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Der Kampf um Rom

Ricarda Huch: Der Kampf um Rom - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kampf um Rom
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1907
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDer Kampf um Rom
pages371
created20171222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Ausbruch der Revolution in Palermo war auf den sechsten April festgesetzt; als aber am zweiten alle Vorbereitungen getroffen waren, verlangte Giovanni Riso, der Vater des Francesco, der der Anführer des Aufstandes war, man solle sofort losschlagen, damit nicht noch neue, unvorhergesehene Hindernisse entständen. Francesco, der Brunnenmeister, ein besonnener Mann, der sich seit seiner Kindheit daran gewöhnt hatte, die Ungeduld des Vaters im Zaum zu halten, stimmte dafür, den einmal festgesetzten Tag zu erwarten; einzig die Besorgnis, der Plan könne noch verraten werden, ließ auch ihm eine Beschleunigung vorteilhaft erscheinen. Die Verschwörung hatte viele Mitwisser, erstlich in der Aristokratie, welche die eigentlichen Unternehmer waren und die Geldmittel hergegeben hatten, zweitens unter Handwerkern und Arbeitern, mit denen 86 Francesco Riso das Kastell überrumpeln und dadurch das Zeichen der allgemeinen Erhebung geben wollte, und schließlich die Mönche des Klosters La Gancia, wo die Empörer ihre Waffen verborgen hielten; unter diesen, die zum größten Teile der Revolution abgeneigt waren, konnte am ehesten ein Verräter sein. Francesco wollte sich noch mit einigen der angesehensten Herren beraten, bevor er einen Entschluß faßte.

Um die Abendzeit ging Fida, die Mutter des Francesco Riso, an das Meer, wo auf einer Säule das Bild der Maria im Rosenkranze stand, zu der die Fischer vor ihrer Abfahrt und bei ihrer Heimkehr zu beten pflegten. Auch sie verrichtete ein Gebet vor der Göttin und setzte sich auf einen Stein, um die Ankunft der Fischer zu erwarten; es sollte ihr nämlich ein Zeichen bedeuten, ob der erste, der zum Strande käme, einen guten Fang getan hätte; in diesem Falle wollte sie ihrem Manne und ihrem Sohne raten, den Aufstand sofort zu beginnen, da das Ende glücklich sein werde. Sie setzte sich so, daß die tiefe Sonne hinter ihr stand und sie ungeblendet dem Geflimmer des Lichtes auf dem Wasser zusehen konnte, das in zahllosen roten, veilchenblauen und goldenen Rosen aufzuquellen schien, ein Spiel der Anbetung zu den Füßen der meerbeherrschenden Jungfrau Mutter. Während des Wartens strickte sie und dachte an die vielfachen Sorgen und Freuden ihres Lebens. Um ihres Mannes willen hatte sie von jeher viel aushalten müssen. Als er das erstemal um sie warb und sie ihn abschlägig beschied, weil seine ungestüme, stets bewegte Natur sie erschreckte, drohte er ihr, daß er sich töten würde. Um ihn zu strafen, den sie im Grunde doch liebte, beredete sie eine Freundin, ihn mit süßen Blicken und Worten zu umgarnen, was ihr so weit gelang, daß er sie zum Tanze führte und 87 ihr ein rotes Seidentüchlein schenkte. Das Mädchen hatte sich bei diesem Spiele selbst ein wenig in Giovanni verliebt, gab aber getreulich das eroberte Tüchlein der Freundin, die es ihm nun triumphierend vorhalten konnte als einen Beweis seiner Flatterhaftigkeit. Nachdem sie ihn so beschämt hatte, heiratete sie ihn, was sie nie zu bereuen brauchte, denn er war gutherzig, fröhlich und unwandelbar treu und legte großen Wert auf die Meinungen seiner Frau, die ihm nie verraten hatte, welcher List sie sich einst gegen ihn bedient hatte. Allerdings hatte sie fest und wachsam sein müssen, um seiner Unbedachtsamkeit die Wage zu halten, sie war ihm eine Stütze gewesen, nicht er ihr. In ihrem Sohne Francesco war ihr ein Beistand gekommen; anderseits hatte er ihr mehr zu schaffen gemacht als der leichtblütige Vater durch seinen weitausgreifenden Geist, der über den Kreis, in den die Verhältnisse ihn gesetzt hatten, hinausstrebte. Der Druck und die Verfolgungen der bourbonischen Regierung empörten ihn so sehr, daß er, fast noch ein Knabe, nach Amerika auswandern wollte; nur die Vorstellung der Mutter, daß er eben wegen dieser Zustände daheim bleiben müsse, um mit allen Kräften dem leidenden Vaterlande zu dienen, vermochten ihn, seinen Plan aufzugeben. Billigte sie es nun auch, daß er sich an den patriotischen Umtrieben beteiligte, so machte es ihr doch nicht geringe Sorge und hätte ihr noch mehr gemacht, wenn sie nicht das größte Vertrauen in seine Ueberlegenheit und seinen Erfolg gehabt hätte.

Frauen und Kinder entdeckten die alte Fida, wie sie aufrecht auf dem Steine saß und strickte, und drängten sich um sie, die ihnen als märchenkundig wohl bekannt war, mit der Bitte, etwas zu erzählen, aber sie wehrte freundlich ab und blickte unverwandt auf das Meer, das sich schon mit winzigen Nachen 88 der Heimkehrenden bedeckte. Ihre Spannung wuchs mit jeder Minute, bald war ein Boot allen andern voraus, verweilte dann aber wieder, weil der Fischer mit den Netzen beschäftigt war, andre wurden durch scherzhafte Wechselreden mit den am Ufer Wartenden aufgehalten; eines, dessen Insassen in auffallender Bewegung waren, was auf besondere Ausbeute schließen ließ, ruderte gemächlich, so daß es unmöglich schien, es werde zuerst ankommen, dennoch landete es plötzlich unweit der hohen Madonna vor allen andern, von den neugierigen Zuschauern jubelnd empfangen. Die alte Frau, die die gemächliche Fahrt des Nachens mit Herzklopfen begleitet hatte, mischte sich unter die Umstehenden, denen die Fischer schon während des Ausladens von dem unverhofften Fang eines großen Schwertfisches zu erzählen begannen. So war die Entscheidung wundervoll gefallen; denn ein besseres Zeichen als ein Schwert aus dem Meere hätte nicht kommen können. Sie nahm sich die Zeit, das seltene Tier zu betrachten und seinen mutmaßlichen Wert mit den Fischern zu besprechen, dann trat sie langsam den Heimweg an, erst die Schritte beschleunigend, als sie sich ihrem Hause näherte.

Sie fand Giovanni, Francesco und noch einige Männer im Wohnzimmer mit dem Anfertigen von Patronen beschäftigt. Bei ihrem Eintritt wurde der Alte unruhig und gab seinem Sohne Winke zu schweigen, da er fürchtete, daß seine Frau seinem Wunsche, sofort loszuschlagen, entgegen sein würde; anstatt dessen sah sie alle mit hellstrahlenden Augen an und sagte, indem sie eine Hand auf den Kopf ihres Sohnes legte, die Mutter Gottes vom Meere habe ihr ein Zeichen gegeben, daß sie den Kampf unverzüglich beginnen sollten und daß er glücklich enden würde. Während Francesco zwar die Hand seiner Mutter küßte, ihr zugleich aber in die Augen lächelte, 89 da er weder fromm noch abergläubisch war, geriet der Alte durch die Zustimmung seiner Frau und der heiligen Jungfrau in eine Laune übermütiger Fröhlichkeit, so daß sein Sohn und Fida ihn fortwährend ermahnen mußten, sich ruhig zu verhalten und Vorsicht zu üben; er hatte noch immer ein anmutiges Gesicht mit schmalen Augen, die schelmisch funkelten, und eine schöne Stimme, die fast von selbst in Gesang überzugehen schien. Mitten in der Nacht klopfte es an das Haustor; Francesco eilte hinunter und führte den Ankömmling in ein Zimmer zu ebener Erde, das oft zu geheimen Zusammenkünften diente. Es war der junge Graf Battalunga, der meldete, er habe Nachrichten aus Messina, daß Rosolino Pilo dort gelandet sei und im Gebirge Truppen sammle, daß er versichere, Garibaldi werde kommen, sowie er sehe, daß es den Sizilianern Ernst sei, und daß infolgedessen er, der Graf, und seine Freunde der Ansicht seien, man solle den Ausbruch der Revolution um keinen Tag länger als nötig hinausschieben. »Wir verlassen uns auf Euch,« sagte der Graf, während Francesco ihn zum Tore hinausließ. »Auf mich ja,« erwiderte Francesco mit einem Lächeln, »nicht auf das Glück; ich freie darum, aber es hat mir sein Jawort noch nicht gegeben.« Indessen war seine Miene heiter und zuversichtlich, als er wieder ins Wohnzimmer eintrat und den ungeduldig Harrenden die gute Nachricht brachte. »So werden wir also endlich,« rief der Alte, »jenen Garibaldi sehen, auf den wir im Jahre 1848 vergebens hofften,« und erzählte von den Träumen und Entmutigungen der Vergangenheit, zugleich daraus Verheißung für das Gelingen der Gegenwart schöpfend. Ein paar Frauen, die um Fida herum in einer Ecke des Zimmers saßen, flüsterten ängstlich, was sie von Garibaldi gehört hatten: daß er das Blut seiner Feinde getrunken habe, daß er 90 die kleinen Kinder umbrächte, daß er ein Heide sei, die Bilder der Heiligen verbrenne und den Namen Gottes verfluche, daß er dem Teufel verschrieben sei. Fida schalt sie törichte Kinder, daß sie den Erfindungen schlechter Pfaffen und Söldner der Tyrannei Glauben schenkten; ob nicht Bruder Clemente gesagt habe, daß Garibaldi von Gott auserwählt sei, um die Ketten der Bedrückten zu lösen? Ob sie nicht wüßten, daß er so schön sei wie die Erzengel, die neben Gottes Thron ständen, in Feuer gebadet, unverletzlich, unbesiegbar? Ob sie nicht wüßten, daß er nicht nur selbst sein Brot mit den Armen teilte, sondern, wie die Sonne, die harten Herzen der Menschen erweichte, so daß sie die Ueberbürdeten entlasteten und den Darbenden Hilfe spendeten? Zuweilen, erzählte sie, rasteten im Herbst auf den Inseln große rosenrote Vögel, die nach Afrika flögen, und es käme vor, daß einer von ihnen zurückbliebe und stürbe. Aus den Knochen eines solchen Vogels hätten in alten Zeiten die Ziegenhirten Flöten gemacht und darauf geblasen, und es sei der Ton derselben so süß gewesen, daß die Menschen davon bezaubert worden und in Wahnsinn verfallen wären; deshalb sei es verboten worden, auf den Knochen dieser Vögel zu spielen. So sei die Stimme Garibaldis: die Stämme der Pinien, die Felsen im Meere, das Meer selbst beuge sich nach ihr, wen er frage, der müsse bekennen, wen er anriefe, der müsse folgen. Ob sie nicht wüßten, daß er den Papst von Rom überwinden werde? Denn der Papst sei von Gott abgefallen, habe die Armut in den Staub getreten und das Laster gekrönt und den Drachen der Sünde sich in der heiligen Kirche breitmachen lassen; aber Gott habe einen reinen Blitz vom Himmel geworfen, um den Unrat zu verzehren, das sei Garibaldi. Wenn er Sizilien frei gemacht habe, werde er nach Rom gehen, den Drachen vernichten und die Säulen 91 der Kirche von neuem aufrichten, so daß ihr Dach wie der gestirnte Himmel sich über der ganzen Erde wölbe. Auch die Männer hörten der Mutter Fida bis in die tiefe Nacht hinein mit Anteil zu.

