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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 12
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Elftes Kapitel.
Barnes erhält mehrere Briefe.

Am Morgen des 3. Januar erhielt Barnes mehrere Briefe, die für unsre Geschichte Interesse haben. Der erste, den er öffnete, lautete:

»Wenn Mr. Barnes die Güte haben will, sie so bald als möglich zu besuchen, wird er zu Danke verpflichten

Emily Remsen.«

Er las dies zweimal durch und nahm dann einen andern auf:

»Mr. J. Barnes.

Geehrter Herr! Erlauben Sie mir, Ihnen das Gespräch ins Gedächtnis zurückzurufen, das ich vor etwa einem Monat mit Ihnen hatte. Meine damaligen Worte, die die Annahme andeuteten, mein Freund Mitchel sei bei dem Eisenbahndiebstahl beteiligt, bedaure ich jetzt sehr. Wie Sie wissen, ist Miß Remsen auf dem Feste der vorletzten Nacht eine wertvolle Rubinnadel gestohlen worden, und es scheint mir ganz klar zu sein, daß mein Freund Mitchel seine Hand dabei im Spiele hatte. Allerdings weiß ich, daß er vorgibt, in Philadelphia krank zu liegen, aber das kann auch Spiegelfechterei sein. Dann wäre es ihm ein Leichtes gewesen, herüberzukommen, die Nadel zu nehmen und in derselben Nacht nach Philadelphia zurückzukehren, ein ganz ungefährlicher Diebstahl für ihn, besonders wenn er im Einverständnis mit Miß Remsen gewesen wäre. Bei einer Wette sind alle Mittel erlaubt, und ich ersuche Sie, mir die Beweise zu verschaffen, daß Mitchel diesen Diebstahl begangen hat. Ich will die Wette gewinnen, aber aufs Geld kommt es mir gar nicht an, und selbst wenn ich den ganzen Betrag von tausend Dollars ausgebe, würde ich immer noch nichts verlieren, vorausgesetzt, daß ich Mitchel innerhalb eines Jahres überführe. Außerdem wäre mir schon der Triumph das Geld wert. Ich lege einen Check über fünfhundert Dollars als eine Art Handgeld bei, und wenn Sie mehr bedürfen, können Sie bis zur Höhe von tausend Dollars auf mich ziehen. Da ich gerade an Sie schreibe, kann ich Ihnen nebenbei mitteilen, daß mein Verdacht hinsichtlich Mr. Thaurets unbegründet war. Mich besonders für den Mann zu erwärmen, habe ich keine Veranlassung, und er ist mir sogar entschieden unangenehm, aber die Gerechtigkeit verlangt, daß ich meine falsche Anschuldigung zurückziehe. Noch eins: Damals sagte ich Ihnen, der Partner, mit dem er gespielt hat, sei mir unbekannt. Inzwischen habe ich ihn kennen gelernt, und, wenn auch unbemittelt, ist er doch ein Ehrenmann und über jeden Verdacht erhaben. Sein Name ist Adrian Fisher.

In der Hoffnung, daß Sie mir helfen werden, meine Wette zu gewinnen, verbleibe ich

Ihr ergebenster
Arthur Randolph.«

»So, so,« dachte Barnes, »sogar Mr. Randolph durchschaut das Plänchen mit Mitchels angeblicher Krankheit in Philadelphia, während er seiner Braut in New York Schmucksachen stiehlt. Aber, aber – eine List durchschauen und sie beweisen, das ist zweierlei. Er hält Thauret und Fisher beide für Ehrenmänner – nun, ich fürchte, er irrt sich da.«

Er nahm den dritten Brief auf und las:

»Lieber Mr. Barnes!

