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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 2
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Erstes Kapitel.
Eine seltsame Wette.

»Jack Barnes bleibt nie sitzen, darauf können Sie jede Wette eingehen.«

»Na, na, um ein Haar war's doch so weit,« erwiderte der Schaffner des Pullmanwagens, der Barnes bei seinem verzweifelten Versuche, auf den Mitternachtsexpreßzug zu springen, als dieser aus dem Bahnhof von Boston hinausrollte, hilfreiche Hand geleistet hatte. »Ich möchte Ihnen doch raten, nicht zu oft auf Züge zu springen, die schon im Gange sind.«

»Danke für den guten Rat und für Ihre Hilfe; hier ist ein kleines Trinkgeld für Sie. Nun zeigen Sie mir meinen Platz, ich bin todmüde.«

»Hierher, Nr. 10, es ist alles bereit, Sie können gleich zu Bett gehen.«

Niemand war zu sehen, und wenn noch andre Reisende in demselben Wagen fuhren, hatten sie sich schon zurückgezogen. Barnes war wirklich sehr müde und hätte eigentlich sofort einschlafen sollen, allein sein Gehirn schien ungewöhnlich thätig zu sein, und der Schlaf wollte nicht kommen.

Jack Barnes, der für einen der geschicktesten Detektivs von New York galt, wo er eine von ihm begründete Anstalt leitete, hatte eben eine schwierige Aufgabe in höchst befriedigender Weise gelöst. In New York war ein großer Diebstahl begangen worden, und ein durch die schwerstwiegenden Anzeichen anscheinend begründeter Verdacht hatte auf einen jungen Mann gewiesen, der alsbald verhaftet worden war. Zehn Tage lang hatte sich die Presse mit dem Verdächtigen beschäftigt und die öffentliche Meinung von seiner Schuld zu überzeugen versucht, während Barnes in aller Stille die Stadt verlassen hatte. Zwölf Stunden, bevor wir seine Bekanntschaft machen, waren die Leute, die ihre Zeitungen bei ihrem Morgenkaffee zu lesen pflegen, durch die Nachricht überrascht worden, daß der Verhaftete unschuldig und der wirkliche Verbrecher durch den scharfsichtigen Jack Barnes ergriffen worden sei; und was noch besser war, auch das gestohlene Gut, das sich auf dreißigtausend Dollars belief, hatte er wieder herbeigeschafft.

Nur schwache Anzeichen, die ihm aber sehr vielversprechend erschienen waren, hatten ihn veranlaßt, diese Spur aufzunehmen. Er war seinem Opfer wie dessen Schatten von Stadt zu Stadt gefolgt und hatte es Tag und Nacht überwacht. Jetzt, wo er seinen Mann in Boston in sichern Gewahrsam gebracht hatte, war er auf dem Wege nach New York, um die für die Auslieferung nötigen Papiere zu besorgen.

Wie erwähnt, lag er trotz seiner Müdigkeit wach auf seinem Lager, als er die folgenden Worte vernahm: »Wenn ich etwas begangen hätte und wüßte, daß dieser Barnes hinter mir her wäre, würde ich die Flinte ins Korn werfen und mich einfach stellen.«

Das war ein aussichtsvoller Anfang, und da er doch nicht schlafen konnte, schickte sich Barnes an, zu horchen, denn das gehörte nun einmal zu seinem Handwerk. Die Stimme, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte und die, wie er deutlich hörte, aus Nr. 8, der nächsten Abteilung, kam, klang zwar leise, aber sein Gehör war scharf.

»Daß du das thun würdest, bezweifle ich keinen Augenblick,« antwortete eine zweite Stimme, »du überschätzest eben die Geschicklichkeit des modernen Detektivs. Mir würde es Vergnügen machen, von einem von ihnen verfolgt zu werden, das wäre ein Hauptspaß und, wie ich glaube, müßte es sehr leicht sein, ihn tüchtig an der Nase herumzuführen.«

Der Mann, der dies äußerte, besaß eine klangvolle Stimme und eine sehr deutliche Aussprache, obgleich er kaum lauter als im Flüstertone gesprochen hatte. Vorsichtig hob Barnes den Kopf und ordnete seine Kissen so, daß sein Ohr dicht an der Trennungswand lag, wodurch es ihm sehr erleichtert wurde, das Gespräch zu hören.

