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Der Kampf um Rom

Ricarda Huch: Der Kampf um Rom - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kampf um Rom
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1907
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDer Kampf um Rom
pages371
created20171222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Auf einer Hochebene im westlichen Sizilien in der Nähe eines im Sommer meist ausgetrockneten Gebirgsbaches lag das Gut des Grafen von Sant' Anna, bestehend aus einem sehr alten, burgartig gebauten Schlosse und einigen in neuerer Zeit ausgeführten Wirtschaftsgebäuden. Das Schloß hatte viereckige Türme, von denen einer gefallen war, und dessen große Trümmer durch wild hindurchwachsendes Grün immer mehr gesprengt und zerrissen wurden. In einen weiten Umkreis erstreckten sich Weinberge; denn die Familie des Marchese hatte von jeher einen Wein gemacht, der wegen seiner Farbe, einem schwärzlichen Violett, gewissen reifen Feigen ähnlich, und seines aromatischen Geschmacks einen rühmlichen Namen hatte. Um das Schloß herum standen Steineichen, die breite, zusammenhängende Schatten warfen. In der ersten Hälfte des Mai erschien dort ein alter blinder Sänger, der auf der ganzen Insel herumkam und dem in den einsamen Gütern besonders die zahlreiche Dienerfamilie, aber auch die Herrschaft gern zuzuhören pflegte. Er war stolz darauf, die ältesten Lieder und die echte Kunst des Vortrages durch Ueberlieferung seiner Vorfahren zu können, besang aber auch, was vorzüglich verlangt wurde, die neuesten Vorfälle des öffentlichen Lebens, und hatte dabei zum Vorteile seines Geschäftes die Gewohnheit, sich lange bitten zu lassen unter dem Vorwande, daß die gewünschten Geschichten aus politischen Rücksichten gefährlich lautwerden zu lassen seien und ihn das Leben 124 kosten könnten. Die Gräfin Sant' Anna ließ den Alten bewirten und dann in den Schloßhof führen, der sich mit dem Gesinde füllte, während die Gräfin, ihre Söhne und Töchter und Gäste vom Balkone der Fenster aus zuhörten; der Graf war abwesend. Nachdem eine alte Ballade gesungen war, wünschte einer der jungen Grafen das Lied vom Tode des Giovanni und Francesco Riso, der Anführer des unglücklichen Aufstandes von Palermo, zu hören, worauf der Blinde zuerst behauptete, es nicht zu kennen, dann, es um keinen Preis singen zu wollen, da es aufrührerischen Inhalts und seine Verbreitung bei strengster Strafe untersagt sei. Die Gräfin rief hinunter, daß in diesem Hause kein Verräter sei und ihm keine Falle gestellt werde, wie er wohl wisse; es war in der Tat bekannt, daß der Graf Sant' Anna den König haßte und aus seinen eignen Leuten und Angeworbenen eine wohlausgerüstete Truppe gebildet hatte, um der Revolution zu dienen. Zwar hatte er sich in der letzten Zeit vorsichtig still gehalten und erwartete einen verheißenderen Augenblick; doch hatten er und die Seinigen ihre Gesinnung zu oft merken lassen, als daß daran hätte gezweifelt werden können. Trotzdem ließ sich der Alte erst, nachdem ihm ein größeres Geldgeschenk in Aussicht gestellt war, bereit finden, das Lied zu singen, das erzählte, wie Francesco Riso, schwerverwundet gefangen, unter den Augen des teuflischen Maniscalco starb, der ihm schilderte, um sich an seinem Schmerz zu weiden, wie sein Vater Giovanni mit vielen andern vor Porta San Giorgio erschossen worden war. Dieses Lied, das von verhaltener Rache düster war, erregte die Zuhörer, so daß sie es noch einmal zu hören verlangten. Inzwischen hatte eine junge Dame, die, mit den Töchtern des Hauses befreundet, im Schlosse zu Besuch war, der Gräfin gesagt, der Blinde solle irgendwo ein Lied 125 von Garibaldi gesungen haben, das neu und wundervoller als alle andern sei, und bat sie, ihn zu veranlassen, es vorzutragen. Das zu tun weigerte sich der Sänger noch bestimmter als vorher: nur den Namen Garibaldis zu nennen sei lebensgefährlich, er wolle sich lieber sogleich selbst an einem Seile aufhängen, nicht einmal seinem Hunde, wenn er mit ihm allein sei, würde er ein solches Lied, gesetzt, daß er es könnte, vorsingen. Wiederum folgte eine heftige Auseinandersetzung mit der Gräfin, die ihn einen Gaukler und Gleißner schimpfte, worauf er sein Alter, seine Blindheit und Verlassenheit bejammerte, die ihn dem Uebermut grausamer Menschen preisgäben, und schließlich, auf erneuerte Versprechungen, sich bereit erklärte, das gewünschte Lied vorzutragen. Auf seine Bitte wurde ihm ein Glas voll von dem berühmten feigenschwarzen Weine gebracht, das er austrank; dann stützte er den Arm auf das Knie und den grauen Kopf in die Hand, um sich zu sammeln, und begann, indem er mit der Rechten deutete, während er mit singendem Tonfall sprach:

»Die Flotte der Tyrannen besiedelt das Meer, umkränzt die Insel wie eine bewegliche Mauer, damit der Befreier nicht landen könne. Hundert Schiffe jagen das Schiff des Befreiers, suchen es, wie Rudel von Hyänen ihre Beute. Die Wellen des Meeres sind in Augen verwandelt, die lauern, in Schlünde, die Blitze werfen; aber das Schiff, das Garibaldi trägt, fährt verhüllt und unnahbar, von Geistern umwölkt. Auferstandene sind es, die sagen: ›Du gebietest, Garibaldi, den Gräbern, in die wir mit klaffender Stirne stürzten, der Freiheit Italiens geopfert. Wir leben noch einmal an deinem vollen Herzen, noch einmal wogen die Hoffnungen um unsre Brust. Dich umschlingen wir, Garibaldi, und betreten mit dir die goldene Schwelle des Sieges. 126 Unser Blut, das wir vergossen, schwelle dein Leben, unsre Schmerzen sollen deine Kraft härten, unsre hellen Namen in deinen Ruhm münden. Unser Atem treibt dich nach Süden und erfüllt, vor dir her wehend, die Seelen der Feinde mit schaudernder Ahnung.‹

»Mitten durch die Fregatten des Tyrannen fährt Garibaldi sicher, ungesehen. Die Sterne fliegen mit seinem Schiff, wie wenn ein Adler über seinem Haupte hinge. Wohin blickt er mächtig über das Meer? Er blickt dahin, wo das heilige Feuer aus goldenem Herde steigt. Meer und Himmel fließen ewig blau um das Kleinod, dessen Glanz die alten Drachen aus ihren Höhlen lockt, damit sie es rauben. Wie viele wagten mit dem Scheusal zu kämpfen und unterlagen! Die Fischersfrauen, die am Strande sitzen und die Segel waschen, färben sie blutig; die Fischer, die ihre Netze auswerfen, ziehen die triefenden Häupter erlegter Helden ans Licht.

