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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Drittes Kapitel.
Barnes entdeckt einen unkünstlerischen Mord.

Während des Frühstücks ging ein Mann schweigend durch den Saal. Niemand hätte vermutet, daß er einen besonderen Beweggrund dazu hatte, denn er beachtete keinen Menschen. Ebensowenig konnte man annehmen, daß Barnes ihn bemerkte, denn dieser kehrte ihm den Rücken, und doch war es derselbe Mensch, der auf seinen Befehl Rose Mitchel gefolgt war, als sie sich vom Bahnhof entfernt hatte. Nach beendetem Frühstück verließen die beiden Herren den Speisesaal, und als sie die Treppe erreicht hatten, trat Barnes höflich zur Seite, um seinem Begleiter den Vortritt zu lassen. Mitchel lehnte jedoch mit einer zuvorkommenden Handbewegung ab und ließ Barnes vorausgehen. Ob der andre wohl eine besondere Absicht dabei hatte? dachten beide, als sie schweigend die Treppe emporstiegen. Mitchel hatte sich jedenfalls den Vorteil gesichert, daß er den vor ihm her gehenden Detektiv beobachten konnte, allein es schien wenig zu sehen zu sein. Allerdings stand der Mann, der durch den Speisesaal gegangen war, müßig an der Thür, aber sowie Barnes erschien und ganz bestimmt, ehe er von Mitchel bemerkt sein konnte, ging er über die Straße und verschwand in einem gegenüberliegenden Hause. Hatten die beiden Detektivs heimlich ein Zeichen gewechselt? Obgleich Mitchel so schlau gewesen war, Barnes vorausgehen zu lassen, hatte er nichts gesehen, und doch ereignete sich folgendes: Barnes empfahl sich und ging davon. Mitchel dagegen blieb in der Thür stehen und blickte ihm nach, bis er ihn ins Stationsgebäude der Hochbahn eintreten sah, dann schaute er sich vorsichtig um und ging rasch in der Richtung der sechsten Avenue davon. Hätte er hinter sich gesehen, dann würde er vielleicht bemerkt haben, daß der Mann aus dem gegenüberliegenden Hause trat und ihm folgte. Sie waren etwa fünf Minuten gegangen, als Barnes wieder auf dem Schauplatze erschien und in das Haus ging, wo der andre Detektiv gestanden hatte. Er sah sich die Thürfüllung genau an, und bald fand sein Auge, was es suchte. Leicht mit Bleistift geschrieben standen die Worte da: »East dreißigste Straße Nr. ...« Das war alles, aber es sagte Barnes, daß Rose Mitchels Spur bis zu diesem Hause verfolgt worden war, und diese Adresse stimmte mit der von ihr selbst gegebenen überein. Er wußte also, daß sie jederzeit wiedergefunden werden konnte.

»Wilson ist recht umsichtig,« dachte der Detektiv, »er hat das ganz gut gemacht. Sah mich nicken, schrieb die Wohnung auf und verschwand sofort. Soll mich wundern, ob er diesen geriebenen Schelm im Auge behalten kann! Bah! Ich traue diesem Mitchel zu viel zu. Jedenfalls muß ich ihn für heute Wilson überlassen, da mich Freund Pettingill zunächst noch in Anspruch nimmt.« Eine halbe Stunde später befand er sich in seinem Büreau und besprach sich mit seinen Gehilfen.

