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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 9
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
correctorreuters@abc.de
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Achtes Kapitel

Der Feind im Hause

Es ist eine sonderbare Sache, daß ich in Verlegenheit bin wegen eines Datums – das Datum eines Ereignisses sogar, durch das meine ganze Lebensweise umgestoßen wurde, und das uns alle in ferne Länder sandte. Aber es ist eine Tatsache, daß ich aus allen meinen Gewohnheiten herausgerissen wurde, meine Tagebücher schlecht geordnet vorfinde und ein oder zwei Wochen lang die Tage nicht eingetragen sehe, wodurch alles den Anschein gewinnt, als ob der Schreiber nahezu in Verzweiflung war. Es war jedenfalls Ende März oder Anfang April 1764. Ich hatte fest geschlafen und wachte auf mit einem Vorgefühl kommenden Unglücks. Es war so stark, daß ich in Hemd und Hosen die Treppen hinuntereilte, und meine Hand – ich entsinne mich dessen – zitterte auf dem Geländer. Es war ein kalter, sonniger Morgen mit starkem, weißem Frost. Die Drosseln sangen außergewöhnlich süß und laut rings um das Haus von Durrisdeer, und in allen Räumen war das Geräusch des Meeres. Als ich zur Tür der Halle kam, machte mich ein anderer Laut stillstehen – es waren menschliche Stimmen. Ich trat näher und stand da wie ein Mensch, der traumbefangen ist. Hier war ohne Zweifel eine menschliche Stimme in meines eigenen Herrn Hause, und ich kannte sie nicht. Ohne Zweifel eine menschliche Stimme, und zwar in meiner Heimat, und doch verstand ich, so sehr ich lauschte, nicht eine Silbe. Eine alte Sage von einer Fee oder vielleicht nur einer umherstreifenden Fremden kam mir ins Gedächtnis, die vor einigen Generationen in das Dorf meiner Väter kam und ungefähr eine Woche dort blieb. Ihre Sprache war für die Zuhörer völlig unverständlich, und sie ging wieder fort, wie sie gekommen war, im Schatten der Nacht, ohne auch nur ihren Namen zurückzulassen. Ich spürte einige Furcht, aber noch mehr Neugier, öffnete die Hallentür und trat ein.

Die Reste des Abendessens standen auf dem Tisch, die Läden waren noch geschlossen, obgleich der Tag durch die Spalten schaute, und der große Raum war nur durch eine einzige Kerze und einige kleine Flammen des Kamins erhellt. Dicht am Feuer saßen zwei Männer. Den einen, der in einen Mantel gehüllt war und Stiefel trug, erkannte ich sofort: es war der Vogel des Unheils, der zurückgekehrt war. Von dem anderen, der dicht bei der glühenden Asche saß und sich wie eine Mumie zu einem Bündel zusammengewickelt hatte, konnte ich nur feststellen, daß er ein Fremdling war, mit einer dunkleren Haut als der irgendeines Europäers, sehr zart gebaut, mit besonders hoher Stirn und einem verschleierten Auge. Mehrere Bündel und ein kleiner Koffer lagen auf dem Boden, und wenn man nach der Geringfügigkeit des Gepäcks und dem Zustand der Schuhe des Junkers, die von einem skrupellosen Landschuster roh zusammengeflickt waren, urteilen sollte, so hatte die Sünde sich nicht gelohnt.

Bei meinem Eintreten stand er auf, unsere Augen trafen sich, und ich weiß nicht, warum es geschah, aber mein Mut erhob sich wie eine Lerche an einem Maienmorgen.

»Aha!« rief ich. »Sie sind es?« und die Unbefangenheit meiner eigenen Stimme gefiel mir.

»Ja, ich bin es tatsächlich, würdiger Mackellar«, erwiderte der Junker.

»Diesmal haben Sie den schwarzen Teufel sichtbar im Nacken«, erwiderte ich.