»Fürchtet nicht für Garibaldi. Gott hat ihn gemacht wie unsre heilige Insel: er ist aus Feuer gewachsen, in Feuer geläutert, in Feuer gerüstet. Das Schwert steigt aus seiner Hand wie die Feuersäule aus der Spitze des Aetna. Einsam steht er unter den dunkeln Menschen, sichtbar leuchtend durch Schönheit.

»Garibaldi lockt nicht die Ueppigkeit der Feste, wo der duftende Pfirsich im Weine badet; er hört den Schrei der Ertrinkenden, den Seufzer der Notleidenden, das Knirschen der Geknechteten und hilft. Seine Stimme ist eine Fanfare, seine Hand richtet die Gestürzten auf und erlöst die Gefangenen, während sein Fuß zermalmend auf den giftigen Kopf des Drachen tritt.«

Als der Alte schwieg, lauschten alle noch eine Weile und blickten voll Spannung in das braune 127 Gesicht des Sängers, der selbst erregt in eine Ferne zu horchen schien. Die jungen Grafen und Gräfinnen liefen selbst in den Hof hinunter und bestürmten ihn mit Fragen, woher er das Lied habe, ob es wahr sei, daß Garibaldi unterwegs sei oder ob er vielleicht schon irgendwo in Sizilien gelandet sei. Der Alte jedoch zwinkerte mit den leeren Augen und verweigerte jede Auskunft.

*

An einigen Tagen in der Woche kehrte im Kloster der Engel von Salemi um die Abendzeit ein Bote ein, der Briefschaften, die zu Schiff in Marsala anlangten, in die nahegelegenen Ortschaften trug. Die Klosterbrüder sahen ihn gerne, weil er Neuigkeiten, was er gehört oder gesehen hatte, von draußen mitbrachte, und er seinerseits rastete nirgends so gern wie im Kloster, nicht nur, weil er stets einen schmackhaften Imbiß erhielt, sondern auch weil er nirgends so willige Zuhörer hatte, deren begierige Anteilnahme ihn sogar veranlaßte, seine Mitteilungen mit eignen Erfindungen auszuschmücken, damit sie auf ihre Kosten kämen. Hatte er gar nichts erlebt, so kam es ihm vor, als erfülle er seine Pflicht nicht und die Mönche hätten Ursache, mit ihm unzufrieden zu sein, und sein Gewissen beruhigte sich erst, wenn er auf irgendeine Fabel gekommen war, die er vorbringen konnte; in seiner Freude erging er sich oft so weit und so kühn, daß manche mißtrauisch wurden und ihm zublinzelten, sie verständen schon, daß das für die Dummen und Leichtgläubigen sei, worauf er sich bei der heiligen Rosalie und allen Heiligen, die in der Christenheit verehrt würden, verschwor, die Zunge solle ihm verdorrt aus dem Munde fallen, wenn er lüge. Der Prior des Klosters glaubte ohnehin nichts von allem, was der Bote erzählte; er war ein alter, fetter Herr, der die Ruhe und das gute Leben liebte und, da er 128 fast sein ganzes Leben im Kloster zugebracht hatte, der Meinung war, in der Welt sehe es ungefähr ebenso aus wie zwischen seinen Mauern. Er faßte die Berichte des Boten als unterhaltende Geschichten auf, die ihm um so angenehmer waren, je toller und krauser ihr Inhalt war, und von denen er nicht genug hören konnte, die für ihn aber in keinerlei Zusammenhang mit der Wirklichkeit standen.

Am Abend nach der Landung Garibaldis in Marsala konnte der Bote nicht den Augenblick erwarten, wo er im Kloster das große Wunder erzählen würde, und dachte sich unterwegs wieder und wieder aus, wie er es einkleiden wolle, um die Neugierde und das Staunen der Mönche nach Möglichkeit zu erregen. Er läutete ungestüm an der Pforte, die zum Klostergarten führte, und da er gemächliche Schritte durch den Sand schlürfen hörte, pochte er noch dazu an, damit sie sich beschleunigten. Im Garten wuchsen auf langen Feldern Salate, Gurken, Melonen, Bohnen und Erbsen, von denen einige im Schatten der Klostermauern lagen, und zwischen diesen gingen Mönche auf und ab und begossen aus großen Gießkannen, so daß der Wasserregen rieselnd und rauschend auf die üppigen Blätter fiel. Sie gingen dem Boten entgegen, der sagte, daß er voll Neuigkeiten sei, aber erst erzählen wollte; wenn alle versammelt seien; er hatte es namentlich auf Fra Pantaleo abgesehen, einen jungen Doktor der Rechte, der die Klosterschüler in Philosophie und Moral unterrichtete und als ein Patriot galt, und von dem er bemerkt hatte, daß er ungeduldiger als alle auf Nachrichten aus der Welt erpicht war. Auf die Meldung von der Ankunft des Boten strömten bald alle zusammen. An der Mauer des Gartens standen hölzerne Bänke unter einem flachen, von Weinreben überwachsenen Gitterdach, deren Blüte beseligend duftete; dorthin setzte man sich, 129 die Mönche dicht um den Erzähler gedrängt. In Marsala, begann dieser, sei ein Löwe vom Meere her an das Land gestiegen. Auf dem Marktplatze sei gerade eine Rauferei gewesen, die folgendermaßen entstanden sei: die wunderschöne Tochter einer Wäscherin habe ein Liebesverhältnis mit einem jungen Burschen. Da die Mutter aber ihr Kind an einen reichen Mann zu verheiraten hoffe und es streng bewache, habe ein Freund des Liebhabers es unternommen, sie zu täuschen. Er stelle sich so an, als ob er sich um das Mädchen bewerbe und belästige die Mutter stundenlang mit seiner Freierei und seinen Bitten und Klagen, während welcher Zeit ihre Tochter sich ungestört mit dem Geliebten vergnügen könne. Infolge eines Streites habe nun gerade der, welcher den Freier spielte, sich an seinem Freunde rächen wollen, der Mutter alles gestanden und sie das Stelldichein belauschen lassen, worauf sich ein heftiges Streiten und Balgen zwischen Mutter und Tochter und Freund und Freund ergeben habe, in welches schließlich die ganze Nachbarschaft verwickelt worden sei. Plötzlich sei vom Hafen her Geschrei erschollen, ein Löwe sei an Land gekommen, so daß voll Schrecken alle auseinander gestoben seien. Einer der Mönche fragte, ob er selbst den Löwen gesehen habe? Freilich, antwortete der Bote lächelnd, habe er ihn gesehen, das Wasser sei aus seiner rotbraunen Mähne getropft, wie im Spätsommer der Regen von den Zweigen der Eukalyptusbäume rinne, er habe um sich geschaut mit Augen, die das Herz des Feindes in weiter Ferne erlegten, und sein Gebrüll habe wie das Rollen des Aetna geklungen, bevor er Feuer ausspeie. Die Mönche, die nicht recht wußten, was sie aus dieser Begebenheit machen sollten, erkundigten sich, ob der Löwe von Afrika her gekommen sei, und ob er so weit habe schwimmen können, indes der Prior, dem mehr an der Liebesgeschichte gelegen 130 war, hören wollte, was daraus geworden sei. Fra Pantaleo hatte den Boten, dem fortwährend ein verstohlenes Lächeln in den Augenwinkeln blitzte, aufmerksam beobachtet, und rief plötzlich, indem er ihn ungestüm am Arme packte und fest und beinahe drohend ansah: »Der Löwe ist Garibaldi! Garibaldi ist in Marsala gelandet!« Der Bote leugnete es nicht, vielmehr war er froh, nun, was er wirklich erlebt hatte, erzählen zu können; er schilderte die furchtlosen Männer, die unter den Schüssen eines neapolitanischen Kriegsschiffes ausgestiegen wären, lachend und spottend, die Tracht Garibaldis, seinen weißen Mantel über der roten Jacke, und das goldbraune Roß, das er geritten habe.

