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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 8
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Siebentes Kapitel.
Mr. Randolph kämpft mit seinem Gewissen.

Nach Verlassen des Gewölbes trennten sich die beiden Herren, und der Detektiv erfuhr am folgenden Morgen aus Wilsons Bericht, daß Mitchel den Rest des Nachmittags im Unionsklub verbracht und abends mit seiner Braut einen Privatball besucht hatte.

Als sich Mitchel am Morgen des Fünften ankleidete, wurde ihm eine Karte gebracht, die den Namen seines Freundes Randolph trug, und wenige Minuten später trat dieser ein. Mitchel begrüßte ihn herzlich und reichte ihm die Hand, die Randolph aber übersah.

»Entschuldige, Mitchel, ich komme, um über die Wette zu sprechen, die ich so unvorsichtig war mit dir einzugehen.«

»Nun, was ist damit?«

»Ich hätte nicht geglaubt, daß du soweit gehen würdest.«

»Wieweit?«

»Hast du denn die Zeitungen nicht gelesen?«

»Nein, thue ich nie.«

»Dann will ich dir mit deiner Erlaubnis eine vorlesen.«

»Nur zu, ich bin ganz Ohr.«

Beide setzten sich, und Randolph begann vorzulesen. Der Artikel berichtete zunächst die den Lesern schon bekannten Thatsachen über die Auffindung der Leiche und fuhr dann fort:

»Die Totenschauverhandlungen über die Leiche der rätselhaften Dame wurden gestern wieder aufgenommen. Aus der Aussage des bekannten Detektivs Barnes, die wir schon in unsrer gestrigen Nummer mitgeteilt haben, ist noch hervorzuheben, daß sich die Dame ihm gegenüber Rose Mitchel genannt hat, als sie ihn mit den Nachforschungen nach den gestohlenen Juwelen beauftragte. Eigentümlicherweise sind aber aus sämtlichen in ihrer Wohnung aufgefundenen Wäsche- und Kleidungsstücken die Zeichen ausgeschnitten, so daß es fast den Anschein gewinnt, als ob der Name Rose Mitchel ein angenommener sei.

»Eine ganz wunderbare Geschichte kam durch die Aussage des Hausverwalters ans Licht. Mrs. Mitchel war nicht Mieterin der Wohnung, sondern diese gehörte Mr. und Mrs. Comstock, die gegenwärtig in Europa reisen. Vor etwa drei Wochen hatte sich Mrs. Mitchel auf Grund einer angeblich von Mrs. Comstock geschriebenen Ermächtigung die Wohnung vom Hausverwalter übergeben lassen. Dieser setzte keinen Zweifel in die Echtheit des Briefes, allein nach Aussage eines nahen Verwandten der Comstocks, der Mrs. Comstocks Handschrift genau kennt, scheint eine Fälschung vorzuliegen.

»Die Verhandlungen wurden hierauf vertagt, und die Detektivs tappen offenbar noch vollkommen im Finstern, während ein Reporter eine sehr überraschende Entdeckung gemacht hat, die vielleicht auf die Spur des Thäters führt. Es handelt sich um nichts Geringeres, als die Auffindung der gestohlenen Edelsteine. Der Reporter begab sich gestern nach New Haven und begann seine Nachforschungen in den Gasthöfen. Im letzten, den er besuchte, und der kaum fünf Minuten vom Bahnhofe entfernt liegt, erinnerte sich der Oberkellner eines Fremden, der sich seltsam benommen hatte. Er war am Dritten gegen Mittag angekommen und hatte ein eigenartiges Handtäschchen mit der Bitte abgegeben, es im Sicherheitsschrank aufzubewahren. Darauf war er fortgegangen und ist bis zur Stunde nicht wiedergekommen. Der Reporter schöpfte Verdacht und veranlaßte, daß der Polizeichef gerufen und das Täschchen in dessen Gegenwart geöffnet wurde. In der That fand sich ein Kästchen von Juchtenleder darin vor, das Edelsteine von wunderbarer Schönheit enthielt. Daß dies wirklich die vermißten sind, geht daraus hervor, daß der Name ›Mitchel‹ in Gold auf den das Kästchen umschließenden Riemen gedruckt ist. Sonstige Dinge, die auf die Spur des Diebes führen könnten, fanden sich leider nicht vor, allein der Oberkellner entsinnt sich des Fremden so genau, daß die Detektivs hoffen, ihn nach der gegebenen Beschreibung bald dingfest zu machen.«

