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Der Kampf um Rom

Ricarda Huch: Der Kampf um Rom - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Kampf um Rom
authorRicarda Huch
year1907
firstpub1907
publisherDeutsche Verlags-Anstalt
addressStuttgart und Leipzig
titleDer Kampf um Rom
pages371
created20171222
sendergerd.bouillon@t-online.de
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An einem der letzten Septembertage suchte Bertani den Diktator in Caserta auf, wo er wohnte. Garibaldi saß auf einer Marmorbank vor dem Palaste und sah in die düstern Schatten des alten Parks, durch den sich harte weiße Wege zogen; es war Abend. Er sei gekommen, sagte Bertani, um Garibaldi zu bitten, daß er ihn entlasse; er wolle nach Genua zurück. Ihm schwinde nicht der Mut, den Kampf zu Ende zu kämpfen, wohl aber die Hoffnung, unter den obwaltenden Verhältnissen ihm, Garibaldi, noch zu nutzen.

»Verfolgt man meine Freunde,« sagte Garibaldi, »so gilt es mir so gut wie ihnen, und auch ich muß ausharren. Ihr habt Euch sonst nicht durch Verfolgung und Verleumdung schrecken lassen.« Seit er gesehen habe, wie verhaßt seine Person in Neapel sei, sagte Bertani, habe er sich gefragt, ob er nicht besser täte, aus dem Wege zu gehen, um überflüssigen Anstoß zu vermeiden; er sei geblieben, weil es ihm 270 unrecht vorgekommen sei, sich von einer Arbeit zurückzuziehen, die andre vielleicht ebensogut, aber nicht in demselben Sinne tun würden. Nun, da Crispi gekommen sei, der ihn ersetzen könne, falle dies Bedenken weg, und er bitte, ihn gehen zu lassen. Vielleicht könne er im Parlament der guten Sache nutzen, der er hier zu schaden fürchte.

Garibaldi nickte und starrte in Gedanken, während Bertani ihn traurig betrachtete, geradeaus in die schnell wachsende Dunkelheit. »Was mir den Abschied so schwer macht,« sagte Bertani nach einer Pause, »ist, daß ich die Sonne nicht mehr auf Euerm Antlitz sehe, die uns so oft erwärmt und stark gemacht hat.« Es sei so, sagte Garibaldi, indem er sich Bertani zuwendete, er habe Sorgen. Ein unglückliches Gefecht, das kürzlich vorgefallen war, dessen schlimmen Ausgang die Unbesonnenheit einiger Offiziere verschuldet hatte, müsse den übelsten Eindruck machen. Er könne sich nicht bewegen, bevor die bourbonische Armee vollständig geschlagen sei, auch selbst dann noch müsse er Anstand nehmen, Neapel hinter sich zu lassen. Neapel sei nicht, wie Palermo, stolz, der Freiheit ergeben, den Tod verachtend, hier sei das Volk gleichgültig, kindisch, käuflich. Der Wunsch, Rom zu befreien, beseele niemanden oder wenige; die sich an ihn hängten, täten es um persönlicher Zwecke willen: Besoldung, Beförderung, Sieg der eignen Partei oder ihrer Provinz, nicht um Italien.

»Der arme Gustavo Modena hatte recht,« meinte Bertani, »wenn er sagte, er wolle auf der Bühne des Lebens nicht mehr auftreten; denn der Direktor treibe Schacher mit den Rollen ärger als der Papst mit den Kirchenämtern, und die etwas könnten, müßten die stummen Diener machen und die leergespeisten Tafeln hinter die Szene tragen.«

Garibaldi nickte wieder, ohne zu lächeln. Er habe 271 einen Brief vom Könige erhalten, fuhr er nach einer Weile fort, aus dem ein andrer Ton klinge als sonst, er fühle, daß er sein altes Vertrauen nicht mehr besitze. Der kalte Geist Cavours habe Macht über sein Gemüt gewonnen. Dieser Mensch, dem er nie etwas Böses getan habe, hasse ihn, er wisse nicht warum; vielleicht daß er in ihm den Rächer des verratenen Nizza spüre.

Eine törichte Furcht scheine ihn zu verblenden, sagte Bertani. Auch ihn verfolge und verdächtige er, wie er aus Briefen und Zeitungen von zu Hause erfahren habe. Es mache ihm Ekel, sich gegen bewußte Verleumdungen zu verteidigen, doch müsse es sein; dennoch könne er nicht anders als Cavours Geschick und Größe anerkennen. Er glaube nicht, daß ein andrer Mann in Italien fähig sei, seine Stelle auszufüllen.

Garibaldi stand rasch auf und brach das Gespräch ab; Bertani verabschiedete sich. Einige Tage später kam Pallavicino mit der Antwort des Königs: Garibaldi möge Mazzini, Bertani und Crispi entfernen, so könne man sich vielleicht verständigen. Der Alte hatte die Botschaft mit schwerem Herzen übernommen, da er voraussah, daß sie Garibaldi kränken würde; doch erschrak er vor dem Ausdruck des Zorns, der sein Gesicht verdüsterte. Er versuchte zu erklären, daß der König nichts andres als Garibaldi selbst getan habe, da auch er die Entlassung dreier dem Könige ergebener Männer von ihm gefordert habe. »Sie sind dem Könige von Sardinien ergeben, wir dem Könige von Italien!« rief Garibaldi. »Habe ich die beste Jugend Italiens dem Könige von Sardinien geopfert?« Was Pallavicino noch hinzufügte, um Garibaldi mit der Politik des Königs zu versöhnen, war vergeblich gesprochen; doch lenkten ihn die kriegerischen Verwicklungen von diesen Kämpfen ab. Indessen war der 272 Sieg, den der wohlvorbereitete Feind tapfer bestritten hatte, kaum errungen und Garibaldi, der während der zwei Tage, die die Schlacht gedauert hatte, nur Wasser und Brot zu sich genommen hatte, nach Caserta zurückgekehrt, als ihn die Nachricht von bedrohlichen Tumulten in die Stadt rief. Die Forderung des Königs, die Entfernung Mazzinis, Bertanis und Crispis betreffend, war bekannt geworden oder absichtlich verbreitet, und es zogen Banden durch die Straßen, die, das Ansinnen unterstützend, Drohrufe gegen diese Männer ausstießen. Der magischen Stimme Garibaldis, die den aufgeregten Massen zürnend verwies, seinen und Italiens Freunden zu drohen, gelang es, augenblicklich Ruhe herzustellen; aber er hatte keine Freude daran.

Er fühlte sich von Ueberdruß voll an dem schmutzigen und klebrigen Gewühl dieser Stadt und sehnte sich fort, wohin es auch sei. Aber indem er es bedachte, wurde eine andre Stimme in ihm laut: er sagte sich, daß man das neapolitanische Volk nicht für seine Art verantwortlich machen dürfe, daß der Despotismus der Könige und der Kirche es willenlos gemacht hätte, bis es sich hätte treiben, locken, peitschen und füttern lassen wie eine Bestie. Allmählich überwog das Erbarmen ganz in ihm und der Wunsch, das gequälte und verdorbene Land auf seine Weise regieren zu können, wie ein Vater mit strenger Liebe seine Kinder zum Guten führt. Er wußte wohl, daß seine Gegner ihm gerade das, daß er in Friedenszeiten ein Reich verwalte, nicht gönnten und ihm die Fähigkeit dazu nicht zutrauten; aber er hatte ein Anrecht auf dies törichte und kindische Volk, das er befreit hatte, und wollte darauf bestehen. Auch das hatte er bemerkt, daß unter den von ihm eingesetzten Beamten diejenigen, die den alten Schlendrian gehen ließen, ihr Gehalt in Behaglichkeit verzehren konnten, während die gehaßt 273 und verleumdet wurden, die zum Besten des Volkes etwas Neues einführen wollten, und begriff, daß er das Volk selbst, für das er arbeitete, bis auf wenige gegen sich hätte; wie sehr ihn das aber betrübte, sollte es ihn doch nicht abschrecken.

Im Verlauf des Festessens, das Garibaldi einige Tage nach der Schlacht am Volturno seinen Offizieren gab, kam Antonio Elia, den Garibaldi auf dem Schlachtfelde von Calatafimi mit einer allem Anschein nach tödlichen Wunde hatte fallen sehen und der sich nun, leidlich geheilt, begierig an weiteren Kämpfen teilzunehmen wieder einstellte. Eine Kugel hatte ihn in den Mund getroffen, dessen schöne Bildung zerstört und dadurch das regelmäßige Gesicht des Jünglings entstellt. Garibaldi umarmte den Unerwarteten, küßte ihn und sagte, indem er ihn zärtlich betrachtete: »Dein Mund hat seine Schönheit gegen Beredsamkeit vertauscht, die ohne Worte deinen Heldenmut und deine Treue rühmt;« denn Antonio war verwundet worden, als er den General mit seinem Leibe zu decken suchte. Garibaldi war im Begriff, ihn den Offizieren, die ihn noch nicht kannten, vorzustellen, als die Nachricht eintraf, daß General Cialdini die französischen Truppen, die den päpstlichen Stuhl verteidigten, bei Castelfidardo besiegt habe, daß Viktor Emanuel in Ankona eingezogen sei und daß königliche Truppen die neapolitanische Grenze überschritten hätten. Die anwesenden Herren richteten ihre Blicke unwillkürlich auf Garibaldi, um zu sehen, wie er die Botschaft aufnähme. Ueberraschung und Freude machten sein Gesicht hell, er erkundigte sich lebhaft nach den Einzelheiten der Schlacht, lobte den General Cialdini und die Tüchtigkeit der piemontesischen Soldaten und verweilte bei dem beglückenden Gedanken an die Erlösung einer Landschaft, die ihm teuer war. Dann sprach er über den stolzen und furchtlosen, nur allzu hitzigen Charakter 274 der Romagnolen und den verwahrlosten Zustand der Romagna, den er im Jahre 1849 kennen gelernt hatte; allmählich wurde er still und nachdenklich.

Als er zu später Abendstunde allein war, legte er sich, fast ohne zu wissen, daß er es tat, zu Bett, da seine Gedanken anderswo waren. Es war hell im Zimmer vom Mondschein; durch das offene Fenster sah er die volle Scheibe des Gestirns wie eine Glanzgestalt in undurchdringlicher Einsamkeit und Ferne. Er blickte lange hin, und als er dann zu seinen Gedanken zurückkehrte, waren sie ruhiger und bestimmter geworden. Es war ihm nun gewiß, daß der König ihn an der Spitze eines Heeres verhindern wollte, nach Rom zu gehen, daß er das Ziel, nach dem er mit ganzer Seele gestrebt hatte, aufgeben müsse; denn er könnte es nicht erreichen, ohne den Bürgerkrieg in Italien zu entzünden. Zweifel war nicht in seinem Innern: es stand ihm fest, daß er warten müsse, bis der König anders gesinnt sei oder bis er, der Einmischung zuvorkommend, das Gefahrvolle ausführen könnte und dem vollendeten Sieg sich alle beugen würden. Seit Tagen schon hatte die Ahnung, daß es so kommen würde, schwer auf seinem Herzen gelegen; nun war ihm besser, da er es klar sah und sicher wußte. Zuvor hatte er nicht begreifen wollen, wie der König ihm, dessen Sinn er kennen mußte, grollen, ihm mißtrauen, ihm feindlich entgegentreten könnte; aber wenn er sich nun, da alles unabänderlich war, in das Gemüt des Königs versetzte, empfand er mehr wehmütiges Bedauern als Bitterkeit. Vielleicht hatte Viktor Emanuel, durch gehässige Ratgeber gereizt, erwartet, daß er, Garibaldi, ihn, wenn er käme, als Feind empfangen würde; man mochte ihm durch unwahre Berichte zugesetzt haben, bis das richtige Gefühl ihn verlassen hatte. Garibaldi stellte sich vor, wie der König, ein Mann ohne Falsch, leiden müsse 275 bei dem Gedanken an eine feindliche Begegnung mit ihm, der viel Unvergeßliches für ihn getan hatte; sein stolzes Herz war vielleicht von Furcht und Scham erfüllt über das, was geschehen war und was bevorstand. Dieser Gedanke war ihm unleidlich, und er beschloß, am folgenden Tage den König wissen zu lassen, daß er ihn an der Spitze seines siegreichen Heeres freudig in Neapel erwarte, ihm ins Bewußtsein zurückzurufen, daß er kein Empörer und kein Parteiführer sei, sondern Garibaldi, der Mann des Volkes, dem er oft die Hand gereicht, der ihm Treue gelobt habe und diese, solange er, der König, Italien nicht verlasse, halten werde.

Nachdem Garibaldi den Zug nach Rom aufgegeben hatte, war es ihm um vieles gleichgültiger geworden, ob das eroberte Königreich sofort oder später, bedingt oder unbedingt mit Sardinien verbunden würde; denn ihm hatte vor allem daran gelegen, daß er eine Grundlage behielte, von der seine weiteren kriegerischen Operationen ausgehen könnten. Nur ein Gefühl der Verpflichtung gegen das von ihm befreite Volk, den neuen Zustand desselben durch gute Gesetze zu begründen, hielt ihn davon zurück, die Verschmelzung augenblicklich zu vollziehen und nach Caprera zu gehen und auszuruhen. Eben in diesen Tagen war der Prodiktator von Sizilien, Mordini, auf den Einfall gekommen, eine Versammlung einzuberufen, welche die Bedingungen, unter denen der Anschluß an Sizilien zu erfolgen habe, festsetzen sollte, und da dieser Ausweg Garibaldi gut schien, wollte er in derselben Weise in Neapel verfahren. Darin bestärkten ihn namentlich Mazzini und Crispi; dagegen warnte ihn Pallavicino, den er trotz mancher Meinungsverschiedenheit zum Prodiktator von Neapel ernannt hatte, indem er sagte, eine solche Versammlung stelle die Herrschaft Viktor Emanuels, von der er ausgegangen sei, doch gewissermaßen wieder 276 in Frage, sie gebe allen Parteien Gelegenheit, streitend hervorzutreten, die durch schwere Opfer errungene Einigkeit werde dadurch bedroht. Garibaldi fand die Ansichten auf beiden Seiten berechtigt und gut begründet; es machte ihn ungeduldig, daß er darüber nachdenken und entscheiden sollte. Zuweilen ärgerte er sich über alle, daß sie die widerstreitenden Meinungen aufgebracht hatten und sich nicht selbst darüber einig werden konnten, welche die bessere sei; er sehnte sich fort nach seiner Insel, wo er von dem immer gleichbleibenden Streite nichts mehr würde hören können. Um zu einem Ende zu kommen, lud er alle die Persönlichkeiten, die in Betracht kamen, ein, in seiner Gegenwart ihre Ansichten über die wichtige Frage zu begründen und sich womöglich zu irgendeinem Beschlusse zu einigen.

