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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 11
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Zehntes Kapitel.
Ali Baba und die vierzig Räuber.

Nachdem Barnes sein Tagebuch durchgelesen hatte, begab er sich eilig nach Mr. Van Rawlstons Haus, verlangte diesen zu sprechen und wurde in dessen Arbeitszimmer geführt.

»Mr. Van Rawlston,« begann er, »ich bin Detektiv und bitte um die Erlaubnis, das heute abend hier stattfindende Maskenfest zu besuchen. Daß mein Verlangen Sie befremdet, ist begreiflich; ich stelle es aber nur in Ihrem eigenen Interesse.«

»Wenn Sie sich etwas deutlicher erklären, bin ich vielleicht nicht abgeneigt, Ihrem Ersuchen zu willfahren.«

»Sie wissen, daß eine Maskerade ein gefährliches Vergnügen ist, weil sich alle möglichen Menschen einschleichen können,« erwiderte Barnes, »und ich habe Grund zur Annahme, daß für heute abend die Ausführung eines Verbrechens hier geplant ist.«

»Verehrter Herr, das ist unmöglich! Es werden nur Bekannte eingelassen, und jeder Kommende muß sich demaskieren, ehe er eintreten darf. So dankbar ich Ihnen für Ihre Warnung bin, glaube ich doch Ihrer Dienste nicht zu bedürfen.«

»Trotzdem, Mr. Van Rawlston, kann sich ein Dieb unbemerkt einschleichen, denn erfahrungsmäßig läßt die Wachsamkeit bei solchen Gelegenheiten bald nach. Ueberdies versichere ich Ihnen, daß ich mehr als bloße Vermutungen habe. Schon seit Wochen lasse ich gewisse verdächtige Persönlichkeiten beobachten, und ich weiß, daß sie sich Kostüme bestellt haben, die in den Rahmen Ihres heutigen Festes passen. Ich bin gewiß, daß ihre Pläne zur Ausführung reif sind, und daß, wenn ich nicht hier bin, einer oder mehrere Ihrer Gäste bestohlen werden sollen. Vielleicht gelingt es mir nicht einmal, es zu verhindern.«

»Und doch erscheint es mir unglaublich,« versetzte Van Rawlston. »Wie schon gesagt, es kann kein Fremder ohne mein Wissen hereinkommen.«

»Aufdrängen kann ich mich Ihnen natürlich nicht, Mr. Van Rawlston, aber falls Sie genötigt sind, morgen die Hilfe der Polizei in Anspruch zu nehmen, trifft Sie allein die Schuld, wenn die Diebe mehrere Stunden Vorsprung vor uns haben. Ich habe Sie gewarnt, mehr kann ich nicht thun und empfehle mich Ihnen.« Barnes erhob sich, um zu gehen, aber Van Rawlston hielt ihn zurück.

»Einen Augenblick,« sprach er. »Wenn Sie Ihrer Sache so sicher sind, wäre es unvernünftig, Ihre Hilfe zurückzuweisen. Was sollen wir thun? Das Fest aufschieben?«

»Unter keinen Umständen. Halten Sie alles, was ich Ihnen gesagt habe, streng geheim und, wenn möglich, vergessen Sie es selbst, damit der Dieb nicht durch Ihr Benehmen gewarnt wird. Erlauben Sie mir, zu kommen, und da ich meinen Mann kenne, werde ich ihn im Auge behalten können.«

»Es wird mir wohl nichts andres übrig bleiben, aber Sie müssen in Kostüm erscheinen. – Warten Sie mal, so geht's! Die Leiter des Festes haben eine Anzahl von Anzügen bestellt für diejenigen, die ohne Kostüm kommen; davon können Sie einen nehmen.«

»Was für ein Kostüm soll ich verlangen?«

»O, sie sind alle gleich; es sind die vierzig Räuber.«

»Ist das nicht ein seltsames Kostüm?« fragte Barnes überrascht.