»Was sagst du dazu, Mitchel?«

»Siehst du, das ist gerade eine von den Geschichten, die mir die Zeitungen verleidet haben und denen man jeden Tag ausgesetzt ist, wenn man Zeitungen liest.«

»Willst du damit sagen, daß dieser besondere Fall kein Interesse für dich habe?«

»Warum sollte er mich interessieren? Weil ich zufällig im betreffenden Zuge und gezwungen war, mich auf Befehl eines ungeschickten Detektivs einer Untersuchung zu unterwerfen?«

»Ich sollte denken, es wären noch andre Gründe vorhanden, die dein Interesse erregen müßten. Jeder, der seine gesunden fünf Sinne beisammen und Kenntnis von deiner Wette hat, muß sehen, daß du die Hand dabei im Spiele hast.«

»Wobei? Beim Diebstahl, oder beim Morde?«

»Lieber Gott! Wenn ich das nur wüßte! Wir sind die besten Freunde gewesen, seit wir uns kennen, und ich habe treu zu dir gestanden und an dich geglaubt, trotz allem, was deine Feinde gegen dich gesagt haben; aber jetzt –«

»Nun? Aber jetzt –?«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Du machst eine Wette mit mir, daß du ein Verbrechen begehen wollest, und ein paar Stunden später kommt zuerst ein Diebstahl und dann ein Mord ans Licht, und beide Verbrechen stehen offenbar im Zusammenhang. Dazu ist die Ermordete eine Dame, die mit Remsens in einem Hause wohnt. Es ist bekannt, daß du nach halb zwölf Uhr in der verhängnisvollen Nacht eine Stunde lang in diesem Hause warst und daß während dieser Zeit ein Angstschrei aus der Wohnung der Ermordeten gehört worden ist. Dann werden die Juwelen gefunden, und das Kästchen trägt deinen Namen.«

»Den Namen der Frau, meinst du wohl, das hat auch in der Zeitung gestanden.«

»Das ist richtig, daran habe ich nicht gedacht. Natürlich war es ihr Name, aber, siehst du, mir schwirrt der Kopf, und ich bin furchtbar aufgeregt. Ich bin gekommen, um dich zu bitten, mich zu versichern, daß du nichts mit der Geschichte zu thun habest.«

»Das ist unmöglich.«

»Wie? Du weigerst dich? Du willst mir deine Unschuld nicht versichern? Damit gibst du tatsächlich deine Schuld zu.«

»Keineswegs. Ich leugne nichts und gebe nichts zu. Entsinnst du dich unsrer Wette? Damals habe ich dir vorausgesagt, daß du von irgend einem Verbrechen hören und dann zu mir kommen würdest, um mich zu fragen, und ich habe dich gleich gewarnt, daß ich dir nichts sagen würde. Ich thue weiter nichts, als daß ich Wort halte.«

Während des tiefen Schweigens, das nun folgte, trat Randolph, der sehr bekümmert zu sein schien, ans Fenster, und Mitchel sah ihm mit einem belustigten Lächeln nach.

»Randolph,« fragte er plötzlich, »fühlst du dich in deinem Gewissen beunruhigt?«

»Ja, sehr,« antwortete sein Freund scharf und wandte sich um.

»Warum gehst du nicht auf die Polizei und erleichterst dich?«

»Ich glaube, das wäre allerdings meine Pflicht, aber es kommt mir so feige vor, einen Freund zu verraten.«

»Also rechnest du mich doch noch zu deinen Freunden. Das ist mir sehr viel wert, und um dir das zu beweisen, will ich dir sagen, was du thun kannst, den Forderungen deines Gewissens zu genügen und mir doch nicht zu schaden.«

»Ich wollte zu Gott, du könntest das.«

»Nichts leichter. Geh zu Barnes und sag ihm alles, was du weißt.«

»Das heißt ebensoviel, als dich der Polizei verraten.«

»Durchaus nicht, Barnes ist nicht die Polizei – er ist nur Privatdetektiv. Du wirst dich wohl entsinnen, daß wir gerade von dem sprachen, als wir die Wette machten. Du rühmtest seine Findigkeit, also müßte es dir eine Genugthuung sein, ihn auf meiner Spur zu wissen; und mir ist es ganz recht, wenn du mir versprechen willst, keinem andern etwas zu sagen. Einverstanden?«

»Ja, da du es so willst. Mit irgend jemand muß ich sprechen, ich kann nicht länger verschweigen, was das Mittel sein kann, einem Verbrecher auf die Spur zu kommen.«

Während Randolph den Gasthof verließ, um Barnes aufzusuchen, hatte dieser gerade eine Unterredung mit Wilson.