Ob niemand sich ihm angeschlossen habe, fragte Fra Pantaleo. Mitnichten, erwiderte der Bote, vielmehr seien die meisten eilends in die Häuser gelaufen und hätten nur vorsichtig zu den Fenstern hinausgesehen, besonders die Frauen hätten die Augen an dem Zug herrlicher Männer nicht sättigen können. Man hätte allgemein geflüstert, es sei schade, daß man sie überhaupt hätte an Land kommen lassen; wäre man nur vorbereitet gewesen, so hätte man sie mit Kanonenschüssen empfangen können. Nun müsse man versuchen, Garibaldi in einen Hinterhalt zu locken, wo man ihn überwältigen könne; denn im offenen Kampfe könne man ihm nicht entgegentreten.

Vielleicht, sagte ein Mönch, sei es Gottes Wille, daß er sein Leben in Salemi ende; wenn er im Kloster übernachte, finde sich wohl Gelegenheit, ihn niederzumachen. Der Prior, der bisher lächelnd und kopfschüttelnd zugehört hatte, winkte beschwichtigend mit der Hand, indem er sagte: »Nun, nun!« um anzudeuten, daß man sich um einer Geschichte willen nicht so weitgehend zu äußern brauche. Der Bote hingegen, der sich mehr und mehr erhitzte, sagte, man 131 habe wirklich davon gesprochen, daß, wenn er sich irgendwo einquartiere, man Feuer an das Haus legen könne, damit er im Schlafe verbrenne. Darauf entgegnete ein Mönch, Ablaß vom Papste würde man schon erhalten, aber wenn Garibaldi der Teufel sei, wie es heiße, würde ihm Feuer vielleicht nichts anhaben können. Schön sei er freilich, sagte der Bote, wie man es von Satan, dem gefallenen Engel, sage. Dadurch dürfe man sich nicht betören lassen, fiel ein andrer Mönch ein; man müsse alles versuchen, ihn zu töten, irgendwie werde ihm schon beizukommen sein, sonst würde er sie umbringen und das ganze Kloster seiner Horde zur Plünderung übergeben.

Fra Pantaleo warf zornige Blicke auf die Sprechenden und verwies ihnen, so töricht zu schwatzen; Garibaldi schone die Wehrlosen, nur die Feinde des Vaterlandes werde er vernichten, worauf jene böse erwiderten, so daß der Prior, um Frieden zu stiften, sagte, sie hätten alle unrecht, und den Boten in die Küche führte, wo er seine Mahlzeit einzunehmen pflegte. Die zurückbleibenden Schüler blickten gespannt auf Fra Giovanni Pantaleo, ihren Lehrer, dessen der Revolution zugeneigte Gesinnung ihnen bekannt war und die sie aus Anhänglichkeit an seine Person teilten; indessen gewöhnt, sich zu fügen, schwieg er, nur in seinen Augen funkelte eine den jungen Leuten verständliche leidenschaftliche Sprache.

Um Mitternacht schwangen sich Fra Giovanni und sein Lieblingsschüler Raimondo aus einem niedrigen Fenster der Kapelle in den Klostergarten, in dem es von alten, sehr hohen Zypressen dunkelte. Durch eine derselben wuchs eine Rose, deren Stamm und Zweige mit denen der Zypresse so verschlungen waren, daß sie nur gewaltsam zu trennen gewesen wären, und die vielblättrigen Blumen strömten wie eine Kaskade Licht aus dem Monde unerschöpflich an der zerklüfteten 132 Gestalt des Baumes herunter. Fra Giovanni zog seinen jungen Freund unter die Bäume, legte den Arm um seine Schulter und erklärte ihm flüsternd seinen Entschluß, das Kloster zu verlassen und zu Garibaldi zu gehen. Er sagte: »Ich habe dir meine Liebe gestanden, obwohl unsre Regeln das Ueberquellen der irdischen Gefühle verbieten. Mit meinem Feuer entzündete ich eine Flamme in deinem Busen; was ich wußte, lehrte ich dich, die schönsten Geheimnisse der menschlichen Sprache, Freiheit und Liebe, habe ich dir gedeutet. Du gabest mir Vertrauen für meine Zärtlichkeit; der Augenblick ist gekommen, wo du mir dein Herz zeigen kannst.« Der junge Mann war bleich geworden und legte seine zitternden Hände an die Brust. »Wenn ich es dir zeige,« antwortete er, »wirst du darin sehen meine unendliche Liebe bis zum Tode.« Fra Giovanni erzählte ihm, daß immer, wenn er den Namen Garibaldis habe aussprechen hören, es ihm gewesen sei, als vernähme er Meeresrauschen aus der Ferne, mächtig lockend und mit Sehnsucht erfüllend. Er habe versucht, mehr von diesem Manne zu erfahren, bis er die Legende seiner Taten mit dem Rosenkranz gebetet habe. Nun sei die Luft voll von seinem Wesen, es halte ihn nicht mehr. Wenn Garibaldi ihn mitnehme, wolle er ihm folgen, wohin es sei. Er glaube dadurch keine Sünde gegen Gott zu begehen; denn es könne nicht Gottes Wille sein, daß die Menschen sich in Klöstern begrüben, da er ihnen Leben gegeben habe, dessen Natur Tätigkeit sei. Er habe den Menschen Liebe zum Vaterlande und zur Freiheit eingeflößt, habe ihnen Kraft gegeben, den Leidenden zu helfen und die Schlechten zu bekämpfen. Raimondo möge fortfahren ihn zu lieben und ihm bei seiner Flucht behilflich sein.