Am Abend des folgenden Tages gingen die Mönche des Klosters La Gancia nicht zur gewöhnlichen Zeit zu Bette. Der Abt, der aus vornehmer und reicher Familie stammte, hatte es ungern gesehen, obwohl er mit den Liberalen sympathisierte, daß sein Kloster der Schauplatz einer Rebellion werden sollte; aber er hatte dem Drängen und Drohen der Verschwörer und der Fürsprache einiger Mönche, die Anhänger der revolutionären Bewegung waren, nachgegeben. Jetzt war er erschöpft und doch zu unruhig, um schlafen zu können; bald stand er auf und betete vor einem Kruzifix, das die schmale Wand des Refektoriums teilte, bald setzte er sich zu den übrigen und gab seinen Bedenken Ausdruck. Es sei wahr, sagte er, Sizilien werde nicht gut regiert, man habe bessere Zeiten gesehen; allein man hätte erwarten sollen, wie der junge König sich anstellen werde. Was für Unrecht hätte er während seiner kurzen Regierung tun können? Man hätte ihm Zeit lassen sollen, das Gute zu ergreifen. Was für Folgen es für das Kloster haben werde, wenn bekannt würde, daß sie um die Verschwörung gewußt hätten? Und doch hätte er nicht das Herz gehabt, die Männer, die ihr Vaterland und die Freiheit liebten, zu verraten. Ein junger Mönch, der eben an diesem Tage den bevorstehenden Ausbruch der Revolution dem Gouverneur von Palermo verraten hatte, hörte diesen Gesprächen schweigend, mit wachsender Beängstigung zu. Er hatte ein hübsches, schmales Gesicht mit sanften Augen und ein fügsames, geräuschloses Wesen; er hatte sich mehr zu den patriotisch gesinnten Mönchen gehalten als zu denen, die dem Papst und dem Könige anhingen, die bei weitem in 92 der Mehrzahl waren, und da er ohnehin für gleichgültig und fast dumm gehalten wurde, ahnte niemand, daß er etwas Schädliches unternehmen könne. Vermeintliche Frömmigkeit und ein dunkler Trieb, etwas anzustiften, hatten ihn bewogen, den Verrat zu begehen, kaum jedoch hatte er ihn ausgeführt, als sich seiner die Furcht bemächtigte, eine verdammenswerte Tat getan und unberechenbare Schrecknisse hervorgerufen zu haben. Die Blässe seiner Wangen und der Ausdruck unbegreiflichen Entsetzens in seinen Zügen hatten etwas Aufregendes, das sich allen mitteilte. Den Abt litt es nicht länger im Zimmer, und er ging mit mehreren Brüdern in den Klostergarten, wo er vor den Gemüsebeeten verweilte, obwohl der Mond umwölkt und wenig zu erkennen war. Dann traten sie in den durch Laternen erleuchteten Stall ein, wo es warm war und würzig roch und wo der gleichmäßige Atem der schlafenden Tiere dem Takt einer nächtlichen Uhr vergleichbar auf und ab ging. Der Abt ging die Reihen der Kühe, Esel und Ziegen entlang und streichelte ihnen das Fell, wobei einige von ihnen aus dem Schlafe auffuhren und den Kopf nach ihm wendeten. Als er das Miauen einer Katze hörte, fiel ihm ein, daß seit dem vergangenen Tage in einem Winkel des Stalles ein Nest junger Katzen war, und er ging hin, um die kleinen Tiere zu betrachten, bemerkte aber, daß alle vier, auch das schwarz und weiß gefleckte, das ihm besonders gefallen hatte, auf der Seite wie leblos dalagen. Er kniete nicht ohne Anstrengung bei dem Neste nieder und betastete die kleinen Leichname, die die alte Katze leidenschaftlich beleckte; er konnte es ebensowenig wie sie fassen, daß sie wirklich tot sein sollten. Während er mit Hilfe des Bruders ein Loch in die Erde machte, um die Kätzchen zu begraben, beklagte er ihr unzeitiges Sterben und äußerte Vermutungen über die Ursache des Todes; 93 er habe doch, sagte er, den Stall selbst geweiht und gesegnet, und außer den Mönchen sei keiner, soviel er wisse, aus und ein gegangen. Da die alte Katze sich sogleich daran machte, die Jungen wieder hervorzuscharren, schleppte der Abt sie mehrere Male gewaltsam fort, bis der Bruder einen Stein auf die Stelle legte, den sie kläglich miauend umstrich; dann verließen beide traurig und kopfschüttelnd den Stall.

Sie waren eben wieder vom Garten aus in das Kloster eingetreten, als die zurückgebliebenen Mönche ihnen mit der Meldung entgegenkamen, daß sie an der äußeren Pforte das Anpochen der Verschworenen gehört hätten, worauf der Abt seufzte und befahl, sie einzulassen.

Am zweiten April tagte in Turin das erste Parlament des neuen Staates, den Viktor Emanuel in der Eröffnungsrede das Italien der Italiener nannte. Diese Rede hatte Farini, der Meister der Sentenzen, entworfen, doch hatte der König auf gewissen Wendungen, die seine tapfere und ehrliche Gesinnung ausdrückten, bestanden. Das frohe Siegesgefühl der Versammlung dämpfte nur der Umstand, daß, was sie zunächst beschäftigen mußte, die Abtretung von Savoyen und Nizza war; denn wenn auch die Mehrzahl der Deputierten zu sehr von Cavours Meinung abhingen, um dagegen zu stimmen, bedrückte doch alle mehr oder weniger das Bewußtsein, an einer Handlung mitzuwirken, die wohl von politischer Klugheit, nicht aber von Größe, Kraft und Folgerichtigkeit zeugte. Unter den wenigen, die entschlossen waren, sich zu widersetzen, waren Bertani, der Florentiner Guerazzi, General Fanti, der zu stolz war, um seine Ansicht der Cavours zu unterwerfen und die Gelegenheit nicht ungern ergriff, ihm und jedermann seine Selbständigkeit zu beweisen, und einige Nizzarden. Wie es vorauszusehen war, wurde über die Interpellation 94 Garibaldis, die in der zweiten Sitzung stattfand, hinweggegangen: Cavour lag daran, daß das Geschäft so schleunig und geräuschlos wie möglich betrieben wurde.

In diesen Tagen traf die Nachricht von dem unglücklichen Verlaufe des Aufstandes in Palermo ein: in den ersten Morgenstunden des vierten April hatten die bourbonischen Soldaten, durch Verrat von dem Plane unterrichtet, das Kloster La Gancia, in dem die Verschworenen sich sammelten, umzingelt; ein Kampf hatte sich entsponnen, in dem die meisten getötet, andre, unter ihnen Giovanni und Francesco Riso, gefangen wurden, der letztere schwer verwundet. Auch die Klosterbrüder, die die Bourbonisten ohne weiteres für Mitschuldige hielten, wurden zum Teil in das mörderische Gefecht verwickelt, der Abt selbst empfing eine tödliche Wunde. Einer von den Mönchen, der junge Bruder Alisio, war gleich im Beginne der Schlacht in den Turm gelaufen und hatte die Sturmglocke des Klosters geläutet, um die Mitverschworenen zur Hilfe des verlorenen Haufens herbeizurufen; allein Palermo war still geblieben. Im Laufe des Tages waren mehrere Edelleute, die der Teilnahme an dem Aufstande verdächtig waren, verhaftet worden, andre hatten sich, dadurch gewarnt, geflüchtet.

