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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 19
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Achtzehntes Kapitel.
Barnes' Bericht.

»Meine Herren,« begann Barnes, indem er sich erhob, »ich bin nur ein schlichter Mann und folge einem Berufe, den manche über die Achsel ansehen, der mir aber die einfache Pflicht eines mit den dazu unentbehrlichen Gaben ausgestatteten Menschen zu sein scheint. Unser Gastgeber würde ein ausgezeichneter Detektiv werden, und wenn ich Ihnen das Wenige erzähle, was ich gethan habe, muß ich vorausschicken, daß ich ohne Mr. Mitchels wertvolle Hilfe nichts erreicht hätte.

»Ich hatte in dem Zimmer, in dem der Mord begangen worden war, einen eigentümlichen Knopf gefunden, der einer in Mr. Mitchels Besitz befindlichen Garnitur so genau glich, daß er auf ihn als den Schuldigen hinzuweisen schien. Viel Zeit habe ich darauf verwandt, diesen Zusammenhang aufzuklären, aber sie war nicht verschwendet, denn die Nachforschungen führten dazu, daß ich den wahren Namen der Ermordeten, Rose Montalbon, entdeckte, und das hat mir bei meiner späteren Arbeit sehr wesentlich geholfen; ferner sah ich Mr. Mitchels Unschuld ein, gab dies offen zu und erhielt nunmehr von ihm den Namen der Juweliere, die die Knöpfe geliefert hatten und die in Paris wohnen, wohin ich mich begab.

»Der in meinem Besitz befindliche Knopf hatte einen Fehler, und das war der Punkt, von dem ich ausging. Die Juweliere nannten mir den Namen des Mannes, der die Kameen für sie geschnitten hatte, aber von dem unvollkommenen Knopfe wußten sie nichts. Auch vom Steinschneider hatten sie keine Kenntnis mehr, und selbst mit Hilfe der Pariser Polizei kostete es mich einen Monat, den Mann zu finden. Endlich gelang es mir, und er teilte mit, er habe den Knopf einem Freunde verkauft. Dieser hatte ihn einer Dame geschenkt, und als auch diese endlich gefunden war, stellte es sich heraus, daß ihr der Knopf, den sie wiedererkannte, von einem von ihr als Kreolin bezeichneten Frauenzimmer gestohlen worden war. So gelangte ich zuletzt auf die Spur der Montalbon. Ich brachte bald heraus, daß sie einen Freund Namens Jean Molitaire hatte. Dieser war ein Angestellter der Pariser Juwelierfirma, und zwar hatte er die Absendung der verkauften Juwelen zu besorgen. Von seiner Hand rührten die beiden Beschreibungen der Edelsteine her, von denen ich die eine unter den Sachen des ermordeten Frauenzimmers, die andre in Mr. Mitchels Besitz gefunden hatte, ein Umstand, der mir damals sehr rätselhaft, aber auch sehr verdächtig erschienen war.

»Wie es scheint, hat Mr. Mitchel von diesem Frauenzimmer früher einmal wertvolle Papiere gekauft, sie mit Brillanten bezahlt und der Dame geraten, diese der Pariser Firma zu verkaufen, zu welchem Zwecke er ihr einen Empfehlungsbrief an diese mitgab.«

»Das geschah zum Teil,« warf Mitchel dazwischen, »weil ich die Person aus Amerika entfernen, zum Teil, weil ich die Brillanten gern wieder haben wollte, was mir auch durch Vermittelung des Pariser Hauses gelang.«

»Bei Gelegenheit des Verkaufs dieser Brillanten sah sie Molitaire,« fuhr Barnes fort. »Kurze Zeit darauf kaufte Mr. Mitchel die zweite Edelsteinsammlung, und Molitaire war dieses Geschäft natürlich bekannt, denn er mußte die Steine zur Verschiffung nach Boston verpacken. In der Absicht, sie Mr. Mitchel zu stehlen, sobald er sie vom Zollamt abgeholt haben würde, scheint er das Frauenzimmer überredet zu haben, ihn über den Ozean zu begleiten, was daraus hervorgeht, daß er am Tage nach der Absendung der Steine seine Stelle aufgab, und daß von diesem Zeitpunkt an jede Spur von ihm und dem Frauenzimmer in Paris verloren ist.«

»Daraus folgern Sie, daß sie den Steinen nachgereist sind?« fragte Mitchel.

