nicht zwischen unsre Freundschaft treten?« Bertani nahm seine Hand und antwortete: »Du warest mir monatelang ein treuer Krankenpfleger, das vergißt sich nicht so leicht. Meinungsverschiedenheiten sollen uns nicht trennen,« womit sie voneinander Abschied nahmen.

Auch die andern Offiziere, die etwa als Leiter einer Expedition in Betracht gekommen wären, eilten nach Sizilien, ungeachtet Bertani vorstellte, daß sie Garibaldi einen erwünschteren Dienst leisten würden, wenn sie den Einfall in die Marken und Umbrien glücklich bewerkstelligten; die Insel im Süden war zu einem Magnetberge geworden, der die Tapferen aus ganz Italien überwältigend an sich zog. Indessen langte in Genua der Baron Giovanni Nicotera an, ein Genosse Pisacanes, der, soeben aus der Gefangenschaft befreit, Garibaldi freimütig erklärt hatte, daß er es vorziehe, mit Freiwilligen in den Kirchenstaat, als unter ihm, der sich selbst als Vorkämpfer Viktor Emanuels bezeichne, nach Neapel zu gehen. Es war ihm kaum anzumerken, was er drei Jahre lang erduldet hatte; sein Auge blickte hell und scharf, seine Haltung war elastisch, und er war ungeduldig, sich in neue Unternehmungen zu werfen. In der Art, wie er den Kopf trug, sprach und blickte, lag Hochmut, der aber weniger verdroß, weil er sich unverstellt bekannte und überhaupt eine unbestechliche, eigentlich leidenschaftliche Ehrlichkeit versöhnlich an ihm wirkte. Er klagte, daß es ihm scheine, als sei er nicht drei Jahre, sondern drei Jahrzehnte abwesend gewesen, so finde er Menschen und Dinge verändert. Die, welche 196 früher mit Gefahr ihres Hauptes für Italien eingetreten wären als einzige, ständen jetzt im Winkel, um dem königlichen Banner Platz zu machen; die das Jagen nicht lassen könnten, legten die Bissen, die sie erschnappten, zu Füßen des Herrn nieder, unsicher, ob sie Lob oder Schläge davontrügen; und die früher mißbilligend die Stirne gerunzelt oder spöttisch die Nase gerümpft hätten, machten jetzt ihre Verbeugung vor dem heiligen Italien und würden dafür mit Orden und Titeln verziert. Mazzini sagte lebhaft: »Daß es so ist, darf uns nicht erbittern: es ist die Folge unsers Wirkens. Wir waren einzelne, die Italien einig und frei wollten, und waren vogelfrei und gehetzt, Helden und Märtyrer für wenige, Rasende oder Verbrecher für die vielen. Allmählich ist unsre Predigt in den Gemütern der vielen aufgegangen und hat sich mit ihrem Wesen genährt, so daß sie uns selbst entfremdet ist. Aber wollten wir denn ein Italien für wenige? Ach, für mich hätte ich wohl ein Reich gewußt ohne Schwert und ohne Kerker, in dem ich mich wie im Luftraum hätte wiegen können! Ich wollte Italien für mein Volk; das begriff nicht, staunte und zögerte, und nun es wach wird und sich rührt, hat es uns vergessen und verlangt nach dem König.«

Das Volk hätte gewählt, wofür Garibaldi, sein Abgott, sich entschieden hätte, sagte Nicotera. »Wenn er treu geblieben wäre, so würde der Savoyer bis in Ewigkeit sein Vieh in den Alpen hüten. Hätte er weniger für uns gesiegt als für Piemont?«

»Er wäre triumphreich untergegangen,« sagte Bertani. »Wenn Garibaldi ein Unrecht tat, so ist es, daß er siegen will vor allem. Mögen unsre Enkel die Ideale vollenden, um die wir kämpften. Wir bleiben Republikaner im Königreiche.«

Nicotera stimmte nicht ein; Mazzini beschwor ihn, 197 jetzt nicht zu trotzen, sondern zu handeln. Er solle sich nicht selbst aus der Sonnenbahn der Taten stürzen, die Garibaldis Schwert aufgetan habe. Jetzt müsse jeder mit Garibaldi gehen, sich dem Zuge seines Willens unterordnen. Dieser Mann könne wohl in einzelnen Dingen irren, vielleicht könne, was er wolle, nicht das Beste sein; aber es sei der Wille des Volkes. Die Wurzeln seines Herzens sögen, weithin unterirdisch ausgebreitet, das Blut unzählbarer Adern und füllten es mit den Kräften Tausender ohne Namen. Das Sehnen eines ganzen Volkes, irrende Quellen in ihm zum Strome geworden, spanne seine Brust allmächtig nach einem gewissen Ziele hin. Wie ein Gott sammle er die Seelen in seinem Busen und tue ihre Taten, wer ihm folge, der arbeite für eine ehrwürdige Notwendigkeit.