Der Jüngling hängte sich an die Schulter seines Lehrers, indem er bat: »Nimm mich mit dir! Was 133 soll ich in dieser Oede ohne dich?« Fra Giovanni entgegnete freundlich: »Warte, bis du hörst, wie es mir ergangen ist. Deinen Entschluß, ein Soldat der Freiheit zu werden, segne ich; doch sollst du dich nicht vergeblich Gefahren aussetzen. Ich werde Mittel finden, dich zu rufen, wenn ich Glück habe.« Im Schatten der Bäume sich haltend, gingen sie bis an die Mauer des Gartens, die Fra Giovanni übersteigen mußte, um zu entfliehen; dort blieben sie stehen und umarmten sich mehrere Male. Fra Giovanni schwang sich auf die Schultern des andern, der sich gebückt hatte, und von da auf die Mauer, winkte dem unten Stehenden noch einmal mit der Hand und verschwand. Der Zurückbleibende horchte gespannt auf den jenseitigen Sprung und auf die leisen Schritte, die sich schnell entfernten, und blickte lange mit feuchten Augen nach dem Kamme der Berge, der wie ein blaues Kranzgewinde oberhalb der Mauer sichtbar war.

Als am andern Morgen Garibaldi an der Spitze seines Heeres sich Salemi näherte, trat ihm Fra Pantaleo in den Weg mit den Worten: »Heil dir, Erlöser Italiens, und Heil mir, daß ich dein Angesicht gesehen habe!« Oberst Türr, ein Ungar, der an Garibaldis Seite ritt, warf einen ärgerlichen Blick auf den Mönch; Garibaldi indessen betrachtete sein volles, rotwangiges Gesicht, aus dem ein Paar treuherziger Augen glänzten, mit Wohlwollen und erwiderte: »Ihr seid ein Franziskaner; die wirken unter den Armen und tun mehr Gutes als die Priester. Ich danke Euch für Euern Gruß. Wenn Ihr der guten Sache dienen wollt, so verteilt einen Aufruf, den ich Euch geben werde, in Euerm Kloster und unter dem Volke.« Fra Pantaleo erklärte sich dazu bereit; doch möge Garibaldi ihm erlauben, wiederzukommen und sich ihm anzuschließen. Er kenne Land und Leute: das Volk Siziliens wäre nicht böse, aber 134 unerzogen und abergläubisch, Barbaren, wie es den Absichten der Jesuiten, in deren Händen sie wären, paßte; wenn sie einen Mönch im Gefolge des Generals sähen, würden sie ihn eher als den Gesandten Gottes erkennen, der er sei.

Noch hatten sich Garibaldi nur die Truppen des Grafen Sant' Anna angeschlossen, die Bevölkerung ließ ihn unschlüssig staunend an sich vorüberziehen; eine volkstümliche Erscheinung wie der Franziskanermönch, dachte er, könne in der Tat dazu dienen, ihn ihr geheuer zu machen. »Wenn Ihr wollt,« sagte er, »so bleibt bei mir. Ihr mögt mein Ugo Bassi sein.« Bei dieser Mahnung flammte die Begeisterung überwältigend wie Schrecken in Fra Giovanni auf; denn der Barnabit, der, sanft wie ein Kind, die Revolution so hinreißend gepredigt hatte, daß eine Flammenspur seine Straße durch Italien bezeichnete, der seine Kutte mit dem Scharlachhemd Garibaldis vertauscht und seine Liebe Italiens mit dem Tode durch Feindeshand besiegelt hatte, war seit vielen Jahren heimlich sein Vorbild gewesen. Obwohl ihm durchaus unähnlich im Aeußern, in Wesen und Anlage, träumte er davon, ihm zu gleichen, worin ihn bestärkte, daß Ugo Bassi, der, bevor er Garibaldi folgte, mehrere Male in Sizilien gewesen war, mit ihm, damals einem Kinde, gesprochen und ihn geliebkost hatte. So möge denn Garibaldi ihm gestatten, sagte er, daß er voran nach Salemi eile und das Volk belehre, in welcher Absicht er komme und wie es ihn zu empfangen habe.

In Salemi hatte unterdessen ein Jesuitenpater so viel Leute wie möglich zusammengerufen und sie gewarnt, ihre Habseligkeiten und Personen in Sicherheit zu bringen; denn Garibaldi sei kein Christ, seine Bande bestehe aus Türken und Sarazenen, die mit dem Raub an Weibern und Kirchenschätzen und was sie sonst fänden, über das Meer in ihre Höhlen zögen. 135 Zwischen die Erschrockenen, die nicht wußten, wohin sie sich zuerst wenden sollten, trat beruhigend die vertraute Gestalt des Fra Giovanni mit seinen blühenden Wangen und seiner starken, wie eine Kugel rollenden Stimme. Indem er sich von einem zum andern wandte, sagte er: »Hast du vergessen, wie ich dir deine Schafe und Esel segnete, als sie trächtig waren, und was für einen guten Wurf sie machten; und du, daß ich deines Vaters Beichte empfangen und ihn getröstet habe, als er vor Gewissensbissen nicht abscheiden konnte, und daß ich ihm die Sterbegebete gesprochen habe wie einem reichen Wohltäter? Denkst du daran, daß ich dich beschützt habe, als sie dich vor Gericht ziehen wollten, weil du den Steuerboten erstochen hattest? Ich weiß es, ihr seid gut und dankbar und liebt mich, wie ich euch liebe. So hört denn auf mich und nicht auf jenen Jesuiten, der ein heimtückischer Wolf ist und euch irreführen will; Garibaldi ist ein so guter Christ wie er und ihr und ich, ja ein besserer.« Er lud die ganze Bevölkerung ein, in die Kirche des heiligen Agostino zu kommen, wo er zu ihnen reden wolle, und sprach, nachdem sie sich in Bälde gefüllt hatte, etwa folgendermaßen: »Es war die Nacht des vierten April; aus den Bergen stiegen die kalten Nebel, die Fieber bringen, und legten sich auf die mutigen Männer, die verborgen das Zeichen der Revolution erwarteten, um das Vaterland zu befreien. In der großen Stadt Palermo schliefen die Menschen in ihren Betten; nicht so in den Kerkern des Königs die Gefangenen auf faulem Stroh, die davon träumten, im Kampfe gegen den Tyrannen zu sterben. Da auf einmal, wie ein Schwert in Fleisch bohrt und Blut ausspritzt, durchdrang diese Nacht ein Glockenton, und es läutete. Die Schläfer fuhren aus ihren Kissen auf und horchten und zogen schaudernd die Decken über sich, um nicht weiter zu hören; denn 136 der Ton war angstvoll, drohend und klagend wie Leben in Todesnot. Wißt ihr, wer den Strang gezogen hatte, daß es läutete? Es war ein Mönch im Kloster La Gancia, der gesehen hatte, wie die Knechte der Bourbonen die Verratenen überfielen, die Sizilien befreien wollten. Ein Mönch tat es, ein Gelobter Gottes; denn die, welche sich Gott gelobt haben, sollen mehr als alle die Freiheit lieben, die die Luft des Himmels ist. Viele hörten den Notruf, aber verstopften sich die Ohren und verkrochen sich, anstatt zu helfen. Da fiel Francesco Riso, der Gute, mit seinen Gefährten, verlassen und ungerächt. Einer hörte, einer, in weiter Ferne: Garibaldi. Fern unsrer Insel, im freien Norden, hörte er den Schrei der Glocke von Palermo und zögerte nicht; er stieg auf das Schiff und fuhr durch die lauernde Flotte des Königs hindurch, wie der Engel durch die Reihen der Wächter und mitten durch die Mauer des Kerkers schritt und Petrus hinausführte.«