»Sie sagen also, daß Mitchel Ihnen gestern nachmittag wieder entschlüpft ist?«

»Er ist auf der Hochbahn so viel hin und her gefahren, daß es ihm zuletzt gelang, einen Zug zu besteigen, in den ich nicht mehr hineinkommen konnte. Stets verzögerte er sein Einsteigen, bis der Zug beinahe schon im Gange war, und trat oft noch im letzten Augenblick zurück, und das mußte ich ihm am andern Ende des Wagens nachmachen. Schließlich sprang er in einen Wagen gerade, als der Schaffner an meinem Ende die Thür zuschlug.«

»Das war in der zweiundvierzigsten Straße?«

»Ja, er nahm den nach der untern Stadt fahrenden Zug.«

»Hat er Sie bemerkt?«

»Es scheint so, aber nach seinem Benehmen sollte man das nicht vermuten. Er schien vollkommen unbefangen.«

»Sie trifft kein Vorwurf; also gehen Sie nach dem Gasthof zurück und thun Sie Ihr Möglichstes. Das übrige überlassen Sie mir. Ich werde schon herausbringen, was das Ziel dieser rätselhaften Fahrten ist.«

Als er allein war, versank Barnes in tiefe Gedanken: »Wilson ist Mitchel nicht gewachsen, das liegt auf der Hand. Ich möchte nur wissen, ob er wirklich einen Zweck mit diesem Versteckspielen verfolgt, oder ob er mir nur zeigen will, daß ich ihn nicht beschatten kann? Meint er das – nun, das wird sich finden. – Was hat es aber für eine Bewandtnis mit den in New Haven gefundenen Juwelen? Sie stimmen genau mit der Beschreibung überein, und die Entdeckung macht den Fall nur noch verwickelter. Ich war beinahe überzeugt, daß die im Sicherheitsgewölbe befindlichen die gestohlenen seien. Nun findet sich plötzlich eine andre Garnitur, und zwar offenbar die richtige. Mitchel war sichtlich überrascht, als ich ihm das von mir gefundene Verzeichnis zeigte, und er wußte ganz bestimmt nichts von dessen Vorhandensein. Deshalb kann er vielleicht auch nichts vom Vorhandensein dieser zweiten Garnitur von Edelsteinen gewußt haben. In diesem Fall wäre das Zusammentreffen des Diebstahls im Eisenbahnzuge mit der Wette der reinste Zufall. Er behauptet, die Ermordete hätte eine Erpressung gegen ihn begangen und von ihm die Adresse eines Pariser Juweliers erhalten. Kann er nicht seine Steine gerade von diesem gekauft und das Frauenzimmer die andre Garnitur kürzlich bei demselben Juwelier gestohlen und hierhergebracht haben? Es wird wohl nötig werden, mit dem Pariser Juwelier in Verbindung zu treten, und es ist gut, daß ich mir Firma und Wohnung von der Rechnung abgeschrieben habe. Sind meine Folgerungen richtig, dann ist der Rose Mitchel jemand von Frankreich gefolgt, um sie hier zu berauben, nachdem er ihr die gefährliche Arbeit des Schmuggelns überlassen hatte. Könnte das nicht Thauret sein? Auf diese Weise kämen wir zu dem Schlusse, daß Mitchel sein Verbrechen noch gar nicht begangen hat, und er hat mich gerade darauf aufmerksam gemacht, das nicht zu vergessen. Halte ich ihn für unschuldig? Warum hat er mir den Rubin gezeigt und dabei gesagt, er wolle ihn seiner Braut schenken? Will er ihn ihr wieder stehlen? Geschieht das, dann ist sie im Einverständnis mit ihm und wird einen großen Lärm schlagen, daß die Geschichte in die Zeitungen kommt; das war ja bei der Wette ausgemacht. Aber was hat der Kameenknopf damit zu thun? Keine Erklärung genügt, die darauf kein Licht wirft.«

Hier wurde Barnes durch die Meldung unterbrochen, ein Mr. Randolph wünsche ihn zu sprechen. Der Leser darf bei dem folgenden nicht vergessen, daß dieser noch nichts von Barnes' Behorchen des Gesprächs im Eisenbahnwagen wußte.