»Natürlich. Hier haben sich der Mann und das Frauenzimmer getrennt, um weniger leicht Verdacht zu erregen, und der Montalbon gelang es durch eine List, eine Wohnung in demselben Hause zu finden, worin Ihre Zukünftige wohnte, während Molitaire im Hotel Hoffman abstieg, das dem Ihrigen nahe genug liegt. Auf diese Weise war es den beiden Verbündeten leicht, Sie zu beobachten und rechtzeitig zu erfahren, wann Sie nach Boston reisten. Sie folgten Ihnen und gingen in denselben Gasthof. Sie, Mr. Mitchel, holten die Steine vom Zollamt, und als Sie abends ins Theater gingen, benützten die beiden Gauner Ihre Abwesenheit, die Steine zu stehlen. Ihre Annahme in betreff der Handlungsweise des Mörders, nachdem Sie sich Ihres Eigentums wieder bemächtigt hatten, ist wahrscheinlich zutreffend, Mr. Mitchel; er hat sich in der Hoffnung zu der Person begeben, sie habe die Steine aus dem Handtäschchen herausgenommen, ehe es ihr gestohlen worden war. Ich glaube, damit ist wohl alles erklärt.«

»Bitte um Verzeihung, daß ich Ihnen widerspreche,« warf Thauret ein. »Nach meiner Auffassung besteht in Ihrer Erzählung kein Zusammenhang zwischen diesem Manne – wie haben Sie ihn doch gleich genannt, ›Jean Molitaire‹, nicht wahr? Ich kann also nicht finden, daß Sie seine Beteiligung bei den Verbrechen nachgewiesen haben.«

»Ich glaube doch, daß ich das gethan habe,« erwiderte Barnes.

»Mir haben Sie sie jedenfalls nicht klar gemacht,« fuhr Thauret so ruhig fort, als ob es sich um eine Frage handle, woran er nur ein oberflächliches Interesse nehme. »Sie sagten, das Frauenzimmer sei mit Molitaire bei Gelegenheit des Verkaufs der Brillanten bekannt geworden, und sie seien dann beide von Paris verschwunden. Das Frauenzimmer taucht in New York auf, aber woher wollen Sie denn wissen, daß der Mann nicht ganz wo anders hin gereist ist, zum Beispiel nach Rußland?«

»Nein, er ist nicht nach Rußland gereist,« entgegnete Barnes. »Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen nun sagte, ich hätte ermittelt, daß auch Molitaire ein angenommener Name und daß sein richtiger Montalbon war? Und wenn wir uns sodann daran erinnern, daß der Name aus den Kleidern der Ermordeten ausgeschnitten war, erhält dann nicht diese Thatsache eine neue Bedeutung?«

Diese Worte erregten große Aufmerksamkeit, Thauret aber blieb unbewegt.

»Alle Thatsachen sind bedeutungsvoll,« erwiderte er ruhig. »Wie erklären Sie denn diese Thatsache, vorausgesetzt, daß Sie sie beweisen können?«

»Molitaire war in Wahrheit der Gatte der Ermordeten. Sie hatten sich schon vor Jahren entzweit, und sie war nach New Orleans gegangen, wo sie eine Spielhölle hielt. Als sie sich in Paris trafen, erkannte sie ihn wieder, und als der Mensch den Plan faßte, den Steinen zu folgen, paßte es ihm, eine Versöhnung zu heucheln, um die Frau als Werkzeug zu benützen. Nach dem Morde lag es in seinem Interesse, den Namen Montalbon durch Ausschneiden aus den Kleidern zu verheimlichen.«