Nicotera bekämpfte die Auffassung Mazzinis nicht ohne Unwillen; er übernahm das Kommando über die Freiwilligen, die von Toskana aus ins Päpstliche einfallen sollten, weil diese Unternehmung, wenn sie auch schließlich Viktor Emanuel zugute käme, doch nicht in seinem Auftrage, ja wirklich gegen seinen Willen geschähe, mußte sich aber anderseits verpflichten, nichts gegen Garibaldis bekanntes Programm zu tun. Bertani lag es nun noch ob, einen Anführer für die Hauptmasse der Freiwilligen zu finden, die sich in Genua versammelten. Im stillen hoffte er, daß Garibaldi sich entschließen würde, diesen wichtigen Feldzug selbst zu leiten; aber er hatte seit langem keine Nachricht von ihm erhalten außer kurzen Bitten um Geld, Waffen und Soldaten. Hatte er früher schon mit Schwierigkeiten zu kämpfen gehabt, so fiel es ihm jetzt auf, wie die Anfeindungen sich mehrten und alles sich zu vereinigen schien, um seine Tätigkeit für Garibaldi zu durchkreuzen; er erriet leicht, daß dieser Widerstand von Cavour ausging. 198

Cavour war durch die gewaltsame Entfernung La Farinas in übelste Laune versetzt; er sah ein, daß er einen Fehler begangen hatte, indem er einen hitzigen, auf Garibaldi eifersüchtigen Menschen mit einer gewissen Vollmacht, gegen den Diktator zu wühlen, ausgerüstet hatte. Er machte Pläne auf Pläne, um auf andre Weise das Fortschreiten des Eroberers zu hindern, und verwarf alle; als er nun in dieser Lage darauf aufmerksam gemacht wurde, daß die Truppen, die Bertani neuerdings rüstete, nicht wie früher nach Sizilien bestimmt seien, sondern dazu dienen sollten, den von Garibaldi längst beabsichtigten Einfall in die Marken und Umbrien auszuführen und sich in Neapel mit ihm zu vereinigen, empfand er diese neue Störung und Erschwerung als unerträglich und wütete gegen den, der, abgesehen von Garibaldi selbst, der Urheber war. Sein erster Gedanke war, Bertani ins Gefängnis zu werfen und so lange darin zu lassen, bis die Gefahr vorüber wäre. Da es ihm jedoch bei ernstlicher Ueberlegung nicht ratsam schien, einen geschätzten Arzt, der viele hervorragende Familien in Genua behandelte und dessen Ruf spiegelrein war, der Freiheit zu berauben, tat er Schritte, sich mit ihm ins Vernehmen zu setzen und ihn, wie Medici, für seine Politik zu gewinnen. Bertani zögerte, er hatte von jeher eine hohe Meinung von den staatsmännischen Fähigkeiten des Grafen gehabt, und namentlich die kluge Festigkeit, mit der er den Krieg gegen Oesterreich herbeigeführt hatte, dankbar bewundert, und er wäre bereit gewesen zu vergessen, mit was für schnöden Mitteln er ihn kürzlich bekämpft hatte; aber er sagte sich, daß, da Cavour sich niemals mit dem Angriff auf den Kirchenstaat, den Garibaldi ausdrücklich angeordnet hatte, einverstanden erklären würde, es doch zu keiner Einigung zwischen ihnen kommen könnte, und weigerte sich deshalb, ihn zu sehen und 199 zu sprechen. Nun füllten sich wieder die Zeitungen, die Cavour ergeben waren, mit gehässigen Anklagen gegen Bertani, er sollte, weil er Republikaner war, Italiens Einigung zu hintertreiben suchen; er sollte die Soldaten aus der königlichen Armee veranlaßt haben, zu desertieren und in seine Freischaaren einzutreten; er sollte die Gelder, die ihm anvertraut worden wären, um der Befreiung Siziliens zu dienen, zu Parteizwecken verwendet haben. Bertani erwiderte auf diese Verleumdungen nichts; auch die Vorwürfe der Freunde, besonders Nicoteras, daß er den Feldzug nicht eifrig genug betriebe, ließ er unbeantwortet.