Crispi und Bixio begaben sich sofort zu Garibaldi, um ihn von diesen Vorfällen in Kenntnis zu setzen; denn sie hielten es für wichtig, daß ihm das, was ihm doch nicht verborgen bleiben konnte, zuerst von ihnen dargestellt würde. Garibaldi, der sich wegen Nizza in verdüsterter Stimmung befand, sah Crispi zum ersten Male und empfing ihn, da er sich dachte, daß ihn die sizilianische Angelegenheit zu ihm führte, zurückhaltend; jedoch sein kluges, von Entschlossenheit blitzendes Gesicht und sein ernstes Wesen gefielen ihm. »Ihr müßt ein furchtloser Mann sein,« sagte er zu 95 ihm mit Bezug auf die gefahrvollen Reisen, die der Sizilianer durch seine Heimat gemacht hatte. »Ich fürchte ein ruhmloses und müßiges Leben, nicht den Tod,« sagte Crispi, indem er den prüfenden Blick des Generals fest und feurig erwiderte, »das ist alles.« Garibaldi lächelte zufrieden: »Mit solcher Gesinnung steigt man hoch,« sagte er. Nachdem Crispi noch einige ihn selbst betreffende Fragen Garibaldis beantwortet hatte, erzählte er von den Ereignissen in Palermo: die Revolution sei wohl vorbereitet gewesen, es hätte vollkommene Einigkeit geherrscht, nicht an Waffen gefehlt, in den Bergen von Palermo wären Truppen bereit gewesen, alle größeren Städte würden sich auf das in Palermo gegebene Zeichen erhoben haben, einzig durch Verrat wäre es dem Gouverneur möglich gewesen, die Bewegung noch vor dem eigentlichen Ausbruch zu ersticken; so niederschlagend die bis jetzt eingetroffenen Nachrichten lauteten, sei es doch gerade deswegen notwendig, den Unglücklichen beizuspringen. Es erschien Garibaldi vor allem bedenklich, daß in der großen Stadt sich niemand gerührt habe, den Ueberfallenen beizuspringen; das deute nicht auf Einmütigkeit und Entschlossenheit, wovon Crispi gesprochen habe. Der Schrecken eines plötzlichen, unberechneten Ereignisses pflege lähmend auf die Menschen zu wirken, sagte Crispi; freilich fehle in der Organisation der sizilianischen Bewegungen eines, nämlich ein Haupt, dem alle blindlings gehorchten, ein Wille, der die von Leben zuckenden Teile zu einem wirksamen Körper magisch zusammenzwinge. Francesco Riso sei ein guter tüchtiger Mann, doch reiche sein Einfluß nicht weit, so gebe es auch unter dem Adel manchen, der in seinem Kreise mit Erfolg und zu guten Zwecken herrsche, keinen der Atem habe, aus dem Chaos zu schaffen. Das könne Garibaldi sein. Garibaldi sah schweigend vor sich nieder. 96

Bixio, für dessen Ungeduld Crispi nicht stürmisch genug redete, konnte sich nicht enthalten, seine Enttäuschung laut werden zu lassen. Ob denn die Großmut andrer, sagte er zu Garibaldi, der seinigen zuvorkommen solle? In Genua habe sich bereits eine Gesellschaft gebildet, um den kämpfenden Brüdern in Sizilien Hilfe zu bringen, Geld und Waffen strömten zu. La Masa brenne vor Begierde, sich einzuschiffen, Fahrzeuge ständen ihm, Gott weiß woher, zur Verfügung. Hielten Bertani, er und Crispi ihn nicht zurück, er würde gehen und die jungen Leute mit sich ziehen, die unzählbar täglich einträfen. »Das wäre schlimm, und Ihr tut wohl, ihn zurückzuhalten,« sagte Garibaldi ruhig. »General,« sagte Crispi, »er fährt nicht ab, solange ich lebe. Dies ist Euer Werk.« »Mein Werk,« antwortete Garibaldi, »ist nicht nur Sizilien, sondern auch Rom und Venedig zu befreien. Das gibt man nicht den Zufällen aufbrausender Begeisterung preis. Ich will es nicht wagen, ich will es tun, darum muß ich es bedenken.« Er beauftragte Crispi, einstweilen sich umzusehen, ob die aus seiner Sammlung hervorgegangenen Gelder und Waffen, die in Mailand verwahrt werden, zu erhalten sein würden, Bixio, Schritte wegen der Dampfschiffe zu tun, die man brauchen würde. »Also ist es beschlossen, daß wir fahren?« fragte Bixio mit funkelnden Augen. »Ich habe nichts beschlossen,« entgegnete Garibaldi. »Zunächst will ich die weiteren Nachrichten aus Sizilien erwarten, was für Maßregeln die andern Städte ergreifen, ob der Aufstand trotz der Niederlage in Palermo um sich greift oder ganz erlischt. Inzwischen trefft ihr Vorbereitungen, damit beisammen ist, was wir brauchen, wenn es Zeit ist.«

Bixio war nicht zufrieden; als sie Garibaldi verlassen hatten, sagte er zu Crispi, der General sei 97 nicht so anteilvoll, wie er geglaubt hätte; die Rücksicht, die er auf die Regierung zu nehmen für nötig halte, enge ihn ein, er sei größer gewesen, als er allein gestanden habe. »Und doch seid Ihr es,« sagte Crispi, »der auf den Grafen Cavour schwört, der ihm und Viktor Emanuel zuliebe den Republikaner mit einem Handgriff von sich getan hat!« Bixio gab es ärgerlich verlegen zu; doch müsse Viktor Emanuel sich gutwillig zum Könige von Italien machen lassen, das sei der selbstverständliche Vorbehalt dabei gewesen, tue er das nicht, so sei er, Bixio, mit ihm fertig.

Indessen ließ Garibaldi durch Gaetano Sacchi, der mit seiner Billigung ein Kommando in der königlichen Armee angenommen hatte, die Meinung Viktor Emanuels über Sizilien erforschen. Erfreut berichtete Sacchi, der König habe dem Plane, etwas für Sizilien zu tun, durchaus zugestimmt; er habe die Ansicht geäußert, es müsse rasch gehandelt werden, nur mutiges Zugreifen könne die italienischen Verwicklungen lösen. Auch mit Garibaldis Wunsch, Sacchi und sein Regiment mitzunehmen, habe er sich einverstanden erklärt. »Ich stehe für meine Leute,« sagte Sacchi, »Chiassi, Isnardi werden jubeln, wie ich es tue. General, die großen Tage werden noch einmal wiederkehren.« »Ich hoffe es,« sagte Garibaldi; »es kann nicht anders sein, wenn ich euch bei mir habe.«

Ein paar Tage später empfing Garibaldi einen Brief des Königs, in dem er die durch Sacchi gegebene Zusage zurücknahm. Er warnte Garibaldi, daß, wenn er nach Sizilien gehe, er es auf eigne Gefahr tun müsse, und erließ das bestimmte Verbot, Sacchi und sein Regiment zu dem eigenmächtigen Unternehmen zu verwenden. Mit verwundetem Herzen teilte Garibaldi seinem alten Kriegsgefährten die 98 Umstimmung des Königs mit und schärfte ihm selbst ein, Desertionen seiner Soldaten, von denen vielleicht manche Laufbahn und Leben aufs Spiel setzen würden, um ihm nach Sizilien zu folgen, nachdrücklich zu verhindern. Er zweifelte nicht daran, daß es Cavour sei, der zwar nicht den Sinn des Königs geändert, aber sein Handeln beeinflußt hatte; ihn, der sich Schöpfer Italiens nennen ließ, nannte er den bösen Genius des Königs. Es fiel ihm ein, daß Mazzini einmal gesagt hatte, Cavour und der König wollten nur die Güter, die sich mit gewissen Anstrengungen und Opfern erhandeln ließen; das Höchste, das die Götter nur den großen Herzen gäben, die auch das Unmögliche ergriffen, würden sie nie erreichen. Dennoch hatte er oft das große Herz des Königs zu erkennen geglaubt; Cavour legte seine kleine fette Hand darauf und drückte es zusammen. Er ging wie ein Viehhändler zu Markte und rieb sich die Hände, wenn er gegen ein Kälbchen einen kräftigen Stier eingetauscht hatte; manches andre Rind, das auch gut in seinen Stall gepaßt hätte, blinzelte er nur im Vorübergehen an und ließ nicht ein Wort laut werden, daß es ihm gefiele. Er konnte warten. Vielleicht würde der Besitzer des Viehs einmal in Not geraten und es billig abgeben; wer konnte wissen, ob es ihm nicht schließlich von selbst in den Stall gelaufen käme. Einstweilen wollte er seinen Ochsen bei sich eingewöhnen und nicht merken lassen, daß er auf weiteres rechnete.

Garibaldi erfüllte Widerwillen; er sehnte sich nach dem Augenblick, wo er im Parlament, wenn über die Abtretung von Savoyen und Nizza gesprochen würde, dem Minister gegenübertreten und ihn des Verrates anklagen könnte. Verschiedene Freunde berieten ihn, wie er seine Behauptungen und Forderungen am geeignetsten begründen solle; er hätte lieber seinen Groll 99 nackt aus dem Herzen herausgeschrien, aber er fügte sich der Einsicht, daß er damit nur seinen Zorn kühlen, nicht der Sache, die er vertrat, nutzen würde. Trotz der Triftigkeit der Gründe jedoch, die er und andre vorbrachten, und trotzdem es niemand entging, daß Cavour die gewohnte Sicherheit in seiner Entgegnung vermissen ließ, erreichten die Verteidiger Nizzas nichts. Garibaldi, der neben Bertani saß, hörte die Reden der Abgeordneten an und betrachtete sie aufmerksam, als wolle er sich einprägen, wie die aussahen, die seine Heimat überlieferten. Er fühlte sich wie ein Fremder zwischen den Menschen, die ungerührt, als streiften sie einen alten Schuh von den Füßen, dem Minister oder dem Kaiser von Frankreich zu gefallen, eine blühende Erde, die auch Italien hieß, von ihrem Vaterlande losrissen, und Hunderte, die ihre Sprache sprachen, aus ihrer Gemeinschaft ausschlossen. Es graute ihm bei der Vorstellung, daß diese Menschen Italien vertraten; es war anderswo; aber es hatte die Kraft nicht, diese Spiegelfechterei mit einer Gebärde zu vernichten und zu sagen: hier bin ich, und dies ist mein Wille.

