Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Rodrigues Ottolengui >

Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 9
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
Schließen

Navigation:

Achtes Kapitel.
Lucette.

Zwei Tage nach diesem Vorfall teilte Miß Remsens Mädchen seiner Herrin mit, es habe soeben Nachricht erhalten, daß seine Mutter schwer erkrankt sei und es sobald als möglich nach Hause kommen solle; seine Cousine Lucette könne es während seiner Abwesenheit vertreten. Auf die Frage, ob diese Cousine auch dazu befähigt sei, antwortete das Mädchen, Lucette sei sehr tüchtig und ganz besonders geschickt im Frisieren, das sie bei einem französischen Haarkünstler gelernt habe.

Miß Remsen gab ihre Einwilligung, und Lucette trat am Nachmittag ihren Dienst an. Emily war angenehm überrascht, denn sie hatte eine geschwätzige, aufdringliche, schnippisch-kokette Person erwartet, wie das französische Kammerzofen in der Regel sind, und fand statt dessen ein ruhiges, bescheidenes Mädchen, das mit seinen Pflichten vollkommen vertraut war. Auch Dora war so entzückt von der Zofe, daß sie ihrer Schwester gegenüber die Absicht äußerte, Lucette nach Rückkehr des beurlaubten Mädchens in ihren eigenen Dienst zu nehmen.

»O ja,« entgegnete Emily auf diesen Vorschlag, »Lucette ist sehr gewandt, aber laß sie nur nicht merken, daß wir so zufrieden mit ihr sind, das könnte sie nachlässig machen. – Nun sag mir mal, liebe Dora, wer kommt denn diesen Nachmittag?«

»Nun, wahrscheinlich die gewöhnlichen Leute: wir werden wieder ein Gedränge haben.«

»Die gewöhnlichen Leute? Einschließlich Mr. Randolphs?«

»Königin, Mr. Randolph ist mir ein Rätsel. Hör nur einmal. Zunächst ist er über eine Woche nicht hier gewesen, und dann bin ich ihm gestern in der fünften Avenue begegnet, doch – es ist kaum zu glauben – gerade, als er auf Grußweite gekommen war, bog er in eine Nebengasse ein.«

»Er hat dich gewiß nicht gesehen, Liebchen, sonst hätte er dich sicher angesprochen: denn er würde sich nur zu sehr über die Gelegenheit gefreut haben.«

»Nun, wenn er mich nicht gesehen hat, dann muß er plötzlich kurzsichtig geworden sein, weiter sage ich nichts.«

Bald darauf begannen die Gäste einzutreffen, und es dauerte nicht lange, so herrschte wirklich ein Gedränge in den Räumen. Dora war von einer Anzahl von Bewunderern belagert und machte sich das boshafte Vergnügen, Randolph auszuweichen, der sich bemühte, sie in die Abgeschlossenheit einer ruhigen Ecke zu locken, ein Bestreben, das die junge Dame zu durchkreuzen verstand, ohne daß man die Absicht merkte. Auch Thauret war anwesend, blieb aber nicht lange. Nachdem er eine Zeit lang mit Emily über gleichgültige Dinge geplaudert hatte, wußte er sich an Doras Seite zu drängen, wo er länger verweilte. Er sagte ihr einige Schmeicheleien, wie sie sie auch schon von andern Herrn gehört hatte, aber in einem Tone, der anzudeuten schien, daß ihm seine Worte wirklich aus dem Herzen kämen, und der nicht verfehlte, auf ein so wenig erfahrenes Mädchen wie Dora einen gewissen Eindruck zu machen. Nachdem er gegangen war, fand Randolph endlich den lange gesuchten Platz an Doras Seite.

»Miß Dora,« begann er sogleich, »wie können Sie einem so erbärmlichen Menschen gestatten, Ihnen den Hof zu machen?«

»Sprechen Sie von meinem Freund, Mr. Thauret?« Sie legte besonderen Nachdruck auf das Wort Freund, nur um Randolph zu reizen, und das gelang ihr ausgezeichnet.