»Nehmen Sie Platz, Mr. Randolph,« hob der Detektiv an, als jener eingetreten war. »Sie wollen mich in Angelegenheiten des Mordes sprechen?« Dieses Erraten des Zwecks seines Besuches erhöhte Randolphs Vertrauen in die Findigkeit der Detektivs und ganz besonders in die des vor ihm stehenden.

»Das wissen Sie? Darf ich fragen, woher?«

»Nun, wir Detektivs gelten ja für allwissend, nicht wahr?« Das wurde mit einem freundlichen Lächeln gesagt, die Antwort deutete aber auch an, daß Barnes nicht weiter gefragt sein wollte, und Randolph hielt es für am besten, mit seinem unangenehmen Geschäft so bald als möglich fertig zu werden.

»Mr. Barnes, ich komme, um Ihnen ein Geständnis zu machen, und –«

»Ich muß Sie unterbrechen und Sie daran erinnern, daß Sie mir alles, was Sie mir gestehen werden, freiwillig mitteilen, und daß es als Beweismittel gegen Sie gebraucht werden kann, falls Sie etwas aussagen, was Sie verdächtig macht.«

»Danke für die Warnung, aber ich bin eben hierhergekommen, um nicht in Verdacht zu geraten. Die Thatsachen sind einfach folgende.« Nun erzählte er alle mit der Wette in Verbindung stehenden Umstände, und Barnes hörte ihm zu, als ob er ganz etwas Neues erführe, und machte sogar einige Notizen in sein Taschenbuch.

»Das ist eine ganz erstaunliche Mitteilung, Mr. Randolph,« sprach er am Schlusse. »Aber es ist doch kaum zu glauben, daß ein Mann wie Mr. Mitchel, der doch ein feiner und gebildeter Herr zu sein scheint, zum Verbrecher werden sollte, nur um eine für ihn geringfügige Geldsumme zu gewinnen. Sie haben doch gewiß auch darüber nachgedacht und eine Erklärung dafür gefunden. Wollen Sie mir diese nicht mitteilen?«

»Das thue ich sehr gern.« Randolph hatte sich eine Ansicht gebildet, die die That seines Freundes in milderem Lichte erscheinen ließ, und er war glücklich, diese dem Detektiv anvertrauen zu können. »Eine der schwierigsten Fragen im Leben,« fuhr er fort, »ist die, zu entscheiden, wer vollkommen vernünftig und wer teilweise verrückt ist. Viele Sachverständige behaupten, daß neun Zehntel aller Menschen in der einen oder andern Weise etwas geistig gestört seien, und ich bin der Ansicht, daß jeder, der irgend eine Art von Dingen sammelt und sie zu etwas anderm braucht, als wozu sie bestimmt sind, in gewissem Maße geisteskrank ist.«

»Meinen Sie vor dem Gesetz geisteskrank, also unzurechnungsfähig?«

»Ueber die Zurechnungsfähigkeit habe ich kein Urteil, aber ich meine, daß eine solche Sammelwut den Betreffenden wohl zu einer ungesetzlichen Handlung fortreißen kann. Zum Beispiel haben Briefmarken ohne Zweifel einen gewissen Wert; wer sie aber sammelt, nachdem sie entwertet sind, und einen Preis dafür zahlt, der den ursprünglichen bei weitem übertrifft, ist meiner Ansicht nach mehr oder weniger verrückt, da er einen Liebhaberpreis für etwas gibt, das keinen innern Wert mehr besitzt.«

»Dasselbe könnten Sie auch von Gemälden sagen. Der innere Wert, der durch die Leinwand und die Farben dargestellt wird, ist sehr gering, und doch werden Tausende von Dollars für Gemälde ausgegeben.«

»Das ist natürlich auch eine gewisse Art von Verrücktheit, die sich nur reiche Leute gestatten können, aber es ist doch nicht ganz so toll, wie das Sammeln von alten Briefmarken. Allerdings wenn jemand ein Vermögen für ein einzelnes Bild bezahlen wollte und es dann so in seinem Hause aufhinge, daß es niemand zu sehen kriegte, dann würde ich den Menschen für verdreht halten. Ebenso ist es mit Edelsteinen –«