Bevor diese Beratung stattfand, erschien das von Farini verfaßte Manifest des Königs an die Völker des Südens, in welchem es hieß, daß sein Heer komme, um die Ordnung herzustellen und den Zeitraum der Revolutionen abzuschließen; es klang wie das unanständige Triumphgeschrei der Emporgekommenen über den gefallenen Helden. Garibaldi äußerte sich nicht darüber, und seine Miene war so streng, daß niemand sich erkühnte, ihn zu befragen. Manche dachten, diese Herausforderung würde ihn so erbittern, daß er nun mit Entschiedenheit gegen die Annexionisten auftreten würde, Mazzini beschwor ihn in einem Briefe, er, von dem die Zukunft Italiens abhänge, möge nicht zulassen, daß die gequälten Provinzen ausgeliefert würden, bevor ihr künftiges Gedeihen verbürgt sei; aber man wußte nicht, wie er das eine und das andre aufgefaßt hatte.

An dem dazu bestimmten Tage empfing er die Geladenen mit ernster Freundlichkeit und forderte sie auf, ihre Meinungen auseinanderzusetzen: Pallavicino 277 vertrat die unmittelbare Annexion, auf der Seite der Gegner war Crispi der Wortführer. Während Crispi klar und bestimmt sprach, verriet Pallavicino, der ohnehin ein guter Redner nicht war, die schmerzliche Erregung, in der er sich befand, und das Bewußtsein, ein ungeschickter Verfechter der Sache zu sein, die ihm so sehr am Herzen lag, raubte ihm vollends Unbefangenheit und Beherrschung. Er sah in seiner Vorstellung die Schrecken der nächsten Zukunft: Krieg zwischen Brüdern und Freunden, den Namen Garibaldis, des Erlösers, zum Fluch geworden, Italien zerrissen, eine Beute vieler Feinde, und dies Schicksal einzig auf sein ungenügendes Wort gestellt. »Könnte ich doch dich, ehrwürdiger Mann,« sagte er zu Garibaldi, »bei der Hand nehmen und auf eine Anhöhe führen, wo du das Land, das du befreitest, überblicktest und dort dich anflehn: entfessele die Furie des Bruderkriegs nicht über diese Fluren, die du vor kurzem wie eine Gottheit, segnend und angebetet, durchzogst. Mir, dem alten Manne, der trotz jahrelang getragener Ketten Italien nicht minder liebt, der es von dir, den er unter allen Menschen am meisten liebt und ehrt, errettet sehen möchte, würdest du nachgeben, mich erhören; aber du hast Ratgeber, die dich gegen deine Freunde taub machen. Dieser ist es,« rief er, indem er leidenschaftlich auf Crispi deutete, »der deine Seele umgarnt und eingekerkert hat, so daß meine Worte nicht zu dir dringen. Er will dich, der Italien, nein, der Welt angehört, für seine Sekte. Wenn nun von neuem die Parteien ihr Haupt erheben und sich befehden und der Bourbone aufsteht und höhnisch von dem Gut, um das sie sich eifersüchtig streiten, Besitz nimmt, was kümmert es ihn, daß Italien zugrunde geht? Was kümmert es ihn, wenn verwandtes Blut fließt, wenn Feinde aller Art sich auf das verratene Land werfen, so nur die nicht obsiegen, die er bitterer 278 als die Türken haßt, obwohl sie seine Sprache sprechen! Auf den Trümmern des Vaterlandes errichtet er frevelmütig die Republik oder sein eignes Haus und Denkmal!«

Zorn und Angst hatten das Gesicht des guten Mannes gerötet, seine Stimme bebte, es war ihm zumute, als ob er um sein Leben kämpfte. Crispi hielt seinen Anklagen stand, ohne eine Miene zu verziehen oder ihn mit einem Worte zu unterbrechen; man sah seine Bewegung nur daran, daß er blaß geworden war. Indessen Garibaldi stand auf und sagte mit starker Stimme: »Ich dulde nicht, daß meine Freunde, die das Leben für ihr Vaterland viele Male gewagt und ihre liebsten Wünsche ihm geopfert haben, in dieser Weise angegriffen und beschimpft werden;« worauf Pallavicino, außer sich, seinen Hut nahm und mit den Worten: »So habe ich hier nichts mehr zu schaffen,« den Saal verließ.

Nach diesem Vorfall glaubte Pallavicino von seinem Amt zurücktreten zu müssen; allein Garibaldi bat ihn am andern Tage, daß er bleibe. Er wisse, sagte er, daß alles, auch was er Ungerechtes sage oder tue, aus der reinen Quelle seines liebevollen, redlichen Herzens fließe, daß die Angst um das Schicksal Italiens ihn hingerissen habe. Tränen in den Augen, versuchte Pallavicino nochmals, Garibaldi zu seiner Meinung zu überzeugen. Das sei umsonst, sagte dieser, er könne nicht voraussehen, welcher Entschließung die größeren Uebel folgen würden; wenn er den aufrichtigen Wunsch des Volkes kennte, würde er ihn erfüllen. Es schmerze ihn, edle Männer sich entzweien zu sehen, doch wolle er sie bitten, sich noch einmal, ruhiger, zu besprechen und eine gütliche Einigung zu erzielen, wenn es möglich sei.

In der Stadt erneuerten sich wegen des ergebnislosen Ausgangs der Versammlung die tumultuarischen 279 Auftritte, und Anschläge an den Mauern forderten den Anschluß an Sardinien. Garibaldi ließ es gehen, als ob er es nicht bemerkte. Als es Abend wurde, nahm er ein Boot und ruderte allein auf das Meer hinaus; die Fischer, die draußen waren, sahen ihm von ferne zu, wie er stilliegend auf die Tropfen starrte, die langsamer und schwächer vom Ruder ab ins Wasser fielen. Das farbenreiche Glühen des Himmels, des Landes und Meeres umgab sein Träumen wie ein Flammenkranz, der keinen Laut und kein Bild zu ihm dringen ließ, das ihn hätte stören können. Sein Sinn wurde so ruhig, daß es ihm schien, als wäre es das gleiche, ob er an dieser Stelle wäre oder auf dem Kapitol stände und den Herbstgeruch des unsterblichen Rom einatmete. Denn würden die Menschen dort und dann anders sein als hier? Vielleicht waren sie alle von gleicher Beschaffenheit, der Papst und die Jesuiten und der König und die, die man Krämer und die man Banditen und die man Märtyrer nannte, so daß es gleich wäre, ob dieser oder der andre herrschte, dieser oder der andre weinte oder lachte. Blind unter ihren Larven wären die gleichen unverträglich und zerfleischten sich selber. Die Sonne versank; die unheilvollen Häupter des Vesuv und Somma erglommen noch einmal in roten und violetten Farben von süßester Glut und Trunkenheit und starrten dann grausam aus der Helligkeit der kurzen Dämmerung. Wie man auf Töne horcht, die sympathisch einander folgend Melodien bilden, erwartete Garibaldi das Erscheinen der Sterne, des Schwanes, der Leier, der Krone und des Orion, und das unfehlbare Zusammenwandeln der leuchtenden Geschöpfe des Chaos erschütterte seine Seele wie Musik. Das feindselige und eifersüchtige Lauern der Menschen, ihr sinnloses Aufeinanderstoßen oder Vorüberjagen, ihr verblendetes Irren erschien ihm um so häßlicher, 280 aber es rückte ferner weg; er dachte, daß der zurückgewendete Blick, wenn er die verflossene Bahn der Völker verfolgte, möchten ihre Kämpfe der Gegenwart noch so verworren, ärmlich, klein und unedel erschienen sein, darin das mächtige Ringen von Notwendigkeit und Leidenschaft erkennte, und daß auch der Haß und Mißklang dieser Tage sich für die Augen künftiger Geschlechter in große Chöre einer tragischen Schicksalsbegebenheit auflösen würde.

Bei einer Fahrt durch die Stadt beobachtete Garibaldi am folgenden Tage, daß viele Männer und auch Frauen weiße Zettel an den Hüten trugen, auf denen das Ja stand, das dem unmittelbaren Anschluß an Sardinien galt; denn man wußte, daß Garibaldi nochmals eine Versammlung einberufen hatte, um über diese Frage zu entscheiden. Zuweilen drängten sich Haufen von Menschen an seinen Wagen und warfen Hände voll der Zettel hinein. Garibaldi wurde dadurch nachdenklich gestimmt, immerhin sagte er sich, daß Demonstrationen der Straße von bestochenen Müßiggängern herrühren könnten, jedenfalls, als von verhältnismäßig wenigen veranstaltet, nicht genügten, um ihn den Willen des Volkes finden zu lassen.

In der Versammlung waren die Herren bemüht, sich zu beherrschen, und einige machten Vorschläge, die vermitteln sollten; aber Pallavicino blieb dabei, daß nur der sofortige und unbedingte Anschluß an Piemont das Land vor unabsehbarem Unglück bewahren könne, während Crispi und seine Anhänger zuvor verbürgt wissen wollten, daß den beiden Sizilien eine von Abgeordneten aus ihrer Mitte beratene Verfassung erteilt werde, die ihrer besonderen, vom nördlichen Italien völlig abweichenden Beschaffenheit und Entwicklung Rechnung trüge. Garibaldi begann ungeduldig zu werden, als Türr eintrat, um eine Adresse 281 zu überreichen, die, von der Nationalgarde ausgehend, zugunsten der sofortigen Vereinigung Neapels mit Piemont an den Diktator gerichtet war. Dieser nahm dem Adjutanten, für den er eine besondere Vorliebe hatte, die Adresse ab und durchlas aufmerksam die zahlreichen Unterschriften, die die Blätter bedeckten; es waren Namen von Gewicht, Männer, die bürgerlichen Berufen angehörten, meist solche, von denen anzunehmen war, daß sie nicht infolge von Druck oder Bestechung, sondern aus Ueberzeugung dort standen. Er hatte bei sich beschlossen gehabt, daß dieser Tag nicht zu Ende gehen dürfe, ohne daß irgendeine Entscheidung getroffen sei; aber schon war ihm klar geworden, daß eine Versöhnung der Parteien nicht zustande käme. Der Einblick, den er in eben diesem Augenblick nochmals in die Gesinnung einer erheblichen Schicht des Volkes hatte tun können, schien ihm ein Zeichen zu sein; er nahm das Wort und sagte, da die Herren sich nicht einigen könnten, müsse er einen Beschluß fassen und tue dies, indem er zur Ausführung bringe, was der Wunsch der Mehrzahl der Nation zu sein scheine; in den nächsten Tagen solle denn eine Volksabstimmung über den Anschluß an Piemont entscheiden. Als er sah, daß Pallavicino, von Rührung und Freude überwältigt, auf ihn zueilen wollte, erhob er abwehrend die Hand und sagte, er handle nicht etwa so, um dem Könige oder irgendeinem andern Menschen gefällig zu sein, noch weniger, weil er den unbedingten Anschluß als das Beste erkannt hätte, vielmehr glaube er, daß bei beiden Entschließungen viel zu wagen und zu verlieren sei; wie er aber den Namen Viktor Emanuels auf seine Fahne gesetzt habe, weil das italienische Volk die Republik nicht wolle, sondern die Monarchie, so habe er auch jetzt mit dem Volke gehen wollen, und schließlich habe er gerade das aufgegeben, was am meisten nach seines 282 und seiner Freunde Sinne sei, weil er wisse, daß ihre Liebe für Italien so groß sei, daß sie sich seiner, des Diktators, Entscheidung um des Friedens willen unterwerfen würden. Sein Blick war, indem er dies sagte, ernst, doch nicht finster; man konnte ihm anmerken, daß es ihn befriedigte, den Streit beendet zu sehen.

Einige Tage später fand die Abstimmung statt. Die Partei Cavours hatte Sorge getragen, daß diejenigen, die aus Anhänglichkeit an die Bourbonen oder an die Republik oder aus was immer für Gründen gegen den Anschluß hätten stimmen können, eingeschüchtert wurden, was Garibaldi, soweit es zu seiner Kenntnis kam, geschehen ließ; denn er glaubte, daß es nun das Beste wäre, wenn die Wahl glatt in bejahendem Sinne verliefe. Unter denen, die zu der aufgestellten Urne strömten, befand sich die Giovannara, die den unerhörten Anspruch, trotz ihres Geschlechtes ihre Stimme abzugeben, damit begründete, daß sie sich an der großen Schlacht am Volturno beteiligt und mehrere Schüsse abgefeuert habe. Garibaldi, vor den die Sache gebracht wurde, entschied, daß die Frau, die wie ein Mann für das Vaterland gekämpft habe, auch das Recht des Bürgers, sich selbst die Regierung zu wählen, ausüben dürfe, worauf sie hochgehobenen Hauptes zur Urne ging, um nach so vielen Anstrengungen für die Revolution ihr Willenswort zur Begründung des einigen Italien niederzulegen.

*

Nachdem Garibaldi sich geweigert hatte, Mazzini aus Neapel zu entfernen, sann Giorgio Pallavicino darüber nach, wie er trotzdem erreichen könnte, was er zum Gedeihen des Vaterlandes für notwendig hielt. Es war sein Wille, gegen jedermann gerecht zu sein, und er bemühte sich, die Verdienste Mazzinis um 283 Italien, von denen Garibaldi und andre ihm gesprochen hatten und die ihm ohnehin nicht unbekannt waren, anzuerkennen; aber er konnte es nicht ändern, daß sein Herz sich sträubte, dem Genuesen wohlzuwollen. Seine Jugend hatte ihren Schwung, ihren Trotz und ihre Verschwörungen ohne Mazzini gehabt, der damals noch ein Kind war; als er aus den Kerkern in das Leben zurückkam, empfand er nicht minder feurig und opferwillig, so daß es ihm nicht einging, warum das nun allgemein gewordene Streben und Wagen Mazzini zu verdanken sein sollte. Von dem Gedanken des einigen Italiens schien die Luft, die man atmete, voll zu sein; wußte er auch, daß Mazzini zuerst ihn mit Plan und folgerichtig verbreitet hatte, so war es ihm doch nicht gegenwärtig und wirklich. Im Gegenteil kam es ihm vor, als störe Mazzini mit seiner Republik die Uebereinstimmung, die sonst allgemein sein würde; auch hörte er ihn von vielen, mit denen er umging, als einen Unruhstifter und vor keiner Gewaltsamkeit zurückschreckenden Parteimann schildern. Daniele Manin, der einstige Präsident der Republik Venedig, der in seiner Jugend ein Anhänger Mazzinis gewesen war, hatte sich wie viele andre später von ihm abgewandt; Pallavicino hatte ihn in Paris, wo sie bis zum Tode Manins in enger Freundschaft miteinander verkehrt hatten, oft mit einer seltsamen Erbitterung von Mazzini reden hören. Wie sehr sein Gemüt auch dadurch beeinflußt war, hielt er sich doch vor, was dagegen sprach, und immer bereit, an die Wirksamkeit großartiger Offenheit zu glauben, malte er sich aus, daß, wenn Mazzini wirklich ein so edler Mann wäre, wie viele wollten glauben machen, er sich würde bewegen lassen, freiwillig das Land zu verlassen, für das seine Gegenwart verderblich wäre.