Inzwischen ging Wilson hinter Mitchel her über den Broadway nach dem Kasinotheater, wo dieser Eintrittskarten kaufte. Dann schlug er die Richtung nach dem Hotel der fünften Avenue ein. Er nickte dem Portier zu, nahm seinen Schlüssel und stieg die Treppe hinan, er mußte also offenbar dort wohnen. Wilson hatte weiter keine Anweisungen. Nur aus einer Bewegung mit dem Kopfe nach rückwärts, die Barnes gemacht, hatte Wilson geschlossen, daß er den seinem Chef folgenden Herrn »beschatten« – so heißt in der Detektivsprache der Kunstausdruck für »auf Schritt und Tritt folgen« – sollte, und unter diesen Umständen war es seine einfache Pflicht, dies zu thun, bis er andre Aufträge erhielt. Das Hotel der fünften Avenue ist nicht leicht zu überwachen, wenn der darin wohnende Verfolgte weiß, daß er beobachtet wird, denn es hat drei Ausgänge: einen nach dem Broadway und je einen nach der dreiundzwanzigsten und der vierundzwanzigsten Straße. Wilson schmeichelte sich mit der Hoffnung, daß Mitchel noch nichts gemerkt habe, und daß er deshalb, welchen Ausgang er auch wählen mochte, zuerst seinen Schlüssel beim Portier abgeben würde. Diesen Punkt behielt er deshalb im Auge. Noch nicht eine halbe Stunde war verstrichen, als sein Mann erschien, wie erwartet, seinen Schlüssel abgab und durch die nach dem Broadway führende Thür das Haus verließ. An der dritten Avenue angelangt, ging er die nach der Straßenhochbahn führende Treppe hinan, und Wilson war genötigt, dasselbe zu thun, obgleich es ihn seinem Wilde unangenehm nahe brachte. Beide Männer bestiegen denselben Zug, Mitchel den ersten, Wilson den letzten Wagen. An der zweiundvierzigsten Straße verließ Mitchel den Zug und überschritt die Brücke. Statt aber den Anschlußzug nach dem Centralbahnhof zu benützen, wie man hätte erwarten sollen, schlüpfte er durchs Gedränge nach dem Hauptbahnsteig und stieg in einen nach der Unterstadt fahrenden Zug. Wilson gelang es, in denselben zu gelangen, aber es war ihm auch klar, daß sein Mann entweder etwas gemerkt hatte, oder ganz außerordentlich vorsichtig war. Dasselbe Spiel wiederholte sich noch mehrmals, bis Mitchel an der zweiundvierzigsten Straße den Zug nach dem Centralbahnhof bestieg. Sein ganzes Verfahren ging demnach offenbar aus Vorsicht hervor, er hatte keine Beschattung bemerkt und schlug den Weg nach seinem wirklichen Bestimmungsort ein. Mitchel war durch die erste Thür in den Wagen gestiegen und saß ruhig in der Ecke, als Wilson vorbeiging, um durch die Thür am andern Ende einzusteigen. Gleich darauf schlug der Schaffner die Thür an Wilsons Ende zu und zog den Klingelriemen. Schnell wie der Blitz sprang Mitchel auf und verließ den Wagen, gerade als er sich in Bewegung setzte und den vollständig überlisteten und verblüfften Wilson davonführte.

Das war ein schwerer Schlag für diesen, denn es lag ihm sehr viel daran, mit seinem Chef, Barnes, gut zu stehen, aber als er sich die Ereignisse der letzten Stunden vergegenwärtigte, vermochte er nicht einzusehen, wie er das Entrinnen Mitchels hätte verhindern können, zudem es offenbar war, daß dieser absichtlich so gehandelt hatte, um seinem Verfolger zu entgehen. Hätte Wilson etwas Näheres über den Mann gewußt, der ihm entschlüpft war, dann hätte er vielleicht seinen Bestimmungsort erraten, ihm vorauseilen und seine Spur wiederaufnehmen können. Jetzt aber befand er sich vollkommen im Dunkeln und konnte weiter nichts thun, als fluchen.