Die Nachricht von dem großen Siege Garibaldis bei Milazzo, der Sizilien von der Herrschaft der Bourbonen endgültig befreite, erschütterte Cavour. ›Was ist gegen diesen Mann auszurichten,‹ fragte er sich, ›dessen Denken und Schweigen und Handeln sich in einer Welt von anderm Umfange, als unsre ist, entrollt? Wir keuchen hinter ihm her und bekommen immer nur die Schleppe seines durchlöcherten Mantels zu sehen.‹ Wie ein Bild erschien ihm in heftiger Helligkeit die Tatsache, daß Italien sein würde, ganz, mit Haupt und Gliedern und daß, wer lebendige Arbeit schaffen wollte, sich diesem von der Geschichte schon erschaffenen, nur noch nicht enthüllten Ereignis hingeben müsse. Sein früheres Bestreben, Garibaldi am Uebergang nach dem Festlande zu verhindern, verwarf er völlig; mochte er seinen Siegeslauf vollenden, wenn der Erwerb sich nur nach seinem, nach Cavours Sinne der Monarchie einverleiben ließe. Er tadelte sich ernstlich wegen der Maßregel, den stürmenden Mann zurückhalten zu wollen; ihm voranzueilen, darauf hätte er alle Sinne und Kräfte richten sollen. ›Ducken werden wir uns nicht vor dem Riesen,‹ dachte er gutgelaunt, ›sondern unsre Klugheit, das Erbteil der Zwerge, gegen ihn spielen lassen.‹ In einer 200 Nacht, die er, von der nicht nachlassenden Hitze gepeinigt, schlaflos zubrachte, ging es ihm plötzlich durch den Kopf, daß er den Einfall in den Kirchenstaat, den Feldzug nach Neapel durch päpstliches Gebiet, den er mit allen Mitteln fortwährend zu hintertreiben suchte, selbst ausführen, daß dies Stück aus dem Rüstzeuge des Generals eine Waffe in seiner Hand werden könnte, eine Waffe mit Garibaldis Siegkraft behaftet gegen ihn geschwungen. Er fühlte, wie bei diesem Gedanken seine Nerven sich zu spannen und Funken durch seinen Körper zu sprühen schienen. Mit eins erkannte er den Widerspruch, der darin lag, und die Schwierigkeiten, die dagegen standen, und räumte sie im selben Augenblick alle durch eine Reihe hinblitzender Einfälle weg. Die Verwegenheit eines solchen Unterfangens erfüllte ihn mit übermütiger Lustigkeit; sie sollten sehen, daß er kein fauler Revolutionär war, wenn er sich darauf einließ.

Indessen, als er nach kurzem Morgenschlaf erwachte, schob er diese Angelegenheit einstweilen zurück, um zuerst in Neapel, Garibaldis nächstem Ziel, ihm zuvorzukommen. Er lud deshalb die angesehensten der verbannten Neapolitaner, die sich in Turin aufhielten und mit denen er bekannt war, zu einer Besprechung ein und äußerte sich, indem er die jüngsten Ereignisse in Sizilien beredete, mit Wärme über die italienische Einheit. Sie liege, sagte er, offenbar im Plane der Vorsehung; niemals hätte er geglaubt, daß die Südländer sich für den ihnen fremdartigen Gedanken empfänglich zeigen würden. Was der allgemeine Wille eines Volkes sei, das wolle er nicht bekämpfen. Es komme aber alles darauf an, daß in Neapel der Anschluß an Oberitalien proklamiert werde, bevor Garibaldi dort eintreffe. Viktor Emanuel könne nicht ein Königreich als Geschenk aus der Hand eines Untertans empfangen. Sie wüßten, von was 201 für Männern Garibaldi umgeben sei, sie kennten seine Vergangenheit, seine Beziehungen zu Mazzini. Wie lauter seine Gesinnung sein möge, er habe einen feurigen Atem und zünde auch wider Willen Revolutionen an. Wenn er sich als Diktator in Neapel festsetze, würde das Feuer sich auf Rom wälzen, und Italiens Untergang drohe.

Carlo Poerio und Silvio Spaventa teilten die Meinung des Ministers, ja sie erklärten sich bereit, mit dem König von Neapel, wenn er eine liberale Regierung verspräche, sich Garibaldi entgegenzuwerfen.