Entschuldigen Sie die vertrauliche Anrede, die sich nur durch meine Hochachtung für Sie rechtfertigen läßt. Soeben habe ich die New Yorker Zeitungen gelesen und daraus ersehen, daß Miß Remsen die wertvolle Rubinnadel, die ich ihr vor kurzem geschenkt habe, gestohlen worden ist. Die Sache beunruhigt mich in hohem Maße, besonders, da ich durch Krankheit verhindert bin, nach New York zurückzukehren, und voraussichtlich noch mehrere Tage das Zimmer hüten muß. Wollen Sie mir einen großen Gefallen thun? Vergessen Sie, daß ich jemals geringschätzig über Detektivs gesprochen habe, und nehmen Sie diesen Fall in die Hand. Ich zahle Ihnen tausend Dollars, wenn Sie das Kleinod wieder herbeischaffen, und das ist im Vergleich zu seinem Werte eine geringe Belohnung. Beiliegend übersende ich Ihnen einen Check über zweihundert Dollars zur Bestreitung der ersten Auslagen, und wenn Sie mehr brauchen, lassen Sie es mich wissen. Am liebsten wäre mir, Sie kämen nach Philadelphia, denn eine persönliche Besprechung mit Ihnen wäre mir eine große Beruhigung, und Sie würden dadurch zu großem Dank verpflichten

Ihren ergebensten
Robert Leroy Mitchel.«

»Na, das muß ich sagen,« sprach Barnes für sich, nachdem er diesen Brief dreimal durchgelesen hatte, »das ist wirklich die kühlste Unverschämtheit, die mir jemals vorgekommen ist. Er bietet mir tausend Dollars für Wiederherbeischaffung des Rubins, den er wahrscheinlich selbst hat. Ist er so eingebildet, daß er es wagt, sich über mich lustig zu machen? – Ob ich wohl nach Philadelphia fahre? Na, ich meine denn! Eine kleine Unterhaltung mit ihm wird ebenso befriedigend für mich ausfallen, wie für ihn. Aber zunächst muß ich zu Miß Remsen gehen; da bringe ich vielleicht mancherlei in Erfahrung.«

Als er bei der jungen Dame ankam, wurde er sogleich vorgelassen.

»Sie haben befohlen, Miß Remsen,« begann er.

»Ja, Mr. Barnes,« erwiderte sie. »Wollen Sie nicht Platz nehmen? Um gleich zur Sache zu kommen, ich möchte mit Ihnen über meinen verlorenen Rubin sprechen, den ich natürlich wieder haben möchte. Ich sichere Ihnen tausend Dollars zu, wenn Sie mir ihn wiederschaffen.«

»Ihr Anerbieten kommt zu spät, Miß Remsen; ich habe einen Brief von Mr. Mitchel erhalten, worin er mir ein ähnliches Angebot macht, und ich kann doch nicht zwei Belohnungen für einen Dienst annehmen.«

»Sie weigern sich also, mir zu helfen?«

»Im Gegenteil, ich werde mich aufs äußerste bemühen, den Dieb zu entdecken und Ihnen Ihr Eigentum wieder zu verschaffen, aber ich kann kein Geld von Ihnen annehmen, und wenn ich Ihnen dienen soll, müssen Sie mir beistehen.«

»Ich werde alles thun, was ich kann.«

»Dann sagen Sie mir zunächst einmal, ob Sie keinen Verdacht haben?« Die junge Dame zögerte, während der Detektiv ihr Gesicht aufmerksam betrachtete. »Haben Sie gefühlt, wie Ihnen die Nadel aus dem Haare gezogen wurde?« fragte er weiter, als sie keine Antwort gab.

»Ja, das habe ich; aber erst, als er sie schon hatte, ward mir klar, was vorgegangen war.«

»Warum haben Sie denn keinen Widerstand geleistet oder geschrieen?«

Wiederum zögerte sie mit der Antwort.

