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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 5
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Viertes Kapitel.
Diamant schneidet Diamant.

Nachdem Barnes den Knopf gefunden hatte, verließ er schleunigst die Wohnung und begab sich ohne Zeitverlust nach dem Hotel der fünften Avenue. Dort fand er Wilson in der Vorhalle sitzend und hörte von ihm, daß Mitchel noch nicht heruntergekommen sei. Durch einige anerkennende Worte über seine gestrigen Leistungen machte er seinen Untergebenen glücklich, aber mit dem Knopfe in der Tasche hatte er auch gut großmütig sein. Ja, beim Gedanken, daß der Mann da oben, der sich gerühmt hatte, er könne nicht abgefaßt werden, sich, indem er so verräterische Spuren hinterlassen, ebenso menschlich schwach gezeigt hatte, wie gewöhnliche Verbrecher, kicherte Barnes leise vor sich hin. Aeußerlich aber verriet er seine Aufregung nicht durch das geringste Zeichen. Er fragte ruhig nach Mr. Mitchel und schickte seine Karte hinauf, wie ein alltäglicher Besucher. Wenige Minuten darauf erhielt er die Aufforderung, sich hinauf zu bemühen.

Mitchels Wohnung bestand aus zwei Zimmern und lag nach der dreiundzwanzigsten Straße zu. Die Einrichtung der Stube, die Barnes betrat, zeugte vom Reichtum des Besitzers, so daß er sich unwillkürlich fragte, ob dies die Höhle eines Mörders sein könne. Allem Anschein nach nicht, es sei denn, daß ein bis jetzt noch verborgener Beweggrund vorhanden war, der einen den höchsten Kreisen angehörigen Mann zu einem solchen Verbrechen getrieben hatte. Nach Barnes' Erfahrung konnte ein solcher Beweggrund nur mit einem Weibe zusammenhängen, doch bis jetzt war noch kein andres Frauenzimmer in der Sache aufgetaucht, als die Ermordete. Alles das ging dem Detektiv durch den Kopf, während er mit raschen Blicken seine Umgebung musterte, als ihm eine Stimme aus dem andern Zimmer zurief: »Treten Sie nur hier herein, Mr. Barnes, wir wollen keine Umstände miteinander machen.«

Nach dieser Aufforderung trat Barnes ins anstoßende Schlafzimmer und bemerkte sofort, daß dieses ebenso reich und glänzend ausgestattet war, als das Wohnzimmer. Mitchel stand, in einen seidenen Schlafrock gehüllt, vor dem Spiegel und rasierte sich.

»Verzeihen Sie die Störung,« begann Barnes, »aber Sie haben mir gestattet, jederzeit vorzusprechen, und – –«

»Nicht Sie, sondern ich muß um Entschuldigung bitten, daß ich Sie so empfange, aber Sie werden mir wohl gestatten müssen, mich fertig zu rasieren, denn mit zur Hälfte eingeseiftem Gesicht kann man sich nicht unterhalten.«

»Nein, das ist wahr, aber übereilen Sie sich nicht, ich kann warten.«

»Danke, bitte, nehmen Sie Platz. Sie meinen gewiß, dies sei eine sonderbare Zeit zum Ankleiden, aber ich bin gestern abend erst spät nach Hause gekommen.«

»Wohl im Klub gewesen?« meinte Barnes, der versuchen wollte, ob Mitchel ihm eine Unwahrheit sagen würde, allein, wenn er dies erwartet hatte, sollte er sich getäuscht sehen.

»Nein,« antwortete Mitchel, »ich bin im Kasinotheater gewesen, ich hatte es jemand versprochen und mußte Wort halten.«

»Einem Herrn?«

»Meinen Sie nicht, daß diese Frage ein bißchen nach Neugier schmecke? Es war übrigens kein Herr, sondern eine Dame; dort auf der Staffelei steht ihr Bild.«