Er setzte einen Brief auf, in dem er von der Achtung sprach, die er für ihn empfinde, und daß er 284 von der Größe seiner Vaterlandsliebe überzeugt sei; setzte ihm dann die Lage, wie sie seiner Meinung nach sei, auseinander: daß nämlich die große Menge des Volkes die Monarchie wünsche, daß er, Mazzini, als Anführer und Vertreter der Republikaner gelte, und selbst wenn er es nicht mehr sei oder sein wolle, selbst gegen seinen Willen und ausdrückliche Erklärung von der Menge immer als solcher werde betrachtet werden. Da nun um seine Person sich alle sammeln würden, die aus Ueberzeugung oder aus eigennützigen Gründen dem sich jetzt bildenden Zustande feind wären, so möge er, der schon so viel für Italien getan und geopfert habe, jetzt das beste, erhabenste Opfer bringen und sich freiwillig aus seiner Heimat verbannen, der er, trotz oder vielleicht wegen seiner großen Liebe, zurzeit nur schaden könne.

Während Mazzini den Brief las, fing sein Herz an zu klopfen, und er hielt mehrmals inne, angstvoll vor jedem Worte, das sich ihm wie mit scharfer Spitze ins Herz bohrte. Als er fertig war, verbarg er das Gesicht in beide Hände und blieb lange so. Es stand ihm fest, daß er nun gehen müsse, ja es war ihm zumute, als stände sein Koffer schon gepackt und als wäre der Abschied schon genommen; aber das bekümmerte ihn kaum. Das, daß er nicht durch den König gezwungen wandern mußte, sondern von einem Manne weggewiesen, den er als Patrioten und guten Menschen kannte und immer verehrt hatte, nicht wegen irgendwelcher Taten, die er begangen hätte oder haben sollte, sondern einzig, weil er es selbst sei, dazu verdammt, selbst wenn er es nicht wolle, Haß zu entzünden, das betäubte ihn wie ein unvermuteter, von rohen Händen zugefügter Schlag.

Er stellte sich die Erscheinung des alten Pallavicino vor mit den Spuren der langen Kerkerhaft, die gedrückte Haltung, die Perücke auf dem oft etwas schief 285 geneigten Kopfe, die gelbe Haut, den Blick der Augen, in dem sich zuversichtliche Kindlichkeit und greisenhafte Trübe wunderlich mischten; er dachte an die ein wenig eitle, ein wenig feierliche Art, in der er seines ausgestandenen Martyriums zu gedenken pflegte, an die kurzsichtige Begeisterung, mit der er sich den Menschen hingab, die ihn für sich einzunehmen wußten, und konnte sich plötzlich eines heftigen Widerwillens gegen ihn nicht erwehren. Dann dachte er daran, daß Garibaldi ihn zum Prodiktator von Neapel gemacht hatte, weil er ihn überschätzte und weil er geistiges Uebergewicht geringer anschlug als den Wert eines einfältigen, treuen Herzens. Er liebte Garibaldi; aber um so bitterer mußte er es empfinden, daß Garibaldi ihn nicht verstehen wollte. Mußte er es nicht Schwäche nennen, daß Garibaldi ihm den König Viktor Emanuel vorzog, der ihn benützte und ohne Bedenken preisgeben würde, aus keinem andern Grunde, als weil er ein tapferer Soldat war, weil er auf eine treuherzige Art mit dem einstigen Matrosen umzugehen wußte und weil er sein angestammter Fürst war? Mit dieser Schwäche verbunden erschien ihm in diesem Augenblicke hassenswürdig die Unerbittlichkeit und Unergründlichkeit seines Willens, der über das Flehen Befreundeter achtlos hinwegfahren konnte wie die Schicksalsgötter der Zeit und der Vergänglichkeit. Immer schneller kamen ihm die Bilder verschiedener Menschen, mit denen er sich berührt hatte, als mängelvoller, unweiser Wesen, die ihn mit Haß gegen das launenhafte oder kraftlose Gestalten der Natur erfüllten. Wenn er in Neapel über die Straße ging, sah er verkrüppelte Körper, unedle Nacktheit, listig freches Grinsen und selbstgefällige Verderbtheit schon im Lächeln der Kinder. Nicht nur die Stadt, die übelriechende, zappelnde war ihm zuwider, auch die Landschaft mochte er nicht mehr sehen, die als 286 Hintergrund eines bacchantischen Taumels nur ein paar wilde Festtage lang zu dauern erdacht schien, und plötzlich, wie der Anblick eines bunten Flitterkleides, das man nachts in erleuchteten Sälen getragen, die Seele traurig und ekel macht. Warum zog ihn immer und immer die Sehnsucht nach Italien, wo er sich nicht mehr heimisch fühlte, und das ihm, wenn er es mit England verglich, weit zurückstand? In London, da dröhnten die Steine Vergangenheit, durch die meerfeuchte Luft jener Straßen und Plätze schritt mit überirdischem Leib und alleserinnernden Augen die Muse der Geschichte. Die kleinen, glatten Plätze der italienischen Städte, die Schlösser wechselnder Despoten beherrschten, glichen einer Theaterbühne, auf der Schauspieler Begebenheiten voll leidenschaftlicher Zufälle schreiend und gestikulierend darstellen. Hatte er sich nicht betrogen, wenn er geglaubt hatte, daß dies Volk berufen sei, eine neue, reinere und reichere Kultur in Europa zu begründen? Denn es waren die Männer und Frauen, die er am höchsten geschätzt hatte, fast alle Ausländer gewesen. Es wollte ihm scheinen, als hätte er in Italien nie einen andern Menschen geliebt als seine Mutter, und wäre nie geliebt worden als von ihr. Er hatte Freunde gehabt, die sich von ihm hatten erwärmen, begeistern, erregen, tragen lassen, und die ihn, als der Schwung der Jugend nachgelassen hatte und sie bequem geworden waren, verlassen und verraten hatten. Die wenigen aber, die treu in Kampf und Opfer geblieben waren, wußten im Grunde nicht einmal, worauf es ankam. Dachten sie sich etwas Vernünftiges dabei, wenn sie nach Italien schrien und dafür starben? Selbst Garibaldi, so dachte er, hatte keinen klaren Begriff von den Folgen seiner großen Taten und glaubte, daß damit, daß Italien frei und einig gemacht, der alte verwesende Stoff umgeformt sei, etwas Endgültiges 287 geschehen sei. Ihm schien es, als sähe er schon, wie es kommen würde: zu den alten Lastern der Italiener würden die neuen der Prahlerei und Heuchelei, des hohlen Ehrgeizes, der plebejischen Geldgier und Genußsucht kommen. Wenn er an seine Kindheit und Jugend zurückdachte, so erinnerte er sich vieler Männer, zu denen man aufgeblickt hatte als zu Mustern redlicher Uneigennützigkeit, bedürfnisloser, strenger Sitte; von denen, die vor ihm und zu seiner Zeit in die Verbannung gegangen waren, hatten viele trotz der Ungunst der Umstände, der fremden Sprache und Umgebung, geachtete Stellungen erlangt, viele hatten, mittellos und darbend, durch unermüdliche Arbeit nicht nur sich ernährt, sondern Kenntnisse erworben, ihren Geist ausgebildet und ihren Charakter gestählt. Dies Geschlecht schien ihm allmählich auszusterben und ein neues an seine Stelle zu treten, das nur danach trachten würde, mit möglichst leichter Mühe sich Titel, Orden und volle Taschen zu verschaffen.

Es war ihm, als ob seine Augen zu scharf sähen, und er schloß sie ermüdet. Eine bitterliche Sehnsucht überkam ihn, weit fort zu sein, an einer Stelle zu sein, wo er zu Hause wäre und wo niemand ihn finden würde, da, wo seine Mutter begraben lag. Er empfand eine verzweifelte Begierde, die lockere Erde mit seinen Händen zu fühlen, den Geruch der Friedhofrosen einzuatmen und sich in die warme Dunkelheit hineinzuwühlen, wo die heiligen Gebeine ruhten, denen er angehörte. Nachdem er eine lange Weile mit seinen Gedanken still dort verweilt hatte, war er ruhiger geworden und fast zufrieden in dem Bewußtsein, dies Land verlassen zu müssen.

Plötzlich indessen fiel es ihm ein, sich zu fragen, ob es denn wahr sei, daß er fortgehen müsse oder fortgehen dürfe? Er hatte sich wie ein Kind seinem Fühlen hingegeben und besann sich nun erst, daß er 288 kein Kind mehr war, kein glücklicher Träumer, kein glücklicher Einsiedler, die wie die Kinder sich vom Zucken des Herzens dürfen beherrschen lassen: er war ein Mann, der vor aller Welt gelobt hatte, für ein Ideal bis zum Tode zu kämpfen, der diesem Ideal viel teures Blut derer, die ihm vertrauten, geopfert hatte, der allen, die er veranlaßt hatte, ihm nachzufolgen, unlöslich verbunden war, so daß sein Leben ihm selbst nicht mehr gehörte. Er war um des Vergnügens willen nicht gekommen und durfte nicht gehen, weil er des Streitens müde geworden war. Wenn ein alter Mann den kindischen Einfall hatte, in Kämpfen, die einer großen Sache galten, persönliche Großmut anzurufen, so war es an ihm, klar und kühl zu bleiben; denn er hatte mit Bewußtsein, als er den Weg einschlug, der ihn durch lange Verbannung hierher geführt hatte, auf persönliches Glück und persönlichen Frieden Verzicht getan.

Als er die Antwort an Pallavicino geschrieben hatte, daß er bleiben würde, solange ihm noch eine Möglichkeit da zu sein schiene, der Idee, die er verträte, zum Siege zu helfen, war der krampfartige Schmerz, der ihn befallen hatte, überwunden. Wie ein Gefangener, der eine Kette am Fuße hat, dem sie infolge einer ungewöhnlichen Bewegung weher als sonst tat, und der dann tobt und jammert, bis er den Fuß wieder in die Stellung gebracht hat, wo er das Eisen kaum noch spürt und es vergessen kann, so hatte er seinen Standpunkt unter den Menschen wiedergefunden und bemühte sich, nicht wieder daran zu rühren. Als nach dem Vollzug des Plebiszites seine Anwesenheit dieser Sache nicht mehr nützen konnte, blieb er doch noch in Neapel, um mit seinen Anhängern Verabredungen für die Unterstützung und Ermunterung der revolutionären Partei in Rom und für die künftige Befreiung zu treffen. 289

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Die Wärme war jetzt gelinder, so daß man die Sonne nicht mehr mied; die Luft schien in einen olympischen Aether verwandelt, in dem die Körper golden leuchten und ohne Schwere wandeln. Garibaldi war mit militärischen Operationen beschäftigt, die hauptsächlich den Zweck hatten, die Truppen Viktor Emanuels in ihren Bewegungen mit entsprechenden gegen die bourbonische Armee zu decken. Es fielen kleinere Gefechte vor, die nicht ganz ohne Verluste waren. Eines Tages lagerte Garibaldi um die Mittagszeit mit mehreren Freunden auf einer mit Wein bebauten Anhöhe, während die Soldaten speisten; eine Abteilung des bourbonischen Heeres hatte sich nach einem Geplänkel mit seiner Vorhut zurückgezogen, es war ihm ungewiß, in welcher Absicht, und er beobachtete sie dann und wann durch seinen Feldstecher. Nachdem er eine Zeitlang sinnend stillgelegen hatte, sagte er zu Nuvolari, seinem Sekretär Basso und dem alten Ripari, die ihm zunächst saßen, wenn er die vielen zu Kampf und Zerstörung bestimmten und bereiten Menschen sähe, weithin durch das fruchtreiche Gefilde zerstreut, so dränge sich ihm die Widernatürlichkeit und Sündhaftigkeit des Krieges auf. Meilenweit läge die Erde um Rom herum wüst, meilenweit dünste die Erde zwischen Rom und Neapel Fieber aus Sümpfen, wo feuchtes Dickicht wuchere, das nur die Herden der Büffel durchbrächen. Wenn alle diese Menschen arbeiteten, anstatt einander zu zerfleischen, könnte das Land urbar und zu einem Boden des Lebens gemacht werden.

Nuvolari, der eine schwere schwarzblaue Traube in der Hand hatte, und die Beeren, welche die Größe und Form kleiner Pflaumen hatten, langsam zum Munde führte, billigte die Worte Garibaldis und setzte hinzu, wenn alle Länder so gesittet wären wie die Lombardei, könne der erwünschte Zustand wohl 290 eintreten. Was wäre aber von einem Lande wie Neapel zu hoffen? Diejenigen, die jetzt den Soldaten machten, würden in Friedenszeiten nicht arbeiten, sondern die Horde der Faulenzer vermehren.

Garibaldi widersprach lebhaft; der Italiener sei nicht faul, ihm fehle nur die Tatkraft zu weitsichtigen Unternehmungen, die Regierung müsse ihn anleiten. Ein Land, das so vielfältig bebaut sei wie Italien, habe keine faulen Bewohner.

Ripari sagte wegwerfend, Kriege werden sein, solange Europa voll schlechter Kerle sei. Daran sei etwas Wahres, sagte Nuvolari, die Friedfertigkeit könne einem nichts nützen, wenn man von Ruhestörern umgeben sei. Ferner wären die Fürsten, Diplomaten und Offiziere dem Frieden im Wege; denn diese würden ohne Kriege nichts Wichtiges zu tun haben, und möchten sie trotz der damit verbundenen Mühsal und Gefahr so wenig missen wie eine Hausfrau ihre große Wäsche. Auch wäre der Krieg für barbarische Völker nicht gerade vom Uebel, weil diese viel überflüssiges Blut hätten, das sie zu Greueltaten aller Art antriebe, und wovon am schicklichsten in Kriegen etwas abgezapft würde.