»Edelsteine?«

»Edelsteine haben ihren Marktwert und ihren Platz in der Welt; wenn aber ein Mensch jeden prächtigen Stein, dessen er habhaft werden kann, kauft und dann seine Schätze in einem Gewölbe verschließt, dann ist er einfach verrückt.«

»Was hat das mit dem vorliegenden Falle zu thun?«

»Sehr viel. Bei meinem Freunde ist in Hinsicht auf Edelsteine entschieden eine Schraube los. So verständig er im allgemeinen ist, braucht nur der Name eines Edelsteines in seiner Gegenwart genannt zu werden, und sofort erzählt er eine lange Geschichte von diesem oder jenem berühmten Steine, und ganz besonders ist er darauf versessen, die furchtbaren Verbrechen zu erzählen, die im Zusammenhange mit fast jedem bekannten Stein von großem Werte begangen worden sind.«

»Sie meinen also, daß er sich durch die beständige Beschäftigung seines Geistes mit solchen Dingen an den Gedanken eines Verbrechens im Zusammenhang mit Edelsteinen gewöhnt habe?«

»Sie haben's getroffen. Es ist eben schlimm, daß sich der Mensch an alles gewöhnt. So sind zum Beispiel fast alle Leute Leichen gegenüber befangen und können sich eines Grausens nicht erwehren, während Mediziner, die an Leichen gewöhnt sind, sie nicht viel anders betrachten, als ein Metzger das Fleisch, das er verkauft.«

»Ihre Beweisführung ist nicht übel, Mr. Randolph. Es ist gar nicht ausgeschlossen, daß Ihr Freund trotz seiner Bildung und Ehrenhaftigkeit bei dieser Sammelwut für Edelsteine und seiner Kenntnis der Verbrechen, die oft um ihrer Erwerbung willen begangen werden, der Versuchung, zu stehlen oder selbst zu morden, wenn's der Befriedigung seiner Leidenschaft gilt, nicht so fest gegenübersteht. Ja, ja, wir leben in einer seltsamen Welt.«

»Meinen Sie, daß er in einem solchen Falle als wahnsinnig nicht zur Verantwortung gezogen würde?«

»Nein, soweit gehe ich doch nicht. Ich gebe zu, daß Sie psychologisch recht haben, und ein Mensch, der auf diese Weise zum Verbrecher wird, verdient unsre größte Teilnahme, aber vor dem Gesetze würde er schuldig sein. Die Frage, um die es sich handelt, ist aber die: Hat er die Juwelen gestohlen? Sie haben in jener Nacht mit ihm zusammen in derselben Abteilung geschlafen. Was meinen Sie?«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Er konnte sein Lager nicht verlassen, ohne über mich hinwegzuklettern, und das hätte mich sicher erweckt, und dann, wenn er wirklich die Abteilung verlassen und die Steine genommen hat, wo kann er sie verborgen haben, und wie sind sie nach New Haven gekommen? Nebenbei bemerkt, Sie haben doch die Beschreibung des Mannes, der das Täschchen dort zurückgelassen hat? Paßt sie auf meinen Freund?«

»Das kann ich nicht sagen; sie ist etwas unbestimmt und kann auf tausend Menschen passen, die einem in einer Viertelstunde auf dem Broadway begegnen.«

»Ich glaube am Ende doch, daß jemand anders der Dieb ist.«

»Das wollen wir hoffen, Mr. Randolph, und wenn es Ihnen eine Beruhigung ist, will ich Ihnen noch sagen, daß bis jetzt noch keine genügenden Gründe zu einer Verhaftung vorliegen.«

Der Detektiv hatte seinen Zweck dabei, als er dies sagte. Dadurch, daß er Randolph beruhigte, hoffte er ihn mitteilsamer zu machen.

»Sie kennen Mr. Mitchel schon seit einer Reihe von Jahren?« fragte er nach einer Pause.

»Nein, nicht länger als anderthalb Jahre. Er ist noch keine volle zwei Jahre in New York.«

»So, so. Stammt er aus Boston?«

»Nein, ich glaube aus New Orleans.«

Ein eigentümliches Gefühl durchrieselte Barnes, und das machte ihn stutzig, denn eine ähnliche Empfindung hatte er häufig gehabt, wenn er gerade auf eine Spur gestoßen war. Deshalb veranlaßte sie ihn auch jetzt zum Nachdenken. Randolph hatte weiter nichts gesagt, als, er glaube, Mitchel stamme aus New Orleans, aber im Augenblick blitzte auch die Erinnerung in Barnes auf, daß die Ermordete ihm erzählt hatte, sie habe in New Orleans gelebt. Hatte diese Thatsache eine Bedeutung? Hatten die beiden sich schon in jener Stadt gekannt?