War er auch nicht im stande, zu berichten, wohin sich Mitchel begeben hatte, so konnte er wenigstens versuchen, festzustellen, wann er zurückkehrte, denn vielleicht gab die Dauer seiner Abwesenheit Barnes einen wertvollen Fingerzeig. In dieser Absicht bezog er seinen Posten vor dem Gasthofe wieder, nachdem er auf telephonische Anfrage beim Büreau noch erfahren hatte, daß Barnes nach Boston gefahren sei, um Pettingill zu holen. Als es sieben schlug und seine Geduld noch unbelohnt war, fiel es ihm plötzlich ein, daß Mitchel Einlaßkarten fürs Kasinotheater gekauft hatte. Das war vielleicht ein besserer Beobachtungsposten, obgleich er natürlich nicht wissen konnte, ob die Karten für denselben Abend waren. Auf diese magere Hoffnung hin eilte er nach der obern Stadt und stellte sich so auf, daß er alle sehen konnte, die ins Theater gingen. Zehn Minuten nach acht war er schon fast zum Schlusse gelangt, daß seine Mühe umsonst sei, als ein Wagen vorfuhr und er zu seiner Beruhigung sah, wie Mitchel ausstieg und einer fein gekleideten Dame heraushalf. Wilson hatte sich durch Kauf einer Einlaßkarte auf eine solche Möglichkeit vorbereitet, so daß er dem Paare ins Theater folgen konnte, und er that das mit der festen Absicht, seinen Mann nicht wieder aus dem Auge zu verlieren. Als die Oper zu Ende war, fand er es leicht, den beiden zu folgen, denn die Dame lehnte den angebotenen Wagen ab. Einigermaßen erstaunt war er aber doch, als er sie schließlich in demselben Miethause der dreißigsten Straße verschwinden sah, wohin am Morgen Rose Mitchels Spur geführt hatte. Das war ihm eine große Beruhigung, denn da seine beiden Vögel in denselben Taubenschlag geflogen waren, schien es auf der Hand zu liegen, daß ein Zusammenhang zwischen ihnen bestehe. Augenscheinlich hatte sich Mitchel nach diesem Hause begeben, als er ihm am Vormittag entwischt war; so schloß wenigstens der scharfsinnige Detektiv.

Wilson hatte etwa eine Stunde dem Hause gegenüber gewartet, als er durch einen durchdringenden, lauten Schrei erschreckt wurde. Ob er aus dem beobachteten, oder einem der Nachbarhäuser kam, konnte er nicht unterscheiden, aber er war überzeugt, daß er von einer Frau ausging. Dieser vereinzelte, furchtbare Schrei, der die Totenstille der Nacht unterbrochen hatte, war gruselig, so daß ihn ein kalter Schauer überlief. Zehn Minuten später wurde seine Aufmerksamkeit durch etwas andres erregt: hinter einem Fenster des fünften Stocks erlosch ein Licht. Das war an sich nichts Auffälliges, und er bemerkte es auch nur, weil es das einzige im ganzen Hause gewesen war. Während er dies bedachte, trat ein Herr aus dem Hause. In der Meinung, es sei Mitchel, folgte er rasch, und um jeden Irrtum zu vermeiden, eilte er auf der andern Seite der Straße voraus, überschritt an der Ecke der Avenue diese in schräger Richtung derart, daß er gleichzeitig mit dem Verfolgten, aber einen Schritt vor diesem unter der Straßenlaterne herging, wo ein rascher, aber scharfer Blick Wilson zeigte, daß es nicht Mitchel war. Er kehrte also auf seinen Posten zurück, hatte aber kaum ein paar Schritte gemacht, als ihm Mitchel auf der andern Seite der Straße entgegenkam. Einen Seufzer der Erleichterung ausstoßend, ließ er ihn vorübergehen und behielt ihn nun mit seiner gewohnten Gewandtheit im Auge, bis er ihn in den Gasthof eintreten sah, und da Mitchel seinen Schlüssel nahm und die Treppe emporstieg, war Wilson überzeugt, seine Wache für diese Nacht sei zu Ende. Er zog seine Uhr, um die Zeit festzustellen, und fand, daß es genau ein Uhr war. Im noch geöffneten Lesezimmer des Hotels schrieb er einen Bericht, den er durch einen besondern Boten nach Barnes' Büreau schickte, und dann fühlte er sich berechtigt, nach Hause zu eilen, um sich einen kurzen Schlaf zu gönnen – kurz, denn er kannte seine Pflicht, am nächsten Morgen bei Zeiten wieder auf seinem Posten zu sein, bis er andre Anweisungen von Barnes erhalten würde.