»Aber verfolge nur mal,« fuhr die erste Stimme fort, »wie dieser Barnes dem Pettingill Tag und Nacht auf der Spur geblieben ist, bis er ihn endlich in der Falle hatte. Gerade, als der Kerl sich in Sicherheit wähnte, wurde er gefaßt. Du mußt doch zugeben, daß Barnes das sehr geschickt angefangen hat.«

»O ja, in seiner Art ganz geschickt, aber etwas besonders Künstlerisches war nicht dabei. Das war freilich nicht des Detektivs Fehler, sondern der des Verbrechers. Das Verbrechen an sich war unkünstlerisch ausgeführt, Pettingill hat Dummheiten gemacht, und Barnes war schlau genug, den Fehler zu sehen; bei seiner Erfahrung und Geschicklichkeit war dann das Ergebnis unvermeidlich.«

»Mir will es scheinen, daß du entweder keine ausführliche Beschreibung des Falles gelesen hast, oder daß du die Leistung des Detektivs nicht würdigst. Alles, was er hatte, um auf die Spur Pettingills zu kommen, war ein Knopf.«

»Nur ein Knopf – aber was für einer! Das ist es eben, worin der Verbrecher nicht künstlerisch verfahren ist. Er hätte den Knopf nicht verlieren dürfen.«

»Das wird wohl ein Zufall gewesen sein, und einer von denen, die er nicht vorhersehen und verhüten konnte.«

»Sehr richtig, und gerade diese kleinen, unvorhergesehenen, aber immer eintretenden Zufälle bringen so viele ins Gefängnis und an den Galgen und verhelfen unsern Detektivs zu einem billigen Ruhm. Das ist der Kernpunkt der ganzen Frage. Das Spiel zwischen dem Detektiv und dem Verbrecher ist zu ungleich.«

»Ich verstehe dich nicht ganz.«

»Dann werde ich dir eine Vorlesung über Verbrechen halten. Im gewöhnlichen Leben steht Verstand gegen Verstand; das gilt vom Gelehrten, wie vom Handwerker. Hirn reibt sich an Hirn, und das Ergebnis ist, daß die Welt die glänzendsten Gedanken erhält. So schreitet die Wissenschaft des ehrlichen Broterwerbs. fort. Beim Verbrecher liegt die Sache anders. Er kämpft gegen überlegene Kräfte. Seine Berufsgenossen, wenn ich mich so ausdrücken darf, ringen nicht gegen ihn, sondern sind vielmehr seine Helfershelfer. Er hat demnach nur gegen den Detektiv zu kämpfen, der die Gesellschaft und das Gesetz vertritt. Kein Mensch, das läßt sich wohl behaupten, ist aus freier Wahl Verbrecher, und die Zwangslage, worin dieser handelt, führt zu seiner Entdeckung.«

»Dann müßten also alle Verbrecher gefangen werden.«

»Richtig, alle Verbrecher müßten gefangen werden, und daß sie das nicht werden, spricht gegen deinen Detektiv, denn jeder Verbrecher handelt unter dem Zwange einer gewissen Unfreiheit, und darin liegt der Keim seiner Niederlage. Zum Beispiel: Du kannst behaupten, daß jeder Verbrecher seinen Plan im voraus mache und daß man deshalb annehmen sollte, er wäre im stande, sorgfältig zu vermeiden, daß verräterische Spuren seiner That zurückbleiben. Das ist aber höchst selten der Fall. Meist tritt etwas Unerwartetes ein, worauf er nicht vorbereitet ist. Sofort sieht er das Gefängnis vor sich, und seine Furcht jagt seine Vorsicht in alle Winde, so daß er, wie wir gesehen haben, eine Spur hinterläßt.«