»Ich weiß, Sie haben ein Recht, diese Fragen zu stellen,« sprach sie dann mit fester Stimme, »und ich werde sie auch beantworten, wenn Sie darauf bestehen. Zunächst aber bitte ich Sie, mir zu sagen, ob es recht wäre, Namen zu nennen, wenn ich nur ganz schwache Verdachtsgründe habe? Könnte ich nicht mehr schaden als nützen, wenn ich Ihre Aufmerksamkeit in eine falsche Richtung lenkte?«

»Diese Möglichkeit ist allerdings vorhanden, Miß Remsen, allein ich will es gern darauf ankommen lassen, das heißt ich will lieber meiner Erfahrung vertrauen, als Ihren Verdacht nicht hören.«

»Gut; nur versprechen Sie mir, daß Sie keine voreiligen Schlußfolgerungen ziehen und den Herrn, den ich Ihnen nennen werde, nicht belästigen wollen.«

»Damit bin ich einverstanden. Ich werde nicht gegen ihn vorgehen, wenn ich nicht noch andre, als die von Ihnen mitgeteilten Verdachtsgründe habe.«

»Schön. Sie haben mich gefragt, ob ich jemand im Verdacht und warum ich dem Diebe keinen Widerstand geleistet hätte. Sie werden sich entsinnen, daß ich meinen Kopf gebeugt hielt. Zuerst konnte ich es gar nicht begreifen, wie es kam, daß meine Nadel sich bewegte, und dachte, sie hätte sich vielleicht am Gewande des Sultans festgehängt. Dann fing die Uhr an zu schlagen, und in dem Augenblick fuhr es mir durch den Kopf, daß mir Mr. Mitchel die Nadel wegnähme, um seine Wette zu gewinnen. Deshalb verhielt ich mich stille. Ist Ihnen mein Benehmen nun verständlich?«

»Vollkommen. Ich muß daraus schließen, daß Ihnen Mr. Mitchel nicht im voraus gesagt hat, daß er das thun wolle.«

»Nein, das hat er nicht, und das ist gerade der Grund, weshalb ich Sie zu mir gebeten habe.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Nun, das ist doch klar. Solange ich glaubte, er habe die Nadel, machte ich mir keine Sorgen darüber und ging sogar so weit, eine große Entrüstung auf dem Feste zu heucheln, zum Teil, um Sie irre zu leiten, denn ich wollte Mr. Mitchels Plan unterstützen; allein, als mir gestern einfiel, daß mir Mr. Mitchel sicher im voraus gesagt hätte, wenn es seine Absicht gewesen wäre, mir die Nadel zu nehmen, sah ich sofort ein, daß mein erster Gedanke irrig war, und daß mein Rubin wirklich gestohlen worden ist. Deshalb habe ich an Sie geschrieben.«

»Sind Sie ganz sicher, daß er es Ihnen im voraus gesagt haben würde?«

»Unbedingt.«

»Kann ihn nicht die Besorgnis, Sie in einen großen Skandal zu verwickeln, abgehalten haben? Sie wissen, daß er sich einer Verhaftung aussetzt, und es kann eine beträchtliche Zeit darüber vergehen, bis es ihm gelingt, zu beweisen, daß es sich um einen Scherz gehandelt hat. Er wollte vielleicht Ihren Namen nicht in der Leute Mund bringen.«

»O, er kennt mich besser,« sprach sie lächelnd.

»Inwiefern besser?« fragte der Detektiv.

»Er weiß, daß es nichts in der Welt gibt, was ich nicht für ihn thun würde, nachdem ich eingewilligt habe, ihm mich selbst zu geben. Ich bin eine von den Frauen, die nicht leicht vor etwas zurückschrecken, wenn es sich darum handelt, dem Manne ihrer Wahl zu helfen.«

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie bereit wären, eine wenig beneidenswerte Berühmtheit mit ihm zu teilen, und daß er das weiß?«

»Allerdings, und deshalb bin ich auch fest überzeugt, daß er mich um meine Hilfe gebeten hätte, wenn es seine Absicht gewesen wäre, meine Nadel zu nehmen.«

»Wie er schon bei einer andern Gelegenheit gethan hat?« Der Detektiv hatte diesen Schlag lange vorbereitet und war sehr neugierig auf die Wirkung.