Dieser hatte seine Geschäfte in Boston so rasch erledigt, daß er noch mit dem Mitternachtszuge nach New York zurückkehren konnte. Nur einen Tag hatte er also verloren und durfte sich nun ganz dem Falle widmen, der sein tiefstes Interesse erregte.

Als er am Morgen nach seiner Rückkehr Wilsons Bericht las, war das einzige Zeichen der Enttäuschung ein ärgerliches Zerren an seinem Schnurrbart. Dreimal las er das Schriftstück durch und zerriß es dann in kleine Stücke, die er zum Fenster herauswarf, wo der Wind sie zerstreute.

Um halb acht Uhr erreichte Barnes das Haus in der dreißigsten Straße, trat in den Flur und las die Namen über den Briefkästen, aber keiner zeigte den, den er suchte. Indessen in Nr. 5 steckte keine Karte, und da er sich erinnerte, daß in Wilsons Bericht erwähnt war, im fünften Stock sei ein Licht erloschen, wußte er, daß dieser nicht unbewohnt sein konnte. Um hineinzugelangen, nahm er seine Zuflucht zu einer List, die oft von Einschleichdieben angewandt wird: an der verschlossenen innern Flurthür zog er die zum ersten Stock gehörige Klingel, und als sich die Thür geräuschlos geöffnet hatte, stieg er die Treppe empor und entschuldigte sich bei dem ihn im ersten Stock erwartenden Dienstmädchen damit, daß er die falsche Klingel gezogen habe. Dann setzte er seinen Weg nach dem fünften Stock fort, wo er an der Gangthür läutete. Er hätte ja gleich unten im Hausflur die zu diesem Stock gehörige ziehen können, allein er wollte sein Kommen dort nicht ankündigen, damit sich nicht jemand, der nicht gesehen sein wollte, entfernen konnte. Einige Minuten wartete er, ohne einen Laut von innen zu hören, und auch ein zweites Läuten hatte keinen besseren Erfolg. Nun drehte er die Thürklinke, ohne das geringste Geräusch zu machen. Zu seinem großen Erstaunen gab die Thür nach, er trat ein und schloß sie hinter sich. Anfangs glaubte er, er sei vielleicht doch in eine leere Wohnung geraten, allein ein Blick in ein offen stehendes Zimmer am andern Ende des Ganges zeigte ihm, daß es ein möbliertes Wohnzimmer war. Einen Augenblick zögerte er, dann aber schritt er leise nach dieser Stube hin und sah, daß niemand darin war. Vorsichtig schlich er wieder nach der Gangthür, drehte den Schlüssel im Schloß, steckte ihn in die Tasche und trat nun ins Zimmer. Es war schön und geschmackvoll ausgestattet, die Fenster sahen nach der Straße und zwischen ihnen stand ein zierlicher Schreibtisch, der offen war, als ob er kürzlich gebraucht worden sei. Die auf der Platte stehende Lampe war vielleicht die, von der das Licht ausgegangen war, das Wilson vor einigen Stunden hatte verschwinden sehen. In der den Fenstern gegenüberliegenden Wand befand sich eine nach dem dahinter liegenden Raume führende, aber geschlossene, zweiflügelige Schiebethür mit Glasscheiben, die auf mattem Grunde ein eingeschliffenes Muster zeigten. Durch eine durchsichtige Stelle blickend, konnte Barnes die Gestalt einer im Bett liegenden Frau erkennen. Der Anblick überraschte ihn, und er wußte zunächst nicht, was er weiter thun sollte. Vielleicht war es Mrs. Rose Mitchel, wie sie sich genannt hatte, aber sie schlief, und er war ohne Berechtigung in ihre Wohnung gedrungen. Allerdings betrachtete er sie als verdächtig, allein er wußte, daß er ohne triftigere Gründe, als die, die er hatte, sein Vorgehen vor dem Gesetz nicht verantworten konnte. Während er noch überlegend vor der Glasthür stand, fielen seine Blicke zufällig auf den Fußboden. Sofort wurden seine Augen durch etwas gefesselt, das ihn, so gewöhnt er an seltsame und unheimliche Erscheinungen war, zusammenschauern ließ. Ein winziges rotes Bächlein war unter der Thür durchgesickert und einige Zoll am Rande des Teppichs entlang geflossen. Augenblicklich beugte er sich nieder und tauchte seinen Finger hinein.