»Der ist nicht Ihr Freund; er ist überhaupt nur sein eigener Freund.«

»Dieser Gedanke zeichnet sich nicht gerade durch seine Neuheit aus, denn das sagt man von vielen Leuten.«

»In allem Ernst, Miß Dora, Sie dürfen diesem Menschen nicht gestatten, sich in Ihre Kreise einzudrängen, und noch weniger ihm erlauben, Ihnen den Hof zu machen.«

»Sie setzen mich wirklich in Erstaunen, Mr. Randolph, denn ich hatte bis jetzt keine Ahnung, daß Mr. Thauret mir den Hof mache. Ich könnte alles wiederholen, was er mir gesagt hat, und es würde Ihre Annahme schwerlich bestätigen.«

»Das ist ja eben seine Schlauheit; er ist viel zu durchtrieben, so früh schon deutlich zu sprechen.« Der kluge junge Mann glaubte andre durchschaut zu haben, war aber nicht klug genug, einzusehen, daß er seine eigene Sache bei Dora schwer schädigte, indem er ihr Dinge in den Kopf setzte, woran sie noch gar nicht gedacht hatte.

»Mr. Randolph, Sie werden wirklich komisch. Wie Don Quixote kämpfen Sie gegen Windmühlen, bilden sich etwas ein und warnen mich. Das ist ganz überflüssig, ich versichere Sie. Mr. Thauret hat nichts von dem gethan, was Sie vermuten.«

»Hoffentlich sind Sie mir nicht böse, denn Sie wissen, was mich veranlaßt hat, so zu sprechen.«

»Nein, ich fürchte, ich bin nicht klug genug, andrer Leute Beweggründe zu erraten.«

»Aber Sie müssen doch gemerkt haben –«

»Was soll ich gemerkt haben?« Dora sah ihn offen an, wodurch er verwirrt wurde. Jetzt war für ihn die Gelegenheit gekommen, sich zu erklären, und er hätte sie vielleicht auch benützt, wenn nicht in diesem Augenblick Mitchel eingetreten wäre. Als er ihn erblickte, fiel Randolph die peinliche Stellung ein, worein er geraten müsse, wenn es sich herausstellte, daß sein Freund ein Verbrecher sei. Deshalb zögerte er und verpaßte eine Gelegenheit, die für lange Zeit nicht wiederkehren sollte. Er antwortete mit einem Scherz und verließ bald darauf das Haus.

Die Gäste waren gegangen, Dora hatte sich nach ihrem Zimmer begeben und Mitchel und Emily allein gelassen.

»Emily, meine Königin,« sprach Mitchel, zärtlich ihre Hand ergreifend und sie neben sich auf ein Sofa ziehend, »ich glaube beinahe zu träumen, wenn ich denke, daß du mich liebst.«

»Warum, Roy?«

»Hör mich an, mein Lieb, ich bin heute in einer seltsamen Stimmung und möchte mich mit dir aussprechen. Darf ich?«

Sie beantwortete die Frage mit einer liebkosenden Bewegung ihrer freien Hand und einer zustimmenden Neigung des Kopfes.

»Dann höre mein Bekenntnis. Ich bin anders als die meisten Männer, ebenso wie ich dich für anders als die meisten Frauen halte. Viele habe ich in allen Hauptstädten Europas und hier in meinem Vaterlande kennen gelernt, aber keine hat je die Empfindung in mir hervorgerufen, die mich erfüllte, als ich dich sah. Gleich beim ersten Zusammentreffen habe ich dich zu meinem Weibe erkoren. Bin ich zu anmaßend gewesen?«

»Nein, mein Roy, das warst du nicht. Ebenso wie dir sagte auch mir beim ersten Zusammentreffen eine innere Stimme: ›Das ist dein Herr.‹«

»Gott segne dich, meine Emily – aber laß mich fortfahren. Ich habe dich zu meinem Weib erwählt, und der Himmel sei mein Zeuge, ich werde dich nie in der geringsten Kleinigkeit täuschen, aber – und das ist eine schwere Prüfung, die deine Liebe bestehen muß – ich kann zuzeiten gezwungen sein, dich über manche Dinge in Unkenntnis zu lassen. Glaubst du mich genug zu lieben, um überzeugt zu sein, daß ich, wenn dieser Fall eintritt, nur aus Liebe zu dir vor dir etwas geheim halte?«

»Roy, vielleicht ist es Selbstüberhebung, aber wenn es das auch ist, will ich doch aussprechen, was ich denke. Eine schwächere Liebe, als die meine, würde sagen: ›Ich traue dir, aber meine Liebe zu dir ist so groß, daß du nicht zu zögern brauchst, mich dein Geheimnis teilen zu lassen.‹ Ich dagegen antworte dir, daß ich dir rückhaltslos vertraue und zufrieden bin mit dem, was du beschließest, ob du mir deine Geheimnisse anvertrauen willst oder nicht.«