Solche Worte strömten dem glücklichen Bruder auf die Lippen, ohne daß er sich zu besinnen brauchte; desto kräftiger und eindringlicher, je mehr die Begeisterung um ihn her zunahm. Seine Augen, die, wenn er erregt war, das blendende Funkeln geschliffener Steine hatten, zwangen die Leute, ihn anzusehen, und erfüllten die Seelen ebensosehr wie seine Worte mit dem, was er wollte. Als es ihm schien, daß der Drang, Garibaldi zu sehen und ihm zu huldigen, alle erfaßt hatte, schloß er seine Rede und sagte, daß sie sich insgesamt aufmachen sollten, ihm zu begegnen, der der Stadt schon nahe sein müsse. Das Volk strömte aus der Kirche, und es wurde schleunig eine Fahne geholt und eine Musikbande versammelt; Garibaldi hatte inzwischen mit seinem Stabe den Marktplatz erreicht. Fra Giovanni, der der Volksmenge voranging, ergriff den Zügel des Pferdes, das 137 der General ritt, und rief aus: »Seht dies Angesicht, damit ihr innewerdet, daß Garibaldi nicht der Zögling des Teufels, sondern der Liebling Gottes ist. So sah der König der Menschen aus, Christus, als er den Drachen des Todes überwand und uns das ewige Leben schenkte.«

Von den brennenden Augen, die an dem ruhig lächelnden Gesicht Garibaldis hingen, füllten sich viele mit Tränen. Auf eine kurze Pause atemlosen Stillschweigens folgte zügelloser Jubel; von der Lust ihrer aufgelösten Gefühle hingerissen, taumelte das Volk um die erstaunten Soldaten. Die schmetternde Musik vermischte sich mit dem unverständlichen Geschrei der Menge zu einem betäubenden Getöse, aus dem von Zeit zu Zeit gellend der Ruf aufstieg: »Evviva Garibaldi! Evviva Cristo!« Garibaldi wartete, bis das Toben sich einigermaßen erschöpft hatte, winkte mit der Hand und sagte in die Stille, die entstand: »Gott ist ein Gott des Friedens. Wer aber seinen Frieden bricht und seine Kinder mißhandelt, dem ist er der Herr der Rache. Als das Maß der Sünde auf Erden voll war, umgürtete er Christus mit dem Schwert, damit er Krieg mit ihr führe und sie vernichte. Der Herr der Rache hat auch mir das Schwert gegeben, und in seinem Namen führe ich es gegen den Tyrannen. Folgt mir und helft mir; der Diener Gottes wird an unsrer Seite sein und unser Opfer segnen.« Er beugte sich bei diesen Worten zu Fra Pantaleo und küßte ihn, worauf der Jubel sich von neuem erhob und ein jeder sich eines der Fremdlinge zu bemächtigen suchte, um ihn ins Quartier zu führen und zu bewirten.

*

Nachdem Crispi sich mit einigen Herren des Generalstabs beredet hatte, trat dieser zu einer Beratung zusammen und legte darauf Garibaldi die Bitte vor, er möge die Diktatur über Sizilien annehmen, bis 138 die Bourbonen vertrieben seien; er tat es im Namen des Königs Viktor Emanuel. Da inzwischen verschiedene Banden gekommen waren, um sich unter Garibaldis Befehl zu stellen, beschloß der General, einige Tage in Salemi zu bleiben, sein Heer rasten zu lassen und ihm die neuen Truppen, so gut es ginge, anzugliedern, in der Voraussicht, daß der erste Zusammenstoß mit einer bourbonischen Armee, die in der Nähe zu sein schien, bald erfolgen müsse.

Die meisten sizilianischen Truppen befanden sich in einem schlechten Zustande, nicht am wenigsten die des Grafen Sant' Anna, was dieser damit erklärte, daß sie sich wochenlang in den öden Bergen hätten verborgen halten müssen, der Witterung ohne Schutz ausgesetzt, ohne Möglichkeit, die bei kleinen Gefechten und schnellen Rückzügen zwischen den Felsen zerrissenen Kleider und Stiefel durch neue zu ersetzen. Garibaldi tröstete, er würde mit der Zeit Mittel finden, dem Schaden abzuhelfen, Geld, Waffen und Mäntel aus Genua nachkommen zu lassen; wären die Leute nur willig und tapfer, könnten sie der guten Sache große Dienste erweisen. Die braunen Gesichter mit den sprühenden Augen, die mageren und sehnigen Gestalten, denen man ansah, wie abgehärtet sie waren, entzückten ihn; auch hätte er sie, wenn sie noch bettelhafter erschienen wären, willkommen geheißen als die erste Bürgschaft der wirklich bestehenden Revolution in Sizilien.

Die jungen Lombarden, Genuesen und Venezianer, die die gerühmte Insel nur durch die Sagen und Geschichten aus der fabelhaften Zeit des Altertums und Mittelalters kannten, durchstreiften die üppig fruchtbare Gegend von Salemi und bestaunten die hohen Felder gelbbraunen Korns, das unter dem starken Blau des Himmels dicht über die Erde hin lodernden Fackeln glich, die rosigen Wäldchen der 139 Mandelbäume, die man sich mit spielenden Amoretten bevölkert denken mochte, die weißen, flachen, geheimnisvollen Häuser mit den wenigen schmalen Fenstern, aus denen schöne Mädchen, stolz, keusch und glühend wie Lilien, sahen, dahinter die nackten goldenen Berge.