»Woher wissen Sie, daß er aus dem Süden gekommen ist?« fragte Barnes.

»Nun, das hört man ja schon an seiner Sprache,« erwiderte Randolph. »Obgleich er nicht leugnet, aus dem Süden zu sein, scheint es mir doch, als ob er nicht gern von seiner Heimat spreche. Es schwebt mir etwas dunkel vor, daß er mir mal erzählt hat, er sei in New Orleans geboren, habe aber peinliche Erinnerungen an die Stadt. Das ist übrigens das einzige Mal gewesen, daß er darauf angespielt hat.«

»Ich möchte mir noch erlauben, eine einen andern Herrn betreffende Frage zu stellen, und ich bin neugierig, ob Sie wohl schon einmal mit ihm zusammengetroffen sind. Sein Name ist Thauret.«

»Alphonse Thauret? Ja, den kenne ich, kann ihn aber nicht leiden.«

»Warum nicht?«

»Das weiß ich selber nicht genau, und vielleicht ist es nur ein Vorurteil. Wir bilden uns ja manchmal sehr rasch ein Urteil über die Menschen, und ich habe diesem von Anfang an mißtraut.«

»Mißtraut?«

»Ja, ich kann mich zwar irren und dürfte Ihnen die Geschichte wohl eigentlich nicht erzählen, will es aber doch thun. Vor einigen Wochen spielten einige Herren in unserm Klub Whist und darunter auch dieser Thauret. Die Einsätze waren gering, aber es stand immerhin einiges Geld auf dem Spiele. Thauret und sein Partner schienen merkwürdiges Glück zu haben, und es fiel mir auf, daß Thauret die Karten auf eine ganz eigentümliche Art mischte, wie ich es noch nie gesehen habe. Beschreiben läßt sie sich nicht. Er und sein Partner gewannen zweihundert Dollars an jenem Abend.«

»Wer war sein Partner?«

»Den kannte ich nicht.«

»War auch Mitchel an jenem Abend anwesend?«

»Ja, und er war ebenfalls meiner Ansicht, daß der Mann ein Falschspieler sei. Ich habe ihn seitdem übrigens auch in demselben Spiele verlieren sehen, und wir thun ihm vielleicht unrecht.«

»Nun, ich bin Ihnen für Ihre Mitteilungen sehr verpflichtet, Mr. Randolph, und versichere Ihnen, daß es mich sehr glücklich machen wird, wenn es sich herausstellt, daß Ihr Freund nichts mit dieser Sache zu thun hat.«

Der Detektiv erhob sich, und Randolph betrachtete dies als einen Wink, daß die Unterredung beendet sei. Nachdem er sich entfernt hatte, setzte sich Barnes wieder hin und dachte darüber nach, ob dieser unbekannte Partner beim Whistspiel Thaurets Spießgeselle beim Juwelendiebstahl und der Mann gewesen sein könne, der die Steine im Gasthaus in New Haven zurückgelassen hatte. Warum er das aber gethan haben sollte, war ein Rätsel.

Kurz darauf ging Barnes aus und fuhr mit der Hochbahn nach der sechsundsiebenzigsten Straße, wo er an einem kleinen Hause klingelte, worauf er von dem erschienenen Dienstmädchen in ein bescheiden ausgestattetes Wohnzimmer geführt wurde. Einige Minuten später trat ein ganz hübsches junges Mädchen ein, mit dem er eine Weile im Flüstertone sprach, worauf sich das Mädchen entfernte, aber sehr bald zum Ausgehen angekleidet wieder erschien. Dann verließen sie zusammen das Haus.

Vier Tage später erhielt Barnes einen Brief, der weiter nichts enthielt als die Worte: »Kommen Sie,« die ihm aber zu genügen schienen, denn er war sehr bald auf dem Wege nach der sechsundsiebenzigsten Straße, wo er das junge Mädchen wieder in dem einfachen Wohnzimmer traf.