Barnes sah auf und erblickte ein Oelgemälde, das einen weiblichen Kopf von wunderbarer Schönheit darstellte. Mr. Mitchel gab zu, daß er mit der Dame im Theater gewesen sei, und Wilson behauptete, sie wären zusammen in das Haus gegangen, wo jetzt die Ermordete lag. Das war bedeutungsvoll. Allem Anschein nach wohnte Mitchels Freundin dort, und auf diese Weise war er hineingelangt. Wußte er, daß auch die andre dort wohnte, und war er in ihre Wohnung gedrungen, nachdem er seine Freundin verlassen hatte? Während Barnes diese Gedanken durch den Kopf gingen, wandelten seine Augen im Zimmer umher und fielen auf eine auf dem Bett liegende Weste mit Knöpfen, die dem glichen, den er in der Tasche trug. Verstohlen streckte er die Hand nach der Weste aus, aber seine Finger hatten sie kaum berührt, als Mitchel, ohne sich umzuwenden oder in seiner Beschäftigung innezuhalten, ausrief: »In der Weste steckt kein Geld, Mr. Barnes.«

»Was wollen Sie damit sagen?« entgegnete Barnes zornig, indem er seine Hand rasch zurückzog. Mitchel wartete einen Augenblick, ehe er antwortete, und that noch einige Striche mit dem Rasiermesser; dann wandte er sich um und sah dem Detektiv ins Gesicht.

»Sie haben vergessen, daß ich vor einem Spiegel stehe, das wollte ich damit sagen.«

»In Ihren Worten lag eine Andeutung, als ob Sie glaubten, ich wollte stehlen.«

»So? Das thut mir leid, aber Sie sollten sich hüten, derartige Bewegungen zu machen, wenn Sie so empfindlich sind. Lade ich einen Herrn in mein Schlafzimmer ein, dann erwarte ich nicht, daß er hinter meinem Rücken meine Kleider untersucht.«

»Nehmen Sie sich in acht, Mr. Mitchel, Sie sprechen mit einem Detektiv, und wenn ich meine Hand nach Ihrer Weste ausgestreckt habe, so geschah das nicht in unerlaubter Absicht, das wissen Sie sehr wohl.«

»Gewiß weiß ich das, und was noch mehr ist, ich weiß auch ganz genau, was Ihre Absicht war. Sie müssen nicht gleich so ärgerlich werden, und ich hätte die Worte nicht brauchen sollen, aber um die Wahrheit zu sagen, ich war gereizt.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, es verletzte mich, daß Sie mich ebenso behandelten, wie einen gewöhnlichen Verbrecher. Daß sie hierher kommen und glauben, Sie könnten alle beliebigen Untersuchungen mir vor der Nase anstellen, hat meinen Stolz verwundet. Hätte ich nicht vor einem Spiegel gestanden, würde ich Ihnen nie den Rücken gewandt haben. – Ich habe eben gesagt, ich wüßte, was Sie für eine Absicht hatten: Sie wollten die Knöpfe an der Weste ansehen.«

Barnes war verblüfft, ließ sich aber nichts merken.

»Sie wissen ja, daß ich Ihr Gespräch im Eisenbahnwagen gehört habe, und dabei war auch von einer Garnitur von fünf eigentümlichen Knöpfen die Rede, und –«

»Verzeihung, ich habe von sechs Knöpfen gesprochen, nicht von fünf.« Wieder war es Barnes mißlungen, dem Manne eine Falle zu stellen. Er hatte absichtlich fünf Knöpfe erwähnt, in der Hoffnung, Mitchel werde sich diesen Irrtum zu nutze machen und ebenfalls fünf als die ursprüngliche Zahl angeben, um nicht genötigt zu sein, das Fehlen des sechsten, den Barnes in der Tasche zu haben meinte, zu erklären.

»Ach ja, richtig, Sie sprachen von sechs, jetzt fällt's mir wieder ein,« fuhr er fort, »und Sie werden wohl zugeben, daß meine Neugier, sie zu sehen, sehr begreiflich ist, da ich doch wünschen muß, sie – sie – nun, sie vorkommendenfalls wiederzuerkennen.«

»Eine sehr lobenswerte Absicht, aber, mein lieber Mr. Barnes, ich habe Ihnen doch gesagt, Sie könnten mich jederzeit besuchen und mich fragen, was Sie wollten. Warum haben Sie mich nicht offen gebeten, Ihnen die Knöpfe zu zeigen?«

»Das wäre allerdings besser gewesen, und ich thue es hiermit.«

»Sie sind an der Weste, und Sie können sie sich ansehen, wenn Sie wollen.«

Barnes ergriff die Weste und war überrascht, alle sechs Köpfe zu finden, drei mit dem Profil Julias und drei mit dem Romeos, aber er war doch mit dem Ergebnis seiner Besichtigung zufrieden, denn sie waren ganz genau dem gleich, den er in der Tasche hatte. Der Mann, der seine Vorsichtsmaßregeln mit solcher Umsicht traf, konnte möglicherweise von vornherein gelogen und gesagt haben, die Garnitur bestehe aus sechs, während sie in Wirklichkeit aus sieben bestand. Einige Fragen über die Knöpfe schienen demnach angebracht.

