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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 18
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Siebzehntes Kapitel.
Ein Neujahrsdiner.

Der 1. Januar kam und Mitchel hatte weiter nichts von Barnes gehört, als daß er abwesend und die Zeit seiner Rückkehr ungewiß sei. Es war ihm sehr unangenehm, nicht zu wissen, ob er ihn bei seinem Diner erwarten dürfe, aber er konnte seine Vorbereitungen nicht länger aufschieben und hoffte, Barnes werde noch im letzten Augenblick auftauchen.

Das Essen sollte um zehn Uhr abends bei Delmonico stattfinden, wo Mitchel sich ein Zimmer gesichert hatte, und es fehlten noch zehn Minuten an der festgesetzten Zeit, als alle Gäste mit Ausnahme von Barnes versammelt waren: Van Rawlston, Randolph, Fisher und Neuilly, der sich entschlossen hatte, den Winter in New York zu verleben, Thauret und noch einige andre Herren.

Eine halbe Minute vor zehn trat Barnes ein. Ein Leuchten des Triumphs erschien in Mitchels Angesicht, als er ihn erblickte und begrüßte, und während die Gesellschaft sich nach dem Speisezimmer begab, fand er Gelegenheit, einige Worte ungestört mit dem Detektiv zu wechseln.

»Sagen Sie mir rasch, haben Sie Erfolg gehabt?«

»Ja, vollständig.«

»Gut, schreiben Sie den Namen des Mannes auf diese Karte, und ich werde Ihnen eine geben, worauf ich den Namen des von mir für schuldig gehaltenen geschrieben habe.«

Barnes that, was Mitchel verlangt hatte, sie tauschten die Karten, warfen einen Blick darauf und wechselten einen bedeutungsvollen Händedruck. Die Karten trugen denselben Namen. Als die Gäste Platz genommen hatten, saß Barnes zwischen Thauret und Adrian Fisher.

Ebenso gespannt als die Leser erwartete die Gesellschaft die Entwickelung, und wir wollen uns deshalb nicht mit einer Beschreibung des ausgezeichneten Mahles aufhalten.

Obst und Nüsse standen auf dem Tische, als die Stunde schlug, worauf alle gewartet hatten. Mit dem ersten Schlage erhob sich Mitchel, Schweigen senkte sich auf die Tafelrunde, und er begann: »Meine Herren! Sie haben die Freundlichkeit gehabt, meiner Einladung, der Entscheidung einer vor dreizehn Monaten gemachten, etwas übereilten Wette beizuwohnen, Folge zu leisten. Da einzelne der Anwesenden vielleicht nicht wissen, worum es sich bei der Wette handelte, muß ich es kurz erklären.«

Er erzählte nun den den Lesern aus dem ersten Kapitel bekannten Vorfall und fuhr dann fort: »Ich habe meine Wette gewonnen, denn ich habe ein Verbrechen begangen. Vor Jahren brachten es die Verhältnisse mit sich, daß ich mit der Art, wie Detektivs bei Aufspürung und Verfolgung eines Verbrechers verfahren, genau bekannt wurde, und das brachte mich zu der Ueberzeugung, daß ein Verbrecher, der seine That ohne wirkliche Augenzeugen und mit vollkommener Ruhe, Ueberlegung und kaltem Blute ausführt, vor den Detektivs ziemlich sicher ist. Ich wünschte mir eine Gelegenheit, diese Annahme zu beweisen, das heißt, ein Verbrechen zu begehen, nur um die Geschicklichkeit der Detektivs auf die Probe zu stellen. Die Hauptschwierigkeit lag darin, daß ein Ehrenmann in der Wahl der Dinge, die er begehen kann, sehr beschränkt ist. Jahre lang sah ich keinen Weg, wie ich meinen Wunsch zur Ausführung bringen könnte, bis mir der reine Zufall die ersehnte Gelegenheit verschaffte. – Kellner, füllen Sie die Gläser!«

Während sein Befehl befolgt wurde, machte er eine Pause. Die Kellner bedienten die Gäste mit Champagner, und als einer zu Thauret kam, ließ sich dieser auch sein Burgunderglas füllen, ein Beispiel, dem Barnes folgte.