Ihm sei es gleich, sagte Basso, wenn der Krieg nur nicht abgeschafft würde, bis er wenigstens einem Dutzend Oesterreicher das Maul gestopft hätte.

Während sie sich in dieser Weise unterhielten, beobachtete Garibaldi die Bewegungen des feindlichen Heeres und legte sich dann wieder in die Sonne, stillschweigend seinen Gedanken nachhängend. Plötzlich richtete er sich auf, um seinem Sekretär einen Aufruf an die Völker Europas zu diktieren, in dem er seine Ansichten über die Wünschbarkeit und Möglichkeit eines allgemeinen Friedens aussprechen wollte. Er sagte darin, daß die Völker Europas, einander verwandt durch Abstammung und ähnlich durch Sitte und Kultur, 291 sich als untereinander einig betrachten sollten wie die Glieder eines Bundesstaates, und sich gewöhnen sollten, jeden Krieg zwischen europäischen Staaten als Bruderkrieg anzusehen und als solchen zu verabscheuen. Wenn Streitigkeiten zwischen ihnen entständen, sollten sie Schiedsgerichte darüber entscheiden lassen; denn es sei gesitteter Nationen unwürdig, sich nicht gütlich vergleichen, sondern jeden Zwist wie Kinder oder Wilde nur durch Schlägereien bis zum Unterliegen des einen Teiles endigen zu können. Freilich dürfe keine Nation die andre verdrängen oder unterdrücken wollen, sei es aus Habgier oder um der Ruhmsucht ihrer Dynasten zu frönen.

Als Garibaldi eine Pause machte, sagte Nuvolari: »Ich glaube, General, du würdest einen besseren Erfolg haben, wenn du sie auffordertest, sich gegenseitig totzuschlagen.« Garibaldi entgegnete, er glaube vielmehr, daß die Menschen sich leichter zum Guten als zum Schlechten hinreißen ließen, worauf Ripari sagte, das möchte wahr sein, aber auf einen, der zum Guten anreizte, kämen zehn, die zum Bösen und Dummen verführten.

Als der König sich der Grenze näherte, begab sich Garibaldi mit seinem Stabe und einem Teil seiner Truppen nach Teano, um ihn bei seinem Einzuge in das Neapolitanische willkommen zu heißen. An dem Abend, der Viktor Emanuels Ankunft vorherging, schlug das bis dahin heitere Wetter um; der Himmel war schwarz, der Südwind blies schwer über die leeren Aecker und bog die Wipfel der Pappeln und Ulmen, die aus der Ebene hervorragten. Die Bäume waren kaum anders kenntlich, als daß die Dunkelheit sich um sie her zu verdichten schien, und sie belebten die Nacht auf Geisterart mit ihrem Seufzen und Aechzen und gestaltlosen Schwanken. Als Garibaldi, spät noch wach, von einer Runde zu seinem Zelte zurückzukehren im 292 Begriffe war, sah er auf einem Grenzsteine zwischen zwei Feldern einen Mann sitzen, der eine Melodie vor sich hin pfiff: es war Vincenzo Caldesi, einer der Abgeordneten der römischen Republik im Jahre 1849, der zu den Tausend gehörte. Garibaldi blieb vor ihm stehen und fragte, warum er noch nicht schlafe. »Ich dachte,« sagte Caldesi, »wie diese Nacht auf dem Kapitol wäre. Mit dunkeln Fenstern werden die Paläste auf dem leeren Platze wie Särge in einem schwarzverhangenen Gewölbe stehen. In ein Tuch gehüllt, wird eine alte Bettlerin auf der Treppe sitzen, die niemand hinaufkommt oder heruntergeht, und es wird keiner ahnen, daß es Rom ist, die hohe Unsterbliche, die unser wartet. Dann dachte ich an unsre Kameraden, die auf den Hügeln gefallen sind. Sie werden als ruhelose Schatten auf schaudernden Rossen, aus alten Wunden blutend, nach ihrem General ausblicken, der vom Süden kommen soll, um Rom und sie zu erlösen. In dieser Nacht werden sie wähnen, das Galoppieren seiner Reiter und das Kommando seiner Stimme von fern zu hören, während es nur der Wind ist, der einsam über die Gräber der Campagna braust.«

Garibaldi setzte sich neben Caldesi und blickte starr in die Dunkelheit. Nach einem langen Schweigen sagte er: »Sie sollen nicht lange mehr warten; wo ich auch bin, bin ich auf dem Wege nach Rom,« gab Caldesi die Hand und stand auf, worauf beide ihr Lager aufsuchten.

Am Morgen hatte der Wind sich gelegt. Der Himmel war voll von schweren, dunkelblauen, in der Sonne glühenden Wolken, und die Gegenstände erschienen größer und deutlicher, wie wenn sie eine Hülle von sich getan hätten und nun mit nacktem Leibe daständen. Garibaldi war heiter; obwohl er ernst aussah, spielte ein Lächeln in seinen Zügen. Es war 293 noch nicht acht Uhr, als die ersten piemontesischen Truppen eintrafen, die Garibaldi mit Anteil betrachtete, während seine Augen zufrieden glänzten. Zu den Herren, die ihn begleiteten, machte er Bemerkungen über ihre gute Haltung und sprach davon, daß er überall die italienischen Soldaten besser gefunden habe, als er erwartet hätte; es ließe sich aus Italienern ein Heer schaffen, das keinem andern in Europa nachstehen würde. Den fremden Offizieren, die ihn achtungsvoll begrüßten, antwortete er freundlich. Zwischendurch sah er sich um und genoß den freien Blick in das leuchtende Land. Ringsumher waren Aecker, von denen einige noch Stoppeln trugen, andre schon zum Empfang der neuen Saat umgegraben waren; die Erde in diesen war purpurfarbig und samtweich, und die Vögel, die darauf hüpften und pickten, schienen darin zu schwimmen. Die Straße entlang standen hohe Pappeln, deren Blätter zu fallen begannen; sie fielen gelblich blitzend langsam durch die unbewegte Luft, so langsam und ruhevoll, daß es aussah, als weideten sie sich an der Wonne des Vergehens. Bei einem Gehöft in der Nähe standen Männer, Frauen und Kinder und blickten neugierig erwartungsvoll auf das militärische Schauspiel.

Plötzlich erscholl von Trompeten geblasen der Königsmarsch, der das Erscheinen des Monarchen verkündete; es war eine muntere Musik, aber in der unermeßlichen Weite der in sich selbst versunkenen Luft verlor sie sich schnell, wie abgebrochen und zur Erde gefallen. Die Natur schien mit allen Sinnen auf das kaum vernehmliche herbstliche Rieseln in den gleitenden Blättern und in dem glühenden Schaum der gelockerten Erde zu lauschen. Hinter der Musikbande und der Leibgarde kam auf einem auserlesenen arabischen Pferde Viktor Emanuel, von einem glänzenden Gefolge umgeben, unter dem sich Fanti und 294 Farini befanden; ihre Blicke waren mit hochmütigem Triumph auf Garibaldi gerichtet. Indessen sah Garibaldi nur den König: er bemerkte in seinem Gesicht einen trotzig stolzen, abweisenden Ausdruck, in dem zugleich auch Verlegenheit war, und der nicht wohlwollender wurde, als er Garibaldis Blick empfing und erwiderte; aber dessen Stimmung wurde dadurch nicht getrübt. In diesem Augenblick sah er in Viktor Emanuel nur den König Italiens, das erwählte Haupt des geeinigten Volkes, dem er sein Schwert gelobt hatte. Nachdem ein paar kurze Worte der Begrüßung gewechselt waren, rief er, sich gegen seine Truppen wendend: »Es lebe der König von Italien!« worauf diese den Ruf wiederholten.

Derer, die von den Tausend anwesend waren, bemächtigte sich ein Gefühl der Enttäuschung oder der Erbitterung; viele hatten sich die erste Begegnung zwischen dem Könige und seinem Helden anders vorgestellt, erwartet, daß der König Ergriffenheit und Liebe äußern würde, daß seine Offiziere sich beeifern würden, den zu sehen und verehrend zu begrüßen, der die Sehnsucht eines halben Jahrhunderts erfüllt hatte; andre hatten, ohne von den politischen Verwicklungen der letzten Monate genau Bescheid zu wissen, sagen hören, daß der König mißgestimmt sei, weil er Garibaldi allzuviel zu verdanken habe, und hatten ihm keinen unbefangenen Sinn entgegengebracht. Sie verstanden die unbekümmerte Stille in Garibaldis Blicke nicht, sondern hielten sie für den Ausdruck seiner Arglosigkeit, ihre jungen Augen hingen, viele mit Tränen kämpfend, an dem Mann ohnegleichen, der inmitten der prächtig funkelnden königlichen Offiziere allein zu stehen schien, wie durch einen unnahbaren Strahlenmantel von ihnen entfernt und abgetrennt. Als der Auftritt vorüber war und die Regimenter sich wieder in Bewegung setzten, schlugen ihre Herzen mit 295 Abschiedsklagen: Nun taumeln wir wie lose Blätter hierhin und dorthin, da du stürzest, o Baum, der uns trug und mit uns in die Wolken rauschte! Wir irren wie erlöschende Sterne, da du untergehst, o Sonne, die uns regierte! Dein Herz war ein voller Blutbrunnen, aus dem wir Schatten das Leben tranken, durch deine Kraft fühlten wir seine Herrlichkeit! Wir möchten in deinen Schlachten fallen, Samenkörner, von deiner mächtigen Hand in die schwarzen Schollen italischer Erde geworfen! Garibaldi, du gehst nicht unter. Wer kann die Glorie von deiner Stirne nehmen? Wenn du dich verbirgst, wird dein Schatten dich verraten, und wir werden dahin blicken, wo es nachtet, um den Aufgang unsrer Sonne zu erwarten.

Unterdessen ritt Garibaldi neben dem Könige und auch die beiden Gefolge vermischten sich anscheinend vertraulich. Er freue sich darauf, sagte Garibaldi, nachdem sie von diesem und jenem gesprochen hatten, ohne daß das Gespräch recht in Gang hatte kommen wollen, daß seine Soldaten nunmehr in Gemeinschaft mit denen des Königs fechten würden, und hoffe, es werde sich ein kameradschaftliches Verhältnis zwischen ihnen herausbilden. Der König antwortete, sichtlich bestrebt, sich zuvorkommend zu geben, er, Garibaldi, und die Seinen hätten genug geleistet, sie sollten nun ausruhen, indes er mit seinem noch frischen Heere den Kampf zu Ende kämpfte. Diese Worte, die bestimmt waren, ihm in freundlicher Einkleidung anzukündigen, daß er verabschiedet sei, trafen Garibaldi empfindlich ins Herz; denn er war bereit gewesen, über jede ihm angetane Kränkung hinweggehend, die Ehre des Krieges mit den Truppen zu teilen, die gekommen waren, um ihn abzusetzen, damit die fabelhafte Verschmelzung von Revolution und Königtum, auf der das neue Reich beruhte, als etwas Wirkliches vor aller Augen dargestellt würde. Er hatte nicht 296 daran gedacht, daß dies Opfer könnte verschmäht und anstatt dessen er mit den Freiwilligen entlassen werden, und das Gefühl, unerhört betrogen zu sein, überfiel ihn im ersten Augenblick mit atemraubender Heftigkeit. Gleich darauf jedoch, indem er den König von der Seite ansah, legte sich diese Aufwallung und ging in ruhige Wehmut über; es war ihm, als habe Viktor Emanuel ihm heimlich ein Bekenntnis abgelegt, das ihn mit einem Male jedes Vorwurfs entlastete. In seinen gespannten Mienen glaubte er zu lesen, daß der König weder mit sich noch mit seinem Lose zufrieden sei, und er hätte ihm sagen mögen, daß er wisse, was in ihm vorgehe, daß er seine Unfreiheit kenne, daß er ihm nicht zürne und seiner unveränderten Liebe gewiß sei. Da er fühlte, daß es nicht anging, etwas Derartiges auszusprechen, von andern Dingen aber nicht mehr reden mochte, nachdem die letzte Erklärung gegeben war, trennte er sich bei der nächsten Spaltung des Weges vom Könige, dessen Einladung, das Frühstück mit ihm einzunehmen, ablehnend. Seine Offiziere, die das gute Einvernehmen mit den Begleitern Viktor Emanuels widerwillig zur Schau getragen hatten, schlossen sich ihm an, froh, daß die peinliche Zeremonie beendet war.

Im ersten Dorfe, zu dem sie gelangten, machten sie Halt, um etwas zu essen, da sie noch nichts zu sich genommen hatten. Garibaldi trat mit einigen Herren, unter denen der alte Ripari war, in einen großen leerstehenden Stall ein, wohin die Bauern brachten, was sie hatten, Brot, Käse und Wasser; der General setzte sich auf einen Baumstumpf, der beim Holzspalten diente, während seine Begleiter sich auf den Boden warfen oder sich auf die den Stand der Pferde und Rinder abteilenden Bretterwände schwangen. Sie unterhielten sich halblaut untereinander und blickten zuweilen forschend nach Garibaldi 297 hinüber, der blaß und sehr ernst aussah und stillschweigend sein Essen verzehrte. Indem er den ersten Schluck aus dem Kruge voll Wasser trinken wollte, machte er eine unwillkürliche Bewegung des Abscheus und spie rasch aus, was er im Munde hatte, worauf er erklärend zu den erstaunt auf ihn blickenden Herren sagte: »Das Wasser schmeckt faul, es muß ein totes Tier im Brunnen liegen.« Damit stand er auf und verließ den Stall, um dafür zu sorgen, daß die Pferde frisches Wasser bekämen. Einer von den Zurückbleibenden, die noch mit dem groben Brote beschäftigt waren, sagte belustigt, der König werde mit seinem Gefolge nach einem feineren Speisezettel frühstücken. »Sie werden die Kastanien essen, die wir aus dem Feuer geholt haben,« sagte Ripari trocken, und man lachte. Als die Herren im Begriff waren, den Raum zu verlassen, sahen sie eine Frau mit fanatisch staunenden Augen an der Tür stehen, die zu einem Kinde, das sie an der Hand hielt, sagte: »Sieh, unser Herr Jesus Christus ist im Stalle geboren und Garibaldi hat ein Stück trockenes Brot in unserm Stalle gegessen.« Der alte Ripari sagte absichtlich unwirsch: »Freilich, man kommt nicht umsonst zu der Ehre, gekreuzigt zu werden,« so daß die Frau in verständnislosem Schrecken aufschrie und davonlief.