»Geronnenes Blut!« rief er leise und mit stockendem Atem.

Als er sich wieder aufgerichtet hatte, blickte er noch einmal durch die Glasthür in das Schlafzimmer. Die Gestalt im Bett hatte sich nicht gerührt, und nun schob er ohne Zögern die Thür auseinander. Ein Blick genügte ihm. Nur das eine Wort: Mord, stieß er zwischen den zusammengepreßten Lippen hervor, und alle Unsicherheit und Ungewißheit war aus seinen Bewegungen und seinem Handeln verschwunden. Eine große Blutlache, die den Teppich befleckte, vorsichtig überschreitend, trat er ans Bett und erkannte die Züge der Dame, die behauptet hatte, ihrer Edelsteine beraubt worden zu sein. Man hätte sie für schlafend halten können, wäre ihr Gesicht nicht durch einen Ausdruck des Schmerzes verzerrt gewesen, den die Erstarrung des Todes darin festgehalten hatte. Die Art ihres Todes war ebenso einfach als grausam: der Hals war ihr im Schlafe abgeschnitten worden, was daraus hervorzugehen schien, daß sie nur mit einem Nachthemd bekleidet war. Ein Umstand, der Barnes sofort auffiel und sehr rätselhaft erschien, war die Blutlache in der Nähe der Thür. Sie war volle sechs Fuß vom Kopfende des Bettes entfernt, und dort befand sich eine zweite, die durch das aus der Wunde geflossene und an den Betttüchern herabgetropfte Blut entstanden war, aber die beiden waren nicht miteinander verbunden.

»Nun,« dachte Barnes, »ich bin der erste an Ort und Stelle, und keine unbefugten Eindringlinge sollen mir die Sachen hier in Unordnung bringen, ehe ich sie mir genau angesehen und ihre Bedeutung studiert habe.«

Das Zimmer war eigentlich ein großer, mit der Wohnstube verbundener Alkoven, der ursprünglich als Speisezimmer gedient haben mochte. Das einzige Fenster öffnete sich in einen Luftschacht, und in einer Ecke befand sich ein hübsch geschnitzter Kamin. Barnes zog die Vorhänge des Wohnzimmers zurück, um mehr Licht einzulassen, und als er sich nun umsah, fiel ihm sofort zweierlei auf: erstens, auf dem Waschtisch ein Waschnapf halb mit Wasser gefüllt, dessen Farbe verriet, daß der Mörder vor seiner Entfernung verräterische Spuren abgewaschen hatte; und zweitens, im Kamin ein Häufchen Asche.