»Sie sind sehr schön, Mr. Mitchel, und einzig in ihrer Art. Ich habe noch nie gehört, daß Kameen als Knöpfe getragen werden. Sagten Sie nicht, sie wären besonders für Sie angefertigt worden?«

»Ja, sie sind für mich gemacht worden,« antwortete Mitchel, »und sie können für ausgezeichnete Proben der Steinschneidekunst gelten. Kameenknöpfe sind indessen doch nicht so selten, als Sie annehmen, obgleich sie allerdings mehr von Damen getragen werden, und es war auch thatsächlich die Laune einer Dame, der diese ihre Entstehung verdanken. Ich wäre nicht –«

»Bei Gott!« rief Barnes, »diese Romeoköpfe sind nach Ihnen gemacht, und sie sind sehr ähnlich.«

»Aha, haben Sie das herausgefunden?«

»Ja, und die Julias sind Kopieen jenes Bildes.« Barnes wurde aufgeregt, denn wenn die Knöpfe Porträts waren und der, den er in der Tasche trug, ebenfalls das Bild der Dame auf der Staffelei zeigte, dann bestand offenbar ein Zusammenhang zwischen ihnen.

»Sie sind unruhig, Mr. Barnes. Was haben Sie?« fragte Mitchel, den Detektiv scharf beobachtend.

»Ich bin durchaus nicht unruhig.«

»Doch, und zwar ist es der Anblick der Knöpfe, der Sie so aufgeregt hat. Nun sagen Sie mir den Grund, weshalb Sie heute morgen hierher gekommen sind.«

»Mr. Mitchel, beantworten Sie mir zunächst eine Frage, doch überlegen Sie Ihre Antwort reiflich. Wie viel Knöpfe sind zu der Garnitur angefertigt worden?«

»Sieben,« versetzte Mitchel so rasch, daß Barnes nur erstaunt wiederholen konnte:

»Sieben? Sie sagten aber doch eben noch: sechs.«

»Ich weiß genau, was ich gesagt habe, denn ich vergesse nie eine von mir aufgestellte Behauptung, und alle meine Behauptungen sind wahr. Ich habe gesagt, die Garnitur bestehe aus sechs; Sie aber haben mich gefragt, wie viele es ursprünglich gewesen seien, und ich antworte sieben. Ist das klar?«

»Dann ist also einer verloren?«

»Durchaus nicht; ich weiß, wo er ist.«

»Was wollen Sie denn damit sagen, daß die Garnitur nur aus sechs bestehe?«

»Sie müssen entschuldigen, Mr. Barnes, wenn ich die Antwort auf diese Frage verweigere. Ich habe schon mehrere beantwortet, seit ich Sie gefragt habe, weshalb Sie diesen Morgen hierher gekommen sind.«

»Nun, das will ich Ihnen sagen,« erwiderte der Detektiv und spielte, wie er meinte, seine Trumpfkarte aus. »Ich habe den Thatort, wo ein schweres Verbrechen verübt worden ist, untersucht und den siebenten Knopf gefunden!« Hätte Barnes geglaubt, Mitchel werde vor Schreck zusammenfahren, zittern, oder sich benehmen wie ein gewöhnlicher Verbrecher, der einem schwerbelastenden Beweise gegenübergestellt wird, dann müßte er sehr enttäuscht gewesen sein, allein es ist wohl anzunehmen, daß ein so erfahrener Mann von einem so vollendeten Schauspieler wie Mitchel keine verräterische Gefühlsäußerung mehr erwartete. Interesse aber legte dieser doch an den Tag, denn er erhob sich und trat zu Barnes.