»Verzeihen Sie, wenn ich das Gespräch noch fortsetze, aber ich finde es sehr unterhaltend,« sprach Thauret. »Ich bin sehr überrascht über die Schnelligkeit, womit Sie die Handlungen der Menschen durchschauen, aber sind Sie Ihrer Sache auch sicher? Wenn nun das Frauenzimmer die Zeichen schon lange vorher ausgeschnitten hätte, zu einer Zeit, wo sie unter einem angenommenen Namen lebte, würde dann nicht Ihre Annahme viel von ihrer Bedeutung verlieren? Indizienbeweise sind schwer vollkommen einwandsfrei zu machen, und wenn Sie dieses Glied verloren haben, wie wollen Sie die Schuld dieses Molitaire oder Montalbon beweisen? Der Gatte des Frauenzimmers gewesen zu sein, ist doch an sich kein Verbrechen?«

»Nein,« sprach Barnes, der einsah, daß die Zeit gekommen war, dem Wortstreit ein Ende zu machen, »daß er der Gatte der Person war, ist an sich nicht von großer Bedeutung, aber wenn ich in Paris eine Photographie dieses Molitaire finde, die er zufällig in seiner Wohnung zurückgelassen hat, und wenn ich in ihm denselben Mann erkenne, den Mr. Mitchel für den Dieb des Rubins hält, und wenn ich nach meiner Rückkehr nach New York den Rubin wirklich bei dem Menschen finde, dann haben wir einige Thatsachen, die von großer Bedeutung sind.«

»Sie haben den Rubin wieder?« ries Mitchel erstaunt.

»Hier ist er,« entgegnete Barnes und überreichte Mitchel den Stein. Thauret biß sich auf die Lippen und bewahrte mit Anstrengung seine Selbstbeherrschung.

»Es thut mir leid, Ihnen eine Enttäuschung bereiten zu müssen, Mr. Barnes,« meinte Mitchel, nachdem er den Stein betrachtet hatte, »aber dies ist nicht mein Rubin.«

»Sind Sie dessen so sicher?« fragte der Detektiv mit siegesbewußtem Lächeln.

»Ja, obgleich Sie alle Anerkennung verdienen, denn wenn auch nicht der Rubin, so ist dieses doch der gestohlene Stein. Ich besitze von allen meinen Steinen Nachahmungen, und als ich meinen kleinen Versuch machte, mochte ich einen so wertvollen Stein doch nicht als Köder verwenden, deshalb benutzte ich die Nachahmung, und dies hier ist sie. Aber wie haben Sie sie wiedererlangt?«

»Ich bin schon seit einigen Tagen wieder in New York und habe während dieser Zeit Montalbon persönlich genau überwacht. Gestern begab er sich zu meinem Erstaunen nach der Polizei und erbat sich die Erlaubnis zur Besichtigung der gestohlenen Steine, unter dem Vorwande, daß er vielleicht zur Aufklärung des Geheimnisses beitragen könne. Ich witterte Unrat und ließ mir die gleiche Erlaubnis ausstellen, und eine mit Hilfe eines Sachverständigen vorgenommene Untersuchung ergab, daß der freche Halunke bei Besichtigung der Steine den echten Rubin gegen den gestohlenen nachgemachten vertauscht hatte.«

»Bei Gott!« rief Mitchel, »der Mann ist in seiner Art ein Künstler. Also bin ich Ihnen doch für die Wiedererlangung des echten Rubins zu Danke verpflichtet? Aber nun erzählen Sie uns, wie Sie das angestellt haben?«

