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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 13
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Zwölftes Kapitel.
Die Geschichte des Rubins.

Während der nächsten beiden Wochen beschäftigten sich die Zeitungen viel mit dem Rubinendiebstahl. Die Polizei wurde wegen ihrer Unfähigkeit, den Dieb zu entdecken, verhöhnt, und die Beamten hüllten sich in ein geheimnisvolles Schweigen. Das Interesse an der Sache erlosch jedoch bald; irgend ein andres Verbrechen nahm die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch, und Miß Remsens Rubin war vergessen.

Barnes indessen dachte kaum an etwas andres. Er zerbrach sich den Kopf, um einen Erfolg versprechenden Ausgangspunkt zu finden, und je mehr er nachdachte, um so mehr fühlte er sich versucht, eine Reise nach New Orleans zu machen, um, was er schon bei vielen Rätseln gethan hatte, den Faden »am andern Ende aufzunehmen«. Der Gedanke, den Schauplatz zu verlassen, wo sich die Handelnden in dem Drama und, wie er mit Sicherheit annahm, der Haupthandelnde bei einem oder allen drei Verbrechen aufhielt, war ihm sehr unangenehm, so daß er sich endlich entschloß, einen Zug zu thun, wovon er sich zwar nicht allzuviel versprach, der aber doch wenigstens der unerträglichen Unthätigkeit ein Ende machte.

Zu diesem Zwecke schrieb er folgenden Brief:

»Mr. Arthur Randolph!

Da Sie mich in Dienst genommen haben, um die Beweise zu erhalten, daß Mr. Mitchel in der Nacht des Maskenfestes den Rubin gestohlen hat, werden Sie mir wohl Ihre Hilfe nicht versagen. Ich möchte Ihren Freund gern einmal eine von den Geschichten über Edelsteine, wovon Sie mir bei unsrer ersten Unterredung gesprochen haben, erzählen hören, allein mir gegenüber ist er mißtrauisch. Könnten Sie ihm nicht selbst dazu die Veranlassung geben, während ich irgendwo verborgen die Geschichte anhöre? Sie müßten den Verlust des Rubins erwähnen und andeuten, wenn nicht geradezu aussprechen, daß Sie ihn selbst im Verdacht haben. Leugnet er, wie er das sicher thun wird, dann fragen Sie ihn, ob der Rubin nicht eine besondere Geschichte habe, das heißt, ob er schon jemals vorher gestohlen worden sei. Die sich daran knüpfende Unterhaltung kann mir vielleicht wertvolle Aufschlüsse geben. Wollen Sie mir diesen Gefallen thun, so wäre Ihnen sehr dankbar

Ihr ergebenster
J. Barnes.«

Als Antwort auf diesen Brief erhielt er die Einladung, Randolph am folgenden Abend im Klub zu treffen.

Mitchel, der inzwischen nach New York zurückgekehrt war, machte an dem betreffenden Nachmittag Thauret einen Besuch im Hotel Hoffman.

»Thauret,« begann er, »ich muß ernstlich mit Ihnen wegen des Rubinendiebstahls sprechen.«

»Ich bin ganz Ohr,« entgegnete Thauret und zündete sich eine Cigarette an.

»Gut. Um vollkommen verstanden zu werden, muß ich mit unsrer Abmachung beginnen. Wir beide sind in gewisser Art geheime Partner oder vielleicht richtiger Spielgenossen. Ich habe mich damals bereit erklärt, die Mittel zu unserm Unternehmen bis zu einem gewissen Betrag zu liefern, und ich glaube, das auch gethan zu haben. Aber unsre Verluste sind ziemlich beträchtlich gewesen, obgleich Sie mir versicherten, Sie hätten ein gewisses – hm – ›System‹, wobei Verluste ausgeschlossen seien. Ist das so richtig?«

»Vollkommen, lieber Freund. Sie sind ein ausgezeichneter stiller Teilhaber gewesen, denn Sie haben mich gewähren lassen, die Kosten bezahlt und bis jetzt keine Fragen gestellt. Wollen Sie sagen, daß Ihnen die Verluste unangenehm sind und daß Sie eine Erklärung wünschen?«

»Allerdings, aber erst möchte ich noch einen andern Punkt erwähnen. Sie haben versprochen, Adrian Fisher fallen zu lassen.«