»O nein, Mr. Mitchel ist auf diesen Einfall gekommen. Er meinte, das wäre hübscher, als wenn vierzig langweilige Dominos zwischen den Orientalen herumliefen.«

»Schön, Mr. Rawlston, dann soll für diesmal der Detektiv im Gewande des Räubers erscheinen.«

»Sehr gut, Mr. Barnes. Kommen Sie also recht früh, damit Sie angekleidet sind, ehe die Gäste eintreffen. Für den Fall, daß Sie mich später sprechen wollen, teile ich Ihnen mit, daß ich als Sultan erscheinen werde.«

Barnes verließ das Haus, höchst zufrieden mit dem Ergebnis seines Besuches, denn er hatte mancherlei erfahren. Mitchel hatte die Kostüme für die Gäste bestimmt und dabei Sorge getragen, daß wenigstens vierzig Herren gleich gekleidet waren. Hatte er eine geheime Absicht dabei, dann war es gut, wenn sich Barnes unter den vierzig befand, und es war auch noch aus einem andern Grunde für seine Zwecke besser, als wenn er das Aladdin-Kostüm getragen hätte, denn er hielt Mitchel jetzt für so gerieben, daß er kaum daran zweifelte, dieser wisse um die Bestellung des erwähnten Anzuges, und dann mußte Aladdins Ausbleiben die Verschwörer unsicher machen; wir sagen: die Verschwörer, weil Barnes fest überzeugt war, daß mehr als eine Person bei den für den Abend geplanten Dingen beteiligt war.

Gegen neun Uhr begannen die Masken vor Van Rawlstons Haus vorzufahren, und dieser hatte zum Empfange der Gäste, die in lange, ihre Kostüme verbergende Mäntel gehüllt waren, den Gesellschaftsanzug angelegt. Barnes war rechtzeitig zur Stelle und hielt sich, als Räuber gekleidet, im Flur auf, wo er die Gesichter der Ankommenden genau mustern konnte. Unter den ersten befand sich die Familie Remsen, geleitet von Randolph, und bald darauf kam Thauret, der Mr. Van Rawlston einen Brief überreichte. Nachdem dieser das Schreiben durchgelesen hatte, reichte er Thauret die Hand und begrüßte ihn freundlich, allein plötzlich nahm sein Gesicht einen mißtrauischen Ausdruck an, und er sah sich nach Barnes um, der sich jedoch abwandte und dem fragenden Blick keine Beachtung schenkte. Offenbar hatte der Hausherr, dem Thauret persönlich unbekannt war und der sich der Warnung des Detektivs erinnerte, den Verdacht geschöpft, der Einführungsbrief sei gefälscht, und Barnes fürchtete, er möchte diesem Verdacht Worte leihen und damit alles verderben. Es war ihm deshalb eine große Erleichterung, als Miß Remsen auf Thauret zutrat.

»Wie geht's Ihnen heute abend, Mr. Thauret?« sprach sie. »Es freut mich, daß Sie sich noch entschlossen haben, zu kommen. Mr. Van Rawlston, Mr. Thauret ist ein Freund Mr. Mitchels.«

Das genügte, den Hausherrn zu beruhigen.

Thauret war noch nicht in Kostüm, hatte aber einen kleinen Handkoffer bei sich und wurde von einem Diener in eins der für die Herren bestimmten Ankleidezimmer geführt. Um keinen Verdacht zu erregen, folgte Barnes ihm nicht dahin, sondern stellte sich in der Nähe der Thür auf, bis ein als Ali Baba gekleideter Herr herauskam, dem er nachging.

Die Zimmer waren mit orientalischer Pracht geschmückt. Das größere stellte mit seiner wahrhaft fürstlichen Ausstattung ein Gemach im Palaste des Sultans vor; das kleinere war in Aladdins Höhle verwandelt und dem entsprechend hergerichtet.

Noch ehe alle Gäste versammelt waren, begann das Tanzen, und Barnes, immer Ali Baba im Auge behaltend, schlenderte zwischen den Paaren umher. Als Scheherezade und der Sultan eintraten, gesellte sich Ali Baba sofort zu ihnen und führte Scheherezade zum Tanze. Barnes stellte sich in eine Ecke und folgte ihnen mit seinen Blicken, als er sich plötzlich am Arme berührt fühlte und, sich umwendend, einen Herrn vor sich sah, der ebenso gekleidet war wie er.