»Meinen Sie Secundra Daß?« fragte der Junker. »Gestatten Sie, daß ich vorstelle. Er ist ein eingeborener Edelmann aus Indien!«

»Hm!« sagte ich. »Ich liebe weder Sie noch Ihre Freunde sehr, Mr. Bally, aber ich werde etwas Tageslicht hereinlassen und Sie mir ansehen.« Und während ich das sagte, öffnete ich die Läden des Ostfensters. Im Licht des Morgens konnte ich feststellen, daß der Mann sich verändert hatte. Später, als wir alle zusammensaßen, war ich noch mehr überrascht, wie wenig die Zeit ihn mitgenommen hatte, aber der erste Eindruck war ein anderer.

»Sie werden alt«, sagte ich.

Ein Schatten fiel über sein Gesicht. »Wenn Sie sich selbst sehen könnten«, antwortete er, »würden Sie das nicht erwähnen.«

»Pah!« entgegnete ich. »Für mich bedeutet das Alter nichts. Ich glaube, ich bin immer alt gewesen, und ich bin jetzt, Gott sei Dank, richtiger erkannt und mehr geachtet. Nicht jeder kann das von sich sagen, Mr. Bally! Die Linien auf Ihrer Stirn deuten auf Unglück, Ihr Leben beginnt sich wie ein Gefängnis um Sie zu schließen, der Tod wird bald an Ihre Tür klopfen, und ich sehe nicht, aus welcher Quelle Sie Trost schöpfen könnten.«

Hier wandte sich der Junker auf hindustanisch an Secundra Daß, woraus ich entnahm – und ich will offen gestehen, mit einem hohen Grad der Befriedigung –, daß meine Bemerkungen ihn ärgerten. Während der ganzen Zeit waren meine Gedanken, wie man sich vorstellen kann, mit anderen Dingen beschäftigt, auch, als ich meinen Feind schmähte, und zwar besonders damit, wie ich meinen Herrn heimlich und rasch unterrichten könnte. Darauf verwandte ich nun mein ganzes Nachdenken während der Atempause, die mir gegeben wurde. Aber plötzlich, als ich meine Augen wandte, bemerkte ich, daß der Lord selbst in der Türöffnung stand, und zwar allem Anschein nach gänzlich gefaßt. Er war meinem Blick kaum begegnet, als er über die Schwelle trat. Der Junker hörte ihn kommen und ging ihm seinerseits entgegen. In einem Abstand von ungefähr vier Fuß hielten die Brüder inne und wechselten ruhige Blicke. Dann lächelte der Lord, verbeugte sich leicht und wandte sich jäh ab.

»Mackellar«, sagte er, »wir müssen Frühstück für diese Reisenden besorgen.«

Offenbar war der Junker ein wenig verwirrt, aber er gewann um so rascher die Unverschämtheit seiner Sprache und seines Benehmens zurück. »Ich bin hungrig wie ein Geier«, sagte er, »besorge etwas Gutes, Henry.«

Der Lord wandte sich ihm mit demselben starren Lächeln wieder zu. »Lord Durrisdeer«, sagte er.

»Oho! Nicht im Kreis der Familie«, erwiderte der Junker.

»Jedermann in diesem Hause redet mich mit meinem richtigen Titel an«, sagte der Lord. »Wenn du eine Ausnahme machen willst, gebe ich dir zu bedenken, welchen Eindruck es auf Fremde machen wird, und ob man es nicht als Ausfluß ohnmächtiger Eifersucht auslegen wird.«

Ich hätte vor Freude in die Hände klatschen mögen, um so mehr, als der Lord ihm keine Zeit zur Antwort ließ, sondern sofort die Halle verließ, indem er mich durch ein Zeichen aufforderte ihm zu folgen.

»Kommen Sie rasch«, sagte er, »wir haben Ungeziefer aus dem Hause zu entfernen.« Und er eilte mit so raschen Schritten durch die Gänge, daß ich ihm kaum folgen konnte. Er ging direkt zur Tür John Pauls, öffnete sie ohne anzuklopfen und trat ein. John lag anscheinend in tiefem Schlummer, aber der Lord gab nicht erst vor, ihn wecken zu müssen.