Auch Cavour war, obgleich er gesiegt hatte, mißvergnügt. Diejenigen, die ihm widersprachen, kamen ihm unweise und plebejisch vor, weil sie politische Fragen mit dem Gemüte lösen wollten, oder verlogen, weil sie Worte machten, statt schlechthin das Notwendige zu tun; aber die weitläufigen Beistimmungen seiner Anhänger befriedigten ihn auch nicht. Er wäre gern schnell über die widerwärtige Sache hinweggegangen, die unnütz aufhielt, wo genug andres zu tun war. Sein Empfinden war dem eines Familienvaters ähnlich, der sein Vermögen durch allerlei erfolgreiche Tätigkeit glücklich vermehrt hat und mit Genugtuung überblickt, von wo er ausging, wie weit er es gebracht hat und wie hoch seine Nachkommen steigen 100 können. Alles, was den schönen Erfolg seiner Politik stören konnte, erbitterte ihn; er verwünschte Bertani, der öffentlich im Parlament ein Eingreifen der Regierung, eigentlich eine Beteiligung an der sizilianischen Revolution verlangt hatte, und die Heißsporne, die durch ihre Unvorsichtigkeit das Gerücht von einer bevorstehenden Hilfsexpedition in weite Kreise verbreiteten. Es ging ihm durch den Sinn, daß, da die Sache einmal so stand, es am besten wäre, wenn er selbst einen ihm Ergebenen mit der Leitung einer solchen betraute, wodurch zunächst der allgemeinen Meinung genuggetan würde und er doch in der Lage bliebe, die Angelegenheit nach seinem Willen zu gestalten; doch gab er den Plan wieder auf, teils weil es an einem geeigneten Manne fehlte, teils um nichts umsonst aufs Spiel zu setzen, denn im Grunde hoffte er, daß Garibaldi es doch nicht täte.

Durch La Farina erfuhr er, daß der General trotz des Drängens von vielen Seiten noch nichts Entscheidendes gesagt oder vorgenommen hatte. Er selbst kannte ihn als einen Mann, der, was er nicht zu vollbringen hoffen konnte, nicht angriff; und wie konnte er auf ein glückliches Ende seiner tollkühnen Expedition rechnen? Die Flotte des Königs von Sizilien war so groß, daß schon das Ziel zu erreichen kaum möglich schien, die Armee zu bedeutend, als daß die Banden, die Garibaldi zur Verfügung hatte, sich ihr gegenüber würde halten können. Er und die meisten von denen, die ihm folgen würden, waren fremd auf der verhängnisvollen Insel; sie selbst in ihrer Eigenart, verhüllt, düster und glühend, konnte die Befreier plötzlich verderben, sie als Eindringlinge in ihren Schluchten erwürgen oder der Rache ihrer Bedrücker ausliefern. Wie viele hatten die Hand nach der Goldfrucht des Südens ausgestreckt, einer uralten Bezauberung unterliegend, und waren in 101 verborgene Dolche gestürzt, um in die verräterische Erde ihr eignes Blut zu ergießen. Garibaldi würde an die Brüder Bandiera und Pisacane denken und sich durch ihr Schicksal warnen lassen. Für den Fall, daß er aller vernünftigen Einsicht zum Trotz sich von den Schwärmern würde mitreißen lassen, behielt er sich vor, Maßregeln zu ergreifen, wenn es ihm nötig schiene, Gewalt zu brauchen. Inzwischen wollte er eine diplomatische Annäherung an den König von Neapel versuchen zum Zweck eines Bündnisses, das dem Könige von Sardinien eine gewisse Einmischung in die Geschicke der beiden Sizilien gestatten würde, und so in seiner Weise an der Ausgestaltung Italiens arbeiten.

Nachdem Garibaldi den Kampf um Nizza hatte aufgeben müssen, verließ er Genua und nahm eine Einladung seines Freundes Vecchi an, der die Verteidigung Roms unter ihm mitgemacht und die große italienische Revolution der Jahre 1848 und 1849 mit ernster Unparteilichkeit beschrieben hatte. Demselben gehörte die Villa Spinola bei Quarto. Das Geflüster, daß Garibaldi nach Sizilien und von dort nach Rom gehen würde, lockte viele Freiwillige herbei, von denen eine Anzahl schon in Rom unter ihm gekämpft, andre als Alpenjäger seinen Siegeszug durch die Lombardei und das Veltlin mitgemacht hatten, schließlich Jünglinge, die, um 1849 noch Kinder, mit den Geschichten seines Ruhmes herangewachsen waren. Es waren Lombarden, Genuesen, heimatlose Venezianer, Romagnolen und Sizilianer; aber auch Piemontesen waren darunter, solche sogar, die, von einem mächtigeren Gestirn gezogen, die königliche Armee verließen. Diese jungen Leute verschwiegen zwar, was sie vorhatten, wie es ihnen vorgeschrieben war, doch war es ihnen ohne Schwierigkeit anzusehen; denn sie waren je nach Gelegenheit und Vermögen kriegerisch 102 ausstaffiert und verrieten sich außerdem durch ihre frohe Unruhe und stolze Gehobenheit in Gang, Haltung und Wesen. Von der Bewohnerschaft Genuas nahmen viele Anstoß daran, Bürgersöhne sich wie Söldner eines Kondottiere gebärden zu sehen, als lebte man noch in den wüsten Zeiten des Mittelalters, wo Fehden zwischen Nachbarstädten und Tyrannen waren. Man verließ sich wohl darauf, daß die Regierung zur rechten Zeit die Hand auf diese Bewegung legen würde, und mißbilligte es insgeheim, daß sie so lange zuwartete. Viele, die in früherer Zeit Garibaldis Namen gern angeführt und den Schimmer, der von ihm ausging, getrost in ihre Kreise hatten scheinen lassen, vergaßen das jetzt oder bereuten es, nannten ihn einen Zügellosen, der das an sich Löbliche durch Ausschweifung zum Frevel mache und des großen Grafen, nämlich Cavours, wohlbedachte und wohltätige Pläne zerstöre, und mißbilligten die gewaltsame Vermischung der eignen Geschicke mit denen des fernen Sizilien. In den Familien, wo Söhne waren, wuchs die Besorgnis, daß die Stimme des verhängnisvollen Mannes sie auch verführen könne; waren sie nicht anwesend, so mußte man fürchten, daß sie, wie viele andre, um das weiße Haus am Meere strichen, wo er wohnte, um ihn zu sehen oder seinen Schritt zu vernehmen oder nur am Gefühl seiner Nähe sich zu berauschen.

*

Indessen vergingen den Führern die Tage in peinlichen Sorgen und Kämpfen. Bertani lag krank im Bette, arbeitete aber doch an der Ausrüstung der Expedition, und Offiziere, Geschäftsleute und Vermittler aller Art gingen unaufhörlich bei ihm ein und aus. Täglich versammelten sich Medici, Bixio, Crispi und Sirtori an seinem Lager, um das große Unternehmen zu besprechen, über welches noch keine 103 Einigkeit unter ihnen herrschte; denn nur Bertani, Crispi und Bixio wollten, daß sogleich und unter allen Umständen zur Aktion geschritten würde. Medici hatte vielerlei Bedenken, namentlich daß die Zustimmung des Grafen Cavour fehlte, Sirtori widerriet durchaus. Sirtori war Geistlicher gewesen und hatte lange zwischen dem einmal übernommenen Beruf und dem Drange, bei den großen Kämpfen um Italien tätig mitzuwirken, geschwankt, bis er sich entschloß, die Kutte abzuwerfen und das Schwert zu ergreifen. Sein Verstand war scharf und lebhaft genug, um zu zweifeln, aber sein Geist nicht so weitblickend, daß er in Wirrungen seinen eignen Weg mit schneller Sicherheit gefunden hätte; so kam es, daß er übellaunig und widerspruchsvoll, heimlich sich quälend beiseite stand, wenn andre vorwärts drängten, um schließlich seinem stärksten Gefühle, das nach Großem strebte, zu folgen. Unter den Offizieren, die im Jahre 1849 die Verteidigung Venedigs geleitet und den langen Widerstand ermöglicht hatten, war er neben Enrico Cosenz der bedeutendste; Garibaldi erkannte seine militärische Tüchtigkeit und legte Wert auf ihn. Er hatte das Aussehen eines Schwärmers und Propheten, hager und ernsthaft, immer schwarz gekleidet; es schien, als wolle er durch seine Lebensführung, die alle Pflichten ergriff und an allen Genüssen vorüberging, den Bruch des einst vollzogenen Gelübdes aufwiegen. Er hielt es kaum für möglich, daß Garibaldi die Bourbonen, die in Palermo und Messina starke Festungen besetzt hielten, aus Sizilien vertreiben könnte, für durchaus unausführbar ohne die Unterstützung Cavours. Allerdings ließen gewisse Aeußerungen La Farinas, der die Absichten des Grafen kannte, darauf schließen, daß er, sofern es nur heimlich geschehen könnte, die Expedition begünstigen würde; aber als eine verläßliche Zusicherung 104 konnte das nicht gelten. Bertani gab die Schwierigkeiten zu, wollte aber nicht, daß Garibaldi abgeraten würde; er kenne die Lage so gut wie ein andrer, sein Genius allein müsse entscheiden. Bixio war zornig, daß Unwillige und Unschlüssige überhaupt zu Garibaldi zugelassen wurden, am liebsten hätte er ihn eingeschlossen und mit niemand außer ihm selber verkehren lassen; der General müsse gehen, sagte er, er müsse.