»Wir müssen vorsichtig sein, damit Ali Baba unser Losungswort ›Sesam‹ nicht erfährt, wie in der wirklichen Geschichte,« sprach die Maske.

»Ich verstehe Sie nicht,« erwiderte Barnes.

Der andre sah ihn einen Augenblick scharf durch seine Larve an, wandte sich dann ab und entfernte sich, ohne noch ein Wort zu sprechen.

Barnes war verblüfft und bedauerte, nicht in weniger offener Weise geantwortet zu haben, denn er hätte die Stimme gern noch einmal gehört, allein er war überrumpelt worden und hatte seine Geistesgegenwart einen Augenblick verloren. Er meinte, die Stimme zu kennen, und strengte sein Gedächtnis an, um sich zu erinnern, wo er sie schon vernommen hatte, als ihm ein plötzlicher Gedanke kam.

»Wäre er nicht krank in Philadelphia, dann würde ich sagen, es war Mitchel.« Unter diesem Eindruck folgte er der Maske, die durch den Saal nach dem Flur schritt, allein als er dort anlangte, fand er eine Gruppe von mindestens einem Dutzend gleich gekleideter Gestalten. So aufmerksam er sie auch musterte, vermochte er nichts zu entdecken, woran er den Mann, der ihn eben angesprochen hatte, wieder hätte erkennen können, und er entschloß sich endlich, es dem Zufall zu überlassen, daß er den richtigen träfe.

»Sesam?« flüsterte er, an einen herantretend.

»Se–was?« lautete die von einer fremden Stimme gegebene Antwort.

»Kennen Sie unser Losungswort nicht?« fragte der Detektiv.

»Losungswort? Unsinn, wir sind ja keine wirklichen Räuber,« entgegnete der Angeredete und wandte sich lachend ab. Barnes sah ein, daß er nichts machen könne, und erinnerte sich außerdem, daß er Ali Baba aus den Augen verloren hatte, während er diesem Irrwisch gefolgt war. Er eilte in den Tanzsaal zurück und fand den Gesuchten auch gleich, jetzt aber ohne Scheherezade.

Etwa um elf Uhr verkündete ein Trompetenstoß den Beginn der Aufführungen. Scheherezade und der Sultan nahmen auf einem Diwan Platz, während sich die gesammte übrige Gesellschaft in Aladdins Höhle versammelte, deren Eingang durch einen schweren Vorhang geschlossen wurde. Die Aufführung bestand darin, daß Scheherezade einige Märchen aus Tausend und eine Nacht vortrug, zu denen eine Reihe lebender Bilder gestellt wurde. Den Schauplatz für diese bildete die Höhle Aladdins, deren rückwärtiger Teil durch einen prachtvollen blauen Vorhang von der eigentlichen Bühne abgetrennt wurde. Dieser Vorhang bildete einen sehr wirkungsvollen Hintergrund für die Bilder, während in dem durch ihn abgeschiedenen Raume die augenblicklich nicht beschäftigten Mitwirkenden warteten, bis an sie die Reihe kam.

Nachdem Scheherezade und der Sultan ihre Plätze eingenommen hatten, waren die elektrischen Lichter im Palastzimmer erloschen, so daß dieses nur wenn der Vorhang zum Zeigen der Bilder auseinandergezogen wurde, durch das aus dem Höhlenzimmer dringende Licht mäßig erhellt wurde. Barnes, der sich mit den andern hinter dem blauen Vorhang aufhielt, sah, durch dessen Spalte lugend, beim ersten Bilde, wie Scheherezade auf einem Kissen zu Füßen des Sultans saß und wie der Strahl eines der elektrischen Lichter der Bühne auf einen herrlichen großen Rubin fiel, den sie im Haare trug; und er wußte sofort, daß es derselbe Stein war, den ihm Mitchel gezeigt hatte.

Nach Schluß eines jeden Märchens schritten die Personen, die in den dazu gestellten Bildern mitgewirkt hatten, in feierlichem Zuge aus der Höhle ins Palastzimmer und machten Scheherezade und dem Sultan ihren »Salaam«, indem sie sich mit hoch über den Kopf erhobenen Händen tief verbeugten. Dann blieben sie als Zuschauer für die nächsten Bilder im Saale, der sich so allmählich füllte.

