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Der Kameenknopf

Rodrigues Ottolengui: Der Kameenknopf - Kapitel 10
Quellenangabe
authorRodrigues Ottolengui
titleDer Kameenknopf
publisherVerlag von J. Engelhorn
year1895
translatorF. Mangold
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170511
projectidab64c85d
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Neuntes Kapitel.
Aus dem Tagebuch eines Detektivs.

Am Morgen des Neujahrstages saß Barnes in seinem gemütlichen Heim und hielt ein Tagebuch in der Hand, das er eifrig studierte.

Nachdem er auf so geschickte Weise entdeckt hatte, daß ein junges Mädchen Namens Rose Mitchel lebte und für Robert Leroy Mitchels Tochter galt, und nachdem dieses junge Mädchen auf ebenso geschickte Weise entfernt worden war, so daß er seine Spur für jetzt verloren hatte, war Barnes zu dem Entschlusse gekommen, Mitchel so scharf zu beobachten, daß er, wenn er das durch seine Wette bedingte Verbrechen noch nicht begangen hatte, es auch nicht ausführen könne, ohne auf frischer That ertappt zu werden, denn Barnes sah jetzt mehr in der Sache, als die Erfüllung einer Berufspflicht. Bei jeder Gelegenheit durchkreuzte dieser Mann seine Pläne, und das machte ihn nur noch entschlossener, ihn die Wette nicht gewinnen zu lassen. Deshalb hatte er Wilson durch zwei seiner gewandtesten Gehilfen ersetzt und jenen mit noch einem andern mit der Ueberwachung der Miß Remsen beauftragt, denn durch diese hoffte er auf die Spur des Kindes zu kommen.

Da heute der 1. Januar und mithin der letzte Tag war, wo Mitchel die Wette gewinnen konnte – immer vorausgesetzt, daß er das Verbrechen noch nicht begangen hatte – so wollte Barnes sich durch Nachlesen der Berichte seiner Spione alles Vorgefallene ins Gedächtnis zurückrufen und sich vergewissern, ob kein Fehler gemacht worden sei.

 

»15. Dezember. Mitchel morgens zwei Stunden im Hotel Hoffman. Kam in Begleitung Thaurets wieder heraus, mit dem er bei Delmonico speiste. Trennten sich um zwei. Mitchel ging nach einem Mietsstall, holte sich sein Pferd und seinen Wagen dort, fuhr nach der dreißigsten Straße. S...

Von Miß Remsen den ganzen Morgen nichts zu sehen. Um halb drei kam Mitchel mit seinem Wagen. Ich nahm Droschke, um ihnen zu folgen, falls sie das Kind besuchten, machten aber nur eine Spazierfahrt. Mitchel blieb bis zehn bei Remsens und kehrte dann nach seiner Wohnung zurück. W...

16. Dezember. M. morgens im Klub, nachmittags Hotel, abends bei Remsens. S...

17. Dezember. M. Wie gestern, nur nachmittags Besuch von Thauret, der eine Stunde blieb. S...

18. Dezember. M. morgens mit Th. zusammen, abends mit ihm im Klub. Gelangte durch Bestechung des Portiers als Kellner hinein. M. und Th. spielten Whist als Partner, verloren. Gingen zusammen nach Hause. S...

19. Dezember. M. und Th. spielten ganzen Vormittag Poker im Klub, verloren. Noch vier andre waren beteiligt. Einer, der am meisten gewann, war unzweifelhaft der Partner, mit dem Th. an dem Abend spielte, wo Randolph ihn im Verdacht des Falschspiels hatte. Entspricht auch der Beschreibung des Mannes, der die Steine im Hotel in New Haven zurückgelassen hat. Heißt Adrian Fisher. Abends M. und Th. mit Remsens im Theater. S...

20. Dezember. M. morgens zu Hause, nachmittags mit Th. spazieren gefahren. Folgte ihnen. Stiegen bei der Rest, im Park aus, tranken Flasche Wein. Sprachen sehr ernst zusammen. Sah, wie M. Th. eine Rolle Geld gab. Spielten abends im Klub Whist als Partner, verloren. S...

21. Dezember. Erhaltener Anweisung zufolge über Adrian Fisher Erkundigungen eingezogen. Von guter Familie, aber arm. Ist Mitglied von zwei vornehmen Klubs. Spielt viel, scheint so auf Kosten seiner Freunde zu leben. Keine Verwandten außer einer gelähmten Schwester, an der er sehr hängt. Rätselhaft, wie er diese so gut unterhalten kann. Durch ihn ist Th. in den Klub eingeführt worden War vom 1. bis 4. Dezember von New York abwesend. Q...«

Als er so weit gekommen war, legte Barnes das Buch aus der Hand und dachte nach: Ist dieser Fisher ein Werkzeug Thaurets? Er ist mittellos und ein Spieler, von guter Familie und hat eine Schwester, die er ihrer Herkunft gemäß unterhalten muß. Hat Thauret ihn zum Spiel verleitet, um in Gemeinschaft mit ihm die andern Mitglieder des Klubs zu rupfen? Es sieht beinahe so aus, aber woher kommt dieser vertraute Verkehr mit Mitchel so plötzlich? Oder ist er weniger plötzlich entstanden, als wir wissen? Ist Fisher der Mann, der das Handtäschchen von einem dieser beiden Männer empfangen und dann nach New Haven gebracht hat? Er war gerade in jenen Tagen von hier abwesend. Warum hat er aber das Täschchen im Stiche gelassen? Das würde es erklären, weshalb Thauret den Zug in Stamford verlassen hat, vielleicht mit der Absicht, in New Haven wieder mit seinem Spießgesellen zusammenzutreffen, während Fisher inzwischen die Sache aufgegeben hatte und nach New York zurückgekehrt war. Thaurets Pläne waren durchkreuzt – aber wer hat das Frauenzimmer ermordet?