»Ich wußte, daß du so sprechen würdest, und wäre enttäuscht gewesen, wenn du weniger gesagt hättest. So will ich dir denn gleich mitteilen, daß es ein Geheimnis in meinem Leben gibt, das ich mit niemand geteilt habe und auch dir nicht anvertrauen kann. Bist du immer noch zufrieden?«

»Zweifelst du daran? Glaubst du, ich würde dir etwas versichern, nur um schwach zu werden, wenn du mich beim Worte nimmst?«

»Nein, meine Königin, aber es ist viel verlangt, wenn ein Mann ein Weib bittet, seine Lebensgefährtin zu werden, während er gleichzeitig bekennt, er habe ein Geheimnis, das er ihr nicht mitteilen könne, besonders wenn es Leute gibt, die glauben, er habe etwas zu verbergen, was ihm Schande oder Schlimmeres bringen könne.«

»Niemand wird wagen, dich falsch zu beurteilen.«

»Da bist du doch im Irrtum. Wie, wenn ich dir nun sagte, daß mich ein Detektiv Tag und Nacht bewacht?«

»O, das würde mich nicht im geringsten erschrecken: du hast mir ja alles mit der Wette erklärt. Hat Mr. Barnes ein Auge aus dich? Ist es das?«

»Ja, aber er thut es auch zum Teil, weil er glaubt, ich hätte etwas mit dem Morde zu thun, und da hat er in gewisser Weise recht.«

»Du meinst, daß du die Ermordete gekannt hast?«

»Ja.« Mitchel schwieg, weil er sehen wollte, ob sie nach diesem Zugeständnis noch weitere Fragen stellen werde, allein sie hatte in vollem Ernst gesprochen, als sie gesagt hatte, sie vertraue ihm rückhaltlos. »Natürlich möchte Barnes gern mehr in Erfahrung bringen,« fuhr Mitchel fort, »aber ich habe gewichtige Gründe, daß das nicht geschehen soll, und dabei kannst du mir helfen.«

»Das will ich gern thun.«

»Du weißt noch nicht, was ich wünsche.«

»Das ist mir auch einerlei; ich werde thun, was du verlangst.«

»Du bist meiner Liebe würdig.« Er zog sie sanft an sich und küßte sie leise auf die Lippen. »Ich sage das nicht in Selbstüberhebung, denn ich liebe dich so innig, wie nur ein Mann lieben kann. Hätte ich dich meiner Liebe unwürdig gefunden, dann wäre es mit ihr auf ewig aus.«

»Du darfst mir vertrauen, Roy.« Ihre Worte waren einfach, aber es lag eine leidenschaftliche Wahrheit in dem Tone, worin sie gesprochen wurden.

»Dann will ich dir sofort sagen, was ich wünsche, denn es muß bald geschehen. Du mußt bereit sein – wer ist das?«

Mitchel sprach diese Worte in einem scharfen Tone, erhob sich und trat einen Schritt vor. Das Zimmer war nur schwach erleuchtet, denn Emily konnte ein grelles Licht nicht leiden, und am andern Ende des Zimmers stand jemand, der Mitchels Aufmerksamkeit erregt hatte. Es war Lucette.

»Ihre Frau Mutter schickt mich,« sprach diese sofort, »und läßt fragen, ob Sie nicht zum Abendessen herüberkommen wollten.«

»Wir werden im Augenblick erscheinen,« erwiderte Emily, und Lucette verließ das Zimmer.

»Was war das für ein Mädchen?« fragte Mitchel, und Emily erklärte ihm, wie die Zofe ins Haus gekommen sei.

»Sie scheint ein ruhiges, verständiges Mädchen zu sein,« sprach Mitchel lauter, als nötig war, »etwas zu ruhig, denn sie hat mich erschreckt, als sie hereinkam. Wollen wir hinübergehen? Was ich dir zu sagen habe, hat noch Zeit; es ist etwas, was ich dich übermorgen für mich zu thun bitten will.«

Nach dem Abendessen führte Mitchel die beiden Schwestern und ihre Mutter ins Theater, und da sie Hin- und Rückweg zu Fuße zurücklegten, hatte er Gelegenheit genug, seiner Braut auseinanderzusetzen, was er von ihr wünschte.