»Wie Sie alle wissen,« fuhr Mitchel fort, als die Kellner sich wieder entfernt hatten, »ist eins meiner Steckenpferde das Sammeln von Edelsteinen. Vor einigen Jahren hörte ich, daß eine kleine, aber kostbare Sammlung zu verkaufen sei. Es sollten wahre Prachtexemplare sein, und zwar waren von jeder Art zwei vorhanden, die in Größe, Schliff und Färbung genau übereinstimmten. Die Sammlung hatte einem indischen Fürsten gehört, der sie zwischen seinen Zwillingstöchtern geteilt hatte, wodurch ihr Wert sehr vermindert war, denn zwei durchaus gleiche Edelsteine sind weit mehr als doppelt so viel wert, als jeder einzelne. Schicksalsschläge veranlaßten eine der beiden Prinzessinnen, ihre Steine zu verkaufen. Sie wandte sich an einen Pariser Juwelier, mit dem auch ich schon wiederholt Geschäfte gemacht hatte, und dieser kaufte sie und verkaufte die ungefaßten Steine wieder an mich. Das Beispiel der Schwester wirkte ansteckend, und auch die andre wandte sich an denselben Juwelier. Natürlich lag mir sehr viel daran, die zweite Sammlung ebenfalls zu besitzen, da der Wert der ersten dadurch bedeutend erhöht wurde, und deshalb kaufte ich auch diese.«

Er hielt einen Augenblick inne, um der Gesellschaft Zeit zu lassen, sich von der Ueberraschung, daß die gestohlenen Steine ihm gehörten, zu erholen.

»Ich hatte den Juwelier angewiesen, mir die zweite Sendung über Boston zu schicken, weil ich die Erfahrung gemacht habe, daß am dortigen Zollamt die Abfertigung rascher von statten geht, und als ich von ihrer Ankunft benachrichtigt wurde, reiste ich selbst nach Boston und nahm sie in Empfang. Das Kästchen, das sie enthielt, steckte ich in ein eigenartiges Handtäschchen, das nach besonderer Anweisung für mich gefertigt war, und dieses verschloß ich in meinem Zimmer im Hotel Vendome. Gegen Abend traf ich Randolph und ging mit ihm ins Theater. Er wollte mit dem Mitternachtszuge nach New York zurückkehren, und ich begleitete ihn nach dem Bahnhofe, und Sie können sich mein Erstaunen vorstellen, als ich, während wir an der Kasse standen, eine Frau an mir vorbeigehen und in den Zug steigen sah, die mein Handtäschchen trug. Ein Irrtum war unmöglich, denn, wie gesagt, mein Täschchen war eigenartig nach Form und Farbe. Natürlich wußte ich sofort, daß ich bestohlen worden war. Nach dem Hotel zurückkehren, wäre reiner Zeitverlust gewesen, denn wenn es durch ein Wunder zwei gleiche Täschchen gab, dann lag meins wohlgeborgen im Hotel. Während ich überlegte, was ich weiter thun sollte, begann Randolph sein Loblied auf Barnes zu singen; wir schlossen die Wette ab, und wie von einem Blitz erleuchtet, sah ich, daß meine lang ersehnte Gelegenheit gekommen war: ich wollte der Diebin mein Eigentum wieder stehlen. Wurde ich erwischt, so konnte ich nicht gestraft werden, geschah das aber nicht, so gewann ich meine Wette und hatte außerdem die gewünschte Aufregung. Randolph schlief bald, ich aber konnte über den Gedanken an die Steine im Werte von hunderttausend Dollars, die auf dem Spiele standen, keinen Schlaf finden. Ich überlegte, was ich anfangen sollte, aber trotzdem muß ich wohl etwas eingedämmert sein, denn ich machte plötzlich die Entdeckung, daß der Zug hielt. Wir waren also in New Haven, dem ersten Haltpunkt. Sofort fiel mir ein, daß die Diebin hier aussteigen könnte, und schon war ich im Begriffe, aufzustehen, als ich – ich hatte meinen Platz glücklicherweise am Fenster – an meiner, vom Bahnsteig abgekehrten Seite des Zuges einen Mann heranschleichen sah, dessen verdächtiges Benehmen meine Aufmerksamkeit erregte. Als er vor meinem Fenster angekommen war, sah ich beim Scheine einer elektrischen Laterne, daß er – mein Handtäschchen trug. Die Diebin war also bereits wieder bestohlen. Der Mensch näherte sich vorsichtig einem neben dem Geleise aufgestapelten Haufen Steinkohlenbriquettes, nahm zwei heraus, schob das Täschchen in die Lücke, schloß diese mit einem der Briquettes und schleuderte den andern fort. Dann kehrte er zum Zuge zurück und stieg wieder ein. ›Der Mensch ist ein Künstler,‹ sprach ich bei mir, ›er wird im Zuge bleiben, bis der Raub entdeckt ist, sich nötigenfalls mit aller Gemütsruhe durchsuchen lassen und dann heimlich zurückkehren und Täschchen und Steine abholen.‹ Ich mußte also rasch handeln. Wenn ich meinen Platz und den Zug auf dem gewöhnlichen Wege verließ, konnte ich gesehen werden; deshalb ließ ich leise das Fenster hinab, kletterte hinaus, suchte und fand mein Täschchen, lief damit ans Ende des Bahnhofes und schob es unter den aus Bohlen hergestellten Bahnsteig, wo ich es leicht wiederfinden konnte. Dann kehrte ich auf demselben Wege in meinen Wagen zurück, und ich kann Sie versichern, meine Herren, ich habe während des Restes der Fahrt vortrefflich geschlafen.«