»John Paul«, sagte er, indem er so ruhig wie je zuvor sprach, »du hast meinem Vater lange gedient, sonst würde ich dich wie einen Hund aus dem Hause jagen. Wenn du in einer halben Stunde verschwunden bist, sollst du auch weiterhin deinen Lohn in Edinburgh erhalten. Treibst du dich aber hier oder in St. Bride herum, alter Mann, alter Diener und was sonst noch, so werde ich einen Weg finden, der dich überraschen wird, um dich wegen deiner Treulosigkeit zu brandmarken. Mach dich davon! Die Tür, durch die du sie hereingelassen hast, soll dir zur Abreise dienen. Ich will nicht, daß mein Sohn noch einmal dein Gesicht sieht.«

»Ich freue mich, daß Sie alles so ruhig nehmen«, sagte ich, als wir wieder allein waren.

»Ruhig!« rief er und legte meine Hand plötzlich auf sein Herz, das wie ein Schmiedehammer gegen die Rippen schlug.

Bei dieser Feststellung wurde ich mit Verwunderung und Furcht erfüllt. Keine Natur konnte eine so heftige Beanspruchung vertragen, am wenigsten die seine, die schon in Mitleidenschaft gezogen war, und ich beschloß in meinem Geist, daß der entsetzliche Zustand aufhören müsse.

»Ich glaube, es wäre gut, wenn ich der Lady Nachricht gäbe«, sagte ich. Er hätte ja eigentlich selbst gehen sollen, aber ich rechnete nicht ohne Grund mit seiner Gleichgültigkeit.

»Nun gut«, sagte er, »tun Sie das. Ich werde rasch Frühstück bestellen, wir müssen alle bei Tisch erscheinen, selbst Alexander. Alle sollen den Eindruck der Unbefangenheit erwecken.«

Ich lief zum Zimmer der Lady und eröffnete ihr die Tatsachen ohne grausame Vorbereitungen.

»Ich war lange darauf gefaßt«, erwiderte sie. »Wir müssen heute noch unser Gepäck vorbereiten und heimlich in der Nacht abreisen. Dem Himmel sei Dank, daß wir eine zweite Heimat besitzen! Das erste Schiff, das abfährt, soll uns nach New York tragen.«

»Und was soll aus ihm werden?« fragte ich.

»Wir überlassen ihm Durrisdeer«, rief sie aus, »wenn es ihm Spaß macht, kann er hier hausen.«

»Das nicht, wenn Sie gestatten«, entgegnete ich. »Wir wollen einen Hund auf seine Fersen setzen, der zufassen kann. Bett und Verpflegung und ein Reitpferd soll er bekommen, wenn er sich gut benimmt, aber die Schlüssel werden in den Händen eines gewissen Mackellar bleiben, wenn Sie das für richtig halten, gnädige Frau. Er wird alles gut betreuen, darauf können Sie sich verlassen.«

»Mr. Mackellar«, rief sie aus, »ich danke Ihnen für diesen Gedanken. Alles soll in Ihren Händen bleiben. Wenn wir in ein wildes Land gehen müssen, beauftrage ich Sie, Rache für uns zu nehmen. Senden Sie Macconochie nach St. Bride, damit er heimlich Pferde bestellt und einen Rechtsanwalt herbittet. Der Lord muß Ihnen das Verfügungsrecht übertragen.«

In diesem Augenblick erschien der Lord in der Tür, und wir eröffneten ihm unseren Plan.

»Ich will nichts davon hören!« rief er aus. »Er würde glauben, daß wir uns fürchten. Ich werde in meinem eigenen Hause bleiben, so wahr es Gott gefällt, bis ich sterbe. Kein Mensch in der ganzen Welt kann mich vertreiben. Ein für allemal, hier bin ich, und hier bleibe ich, trotz aller Teufel der Hölle!« Ich kann keine Vorstellung geben von der Heftigkeit seiner Worte, aber wir standen beide entgeistert da, besonders ich, der früher Zeuge seiner Selbstbeherrschung gewesen war.

