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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 6
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Fünftes Kapitel.
Der siebente Knopf.

Im zweiten Stock des für unsre Geschichte so wichtigen Hauses der dreißigsten Straße wohnte Mrs. Remsen, eine reiche, den besten Kreisen angehörige Witwe, mit ihren beiden Töchtern Emily und Dora.

Mrs. Remsen machte, wie man zu sagen pflegt, ein Haus und spielte eine hervorragende Rolle in der Gesellschaft und bei allen Wohlthätigkeitsveranstaltungen.

Emily, ihre älteste Tochter, war eine junge Dame von sechsundzwanzig Jahren, die überall Bewunderung erregte. Von vollendetem Wuchs, ungezwungener und königlicher Haltung, trug sie ihren wohlgeformten Kopf anmutig auf prachtvollen Schultern. Ihre Züge waren zwar nicht regelmäßig, aber ihre Gesamtwirkung war doch die vornehmster Schönheit, vor allem durch die sich darin spiegelnde Seele, die alle Fehler der Zeichnung vergessen ließ.

Ihre Verlobung mit Mitchel hatte die Kreise, worin sie sich bewegte, sehr überrascht, um so mehr, als seine Werbung einem Sturmwinde geglichen hatte und die Verlobung schon im ersten Monat ihrer Bekanntschaft eine vollendete Thatsache war.

Mitchel gehörte ebenfalls der besten Gesellschaft an, aber er war darin eine neue Erscheinung, und das war es gerade, was die große Ueberraschung bei der Verlobung erklärte. »Wer ist er?« fragten sich die Leute, und niemand schien im stande zu sein, diese Frage zu beantworten. Er kam aus den Südstaaten, und das genügte, ihn in ein so strahlendes Licht zu rücken, daß die Augen der wenigen, die einen schwachen Versuch machten, tiefer zu blicken, geblendet wurden.

Mrs. Remsen versuchte, Widerspruch zu erheben, als ihr Emily ihre Verlobung mitteilte, allein es lag etwas in Emilys Wesen, eine bei einer Frau seltene Festigkeit des Willens, die Widerspruch gegen ihre Wünsche schwierig, wenn nicht unmöglich machte.

Einen entschiedenen Gegensatz zu ihrer Schwester bildete die siebzehnjährige Dora. Sie war einfach ein liebenswürdiges, fügsames, für Eindrücke sehr empfängliches, hübsches Mädchen, das seine Mutter innig liebte und seine Schwester, die es »Königin« nannte, anbetete.

Am Morgen des Tages, wo Barnes einen so frühen Besuch bei Mitchel machte, saßen die beiden Schwestern im reich ausgestatteten Salon ihrer Wohnung.

»Weißt du, woran ich allen Ernstes gedacht habe, Königin?« fragte Dora.

»Du und ernst?« erwiderte Emily lachend und kniff ihre Schwester in die hübsche Wange. »Du kleiner Schelm, du könntest gar nicht ernst sein, und wenn du dir die größte Mühe gäbst.«

»O, meinst du? Hör mich an. Ich werde Bob bitten –«

»Bob?«

»Ach, Mr. Mitchel. Ich habe ihm gestern gesagt, ich würde ihn von jetzt ab Bob nennen, und darauf hat er mich geküßt und gesagt: Abgemacht.«

»Geküßt hat er dich? Nun ich muß sagen, Fräulein Unverschämt, das gefällt mir.«

»Mir hat's auch gefallen, aber du brauchst, nicht zu schelten, denn du weißt ja doch, was Bob sagt, ist Gesetz. Du hast gerade so viel Angst vor ihm, als – na, als die übrigen Herren vor dir. Aber was ich sagen wollte, Bob soll mich mitnehmen, wenn ihr beide wieder ins Theater geht. Was sagst du dazu?«

»Was ich dazu sage? Ich halte das für einen ausgezeichneten Gedanken, denn ich habe dich sehr lieb, Schwesterchen, und gönne dir jedes Vergnügen.«

»Du reizende, liebe Königin!« rief das junge Mädchen, sprang ihrer Schwester ungestüm auf den Schoß und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen. »Darf ich dir noch etwas anvertrauen, Königin?« fuhr sie schüchtern fort, nachdem der erste Sturm vorüber war.