Die Gesellschaft klatschte Beifall und Mitchel verbeugte sich.

»Wartet, liebe Freunde, ich bin noch nicht fertig. Die Frau, die ich mit meinem Handtäschchen gesehen hatte, besaß die Frechheit, ihren Verlust anzuzeigen. Als wir uns New York näherten, ließ Mr. Barnes, der sich zufällig im Zug befand und, wie mir sofort klar war, mein Gespräch mit Randolph gehört und mich im Verdacht hatte, alle durchsuchen, was mir einen großen Spaß machte. Andrerseits aber war mir die Anwesenheit Mr. Barnes' doch nicht ganz angenehm, denn es lag mir natürlich viel daran, sobald als möglich nach New Haven zurückzukehren und meine Steine in Sicherheit zu bringen. Deshalb lud ich ihn zum Frühstück ein und that in der Unterhaltung mit ihm so, als ob ich ihn überreden wollte, nicht noch andre Detektivs auf mich zu hetzen, während ich in der That herauszubringen wünschte, ob er sofort einen Spion auf meine Fersen setzen könne, das heißt, ob er schon einen Gehilfen auf dem Centralbahnhof hätte, und das war wirklich der Fall, wie ich entdeckte. Deshalb war ich genötigt, mich zunächst nach meiner Wohnung zu begeben und so zu thun, als ob ich nicht daran dächte, die Stadt wieder zu verlassen. Nachher gelang es mir, mittelst der zu diesem Zwecke höchst geeigneten Brücken der Hochbahn diesem Manne zu entschlüpfen und unbemerkt nach New Haven zu fahren. Dort fand ich mein Täschchen und gab es dem Oberkellner eines in der Nähe des Bahnhofs gelegenen Gasthauses zur Aufbewahrung. Der Zweck, den ich dabei im Auge hatte, ist wohl leicht zu erraten. Ich wußte, daß der Diebstahl in die Zeitungen kommen und daß ich durch mein verdächtiges Benehmen im Gasthause – ich war natürlich verkleidet – die Aufmerksamkeit dahin lenken würde. Das traf auch ein, und die Folge war, daß die Edelsteine der Obhut der Polizei übergeben wurden. Einen sicherem Ort konnte ich mir nicht wünschen. Das, meine Herren, ist die Geschichte des von mir begangenen Verbrechens. Ich brauche nur meinen Empfangsschein vom Bostoner Zollamt und die Rechnung des Pariser Juweliers zu zeigen, um wieder in Besitz meines Eigentums zu gelangen. Bist du zufrieden gestellt, Randolph?«

»Vollkommen. Du hast ehrlich gewonnen, und ich habe einen Check über den ausgemachten Betrag bei mir, den du mit meinen besten Glückwünschen zu deinem Erfolg annehmen mußt.«

»Ich danke dir,« antwortete Mitchel und nahm den Check. »Ich nehme dies an, weil ich sofort Gebrauch davon machen kann, wie du gleich hören wirst. Zunächst will ich die Geschichte des andern Diebstahls erzählen.«

Bei diesen Worten sahen alle erstaunt auf, und Thauret schien etwas nervös zu werden. Er trank einen Schluck Burgunder, legte dann die Hand auf den Rand seines Glases und ließ sie dort einen Augenblick ruhen.