»Aber wenn du sagst, daß das Unerwartete fast immer eintritt, gibst du doch selbst die Möglichkeit zu, daß sich etwas ereignen kann, was er nicht vorauszusehen und wogegen er sich nicht zu schützen vermochte.«

»Das ist im angenommenen Falle auch ganz richtig. Aber laß die Zwangslage aus dem Spiele, die unserm Verbrecher die volle Freiheit des Handelns raubt, und mache ihn mal zu einem Manne, der das Verbrechen wissenschaftlich und als Kunstwerk betreibt! Dann haben wir es zunächst mit einem Menschen zu thun, der sich auf mehr Zufälle vorbereitet, und ferner mit einem, der besser mit unerwarteten Vorkommnissen während der Ausführung seines Verbrechens fertig zu werden weiß. Wenn ich, zum Beispiel, falls du mir die Eitelkeit zu gute halten willst, ein Verbrechen beginge, würde ich nicht als Thäter entdeckt werden.«

»So? Ich glaube, daß du infolge deiner Unerfahrenheit erwischt werden würdest – ebenso rasch, wie dieser Pettingill. Es war sein erstes Verbrechen, wie du weißt.«

»Willst du eine Wette eingehen?« Bei diesen Worten fuhr Barnes auf, und er wartete gespannt auf die Antwort, denn er hatte augenblicklich verstanden, was der Sprecher meinte, während der andre Hörer den Sinn der Frage nicht erfaßt zu haben schien.

»Ich verstehe dich nicht. Worauf soll ich wetten?«

»Du behauptest, wenn ich ein Verbrechen beginge, würde ich etwa ebenso rasch als dieser Pettingill erwischt werden. Gut, ich bin bereit, mit dir zu wetten, daß ich ein Verbrechen begehen kann, das ebensolches Aufsehen erregen soll, wie das seine, und daß ich nicht gefaßt, oder ich will lieber sagen, nicht überführt werden soll. Gegen Verhaftung will ich nicht wetten, denn, wie wir in diesem Falle gesehen haben, werden manchmal Unschuldige eingesponnen, deshalb mache ich Ueberführung zur Bedingung.«

»Verstehe ich dich recht? Erbietest du dich alles Ernstes, ein Verbrechen zu begehen, nur um eine Wette zu gewinnen? Das begreife ich nicht.«

»Auch Pettingills Angehörige haben ihn vielleicht nicht begriffen. Aber du brauchst dir keine Gedanken zu machen; ich übernehme jede Verantwortung. Nun, was sagst du dazu? Bist du mit tausend Dollars einverstanden? Ich bedarf einer kleinen Aufregung.«

»Nun, du sollst die kleine Aufregung haben, mir tausend Dollars zu bezahlen, denn wenn ich auch nicht glaube, daß du wirklich die Absicht hast, ein Verbrecher zu werden, werde ich auf jeden Fall aus deinem Anerbieten Nutzen ziehen.«

»Auf jeden Fall, wie meinst du das?«

»Das ist doch klar. Entweder du begehst kein Verbrechen, dann mußt du berappen, oder du begehst eins, dann wirst du erwischt und mußt wieder berappen. Ich werde dich dann zwar in Zukunft schneiden, aber dein Geld nehme ich.«

»Du nimmst also die Wette an?«

»Gewiß.«

»Abgemacht. Nun die Bedingungen: Ich behalte mir einen Monat vor, um mein Verbrechen zu planen und auszuführen, und verpflichte mich, ein Jahr lang den Detektivs zu entgehen, das heißt also, wenn ich nach Ablauf eines Jahres noch auf freiem Fuß bin und dir beweisen kann, daß ich in der festgesetzten Zeit ein Verbrechen begangen habe, dann habe ich die Wette gewonnen. Sitze ich in Untersuchungshaft, dann kann die Wette erst entschieden werden, wenn die Verhandlung stattgefunden hat und ich entweder verurteilt oder freigesprochen bin. Bist du damit einverstanden?«