»Ich hörte einmal, wie Montalban sagte, ein kluger Dieb müsse den gestohlenen Gegenstand auf dem eigenen Leibe verbergen, damit er ihn immer zur Hand habe, und ich war deshalb sicher, daß er dieses Verfahren beobachten werde. Als die Unterhaltung heute abend einen Punkt erreicht hatte, wo es offenbar war, daß alles enthüllt werden würde, ließ der Mann, der hier anwesend ist, den Rubin in sein Burgunderglas fallen, wo er nicht leicht gesucht worden wäre und ohne Schwierigkeit wiedererlangt oder schlimmstenfalls verschluckt werden konnte. Später versuchte er dies wirklich zu thun, allein ich trank sein Glas rasch aus und bekam den Rubin so in den Mund. Und nun, Mr. Montalbon, verhafte ich Sie im Namen des Gesetzes.« Bei diesen Worten legte der Detektiv seine Hand auf Thaurets Schulter. Zum Erstaunen aller Anwesenden blieb Thauret einige Augenblicke vollkommen ruhig und sprach dann langsam und deutlich:

»Meine Herren, wir haben heute abend mehrere Geschichten gehört; wollen Sie nun auch der meinigen Ihre Aufmerksamkeit schenken und Ihr Urteil noch einige Augenblicke zurückhalten?«

»Wir wollen Sie gewiß anhören,« sprach Mitchel, der die Ruhe des Mannes bewunderte, und die Gäste, mit Ausnahme des Detektivs, der sich hinter seinen Gefangenen stellte, nahmen ihre Plätze wieder ein.

»Ich bitte Sie, mir einzuschenken,« sprach Thauret zu einem Kellner und trank ruhig einen Schluck, nachdem sein Verlangen erfüllt war.

»Mit einer langen Erzählung will ich Sie nicht ermüden,« begann er, »sondern nur eine Ansicht aussprechen. Die gebildete Gesellschaft unsrer Tage sieht das, was sie die ›Verbrecherklasse‹ nennt, scheel an und bestraft sie, und doch, wie viele haben denn die bestehenden Zustände untersucht und die Ursachen ergründet, die den Verbrecher überhaupt möglich machen? Das Leben, das ein solcher Mensch führt, ist nicht so verlockend, als daß es aus freier Wahl angenommen würde, wenigstens nicht von einem Menschen, der sittliche Instinkte hat. Mit den von Natur unsittlichen ist es natürlich anders. Wenn aber einer unsittlich geboren wird, wen trifft dann die Schuld? Den Menschen selbst, oder die Vergangenheit, worunter ich seine Vorfahren und die Umstände, unter denen sie gelebt haben, verstehe? Wir bemitleiden den Mann, der eine körperliche Krankheit geerbt hat, und wir verurteilen den, der unsittlich geboren worden ist, obgleich sein Zustand ganz ähnlich und auf dieselben Ursachen zurückzuführen ist. Ich bin ein solcher Mensch und bin stets Verbrecher gewesen, wenigstens in dem Sinne, daß ich meinen Lebensunterhalt aus, wie man es nennt, unehrlichem Wege erworben habe. Aber Sie werden sagen, Mr. Barnes,« er wandte sich dem Detektiv zu und fesselte so dessen Aufmerksamkeit, so daß er unbemerkt eine kleine weiße Pille in seinen Wein fallen lassen konnte, »daß ich bei der Juwelierfirma doch ehrlich gearbeitet habe. Nun, was ich auch gewesen sein mag, ich habe mich immer bestrebt, künstlerisch zu verfahren, wie Mr. Mitchel noch vor wenigen Augenblicken zugegeben hat. Dadurch, daß ich so that, als ob ich mir ehrlich mein Brot verdiente, blendete ich die scharfen Augen der Pariser Polizei, so daß ich niemals überführt werden konnte, wenn ich auch oft genug verdächtigt worden bin. So auch jetzt. Während ich Ihnen angeblich alles erklären wollte, habe ich doch in Wirklichkeit gar nichts erklärt. Ich wollte einfach verhindern, daß ich der Verbrechen, deren ich angeklagt bin, überführt werde, wie ich das jetzt thue, nämlich so!«

Mit einer raschen Bewegung ergriff und leerte er sein Glas, obgleich Barnes ihn daran zu verhindern suchte. Zehn Minuten darauf war er eine Leiche.

 

Ende.

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