»Du wirst mich also ein paar Tage nicht sehen,« sprach er, als er sich an der Hausthür von ihr trennte, »bleib mir hübsch gesund solange.«

Lucette, die die Hausthür geöffnet und diese Worte gehört hatte, war demnach nicht wenig erstaunt, Mitchel am andern Tage um zehn Uhr eintreten zu sehen; noch überraschter aber war sie, als ihre Herrin ihr verkündete, sie werde ausgehen, und am rätselhaftesten war es ihr, daß Emily das Haus allein verließ und Mitchel im Wohnzimmer zurückblieb. Dieser Umstand schien ihr zu denken zu geben, und als sie endlich mit sich ins reine gekommen war, bereitete sie sich selbst zu einem Ausgang vor. Als sie über den Gang ging, öffnete sich indessen plötzlich die Thür des Wohnzimmers, und Mitchel stand vor ihr.

»Wohin wollen Sie, Lucette?«

»Ich habe eine Besorgung zu machen,« antwortete das Mädchen mit einem leisen Beben der Stimme.

»Kommen Sie erst einmal hier herein, ich habe mit Ihnen zu reden.« Sie fühlte sich gezwungen, zu gehorchen, und trat ins Zimmer. Mitchel folgte ihr, verschloß die Thür und steckte den Schlüssel in die Tasche.

»Was soll das heißen?« fragte Lucette ärgerlich.

»Sie vergessen sich, Lucette, Sie sind Dienerin, und gute Dienerinnen stellen nie unverschämte Fragen. Ich will Ihnen aber doch antworten. Ich habe abgeschlossen, weil ich nicht wünsche, daß Sie dieses Zimmer verlassen.«

»Ich will aber nicht mit Ihnen hier eingeschlossen bleiben; ich bin ein ehrbares Mädchen.«

»Daran zweifelt kein Mensch, und Sie brauchen gar keine Angst zu haben; ich werde Ihnen in keiner Weise zu nahe treten.«

»Warum haben Sie mich hierhergebracht?«

»Einfach um Sie hier zu behalten – nun, sagen wir bis zwölf Uhr, das heißt also etwa zwei Stunden. Sie haben doch nichts dagegen?«

»Sehr viel. Ich will nicht zwei Stunden hier mit Ihnen allein bleiben.«

»Das ist lustig. Wie wollen Sie denn fortkommen?«

Lucette biß sich auf die Lippen, sagte aber nichts, denn sie sah ein, daß sie sich fügen mußte. Natürlich hätte sie schreien können; Mrs. Remsen und Dora waren jedoch noch vor Emily ausgegangen, und sie und Mr. Mitchel befanden sich ganz allein in der Wohnung. Aber sie hätte die Aufmerksamkeit des Hausverwalters oder Vorübergehender erregen können, und als ihr dieser Gedanke kam, richteten sich ihre Blicke aufs Fenster. Mitchel erriet sofort, was sie im Sinne hatte.

»Versuchen Sie nur nicht zu schreien, Lucette,« sagte er, »denn sonst wäre ich gezwungen, Sie zu knebeln, und das soll für zwei Stunden sehr unbequem sein.«

»Wollen Sie mir sagen, warum Sie mich hier festhalten?« fragte Lucette nach einer Pause.

»Ich glaubte, ich hätte Ihnen das schon gesagt: ich wünsche nicht, daß Sie Ihre kleine Besorgung machen.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»O ja, Sie verstehen mich sehr wohl; so dumm sind Sie nicht. Nun, mein Fräulein, fügen Sie sich ins Unvermeidliche und machen Sie sich's bis zwölf Uhr bequem. Wenn Sie lesen wollen, so ist hier eine Zeitung. Es steht ein interessanter Bericht über den Mord darin. Sie wissen doch, die Dame, die hier im Hause ermordet worden ist. Haben Sie die Sache verfolgt?«

»Nein,« erwiderte sie kurz.

»Sonderbar. Sie sehen gerade so aus, als ob Sie großes Interesse für solche Dinge hätten.«

»Nein, das habe ich gar nicht.«

Während der nächsten zwei Stunden wurde kein Wort mehr zwischen den beiden gewechselt. Mitchel saß einfach in seinem großen Sorgenstuhle und beobachtete das Mädchen mit einem Lächeln, das Lucette zur Wut reizte so, daß sie es vorzog, die gegenüberliegende Wand anzustarren. Endlich schlug es zwölf, und augenblicklich sprang das Mädchen auf die Füße.