»Bei welcher Gelegenheit?« fragte Miß Remsen vollkommen unbefangen.

»An dem Morgen, wo er Ihre Zofe hier in diesem Zimmer einschloß, während Sie in die Stadt fuhren und ein kleines Mädchen aus einem Hause abholten und nach einem andern brachten.«

»Nach welchem andern?« Das war eine schwierige Frage für den Detektiv, und als er die Antwort schuldig blieb,, lächelte sie auf eine für ihn sehr ärgerliche Weise.

»Beweise für Ihre Behauptung haben Sie nicht,« fuhr sie fort. »Sie nehmen an, daß ich das, was Sie sagen, gethan habe, aber Sie wissen es nicht. Sie sehen, ich hatte vorhin ganz recht, als ich sagte, daß ein bloßer Verdacht einen irre führen kann.«

»Vielleicht, aber ich glaube nicht, daß ich in diesem Falle im Irrtum bin.«

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen, sondern auf unsern Rubin zurückkommen. Sie haben Mr. Van Rawlston, wie er mir mitgeteilt hat, gesagt, Sie hätten im voraus gewußt, daß dieser Diebstahl begangen werden würde. Kannten Sie auch die Person, die die Absicht hatte, die Nadel zu stehlen?«

»Um ganz offen mit Ihnen zu sein, habe ich geglaubt, Mr. Mitchel werde sie stehlen, und ich glaube immer noch, daß er es gethan hat. Soll ich meine Nachforschungen einstellen? Sie können dahin führen, daß er seine Wette verliert.«

Barnes' Absicht bei dieser Frage war sehr scharfsinnig. Wenn die junge Dame seinen Vorschlag annahm, dann war er sicher, daß sie selbst Mitchel noch im Verdacht hatte; er hoffte, auf diese Weise hinter ihre wahre Ansicht zu kommen.

»Damit kann ich mich nicht einverstanden erklären, denn das hieße, meine Hoffnung, die Nadel jemals wieder zu erlangen, aufgeben. Ich bin ganz sicher, daß Mr. Mitchel sie nicht genommen hat. Irre ich mich, und hat er sie genommen, ohne mir zu vertrauen, dann hat er einen schweren Fehler gemacht und soll dafür büßen. Ich bin aber ganz sicher, daß sich etwas andres herausstellen wird, und bitte Sie, ihr Möglichstes zu thun, alles aufzuklären.«

»Sie können sich darauf verlassen, daß ich meine besten Kräfte in den Dienst dieser Sache stellen werde, und mit dieser Versicherung will ich mich Ihnen empfehlen.« – –

Gegen sechs Uhr abends desselben Tages ließ sich Barnes bei Mitchel im Hotel Lafayette in Philadelphia melden und stand gleich darauf in dessen Zimmer.

»Sehr erfreut, Sie zu sehen, Mr. Barnes. Es ist außerordentlich freundlich von Ihnen, daß Sie sich hierher bemüht haben, und ich könnte Ihnen dafür fast das Unrecht, das Sie mir angethan haben, vergeben.«

»Unrecht? Was für ein Unrecht?«

»Erinnern Sie sich des Tages, wo Sie mich besuchten, um mit mir über den Knopf zu sprechen, den Sie gefunden hatten? Sie baten mich. Ihnen den siebenten meiner Garnitur zu zeigen, und ich erklärte mich dazu bereit, aber unter der Bedingung, daß Sie die Dame nicht belästigen wollten.«

»Nun?«

»Sie haben das Versprechen nicht gehalten.«

»Inwiefern?«

»Erstens, haben Sie ihre Zofe bestochen, ihr etwas vorzulügen, damit eine Ihrer Spioninnen ihren Platz einnehmen konnte, und zweitens haben Sie wirklich eine solche ins Haus geschmuggelt. Die Folge war, daß Miß Remsen ihr altes Mädchen nicht wieder nehmen konnte und sehr viel Mühe gehabt hat, ein andres zu finden.«