»Nun?«

»Das haben Sie nicht gethan. Ich habe Sie gebeten, neulich das Ali Baba-Kostüm zu tragen, und doch haben Sie es Adrian Fisher gegeben. Warum?«

»Es wird am einfachsten sein, wenn ich zuerst unsre Verluste erkläre und dann auf Adrian Fisher komme. Wie Sie vielleicht wissen, hat mir der Detektiv Barnes einen Spion auf die Fersen gesetzt, und ich habe gemerkt, daß dieser hauptsächlich danach forscht, ob ich im Spiel gewinne oder verliere. Deshalb hielt ich es für klüger, zu verlieren.«

»Mein Geld!«

» Unser Geld, denn wir sind doch Partner. Sie schießen die Mittel einfach vor, bis ich meine Wechsel von Paris erhalte, und dafür haben Sie meine Schuldscheine. Sind Sie der Sache überdrüssig, so kann ich Sie gleich bezahlen, obgleich ich nicht leugne, daß es mir unbequem wäre.«

»Nein, aufs Geld kommt's mir nicht an; aber sagen Sie mir, warum Sie es für klüger hielten, zu verlieren?«

»Das ist doch sehr einfach. Da die Detektivs hauptsächlich herauszubringen suchen, ob ich gewinne oder verliere, scheinen sie mich für einen Falschspieler zu halten, und diesen Verdacht möchte ich zerstreuen.«

»Natürlich. Nun aber wegen Fishers. Was hat das mit ihm zu thun?«

»Sie wissen doch, daß es nicht meine Absicht war, das Fest mitzumachen. Als Sie in Philadelphia erkrankt waren, baten Sie mich brieflich, Ihren Anzug zu tragen, und ich war auch anfänglich dazu entschlossen. Aber gerade als ich im Begriffe war, mich zu dem Feste zu begeben, kam der Kostümverleiher zu mir und warnte mich, es sei ein Detektiv bei ihm gewesen und habe sich Ihren Brief zeigen lassen. Daraus wurde mir klar, daß Barnes auf dem Feste anwesend sein werde.«

»Da haben Sie recht, er war dort.«

»Ja, das weiß ich. Nachdem ich also das erfahren hatte, beschloß ich, ihn etwas an der Nase herumzuführen und eins der Räuberkostüme zu tragen. Da Ali Baba aber der Aufführung wegen nicht fehlen durfte, ersuchte ich Fisher, den einzigen, den ich darum bitten konnte, die Rolle zu übernehmen. Er stimmte zu, und das ist die ganze Geschichte.«

»Gut; diese Aufklärung stellt mich zufrieden, und Sie müssen meine Fragen verzeihen, aber ich verstand die Sache nicht und hatte doch ein Recht alles zu wissen. Nun, sagen Sie mir einmal, wo waren Sie denn, als der Diebstahl begangen wurde? Haben Sie die That gesehen?«

»Ich muß ganz in der Nähe gewesen sein, habe aber nichts gesehen. Barnes rief plötzlich, es sei ein Diebstahl begangen worden, und befahl, daß die Masken abgenommen werden sollten. Ich trat kurz darauf zu ihm.«

»Sie hätten ihm vorschlagen sollen, alle zu durchsuchen, wie damals im Zuge.«

»Das habe ich ja gethan, er lehnte es aber ab. Seine damaligen Erfahrungen waren wohl nicht ermutigend genug.«

Bei diesen Worten brachen beide in ein lustiges Gelächter aus, als ob sie sich noch jetzt über die Niederlage des Detektivs freuten.

»Wie es scheint, vermutete Barnes, daß der Rubin an jenem Abend gestohlen werden sollte, und hat Mr. Van Rawlston benachrichtigt, daß sich Diebe unter den Gästen befinden würden.«

»Wirklich? Schade, daß er bei aller seiner Schlauheit nicht im stande gewesen ist, den Dieb zu fangen.«

Wieder lachten beide, und dann schlug Mitchel vor, nach dem Klub zu gehen. Als sie dort anlangten, teilte der Thürsteher Mitchel mit, Randolph sei anwesend und wünsche ihn zu sprechen. So begaben sie sich denn nach dem Empfangszimmer, wo ihnen Randolph entgegenkam.