»Darf ich jetzt gehen?«

»Ja, Lucette, jetzt können Sie gehen – und Ihre Besorgung machen – das heißt, wenn es dazu nicht zu spät ist, und, nebenbei, Lucette, Miß Remsen hat mich beauftragt, Ihnen zu sagen, daß sie Ihrer Dienste nicht mehr bedürfe.«

»Soll das heißen, daß ich entlassen bin?«

»Das nicht gerade. Ich habe nur gesagt, sie bedürfe Ihrer nicht mehr. Sehen Sie, Miß Remsen meint, Sie träten etwas zu geräuschlos ins Zimmer. Sie erschrickt, wenn sie plötzlich sieht, daß Sie anwesend sind, ohne daß sie Ihr Eintreten gehört hat.«

»Sie sind ein Teufel!« erwiderte Lucette wütend, als sie aus der Thür schoß, die Mitchel inzwischen geöffnet hatte.

»Ich hatte recht,« dachte er und sah ihr lächelnd nach.

Lucette verließ das Haus und eilte auf das nächste Telegraphenamt, wo sie einige Zeilen schrieb und durch einen Laufjungen abschickte. Sodann begab sie sich nach Madison Square und wartete dort in der schlechtesten Laune. Endlich sah sie Barnes kommen und eilte ihm entgegen.

»Nun, was gibt's?« fragte Barnes aufgeregt. »Weshalb sind Sie hier?«

»Ich bin entlassen.«

»Entlassen? Warum?«

»Das weiß ich nicht, aber dieser Teufel, Mitchel, steckt dahinter. Er hat mich heute morgen zwei Stunden eingeschlossen und dann gesagt, Miß Remsen brauche mich nicht mehr. O, ich hätte ihm die Augen auskratzen können.« Dann erzählte sie dem Detektiv ihre Geschichte. »Nach dem, was ich gestern abend von ihrer Unterhaltung gehört habe,« schloß sie, »glaube ich, daß er seine Braut ins Vertrauen gezogen hat. Er bat sie um ihre Hilfe, und gerade, als er ihr sagen wollte, was sie thun solle, sah er mich und schnappte ab. Ich glaube, es hatte etwas mit dem Kinde zu thun.«

»Bei Gott, da können Sie recht haben. Ich war eben von dem Hause gekommen, als ich Ihr Briefchen erhielt, das mich hierherrief. Unter dem Vorwande, ein Kind dort unterbringen zu wollen, ging ich diesen Morgen nach dem Pensionat und fragte unter anderm auch, ob nicht ein Kind meines Freundes Mitchel dort sei. ›Ja,‹ antwortete die Vorsteherin, ›aber Rose hat uns soeben verlassen.‹ ›Verlassen? Wann?‹ fragte ich. ›Vor etwa zehn Minuten. Ihre Mutter hat sie in einem Wagen mitgenommen.‹ Während Sie im Zimmer eingeschlossen waren, ist Miß Remsen hingefahren und hat das Kind geholt.«

»Aber Miß Remsen ist ja gar nicht ihre Mutter.«

»Nein, Sie Dummbart. Sind Sie denn ganz vernagelt? Wollen Sie Ihr ganzes Leben eine Pfuscherin bleiben? Das kommt von Ihrem Ungehorsam. Sie haben sich von Mitchel auf der Hochbahn sehen lassen, und nun haben wir die Folgen Ihrer ungeheuren Schlauheit.«

»Ach was, er hat mich nicht wiedererkannt.«

»Natürlich hat er das. Ich war ein Narr, eine so wichtige Sache einem Frauenzimmer anzuvertrauen.«

»So? Meinen Sie? Na, das Frauenzimmer ist doch nicht ganz so dumm, als Sie glauben. Ich habe den Knopf wieder.«

»Das ist gut. Wie haben Sie das fertiggebracht?«

»Gestern abend, als sie alle im Theater waren, durchsuchte ich Miß Remsens Sachen, bis ich ihn in einem Schmuckkästchen fand. Hier ist er.«

Dabei reichte sie Barnes den Kameenknopf, und es war ihm ein kleiner Trost, daß er ihn wieder hatte.

»Hat Mitchel Miß Remsen in den letzten Tagen ein Geschenk gemacht?«

»Ja, gestern abend, einen prachtvollen Rubin.«

»Wie ist er gefaßt?«

»Als Haarnadel.«

»Gut. Für jetzt habe ich keine weiteren Aufträge für Sie. Gehen Sie nach Hause und halten Sie ja reinen Mund; Sie haben schon Unheil genug angerichtet.«

»Sie sind recht garstig, Mr. Barnes. Habe ich denn gar nichts Gutes geleistet?«

»Ja, etwas Gutes haben Sie geleistet, aber vergessen Sie nicht, daß ein Mißerfolg viele Erfolge aufwiegt.«

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.