»Sie erinnern sich wohl alle des Umstandes,« fuhr Mitchel fort, »daß ich zur Zeit des Ali Baba-Festes krank in Philadelphia war, und ich schmeichle mir, daß das das kunstvollste Stück war, das ich während der ganzen Geschichte ausgeführt habe. Ich wußte, daß mir ein Spion gefolgt war, und traf meine Maßregeln, um nicht zu genau beobachtet zu werden, erwartete aber andrerseits, daß Mr. Barnes selbst nach Philadelphia kommen würde, um mich zu sehen, deshalb sorgte ich mit Hilfe meines Arztes dafür, daß ich wirklich einen kranken Eindruck machte. Doch ich will nicht vorgreifen. Nach dem Eisenbahndiebstahl kam der Mord. Durch einen seltsamen Zufall wohnten die Ermordete und meine damalige Braut in demselben Hause. Es war mir bekannt, daß mir am Abend, wo der Mord begangen worden, ein Spion vom Theater nach jenem Hause gefolgt war, und daß noch andre Umstände den Verdacht gegen mich sehr erheblich verstärkten, allein ich war dem Detektiv gegenüber im Vorteil, denn ich wußte, daß der Mann, der der Frau die Edelsteine gestohlen hatte, wütend gewesen sein mußte, als er seine Beute bei seiner Rückkehr nach New Haven nicht mehr vorfand. Da er das Frauenzimmer nach sich selbst beurteilte, konnte er es wenigstens für möglich halten, daß sie selbst schon vorher die Steine aus dem Handtäschchen genommen habe. Auf diese geringe Aussicht hin war er vielleicht zu der Frau gegangen, hatte den Diebstahl des Handtäschchens zugegeben und versucht, sie zu dem Eingeständnis zu bringen, daß sie die Steine noch habe. Angenommen, dies wäre ihm mißlungen, konnte er ihr dann nicht in einem Wutanfalle, oder um sie am ›Pfeifen‹, wie es in der Gaunersprache heißt, zu verhindern, den Hals abgeschnitten haben?«

»Da irren Sie sich, Mr. Mitchel,« warf hier Barnes ein. »Die Frau ist im Schlafe ermordet worden; ein Kampf ist nicht vorausgegangen.«

»Auch dann können wir annehmen, daß der Schurke sich ins Haus eingeschlichen und sie getötet hat, um in aller Ruhe nach den Steinen zu suchen und zugleich eine Mitwisserin zu beseitigen, deren er nicht mehr bedurfte. Das war wenigstens die Ansicht, die sich mir aufdrängte, und noch mehr, ich war überzeugt, daß ich den Menschen kannte.«

In diesem Augenblick streckte Thauret die Hand nach seinem Weinglase aus, allein ehe er es erreichte, hatte Barnes es erfaßt und bis auf die Nagelprobe geleert. Thauret, grau vor Wut, wandte sich nach Barnes um und schien ihn zur Rede stellen zu wollen, als sich ein kleiner Zwischenfall abspielte, der den andern entging. Barnes lehnte sich mit seinem Stuhle ein wenig zurück und zeigte seinem Nachbarn den blinkenden Lauf eines Revolvers, den er unter dem Tische in der Hand hielt. Der ganze Vorfall dauerte nur den kleinsten Bruchteil einer Sekunde, und gleich darauf schienen die beiden Männer, wie die andern, nur aufmerksame Zuhörer der Erzählung zu sein.