Zum Schlusse wurde das Märchen »Ali Baba und die vierzig Räuber« dargestellt. Beim letzten dazu gehörigen Bilde kamen auch die Räuber vor, und diese konnten sich ihre Stellung ziemlich nach Belieben wählen, so daß es Barnes gelang, dicht bei Ali Baba zu bleiben. Als sie sich zum Zuge ordneten, um ihren Salaam zu machen, versuchte er, Ali Baba unmittelbar zu folgen, war aber überrascht, als er bemerkte, daß noch zwei andre Räuber nach demselben Platze drängten. Die kleine, dadurch hervorgerufene Verwirrung endete damit, daß Barnes zwischen den beiden andern Bewerbern um den Platz unmittelbar hinter dem Führer ging.

Um das, was nun weiter folgte, richtig zu verstehen, muß man die Stellung der verschiedenen handelnden Personen im Gedächtnis behalten. Wie erwähnt, war das Palastzimmer dunkel, wenn auch das aus der Höhle dringende Licht so viel Helligkeit verbreitete, daß man unterscheiden konnte, ob man einen Herrn oder eine Dame vor sich habe. Der Sultan und Scheherezade, deren Plätze nicht weit vom Eingang der Höhle waren, sahen nach den lebenden Bildern hin, und es ist begreiflich, daß sie, wenn sie sich von diesen, die sehr hell beleuchtet waren, abwandten, für kurze Zeit geblendet waren.

Ali Baba schritt an der Spitze der vierzig Räuber auf den Diwan zu. Hier angelangt, machte er seinen Salaam und trat dann zur Seite in den dunkeln Teil des Zimmers. Nun kam, dicht vor Barnes herschreitend, der erste der vierzig Räuber, und auch dieser machte seinen Salaam in der weiter oben beschriebenen Weise. Während er dies that, entstand irgendwo ein leichtes Geräusch, das Barnes' Aufmerksamkeit einen Augenblick anzog, so daß er sich umsah. Nur um einen geringen Bruchteil einer Sekunde hatte sein Blick den vor ihm befindlichen Mann verlassen, und als er sich ihm wieder zuwandte, sah er deutlich, wie dieser folgendes ausführte: Als er seine Verbeugung mit ausgestreckten Armen machte, fuhr er mit einer Hand über Miß Remsens Kopf hin, die, vielleicht von der Helligkeit des andern Zimmers geblendet, zu Boden sah. Barnes bemerkte, wie er ruhig und langsam die Rubinnadel ergriff und sie ihr leise aus dem Haare zog. In diesem Augenblick schlug eine Uhr Mitternacht, und sofort durchzuckte ein Gedanke des Detektivs Hirn. Mit dem ersten Schlage der Uhr war die Zeit abgelaufen, die sich Mitchel zum Begehen seines Verbrechens ausbedungen hatte. Barnes hatte den Eindruck empfangen, daß der Mensch, der ihn angeredet, wie Mitchel sprach, und er war gerade in der Erwartung hierher gekommen, daß dieser Rubin gestohlen werden würde. Seiner Voraussetzung nach würde Thauret den Helfershelfer spielen, während sich Mitchel durch seine angebliche Krankheit in Philadelphia für ein Alibi sorgte. Nun war es seiner Ansicht nach offenbar, daß Mitchel der Aufmerksamkeit der ihn bewachenden Spione entschlüpft und nach New York zurückgekehrt war, einen der von ihm selbst bereit gestellten Anzüge angelegt und sein Verbrechen in der letzten Minute der ihm zur Verfügung stehenden Zeit ausgeführt hatte, und zwar einen Diebstahl, der großes Aufsehen erregen mußte und für den er doch, wenn überführt, nicht gestraft werden konnte, da seine Braut selbstverständlich erklären würde, sie sei mit ihm im Einverständnis gewesen, um ihm zu helfen, die Wette zu gewinnen, was vielleicht auch wirklich der Fall war, da sie sich nicht gerührt hatte, als ihr der Rubin aus dem Haare gezogen wurde. Alles dies flog Barnes in einer halben Sekunde durch den Kopf, und als der Dieb vor ihm den Stein in Sicherheit gebracht und sich wieder aufgerichtet hatte, war er sich über sein weiteres Vorgehen klar. Natürlich war Mitchel im stande, sofort die nötigen Aufklärungen zu geben, hatte aber dann seine Wette verloren.