Fra Giovanni bat den General, ihm zu erlauben, daß er nach seiner Vaterstadt Castelvetrano gehe, seinen Aufruf an die Sizilianer an den Mauern anschlage und womöglich Freischaren werbe; es lebten ihm dort eine Mutter und eine Schwester, denen sein neues Geschick zu verkünden er ungeduldig war. Mit den Instruktionen des Generals machte er sich auf, als es dunkelte, wanderte rüstig über die wilden Pfade, die von Salemi nach Castelvetrano führten, und die er auch ohne das Licht des fast vollen Mondes, der zugleich aufging, nicht verfehlt haben würde. Er dachte an den von Träumen zerrissenen Schlaf der Mönche im Kloster degli Angeli, an ihre Spaziergänge im Kreuzgang des Klostergartens, dem Umlauf der großen Zeiger an Uhren vergleichbar, und seine Brust weitete sich von stolzen und hoffnungsvollen Gefühlen. Die Freiheit, das Leben, das er sich erobert hatte in einem Gnadenaugenblick, wollte er allen seinen Brüdern, soweit er wirken konnte, mitteilen. An kühnen und folgereichen Plänen spinnend, beobachtete er die gebrochenen Säulen von Selinunt nicht, die Türmen von Kirchen und Festungen gleich eine mittelalterliche Stadt zu verkünden schienen. Das leise zitternde und weich glitzernde Meerwasser umspülte die Kolosse, wie es vor Jahrtausenden vielleicht das Felsgebirge umflutet hatte, dem sie entstammten. Mit unbenennbaren Empfindungen unauslöschlichen Lebens und triumphierender Vollkommenheit eilte Fra Giovanni die hohe Küste entlang, zuweilen den Namen Gottes laut ausrufend, den er zum ersten Male, nach 140 dem eiteln Beten und Tüfteln vieler Jahre, begriffen zu haben glaubte. Als ihm ein grauer Schein von Olivenwäldern anzeigte, daß er Castelvetrano nahe sei, fing er an langsamer zu gehen und horchte zuweilen; nichts rührte sich. Der Ort lag in Dunkelheit, nirgends brannte Licht; der Mond war schon untergegangen.

Vor der Kirche des heiligen Johannes blieb er stehen, besann sich einen Augenblick und trat ein. In einer Kapelle befand sich das große und weitberühmte Gemälde der Enthauptung des Heiligen, welches eine davor brennende Ampel so beleuchtete, daß das Haupt des Täufers, rötlich beschienen, zu erkennen war. Fra Giovanni sah die ihm wohlbekannten Züge, die hohlen Wangen, den grassen Blick, mit einer neuen Empfindung; denn auch er war, wie dieser Prophet, von dem er den Namen empfangen hatte, der Vorläufer eines göttlichen Helden, bereit, zu dulden und zu sterben, aber erfüllt von der Ahnung unvergleichlicher Siege. An der äußeren Wand der Kirche und an dem alten Palast der Herzoge von Monteleone befestigte er den Aufruf, in welchem der Diktator die Jünglinge und Männer Siziliens ermahnte, die Waffen zu ergreifen, da der langersehnte Augenblick, die Freiheit zu erkämpfen, gekommen sei.

Niemand störte Fra Giovanni bei seiner Arbeit, nicht einmal ein Hund schlug an; er hätte sich ebensogut zwischen den Ruinen einer verlassenen Stadt befinden können. Erst als er fertig war, kam ihm zum Bewußtsein, daß die Luft kalt und feucht war, und indem er die Kutte, unter der er schon das rote Hemd trug, fester um sich zog, eilte er zu dem kleinen, in einer engen Straße gelegenen Hause, das seine Mutter bewohnte. Er klopfte an ein Fenster, hinter dem sie schliefen, wie er wußte, und rief zugleich, damit sie nicht erschräken, daß er es sei, Giovannino, 141 worauf seine Schwester die Haustür öffnete und ihn einließ. Er wollte sich an das Bett seiner Mutter setzen, die, braun und klein wie eine Puppe, zwischen den Kissen lag, doch litt sie es nicht, sondern schickte ihn in die Küche, sie dort zu erwarten. Bald darauf erschien sie völlig angekleidet und begab sich mit Hilfe ihrer Tochter an das Kochen und Zurüsten, zwischendurch den Sohn liebkosend und nach der Ursache seines Besuches zu so ungewöhnlicher Stunde ausfragend. Was er ihr von seiner Flucht aus dem Kloster und seiner Begegnung mit Garibaldi und seinen Zukunftsplänen in Eile berichtete, hätte sie erschreckt, wenn nicht sein guter Mut und das unterwürfige Vertrauen, das sie zu ihm als ihrem einzigen Sohne und einer geistlichen Person hatte, sie wiederum beruhigt hätte. Nachdem er während des Frühstücks ausführlicher erzählt und versichert hatte, daß sowohl Garibaldi wie Viktor Emanuel gute Christen seien, wurde die kleine Frau, die um vieles älter aussah, als sie war, anteilvoll und munter, ihre dunkeln Augen, denen die des Sohnes glichen, fingen an abenteuerlich zu funkeln, und ein Vorschlag, sie solle mit der Schwester nach Palermo kommen, wenn es befreit sei, versetzte sie in fröhliche Erregung.

Als es Tag geworden war und Fra Giovanni annehmen konnte, daß eine große Anzahl von Menschen bereits den Aufruf gelesen hatte, begab er sich hinaus, um zu erfahren, was für einen Eindruck sie davon empfangen hatten, und da er eine ziemliche Menge auf dem Platze versammelt fand, führte er sie in die Kirche, in der er nachts gebetet hatte, in der Absicht, sie so, wie er in Salemi getan hatte, für Garibaldi und den Freiheitskrieg zu begeistern. Seine Mutter und seine Schwester saßen festlich unter den Zuhörern und wiegten ihre Seelen auf dem Schwunge seines Predigens. Er hatte damit nicht 142 weniger Erfolg als in Salemi, so daß ein Häuflein junger Männer sich gleich zusammenfand, um Garibaldi zu folgen. Der Diktator empfing den Mönch und die kleine Freischar freudevoll, als ob er sich beträchtliche Hilfe von ihnen verspräche, und bemühte sich, sie einigermaßen auszurüsten und einzuüben. Die Entscheidungsschlacht mußte in den nächsten Tagen stattfinden.

Die bourbonische Armee, die unter dem Kommando des Generals Landi, eines Sizilianers, stand, hatte die dreifache Stärke der Freiwilligen Garibaldis und außerdem den Vorteil, mit allem Nötigen gut versorgt, gut geschult und erfahren zu sein. Da sie noch dazu eine günstige Stellung innehatten, nämlich auf einer Anhöhe zwischen den gleichfalls auf Hügeln gelegenen Ortschaften Vita und Calatafimi, die vom Feinde über sieben Terrassen erstürmt werden mußte, was unmöglich schien, so zweifelten gerade die tüchtigsten unter Garibaldis Offizieren am Siege. Daß er dennoch so vollkommen errungen wurde, hatte seinen Grund in dem Heldenmute der Garibaldiner, die nicht mit der gewöhnlichen, eigentlich maschinenmäßigen Tapferkeit tüchtiger Soldaten fochten, welche auch die Bourbonen hatten, sondern mit der Hingebung Liebender, die um Glück und Ehre kämpfen; vor allem aber in Garibaldis Willen, der wie ein Dämon die glühende Luft erfüllte und die Seelen der Feinde brach. Bixio, dessen unwiderstehliches Vorwärtsstürmen nächst der Sicherheit des Generals am meisten Staunen erregte, schöpfte seine wunderwirkende Kraft aus der Verzweiflung; denn er, der bei geringem Selbstvertrauen die höchsten Ansprüche an sich stellte, handelte in großen Wagnissen immer wie einer, der den Todessprung tut, düster, unaufhaltsam und blindlings, sich selbst erschöpfend wie ein Blitz. Er verfehlte sein Ziel nicht und erlahmte nicht, 143 bis er erreicht hatte, was ihm oblag; er erfüllte nicht nur den Gegner, sondern auch seine Untergebenen mit Schrecken, zugleich aber auch mit fast schaudernder Bewunderung.