Garibaldi hörte und erwog alles, was ihm vorgetragen wurde, und ließ die Zurüstungen, die seine Offiziere betrieben, ungehindert fortgehen. Wenn Freiwillige zu ihm kamen, hieß er sie in Geduld warten, bis der Augenblick da sein würde. Einige kamen, die in früherer Zeit durch Mazzini in die politischen Dinge eingeführt waren, um aus des Generals eignem Munde zu erfahren, ob er in Wahrheit für den König von Italien und nicht für die Republik ins Feld ziehen wollte. Diesen sagte er, er selbst sei in seinem Sinne Republikaner, aber ihrer seien wenige, die dem Könige anhangen viele, also müßten die wenigen den vielen ihre Wünsche zum Opfer bringen, damit man einig werden könne, und beruhigte damit die meisten.

Auch Maurizio Quadrio, der nunmehr Sechzigjährige, der, wie Crispi, heimlich in Sizilien gewesen war und für die Revolution gearbeitet hatte, suchte Garibaldi in der Villa Spinola auf, den er seit dem Tage des letzten Sturmes aus Rom nicht mehr gesehen hatte, und fragte ihn, ob es wahr sei, daß er den Namen des Königs auf seine Fahne setzen wolle. Garibaldi bestätigte es und gab die Gründe an, die ihn dazu bewogen hätten; Mazzini, fügte er hinzu, sei darin mit ihm einig. Quadrio schwieg eine Weile und sah traurig vor sich nieder; er würde, sagte er, die Jahre, die er noch zu leben hätte, alle hingeben, 105 wenn er das erleben könnte, unter Garibaldi für Siziliens Befreiung zu kämpfen. Das Leben hätte ihm nichts gebracht als Arbeit, Niederlagen und Enttäuschung, einmal hätte er Sieg und Vollendung erleben mögen; und käme es zum Untergang, so hätte er wohl in diesem edeln Kampfe fallen mögen. Garibaldi wurde lebhaft; er brauche, sagte er zu Quadrio, jetzt nicht an das Entlegene zu denken; er möge denken, daß es gelte, den verhaßten Tyrannen aus dem schönsten Lande zu treiben, er möge denken, daß es die Einheit Italiens gelte, daß sie auf dem Wege nach Rom wären. Wollte er aber weiter denken, so möge er von einer Zukunft träumen, wo das Volk einmütig danach verlangte, sich selbst zu regieren; sie würden nicht mehr dabei sein, aber was täte das? Italien bliebe und Rom. Quadrio richtete die trüben Augen bewegt auf Garibaldi; wann er gehen würde, fragte er. Bald, antwortete Garibaldi; er wisse den Tag noch nicht, Quadrio möge in Genua bleiben, damit er im letzten Augenblick noch sich entscheiden könne. Der gramvolle Ausdruck in dem durchfurchten Gesicht des trotzigen Alten rührte ihn. »Glaubt mir,« sagte er, »daß ich nicht anders kann. Ich muß Italien machen, streitet ihr indes über die beste Regierungsform.« »Nein, nein,« rief der andre, »gerade weil Ihr Italien machen könnt, solltet Ihr es gut machen. Ihr habt die Macht, Gott hat sie Euch gegeben, warum wollt Ihr die Könige damit beschenken? Unter der Fahne von Sardinien kann ich Euch nicht folgen; denn ich kann meinem glücklosen Leben und den Tagen von Rom nicht untreu werden, das unterging, doch unvergängliche Größe zurückließ.« Garibaldi sagte, indem er die Brauen finster zusammenzog: »Ja, es war groß, aber es ging unter. Immer waren Ruinen Italiens Ruhm.« Maurizio Quadrio entfernte sich grollend und bekümmert. 106

Am 23. April trafen sich Crispi, Medici, Bixio und Sirtori bei Bertani, Sirtori von einem Besuche bei Cavour kommend. Da er nämlich gehört hatte, daß der Graf aus Florenz, wo er sich wegen der Krönung des Königs aufgehalten hatte, zurück sei, hatte er beschlossen, ihn selbst zu fragen, wie er sich zu der Expedition stellen, ob er sie unterstützen oder bekämpfen wolle; denn dessen müsse man vor allen Dingen sicher sein. Nun stimmte er nachdrücklicher als zuvor gegen das Unternehmen. Sie hätten, erzählte er, lange miteinander gesprochen, Cavour hätte vorgestellt, was schon bekannt sei, daß Krieg mit Oesterreich und Frankreich entstehen könne, besonders wenn Garibaldi auf Rom ziele. Als er, Sirtori, gesagt habe, es gehe nicht auf Rom, sondern auf Sizilien, habe der Graf plötzlich gesagt, wenn das sich so verhalte, sei es eine andre Sache, wenn es sich nur um Sizilien handle, sei er auch dabei, sowie aber Garibaldi einen Streich gegen Rom plane, müsse er ihn als Feind des Vaterlandes betrachten und behandeln. Er habe sich offenbar in großer Erregung befunden, und die Art und Weise, wie er sich ohne Wärme und innerliche Anteilnahme mit dem Zuge nach Sizilien einverstanden erklärt habe, sei ihm unliebsam aufgefallen. Er wisse mit Bestimmtheit, daß Cavour dem Könige habe zureden wollen, Garibaldi die Expedition zu verbieten, daß aber der König sich geweigert habe; daß er geäußert habe, er werde Garibaldi festnehmen und einsperren lassen, um das Abenteuer zu verhindern und daß, als ihm erwidert sei, es werde sich niemand finden, der sich dessen getraue, er gesagt habe: »So werde ich selbst ihn am Kragen fassen und ins Gefängnis führen.« Schließlich könne er ihn, wenn er schon zu Schiffe und unterwegs sei, aufgreifen lassen. Daß er nun unvermittelt einem Garibaldi Nahestehenden gegenüber das 107 Unternehmen billige, sei bedenklich; vielleicht suche er einen Grund, um Garibaldi unschädlich zu machen, vielleicht auch sei ihm eingefallen, daß Sizilien und die Bourbonen eben das besorgen könnten, wozu er sich ungern entschließen würde.

Die Männer blickten erschrocken auf Sirtori und widersprachen lebhaft; so finstere Gedanken sollten nicht geäußert werden. Cavour möge die Absichten Garibaldis mißbilligen, er sei menschlich und gerecht und könne den Tod eines so großen Mannes und vieler Edlen und Tapferen, die ihm folgten, nicht wünschen. Sirtori entgegnete: »So sprecht ihr, weil ihr die Gefahren, die dem General drohen, nicht sehen wollt. Ihr stoßt ihn in den Tod. Euch wird Italien, wenn er fällt, verantwortlich machen.« – »Ich nehme es auf mich,« sagte Crispi hochmütig. »Wenn es mir gelingt, wie ich hoffe, ihn zu überreden, werde ich stolz darauf sein. Ich kenne Sizilien und den General besser als ihr. La Masa und La Farina und den andern rate ich ab, zu gehen; denn sie würden unterliegen, wie die Bandiera und wie Pisacane; aber wenn Garibaldi sich entschließt zu gehen, so wird er auch siegen.« Medici schüttelte den Kopf, das könne niemand voraussagen, meinte er. Er glaube nicht, daß Cavour auf Garibaldis Untergang rechne, doch wie gefährlich das Wagnis sei, dürfe man sich nicht verhehlen. Es sei unrichtig und eigentlich frevelhaft, etwas erzwingen zu wollen, was nicht in der Schickung gelegen sei; man könne ja ein Zusammentreffen günstiger Umstände abwarten, wo die Regierung mitzuwirken bereit sei. Er und Sirtori beschlossen, augenblicklich zu Garibaldi zu gehen und auf Grund des Gespräches mit Cavour in ihn zu dringen, daß er die Expedition aufgebe oder wenigstens verschiebe. Bixio hätte sie gewaltsam daran gehindert, wenn es Bertani nicht gelungen wäre, ihn zu beschwichtigen. 108

Garibaldi hörte seinen beiden Offizieren ruhig und nachdenklich zu. Als sie geendet hatten, sagte er, er verkenne ihre Meinung nicht, zwar sei er entschlossen, zu gehen, aber er wolle ihnen nicht zureden, sich ihm anzuschließen in einer Sache, die sie nicht ganz billigten. Sie könnten ihm auch zurückbleibend nützen; gelinge ihm ein erster Schlag in Sizilien, so würde er Hilfstruppen nötig haben, die sie sammeln und ihm zuführen könnten. Sirtori sprang ungestüm auf, indem er sagte, wolle der General gehen, so werde er ihn begleiten, nichts könne ihn zurückhalten; ebenso beteuerte Medici, trotz Cavour und dem Könige Garibaldi zu folgen.

Inzwischen hatte Cavour einen Mann, der schon öfter zwischen beiden übermittelt hatte, an Garibaldi abgesandt, damit er ihm gütlich sein Vorhaben ausrede. Dieser entledigte sich seines Auftrages mit Geschick und verließ den General in der Meinung, daß seine Worte Eindruck auf ihn gemacht hätten. Er teilte dem Minister mit, Garibaldi habe ihn gut aufgenommen, feste Zusagen zwar nicht gegeben, doch aus seinem Benehmen und seinen Aeußerungen im ganzen sei zu schließen, daß er selbst den Zeitpunkt nicht für geeignet halte.