Garibaldi hätte am liebsten Neapel sofort verlassen; aber er hatte noch die Aufgabe, an der Seite des Königs in die Hauptstadt einzuziehen, ferner die Medaillen, die der Gemeinderat von Palermo für die Tausend hatte prägen lassen, diesen auszuteilen und Abschied von seinen Truppen zu nehmen. Auch lag ihm daran, Heer und Volk nicht argwöhnen zu lassen, daß eine Mißhelligkeit zwischen ihm und dem Könige bestehe, vor allem aber den König dazu zu bewegen, daß seine Mitkämpfer nach Verdienst belohnt und behandelt würden. Abgesehen davon, daß ihn der 298 Gedanke schmerzte, diejenigen, die mit größter Tapferkeit und Opferwilligkeit für die Befreiung Italiens gekämpft hatten, wie gemietete Söldner entlassen sehen zu sollen, bedachte er auch, wie es die Betroffenen und einen großen Teil des Volkes erbittern müsse, wenn die Siegreichen geringschätzig heimgeschickt und die, welche vor ihnen geflohen waren, nämlich die neapolitanischen Soldaten, hervorgezogen und ausgezeichnet würden. Es war ihm bekannt, daß General Fanti, der die gewichtigste Stimme in diesen Dingen hatte, sich wegwerfend über die Freiwilligen geäußert hatte und sie als ein schädliches, die herkömmliche Ordnung auflösendes Element durchaus nicht in die regulären Truppen wollte eindringen lassen, auch die Grade, die Garibaldi erteilt hatte, nur in seltenen Fällen anerkennen wollte. Unter diesen Umständen wünschte er den König die Wichtigkeit der Sache einsehen lassen zu können, von dem er glaubte, daß er unterscheiden könne, wieweit Vorsicht, Klugheit und Berechnung, sei sie richtig oder nicht, das Gefühl verdrängen dürften, und dessen Willen er in militärischen Fragen für maßgebend hielt.

Kurze Zeit nach dem Einzuge des Königs nahm Mazzini Abschied von Garibaldi, um wieder nach England zurückzukehren. Er legte Garibaldi ans Herz, daß er zunächst an die Befreiung Venedigs denken möge; daß, wenn er doch nach Rom gehen wolle, dort eine Erhebung stattfinden müsse, die mit ihm zusammenwirke, und daß er hoffe, eine solche durch die Anhänger, die er dort habe, bewirken, vielleicht, wenn es notwendig sei, selbst hingehen zu können. »Deine Verbannung wird nun bald ein Ende haben,« sagte Garibaldi, »der König wird dich ehrenvoll zurückrufen.« Mazzini schüttelte den Kopf: »Ich habe jetzt erfahren,« sagte er, »wie sie mich hassen. Wird das Königreich Italien je so stark sein, daß sie mich nicht 299 mehr fürchten?« Wenn der König es nicht tue, entgegnete Garibaldi, werde das Volk es fordern. Mazzini schwieg traurig; er dachte, daß das Volk ihn ebensowenig liebe wie der König, aber es wollte ihm nicht über die Lippen. Nach einer Pause sagte er: »Wenn ich im Auslande bin, habe ich keine Heimat, aber wenn ich hier bin, fühle ich mich auch nicht zu Hause. Wie ich mich an die schwarze Tracht gewöhnt habe, die ich als Jüngling erwählt und nicht abzulegen schwur, bis Italien einig und frei sei, so ist heimatlos zu sein meine Natur geworden. Vielleicht,« fuhr er mit einem Lächeln fort, »kehre ich nach vielen Jahren oder Jahrhunderten in dies geliebte Land zurück; dann möchte ich ein schlichter Bürger sein, der ohne zu wissen, daß es anders sein könnte, die Freiheit genießt, um die wir jetzt kämpfen.« Garibaldi sah ihn überrascht und aufmerksam an und sagte, was er denn in solchem Falle tun möchte? »Ich denke mir,« sagte Mazzini, »daß ich bei irgendeiner Arbeit, auf die ich mich verstände, glücklich sein könnte; wenn ich aber so gemacht wäre, wie ich es jetzt bin, würde ich mir die Feder zum Werkzeug wählen. Ich würde nicht von Politik und Staatsformen und Wirtschaft schreiben, wie ich es jetzt beständig tue, sondern aus Worten, die wie Edelsteine selten, unzerstörbar und zauberkräftig wären, die schönen Gesichte bilden, von denen ich in meiner Jugend träumte und die mir jetzt entschwunden sind.«

Diese Bemerkung Mazzinis beschäftigte Garibaldi noch, als er allein war. Große Bilder wankten an ihm vorüber, die das Gefühl des Lebens mächtig in ihm erregt hatten, und er fragte sich, ob er sie wieder erleben möchte. Als ihm zufällig die Herden wilder Pferde einfielen, die er in Amerika über die Prärien hatte jagen sehen, ging ihm durch den Sinn, daß er lieber als alles ein solches Tier sein möchte. Er 300 stellte sich die edeln Geschöpfe vor, deren Anblick ihn entzückt hatte, ihr stolzes Bäumen, ihre wollüstig die Luft einschlingenden Nüstern, ihre Kraft und Freiheit, das triumphierende Donnern ihrer Hufe, wenn sie ausgelassen wie spielende Götter im Sturme über die unabsehbaren Steppen rasten. Wie damals fühlte er den üppigen Geruch jener wilden Erde, den berauschenden Zug des entfliehenden Himmels.

Diese Gedanken brachten ihn darauf, daß er, sowie er in Caprera angekommen sein würde, die beiden Pferde, die er während des Feldzuges geritten hatte, freilassen wollte, und er freute sich darauf, zu sehen, wie sie erst stutzen, dann die Mähne schütteln und schnaubend in die Wildnis sprengen würden. Mit einem Glücksgefühl dachte er daran, daß er die hohen Aemter, Einkünfte und Orden, die der König ihm angeboten hatte, um ihn für seine Taten zu belohnen, abgelehnt hatte und also frei war; die Vorstellung, daß er noch einmal die piemontesische Uniform tragen müßte, hatte jetzt etwas von dem Druck eines bösen Traumes für ihn. Zwar hätte er die Statthalterschaft über die beiden Sizilien angenommen, um diese Länder auf seine Weise und mit den Mitteln, die er für gut hielt, zu erziehen, teils auch, um sich einen Zugang auf Rom offen zu halten; aber nun der König ihm den Wunsch abgeschlagen hatte, empfand er innigste Befriedigung darüber. Er hatte erfahren, daß er die Luft der Versammlungen und Beamtenstuben und Gerichtshöfe nicht lange atmen konnte; auch mochte es besser sein, wenn er sich noch nicht mit den Geschäften des Friedens befaßte, sondern einzig den Augenblick erspähte, wo er das Signal zum neuen Aufbruch geben könnte. Es war ihm wichtig, den jungen Männern, die ihm gehorchten, bevor er sie verließ, einzuprägen, daß sie sich bereit hielten, und er entwarf zu dem Zweck einen Aufruf, der ihnen 301 zugleich mit seinem Abschied seine Absichten für die Zukunft verkündete. Er sagte ihnen darin, daß er jetzt auf kurze Zeit das Schwert niederlegen müsse und sie entlasse, daß aber der Frühling des nächsten Jahres sie wieder unter seine Fahne versammeln solle. Diejenigen, die es könnten, sollten in Waffen bleiben, die andern sich bereithalten. Er hoffe, daß nicht nur seine Tausend, mit denen er Sizilien erobert, sondern viele Tausende kommen würden, wenn er riefe, um durch die Befreiung Roms und Venedigs den heiligen Krieg im Namen des Königs Viktor Emanuel zu vollenden.

Ohne beim Könige hinsichtlich des Schicksals der Freiwilligen etwas Bestimmtes ausgerichtet zu haben, reiste Garibaldi nach Caprera ab. Die Mantuaner Nuvolari und Gusmaroli, sein Sekretär Basso und Ripari gingen mit ihm, einige andre Freunde gaben ihm das Geleit bis zum Hafen. Es war ein düsterer Herbstmorgen, schwere Wolken lagerten am Himmel wie gestrandete Schiffe, und ein rötlichgelbes Licht, das aufflackerte, denn es war die Zeit des Sonnenaufgangs, gemahnte an die Flamme einer Pechpfanne, vom Leuchtturm ins Meer wehend. Auf einem kleinen Platze unweit der Abfahrtsstelle begegneten sie mehreren Leuten, die allerlei Ware, mit der sie Handel trieben, auf kleinen Eseln zum Markte führten; ein Junge trug eine Menge winziger, aus hölzernen Stäben zusammengesetzter Käfige, in denen Vögel saßen. Garibaldi, der im Gespräch mit seinen Freunden begriffen war, verstummte und blickte mit gefalteter Stirn auf den beladenen Esel, den ein Mann unter lasterhaften Flüchen mit einem Prügel vorwärts stieß, und auf die ängstlich flatternden Vögel. Als sie einander ganz nahe waren, konnte er es nicht unterlassen, zu dem Manne zu sagen: »Warum mißhandelst du das geduldige Tier, dem du ohnehin über seine Kräfte 302 aufgeladen hast?« Der Mann blieb stehen, zuckte die Schultern und sagte mit einem verbindlichen Lachen: »Ist es nicht besser, ich lasse meine Galle an dem Esel aus, der kein Christ ist und nichts empfindet, als an einer getauften Seele? Wenn Ihr aber ein gutes Wort für ihn einlegt, so will ich mich auf die Zunge beißen und ihn ungeprügelt laufen lassen,« worauf er mit Augenzwinkern die Hand gegen Garibaldi ausstreckte. Dieser reichte ihm ein paar Münzen und sagte: »Es fragt sich, wer von euch beiden ein besserer Christ ist, der Esel, der ohne sich zu widersetzen seine Last schleppt, oder du, der in böser Laune das Geschöpf Gottes unter Flüchen vorwärts treibt. Du solltest dich schämen, die Religion zum Vorwande deines grausamen Gemütes zu nehmen. Freilich habt ihr es von den Priestern, die euch regiert haben, gelernt: sie haben euch anstatt eines allmächtigen Herrn einen Wüterich anbeten lassen, der Millionen seiner Kreaturen einigen Günstlingen ausliefert, um ausgebeutet und gemartert zu werden. Ihr verdient es, von den Reichen der Früchte, die die Erde gibt, ja des Lichtes und der Luft beraubt zu werden, solange ihr die schwächer als ihr sind knechtet, Vögel, deren Heimat die grenzenlose Luft ist, in enge Käfige einsperrt.«

Nachdem er dies in zürnendem Tone gesagt hatte, fuhr er fort, von der Schönheit und den Tugenden der Tiere zu sprechen, die den Kreis ihres Lebens, von Gott ihnen gezogen, gefügig vollendeten, den Sternen vergleichbar, noch immer Zöglinge des Paradieses, aus denen die Menschen verstoßen. Je länger Garibaldi sprach, desto aufmerksamer horchten die Leute, unterbrachen ihn zuweilen durch beifällige Ausrufe und billigten in geflüsterten Worten und durch feuriges Anschauen die Erscheinung, Stimme und Rede des Unbekannten. Als nun Menschen in den 303 umliegenden Häusern aufmerksam wurden und herzukamen, erkannten einige von diesen den Diktator und riefen: »Garibaldi! Evviva Garibaldi!« so daß nun auch die Hausierer erfuhren, wen sie vor sich hatten. Während die Frauen und Kinder auf ihn zustürzten und seine Hände oder sein Gewand zu küssen suchten, riß der Mann, der den Esel getrieben hatte, dem Jungen die Käfige aus der Hand, öffnete sie, zog die Vögel, die des Ausgangs in die Freiheit nicht sofort innewurden, selbst heraus und warf sie in die Luft, indem er ausrief: »Garibaldi ist es, der euch und uns befreit hat!« Die Herren steckten ihm noch etwas Geld zu und gingen mit Garibaldi an den Hafen; in einiger Entfernung folgten die Hausierer und andre Leute und sahen der Abreise zu, das Auf Wiedersehen, das Garibaldi ihnen zuwinkte, mit lautem Zuruf erwidernd. Als das Schiff sich in Bewegung gesetzt hatte und langsam entschwand, kehrten sie um. Der Mann mit dem Esel sagte gedankenvoll: »Das also war das Haupt, das der Heilige Vater mit Gold aufwiegen würde, wenn man es ihm brächte. Ein herrliches, schweres Haupt! Und vielleicht hätte ich mir zu dieser frühen Stunde, vor dem Beginn des Marktes, wo die Straßen leer sind, den Lohn verdienen können. Aber meines Vaters Sohn,« setzte er mit zufriedenem Stolze hinzu, »ist kein Judas. Der Wein würde ihm nicht schmecken, um den das Blut eines so schönen und edeln Mannes geflossen wäre.« Während er mit seinen Angehörigen beredete, daß sie das Eselchen zum Andenken an Garibaldi Giuseppino nennen und erzählen wollten, daß der Diktator es gelobt und gestreichelt habe, um dadurch Kunden anzuziehen und das Geschäft zu fördern, zogen sie unter den hohen Häusern, an denen die feuchte Luft wie nasser Flor klebte, dem Markte zu. 304

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An einem der letzten Februartage wurde in Turin Gustavo Modena begraben; unter denen, die gekommen waren, dem berühmten Schauspieler und Patrioten die letzte Ehre zu erweisen, befand sich Camillo Cavour. Während die zahlreiche Versammlung den Beginn der Trauerfeierlichkeit erwartete, sagte Lorenzo Valerio halblaut zu dem Minister, es sei schön und groß von ihm gehandelt, daß er dem Toten die Anerkennung bezeige, die der Lebende zurückgewiesen habe, mit Beziehung darauf, daß Cavour vor einigen Jahren versucht hatte, Modena durch eine einkömmliche Stelle als Theaterdirektor in Turin zu fesseln, daß dieser aber, obwohl bedürftig, aus republikanischer Gesinnungstreue und besonderer Abneigung gegen die sardische Regierung abgelehnt hatte. Cavour antwortete, es mache den Künstler nicht geringer und auch den Mann nicht schlechter, daß seine politischen Ansichten beschränkt gewesen seien. Leider seien die Verhältnisse in Italien so gewesen, daß gerade die tüchtigen Männer zum Ideal der Republik ihre Zuflucht hätten nehmen müssen; hoffentlich würden sie allmählich einsehen, daß auch in der Monarchie Freiheit und Größe gedeihen könnten. Freilich sei das unmöglich, wenn die Guten sich hochmütig absonderten.