Die Lady sah mich so flehend an, daß es mir zu Herzen ging und mir meine fünf Sinne wiedergab. Ich machte ihr heimlich ein Zeichen, daß sie gehen möge, und als der Lord und ich allein waren und er in der einen Ecke des Zimmers halb wahnsinnig hin und her rannte, ging ich auf ihn zu und legte ihm meine Hand fest auf die Schulter.

»Mein Lord«, sagte ich, »ich muß wieder einmal derjenige sein, der Ihnen offen die Meinung sagt, und wenn es das letztemal ist, um so besser, denn ich bin dieser Rolle überdrüssig.«

»Nichts kann meinen Entschluß ändern«, antwortete er, »Gott verhüte, daß ich mich weigern sollte, Sie anzuhören, aber nichts wird meinen Entschluß ändern.« Er sagte das mit fester Stimme, aber ohne Anzeichen seiner früheren Heftigkeit, so daß ich bereits wieder Hoffnung hatte.

»Nun gut«, erwiderte ich, »mich hindert nichts, meine Worte zu verschwenden.« Ich deutete auf einen Stuhl, und er setzte sich und sah mich an. »Ich erinnere mich an eine Zeit, da die gnädige Frau Sie stark vernachlässigte«, begann ich.

»Ich habe nie darüber geredet, während das geschah«, erwiderte der Lord und wurde hochrot, »und jetzt hat sich alles geändert.«

»Wissen Sie inwieweit?« fuhr ich fort. »Wissen Sie, inwieweit sich alles geändert hat? Die Dinge haben sich gewandt, mein Lord! Heute fleht die Lady Sie an um ein gutes Wort, um einen Blick, und, ach, leider vergeblich. Wissen Sie, mit wem sie ihre Tage zubringt, während Sie auf dem Gut umherwandern? Mein Lord, sie ist glücklich, ihre Stunden mit einem gewissen trockenen, alten Rentmeister namens Efraim Mackellar zubringen zu können, und ich glaube, Sie sind imstande sich zu erinnern, was das heißt, denn wenn ich mich nicht sehr täusche, waren Sie selbst einst gezwungen, mit dieser Gesellschaft vorliebzunehmen.«

»Mackellar!« rief der Lord aus und stand auf. »Oh, mein Gott, Mackellar!«

»Weder der Name Mackellar noch der Name Gottes kann die Wahrheit vertuschen«, sagte ich, »ich erzähle Ihnen Tatsachen. Und wenn Sie jetzt, der Sie so viel litten, dasselbe Leiden einer Frau zufügen, ist das dann christlich? Aber Sie sind von Ihrem neuen Freunde so eingenommen, daß die alten alle vergessen sind. Alle sind sie aus Ihrem Gedächtnis ausgelöscht. Und doch standen sie Ihnen in den schwärzesten Stunden bei, die Lady nicht zuletzt. Und beschäftigt die Lady jemals Ihren Geist? Überlegten Sie sich jemals, was wir in jener Nacht durchmachten, welch treues Weib sie Ihnen von dieser Zeit an gewesen ist und in welcher Lage sie sich heute befindet? Niemals! Sie setzen Ihren Stolz darin, hierzubleiben und ihm standzuhalten, aber sie muß mit Ihnen hierbleiben. Oh, der Stolz meines Lords, das ist die wichtigste Sache! Und doch ist sie eine Frau, und Sie sind ein großer starker Mann! Sie ist das Weib, das Sie zu beschützen schworen, und was mehr ist, die Mutter Ihres einzigen Sohnes!«

»Sie sprechen bittere Worte, Mackellar«, sagte er, »aber Gott weiß, ich fürchte, Sie sprechen die Wahrheit. Ich habe mich meines Glückes nicht würdig gezeigt. Holen Sie die Lady zurück.«