Noch am selben Tage meldete sich bei Garibaldi, von Bertani geschickt, derselbe Schiffer, der Rosolino Pilo nach Sizilien gefahren hatte und nun Nachrichten und Briefe desselben zurückbrachte. Der Anblick des gebräunten Mannes, der ihm zutraulich und ehrfürchtig zugleich Rede stand, versetzte Garibaldi in fröhliche Laune. Er berichtete von Rosolinos Fahrt, Landung und ersten Abenteuern und gab seiner Begeisterung für den kühnen Sizilianer unverhohlen Ausdruck. Das sei ein Mann, sagte er, zierlich von Gliedern und zart von Gesundheit, aber beherzt wie ein Riese; er habe ihn an eine verfallene Mühle 109 gemahnt, wie man sie wohl in einsamen Tälern sehe, über deren Rad noch immer mit hellem Rauschen das Wasser stürze. Nie sei er verzagt gewesen, er rechne zuversichtlich auf Garibaldis Kommen und zweifle nicht am Erfolge; viele Male habe er von jenem künftigen Tage gesprochen, wo er Garibaldi in Sizilien begegnen und als Sieger begrüßen würde. »Ich werde kommen,« sagte Garibaldi, »ich werde kommen. Wenn es möglich ist, werde ich ihn nicht im Stiche lassen.« Er fragte den Schiffer über die Beschaffenheit der sizilianischen Küste und der verschiedenen Häfen aus und zeigte sich mit seinen Auseinandersetzungen zufrieden. Da Bixio zu dem Gespräche kam, rief er ihm entgegen: »Die Nachrichten sind gut. Rosolino Pilo erwartet mich, und ich will ihn nicht enttäuschen.« Bixio machte einige Schritte auf den General zu, als wollte er ihn umarmen. »Sorge du für die Schiffe,« sagte dieser lächelnd, »damit wir die Abfahrt nicht aufschieben müssen, wenn wir einmal entschlossen sind.« Noch fehlte es an Geld und Waffen; Crispi kam aus Mailand mit der Nachricht zurück, der Gouverneur, Massimo d'Azeglio, habe die dort verwahrten Gewehre mit Beschlag belegt, weil er es für eine unerlaubte Sache halte, einem Privatmanne, der Garibaldi sei, Waffen zur Bekämpfung eines Fürsten zu geben, mit dem die Regierung in freundlichen Beziehungen stehe. Allein in bezug auf Waffen konnte man auf eine Anzahl rechnen, die La Farina versprochen hatte, und auch Geld war zu beschaffen; es kamen Beiträge von der Stadt Brescia und von Pavia, welches Adelaide Caïroli selbst überbrachte, die Mutter von fünf Söhnen, welche alle Freiwillige Garibaldis waren, und von denen einer im Kriege des vergangenen Jahres gefallen war, drei im Laufe der nächsten Jahre zu fallen bestimmt waren. Es war ihr Wunsch gewesen, den Mann zu sehen, der die Träume der vergangenen 110 Geschlechter verwirklichen sollte und dem, wie einer Gottheit, sie und viele andre Mütter ihre Söhne willig opfern mußten.

Die Abfahrt war auf einen der nächsten Tage festgesetzt, als eine Depesche von Nicola Fabrizi aus Malta eintraf, in der er anzeigte, die Revolution in Sizilien sei sowohl in den Städten wie in den Bergen vollständig niedergeschlagen. Crispi und Bixio, die in größter Besorgnis zu Garibaldi eilten, erklärte der General mit Bestimmtheit, unter diesen veränderten Umständen gebe er die Expedition auf. Er habe die Bedingung gestellt, daß die Sizilianer den Kampf eröffneten; da sie nun den Widerstand aufgegeben hätten, wolle er ihn nicht gewaltsam von neuem anfachen. Crispi entgegnete beschwörend, Garibaldi möge nicht sofort eine Entscheidung treffen, ein Irrtum oder Mißverständnis sei nicht ausgeschlossen, es sei leicht möglich, daß die Depesche, die in Ziffern geschrieben war, unrichtig ausgelegt sei, er wolle mit Bertani besprechen, der am besten Bescheid wisse. Nein, sagte Garibaldi abwehrend, es sei umsonst, er solle nichts erfinden, um ihn umzustimmen, er wolle nicht so viel junges Blut Italiens, das ihm anvertraut wäre, opfern. Die Umstände seien nicht günstig, man müsse warten. Bixio, dem das Blut kochte, so daß ihm die Besinnung verging, sagte: »Mein General, die Schiffe und Soldaten sind bereit, wenn es nicht anders sein kann, führe ich Euch mit Gewalt nach Sizilien!« Garibaldi maß ihn mit einem großen Blick, unter dem er erbleichte, Crispi zog ihn mit sich fort.

Es wäre das klügste, sagte Crispi, den General jetzt nicht zu bestürmen, doch gebe er die Hoffnung nicht auf, ihn zur Abfahrt zu bewegen. Wenn es nötig sei, werde er sich nicht besinnen, eine Nachricht in seine Hände gelangen zu lassen, die die Lage in einem günstigeren Lichte darstellte. Man hätte die 111 Depesche Garibaldi vorenthalten müssen, es komme nicht darauf an, wie die Dinge in Sizilien ständen, nur darauf, daß er hinginge. Die Nachricht von der Sinnesänderung des Generals verbreitete sich rasch unter den Beteiligten: dem einzigen La Masa kam sie nicht unerwünscht, da er nun wieder die Möglichkeit sah, selbst an die Spitze der Expedition zu treten. Einige Sizilianer, die den Angriff um jeden Preis unternommen wissen wollten, scharten sich mit Beifall um ihn und hörten ihm zu, der in schwärmerischen Ausdrücken von seiner Bereitwilligkeit sprach, sein Blut zu vergießen. Da Crispi widersprach: wenn Garibaldi nicht gehe, so solle niemand gehen, entgegnete La Masa heftig, Crispi maße sich diktatorische Gewalt an, man wolle sich allenfalls dem General, ihm aber niemals unterwerfen. Bixio sagte laut genug, daß es viele hören konnten, solange er am Leben sei, werde La Masa Genua nicht verlassen, eher würde er ihn mit eigner Hand niederstoßen. Auch La Farina deutete an, daß er sich bereit finden lassen würde, die Expedition anzuführen, da aber niemand seine hingeworfenen Worte aufgriff, ließ er den Gegenstand fallen und reiste noch am selben Tage nach Turin ab. Eine Versammlung, die La Masa anberaumte, um etwas zu beschließen, ging ergebnislos auseinander, doch trug er sich immer noch mit der Hoffnung, hinreichenden Anhang zu erwerben, um das Unternehmen ins Werk zu setzen.

Als Garibaldi allein war, ging er in den Garten hinunter am Meer. Dort war ein Platz, den er vorzüglich liebte, wo eine vorspringende Klippe die zurückliegende Villa verdeckte, so daß er glauben konnte, sich an einem unbewohnten Strande zu befinden. Er setzte sich zwischen das zerrissene Gestein und stützte den Kopf in die Hand; neben ihm war ein hoher Felsen, über dessen Kante ein alter Aloe ragte: in der stillen Frühlingsabendluft schien er von Eisen zu 112 sein. Die Sonne war untergegangen und das Meer lag wie nach einem langen Kampfe triumphierend über dem geraubten Sterne. Einige Nachen ruderten weit draußen, aus denen Gesang zur Mandoline tönte, schmelzende Klänge, die sich bald wieder in der endlosen Atmosphäre verloren. Garibaldi fühlte sich wohl, daß er die vielen Stimmen, die ihn stundenlang umschwirrt und hin und wieder bestürmt hatten, nicht mehr hörte; alles Laute und Streitende schien mit dem Tage vergangen und er allein mit seinem Willen zu sein. Zweifel waren nicht in ihm: es war von Anfang an seine Absicht gewesen, den letzten großen Kampf um Italien nur aufzunehmen, wenn ihm ein gewisses Zeichen von dem Volke käme, für das er unternommen werden sollte; denn er wußte, was auf dem Spiele stand. Er kannte das italienische Volk, das er so sehr liebte, und gab sich keinen Täuschungen mehr hin: sie griffen rasch zum Dolche, um eine Kränkung zu rächen oder einen Nebenbuhler zu töten, aber sie schämten sich nicht, Sklaven zu sein; die Kette abzutun, die er bei ihren stolzen und mutigen Bewegungen um so schauriger klirren hörte, waren sie zu gleichgültig und träge. Wiederum waren großmütige Herzen nutzlos aufgeopfert: er dachte an die Leichen der Besiegten, die auf den nackten Hügeln unter dem feurigen Aether Siziliens lagen, und wie die Hirten ihre Ziegen vorübertrieben, ohne die edleren Brüder mit Erde zu bedecken, vielleicht nur verweilend, um die Wehrlosen zu berauben; an die Ueberlebenden, die, beklagenswerter noch, in den berüchtigten Kerkern der Inseln begraben lagen. Ein großer Widerwille überkam ihn; das beste schien ihm, nach Caprera zu gehen und dort, vielleicht für immer, zu bleiben; denn dort war seine Heimat, seit Nizza an Frankreich ausgeliefert war. Das Land, wo das Grab seiner Mutter war, gehörte nicht mehr ihm; sie hatten es ihm zum 113 Feindesland gemacht, die heiligen Gebeine lagen nicht mehr in der Erde Italiens. Gab es denn ein Italien? Er schüttelte schwermütig den Kopf; so mochte denn Cavour es machen, wie er es wollte; er würde die feinen Netze des Grafen nicht mehr stören.