»Als ich das Versprechen gab, konnte ich nicht voraussehen, daß solche Umstände eintreten würden.«

»Sehr richtig, aber ich habe das vorausgesehen und Ihnen gesagt, Sie würden bei diesem Versprechen nichts gewinnen und durch Ihren Besuch nur meine Aussage bestätigt finden.«

»Nun, es thut mir leid, und es soll nicht wieder vorkommen.«

»Aber es ist schon wieder vorgekommen, Mr. Barnes.«

»Wieso?«

»Miß Remsen kann ihr Haus nicht verlassen, ohne von Ihren Spionen verfolgt zu werden.«

Barnes bis sich ärgerlich auf die Lippen, als er sah, wie genau dieser Mann mit allen seinen Maßnahmen bekannt war.

»Diesmal haben Sie unrecht,« antwortete er, ohne zu zögern. »Ich habe versprochen, Miß Remsen nicht im Zusammenhang mit dem besondren Fall, worum es sich damals handelte, zu belästigen, während die Verfolgung, wie Sie es vorhin nannten, sich auf einen andern bezieht.«

»Was für einen andern?«

»Entführung.«

»Entführung? Abgeschmackt! Wen in aller Welt soll denn Miß Remsen entführt haben?«

»Ein junges Mädchen Namens Rose Mitchel.«

»Und wer ist diese Rose Mitchel, wenn ich so frei sein darf, zu fragen? Die Tochter der Ermordeten?«

»Vielleicht, das will ich eben ermitteln; bis jetzt galt sie aber auch für Ihre Tochter.«

»Aha! Und können Sie beweisen, daß sie das nicht ist?«

»Nein.«

»Sehr gut. Also soviel Sie wissen, ist diese Rose Mitchel, die für meine Tochter gilt, von Miß Remsen aus einem Hause abgeholt und nach einem andern gebracht worden. Beweisen können Sie das nicht, aber, gesetzten Falles, es wäre wahr, wo steckt denn die Entführung, wenn meine zukünftige Frau ein Kind, das für das meine gilt, abholt und wo anders unterbringt?«

»Ach, lassen Sie doch diesen Unsinn, Mr. Mitchel, Sie wissen sehr wohl, daß das Kind zu einem gewissen Zwecke entfernt worden ist, denn warum würde es jetzt verborgen gehalten? Und wenn Miß Remsen ihre Hand dabei im Spiele gehabt hat, so hat sie Ihnen geholfen, einen Detektiv irrezuführen, und das ist ungesetzlich. Folglich haben wir das Recht, sie zu beobachten und herauszubringen, was wir können.«

»Gut, dann will ich Ihnen das Recht nicht streitig machen und wünsche Ihnen viel Vergnügen dazu, aber das Kind ist aus keinem andern Grund entfernt worden, als weil Ihre Spionin Lucette seinen Aufenthalt entdeckt hatte, und ich wollte nicht, daß das Kind belästigt werde.«

»Woraus schließen Sie mit solcher Bestimmtheit, daß Lucette meine Spionin, wie Sie es nennen, war?«

»Nun, das will ich Ihnen erklären. Sie ist mir eines Tages durch einen ganzen Zug der Hochbahn gefolgt, obgleich wir an leeren Plätzen genug vorbeikamen, und hat sich mir gegenüber gesetzt. Schon das war mir verdächtig. Als ich sie dann kurze Zeit danach als Stellvertreterin von Miß Remsens Zofe wiedererkannte, war ich meiner Sache sicher.«

»Einfältige Gans! Genau, was ich ihr gesagt habe,« murmelte Barnes für sich. »Habe ich Sie recht verstanden,« fuhr er dann laut fort, »sagten Sie, diese Rose Mitchel sei Ihre Tochter?«