»Vollkommen. Aber was für eine Art von Verbrechen willst du denn begehen?«

»Du bist sehr neugierig, mein Freund. Die Wette ist abgeschlossen und meine gerühmte Vorsicht muß ihren Anfang nehmen, deshalb darf ich dir nichts über das von mir in Aussicht genommene Verbrechen ausplaudern.«

»Was? Meinst du etwa, ich würde dich verraten? Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich das nicht thun werde, und will mich verpflichten, in diesem Falle den fünffachen Betrag der Wette zu zahlen.«

»Ich ziehe es vor, daß du volle Freiheit des Handelns habest, und denke mir, die Sache wird etwa so zugehen: Jetzt glaubst du innerlich nicht daran, daß ich meine Absicht ausführen werde, und deine Freundschaft für mich ist unvermindert. Ferner rechnest du darauf, daß, wenn ich trotzdem ein Verbrechen begehe, es nur eine Kleinigkeit sein wird, die zu verzeihen du mit deinem Gewissen vereinigen könntest. Gesetztenfalls aber, es sollte innerhalb der verabredeten Zeit ein wirklich großes Verbrechen bekannt werden, dann würdest du sofort zu mir gerannt kommen und mich auf den Kopf fragen, ob ich es begangen hätte. Natürlich verweigere ich die Antwort. Das würdest du für ein Schuldbekenntnis halten und aus Furcht, als Mitwisser angesehen zu werden, und um dein Gewissen zu wahren, die ganze Geschichte verraten.«

»Jetzt fange ich aber wirklich an, mich beleidigt zu fühlen, Bob. Ich hätte nicht geglaubt, daß du mir so wenig trautest.«

»Nun, werd' nur nicht böse, alter Freund. Vergiß nicht, daß du mich erst vor wenigen Minuten gewarnt hast, du würdest mich nach meinem Verbrechen schneiden. Wir Verbrechenskünstler müssen auf jede Wendung gefaßt sein.«

»Ich habe unüberlegt gesprochen und habe es nicht ernst gemeint.«

»Doch, doch, du hast in vollem Ernst gesprochen, aber ich nehme dir das nicht übel. Du sollst also berechtigt sein, über unsre Wette zu sprechen, wenn du Gewissensbisse fühlst. Es ist am besten, wenn ich mich auch darauf vorbereite. Aber es gibt noch eine andre Möglichkeit der Entdeckung. Kannst du nicht erraten, welche?«

»Nein, es sei denn, daß du dein eigenes Geständnis meinst.«

»Nein, obgleich auch das in Betracht kommen könnte. Hast du nicht bemerkt, daß da jemand schnarcht?«

»Nein.«

»Horch! Hörst du es jetzt? Es ist kein eigentliches Schnarchen, sondern mehr ein erschwertes Atmen. Der Mensch befindet sich in der dritten Abteilung von uns. Siehst du, worauf ich hinaus will?«

»Ich muß gestehen, daß ich keine Anlage zum Detektiv habe.«

»Aber, lieber Freund, wenn wir den Menschen hören, warum kann dann nicht ebensogut jemand in der nächsten Abteilung unser Gespräch belauscht haben?« Barnes konnte nicht umhin, diesen Mann, der jede Möglichkeit in Betracht zog, zu bewundern.

»Ach was! Alles liegt im tiefsten Schlafe.«

»Der gewöhnliche Verbrecher verläßt sich vielleicht auf solche Annahmen, ich thue das aber nicht. Eine Möglichkeit, wenn auch eine entfernte, ist vorhanden, daß uns jemand in Nr. 10 belauscht hat; es kann sogar ein Detektiv sein, und, schlimmer noch, es kann Barnes sein.«

»Na, das muß ich wirklich sagen, wenn du mit so entfernten Möglichkeiten rechnest, dann verdienst du zu entrinnen.«

»Entrinnen werde ich auch, aber die Möglichkeit ist doch nicht so entfernt, als du annimmst. Ich habe in der Zeitung gelesen, daß Barnes heute abend nach New York zurückkehren will. Nehmen wir mal an, diese Mitteilung wäre begründet, dann ständen ihm drei Züge zur Verfügung: einer um sieben, der zweite um elf und dieser. Eine aus dreien ist keine so entfernte Möglichkeit.«