»Guten Abend, Randolph. Du wolltest mich sprechen?«

»O, nichts Besonderes. Ich bin hierher gekommen, um zu speisen, und wollte Gesellschaft dabei haben; das ist alles. Essen ist überhaupt eine Last und nur in guter Gesellschaft erträglich. Darf ich auch für Sie ein Gedeck auflegen lassen, Mr. Thauret?«

»Mit dem größten Vergnügen,« entgegnete dieser.

»Gut,« antwortete Randolph, »ich werde die Sache besorgen, habe aber jetzt noch einige Briefe zu schreiben und bitte so lange um Entschuldigung. Wir wollen uns um sieben im kleinen Speisesaal treffen.«

Randolph verließ das Zimmer und stieg die Treppe hinan, wo Barnes ihn erwartete.

»Alles in Ordnung,« sprach er zu diesem. »Mitchel ist hier und hat Thauret bei sich. Ich begreife nicht, wo diese vertraute Freundschaft zwischen beiden herkommt, indessen das kümmert uns jetzt nicht. Wir speisen im kleinen Saale und ich werde es so einrichten, daß der Tisch dicht vor dem großen Vorhang gedeckt wird, der den kleinen vom großen Saale trennt, und für Sie werde ich ebenfalls ein Diner auf der andern Seite des Vorhangs bestellen.«

»Das ist gut, dann werde ich jedenfalls alles hören, was gesprochen wird.«

»Schön. Pünktlich um sieben werde ich mit meinen Gästen zu Tische gehen, und fünf Minuten später können Sie Ihren Platz einnehmen.«

Randolphs Anweisungen wurden ausgeführt. Um sieben setzte er sich mit seinen Gästen zu Tische, und einige Minuten später verriet das Klappern von Tellern auf der andern Seite des Vorhangs, daß auch Barnes bedient wurde.

»Ich hoffe,« begann Randolph die Unterhaltung, »daß du dich von deiner ungelegenen Krankheit, die dich am Besuche des Maskenfestes verhinderte, vollständig erholt hast.«

»Danke, ja,« erwiderte Mitchel, »das war bloß vorübergehend. Das einzige Unangenehme war, daß ich nicht zum Feste kommen konnte; vielleicht hätte ich Miß Remsen den Aerger erspart, ihren Rubin zu verlieren.«

»Aber, Mitchel!« fuhr Randolph fort. »Es ist natürlich sehr unangenehm, ein so kostbares Schmuckstück zu verlieren, allein du kannst es ja leicht ersetzen. Du hast ja so viele Edelsteine. Noch vor ganz kurzem habe ich meine Ansicht dahin ausgesprochen, daß jemand, der so kostbare Edelsteine sammelt und sie dann so verschließt, daß sie niemand zu sehen kriegt, in gewisser Art verrückt sei. Ich war damals sehr erfreut, als ich hörte, du hättest diesen Rubin Miß Remsen geschenkt, denn ich sah es als ein Zeichen der Besserung an. Du hast gewiß noch ähnliche und kannst deiner Braut leicht einen andern schenken.«

»Da bist du doch im Irrtum, Randolph. Ein Gegenstück zu diesem Rubin ist nicht leicht zu beschaffen.«

»Wieso? War etwas Besonderes daran?«

»Ja, aber wir wollen lieber nicht darüber sprechen.«

Diese kurze Art, den Gegenstand zu verlassen, überraschte Randolph, denn wenn Mitchel seine Edelsteine auch nicht gern zeigte, so war er doch immer sehr bereit gewesen, darüber zu sprechen.

»Mitchel,« fuhr Randolph unbeirrt fort, »ich wette, was du willst, daß du Miß Remsen nicht nur einen ebenso wertvollen Rubin, sondern sogar denselben wiedergeben könntest.«

»Ich hoffe allerdings, eines Tages dazu im stande zu sein,« war die ruhige Antwort.