»Nun, Kleine, was werde ich denn nun zu hören kriegen?«

»Ich habe einen Herrn aufgefordert, hier Besuch zu machen,« erwiderte Dora.

»Ist das alles?« fragte Emily lachend. »Wer ist denn das Ungetüm? Wo hast du ihn kennen gelernt?«

»Ich habe ihn in verschiedenen Familien nachmittags beim Thee getroffen, und das letzte Mal hat er mich gefragt, ob er mir seinen Besuch machen dürfte. – Ich habe ihm erlaubt, heute nachmittag zu kommen, weil ich wußte, daß du zu Hause sein würdest. War das sehr unpassend von mir?«

»Nun, Dora, ganz passend war es gerade nicht, aber da du ihn bei mehreren befreundeten Familien getroffen hast, ist es nicht so schlimm. Wie heißt er denn?«

»Alphonse Thauret.«

»Ein Franzose?«

»Ja, aber seinem Englisch hört man den Fremden kaum an.«

»Franzosen habe ich im allgemeinen nicht gern. Ich weiß, das ist ein albernes Vorurteil, aber jedesmal, wenn ich einen kennen lerne, muß ich im stillen denken, daß er vielleicht ein Abenteurer ist. Sie erinnern mich mit ihrem süßlichen, einschmeichelnden Wesen an Katzen, und ich erwarte immer, daß sie im nächsten Augenblick ihre Krallen zeigen. Indessen, Liebchen, vielleicht kommt dein Franzose gar nicht, und dann –«

»O ja, er kommt ganz bestimmt – diesen Nachmittag, und deshalb bin ich so nervös – ich fürchtete immer, du würdest am Ende doch ausgehen, und –«

»Nein, ich werde zu deinem Schutze hier bleiben, und außerdem erwarte ich Bob jeden Augenblick. Er sagte, er wolle gegen Mittag kommen, und es ist schon zwölf Uhr durch. Vielleicht ist er das – ja, es klingelt dreimal.«

Bald darauf trat Mitchel ein, beugte sich über Emily und küßte sie leicht auf die Stirn, wobei er innig flüsterte: »Meine Königin!«

»Emily, ich habe mir die Freiheit genommen, einen meiner Bekannten aufzufordern, hier Besuch zu machen,« sprach er sodann laut. »Du hast doch nichts dagegen?«

»Selbstverständlich nicht, Roy.« Sie hatte diesen Namen für ihn durch Weglassung der ersten Silbe seines zweiten Vornamens, Leroy, gebildet und gemeint, sie könne ihn auf diese Weise »König« nennen, ohne daß es die ganze Welt merkte.

Fast unmittelbar darauf klingelte es wieder, und Barnes wurde eingeführt. Mitchel stellte ihn den beiden Damen vor und widmete sich dann Dora, so daß der Detektiv ungestört mit Emily sprechen konnte, und als die beiden andern bald ans Fenster traten und ein eifriges Gespräch begannen, meinte Barnes, seine Gelegenheit sei gekommen.

»Verzeihen Sie, Miß Remsen,« sprach er, »und lassen Sie das Interesse des Sammlers als Entschuldigung gelten, wenn ich die prachtvolle Vorstecknadel, die Sie tragen, so aufmerksam betrachte. Heutzutage werden Kameen wenig gewürdigt, und doch gehört eine große Geschicklichkeit dazu, einen so kleinen Gegenstand zu schneiden.«

»Da bin ich ganz Ihrer Ansicht und gar nicht böse, daß Sie meine Nadel bewundern, Mr. Barnes.« Bei diesen Worten löste sie die Nadel und reichte sie ihm. Sie war das genaue Ebenbild der Knöpfe, die Mitchel trug, nur daß sie in einen breiten, mit Brillanten besetzten Goldrahmen gefaßt und mit dem Kopfe Shakespeares geschmückt war. »Sie werden kaum glauben, Mr. Barnes, daß das früher ein gewöhnlicher Knopf war.«

»Ein Knopf mag es wohl gewesen sein, aber sicher kein gewöhnlicher,« entgegnete Barnes mit gut gespielter Ueberraschung.