Jenseits der Felsblöcke, zwischen denen er saß, war ein Gestrüpp von Akazien, die voll von weißen und bläulichen Blütentrauben hingen; wie es allmählich Nacht wurde, wehte der süße Geruch das Ufer entlang und über das Wasser hin. Garibaldi spürte ihn unbewußt; seine Traurigkeit tauchte tiefer und dunkler in ihn hinab, bis sie sich ganz in seiner Seele aufgelöst zu haben schien; dann wanderten seine Gedanken träumerisch weiter. Erinnerungen kamen ihm an die Lust und Schrecken der Tage von Rom, und zugleich wurde er sich des Geruches der Akazien bewußt, und daß sie am Janiculus geblüht hatten, als dort die Schlachten begannen. Es war dieselbe Jahreszeit gewesen, als die bedrängte Republik ihn gerufen hatte: gerade am letzten April hatte er die Franzosen von den Mauern zurückgeworfen. Niemals wieder hatte er seitdem den Rausch jener Siegestage gefühlt; die Asche vieler Toten und der Staub langer einsamer Wege war darauf gefallen. Er dachte an Luigi Montaldi, der in jenem Kampfe gefallen war, an Luciano Manara und Angelo Masina, die er damals zuerst gesehen hatte; jene Toten hatten den Schwur vernommen, den er damals getan, Roms Freiheit zu wahren, und den der Jubel des römischen Volkes wie die antwortende Stimme eines Gottes besiegelt hatte. Es waren seitdem elf Jahre vergangen. Ein mächtiger Gedanke griff plötzlich an sein Herz: wenn es geschehen wäre, daß ihm die Heimat entrissen wurde, damit er gemahnt würde, seine Heimat sei nicht, wo er geboren, sondern wo er das erste Gelübde getan, Italien zu befreien, und als Mann es bestätigt hatte! Nicht 114 ihm allein war das Grab seiner Mutter verloren: auch Italien besaß das Grab der großen Mutter Rom nicht. Er fühlte die Glut und Majestät der vergangenen Tage; er war wieder er, der der Herr der sieben Hügel war. Er stand auf und tat einige Schritte hinunter dem Strande zu; sein Herz schlug in großen, vollen Schlägen. Luciano Manara und Angelo Masina und viele seiner besten Gefährten waren tot; aber das Feuer, das sie belebte, war sein Erbe und er konnte wieder und wieder Hunderte von Jünglingen damit taufen und zu Helden machen.

Das Meer flutete höher in die Geheimnisse der Nacht. Schnelle Vögel strichen in südlicher Richtung; sie schienen ihm den Weg zu weisen, den er gehen sollte, nach dem Süden und vom Süden zur Mitte. Es war ihm in diesem Augenblicke nicht mehr bewußt, daß er die gefahrvolle Fahrt aufgegeben hatte, vielmehr war ihm so zumute, als wäre sie seit langem unabwendbar beschlossen gewesen, nur der Tag der Abreise nicht festgesetzt. Nun vernahm er die Stimmen von drüben, die sagten: es ist Zeit.

Garibaldi, die welche kämpften und ohne Glück erlagen, die Märtyrer Italiens, rufen dich. Sie haben das Blut getrunken, das von deinem Schwerte tropfte, und schweben um deine Schritte, die siegen gehen. Die Toten wittern deine Glorie und deine Unsterblichkeit.

*

Als in der ersten Frühe des folgenden Tages, nämlich am dreißigsten April, Nino Bixio, das Gesicht durch Schlaflosigkeit und Erregung entstellt, vor Garibaldi erschien und, ihm entschlossen in die Augen sehend, sagte: »Mein General, wenn Ihr nicht gehen wollt, so gehe ich!«, erwiderte Garibaldi mit jenem Lächeln, das ihm die Herzen wie Blumen öffnete: »Bixio, dann ist es doch besser, daß ich gehe;« und zu Crispi, 115 der eine Depesche brachte, deren Inhalt den der ersten teilweise widerrief, sagte er, indem er begütigend mit der Hand winkte: »Laßt es gut sein, es wird schon gehen.« Er sprach den Wunsch aus, bald, womöglich am folgenden Tage, abzufahren, allein trotz des Eifers, mit dem Bixio arbeitete, ließen sich weder die Schiffe so schnell herrichten, noch konnten die Waffen und das Geld, das noch benötigt wurde, beschafft werden; auch einige Offiziere wurden noch erwartet.

Am Krankenlager Bertanis berieten Garibaldi, Bixio, Medici und Sirtori, ob die Expedition auf Sizilien oder auf den Kirchenstaat gerichtet werden solle. Garibaldi war bei sich entschlossen, zuerst geradewegs nach dem Süden zu fahren und von dort aus nach Rom und Venedig vorzudringen; aber er schwieg, um zuvor die Meinung seiner Offiziere zu hören. Dem zurückbleibenden Bertani trug er auf, ihm Freiwillige, soviel er vermöchte, mit Waffen auszurüsten und ihm nach Sizilien nachzuschicken, ferner auch Truppen für einen Angriff auf das Römische vorzubereiten, die, wenn er von Neapel aus vorrückte, vom Norden kommend mit ihm zusammenwirken könnten. Da Garibaldi ihn förmlich zu seinem Stellvertreter ernennen wollte, bat ihn Bertani, er möge dies Amt zwischen mehreren teilen; er stellte ihm seinen leidenden Zustand vor, der ihm das Gewicht der Verantwortung noch schwerer mache, ihm, der weder über die Macht und das Ansehen seines Namens verfüge, noch über die geheimnisvolle Gabe, in Bedrängnis den Zweifel durch einen energischen Entschluß zu vernichten. Garibaldi wollte nichts davon hören: einer müsse am Steuer stehen, der könne nur Bertani sein. Er würde viele Angriffe zu erdulden haben, aber er würde sich von niemand und durch nichts verwirren oder beugen lassen. Er wisse keinen, der wie er Zorn, Ehrliebe und jede andre Leidenschaft dem Zweck würde 116 unterwerfen können. Die Aufgabe sei dornig, aber er sei ihr gewachsen. Es sei ihm leid um ihn, er hätte ihn gern geschont, aber die Lage verlange das Opfer. Medici ließ sich bestimmen zurückzubleiben, um die nachfolgenden Truppen, wenn es dahin komme, nach Sizilien zu führen.

Die Abfahrt war auf die Nacht zwischen dem vierten und fünften Mai festgesetzt. Noch fehlte eine bedeutende Geldsumme, die aus Mailand erwartet wurde und ohne welche nicht wohl abgefahren werden konnte. Da sie am vierten noch nicht da war, schickte Garibaldi seinen Freund, den Hauptmann Nuvolari, zu Bertani, um sie dort in Empfang zu nehmen, sowie Filippo Migliavacca sie brächte, wie es verabredet war, und sie eilends nach Quarto zu tragen. Nuvolari, ein reicher Landbesitzer aus Mantova, begleitete Garibaldi bei allen Unternehmungen mit der Anhänglichkeit eines liebenden Hundes, tadelte aber, sowie der General abwesend war, seine Pläne als unüberlegt und pries die Behaglichkeiten seines bäuerlichen Daseins, als dächte er nicht daran, sie mit den Gefahren des Krieges zu vertauschen. An Bertanis Bette sitzend sagte er, ihm solle es recht sein, wenn das Geld überhaupt nicht ankäme, so daß aus der Expedition nichts würde; denn warum sollte so viel gutes lombardisches Blut für die schmutzigen Sizilianer verspritzt werden? Er selbst ginge zwar nicht mit, aber ihn dauerten die schmucken jungen Leute, die es in ihrer Torheit für Gott weiß was für eine Ehre ansähen, sich von jenen wilden Horden totschlagen zu lassen. Garibaldi wäre ein guter Mann und ein großer Mann, aber ein Phantast, und in der Wirklichkeit fände sich manch ein Mantovaner Gassenbube besser zurecht als er. Er wisse bestimmt, daß es im Innern Siziliens Leute gebe, die rauchendes Menschenfleisch für einen Leckerbissen hielten; was man mit Kannibalen für 117 Gemeinschaft haben könne? Es solle ein jeder für sich sorgen; er, wenn er einen gut gebratenen Puter und einen Teller voll Maronen mit einem Glase Veroneser vor sich habe, frage nicht danach, ob die Lazzaroni drunten mit einem Franz oder Ferdinand ihre Seeschnecken fräßen. Dann erging er sich in einer Schilderung seiner Felder und ihrer Erträge, seines Viehs und seiner Leute und des Schlaraffenlebens, das sie miteinander führten, was alles seinen Freunden bekannt war, aber wegen der saftigen Gemütlichkeit, mit der er davon zu sprechen pflegte, immer wieder gern gehört wurde.

Als die Dunkelheit fiel, wurde er unruhig, stand auf, stellte sich an das offene Fenster, prüfte den Himmel und sah nach der Uhr, während Bertani in seiner Schreibmappe Notizen über die Geldsummen, die durch seine Hände gegangen waren, durchsah. Indem Nuvolari sich wieder zu ihm wendete, sagte er: »So dazuliegen wie Ihr, Bertani, abgezehrt, mit Fieberflecken, ohnmächtig und nicht mitzukönnen, das wäre mir unerträglich. Lieber möchte ich noch ein Weib sein, da könnte ich doch Hosen anziehen und mitlaufen.« »Ich denke, Ihr wollt daheim bleiben?« fragte Bertani lächelnd. »Das ist wahr,« entgegnete Nuvolari, »aber es stände mir doch frei, zu gehen, wenn ich wollte.« Wieder am Fenster stehend, sprach er von der Fruchtlosigkeit des ganzen Unternehmens, selbst im Falle, daß Garibaldi und seine Tausend in Sizilien nicht totgeschlagen würden. Cavour würde dem Könige nicht erlauben, das Land an sich zu ziehen; vielleicht würden sie Garibaldi selbst zum Herrscher machen. Dann säße er dort unten fest, und seine Freunde müßten sich von ihm trennen, wenn sie es auf der wilden Insel nicht aushalten könnten. Er zöge es vor, Gutsbesitzer in Mantova als Statthalter von Palermo zu sein. Sizilien möchte das 118 Paradies der Esel sein, die sich von Disteln nährten, er wäre keiner.

Er sagte dies mit häufigen Pausen, während welcher er hinaushorchte. Als es zehn Uhr schlug, sagte er: »Jetzt muß der letzte Zug von Mailand angekommen sein. Wenn Migliavacca nicht bald hier ist, nutzt es nichts, noch länger zu warten.« Nicht lange darauf fuhr ein Wagen vor, der den Erwarteten brachte. »So gern habe ich dein Gesicht noch nie gesehen,« rief ihm Bertani entgegen, »obwohl du immer ein hübscher Junge warst.« »Ich hoffe,« sagte Nuvolari, seinen großen Mund zum Lachen verziehend, »daß der General dasselbe zu mir sagen wird, wenn ich komme,« und nahm in Eile herzhaften Abschied.