»Nun?« fragte Barnes. »Ist es Ihnen gelungen?«

»Selbstverständlich,« versetzte das junge Mädchen. »Ist mir schon jemals etwas nicht gelungen? Sie stellen mich doch hoffentlich nicht mit Wilson auf eine Stufe?«

»Lassen Sie Wilson aus dem Spiele und erzählen Sie mir Ihre Geschichte.«

»Na also: Sie verließen mich im Madison Square Park, wo ich mich auf eine Bank setzte und Wilson beobachtete. Nach zwei Stunden kam ein Herr aus dem Hotel und Wilson folgte ihm. Ich mußte wirklich lachen, als ich den Tölpel so ungeschickt hinterherschleichen sah, daß ein Blinder hätte sehen können, daß er diesem Mitchel folgte. Sie sehen, ich habe seinen Namen herausgebracht, auch ohne daß Sie ihn mir genannt haben, das war mir eine Kleinigkeit. Da ich mir ihn einmal ordentlich ansehen wollte, sprang ich auf einen Pferdebahnwagen, erreichte die dritte Avenue vor ihm und lief rasch in den Wartesaal der Hochbahn. Bald erschien Mitchel und ging ans Ende des Bahnsteigs, während Wilson in der Mitte stehen blieb und unbefangen auszusehen versuchte, was ihm natürlich nicht gelang. Als der Zug kam, stieg ich ein, ging durch den Wagen und setzte mich Mitchel gerade gegenüber. Daß ich sein Gesicht gründlich studiert habe, darauf können Sie Gift nehmen.«

»Ja, Miß, und er das Ihre. Sie sind ungehorsam gewesen, denn ich hatte Ihnen besonders eingeschärft, sich vor dem schlauen Satan nicht blicken zu lassen.«

»O, das hat nichts geschadet, es ist alles ganz gut gegangen. An der zweiundvierzigsten Straße stieg er aus, Wilson ebenfalls, ich aber nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil er dann vielleicht etwas gemerkt hätte. Nein, so dumm bin ich nicht. Ich fuhr bis nach der siebenundvierzigsten Straße und wartete dort, bis Mitchel wiederkam. Diesmal war er allein und hatte augenscheinlich Wilson wieder eine Nase gedreht. Er nahm den Zug nach der untern Stadt, ich dito; diesmal aber ließ ich mich nicht von ihm sehen. Er ging geradeswegs nach einem Hause am Irvingsplatz. Hier ist die Nummer.« Sie reichte Barnes eine Karte.

»Das haben Sie gut gemacht,« sprach er, »aber warum haben Sie mir nicht sofort Bericht erstattet?«

»Ich bin noch nicht fertig. Wenn ich einen Fall in die Hand nehme, dann führe ich ihn auch bis zu Ende durch. Meinen Sie, ich würde den Mann aufspüren, damit Sie nachher Wilson wieder auf ihn loslassen? Nein, Freundchen, so haben wir nicht gewettet. Am nächsten Tage ging ich nach dem Hause, zog die Klingel und fragte nach der Herrin. Da das Mädchen, das mir öffnete, noch mehr wissen wollte, log ich ihr etwas vor und machte sie gesprächig. So erfuhr ich, daß das Haus ein Mädchenpensionat ist, und daß sich ein Kind von etwa vierzehn Jahren Namens Rose Mitchel dort befindet, deren Vater unser Mann ist. Was sagen Sie nun?«

»Sie sind ein Genie; aber alles das wußten Sie doch schon vorgestern. Warum haben Sie nicht früher berichtet?«

»Weil ich gestern nochmal da gewesen bin, um noch mehr in Erfahrung zu bringen. Ich setzte mich in den Park und beobachtete die Mädchen beim Spaziergang. Ansprechen konnte ich Rose Mitchel nicht, aber ich hatte meine Camera bei mir und habe sie photographiert. Was meinen Sie dazu? Habe ich meine Zeit etwa verloren?«

»Nein, wahrlich nicht, Sie sind pfiffig, aber Sie werden doch niemals etwas Großes leisten, weil Sie zu eitel sind. Heute habe ich aber nur Lob für Sie. Holen Sie mir das Bild.«

Das junge Mädchen entfernte sich, kehrte aber bald mit einer kleinen, etwas unklaren Photographie zurück, die ein hübsches junges Mädchen darstellte, und reichte sie Barnes. Etwa eine halbe Stunde später verließ dieser das Haus.

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