»Nun, ein gewöhnlicher allerdings nicht. Sie werden wohl wissen, daß ich mit Ihrem Freunde verlobt bin?«

Barnes bejahte mit einer Verbeugung.

»Kurz nach unsrer Verlobung,« fuhr Emily fort, »machte ich eine Reise nach Europa. Dort entdeckte ich einen Juwelier, der die prachtvollsten Kameen schnitt, und das veranlaßte mich, eine Garnitur Knöpfe zu bestellen.«

»Alle so, wie dieser?«

»Aehnlich, aber nicht ganz so. Dieser trägt den Kopf Shakespeares, die andern stellen Romeo und Julia dar.«

Jetzt entschloß sich Barnes zu einem kühnen Schlage. Er zog den Knopf aus der Tasche und überreichte ihn Emily.

»Hier ist eine Kamee mit einem Juliakopfe. Vielleicht interessiert Sie das?«

»Das ist wirklich wunderbar! Einer von meiner Garnitur!«

»Einer der Ihrigen? Haben Sie einen verloren? Wie viele hatten Sie?«

»Einschließlich dieses Shakespearekopfes waren es sieben. Die andern sechs –« Sie brach plötzlich ab und errötete tief.

»Glauben Sie wirklich, daß dies einer von Ihrer Garnitur ist, Miß Remsen? Wenn das der Fall ist, mache ich mir ein Vergnügen daraus, ihn seiner rechtmäßigen Eigentümerin wieder zu geben. Aber haben Sie wirklich einen verloren?«

»Verloren? Nein – das heißt, ich weiß es nicht.« Sie schien sehr verwirrt und betrachtete den Kopf mit gespannter Aufmerksamkeit. Plötzlich änderte sich ihr Ausdruck jedoch vollständig. »Ich habe mich geirrt,« sprach sie mit einer Ruhe, die Barnes verblüffte. »Dies ist keiner der ursprünglichen Garnitur, aber er ist ihr sehr ähnlich.«

Barnes wußte nicht, was er denken sollte. Hatte sie eine unbestimmte Ahnung, daß es gefährlich sein könnte, das Vorhandensein eines achten Knopfes zuzugeben, oder hatte dieser unvergleichlich gewandte Mitchel sie schriftlich gebeten, zu sagen, daß die ursprüngliche Garnitur nur aus sieben bestanden habe? Er konnte sich nicht klar darüber werden und entschloß sich, einen zweiten Schlag zu wagen.

»Ich habe Ihr Bild gesehen, Miß Remsen, und es ist mir aufgefallen, daß das Profil auf dem Knopfe eine Nachbildung davon ist. Was denken Sie darüber?«

Wieder begann die junge Dame verwirrt zu stottern.

»Ich weiß nicht,« sprach sie dann plötzlich mit vollkommener Fassung, »ja, ich glaube, Sie haben recht, es ist eine Nachbildung meines Porträts. Es ist im vorigen Sommer gemalt worden, und nachher habe ich dem Maler gestattet, es auszustellen. Ich glaube, es sind auch Photographieen danach angefertigt worden, und vielleicht hat der Kameenschneider eine davon als Vorlage benutzt.«

Das war sehr erfinderisch, aber es konnte Barnes nicht überzeugen, denn er hielt es für mehr als unwahrscheinlich, daß ein andrer Kameenschneider das Bild benutzt, es dann ebenfalls Julia genannt und sogar auch einen Knopf daraus gemacht haben sollte. Er schloß deshalb, daß die junge Dame eine einigermaßen annehmbare Antwort auf eine Frage erfunden, die Mitchel einfach zu beantworten verweigert hätte. Um indessen nicht den Verdacht zu erregen, daß er ihren Worten nicht glaube, entgegnete er rasch: »Das ist sehr möglich, und er hätte bestimmt kein besseres Vorbild für seinen Gegenstand finden können.«