Um diese Zeit hatten die Schiffe, die Bixio nach Quarto bringen sollten, den Hafen von Genua noch nicht verlassen. In der Umgebung der Villa Spinola lagerte das Heer Garibaldis; es waren tausend und etwa siebzig Mann. Nahe dem Strande umgab eine Gruppe junger Mailänder ihren Landsmann Simonetta, der die Ode Manzonis auf den Tod des großen Napoleon vortrug, die anfängt: »Er ist gewesen; so wie nach des letzten Seufzers Hauch;« denn sie hatten sich erinnert, daß der fünfte Mai des Kaisers Todestag war. Er sprach halblaut, da streng geboten war, sich ruhig zu verhalten, aber denen, die zuhörten, klangen die wohlbekannten Worte wie ein weithin hallender heroischer Trauermarsch. Von ihnen abgesondert lag, flach auf den Sand gestreckt, Ippolito Nievo, blickte gegen den Himmel und dachte an seine Geliebte, deren Zürnen, als er ihr Lebewohl sagte, soviel mehr Liebe verriet, als je ihre Zärtlichkeit getan hatte; das unregelmäßige Wallen des Meeres tönte wie eine dunkel wahrsagende Musik in sein süßes Erinnern. Manche nahmen noch Abschied von 119 Freunden, die sie fast beneideten, und schwankten, ob sie auch mitgehen sollten, oder von Anverwandten, die versuchten, sie zum Dableiben zu bewegen. An einer Gartenmauer, hinter der die Spitzen von Zypressen aufstiegen, stand eine Frau neben ihrem Sohne; sie hing an seinem Halse und beschwor ihn mit Worten, die vor Schluchzen nicht verständlich waren, er antwortete nicht und schüttelte zuweilen den Kopf. Von den jüngsten, die heimlich das Haus verlassen hatten, waren einige unschlüssig geworden und erinnerten sich der Reden älterer Leute, wie tollkühn die Expedition sei, wie gottlos, so viel Jugend in einem Unternehmen aufzuopfern, das dem Vaterlande Gefahr statt Nutzen bringen würde. Das unruhige Flüstern und Wogen in der halbhellen Nacht erregte sie und machte ihnen bange. Andre fanden Kameraden und gerieten in munteres Plaudern.

Diejenigen, die sich in der Nähe des eisernen Gitters befanden, durch das hindurch man das Haus, in dem Garibaldi wohnte, sehen konnte, blickten immer wieder dorthin und fuhren zusammen, wenn von drinnen ein Geräusch laut wurde, das wie das Schlagen einer Türe oder das Rücken von Stühlen klang. Man wollte wissen, daß es noch keineswegs sicher sei, ob Garibaldi wirklich gehe und daß vielleicht ein andrer an seine Stelle treten würde; aber alle waren entschlossen, nur Garibaldi zu folgen. Aus den Gärten wehten Gerüche von blühenden Orangen und Akazien; übermüde durch die Erregungen der vergangenen Tage, schlummerten manche ein.

Bartolommeo Savi, ein stiller, unscheinbarer Mann, der seit Jahren mit hartnäckiger Willenskraft für die Ideale Mazzinis gekämpft und gelitten hatte, erzählte jüngeren Leuten von der Abfahrt des Pisacane vor drei Jahren. Er sei erregt, aber zuversichtlich und heiter gewesen, seine Frau habe das schreckliche 120 Ende geahnt, sich aber beherrscht und mit lächelndem Munde »Auf Wiedersehen!« gesagt und gewinkt, solange er es hätte sehen können; als das Schiff außer Sicht gewesen sei, wäre sie zusammengebrochen und hätte geweint und keinen Trost angenommen, bis die Nachricht seines Todes eingetroffen sei, dann erst hätte man ihr zureden können. Er nannte die Namen derer, die mitgegangen waren, derer, die im Kampfe niedergemacht und derer, die ins Gefängnis geworfen worden waren. Einer von den Zuhörern sagte: »Ich möchte lieber von denen sein, die auf dem Schlachtfelde fallen, als von denen, die im Kerker langsam zugrunde gehen.« Man sprach von den berüchtigten Festungen auf den Inseln um Sizilien, wo der Gefangene sich mehr noch der mitgefangenen Verbrecher als der Kerkermeister selbst erwehren müsse, wo man in der Zelle das unendliche Rauschen des freien Meeres höre und aus engem Guckloch seine Unermeßlichkeit sehen könne. Bartolommeo Savi tadelte es, daß man Befürchtungen Raum gebe, jener verantwortete sich, indem er sagte: »Man muß auf das Aergste, nie auf das Höchste gefaßt sein; wir sind nur Tausend, um ein Königreich zu stürzen.« – »Tausend unter Garibaldi,« sagte ein andrer.

Es ging auf Mitternacht, als Nuvolari auf atemlosem Pferde die Straße von Genua hergeritten kam. Man horchte auf und sah gespannt dem Manne nach, der, ohne sich aufzuhalten, in die Villa Spinola hineinging. Man mutmaßte, wer es sei und was für eine Botschaft er so eilend gebracht haben möge. Vielleicht seien die Schiffe verhindert, auszulaufen; denn man wußte, daß Cavour gedroht hatte, er werde, wenn es nicht anders sein könne, Garibaldi mit Gewalt zurückhalten. Vielleicht auch habe Garibaldi sich anders besonnen; hatte er doch erst vor wenig Tagen die Expedition verworfen, dann plötzlich zu gehen 121 beschlossen; niemand konnte wissen, was in ihm vorgehe und woher ihm der Wille ströme. Etwa eine Viertelstunde, nachdem Nuvolari gekommen war, ging die Türe des Hauses auf und Schritte klangen über den Kiesweg zum Gartentore; es war nicht Garibaldi, sondern ein Unbekannter, der schnell durch die Gruppen der Wartenden ans Meer ging, um nach den Schiffen auszusehen, und mit der Nachricht zurückkehrte, daß sie noch nicht in Sicht seien. Bald darauf kam Garibaldi selbst. Einige Offiziere, die die Verteidigung Roms mitgemacht hatten, der Hauptmann Cenni, der Hauptmann Francesco Montanari, der Pole Milbitz, ein stattlicher Greis, und Pietro Ripari, Garibaldis Leibarzt, waren im Begriff, in den Garten einzutreten und den General im Hause aufzusuchen. Sie tauschten Erinnerungen aus und berichteten über das inzwischen Erlebte; der alte Ripari, der sieben Jahre in den päpstlichen Kerkern gesessen hatte, erzählte von den dort herrschenden Zuständen, daß sich infolge von Feuchtigkeit, Luftmangel und schlechter Ernährung rheumatische und andre Beschwerden bei ihm eingestellt hätten, daß ihm das aber nur deshalb leid gewesen sei, weil er gefürchtet habe, seine Hände würden nicht mehr taugen, auf einem künftigen Feldzuge Garibaldis Wunden zu verbinden. Er sah verwittert und greisenhaft aus, aber unter seinen starken weißen Brauen funkelten die Augen trotzig und lustig.

Garibaldi hatte die Tracht angelegt, die er in Rom getragen hatte; als sie seinen weißen Mantel schimmern sahen, stutzten die Freunde einen Augenblick und eilten ihm dann in großer Bewegung entgegen. »Ich erkenne die Schwingen des Adlers wieder,« sagte Montanari, in dessen Augen Tränen gesprungen waren, und drückte dem General die Hand. »Mögen die Tage Roms wiederkehren,« sagte Milbitz, und Ripari fügte hinzu: »Nicht weniger Ehre, mehr Glück.« 122 Wie das Signal einer fernen Trompete, bei dem die Schläfer vom Lager aufspringen, die Pferde mutig wiehern und aller Augen den Umriß großer Dinge im Dunst der Frühe ahnen, erklang Garibaldis Stimme, der gedämpft »La Masa!« rief. Einige Offiziere näherten sich ihm, empfingen Befehle und eilten hierhin und dorthin. Garibaldi und die Herren, die mit ihm aus dem Hause gekommen waren, gingen ans Meer hinunter, bestiegen ein Boot und fuhren die Küste entlang nach Genua zu, um, wie es hieß, zu sehen, warum die Schiffe nicht kämen. Die Gruppen der Freiwilligen hatten sich aufgelöst: einige blickten dem Fahrzeug nach, andre, die weiter entfernt gewesen waren, erkundigten sich, was geschehen sei. Bald darauf verbreitete sich der Befehl, daß alle in bereitliegenden Kähnen den jetzt sichtbar werdenden Schiffen entgegenfahren und von dort aus an Bord gehen sollten. Die Zurückbleibenden drängten sich noch einmal an die eilig Aufbrechenden und sahen ihnen nach, wie sie behende zwischen den Steinen hindurchglitten und sich am Strande um die Boote scharten; wie Abgeschiedene, in einer Vernichtungsschlacht Gefallene, schweigend einem unergründlichen Verhängnis gehorsam dem unterirdischen Fährmann auf das stygische Wasser folgen, strömte das stille Heer an die unbeschienene, schattenlos dämmernde Küste.

Die Nacht verging, bis alle eingeschifft waren. Auf dem einen Dampfer, der »Piemonte« hieß, hatte Garibaldi den Oberbefehl, auf dem andern, dem »Lombardo«, Nino Bixio. Als die Schiffe sich in Bewegung setzten und in das offene Meer hinausliefen, ging die Sonne auf. Wie wenn ein götterstarker Arm unterhalb des Horizontes eine Fackel schwänge, überwallte zuerst ein gelber Dunst, wie er Feuerbrände umhüllt, den Osten, dann schlug safranfarben die 123 Flamme nach, von einem unendlich fernen Sturm im Raume weithin verweht, bis der Glutkern selbst hinaufstieg. Garibaldis Augen ruhten leidenschaftlich genießend auf dem überirdischen Ereignis und wendeten sich dann langsam weg dem noch blassen Süden zu.

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