»Haben Sie ihn bei sich und wollen Sie ihn mir zeigen?«

Barnes zögerte eine Weile und überlegte, ob er Gefahr laufe, des Knopfs verlustig zu gehen, wenn er ihn Mitchel in die Hand gäbe, allein er entschied sich rasch, dem Verlangen zu willfahren.

Mitchel betrachtete den Knopf sehr genau mit der Miene eines Sachverständigen, warf ihn nach einigen Minuten sorglos in die Luft und fing ihn wieder auf.

»Was meinen Sie nun, Mr. Barnes, wenn ich mich nun weigerte, Ihnen den Knopf wiederzugeben?«

»Dann würde ich ihn mit Gewalt wieder zu bekommen suchen.«

»Sehr richtig, so wäre der Hergang in einem Theaterstück zum großen Gaudium der Galerie; im wirklichen Leben aber geht's anders her. Ich gebe Ihnen das Ding einfach zurück,« sprach Mitchel und überreichte Barnes den Knopf mit einer höflichen Verbeugung. »Ich gönne es Ihnen, es gehört nicht zu meiner Garnitur.«

»Nicht zu Ihrer Garnitur?« wiederholte Barnes ganz verblüfft.

»Nein, er gehört nicht dazu, es thut mir leid, daß ich Ihnen die Enttäuschung nicht ersparen kann, aber es ist so. Wie gesagt, bestand die Garnitur ursprünglich aus sieben, aber auf dem siebenten war der Kopf Shakespeares eingeschnitten. Meine Freundin trägt ihn als Vorstecknadel.«

»Aber wie erklären Sie die Thatsache, daß der Knopf, den ich hier habe, offenbar ein Porträt Ihrer Freundin vorstellt und ein Gegenstück zu denen an Ihrer Weste ist?«

»Lieber Mr. Barnes, ich erkläre sie gar nicht, denn ich bin nicht verpflichtet dazu, das ist Ihre Sache, wissen Sie.«

»Was meinen Sie, wenn ich zu dem Entschluß käme, Sie sofort zu verhaften und den Geschworenen die Entscheidung darüber anheimzustellen, ob dieser Knopf ursprünglich zu Ihrer Garnitur gehört hat oder nicht?«

»Das wäre mir natürlich sehr unbequem, aber dieser Gefahr ist man ja jeden Tag ausgesetzt, ich meine der Gefahr, daß man von einem ungeschickten Detektiv verhaftet wird. Verzeihung, werden Sie nicht wieder heftig, ich meinte nicht Sie, denn ich weiß, daß Sie viel zu verständig sind, mich zu verhaften.«

»Und woraus schließen Sie das, wenn ich fragen darf?«

»Erstens, weil Sie ganz bestimmt wissen, daß ich nicht durchbrenne, und zweitens, weil Sie nichts dadurch gewinnen würden, da ich alles, was ich gesagt habe, leicht beweisen kann, und Sie innerlich auch fest überzeugt sind, daß ich nicht gelogen habe.«

»Dann habe ich nur noch eine Bitte: Wollen Sie mir den siebenten Knopf oder vielmehr die Vorstecknadel zeigen?« sprach Barnes, indem er sich erhob.

»Da verlangen Sie sehr viel, aber ich will Ihnen unter einer Bedingung den Willen thun. Ueberlegen Sie es sich wohl, ehe Sie darauf eingehen. Als ich die Wette machte, habe ich nicht an die Möglichkeit gedacht, den Namen der Frau, die ich über alles liebe, mit hineinzuziehen. Sie hat den siebenten Knopf und trägt ihn beständig. Sie werden gar nichts gewinnen, wenn Sie ihn sehen, denn Sie werden meine Worte einfach bestätigt finden, woran sie ohnehin schon jetzt glauben. Aber wenn Sie mir versprechen, daß Sie die Dame niemals in dieser Angelegenheit belästigen wollen, bin ich bereit, Sie zu ihr zu führen, und sie wird Ihnen die Geschichte dieser Knöpfe erzählen.«

»Das Versprechen gebe ich Ihnen sehr gern, denn ich habe nicht den Wunsch, eine Dame zu belästigen.«

»Wie Sie wollen. Treffen Sie mich also pünktlich um zwölf Uhr unten in der Vorhalle, dann werde ich Sie nach der Wohnung der Dame führen; aber jetzt bitte ich Sie, mich zu entschuldigen, ich muß mich vollends anziehen.«

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