Dem ganz geschlagenen und flüchtenden bourbonischen Heere nach verfolgten die Tausend über Alcamo und Partinico die Straße nach Palermo und erreichten nach einigen Tagen Passo di Renna, den höchsten Punkt eines Gebirgspasses, von welchem man Palermo sollte sehen können. Die verbannten Palermitaner, deren einige sich im Heere befanden, hatten unterwegs von diesem Anblick und der Schönheit ihrer Stadt viel gesprochen und ihre Schritte mehr und mehr beschleunigt; aber in den letzten Augenblicken gingen sie langsamer, so daß die neugierigen Fremden ihnen vorauseilten. Es war Abend, als die Spitze des Zuges die Paßhöhe erreichte, wo die Stadt sichtbar wurde; sie lag als ein unbeweglicher, sanft gebogener Schimmer zwischen dem Meere und den jähen Bergen. Hauptmann Carini aus Palermo, der Anführer einer Kompagnie, verriet sein Gefühl nur durch die Blässe des Gesichtes und den feuchten Glanz der Augen; ein andrer zitterte heftig wie ein junger Baum, der geschüttelt wird. »Sie gleicht,« sagte Carini nach einer Pause, »der Jungfrau des Märchens, die durch die schlechten Künste der Stiefmutter scheinbar tot im gläsernen Sarge liegt, ohne daß ihre rosige Schönheit sich verfärbt hätte, und der der Königssohn nahe ist, der die vergiftete Spange aus ihren Locken ziehen und sich ihr vermählen wird.«

Es wurden Feuer angezündet, um die die Soldaten sich lagerten; der Himmel hatte sich mit dunkeln Wolken bezogen, es wurde kalt, und der Wind blies durch die Felsen. Nachdem gegessen war, legten sich die meisten schlafen. Hauptmann Carini erzählte jungen Leuten aus seiner Kompagnie Geschichten von 144 der Unheimlichkeit dieser Einöde, in der es Höhlen gab, die von jeher Räubern zu Schlupfwinkeln gedient hatten. Von einem Räuber erzählte er, der besonders gefürchtet gewesen sei und jeden Vorüberkommenden niedergemacht habe, nur nicht die Mönche eines tiefer unten befindlichen Klosters, das er selbst gestiftet habe. Deshalb hätten die Reisenden sich womöglich von einem Mönch aus jenem Kloster begleiten lassen, in welchem Fall er sie geschont habe, doch hätten sie sich nicht immer dazu herbeigelassen, aus Furcht, den Räuber zu beleidigen, wenn sie ihm zu viele Opfer entzögen. Sein Ende sei dadurch herbeigeführt, daß er sich in eine Frau verliebt und sie geraubt habe, worauf ihr Mann mit seiner Sippschaft und Freundschaft ausgezogen sei und ihn erlegt habe. Diese Männer hätten die Absicht gehabt, den Leichnam zu zerstückeln und unbegraben liegen zu lassen, aber die Mönche hätten ihn bei Nacht entwendet, um ihn gemäß einem Vertrage in geweihter Erde zu bestatten; wenigstens sei er verschwunden und keine Spur davon aufzufinden gewesen. Im Jahre 1848, erzählte Carini, habe sich eine Schar Patrioten, die nach der Niederwerfung der Revolution die Waffen nicht hätten niederlegen wollen, lange Zeit in diesen Höhlen verborgen gehalten, darunter auch Frauen und Mädchen, bis einer nach dem andern im Kampfe mit den Häschern der Regierung gefallen sei. Zuletzt sei einer geblieben, der die Namen aller seiner Gefährten und seinen eignen in eine Höhlenwand eingegraben habe, darunter das Wort Dio, Gott, um zu sagen, daß Gott ihnen gnädig sein möge, oder aber um ihn als den Rächenden anzurufen. Dann habe er sich mit einem Revolverschuß getötet.

Die Jünglinge blickten mit behaglichem Grauen von ihrem Feuer weg in den vom Winde getriebenen Nebel, der die fabelhaften Götzen wilder Völker 145 ähnlichen Gestalten der Felsblöcke und der stacheligen Opuntien bald erscheinen, bald verschwinden ließ, bis ihre Augen zufielen.

Garibaldi wachte noch lange. An eine Felswand gelehnt, blickte er auf die Stelle an der Küste hinunter, wo ein gelblicher Flor das ungestüme Herz von Palermo bedeckte. Der Himmel war so dunkel, daß die gigantischen Berge Pellegrino und Grifone, die die Stadt umschließen, sich kaum davon abhoben und ihr Wesen in die Nacht vermummt schien; ihnen gegenüber stand, über einem helleuchtenden Streifen am Horizonte, eine einförmig schwarze Wolke, wie wenn sie auch ein Berg wäre. Zwischen diesen Urtieren elementarischer Natur verkündete ein undeutlicher Schimmer die alte Sirene, die den Namen der glücklichen führte und viel Blut verschlungen hatte. Dort war das alte Kloster, aus dem der Glockenton gekommen war, der ihn gerufen hatte; dort stand das marmorne Kreuz zum Denkmal der Sizilianischen Vesper, dort der Turm La Martorana, unter dem nach der Hinmordung aller Franzosen die glorreichen Insurgenten zu einem freien Parlament zusammengetreten waren; und dort waren die Gefängnisse voller Patrioten und in den Schlössern residierten die Vertrauten der bourbonischen Könige, Henkersknechte, eigenmächtig wie Fürsten. Wer konnte wissen, wie die Menschen, die dort schliefen, ihn empfangen würden, wenn er nun käme? Ob sie entschlossen wären, ihr Leben, ihre Häuser, ihre Habseligkeiten um der Befreiung willen preiszugeben? Oder ob die lange Tyrannei sie so entnervt hätte, daß sie im schrecklichen Augenblicke der Entscheidung zurückbeben und sich ducken würden? Wer konnte ihm zählen, wie viel stolze und wie viel verräterische Herzen dort schlugen? Er sah so angestrengt hin, als ob er wünschte, daß seine Augen Adler würden und sich auf die Zinnen 146 von Castellamare setzten, um die Geheimnisse der Goldenen Stadt zu erbeuten.