»Aber unser Zug besteht aus zehn Wagen.«

»Wieder ein Trugschluß. Nach seinen Anstrengungen nimmt er sicher einen Schlafwagen. Du wirst dich entsinnen, daß ich mich erst in der letzten Minute entschlossen habe, heute abend nach New York zurückzukehren, und als wir auf dem Bahnhof ankamen, war der Schlafwagen so besetzt, daß dieser noch angehängt werden mußte. Wenn sich Barnes seine Fahrkarte nicht schon im Laufe des Tages besorgt hat, muß auch er in diesem Wagen sein.«

»Hattest du einen besonderen Grund, an Nr. 10 zu denken?«

»Ja, ich weiß, daß Nr. 6 unbesetzt ist, aber gerade als der Zug sich in Bewegung setzte, kam noch jemand herein, und ich glaube, er nahm Nr. 10.«

Barnes fing an, zu denken, daß er große Schwierigkeiten haben werde, dieses Mannes Verbrechen zu entdecken, wenn er wirklich eins begehen sollte, trotz des günstigen Umstandes, daß er schon so viel wußte.

»Du siehst also, daß es zwei Wege gibt, auf denen meine Absicht bekannt werden kann, und das ist sehr ernst, wenn sie außer acht gelassen werden. Da ich aber diese Möglichkeiten kenne, im voraus kenne,« fuhr der Sprecher fort, »werden sich keine Schwierigkeiten daraus ergeben, und die Mitwissenschaft wird für den Detektiv von gar keinem Werte sein, selbst wenn es Barnes sein sollte.«

»Wie willst du diese Gefahr vermeiden?«

»Lieber Junge, bildest du dir auch nur einen Augenblick ein, ich würde diese Frage beantworten, nachdem ich eben darauf aufmerksam gemacht habe, daß uns möglicherweise ein Detektiv belauscht? Eine Andeutung will ich dir indessen geben. Du hast gesagt, Pettingill habe nur einen Knopf verloren, und warst der Ansicht, Barnes sei ungeheuer geschickt gewesen, ihn durch diesen Knopf aufzuspüren. Wenn ich einen Knopf meiner Weste verlöre, würde mich Barnes in noch weniger als zehn Tagen gefaßt haben, denn meine Knöpfe sind die einzigen ihrer Art in der Welt.«

»Wie kommt das? Ich habe immer geglaubt, daß Knöpfe zu Tausenden in gleicher Art hergestellt würden.«

»Nicht alle. Aus Gründen, die der möglicherweise horchende Detektiv nicht zu wissen braucht, hat eine Freundin von mir auf einer Reise nach Europa eine Garnitur besonders anfertigen lassen und mir mitgebracht. Es sind fein geschnittene Kameen, von denen die Hälfte den Profilkopf der Julia, die andre den des Romeo trägt.«

»Aha, ein Roman.«

»Das gehört nicht hieher. Nimm einmal an, ich verfiele auf einen Einbruch, um die Wette zum Austrag zu bringen. Da ich weder in Hinsicht der Zeit, noch des Ortes in einer Zwangslage bin, würde ich mir meine Gelegenheit sorgfältig wählen, zum Beispiel, wenn nur ein Einziger den Schatz bewacht. Diesen würde ich chloroformieren und fesseln und mich dann meiner Beute bemächtigen. Im Augenblick, wo ich mich entfernen will, erwacht ein Schoßhund, von dem ich nichts gewußt habe, und bellt mich wütend an. Endlich gelingt es mir, ihn zu fassen, aber dabei beißt mich der Köter in die Hand, und während ich in erdroßle, reißt er mir im Todeskampfe einen Knopf von der Weste, der zu Boden fällt und fortrollt. Ein gewöhnlicher Einbrecher würde durch alles dies den Kopf so sehr verlieren, daß er sich eiligst auf und davon machte, ohne gewahr zu werden, daß er gebissen worden, daß Blut geflossen wäre und daß er einen Knopf verloren hätte. Am nächsten Tage wird Barnes gerufen. Die Dame hat ihren Kutscher im Verdacht, und Barnes stimmt dessen Verhaftung zu, nicht weil er, sondern weil seine Herrin ihn für schuldig hält, und besonders, weil seine Verhaftung den wahren Schuldigen sicher macht. Barnes bemerkt Blut auf dem Fußboden und am Maule des toten Hundes und findet den Knopf. Durch den Knopf kommt er auf die Spur des Diebes mit der gebissenen Hand, und die Geschichte ist zu Ende.«