Die Ansprache, die der junge Schauspieler Tommaso Salvini hielt, lautete so:

»Da die Stimme schweigt, mit der ein Genius uns erschütterte, wage ich es, des Meisters Schüler, an seinem Sarge die meine zu erheben, um seiner zu gedenken, der dahin ist, und uns zu beklagen, die ihn verloren haben. Ihn beklage ich nicht, der willig schied; wie mußte er des Irdischen überdrüssig sein, da er ihm lächelnd entsagte, obgleich er eine über alles geliebte und liebende Frau verließ. Ja, während Italien jubelnd seine Auferstehung feiert, 305 verhüllte er sein Haupt und stieg ins Grab; er, der, obwohl ein Herrschender im Reiche der Kunst und als solcher, wenn er hätte wollen, über die Nöte unsers politischen Lebens hinausgehoben, heldenhaft, mit Aufopferung eines sicheren Glückszustandes, um Italiens Freiheit gekämpft hatte. Aber, wir wissen es alle, er liebte die Könige nicht; er hatte es sich anders gewünscht. Manche hat es, solange er lebte, zu Scherz, Spott oder nachdenklicher Betrachtung gereizt, daß der Republikaner, der die Könige haßte, die Könige der Dichtung auf der Bühne verkörperte wie kein andrer, so daß man sagen darf, es habe keiner den König gesehen, der Gustavo Modena nicht als König gesehen habe. Wenn man ihn besuchte und ihn in seiner Laube sitzen fand, vor sich den feurigen Wein, der ihm verhängnisvoll geworden ist, und den Risotto, den seine Julia bereitet hatte, sprühend von Witz, der in seinem drolligen Dialekt um so beißender, aber auch anmutiger wirkte, dem fielen die venezianischen Gassenbuben ein, die, in der Gondel liegend, sich sonnen und singen und sich damit belustigen, die Vorüberkommenden zu verspotten. Wer ihn dann auf der Bühne als König sah, in einem Duft von Hochmut, Wahn, Erhabenheit und Trauer schreitend wie ein Blinder, der mißtrauisch tastet und nicht ahnt, daß am Rande seines Thrones sich ein Abgrund hinunterstürzt, des Lebens so gierig und so müde, daß man meinte, das alte grünliche Königsblut in den Adern seiner Hände zu erkennen, der glaubte, daß er erst jetzt in der Vermummung des Theaters die Maske abgeworfen habe und sein Wesen zeige. Vielleicht war es so, vielleicht war er deshalb Republikaner, weil er von königlicher Art war. Wie hätte der Mann, der mit seiner Stimme, seiner Miene, seinen Gebärden Menschen schuf, der uns zwang, ihn wechselnd zu hassen, zu verehren, zu fürchten, anzubeten, der in 306 unsrer Brust unsre Tränen, unser Lachen, unsern Jubel und unsre Begeisterung regierte, sich in der Herde verlieren können? Wenn er die Anklage schleuderte und die Rache drohte, so entbrannte, wenn auch nur auf Minuten, in dem Raume, den seine lodernde Stimme erfüllte, die Revolution. Wenn er ein paar Abendstunden lang geherrscht hatte, dankte er freiwillig ab und gern; aber er wußte, daß sich ihm alle wieder unterwerfen würden, wenn er das Zepter wieder in die Hand nähme. Er hätte sich den Fürsten, die der Zufall des Weltganges auf den Thron geworfen und die sich durch Tyrannenkünste darauf festzuhalten suchen, nicht beugen mögen, und an andre glaubte er nicht, da er zu viele von diesen gesehen hatte. Ich glaube, daß, wenn die Republik geworden wäre, er gefunden hätte, daß auch dort nicht Raum wäre für die majestätische Gebärde, von der er träumte. Abseits zu stehen war sein Los, seine Hoheit, sein königliches Laster. Das große Jahrhundert der Revolution hat ihn gekrönt und nimmt ihn mit sich, nun er von uns geht. Die wir hoffend in eine Zeit der Erfüllung, des Friedens und der Versöhnung blicken, zürnen ihm nicht, daß er unversöhnlich war, sondern wir danken ihm, daß er seine jähe Bahn sich selbst treu vollendete.

Ständest du hier statt meiner, Gustavo Modena, wie anders würdest du von deiner Seele zu sprechen vermögen! Du würdest alle, die hier zusammengekommen sind, weil sie dich als Freund liebten oder als Künstler bewunderten, Männer und Frauen verschiedenster Sinnesart, zusammenschmelzen zu einem Gefühl banger Ehrfurcht vor der Herrlichkeit, Macht und Gebrechlichkeit des Menschentums, wovon du ein Bild bist.«

Cavour, der, da er sich selbst mit Ausdauer zum Redner erzogen hatte, die Beredsamkeit als Kenner 307 schätzte, war mit dieser Rede sehr und mehr als mit den andern, die gehalten wurden, einverstanden; Salvini, der versprechendste Schüler Modenas, verschmähte das theatralische Pathos und wußte mit Kunst sich so einfach zu fassen, daß es war, wie wenn die Natur selbst aus einem empfindenden Menschen spräche. Daneben unterhielt es den Grafen, sich die Männer zu betrachten, die den Sarg des Vereinsamten umstanden: da war Mordini, der im Namen Garibaldis Sizilien regiert hatte, der alte Ripari, Garibaldis Arzt und Gefährte bei allen Feldzügen, Crispi, Felice Scifoni, ein bekannter römischer Republikaner, Männer, die viel Mühsal erduldet, Schlachten geschlagen und in fremden Ländern sich ein karges Brot erarbeitet hatten. Sie gefielen ihm ausnehmend, wie sie da als ein trotziges Häuflein beieinander standen, und er dachte bei sich, indem er lächelte: ›Das monarchische Brot wird darum nicht schlechter schmecken, weil die republikanischen Esel das Mehl zur Mühle tragen geholfen haben.‹

Ueberhaupt war der Graf in vorzüglicher Stimmung, wie er gewöhnlich nach einem Begräbnis zu sein pflegte; es war ihm dann, nachdem die anfängliche mehr oder weniger starke Erschütterung überstanden war, zumute, als habe sich der geheimnisvolle Schlund, der von Zeit zu Zeit durch ein Menschenopfer abgespeist werden müsse, für einmal wieder geschlossen, und man könne einstweilen unbehelligt seinen Weg fortsetzen. Während Medici, der ihn auf dem Heimweg begleitete, mit Wärme von dem Verstorbenen sprach, beklagte, daß seine Neigung zum Trinken in den besten Jahren seine Gesundheit zerstört und den Umgang mit ihm schwierig gemacht habe und daß manche Menschen es für Festigkeit des Charakters hielten, wenn sie bei den Vorurteilen ihrer Jugend verharrten, nickte Cavour nur und summte 308 eine undeutliche Melodie vor sich hin. Der Tag habe ihm, sagte er, mit einem guten Vorzeichen angefangen, so daß selbst die Begräbnisfeier seine gute Laune nicht habe verdüstern können; es sei ihm nämlich jener Bruder Giacomo begegnet, der ihm versprochen habe, wenn er einmal ans Sterben käme, ihn mit den Sakramenten zu versehen, allen Bannflüchen des Papstes zum Trotz, so daß er also gewiß sei, sein Leben im Frieden der Kirche zu endigen. Er glaube zwar nicht, daß die Tröstungen der Religion das Sterben erleichtern oder seinen Wert vor Gott erhöhen könnten; aber das vorschriftsmäßige, durch den Segen uralter Formen geheiligte Ende betrachte er als Symbol dafür, daß er überhaupt erreicht habe, was sein Streben gewesen sei: das neue Italien auf den alten Ruinen aufzubauen. Es sei wohl wahr, daß man ein Gebiß nicht einsetzen könne, bevor die faulen Zähne ausgerissen seien; aber das beste wäre doch, von den eignen Zähnen so viele zu erhalten, wie möglich sei. Oder um es anders auszudrücken: wenn eine Kloake auszumisten sei, solle man erstens die Verbreitung des übeln Geruches zu verhüten und zweitens den Mist als Dünger zu verwerten suchen.

Medici erkundigte sich vorsichtig, ob Cavour Hoffnung habe, die römische Frage auf dem Wege der Unterhandlung zu lösen. Die Aussichten wären nicht übel, sagte Cavour; ein großer Teil der Geistlichkeit, namentlich der niederen, neige zu der Ansicht, der Papst müsse auf die weltliche Herrschaft verzichten, und vielleicht übe diese Meinung einen Druck auf ihn aus. Jedenfalls habe sich Antonelli bei den Vorverhandlungen, die er eingeleitet habe, ziemlich weit eingelassen, wenn sich das alles auch am Schluß als Spiegelfechterei erweisen könne. Medici sagte, ein Erfolg sei um so wünschenswerter, als Garibaldi im Hinblick auf ebendiese Unterhandlungen des Ministers 309 von dem geplanten Handstreich aus Rom abgestanden sei, wodurch gefährliche Verwicklungen vermieden würden.

Er freue sich, sagte Cavour, daß Garibaldi wiederum die Einsicht und Selbstbeherrschung zeige, die er immer an ihm geschätzt habe. Auch daß er die Wahl ins Parlament nicht angenommen habe, sei des höchsten Lobes würdig. Er müsse gestehen, während die meisten Menschen je mehr Schwächen verrieten, desto länger und besser man sie kenne, überrasche Garibaldi bei jeder neuen Wendung seines Lebens durch ungeahnte Weisheit und Seelengröße. Ja, erwiderte Medici, er sei klug genug, zu wissen, daß er kein Redner und kein Politiker sei; auch hätten wohlmeinende Freunde ihm geraten, sich nicht auf ein Feld zu begeben, auf dem er nicht heimisch sei und nur Enttäuschungen ernten würde. Für den Soldaten sei es immer das beste, sich von der Politik so viel wie möglich zurückzuhalten, eine Regel, die Garibaldi zu seinem Unglück nicht immer befolgt habe. Immerhin, sagte Cavour, hätten doch diejenigen unrecht, die Garibaldi nur als Feldherrn wollten gelten lassen und ihm besonders die Fähigkeit, ein Land zu verwalten, absprächen. Während seiner Regierung in Palermo und Neapel habe er wohl Fehler begangen, wie das unter so außerordentlichen Umständen nicht zu verwundern sei; aber er habe bei allem Großes und Gutes im Sinne gehabt, und es zeige sich bereits, daß diejenigen, die ihn getadelt hätten, nun sie selbst am Steuer ständen, weit mehr Irrtümer begingen als er, so daß sich die Zustände in den neuen Provinzen nicht verbesserten. sondern verschlimmerten.

Medici stimmte bei: Wenn Garibaldi einen Fehler beginge, so wäre es der, den Menschen zu viel Gutes zuzutrauen, wozu er insofern berechtigt wäre, als 310 unter seinem Einfluß die Menschen wirklich des Guten fähiger als sonst wären.

Es sei so, sagte Cavour, er sei ein Mann, der das Edle der menschlichen Natur anziehe, so daß ihm das Gemeine weniger sichtbar würde. Es kränke ihn, daß er so wenig tun könne, ihn in der Angelegenheit der Freiwilligen zu befriedigen. Fanti würdige zwar Männer wie Medici und Bixio nach Verdienst, im allgemeinen aber habe er unleugbar eine Abneigung gegen die Garibaldiner, und diese, noch mehr die Bevorzugung der bourbonischen Offiziere vor denen des freiwilligen Heeres, müsse jeden Wohlwollenden empören und das Gewissen des Volkes verwirren. Er tue, was er könne, um Ungerechtigkeiten zu verhindern, und es wäre ihm lieb, wenn Garibaldi das erführe; er wäre der erste, der ihm gefällig sein möchte, wenn es mit dem, was er für das allgemeine Beste halte, verträglich sei.

Bald nach diesem Gespräche zeigte es sich, daß manche Verhältnisse weniger günstig lagen, als es Cavour hatte scheinen wollen: die Unterhandlungen mit dem Papste zerschlugen sich, und es blieb zweifelhaft, ob er jemals ernstlich daran gedacht hatte, auf irgendeinen der Vorschläge der italienischen Regierung einzugehen. Dadurch wurde die einzige Möglichkeit hinfällig, auf friedlichem Wege in den Besitz Roms zu gelangen, und alle die mit dieser Frage verbundenen Schwierigkeiten drängten sich wieder vor. Auch Garibaldi änderte seine Haltung, indem er das Mandat der Stadt Neapel, die ihn zu ihrem Vertreter im Parlamente wählte, annahm. Er tat es, um für das Schicksal seines Heeres einzutreten, dessen Auflösung unzweifelhaft bevorstand, was ihn nicht nur wegen der dadurch bewiesenen Undankbarkeit und Ungerechtigkeit entrüstete, sondern als ein Zeichen, daß zunächst an die Befreiung Venedigs und Roms nicht gedacht werde; 311 nach seiner Meinung war es die dringendste Aufgabe der Regierung, das ganze Volk zu rüsten, damit der große Krieg zu Ende geführt würde.