»Mr. Barnes,« fuhr Emily fort, »Sie haben mir soeben, im Glauben, daß ich den Knopf verloren hätte, den Ihrigen angeboten. Natürlich dürfte ich eigentlich von einem Herrn, den ich erst so kurze Zeit zu kennen die Ehre habe, kein Geschenk annehmen, aber Sie sind ja Mr. Mitchels Freund, und da es mir wirklich nicht angenehm ist, mein Bild in den Händen eines Fremden zu wissen, mache ich von Ihrem Anerbieten mit Dank Gebrauch.«

Das war eine ganz unerwartete Wendung. Barnes hatte ihr den Knopf in sicherer Erwartung einer ablehnenden Antwort angeboten, weil sie durch Annahme zugegeben hätte, daß sie ihn verloren, und daß also ein achter Knopf vorhanden gewesen sei. Nun schien es, daß sie ihn eines wichtigen Beweisstücks berauben wollte.

Er war noch unentschieden, was er thun sollte, als Mitchel zu ihnen trat.

»Nun, Emily, findest du meinen Freund Barnes unterhaltend?«

»Mr. Barnes ist außerordentlich liebenswürdig gewesen, Roy, und sieh nur mal, er hat mir ein Geschenk gemacht,« erwiderte sie und reichte den Knopf ihrem Verlobten, in dessen Antlitz Barnes ein flüchtiges Lächeln des Triumphes zu sehen glaubte.

»Ich bin stolz auf dich, Emily. Wo du erscheinst, erzwingst du Huldigungen. Weißt du wohl, daß Mr. Barnes mir diese Kamee erst diesen Morgen abgeschlagen hat? Du kannst dir doch denken, warum ich sie gern haben wollte?«

»Weil sie mein Bild trägt?«

»Natürlich. Mr. Barnes, gestatten Sie, daß auch ich meinen Dank ausspreche: Sie werden es wohl begreiflich finden, daß wir dieses niedliche Ding gern in unserm Besitze haben möchten?«

Barnes fand das sehr begreiflich. Er sah, daß er wieder hineingefallen war und daß er nichts dagegen machen konnte, ohne einen peinlichen Auftritt zu veranlassen, denn er begegnete einem Blick Mitchels, der ihn an sein Versprechen erinnerte. Eben fing es an, ihm aufzudämmern, daß er ein Narr gewesen war, ein solches Versprechen gegeben und den Besuch in diesem Hause überhaupt gemacht zu haben, als eine neue Wendung eintrat, die seinen Gedanken eine andre Richtung gab. Ein Dienstmädchen meldete: »Mr. Alphonse Thauret.«

Dieses Namens erinnerte sich der Detektiv sogleich, denn er hatte auf der Karte gestanden, die ihm der Franzose gegeben hatte, ehe er in Stamford aus dem Eisenbahnzug ausgestiegen war. Seine Augen waren forschend auf Mitchel gerichtet, und er meinte, einen Ausdruck des Verdrusses darin wahrzunehmen. Kannten sich diese beiden Männer und waren sie vielleicht Verbündete?

»Mr. Mitchel, gestatten Sie mir, Mr. Thauret vorzustellen,« sprach Dora.

»Ich habe bereits das Vergnügen, den Herrn zu kennen,« antwortete Mitchel und trat nach einer steifen Verbeugung an Emilys Seite, als ob er verhindern wollte, daß der Franzose auch dieser vorgestellt werde; aber das war natürlich unmöglich, und Mitchel war offenbar ärgerlich. Emily reichte Thauret die Hand, wandte sich dann um und stellte ihn Barnes vor, der einfach eine Verbeugung machte.

»Ah, Mr. Barnes,« sprach Thauret, »ich freue mich, Sie wiederzusehen.«

»Wie, Sie kennen Mr. Barnes auch?« rief Dora überrascht.

»Wer kennt Mr. Barnes, den berühmten Detektiv, nicht!« Er sprach in dem überhöflichen Tone, den seine Landsleute so gern annehmen, wenn sie sehr verbindlich sein wollen, und doch hatte Barnes das Gefühl, als ob der Sprecher einen geheimen Beweggrund habe, des Detektivs Beziehungen zur Polizei offen zu verkünden. Wollte er es ihm dadurch unmöglich machen, seinen Besuch bei den Damen zu wiederholen? Wenn das der Fall war, so war es ihm nicht gelungen, bei Dora den gewünschten Eindruck hervorzubringen.