Es waren ihm tüchtige Männer bei Calatafimi gefallen, erprobte, die die sizilianischen Insurgenten nicht ersetzen konnten; es konnte rasend erscheinen, sein kleines Heer, seine unwiederbringlich Einzigen, gegen Mauern zu werfen, die von zwanzigtausend wohlgeschulten Soldaten verteidigt wurden. Seine Tausend durfte er nicht verlieren, nicht aufs Spiel setzen; mit diesen, die er auf eigne Gefahr gefordert und die das Vaterland ihm willig gegeben hatte, durfte er nur siegen. Er warf einen langen, zärtlich schwelgenden Blick auf die Gruppen der schlafenden Soldaten, zwischen denen hier und da die aufgepflanzten Bajonette blitzten, und wiederholte sich, daß ihn nichts entschuldige, wenn er diese Getreuesten verschleudere; denn er wußte, daß Bertani ihm eine neue Expedition ausrüstete, vielleicht schon abgeschickt hatte, auf die er warten konnte, um, nach Belieben verstärkt, den Schlag auf die Stadt zu führen. Freilich hatte er diesen Feldzug nicht auf Zögern und Verschieben angelegt, weil es ihm unheilvoll schien, wenn die Gegner Zeit sich zu besinnen fänden. Täglich erwartete er Nachricht von Rosolino Pilo, der mit seinen Freischaren in den Bergen um Palermo war und vielleicht mit ihm zusammen wirken konnte. Sein Blick blieb wieder auf dem zerflossenen Schein hängen, der Palermo bezeichnete; wer ihm sagen könnte, ob die, die dort schliefen, sich ihm ergeben und ihm beistehen oder ob sie ihn im Stiche lassen würden wie den guten Francesco Piso? Es war ihm klar geworden, daß er im ganzen auf die Einwohnerschaft der Insel mit Sicherheit nicht zählen konnte; in den meisten Ortschaften war ihm das Volk wohl mit betäubender Huldigung entgegengekommen, anderswo hatten sie ihn geduckt und lauernd vorüberziehen lassen wie 147 Raubtiere, die den Abgewendeten anfallen wollen, dessen Auge sie nicht mehr bändigt. Indessen, trotzdem er sich dies sagte, überwog das Gefühl in ihm, daß sie alle sein wären, wenn es darauf ankäme und er wollte. Seine Gedanken begannen daran zu arbeiten, wie er es machen könne, die Besatzung Palermos so zu täuschen, daß sie annähme, er zöge ins Innere, vielleicht versuchten, ihm den Weg abzuschneiden und ihm dadurch Gelegenheit gäben, nach einer plötzlichen Wendung in schnellen Märschen die geschwächte Stadt zu überraschen. Er saß währenddessen so still, daß er ein Teil des Felsens zu sein schien, an dem er lehnte; wenn der Nachtwind seine Haare aufblies und bewegte, hätte man sie für Gräser halten können, wie sie aus den Ritzen des Gesteines herauswuchsen. Als es anfing zu regnen, stand er auf und legte sich schlafen.

Am andern Morgen, bevor das Lager abgebrochen war, fanden sich mehrere Herren aus Palermo ein, um Garibaldi Nachrichten aus der Stadt zu bringen. Sie hatten Bekannte unter den verbannten Sizilianern, die sich bei den Tausend befanden; als sie einander ansichtig wurden, umarmten und küßten sie sich unter Tränen. Was sie berichteten, war etwa dies: Daß nach der unglücklichen Erhebung vom vierten April der Belagerungszustand über Palermo verhängt worden sei und niemand ohne Erlaubnis die Stadt habe betreten oder verlassen dürfen; trotzdem sei es Rosolino Pilo gelungen, die Botschaft hineingelangen zu lassen, daß Garibaldi kommen werde. Diese Aussicht habe die Bewohner in dem Trotze bestärkt, mit dem sie ungeachtet der scharfen Bewachung jede Gelegenheit ergriffen, um ihre Gesinnung zu äußern. Sie erzählten, wie ein Polizist einem Manne auf der Straße den Revolver auf die Brust gesetzt und ihm befohlen habe zu sagen: es lebe der König! Wie dieser laut 148 gerufen habe: es lebe Viktor Emanuel! und im gleichen Augenblicke, ins Herz getroffen, zusammengesunken sei. Wie Soldaten Häuser plünderten unter dem Vorwande, daß sie Rebellen gehörten, und wie die Offiziere sie nur mit Mühe, oft gar nicht daran verhindern könnten. Wie das Garibaldilied gejagt würde wie ein Vogel, der allerorten wieder sich aufschwinge, aufleuchte und entwische. Ferner wie sich das Gerücht verbreitet habe, Garibaldi sei gelandet, und wie darauf von den Bourbonen das andre ausgestreut sei, er sei von einem königlichen Geschwader in den Grund gebohrt. Wie dann, nach der Schlacht bei Calatafimi, da das Geschehene doch nicht völlig hätte verdeckt werden können, öffentlich bekanntgemacht worden sei, Piraten hätten die westliche Küste überfallen und wären plündernd und brandschatzend durch einige Dörfer gezogen, bis General Laudi mit seinen Braven sie vernichtet hätte; der Hauptmann der Räuber sei unter den Toten. Wie jedes Herz geschlagen hätte: das geht um Garibaldi! Und wie die Ungewißheit, ob die Bekanntmachung irgend etwas Wahres enthalte, die allgemeine Aufregung vermehrt habe. Alle Stände seien einig, obwohl es einträglich sei, Anhänglichkeit an die Bourbonen zu zeigen, Haß gegen sie zu verraten todbringend, gebe es nur wenige Aristokraten, die frei bourbonische Gesinnung bekennten, ja fast seien die Königlichen mehr darauf bedacht, ihre Neigung zu verbergen als die Rebellen die ihre.

Diese Nachrichten kamen Garibaldi erwünscht und bestärkten ihn in seinem des Nachts entworfenen Plane, den er aber noch geheimhielt. Zum großen Schmerze der Seinigen, welche gern gerade auf Palermo losgegangen wären und seine Absicht nicht verstanden, schlug er statt dessen die entgegengesetzte Richtung ein, und als die Bourbonen wirklich ausrückten, spiegelte er eine Flucht vor, die sie zu weiterer Verfolgung 149 bewog. Dann trennte er einen Teil seiner Truppen ab und schickte diesen unter Anführung des tüchtigen Orsini nach Corleone im Inneren der Insel, während er selbst mit dem größeren Teile der Mannschaft auf schwer zugänglichen Bergpfaden bei Nacht in schnellen Märschen, denen auch die Kräftigen kaum gewachsen waren, nach dem östlich von Palermo gelegenen Misilmeri eilte. Auf dem verlassenen Gipfel brannten unterdessen Feuer, um den Feind irrezuführen.

Bald hinter Passo di Renna begegneten dem Heere Aufständische, die Garibaldi in tiefer Bekümmernis meldeten, daß Rosolino Pilo gefallen sei: in einem fast beendigten Gefechte mit den Bourbonen hatte ihn eine Bombe an die Stirne getroffen, als er im Begriffe war, Garibaldi wegen seines Sieges zu beglückwünschen.

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