Er glaube nicht, entgegnete Cavour, daß eine Verständigung mit dem Könige noch möglich wäre, wenn schon er es nicht ganz verreden wolle; vielleicht mache die Not ihn der Vernunft zugänglich. Jedoch ziehe er vor, derartige unberechenbare Wendungen außer acht zu lassen und alles vorzubereiten, damit eine Revolution in Neapel ausbräche und die Aufständischen Viktor Emanuel ausriefen; denn Garibaldis Ankunft auf dem Festlande stehe bevor. Die Neapolitaner versprachen in diesem Sinne zu wirken, und da der König in diesen Tagen unter dem Eindruck der näherrückenden Gefahr eine Amnestie erließ, nach der die Verbannten in ihre Heimat zurückkehren konnten, reisten sie auf der Stelle dorthin, um ihren persönlichen Einfluß einzusetzen. Doch ging es nicht nach Wunsch; sie klagten Bertani an, daß er die Patrioten in Neapel bestürme, auf Garibaldi zu warten und sich nicht von den Ränken des Ministers verführen zu lassen.

Cavour war entrüstet; ›dieser Mensch,‹ dachte er, ›steht mit dem Teufel im Bunde, daß er mir hier und dort in den Weg tritt.‹ Er hatte seinen in jener Nacht entworfenen Plan noch nicht weiter verfolgt; einstweilen wollte er sich damit begnügen, Bertani an der Ausführung desselben zu verhindern. 202 Ein Versuch, statt eines Garibaldi getreuen, einen unbedingt dem Könige ergebenen Mann an die Spitze der Expedition zu bringen, der sie etwa absichtlich scheitern machte, zerschlug sich daran, daß er keinen fand, der dazu geeignet und willens gewesen wäre. Indessen triumphierte Bertani keineswegs, wie Cavour sich einbildete; oft verzweifelte er daran, gegen die Unbilden und Schwierigkeiten seiner Lage aufzukommen, zumal er immer noch vergeblich auf einen entscheidenden Ausspruch Garibaldis wartete. In seiner Bedrängnis kam er auf den Gedanken, sich, wie auch Garibaldi wohl getan hatte, geradezu an den König zu wenden, und beredete sich deshalb mit dem General Sanfront, der zur Umgebung Viktor Emanuels gehörte. Dieser, ein liebenswürdiger Mann, der immer die Ansicht desjenigen hatte, mit dem er sprach, und nichts tat, was ihm nicht vorgeschrieben war, hörte Bertanis Auseinandersetzungen mit Anteil. Der schöne, durch Schwermut und die Spuren langer Krankheit noch anziehender erscheinende Mann tat es ihm an; er überzeugte sich von seinem uneigennützigen Patriotismus und von der Angemessenheit des Planes, dem Eroberer Neapels von Norden her die Hand zu reichen. Er äußerte seinen Beifall und glaubte sich für die Sympathie des Königs verbürgen zu können; allein schon am folgenden Tage teilte er ihm bedauernd mit, daß Viktor Emanuel einen Angriff auf päpstliches Gebiet unter keinen Umständen dulden wolle. Dieser Bescheid schlug Bertani nieder; denn konnte er im Namen Garibaldis gegen den ausdrücklichen Willen des Königs handeln?

Wenn er in später Abendstunde von seinen Krankenbesuchen, die er nicht vernachlässigen durfte, heimkam, wußte er, daß ihn Briefe oder Besuche erwarteten, bei denen es sich um Vorwürfe, Anklagen, Ermahnungen, widrige Geschäfte handelte; oft mußte er 203 Mut fassen, um die Haustüre zu öffnen und die Briefe zu entfalten. Er dachte daran, wie er den General am Tage vor seiner Abreise angefleht hatte, die verantwortliche Vertretung seiner Person nicht auf ihn zu laden. Wie sollte er, der Mensch ohne Glück und Hoffnung, den kein Genius erleuchtete und dessen Einsicht hundertmal vor einem Entschlusse warnte, bevor sie einmal dazu riet, an Stelle Garibaldis stehen? Er hatte sich bis dahin treu an die empfangenen Aufträge gehalten und sich fähig gefühlt, dafür mit seinem Leben einzustehen; aber die raschen vollen Tage veränderten die Umstände, unter denen damals geplant war, und er hätte müssen mit Garibaldis Seele leben können, um das Heilbringende zu wählen. Er war sich niemals so schwach und unzulänglich erschienen; aber zugleich fühlte er sich hoch über denen stehen, die ihn in guter und in böser Meinung drängten und verfolgten, kurzsichtig aus knabenhaftem Tatendrange oder verblendet durch parteiische Leidenschaft. Er wußte sich keinen Rat mehr, als nach Sizilien zu gehen und mit Garibaldi zu sprechen; wiederum wagte er nicht, sich aus Genua zu entfernen und die Führung so wichtiger Angelegenheiten aus der Hand zu lassen.