»Was? Ein Detektiv? Sind Sie wirklich der große Barnes?« rief sie ganz entzückt aus.

»Ja, ich bin wirklich ein Detektiv, kann aber kaum Anspruch auf die Bezeichnung ›groß‹ erheben.«

»O ja, gewiß, Sie sind groß! Ich habe gelesen, auf welch wunderbare Weise Sie diesen Pettingill überführt haben. Und nun erzählen Sie mir einmal, werden Sie auch den Mann erwischen, der die Dame gestern im Zuge von Boston bestohlen hat?«

»Woher wissen Sie denn, daß es ein Mann gewesen ist?« fragte Barnes, von diesem Ungestüm belustigt und sehr zufrieden mit der Wendung, die das Gespräch genommen hatte.

»O, eine Frau war es ganz bestimmt nicht; keine Frau wäre schlau genug, alles so genau zu überlegen und durchzuführen.«

»Das ist sehr interessant,« nahm hier Thauret das Wort. »Sie erinnern sich ja wohl, Mr. Barnes, daß ich auch im Zuge war und zuerst durchsucht wurde. Der Spitzbube war jedenfalls ein schlauer Geselle, meinen Sie nicht?«

Mitchel war beiseite getreten und anscheinend in ein Gespräch mit Emily vertieft, allein Barnes war überzeugt, daß ihm nichts von dem entging, was gesprochen wurde. Unter gewöhnlichen Umständen wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, von einem so wichtigen Falle in Gegenwart eines Menschen zu sprechen, der der That verdächtig war, aber die Umstände waren eben ungewöhnlich. Hier waren zwei Männer, die beide in einem geheimnisvollen Zusammenhang mit dem oder den Verbrechen standen, deren Urheber er zu entdecken suchte. War einer von ihnen oder waren gar beide schuldig, dann ging aus der Unverfrorenheit, womit sie das Haus betraten, worin der Mord begangen worden war, hervor, daß eine große Geschicklichkeit dazu gehören werde, sie zu überführen, und der Detektiv hielt es für am besten, diesen Menschen gegenüber ein Verfahren anzuwenden, das ebenso kühn war als ihr eigenes.

»Ich glaube allerdings, daß der Dieb ein schlauer Bursche ist,« sprach er so laut, daß Mitchel ihn verstehen mußte, »aber er ist doch nicht ganz so schlau, als er glaubt.«

»Wieso?«

»Er meint, er habe mich in die Irre geführt, und glaubt, ich hätte die Juwelen finden wollen, als ich den Befehl gab, alle Reisenden zu durchsuchen, während ich nicht nach den Juwelen suchte, sondern nach dem Diebe.«

»Wie machten Sie denn das?«

»Sie werden mich vielleicht für eingebildet halten, aber ich hoffte, ihn an seinem Benehmen zu erkennen, und das ist mir auch gelungen; ich weiß, wer die Steine gestohlen hat.« Das war eine kühne Behauptung, besonders da sich Barnes noch gar nicht über den Dieb klar war. Er hatte die Absicht, den Eindruck zu beobachten, den diese Behauptung auf die beiden Männer machte, aber er erreichte diesen Zweck nicht, denn Mitchel that so, als ob er nichts gehört hätte, und der Franzose blieb ganz ruhig.

»Bravo, bravo! Sie sind größer als Lecocq; das ist ja die reine Hexerei. Sie lassen die Verdächtigen vor sich aufmarschieren, und dann, presto! haben Sie den Verbrecher am Kragen. Das ist eine reizende Methode!« rief Thauret spöttisch. »Aber sagen Sie mir doch einmal, Mr. Barnes, wie hat denn der Mensch die Brillanten versteckt? Es waren doch Brillanten?«

»Diamanten und andre Edelsteine. Aber ich will Sie mal fragen: Wie würden Sie sie versteckt haben, wenn Sie an seiner Stelle gewesen wären?« Der Schuß traf, denn dem Franzosen schien die Zumutung, sich an die Stelle des Verbrechers zu versetzen, gar nicht zuzusagen.