»Du hast mich nicht richtig verstanden: ich meine, deine Krankheit in Philadelphia war bloß Spiegelfechterei, und du warst heimlich hier und hast den Rubin selbst gestohlen.«

»O, wirklich? Wie kommst du zu einer so unerhörten Annahme?«

»Ich glaube, daß du auf diese Weise die Wette zu gewinnen versucht hast. Niemand als du könnte die Nadel aus Miß Remsens Haar gezogen haben, denn sie würde niemand anderm stille gehalten haben.«

»Dein wiederholtes Hereinziehen von Miß Remsen in dieses Gespräch und besonders deine Andeutung, ich hätte sie zu meiner Mitschuldigen gemacht, sind mir zuwider, lieber Randolph, und du mußt entschuldigen, wenn ich hinzusetze, eine schlechte Unterhaltung für deine Gäste.«

»O, alter Freund, nichts für ungut, ich wollte dich nicht kränken, und wir können ja von etwas anderm sprechen.«

Ein Schweigen folgte, und Randolph wußte nicht, wie er es anfangen sollte, Mitchel auf den gewünschten Gegenstand zu bringen. Er meinte bis jetzt noch nichts erreicht zu haben, während Barnes aus Mitchels Worten und Sprechweise den ganz bestimmten Schluß gezogen hatte, daß, welche Rolle Mitchel selbst auch gespielt haben mochte, Miß Remsen unbeteiligt sei. Auch er war neugierig, ob das Gespräch wieder auf den Rubin kommen werde, und das wäre vielleicht nicht geschehen, wenn nicht Thauret aufs neue davon angefangen hätte.

»Bitte um Verzeihung, Mr. Mitchel,« sprach er, »allein Ihre Bemerkung, daß etwas Besonderes an dem Rubin sei, hat mich neugierig gemacht, und Sie würden mich zu großem Danke verpflichten, wenn Sie uns die Geschichte dieses Steines, falls er eine hat, erzählen wollten.«

»Gut,« entgegnete Mitchel nach einer kurzen Pause, »gern thue ich es zwar nicht, aber ich will Ihnen zu gefallen eine Ausnahme machen. – – Die Geschichte des Steins beginnt mit der Auffindung des Moses, dem Pharaos Tochter diesen Rubin geschenkt haben soll. Ein zweiter Stein, das genaue Gegenstück, befand sich in der Schatzkammer Pharaos, der ihn bei festlichen Gelegenheiten trug. Mit dem Auszug der Juden wanderte auch der Stein aus, und von da an ist seine Geschichte durch viele Jahrhunderte nicht weiter interessant. Er wurde vom Hohenpriester im Tempel aufbewahrt und vererbte sich von Geschlecht zu Geschlecht. Mit der Eroberung von Jerusalem fiel der Stein in die Hände der Römer und kam in den Besitz Cäsars, der ihn der Kleopatra schenkte und sich einer eigentümlichen Weise bediente, ihn in ihre Hände gelangen zu lassen. Nach vorheriger Verabredung band er ihn einer Taube um den Hals, die damit nach Kleopatras Palast flog. Diese erwartete den geflügelten Boten auf dem Dache, und als sie sah, daß die Taube von einem Falken verfolgt wurde, befahl sie einem neben ihr stehenden Bogenschützen, diesen zu erlegen. Der Schütze traf aber statt des Räubers die Taube, die tot und blutend der Königin zu Füßen fiel. Sie löste den Stein, der mit Blut bedeckt war und eine tief rote Farbe angenommen hatte. Der Geschichte der Kleopatra brauchen wir nicht weiter zu folgen; sie ist zu bekannt, allein ein kleines Ereignis muß doch erwähnt werden. Ein ägyptischer Priester entbrannte in wilder Leidenschaft zu ihr und wagte es eines Tages, ihr seine Liebe zu gestehen. Sie schien belustigt und fragte ihn, was er, ein armer Priester, ihr, der Könige zu Füßen lagen, wohl bieten könne. In seiner Verzweiflung antwortete er, er könne ihr sein Leben geben. ›Dein Leben gehört mir schon‹ sprach die Königin lachend, ›aber ihr Priester behauptet ja allmächtig zu sein. Schaff mir das Gegenstück zu meinem großen Rubin, und ich werde dich vielleicht erhören.‹ Zu ihrer großen Ueberraschung antwortete der Priester: ›Das könnte ich, wenn ich es wagte. Der Stein, den du besitzest, ist nur dahin zurückgekehrt, wohin er gehört, denn er war einst im Schatze Pharaos, und es war auch ein Gegenstück dazu vorhanden, das mit Ramses dem Großen begraben worden ist.‹ ›Schaff ihn mir,‹ war Kleopatras Antwort, die mehr im Tone eines Befehls, denn in dem einer Bitte ausgesprochen ward. In Furcht und Zittern begab sich der Priester zur Pyramide und stahl den Stein. Als er ihn aber der Königin überreichte, war diese sehr zornig. ›Willst du mich zum Narren halten?‹ rief sie ihm zu. ›Glaubst du, dieser blasse Stein sei ein Gegenstück zu meinem?‹ Der Priester erklärte ihr, daß der ihre erst durch das Blut der Taube so dunkel gefärbt worden sei. ›So?‹ rief sie. ›Dann soll auch dieser rot gefärbt werden. Du hast mir dein Leben angeboten; ich nehme es an, und in dein Blut soll dieser Stein getaucht werden, bis er dieselbe Farbe hat, wie der andre.‹ Sie führte ihre Drohung aus, und die beiden Steine paßten wieder zusammen.