»Wenn ich sagte, ich sei überzeugt gewesen, daß ich den Mörder kannte,« fuhr Mitchel fort, »so behaupte ich etwas, was ich erklären muß. Zunächst hatte ich den Mann beobachtet, der das Handtäschchen auf dem Bahnhof von New Haven versteckte, allein da ich sein Gesicht nur einen kurzen Augenblick gesehen hatte, wäre das vielleicht zum Wiedererkennen nicht hinreichend gewesen. Kleine Umstände aber erregen oft einen Verdacht, der häufig zur Lösung eines Rätsels führt, wenn man ihm nachgeht. Schon vor dem Eisenbahndiebstahl hatte ich eines Abends im Klub einen Herrn Karten spielen sehen und war zur Ansicht gelangt, daß der Mensch betrüge. Einige Tage nach dem Diebstahl traf ich diesen Menschen wieder bei einer Gelegenheit, wo auch Mr. Barnes zugegen war. Ich zerbrach mir den Kopf, wo ich das Gesicht schon gesehen hätte. Natürlich im Klub, aber ich konnte mich auch eines Gefühls nicht erwehren, daß ich ihm auch sonstwo begegnet sein müsse. Sehr bald hörte ich, wie er im Gespräche mit Barnes zugab, er sei auf dem Zuge gefahren und der erste Reisende gewesen, der durchsucht worden sei. Diese Bemerkung überzeugte mich, daß der Dieb vor mir stehe. Von dem Morde wußte ich damals noch nichts. Nun dürfen Sie nicht vergessen, daß ich selbst in den Netzen eines Indizienbeweises steckte, so daß es von der größten Wichtigkeit für meine eigene Sicherheit war, ganz abgesehen von der Pflicht, die ich gegen die Gesellschaft haben mochte, die Schuld dieses Mannes beweisen zu können. Deshalb entwarf ich einen etwas kühnen Plan. Ich suchte die Freundschaft des Menschen. Eines Abends lud ich ihn zu mir ein und beschuldigte ihn ganz offen des Falschspiels. Anfangs wollte er aufbegehren, allein ich blieb ganz ruhig und überraschte ihn vielleicht dadurch, daß ich ihm vorschlug, gemeinsame Sache mit ihm zu machen. Ich sei bei weitem nicht so reich, als allgemein geglaubt werde, sagte ich ihm, und was ich besäße, hätte ich an den Spieltischen Europas gewonnen. Hierauf räumte er ein, daß er ein ›System‹ habe, und von da an zeigten wir uns der Welt als gute Freunde, obgleich ich überzeugt bin, daß er mir niemals vollkommen geglaubt hat. Nachdem ich das Vertrauen des Menschen wenigstens in einem gewissen Grade erworben hatte, war ich zu einem großen Schlage bereit, der den doppelten Zweck hatte, den Detektiv irrezuleiten, so daß ich meine Wette gewann, und den Verdächtigen in eine Falle zu locken. Ich hatte Mr. Barnes eines Tages den Rubin gezeigt, den ich später meiner Braut geschenkt habe. Zu gleicher Zeit sagte ich ihm, wenn er zu der Ueberzeugung gelange, ich sei am Eisenbahndiebstahl unschuldig, so dürfe er nicht vergessen, daß ich noch ein Verbrechen innerhalb der festgesetzten Zeit begehen müsse. Nun entwarf ich den Plan zum Ali Baba Feste, und richtete es so ein, daß es am Abend des Neujahrstages, also gerade dem Tage stattfand, wo meine Frist ablief. Ich wußte, daß alles dies den Detektiv zu dem Glauben veranlassen würde, ich beabsichtige, meine Braut zu bestehlen, ein Verbrechen, wofür ich nicht gestraft worden wäre, wenn sie mit mir im Einverständnis gehandelt hätte. In diesem Punkte hat mich Mr. Barnes jedoch falsch beurteilt, denn nicht um alles in der Welt hätte ich ihren Namen in eine solche Sache verwickeln mögen. Sie wußte nicht das geringste. Aber da sie damals die Einzelheiten des Eisenbahndiebstahls noch nicht kannte, also auch nicht ahnte, daß ich das durch die Wette verlangte Verbrechen bereits begangen hatte, war sie doch in einem Gemütszustände, der mich erwarten ließ, sie werde dem Diebe, den sie möglicherweise für mich halten konnte, wenig Widerstand leisten. Dann reiste ich nach Philadelphia, wurde krank, entschlüpfte dem Spion und kehrte zum Feste zurück. Daß Mr. Barnes anwesend sein würde, hatte ich erwartet und es so eingerichtet, daß sich die Wahl eines der Räuberkostüme für ihn ganz von selbst ergab. Den Verdächtigen hatte ich gebeten, meine Rolle, die des Ali Baba, zu übernehmen, allein er war pfiffig genug, diese einem Bekannten aufzuhalsen, während er selbst ebenfalls ein Räuberkostüm anlegte. Dies zwang mich, alle, die dasselbe Kostüm trugen, anzureden, und zu meiner Genugthuung gelang es mir, sowohl meinen Mann, als auch Mr. Barnes an der Stimme zu erkennen. Beim letzten Bild versuchte dieser, der augenscheinlich Ali Baba überwachte, in dessen Nähe zu gelangen, und kam zufällig hinter meinen Verdächtigen. In der Besorgnis, daß er meinen Plan durchkreuzen könne, drängte ich mich neben ihn. Mein Zweck war, den Menschen in Versuchung zu führen, den Rubin zu stehlen, denn wenn er das that, dann war ich selbst wenigstens überzeugt, daß mein Verdacht begründet sei. Vielleicht war es ein toller Plan, aber er gelang. Ich beobachtete, wie mein Mann, als er dem Sultan und Scheherezade seinen Salaam machte, dieser leise den Rubin aus dem Haare zog. Barnes, der es ebenfalls sah, versuchte zwar sofort, den Dieb zu ergreifen, wurde aber von mir gehindert, denn ich hielt ihn fest, stieß ihn in die vordrängenden Gäste und verließ in der nun folgenden Verwirrung unbemerkt das Haus.«