Der Mann vor ihm wandte sich zur Seite, um dem folgenden Platz zu machen, und Barnes wollte eben vorspringen und ihn ergreifen, als er zu seiner großen Ueberraschung fühlte, daß er von seinem Hintermann festgehalten wurde. Zwar versuchte er, sich frei zu machen, aber die Sache kam ihm so völlig unerwartet, daß er machtlos war, und am meisten ärgerte ihn, daß der Dieb in dem herrschenden Dunkel rasch verschwand.

»Dreht die Lichter an!« rief er, entschlossen, sich den Mann nicht entgehen zu lassen. »Es ist ein Diebstahl begangen worden!«

Augenblicklich trat eine große Verwirrung ein. Die Leute drängten sich vor, Barnes wurde in deren Mitte gestoßen und stolperte gegen einen andern, mit dem er zu Boden fiel. Mehrere der Vordrängenden stürzten über sie und es herrschte ein wildes Durcheinander, um so mehr, als es einige Zeit dauerte, bis es jemand einfiel, die Lichter anzudrehen. Mr. Van Rawlston, der sofort begriffen hatte, was vorging, fand zuerst seine Geistesgegenwart wieder und drehte die Elektricität selbst an, allein die plötzliche Helligkeit machte die Sache zunächst nur schlimmer, denn sie blendete alle. So wurden zum großen Verdruß des Detektivs mehrere kostbare Minuten verloren, ehe er sich selbst aus dem Knäuel der über ihn Gefallenen aufrichten konnte.

»Miß Remsen ist bestohlen worden!« gelang es ihm endlich laut zu rufen. »Niemand darf das Haus verlassen! Masken ab!«

Mr. Van Rawlston stürzte zur Thür, um dafür zu sorgen, daß niemand herausgelassen werde, und die Gäste drängten sich um Miß Remsen, sie zu trösten. Barnes suchte nach Ali Baba und war sehr erstaunt, als er fand, daß es nicht Thauret war.

»Wer sind Sie?« fragte er rauh.

»Mein Name ist Adrian Fisher,« lautete die Antwort, die den Detektiv überraschte, aber auch befriedigte, denn sie schien seinen Verdacht, daß dieser Mann ein Spießgeselle sei, zu bestätigen. Rasch entschloß er sich, für jetzt weiter nicht mit ihm zu sprechen, und eilte zu Miß Remsen, um ihr Benehmen zu beobachten. Hatte sie etwas im voraus gewußt, dann spielte sie ihre Rolle meisterhaft, denn sie war sehr aufgeregt und äußerte sich ihrer Umgebung gegenüber in heftigen Worten über »die erbärmliche Wirtschaft«, wie sie es nannte, die es einem Diebe möglich gemacht hatte, sich einzuschleichen.

Während Barnes noch überlegte, was er thun sollte, sah er Mr. Van Rawlston mit Thauret auf sich zukommen.

»Mr. Barnes, wie ist das zugegangen? Warum haben Sie es nicht verhindert?«

»Ich habe es versucht, es ist mir aber leider nicht gelungen. Sie dürfen nicht vergessen, Mr. Van Rawlston, daß ich nicht allwissend bin. Ich vermutete, daß dieser Diebstahl begangen werden würde, konnte aber nicht wissen wie. Trotzdem sah ich die That.«

»Weshalb haben Sie den Dieb nicht festgehalten?«

»Das habe ich ebenfalls versucht, wurde aber von seinem Helfershelfer von hinten niedergerissen.«

»Können Sie ihn nicht am Kostüm wiedererkennen?«

»Das ist unglücklicherweise unmöglich, denn ich weiß weiter nichts, als daß er einer der vierzig Räuber war und augenscheinlich seine Rolle gut gespielt hat.«