»Nach Kleopatras Tode kamen sie durch eine Sklavin, die sie gestohlen hatte, nach Rom und waren dort unter dem Namen ›Aegyptische Kleinode‹ bekannt; aber ich will euch nicht die lange Reihe von Diebstählen und Mordthaten, die mit ihnen im Zusammenhang stehen, erzählen. Es mag genügen, wenn ich sage, daß jahrhundertelang niemand durch die Steine reich geworden ist, denn es erwies sich stets als unmöglich, sie zu verkaufen, bis ich diesen erstand, und das war das erste Mal, wo einer von ihnen offen und ehrlich auf dem Markte angeboten wurde. Vorher hatte jeder Besitzer die Steine entweder durch Diebstahl oder durch Mord erworben und wagte ihren Besitz gar nicht einzugestehen. Eine zweite Eigentümlichkeit ist, daß es niemals gelungen ist, die Steine so zu verbergen, daß sie nicht gefunden werden konnten. Sie mochten noch so geschickt versteckt sein, stets hat sie ein Dieb gefunden und genommen.«

»O, das ist interessant,« rief Thauret. »Aber sagen Sie uns offen, glauben Sie, daß die Steine eine geheime Kraft besitzen, die die Menschen auf ihre Spur führt?«

»Das kann ich nicht sagen, aber es wird behauptet, und es scheint durch Ereignisse der jüngsten Zeit bestätigt zu werden.«

»Wieso?«

»Nun, mein gewöhnliches Interesse an großen Edelsteinen veranlaßte mich, nach der Polizei zu gehen, als das Frauenzimmer, Rose Mitchel, beraubt und ermordet worden war. Sie werden sich entsinnen, daß die Steine sehr bald wiedergefunden wurden und noch im Gewahrsam der Polizei sind. Es wurde mir gestattet, sie zu sehen, und der Rubin in dieser Sammlung ist ganz zweifellos das Gegenstück zu meinem.«

»Und Sie meinen, das Vorhandensein jenes Steines hätte dazu geführt, daß die Polizei das Täschchen mit den Steinen fand?«

Thauret schien sehr gespannt auf die Antwort zu warten, aber Mitchel zuckte bloß die Achseln, wenn auch in einer Art, woraus hervorging, daß das seine Ansicht sei, und Barnes überlegte, ob Thauret deshalb so viel Interesse für die Sache zeige, weil er die Steine gestohlen hatte und nun erstaunt war, als er eine so seltsame Erklärung ihrer Wiederauffindung hörte, allein die nächsten Worte, die der Mann sprach, schienen dem zu widersprechen.

»Sie mögen an derartige Dinge glauben, Mr. Mitchel,« sprach er, »aber ich, der ich nur modernen Ideen huldige, muß das für Aberglauben halten. Wie gewöhnlich bei solchen Dingen wird wohl eine Kette von zufällig zusammentreffenden Umständen für Beweise einer übernatürlichen Kraft in den Steinen selbst angesehen worden sein. Ich glaube, ich wüßte ein Versteck, wo der Stein nicht so leicht gefunden werden sollte.«

»Nun, da wäre ich doch wirklich neugierig,« sprach Mitchel.

»Wenn der Gegenstand klein ist, wie zum Beispiel der gestohlene Rubin,« meinte Thauret, »gibt es nur einen Ort, wo der Dieb das gestohlene Gut sicher verbergen kann.«

»Und was ist das für ein Ort?« fragte Mitchel, der jetzt selbst Interesse verriet.