»Wissen Sie wohl,« erwiderte er jedoch mit schnell wiedergefundener Ruhe, »daß ich gerade daran viel gedacht habe? Natürlich würde ich mich sehr ungeschickt bei so etwas anstellen, aber es ist mir doch etwas eingefallen.«

»Eine Art, die Edelsteine zu verstecken, so, daß sie bei der Durchsuchung nicht gefunden worden wären, und doch an einem Orte, wo Sie sie nachher wiederbekommen konnten?«

»Ja, das meine ich. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, mein Plänchen wäre gar nicht übel. In den Zeitungen steht, die gestohlenen Juwelen wären ungefaßte Steine gewesen. Nun, ich hätte sie in die Seife im Waschraum gedrückt. Kein Mensch hätte daran gedacht, sie da zu suchen, und selbst wenn sie gefunden worden wären, hätte der Verdacht nicht auf mich fallen können. Nachher hätte ich mir die Seife geholt, und die Steine wären mein gewesen.«

»Da haben Sie sich sehr verrechnet.«

»Wieso?«

»Sie waren der erste, der untersucht wurde, und ich habe Sie beobachtet, bis Sie den Zug verließen. Später aber mit einem andern Zuge nach New York zu fahren und an die inzwischen auf ein Seitengeleise gebrachten und in den Händen der Scheuerfrauen befindlichen Wagen zu gelangen, das wäre Ihnen sehr schwer geworden, und selbst wenn es Ihnen gelungen wäre, hätten Sie Ihren Zweck nicht erreicht, denn ich hatte alle Seife entfernen und neue Stücke hinlegen lassen.«

Ein Lächeln, das um die Lippen Mitchels spielte, bewies, daß er zuhörte und daß ihm die Umsicht des Detektivs Spaß machte.

»Na, da sehen Sie ja,« sprach der Franzose achselzuckend, »ich habe keine Anlage zum Spitzbuben, und außerdem war auch noch die Handtasche da, und die hätte ich natürlich nicht in die Seife stecken können.«

»Nun, die konnte der Dieb zum Fenster hinauswerfen.«

»Sie denken doch an alles, Mr. Barnes,« sprach Thauret mit einem scharfen Blick, der Unruhe zu verraten schien. »Aber,« fuhr der Franzose fort, »sagen Sie uns doch, wie glauben Sie denn, daß der Dieb die Steine im Zuge versteckt hat?«

»Er hat sie außerhalb des Zuges versteckt,« entgegnete Barnes rasch und bemerkte zu seiner Genugtuung, daß beide Herren leicht zusammenfuhren. Mitchel schien offenbar zu denken, es sei Zeit, sich an dem Spiele zu beteiligen, denn er verließ Emily und trat zu den andern.

»Sie sprechen über den Diebstahl im Eisenbahnzug?«

»Ja,« rief Dora, »und es ist geradezu reizend, wie Mr. Barnes alles herausgebracht hat.«

»Alles herausgebracht? Hat er das wirklich?«

»Ja, er weiß, wer der Dieb ist, und daß er die Edelsteine außerhalb des Zuges versteckt hat.«

»Nun, das muß ich sagen, Mr. Barnes, das ist sehr geschickt, daß Sie das herausgebracht haben. Wo sollte er sie auch anders versteckt haben, da der Zug und sämtliche Reisende untersucht worden sind?«

Die Art, wie Mitchel Barnes' Findigkeit stets herabzusetzen suchte, verdroß diesen, und er war etwas ärgerlich, als er seinen nächsten kühnen Schlag führte.

»Ich will Ihnen sagen, wo der Dieb die Steine im Zuge selbst hätte verbergen können – eine Stelle, die zu durchsuchen niemand, nicht einmal mir selbst eingefallen ist. Die Dame hatte die Juwelen in einer Handtasche. Nehmen wir nun an, der Dieb hätte die Tasche gestohlen und aus dem Fenster geworfen, die Steine aber der Dame, während sie schlief, in die Tasche ihres Kleides gesteckt. Wenn die Dame beim Erwachen die Tasche vermißte, mußte sie natürlich denken, daß auch die Steine fort seien, und der Dieb konnte sich nach beendeter Untersuchung wieder in ihren Besitz setzen.«

Barnes hatte große Hoffnung auf diese Enthüllung gesetzt, aber er hatte einen entschiedenen Mißerfolg zu verzeichnen. Entweder war das Verfahren des Diebes anders gewesen, oder Mitchel und Thauret waren beide unschuldig, denn beide lächelten ungläubig.