»Das ist Mr. Barnes?« fragte Thauret. »Ach ja, natürlich. Ich habe ja, glaube ich, schon zweimal die Ehre gehabt. Sie sagen, der Dieb sei als einer der Räuber gekleidet gewesen? Das interessiert mich, denn ich trage auch eins dieser Kostüme. Warum verlangen Sie nicht, daß alle, die das thun, durchsucht werden?«

»Von einer solchen Beleidigung meiner Gäste kann keine Rede sein,« rief Van Rawlston sofort. »In meinem eigenen Hause meine Gäste durchsuchen lassen! Nein, lieber will ich den Rubin bezahlen, als daß ich das dulde.«

»Sie haben ganz recht,« erwiderte Barnes, Thauret dabei scharf ansehend, »ich bin überzeugt, daß das auch ganz nutzlos wäre.«

»Wie Sie wollen,« sprach Thauret, verbeugte sich mit einem höhnischen Lächeln und trat zu der um Miß Remsen versammelten Gruppe. Als Barnes mit Van Rawlston allein war, sagte er diesem, es sei ganz überflüssig, daß er noch länger im Hause bliebe, und empfahl sich. Allein er ging nicht eher, als bis er den Versuch gemacht hatte, sich zu vergewissern, ob Mitchel noch anwesend sei. Er ging an die Hausthür und fand hier, daß der Junge, den er als Wache dort aufgestellt, sich entfernt hatte, um die lebenden Bilder mitanzusehen, so daß sich nicht feststellen ließ, ob jemand das Haus verlassen hatte oder nicht.

»Dieser Mitchel,« dachte er, während er rasch nach Hause ging, »ist ein wahrer Künstler. Eine solche Unverfrorenheit, bis auf die letzte Minute der Frist zu warten und dann die Sache in einer solchen Weise auszuführen, daß ein paar hundert Menschen ihm bezeugen können, die That sei innerhalb der festgesetzten Zeit begangen worden! Und dabei hat er sich für ein ausgezeichnetes Alibi gesorgt. Krank in einem Gasthaus in Philadelphia! Bah! Ob man sich wohl auf einen Menschen verlassen kann!«

Als er sein Büreau erreichte, fand er dort den Gehilfen, der Mitchel in Philadelphia überwacht hatte.

»Na?« sagte er ärgerlich. »Was wollen Sie denn hier?«

»Ich bin sicher, daß Mitchel nach New York zurückgekehrt ist, und bin ihm in der Hoffnung gefolgt, ihn noch zu erreichen, oder Sie wenigstens zu warnen.«

»Ihre Warnung kommt zu spät, das Unheil ist geschehen. Hatten Sie denn nicht Verstand genug, zu telegraphieren?«

»Das habe ich unmittelbar vor meiner Abreise gethan.« In der That lag die Depesche, die eingetroffen war, als er sich schon nach dem Maskenfeste begeben hatte, noch unerbrochen auf Barnes' Pult.

»Nun, nun,« meinte der Detektiv verdrießlich, »Sie werden ja wohl nichts dafür können. Der Kerl hat ein Satansglück. Wie sind Sie denn auf den Gedanken gekommen, er wäre nach New York abgereist? War er denn nicht krank?«

»Ich hatte den Verdacht, es handle sich bei der ganzen Geschichte nur um ein Alibi, und um sicher zu gehen, stieg ich im selben Hotel ab und bat um ein Zimmer in der Nähe meines Freundes Mitchel. Ich erhielt das nebenliegende, schloß die Verbindungsthür auf und trat ein. Das Zimmer war leer, der Vogel ausgeflogen!«

»Fahren Sie mit dem nächsten Zuge nach Philadelphia zurück und thun Sie Ihr Möglichstes, herauszubringen, wann Mitchel wieder dort ankommt. Er ist ganz bestimmt wieder abgereist und liegt morgen früh krank im Bett, oder mein Name ist nicht Barnes. Bringen Sie mir die Beweise über diese heimliche Fahrt, und ich zahle Ihnen fünfzig Dollars. Flink!«

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