Mitchel hielt inne, und es herrschte ein unbehagliches Schweigen, denn alle fühlten mehr, als sie wußten, daß ein Trauerspiel bevorstehen könne.

»Wollen Sie uns denn den Namen des Spitzbuben nicht nennen?« fragte Thauret endlich.

»Nein,« antwortete Mitchel rasch, »ich kann den Namen nicht nennen, denn ich habe keine unanfechtbaren Beweise für seine Schuld.«

»Sie sagten ja doch, Sie hätten gesehen, wie er den Rubin gestohlen habe?« entgegnete Thauret.

»Gewiß, aber da ich selbst deswegen verdächtigt worden bin, wäre mein Zeugnis allein unzureichend. Hören Sie nur, was ich in der Sache weiter gethan habe. Das wichtigste, war, den Verkauf des Edelsteins unmöglich zu machen, und das war nicht schwer, da der Rubin bei den Fachleuten der ganzen Welt bekannt ist. Alle Händler wurden benachrichtigt und ich ließ meinen Mann wissen, daß ich das gethan hatte. Ferner wünschte ich die Enthüllung bis heute abend, dem Zeitpunkt, wo meine Wette entschieden wird, hinauszuschieben. Bald merkte ich, daß der Verdächtige einer Heirat mit einer reichen Amerikanerin nicht abgeneigt sei, denn er fragte mich sehr gewandt über das Vermögen meiner kleinen Schwägerin aus, und ich antwortete ihm in einer solchen Weise, daß ich sicher war, er werde sich alle Mühe geben, sie zu gewinnen; und dann that ich etwas, was ich vielleicht nicht hätte thun sollen, allein ich fühlte, daß ich Herr der Lage war und die Ereignisse richtig lenken konnte. Ich machte eine Wette mit Dora, sie werde nicht bis heute unverlobt bleiben, und sagte ihr gleichzeitig, wenn sie ihre Wette gewänne, werde sie mir sehr wesentlich helfen, auch die meine zu gewinnen.«

Als Dora diese Wette einging, hatte sich Randolph gerade infolge seines Verdachtes gegen Mitchel etwas zurückgezogen, so daß sie ärgerlich auf ihn war und ihn kaum noch als Bewerber betrachtete. Sie war demnach sehr beunruhigt, als er ihr gegen ihre Erwartung doch einen Antrag machte, aber, entschlossen, ihre Wette zu gewinnen, handelte sie, wie erzählt. Obgleich Mitchel den Namen des Verbrechers nicht genannt hatte, wußten doch mehrere der Anwesenden, auf wen er anspielte.

»Das erklärt also –« rief Randolph ungestüm, brach aber ab.

»Ja,« antwortete Mitchel, »das erklärt alles, was dir unverständlich war. Sei nicht böse, daß du hast warten müssen, denn du wirst jetzt nicht nur die Auserkorene deines Herzens, sondern auch diesen Check gewinnen, den ich ihr als Preis der Wette zahlen muß. Meine Herren, lassen Sie uns auf Mr. Randolphs Erfolg anstoßen.«

Dies geschah schweigend, denn die Gäste waren befangen, sie wußten, daß noch mehr und Ernstes kommen mußte, und warteten gespannt darauf.

»Meine Freunde,« fuhr Mitchel fort, »damit ist meine Erzählung zu Ende, und ich brauche nur noch hinzuzufügen, daß ich Mr. Barnes beauftragt habe, die Fäden aufzunehmen und zu entwirren, wenn er dazu im stande wäre. Wollen wir nun seinen Bericht hören?«

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