»Das ist denn doch ein bißchen gar zu gesucht, Mr. Barnes,« sprach Mitchel. »Wie sollte er sich denn wieder in Besitz der Steine gesetzt haben?«

»Durch Ermordung der Dame,« antwortete der Detektiv. Wieder war sein Schlag fehl gegangen, denn keiner der beiden zuckte mit einer Wimper. Barnes war für den Augenblick besiegt, aber keineswegs entmutigt, denn das Zusammenfahren der beiden, als er die Vermutung ausgesprochen hatte, daß die Steine außerhalb des Zuges verborgen gewesen seien, bedurfte noch der Erklärung.

»Nun, nun, Mr. Barnes,« fuhr Mitchel fort, indem er ihn vertraulich auf die Schulter klopfte. »Nehmen Sie sich die Sache nicht gar zu sehr zu Herzen. Wenn Sie sich so in eine Annahme verbeißen, verleugnen Sie die Geschicklichkeit, die Sie so häufig bewiesen haben. Ich glaube, ich selbst könnte Ihnen mit einer bessern Annahme aufwarten.«

»Sie dürfen mich nicht für gar zu dumm halten, Mr. Mitchel; wenn Ihnen meine Annahme abgeschmackt vorkommt, so folgt daraus noch nicht, daß es meine einzige ist. Wir Detektivs müssen einen Fall von jedem Gesichtspunkt aus betrachten, und ich gehe jede Wette ein, daß ich Ihnen sagen kann, was Ihre Annahme ist.«

»Gut, ich nehme Ihre Wette an. Ich werde meine Annahme hier auf diesen Zettel schreiben, und wenn Sie richtig raten, schulde ich Ihnen ein gutes Diner.«

Er schrieb einige Worte auf ein Stück Papier und reichte es Dora.

»Sie meinen, daß der Dieb das Täschchen einfach einem Helfershelfer auf einer vorher verabredeten Station zugereicht hat.«

»Bravo!« rief Dora. »Sie sind wirklich ein großer Detektiv und haben Ihre Wette gewonnen. Das steht hier.«

»Hätten Sie Lust, noch eine Wette zu gewinnen, Mr. Barnes?« fragte der Franzose langsam und jede Silbe betonend.

»Gewiß,« antwortete der Detektiv scharf.

»Dann will ich mit Ihnen wetten, daß, wenn Sie die Sache jemals aufklären, Sie genötigt sein werden, zuzugeben, daß keine der erwähnten Annahmen richtig war.«

»Diese Wette kann ich nicht annehmen, weil ich gewiß bin, daß das vom Dieb wirklich befolgte Verfahren hier noch nicht erwähnt worden ist.«

»Aha, Sie haben noch eine Annahme,« rief Thauret beinahe höhnisch.

»Gewiß, und zwar die richtige,« versetzte Barnes, »aber ich ziehe vor, sie für mich zu behalten.«

»Da haben Sie sehr recht,« mischte sich Emily in die Unterhaltung. »Ich muß offen gestehen, daß ich keinen Augenblick geglaubt habe, Sie würden uns Ihre wahre Ansicht enthüllen, denn ich kenne Sie als einen Mann von großer Vorsicht, und es wäre doch thöricht gewesen, das zu thun.«

»Vielleicht, aber was manchmal thöricht ist, kann in besonderen Fällen das Klügste sein.«

»Sehr richtig, und nun, meine Herren, bedaure ich, Sie entlassen zu müssen. Wir gehen heute abend auf einen Ball, und Sie wissen ja, daß Damen dazu immer langer Vorbereitungen bedürfen.«

Das war so ihre Art, und die Herren nahmen sie ihr nie übel; sie gehorchten einfach. Barnes aber war sehr erfreut, daß die beiden andern gleichzeitig mit ihm gehen mußten, denn er hatte eine Falle für Mitchel vorbereitet und konnte nun beide Vögel hineinlocken.

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