Das Erscheinen Garibaldis in Turin rief Schrecken und Unruhe hervor; es wurde als Vorzeichen stürmischer Ereignisse aufgefaßt. In einer Zeitung las man die Erklärung Garibaldis, daß das Gerücht, er sei auf den Wunsch des Grafen Cavour gekommen, falsch sei; er wolle nicht leiden, daß jemand glauben könne, es sei etwas Gemeinsames zwischen ihm und dem Minister. Obwohl diese Gesinnung Cavour bekannt war, hatte doch Garibaldi es dem ihm so befreundeten und ergebenen Bertani nicht verziehen, daß derselbe im Parlament von einer möglichen und zu hoffenden Versöhnung des Generals mit dem Minister gesprochen hatte, verursachte ihm diese förmliche Ankündigung seiner Feindschaft dennoch eine peinliche Empfindung. Sein Wunsch wäre es gewesen. das Einvernehmen, das früher zwischen ihm und Garibaldi bestanden hatte, wiederherzustellen. Er mißtraute Garibaldis unbedingter Anhänglichkeit an das monarchische Programm nicht mehr und sah also keinen Grund mehr; ihm entgegenzuarbeiten; er traute sich zu, die Dinge so zu führen, daß Garibaldi einsähe, er dürfe die Vollendung Italiens ruhig abwartend ihm, Cavour, überlassen. Daß es seine Pflicht war, sich auf die Möglichkeit vorzubereiten, daß Garibaldi unselbständiger oder selbstsüchtiger gewesen wäre und gehandelt hätte, als er wirklich tat, hätte dieser nach seiner Ansicht begreifen müssen. Trotzdem mißfiel ihm die ungestüme Offenheit, mit der Garibaldi ihm seinen Haß ins Gesicht warf, nicht ganz; sie entsprang nicht der Heftigkeit eines zügellosen Temperaments, sondern dem Stolz eines Mächtigen, der nicht gewohnt ist, sich zu verbergen, und der will, daß sein Volk wisse, wen er liebt und haßt. Cavour dachte, daß, wenn 312 alle Menschen wären wie Garibaldi und die Welt ihm angemessen, das Recht ganz auf seiner, auf Garibaldis Seite wäre; da jedoch, was geschähe, das Ergebnis von Selbstsucht und blinder, persönlicher Leidenschaft sei, müsse einer regieren, der dies Getriebe durchschaue.

Im Parlament wurde während der ersten Sitzungen, bei denen Garibaldi nicht anwesend war, öfters von seinem bevorstehenden Auftreten gesprochen. »Das beste wäre,« sagte einer der Herren, »wir lösten uns auf wie die bourbonische Armee; denn er ist an solche Naturereignisse gewöhnt und erwartet sie vielleicht.« »Solange das Heilige Kardinalskollegium standhält, ziemt es auch uns, fest zu bleiben,« erwiderte Farini, würdevoll lächelnd. Es komme ihm vor, meinte Urbano Rattazzi, als erbleichten die herrschenden Götter, weil die Titanen unten sich in ihren Ketten rührten und die Erde erschütterten. »Ich denke,« entgegnete Cavour gemütlich, »wir sind sicher auf unsern Stühlen, wenn sie auch nicht von Gold sind und wir noch nicht lange darauf sitzen.« Cavour hatte Ursache, so zu sprechen; denn er hatte noch niemals das Parlament, das bei weitem zum größten Teile aus seinen Anhängern zusammengesetzt war, so unbedingt beherrscht. Selbst Garibaldis Freunde hätten es lieber gesehen, wenn er nicht gekommen wäre, da sie fanden, er passe nicht in Sitzungen, wo politische und persönliche Gegensätze in geordneter Form sich äußern sollten. Dennoch war Cavours Gemüt unruhiger, als er selbst gerechtfertigt fand und andre merken ließ. Eine öffentliche Auseinandersetzung mit Garibaldi, der den Schein wahren weder wollen noch können würde, war ihm in jedem Falle unangenehm, auch der Gedanke, daß er auf den Verlust Nizzas zu sprechen kommen könnte, hatte für ihn etwas Aufregendes. In der Hauptsache jedoch schob er seinen reizbaren Zustand auf eine 313 nervöse Verstimmung, die ihn schon seit mehreren Tagen quälte, und bemühte sich, darüber hinwegzukommen.

Garibaldi erschien zum ersten Male an dem Tage, als die Frage der südlichen Armee auf der Tagesordnung stand. Er trug das rote Hemd und den weißen Mantel, den er als Führer der Tausend getragen hatte, und schien damit herausfordernd an die Wundertaten seines Schwertes erinnern zu wollen. Cavour blickte mit komischer Bedenklichkeit an seinem schwarzen Rock herunter und fragte seinen Nachbar, ob er glaube, daß es nützen könne, wenn er seinen Pelz aus dem Vorzimmer hole und anlege; der antwortete, es würde umsonst sein, dagegen sei nicht aufzukommen. »Schreiben wir wieder 1848?« flüsterte ein Herr dem andern zu. Einige verbissen ein Lächeln, andre maßen Garibaldi mit einem kalten Blick. Er ging auf seinen Platz, ohne etwas davon zu bemerken; aber er hatte das Gefühl, feindliches Gebiet betreten zu haben, obwohl ihn lauter Beifall auf der Tribüne und auch in der Kammer empfing. Unwillkürlich suchten seine Augen den Grafen Cavour, dessen Gesicht den Ausdruck selbstzufriedener und wohlwollender Ruhe trug, der ihm eigentümlich war, und die unbestimmte Unlust, die in ihm war, verdichtete sich sofort zu bewußter Abneigung gegen den Minister. Wie er so dasaß, schien er ganz der gute Haushalter zu sein, der die Taten andrer in Münze umwandelte, damit wucherte und spekulierte und eine Schar von Dienern und Klienten an sich fesselte. Er dachte daran, wie er diesen Mann, den er für den berufenen Retter Italiens ansah, verehrt und bewundert, wie er sich ihm rückhaltlos hingegeben hatte mit einem Vertrauen, das jenem vielleicht lächerlich erschienen war. Insofern hatte er sich nicht geirrt, als Cavour ungemeine Klugheit, Tatkraft und Ausdauer wirklich besitzen mußte; wie hätte er sonst den König und das Parlament beherrschen 314 können? Aber es schien ihm etwas Teuflisches zu sein, wenn diese Eigenschaften in einem Menschen nicht mit Großherzigkeit und hohen Absichten verbunden waren, sondern nur der Herrschsucht dienten.

Er mußte sich sammeln, um den Worten des Barons Ricasoli folgen zu können, der als Präsident die Sitzung eröffnete; plötzlich jedoch wurde seine Aufmerksamkeit dadurch gefesselt, daß Ricasoli auf ihn selbst, ohne ihn übrigens mit Namen zu nennen, zu sprechen kam. Anknüpfend an einen Umstand, der den meisten bekannt war, daß nämlich Garibaldi sich verächtlich über die bestehende Regierung, König und Parlament geäußert haben sollte, weil sie lässig in der Befreiung Italiens wären, sagte er, daß er das Gerücht für eine Verleumdung halte, fügte aber wie einen Tadel oder eine Drohung hinzu, daß kein Bürger, habe er noch so viel für Italien getan, das Recht habe, sich über den König oder über andre gleichfalls verdiente Männer zu erheben. Dann spielte er darauf an, daß Italien durch das Zerwürfnis zwischen Cavour und Garibaldi feindlich gespalten sei, in einer Weise, als wäre die Schuld daran Garibaldi beizumessen. Schließlich forderte er den Kriegsminister Fanti auf, seine Mitteilungen und Vorschläge, die südliche Armee betreffend, vorzubringen.

Von dem nun folgenden langen und eintönigen Vortrage, in welchem Fanti begründete, warum er die Freiwilligen nicht in das reguläre Heer aufnehmen wollte, hörte Garibaldi nur den Schall: die Worte fielen wie Strahlen durch ein durchsichtiges Glas, das nicht spiegelt, unverstanden in sein Ohr. Er fühlte quälend die Gegenwart unzähliger Menschen, denen es eine Genugtuung war, daß einer es gewagt hatte, ihn öffentlich zu maßregeln und ihm einen bescheidenen Platz unter den übrigen Untertanen anzuweisen; zugleich kamen ihm eine Menge von Vorstellungen aus 315 seinem Leben, eine die andre drängend, fremdartig an diesem Ort, die sein Herz unerträglich voll machten. Er dachte an die Nächte, wo er mit sich gerungen hatte, ob er aufbrechen sollte, um mit Tausend ein Königreich zu erobern oder mit Tausend unterzugehen; er dachte an viele zertretene Fluren in Italien, die das Grab von Männern und Jünglingen waren, die er liebgehabt hatte, an die keiner mehr dachte, an den Herbstmorgen in Teano, als er Viktor Emanuel als König von Italien begrüßte, der ihn entließ wie einen begnadigten Missetäter, und daß er geschwiegen hatte; an den fernen Tag auf den rauschenden Höhen von Tivoli, wo er geschworen hatte, wiederzukehren und Rom zu befreien, und daß er darauf verzichtet hatte, damit der König es täte, der es nun nicht tat. Diese Gedanken rasten durch seine Brust wie Sturm, den man nachts aus tiefer Ferne kommen und näher und näher hört, und er hatte ein Gefühl, wie wenn die Mauern seines Herzens wankten.

Als die Reihe an ihn kam zu sprechen, faßte er sich gewaltsam und stand auf, um, im Einklang mit den Formen, die hier herrschten, der Aufgabe nachzukommen, die ihn hergeführt hatte. Er hatte mit Freunden, die besser als er in der Kunst parlamentarischer Rede und der Begründung des Gesagten durch Statuten und Gesetze bewandert waren, das, was er sagen wollte, ausgearbeitet, denn man hatte ihm gesagt, daß er nur auf diese Weise etwas erreichen würde. Man wollte wissen, daß Urbano Rattazzi, dem jeder gegen Cavour und sein Regiment gerichtete Angriff erwünscht war, dabei beteiligt gewesen sei. Die ersten Sätze las Garibaldi ruhig in unauffallender Weise; plötzlich indessen fiel ihm ein, daß er auf die Beschuldigungen, die gegen ihn erhoben worden waren, antworten wolle, nicht zwar auf die Verleumdung, daß er sich verächtlich über 316 König und Parlament geäußert habe, sondern auf das, was sein Verhältnis zu Cavour betraf, und er unterbrach sich selbst, um sofort dazu überzugehen. Cavour, sagte er, nicht er, habe den Zwiespalt in das neue Reich gebracht; Cavour habe den Grundsatz der Einheit Italiens nicht geachtet, indem er ein Stück davon abgerissen und verhandelt habe, er habe der Eroberung des Südens entgegengearbeitet, nicht mit seiner Hilfe, sondern gegen seinen Willen habe sich die Einigung Italiens vollzogen. Er richtete bei diesen Worten den Blick fest auf den Grafen, der seinerseits ihn ansah; die vielen Gesichter und Gestalten, die den Saal füllten und die ihn vorher belästigt hatten, rückten jetzt in ungewisse Ferne, und er fühlte sich allein dem Gehaßten gegenüber. Man bemerkte, daß die Papiere, von denen er anfangs abgelesen hatte, aus seinen Händen fielen und daß seine Stimme einen andern Klang annahm, und ein unwillkürliches Erschrecken ging durch die Versammlung. Es war, wie wenn ein entsprungener Löwe in das Haus gedrungen wäre, zunächst noch von der Gewohnheit des Käfigs beherrscht ohnmächtig dagestanden hätte, nun aber sich seiner Freiheit bewußt würde, drohend umblickte und die furchtbare Stimme triumphierend erhöbe. »Damals,« sagte er, »vor zwei Jahren, als meine Freiwilligen fast ohne Kleider und Waffen in den Krieg geschickt wurden, habe ich an das Vaterland gedacht und geschwiegen. Ich habe geschwiegen, als die Kreaturen des Ministers schlimmer als je die Karbonari und das Junge Italien konspirierten, damit Neapel nicht in meine Hände fiele. Ich habe geschwiegen, als im Namen des Königs gefertigte Manifeste mich vor aller Welt als Rebellen brandmarkten, und alle Bitterkeit mein eignes Herz verzehren lassen. Nicht um den Jünglingen zu danken, die ihr Leben für Italien einsetzten, als niemand es wagte, mischte 317 sich der Minister in die große Begebenheit, sondern um ihnen Steine auf den Weg zu werfen und den verdienten Lohn zu entwinden. Dennoch, wenn er mit erheuchelter Wärme sich mir näherte, während er mich insgeheim bekämpfte, bin ich nicht ausgewichen, obwohl es mir graute, die Hand zu fassen, welche die Freiheit Italiens dem Tyrannen von Frankreich auslieferte und sich nicht gescheut hätte, den Bürgerkrieg zu entfesseln, um einen Napoleon nicht zu erzürnen!« Bei diesen Worten brach der Schrecken, der sich der Versammlung bemächtigt hatte, laut hervor. Die meisten Herren hatten einen derartigen Ausbruch an dieser Stelle so wenig für möglich gehalten, daß das bloße Erstaunen sie eine Weile gelähmt hatte. Sie sahen Cavour erbleichen und seine Miene sich schrecklich verändern und hatten das Gefühl, als müßten sie ihm beispringen und seinen Gegner gewaltsam zum Schweigen bringen; auch die Freunde Garibaldis waren in peinlicher Verlegenheit und wünschten, er möge sich mäßigen. Indessen hielt er seinen Feind mit den durchbohrenden Augen fest und wiederholte lauter, da die Hälfte des letzten Satzes durch den Sturm des Unwillens, der laut wurde, übertönt worden war: ». . . sich nicht gescheut hätte, den Bruderkrieg zu entfesseln, um einen Napoleon nicht zu erzürnen!« Seine herrliche Stimme durchbrach das Getöse und machte Raum für die Anklage; es schien sie ein Blitz mit unvertilgbarer Feuerschrift leserlich auf die Mauern geschleudert zu haben. Die Versammlung löste sich auf, alles drängte sich zu Cavour, um ihm Teilnahme und Verehrung zu bezeugen. Cavour wäre in diesem Augenblick lieber unbehelligt, am liebsten allein mit Garibaldi geblieben, aber er bemühte sich, gefaßt und verbindlich auf die Beflissenen einzugehen. Als die Ruhe wiederhergestellt war, vollendete Garibaldi seine Rede, in der er anstatt Entlassung der 318 Freiwilligen Bewaffnung des ganzen Volkes forderte; dann erwiderte Cavour. Er sagte, daß er den Schmerz Garibaldis um Nizza begriffe, da er ihn an seinem eignen messen könne, daß es eben der Verzicht auf Nizza sei, das Opfer, das er dem ganzen Italien gebracht habe, das Garibaldi von ihm getrennt, ihn blind und ungerecht gegen ihn, Cavour, gemacht habe. Dann erinnerte er daran, daß er es gewesen sei, der im Jahre 1859 Garibaldi gerufen und an die Spitze der Freiwilligen gestellt habe, trotzdem es ihm von vielen Seiten verdacht und vorgeworfen sei; denn er habe die außerordentlichen Gaben des Generals erkannt und nicht an seiner Vaterlandsliebe gezweifelt. Obwohl er mit Selbstbeherrschung sprach, konnte man spüren, daß er im Innersten erschüttert war und den Inhalt seiner Rede nicht wie sonst bemeisterte. Seine Anhänger waren insofern enttäuscht, als sie etwas Schärferes erwartet hatten, und daß Garibaldi ordentlich heimgeleuchtet würde; immerhin hatte man den Eindruck, daß er durch die vornehm gemäßigte Erwiderung den Sieg über seinen Angreifer davongetragen habe. Da indessen die unheilvolle Stimmung durch die Worte des Ministers nicht aufgehoben war, niemand aber den Mut einzugreifen und die Fortsetzung des Kampfes zu verhüten zu haben schien, erhob sich Nino Bixio und beschwor Garibaldi zurückzunehmen, Cavour zu vergessen, damit der Welt nicht das Schauspiel gegeben würde, daß die beiden Männer, die am meisten für die Befreiung Italiens getan hätten, sich befehdeten und das kaum befreite Italien nicht durch innere Kämpfe von neuem zerrissen würde; beide, Garibaldi und Cavour, wären zu groß, um nicht auch des Gegners Wert zu erkennen und anzuerkennen. Die Worte des berühmten Soldatenführers, mehr ein leidenschaftliches Stammeln als eine Rede, ergriffen die Zuhörer, auch diejenigen, die dem Gefühl 319 in parlamentarischen Verhandlungen nicht gerne Geltung einräumten, wurden von dem starken, aus einem warmen, übervollen Herzen über jedes Bedenken hin sich ergießenden Strome gerührt und hingerissen. Cavour erklärte sich sogleich bereit, die gegen ihn gerichteten Angriffe zu vergessen, Garibaldi allein verriet keine Bewegung. Er sprach nochmals zur Sache der südlichen Armee in maßvollem Tone, ohne sich aber einer versöhnlichen oder nur einlenkenden Wendung zu bedienen; sein Blick war düster und voll Verachtung.