»Der Schurke hat die Beweisstücke gegen sich verbrannt und sich kaltblütig die Hände von Blut gereinigt, ehe er sich entfernt hat. Was sagte doch dieser Mitchel? ›Ich hätte die Blutspuren vom Teppich und auch vom Maule des Hundes abgewaschen, solange sie noch frisch waren.‹ In diesem Falle war der Fleck auf dem Teppich doch zu viel für ihn gewesen, aber sich selbst hat er gewaschen. Ist es wohl denkbar, daß es einen Menschen gibt, der mit dem Gedanken an eine solche Unthat eine Wette abschließen könnte, daß er nicht entdeckt werden würde? Bah! Das ist unmöglich!« So dachte Barnes, während er den vor ihm liegenden Thatbestand studierte. Zunächst beschäftigte er sich mit den Kleidern der Dame, die auf einem Stuhle lagen. Er durchsuchte die Taschen, ohne etwas zu finden, nur bemerkte er, daß an einem Unterrock ein Stück ausgeschnitten war, und als er jetzt die andern Kleidungsstücke nachsah, fiel es ihm auf, daß an allen dasselbe geschehen war. Wie ein Blitz kam ihm ein Gedanke. Er trat ans Bett und suchte an dem Nachthemd, womit die Ermordete bekleidet war, nach einem Zeichen, aber er konnte keins finden, und als er die Leiche umwandte, sah er, daß auch aus dem Nachthemd ein Zeichen ausgeschnitten war.

»Das erklärt das Blut an der Thür,« meinte Barnes. »Er hat sie aus dem Bett näher ans Licht getragen, um das Zeichen besser finden und ausschneiden zu können. Dann hat er sie wieder ins Bett geschleppt, damit er beim Umhergehen im Zimmer nicht über sie hinwegzuschreiten brauchte. Was für ein kaltblütiger Schurke! Aber eine bedeutsame Thatsache geht daraus hervor: ihr Name kann nicht Rose Mitchel gewesen sein, oder es hätte kein Grund vorgelegen, die Zeichen aus den Kleidern zu entfernen, da sie diesen Namen mehreren Leuten gegenüber angegeben hatte.«

Nun kehrte Barnes die im Kamin liegende Asche vorsichtig auf einer Zeitung zusammen und trug sie nach dem Fenster des Vorderzimmers. Seine Prüfung ergab zweierlei: der Mörder hatte erstens die Stoffstückchen verbrannt, die mit den Zeichen aus den Kleidern geschnitten worden waren; und zweitens eine Anzahl Briefe. Daß der Mensch mit voller Ueberlegung gehandelt hatte, ging daraus hervor, daß die Verbrennung sehr gründlich vorgenommen worden war, denn nichts war den Flammen entgangen, als zwei an einem Stoffstückchen hängende Knöpfe und die Ecken einiger Briefumschläge. Aergerlich warf Barnes die Asche in den Kamin zurück und wandte seine Aufmerksamkeit dem Schreibtisch zu. Er zog alle Schubladen hervor, sah in jede Ecke und Fuge, aber seine Nachforschungen waren erfolglos; er fand weiter nichts, als ungebrauchtes Briefpapier und Umschläge der gewöhnlichen Art.

Als er noch einmal in den Raum zurückkehrte, wo die Leiche lag, bemerkte er einen Koffer. Er hob den Deckel auf und sah, daß der Inhalt wirr durcheinander lag. Augenscheinlich war er eilig durchsucht und unordentlich wieder hineingeworfen worden. Barnes nahm die Sachen einzeln heraus und prüfte sie sorgfältig. Bei der Wäsche und allen ähnlichen Gegenständen, die gewöhnlich gezeichnet sind, fand sich eine Stelle, wo ein Stück herausgeschnitten war. »Es müssen dringende Gründe vorgelegen haben, die Persönlichkeit des Frauenzimmers zu verbergen, oder der Schurke wäre nicht so gründlich zu Werke gegangen,« sprach Barnes für sich, und als er bei diesen Worten das in seiner Hand befindliche Stück in den Koffer zurücklegen wollte, verriet ein knisterndes Geräusch, daß ein Stück Papier in dessen Tasche steckte. Hastig zog er es hervor und sah zu seiner Freude, daß er etwas Geschriebenes gefunden hatte. »Endlich eine Spur!« rief er aus und eilte mit seinem Funde ans Fenster des Vorderzimmers, wo er folgendes las:

» Verzeichnis der Edelsteine:

Ein Diamant, 15¼ Karat $ 15 000
Ein Smaragd, 15½ Karat " 15 000
Ein Rubin, 15¾ Karat " 20 000
Ein Saphir, 10 Karat " 5 000
Eine Perle, birnförmig weiß " 15 000
Eine Perle, birnförmig, schwarz " 10 000
Eine Perle, eiförmig, weiß " 5 000
Eine Perle, eiförmig, schwarz " 5 000
Ein kanarischer Diamant " 5 000
Ein Topas, 200 Karat " 5 000
    ________
  $ 100 000.

Die zehn Edelsteine sind alle vollendete Exemplare ihrer Gattung; die vier ersten sind genau gleich geschnitten, die birnförmigen Perlen annähernd von gleicher Größe, der kanarische Diamant ist länglich, und der Topas von unvergleichlicher Schönheit.

Die Sammlung ist in einem Etui von Juchtenleder enthalten, sechs Zoll lang und vier Zoll breit, mit blauem Atlas gefüttert.

Jeder Stein liegt in einer seiner Form entsprechenden Vertiefung, wo er durch eine goldne Klammer festgehalten wird. Das Etui trägt den Namen ›Mitchel‹ in Goldbuchstaben auf dem Riemen, der das Ganze zusammenhält.«

Das war alles; eine Unterschrift trug das Verzeichnis nicht, was Barnes sehr bedauerte, allein er fühlte doch, daß er ein sehr wichtiges Papier in Händen hielt, das die Angabe der Dame, es sei ihr eine Anzahl ungefaßter Edelsteine gestohlen worden, zu bestätigen schien, und es war natürlich von großem Werte, eine so genaue Beschreibung der gestohlenen Kleinodien zu besitzen. Vorsichtig steckte er das Papier in seine Brieftasche und kehrte zum Leichnam zurück. Eine nähere Besichtigung der Wunde am Halse führte ihn zum Schlusse, daß der Mörder ein gewöhnliches Taschenmesser gebraucht habe, denn sie war weder tief, noch lang und durchschnitt nur die Hauptschlagader. Auch hieraus schloß der Detektiv, daß die Dame im Schlafe überfallen worden sei, und das legte die Frage nahe: »Besaß der Mörder die Mittel, das Haus unbemerkt zu betreten? Entweder muß er die erforderlichen Schlüssel gehabt haben, oder er ist von jemand anderem eingelassen worden.« Barnes fuhr zusammen, als ihm einfiel, daß Wilson kurze Zeit, ehe er den Schrei gehört, gesehen hatte, wie Mitchel in das Haus gegangen war und es bald danach wieder verlassen hatte. War dies die Dame, mit der er im Theater gewesen war? Wenn ja, wie kam es, daß sie sich so bald zurückgezogen hatte und eingeschlafen war? Das waren Umstände, die noch näherer Aufklärung bedurften.

Während er darüber nachdachte, wanderten seine Blicke im Zimmer umher und wurden schließlich durch einen glänzenden Gegenstand angezogen, der in der Nähe des Koffers auf dem Fußboden lag und durch einen einfallenden Lichtstrahl getroffen wurde, der das Funkeln veranlaßt hatte. Einige Augenblicke betrachtete Barnes den Gegenstand, ohne daß es ihm zum Bewußtsein gekommen wäre, dann aber hob er ihn auf, ohne sich viel dabei zu denken. Kaum hatte er ihn aber näher betrachtet, als ein Leuchten des Triumphs in seinen Augen erschien. Er hielt einen Knopf in der Hand, der aus einer schönen Kamee mit einem weiblichen Kopf im Profil, worunter der Name »Julia« stand, hergestellt war.

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