Barnes las weiter:

»22. Dezember. M. holte Miß R. um elf Uhr ab, gingen zusammen zu Mr. und Mrs. Van Rawlston in der fünften Avenue. Dort blieben sie fast eine Stunde, trennten sich beim Fortgehen. M. frühstückte im Hotel Brunswick mit Th., nachmittags beide im Klub, spielten Whist, verloren. M. zahlte für beide, erhielt von Th. Schuldschein über dessen Anteil. Auch Randolph nahm am Spiele teil. Beziehungen zw. ihm und M. werden immer kälter. Auch zw. R. und Th. besteht wenig Freundschaft. Abends alle drei Oper in Remsens Loge. S...

Nachdem Miß R. morgens bei Mrs. Van Rawlston gewesen war, machte sie mehrere Besuche bei tonangebenden Damen der Gesellschaft. Augenscheinlich etwas im Werke. Hatte den Gedanken, Kind könnte vielleicht bei Rawlstons sein. Ließ deshalb junge Dame nachmittags von R. beobachten und hatte Unterredung mit Schutzmann des Bezirks. Kennt Van Rawlstons Mädchen und wird Bericht einsenden. Damen abends Oper. W...

Mr. und Mrs. Van Rawlston haben drei Kinder, alle jünger als vierzehn, und nur eins von ihnen, das jüngste, ist ein Mädchen. Miß Remsen war heute gekommen, um Mrs. Van Rawlston zu bitten, einer Gesellschaft, der die junge Dame angehört, zu gestatten, ein Fest in ihrem Hause abzuhalten, das am Neujahrstag abends stattfinden soll. Schutzmann Nr. 1666.

23. Dezember. M. und Th. waren heute bei Kostümverleiher. Nach ihnen ging ich hin, gab mich als Freund Ms. aus, sagte, wollte Kostüm für dieselbe Gelegenheit haben. List gelang. Brachte heraus, daß am Neujahrstage Maskerade abgehalten werden soll. M. hat Anzug als Ali Baba bestellt. Th. nichts. Wird Fest nicht mitmachen. Habe Aladdin-Kostüm bestellt, kann aber widerrufen, wenn Sie nicht hingehen wollen. Nachmittag und Abend M. und Th. im Klub, spielten Whist, verloren. S...

Habe Bekanntschaft von Dienstmädchen aus Haus in der dreißigsten Str. gemacht. Hat mir mitgeteilt, Fest sei Maskerade. Alle Teilnehmer stellen Personen aus Tausend und eine Nacht dar. Miß Emily R. erscheint als Scheherezade. W...«

Barnes überschlug einige Seiten, die nichts von Belang enthielten, und fuhr dann fort zu lesen:

»30. Dezember. M. kam um zehn aus Hotel, nahm Schnellzug nach Philadelphia. Fuhr selbstverst. mit selbem Zuge. S...

31. Dezember. Telegramm von Philadelphia: Mitchel Lafayette Hotel krank im Bett. Arzt zu Rate gezogen. Hat an Miß R. telegraphiert, daß er morgen abend Fest nicht mitmachen kann. S...

Th. heute Kostümverleiher, ließ sich das von M. bestellte Ali Baba-Kostüm geben. Händigte dem Mann Brief von M. ein, der von gestern aus Philadelphia ist:

›Lieber Freund! Ich bin plötzlich krank geworden, bitte Sie aber, Remsens nicht wissen zu lassen, daß es ziemlich ernst ist. Thun Sie mir den Gefallen und machen Sie das Fest mit. Ich lege eine Einladungskarte und einen Brief an Mr. Van Rawlston bei, wodurch Sie eingeführt werden. Sie können mein Kostüm tragen, das Ihnen der Mann aushändigen wird, wenn Sie ihm diesen Brief zeigen. Sie wollten, wie ich weiß, heute Nerv York verlassen, allein ich hoffe, daß Sie aus Freundschaft für mich Ihren Plan ändern und mich vertreten werden. Ich wünsche nicht, daß Miß Remsen ohne Begleiter sei, und bitte Sie, sich ihr so viel als möglich zu widmen. Sie wird als Scheherezade erscheinen.

Ihr ergebenster Mitchel.‹

Kostümverleiher hat mir diesen Brief ausgeliefert, nachdem ich ihm gesagt hatte, ich sei ein Detektiv, der einem Verbrechen nachspüre. Q...«

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