Inmitten einer Schar von Anhängern, die ihn wegen des davongetragenen Sieges beglückwünschten, verließ Cavour den Saal. Man beklagte in Worten, die etwas Hämisches hatten, daß ein in vieler Hinsicht so hervorragender Mann wie Garibaldi ein so unbezähmbares Temperament und eine so mangelhafte Bildung habe und daß er, trotzdem er den parlamentarischen Formen nicht gewachsen sei, den Mißgriff begangen habe, im Parlament auftreten und dort eine Rolle spielen zu wollen. Einige berieten, ob es nicht angezeigt sei, dem Uebermütigen, der noch immer den Diktator spielen wolle, in einem offenen Briefe zu sagen, daß er die Achtung seiner Mitbürger, in der er sonst so hoch gestanden sei, durch seine Ueberhebung verscherzt habe. Cavour beeilte sich nach Hause zu kommen, um allein zu sein; das Gespräch mit den Menschen, die sich seine Freunde nannten, war ihm mühsam und widerwärtig. Es reizte ihn, daß Leute, deren er sich bei seinen Unternehmungen bedient hatte, die blindlings ausgeführt hatten, was er getan haben wollte, sich einbildeten, ihm mehr als ihre Brauchbarkeit zu gelten; es müsse geistige Instrumente geben, dachte er, die man wie andres Handwerkszeug, wenn man genug damit hantiert hatte, beiseite legte, um es nicht mehr anzurühren. Die 320 Vorstellung peinigte ihn, daß Garibaldi ihm nachsähe und ihn von dem Pöbel, der ihn umgab, nicht unterscheiden könne. Er hätte ihnen gern zu verstehen gegeben, daß ihre überflüssigen Gesichter vor dem Löwenhaupte des Einzigen erloschen, der, wo er auch war, allein war in einem ungeheuern Raume, den seine Seele beherrschte.

Er atmete auf, als er in seinem Arbeitszimmer allein war und ungestört das häßliche Erlebnis in sich klären konnte. Daß der Vorfall ihm zum Siege geworden war, fand er so gut wie seine Anhänger, ja, er sagte sich, wenn es ihm darauf ankäme, sich Garibaldi überlegen zu fühlen, so müsse er vollkommen mit sich zufrieden sein; anstatt dessen war sein Gleichgewicht mehr als jemals erschüttert gewesen. Kränkte es ihn so sehr, daß Garibaldi ihn mißverstand und unterschätzte? Daß er ihn vielleicht niemals würde zwingen können, ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, so wie er, Cavour, ihm tat? Er war in dieser Zeit erschienen wie ein Geist der Vorzeit, dessen übermenschlicher Wuchs und heldenhaftes Schreiten mit den Maßen der verfeinerten Gegenwart nicht in Einklang zu bringen war und das kunstvoll verschlungene Triebwerk ihrer Verhältnisse zerreißen mußte. Er ging mit Groll und ohne Verständnis durch die entfremdete Welt, in der er unrecht hatte, und die doch den Aethergeruch der Ewigkeit um ihn her spürte und schauderte oder taumelte, wenn er vorüberging. Es verlangte ihn, ihm zu sagen, daß er ihn kenne und würdige und daß die Wärme, die er ihm oft entgegengebracht hätte, nicht erheuchelt gewesen sei; daß, wenn er, Garibaldi, die Welt kennte wie er selbst, er wissen würde, daß man die Formen des Lebens für die Schwäche der Menschen nicht für die Güte und Größe berechnen müsse. Bei reiflichem Nachdenken jedoch verwarf er solche Antriebe. Er überlegte sich, daß 321 er Mittel habe, Garibaldi durch Taten zur Anerkennung zu zwingen, wenn es ihm nämlich gelänge, Rom und Venedig für Italien zu gewinnen. Der Gedanke an diese Möglichkeit erfrischte ihn, er fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen, während sein Geist sich mit allerlei schon gefaßten Entwürfen beschäftigte. Es würde so schnell nicht gehen, wie Garibaldis Ungestüm forderte, daß er es aber einmal erreichen würde, daran zweifelte er nicht. Sein Selbstgefühl wuchs, indem er mit seinen weitausgreifenden Plänen umging: die Zukunft war sein, die wollte er ausnützen und sich von niemand, wer es auch sei, die Netze zerreißen lassen. Dahin mußte er es bringen, daß Garibaldi ihm vertraute und nicht ohne ihn handelte; denn das hielt er jetzt für die größte Gefahr, daß der Ungeduldige durch einen auf eigne Hand unternommenen Gewaltstreich Krieg mit Frankreich oder Oesterreich herbeiführte. Würde Garibaldi auch nicht aufhören ihn zu hassen, so würde er sich doch versöhnen lassen, um den für Italiens Geschick verhängnisvollen Zwiespalt aufzuheben, und in der Einsicht, daß kein andrer da wäre, ihn als Minister zu ersetzen. Er traute sich zu, ihm beizubringen, daß es ihm mit der Gewinnung Roms und Venedigs Ernst sei; so würde er den Löwen in Güte fesseln und unschädlich machen.

Bald hatte Cavour seine Ruhe und Zuversicht wiedergefunden; allein, ohne daß ein Anlaß dazu vorgelegen hätte, wiederholten sich Anfälle von Müdigkeit und Niedergeschlagenheit. Er hatte Stunden, wo er sich einsam fühlte; dann sagte er sich, der König habe ihn nie geliebt, die Verdammung des Papstes habe doch, wie man auch über das Mittelalter lächelte, auf viele gerade unter seinen Standesgenossen Eindruck gemacht, so daß sie, schon früher seine Richtung mißbilligend, aus Freunden seine Feinde geworden wären. 322

Freilich war er des Beifalls des gebildeten und freisinnigen Standes sicher, aber was lag überhaupt an Beifall und vollends am Beifall solcher, deren Interessen er vertreten und gefördert hatte? Er hatte oft mit Genugtuung daran gedacht, daß es zum großen Teil ihm zu verdanken sei, wenn Piemont, und damit sei wohl nun Italien gesagt, künftig in den Verkehr der andern europäischen Kulturstaaten wetteifernd eintreten könne, und er hatte sich gesagt, daß ein Mann, der in die allgemeinen Begebenheiten einzugreifen vermöchte, nichts Dankenswerteres tun könne, als Formen zu schaffen, in denen das Leben sich seinem veränderlichen Gehalte gemäß entfalten könne; aber nun hatte er Augenblicke, wo ihm alles zweifelhaft war, ob er das getan hätte, und ob es die Arbeit eines Lebens wert sei. Indessen schob er solche ihm ungewöhnlichen Traurigkeiten auf die Abspannung nach vorangegangener Erregung und überwand sie glücklich, indem er sich mit Eifer an die großen, ihm obliegenden Aufgaben machte.

Inzwischen hatte der General Cialdini einen Brief an Garibaldi verfaßt und veröffentlicht, in welchem er, gewissermaßen als Vertreter des Heeres, ihm die Verehrung, die er bisher für ihn empfunden, aufkündigte, da er ihn als derselben unwert erkannt habe. Garibaldi, hieß es da, wolle in seiner Selbstüberhebung mehr als der König, mehr als die Minister, mehr als das Parlament und die parlamentarischen Gebräuche sein, da er in einem theatralischen Aufzuge daselbst erschiene, mehr als das ganze Volk, das er treiben wolle, wohin es ihm beliebe. Er habe Italien nicht allein befreit, am Volturno würde er ohne die piemontesische Armee besiegt worden sein. Ferner habe er gesagt, daß er die Piemontesen mit Flintenschüssen empfangen wolle, aber er, Cialdini, sei ein Feind jeder Art von Tyrannei und würde 323 auch die Garibaldis zu bekämpfen wissen. Durch die Unverschämtheit und Geschmacklosigkeit dieses Briefes, der gleichsam um ihn zu rächen geschrieben war, fühlte sich Cavour auf das peinlichste bloßgestellt, und es war ihm zweifelhaft, ob Garibaldi nach solcher Beschimpfung noch zur Versöhnung bereit sein würde. Indessen begnügte sich Garibaldi damit, die Herausforderung, die seinen Gleichmut nicht sonderlich störte, mit wenigen zurechtweisenden Worten zu erwidern und dadurch zu erledigen. Auf den Wunsch des Königs erklärte er sich bereit, dem Grafen bei einer Begegnung in Viktor Emanuels Gegenwart die Hand zur Versöhnung zu reichen, wobei er allerdings durch seine Miene und sein Betragen merken ließ, daß sein Herz nichts davon wisse.

Um so mehr überraschte den Minister ein Brief Garibaldis, der ein gewisses Zutrauen ausdrückte und die Möglichkeit eines gemeinsamen Handelns in der Zukunft hoffen ließ. Cavour, der es darauf abgelegt hatte, Garibaldi dahin zu bringen, daß er sich seiner Politik einordnete, las ihn mit Genugtuung; da es undenkbar war, daß der General sein Gefühl gegen ihn so schnell sollte geändert haben, erklärte er sich den entgegenkommenden Schritt dadurch, daß seine nachdrücklich eingeleiteten Unterhandlungen mit dem päpstlichen Stuhl und dem Kaiser von Frankreich ihn befriedigten und überzeugten, daß Cavour mit der Erwerbung Roms nunmehr Ernst machen wolle. Wenn es ihm gelänge, Rom und Venedig zu befreien, würde Garibaldi vermutlich der erste sein, ihn als größten Mann und Wohltäter Italiens zu feiern. Je länger Cavour darüber nachdachte, desto mehr schien ihm in diesem Ausschalten der persönlichen Empfindung und Beziehung ein unsägliches Verachten zu liegen; denn mit derselben Art von Anerkennung hätte Garibaldi den verworfensten Menschen behandelt, 324 wenn derselbe etwas für Italien hätte tun können. Es fiel ihm ein, daß er hatte erzählen hören, wie Garibaldi im Jahre 1849 eine Schar gewalttätiger Frevler, Mörder und Brandstifter, die die republikanische Regierung ins Gefängnis führen wollte, eigenmächtig befreit hatte, weil er fand, daß die starken, verwegenen Männer bei der Verteidigung Roms gute Dienste tun könnten. Man müsse annehmen, dachte er lächelnd, daß er für diese sogar ein weit sympathischeres Gefühl gehabt habe als für ihn, da er die schöngewachsenen, heißblütigen Geschöpfe der Romagna liebte, während er Männern, die mit der Brille, der Feder und diplomatischen Subtilitäten arbeiteten, leicht mißtraute. Man sagte, daß er auch Mazzini nicht liebe; hatte er überhaupt einen Freund, den er seiner selbst wegen schätzte, einen, den er schätzen würde, wenn er sich um Italien nicht kümmerte? Dennoch regierte seine Stimme die Herzen, und nach seinem Lächeln begierig weihten sich Legionen dem Tode.

Immerhin war das Zugeständnis Garibaldis, daß er ohne ihn Italien nicht machen könne und daß er jetzt ihm die Vorhand lassen wolle, eine Befriedigung. Auch wollte er sich dies Vorrecht, zu handeln, von keinem, sei er König oder Rebell, nehmen lassen. Er wollte kein Reich für Helden und Halbgötter, Schwärmer und Abenteurer, sondern für Bürger in schwarzem Gehrock und gebügeltem Kragen, die zu höflich, zu geschmackvoll und reinlich wären, um Verbrechen zu begehen; das würde nüchtern, aber nützlich sein, und mit entsprechenden Mitteln wollte er es begründen. Mitten im Schwung verheißungsvoller Arbeit ergriff ihn eine Krankheit, der er nach kurzer Zeit erlag. Es war eine Entzündung des Gehirns, das in den Stunden hohen Fiebers in gesteigerter Weise an den Gegenständen fortarbeitete, die es zuletzt 325 beschäftigt hatten. Damals fingen an Klagen aus dem Süden über das neue Regiment einzulaufen, aus Sizilien namentlich wegen der Härte, mit der diejenigen bestraft wurden, die sich dem Militärdienst zu entziehen suchten, aus Neapel wegen der Grausamkeit, der sich piemontesische Soldaten gegen die Räuber und ihre wirklichen oder vermeintlichen Helfer schuldig machten, welche, da sie der Ausfluß systematischer Strenge und eingewurzelter Abneigung des nördlichen Stammes war, über die berüchtigte Roheit der Bourbonen hinauszugehen schien. Schon drohten Aufstandsversuche und Abfall; trotzdem mahnte Garibaldi vergeblich, sich Verständnis für den Charakter der Südländer und Einsicht in ihre noch auf niedriger Stufe befindlichen Kulturverhältnisse anzueignen. An diese Dinge dachte Cavour auf dem Sterbebette und sagte mehrmals erregter und eindringlicher, als er gesund zu tun pflegte, man solle auf Garibaldi hören und Nachsicht üben. Sein letztes Wort, das er angstvoll und beschwörend ausrief, offenbar vom Gefühl des Scheidenmüssens in so schwankend schwerer Zeit gepeinigt, war Italien.

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