»Auf dem eigenen Leibe, wo er ihn immer in Bereitschaft hat, um ihn sicher zu verstecken, wenn es zu einer Durchsuchung kommt. Ein Rubin ist ein so kleiner Gegenstand, daß er sich ohne Schwierigkeit schnell beiseite schaffen läßt.«

»Sehr richtig,« erwiderte Mitchel, »aber –« Hier hielt er einen Augenblick inne und schien zerstreut, sammelte sich aber rasch wieder. »Wo war ich doch stehen geblieben? Ich habe den Faden unsres Gesprächs verloren.«

»Mr. Thauret war der Ansicht, der Dieb könne den Rubin auf dem eigenen Leibe verbergen,« entgegnete Randolph.

»Richtig, jetzt fällt's mir wieder ein. Nun, ich sollte denken, das wäre doch ein etwas gewagtes Verfahren. Ich glaube, wenn ich den Stein gestohlen hätte, wie du andeutetest, Randolph, ich würde etwas Besseres thun.«

»Aha,« sagte Randolph, »jetzt wird die Sache interessant. Nun laß hören, wie du den Stein verstecken würdest, wenn du ihn genommen hättest.«

»Das ist eine verfängliche Frage,« versetzte Mitchel, »und ich ziehe vor, sie nicht zu beantworten; die Wände haben manchmal Ohren, weißt du.« Er sprach dies in so bedeutungsvollem Tone, daß Randolph einen Augenblick unbehaglich zu Mute wurde. »Eins will ich aber noch aussprechen,« fuhr Mitchel fort, »daß der Dieb, wer es auch sein mag, keinen Nutzen aus seinem Verbrechen ziehen kann.«

»Warum nicht?« fragte Thauret.

»Weil es außer diesen beiden keinen Rubin in der Welt gibt, der so vollkommen in der Farbe ist. Ein echter ›Taubenblutrubin‹ kann nicht verkauft werden, weil er sofort als gestohlen erkannt werden würde, da ich alle bedeutenden Edelsteinhändler der Welt benachrichtigt habe, daß mein ›Aegyptisches Kleinod‹ gestohlen worden ist; und wenn der Versuch gemacht werden sollte, ihn anders zu schneiden, so würde mich der Steinschneider alsbald benachrichtigen, da die von mir ausgeschriebene Belohnung größer ist, als sein Verdienst beim Umschleifen.«

»Aber angenommen, der Dieb wäre selbst Steinschneider?«

»Auch dann würde immer noch die vollendete Farbe dem ersten Händler, dem der neugeschliffene Stein angeboten würde, verraten, daß er das ›Aegyptische Kleinod‹ in andrer Gestalt vor sich hat.«

»Vielleicht ist der Dieb ein sehr geduldiger Mensch, und wer warten gelernt hat, erreicht alles, wie Sie wissen.«

»Gewiß,« erwiderte Mitchel, »aber denken Sie an meine Worte: das ›Aegyptische Kleinod‹ wird von dem Menschen, der es augenblicklich in Händen hat, nicht verkauft werden.«

»Besonders, wenn du selbst der Mensch bist,« sprach Randolph lachend.

»Sehr richtig,« antwortete Mitchel ernst.

Die Unterhaltung wandte sich nun andern Dingen zu, und bald darauf trennten sich die Herren. Barnes war eben im Begriff, den großen Speisesaal zu verlassen, als ihm ein Diener ein Briefchen überreichte, und er war sehr überrascht und ärgerlich, als er las:

»Wenn Mr. Barnes das nächste Mal den Lauscher spielt, muß er vorsichtiger sein und sich umsehen, ob nicht ein Spiegel die beiden Seiten eines Vorhangs zeigt, hinter dem er sich verborgen wähnt.

Mitchel.«

»Hol's der Teufel!« murmelte Barnes. »Ich möchte wissen, bei welchem Punkte der Unterhaltung er meine Anwesenheit entdeckt hat. War der letzte Teil, daß er alle Händler benachrichtigt habe, besonders für mich bestimmt, um mich zum Glauben zu veranlassen, daß jemand anders den Stein gestohlen habe? Wenn das der Fall ist, warum läßt er mich dann wissen, daß er mich gesehen hat?«

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