»Aber wie würdest du alles das vermeiden?«

»Wenn ich verständig wäre, würde ich bei einer solchen Gelegenheit keine verräterischen Knöpfe an mir tragen. Aber laß uns mal annehmen, ich wäre bei der Wahl des Zeitpunktes zur Ausführung der That nicht ganz unabhängig gewesen, dann könnte es sein, daß ich die Knöpfe trüge. Sicher, wie ich wäre, daß die einzige im Hause anwesende Person gefesselt und chloroformiert sei, würde ich den Kopf nicht verlieren, ebensowenig ließe ich mich beißen, und wenn dies dennoch geschähe, würde ich mir die Zeit nehmen, die Blutflecken vom Teppich und vom Maule des Hundes abzuwaschen. Ich würde den Verlust des Knopfes entdecken, ihn suchen und finden, meines Opfers Fesseln lösen, die Fenster öffnen, damit der Geruch des Chloroforms in der Nacht abziehen könnte, und am nächsten Morgen wären die einzigen Spuren des Verbrechens der erdrosselte Hund und das Fehlen des gestohlenen Gutes.«

»Dein Verfahren unter zurecht gelegten Umständen zu erklären, ist sehr leicht, aber ich bezweifle sehr, daß du an Pettingills Stelle im stande gewesen wärest, deine volle Geistesgegenwart zu bewahren und den verlorenen Knopf, der zu seiner Entlarvung führte, wiederzufinden.«

»Da kannst du recht haben, denn wenn ich Pettingill gewesen wäre, dann hätte ich eben, wie er, in einer Zwangslage gehandelt. Ich glaube aber doch nicht, daß ich den Knopf an mir getragen haben würde, wenn ich den Einbruch geplant und die Zeit nach eigenem Belieben gewählt hätte, wie er das gethan hat. Der Knopf war nämlich aus einer seltenen alten Münze gefertigt. Barnes ging zu allen Antiquitätenhändlern und fand den Mann, der Pettingill den Knopf verkauft hatte. Alles übrige ergab sich von selbst.«

»Nun, ich muß sagen, du bist sehr von dir überzeugt, aber es soll mir nicht darauf ankommen, durch deine Eitelkeit tausend Dollars zu gewinnen. Jetzt bin ich aber müde und will schlafen: also gute Nacht.«

»Gute Nacht, alter Freund. Träum', wie du tausend Dollars verdienen kannst, die ich von dir gewinnen werde.«

Für Barnes war nicht mehr an Schlaf zu denken. Der neue Fall, denn dafür hielt er das Gehörte, zog ihn ungemein an. Entschlossen, den Menschen, der eine Wette gegen seinen Scharfsinn eingegangen war, abzufassen – und was er gehört hatte, war ein großer Schritt auf dem Wege zum schließlichen Erfolge – nahm er sich vor, seinen Mann während des festgesetzten Monats nicht aus den Augen zu verlieren, aber ganz besonderes Vergnügen bereitete ihm der Gedanke, ihm zu gestatten, sein Verbrechen auszuführen, und ihn dann auf frischer That zu ertappen. Leise verließ er seine Abteilung, schlich in eine gegenüberliegende, von wo aus er Nr. 8 im Auge behalten konnte, und richtete sich hier auf eine Nachtwache ein.

»Es sollte mich gar nicht wundern, wenn der schlaue Satan seine Absicht noch diese Nacht ausführte. Ich will es hoffen, denn ehe er es gethan hat, ist an Schlaf nicht für mich zu denken.«

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