In dieser Stimmung überraschte ihn der Besuch des Carlo Farini, der inzwischen Minister geworden war und einen geheimen Auftrag des Königs an Bertani hatte. Farini machte nicht mehr den Eindruck gesunder und überflüssiger Kraft wie vor einem Jahre als Diktator in Modena und Bologna. Zwar bediente er sich noch zuweilen der pathetischen Geste, der auffällig betonten Worte und der Sätze von knapper, oft dunkler Bedeutsamkeit, aber, wie wenn der Faden, der die Gliedmaßen eines Hampelmanns zusammenhält, schlaff geworden und an manchen Stellen abgerissen ist, so fehlte der Zusammenhang und der 204 überzeugende Schwung in allen seinen Aeußerungen. Der Ausdruck monumentaler Selbstzufriedenheit war aus seinen Mienen gewichen vor einer unruhigen Zerstreutheit, die dann wieder unbegründete Erregung verdrängte.

»Glauben Sie nicht, mein lieber Bertani,« sagte er, »daß wir ohne Sinn für die großen Absichten Garibaldis wären! Er folgt seinem Herzen und handelt wie ein edles Kind, das dem Bettler, der es jammert, das Gold aus seines Vaters Kisten hinwirft. Welchen größeren Zwecken des Vaters das Gold hätte dienen sollen? Wie der Vater nun sich selbst vor dem Lose schützen soll, Almosen an den Türen zu heischen? Das erwog es nicht im Augenblicke des hingerissenen Gefühls. Er kennt die große Welt nicht, er weiß nicht, wovon die großen Kriege, die Geschicke der Völker abhängen; das Gemälde des Teppichs sieht er wohl, nicht aber das ungeheure Netz seiner Maschen, das seine Unterlage bildet.« Plötzlich brach er ab und sagte, indem er Bertani durchdringend ansah, in verändertem Tone: »Wissen Sie nicht, daß ich auch anders auftreten könnte? Wissen Sie nicht, daß ich mit weißen Pferden, mit sechsen, wenn es mir beliebte, durch die Straßen fahren könnte? Wer würde mich tadeln, wenn ich die Leute sehen ließe, was innen lebendig ist?« Er schwieg, starrte vor sich hin, fuhr mit der Hand über die Stirne und sagte lächelnd: »Lassen wir das! Das braucht uns jetzt nicht zu beschäftigen!« worauf er zu seinem Gegenstande zurückkehrte.

Der Inhalt seines Auftrages war, Bertani zu veranlassen, daß er die Expedition nicht von Genua ausgehen ließe, wo sie von fremden Mächten als unter dem Schutze des Königs stehend betrachtet werden würde, sondern seine Truppen zunächst nach einem andern Hafen, am liebsten nach Sizilien führte, einem 205 neutralen Gebiete, damit den König für das, was geschähe, keine Verantwortung träfe. Nach einer nochmaligen Unterredung einigten sie sich so, daß Bertani versprach, die Freiwilligen nach einem Hafen der Insel Sardinien, dem Golf der Orangen, zu bringen, indem Bertani dachte, daß Garibaldi sie von dort aus nach seinem Gutdünken benutzen könne, Farini aber zufrieden war, daß die unheilvollen Schiffe wenigstens aus dem genuesischen Gewässer entfernt wurden.

Nicotera überhäufte Bertani mit Vorwürfen, daß er nachgegeben habe, auch andre Freunde gaben ihm zu verstehen, daß er sich von der Regierung habe fangen lassen und den Garibaldi gegenüber übernommenen Verpflichtungen nicht nachgekommenen sei, so daß er sich von Freunden und Feinden gleicherweise verfolgt sah. Da er auch gewarnt wurde, daß Cavour mit dem Gedanken umgehe, ihn zu verhaften, ordnete er in Eile seine Geschäfte, schiffte sich mit den Freischaren nach Sardinien ein und fuhr von dort aus nach Messina, wo Garibaldi sich aufhielt, um die Meerenge zu überschreiten.

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