»Was Sie verstanden haben, weiß ich nicht, aber gesagt habe ich das nicht. Ich habe in derselben Weise von ihr gesprochen, wie Sie: ›Rose Mitchel, die für meine Tochter gilt.‹«

»Nun also, ist sie Ihre Tochter?«

»Ich lehne es ab, diese Frage zu beantworten.«

»Warum thun Sie das?«

»Auch darauf muß ich Ihnen die Antwort schuldig bleiben.«

»Sehen Sie nicht ein, Mr. Mitchel, daß Sie sich mehr und mehr verdächtig machen?«

»Lieber Mr. Barnes, es liegt mir nicht ein Pfifferling daran, wieviel Verdacht ich errege, solange man mir nichts beweisen kann. Wenn Sie Beweise gegen mich gefunden zu haben glauben, dann kommen Sie zu mir, und ich will versuchen, sie zu widerlegen.«

»Gut. Sie haben mich gebeten, den Dieb zu entdecken, der Miß Remsens Rubin gestohlen hat. Ich kenne ihn bereits.«

»Wirklich, Mr. Barnes? Sie sind ja das reine Genie. Wer ist es denn?«

Sie selbst.«

»Larifari! Wenn Sie nichts Besseres wissen! Ich bin ja seit drei Tagen krank im Bett.«

»Diesmal sind Sie gefangen, Mr. Mitchel. Sie sind zur Zeit des Diebstahls in New York gewesen, haben das Maskenfest mitgemacht und Miß Remsen den Rubin aus dem Haar gezogen.«

»Sie sind in einer Täuschung befangen, Mr. Barnes. Ich versichere Ihnen, ich habe dieses Zimmer seit dem 30. Dezember inne.«

»Ach was! Einer meiner Leute ist Ihnen hierher gefolgt. Am Abend des 1. Januar ist er hier im Hotel eingekehrt und hat das neben dem Ihrigen gelegene Zimmer erhalten. Er hat das Schloß der Verbindungsthür erbrochen, ist hier eingetreten und hat so Ihre Abwesenheit entdeckt.«

»Kein schlechter Gedanke! Der Mann verdient alle Anerkennung. Hat er Ihnen aber auch gesagt, durch welche Verbindungsthür er eingetreten ist?«

Barnes sah sich um und war erstaunt, zu finden, daß die einzige vorhandene Thür nach dem Gange führte. Was der Mann berichtet hatte, war eine Unmöglichkeit, allein er verfiel rasch auf eine Lösung des Rätsels.

»Sie sind seitdem in ein andres Zimmer gezogen, Sie waren damals in Nr. 234.«

»Und dieses ist Nr. 342, einen Stock höher. Allein Sie irren. Ich habe das Zimmer nicht gewechselt, und will Ihnen erklären, wie der Irrtum Ihres Gehilfen entstanden ist. Als ich hierherkam, wußte ich, daß mir einer Ihrer Leute gefolgt war, und ich war der Ausspähung müde. Ich schrieb mich ein und erhielt Nr. 234, allein das Zimmer gefiel mir nicht. Deshalb verlangte ich ein andres und bat gleichzeitig, die Nummer im Fremdenbuch nicht zu ändern. Ich hätte einen etwas aufdringlichen Freund, der keinen Anstand nehmen würde, ohne weiteres einzudringen, wenn er wüßte, welches Zimmer ich hätte, den ich aber zu vermeiden wünschte. Meinem Verlangen wurde entsprochen, und als Ihr Mann ein Zimmer ›in der Nähe seines Freundes Mitchel‹ verlangte, vermutete der Oberkellner in ihm den Menschen, den ich vermeiden wollte, und gab ihm Nr. 233, womit er natürlich sehr zufrieden war, ich aber noch mehr.«

Bitter enttäuscht, besonders, da er sich während der Unterredung überzeugt hatte, daß Mitchel wirklich krank war und an einem schlimmen Husten litt, kehrte Barnes ratlos nach New York zurück.

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