Die Lady wartete in der Nähe, um das Ergebnis der Unterredung zu erfahren. Als ich sie hereinbrachte, nahm der Lord ihre und meine Hand und legte sie zusammen auf seine Brust. »Ich habe in meinem Leben zwei Freunde besessen«, sagte er. »Aller Trost, der mir je wurde, kam von euch beiden. Wenn ihr beiden einer Meinung seid, müßte ich ein undankbarer Halunke –« Er schloß seinen Mund plötzlich und sah uns mit nassen Augen an. »Tut mit mir, was euch beliebt«, sagte er, »nur denkt nicht –« Wieder hielt er inne. »Tut mit mir, was euch beliebt, Gott weiß, ich liebe und verehre euch.«

Er ließ unsere Hände los, drehte uns den Rücken, ging zum Fenster und schaute hinaus. Aber die Lady eilte hinter ihm her, rief seinen Namen aus und warf sich laut aufschluchzend an seinen Hals.

Ich ging hinaus, schloß die Tür hinter mir, stand da und dankte Gott aus der Tiefe meines Herzens.

An der Frühstückstafel trafen wir alle zusammen gemäß dem Plan des Lords. Der Junker hatte inzwischen seine geflickten Stiefel abgelegt und sich für die Tafel zurechtgemacht. Secundra Daß war nicht mehr in Lumpen gehüllt, sondern trug einen anständigen und einfachen schwarzen Anzug, der ihm sonderbar schlecht stand. Das Paar hielt sich bei dem großen Fenster auf und blickte hinaus, als die Familie eintraf. Die beiden wandten sich um, und der schwarze Mann, wie sie ihn bereits im Hause nannten, verbeugte sich beinahe bis zu den Knien, während der Junker wie einer aus der Familie vorwärts eilte. Die Lady hielt ihn auf, indem sie am anderen Ende der Halle einen tiefen Knicks machte und ihre Kinder hinter sich ließ. Der Lord stand etwas vor ihr, so daß die drei Sprößlinge von Durrisdeer sich von Angesicht zu Angesicht gegenüberstanden. Die Hand der Zeit war bei allen deutlich sichtbar, ich glaubte in ihren veränderten Zügen ein memento mori zu lesen, und was mich noch mehr erregte, war, daß der schlechte Mensch seine Jahre am vorteilhaftesten trug. Die Lady hatte sich völlig in eine Matrone verwandelt, eine Frau, die zu einer grossen Anzahl von Kindern und Angehörigen als Dame des Hauses gepaßt hätte. Der Lord hatte von seiner Kraft viel eingebüßt, er stolperte, schritt vorwärts, als wolle er laufen und habe von Mr. Alexander wieder gehen gelernt. Sein Gesicht hatte sich verlängert, es schien etwas schmaler zu sein als früher und trug bisweilen ein höchst sonderbares Lächeln, das in meinen Augen halb bitter und halb pathetisch war. Der Junker jedoch hielt sich immer noch sehr gut, wenn vielleicht auch künstlich. Seine Stirn trug in der Mitte herrische Linien, sein Mund hatte befehlshaberische Züge. Er besaß die ganze Würde und etwas von dem Glanz Satans aus dem »Verlorenen Paradies«. Ich mußte den Mann bewundernd anschauen und war überrascht, daß ich ihn mit so wenig Furcht betrachtete.

Als wir jedoch bei Tisch saßen, schien es mir, als ob seine Autorität ganz geschwunden sei und ihm alle Zähne gezogen seien. Wir hatten ihn gekannt als Zauberer, der die Elemente beherrschte, und nun saß er hier, verwandelt in einen gewöhnlichen Gentleman, der wie seine Nachbarn an der Frühstückstafel plauderte. Denn der Vater war jetzt tot und der Lord mit der Lady versöhnt: in wessen Ohr sollte er nun seine Verleumdungen träufeln? Es kam über mich wie eine Art Vision, daß ich die Schlauheit dieses Mannes weit überschätzt habe. Noch besaß er seine Bosheit, er war falsch wie immer, aber hier saß er nun ohnmächtig da. Noch immer war er wie eine Viper, aber heute verspritzte er sein Gift vergeblich. Doch zwei weitere Überlegungen kamen mir in den Sinn, während wir an der Tafel saßen: erstens, daß er niedergeschlagen, ja, ich möchte fast sagen, traurig war, seine Gemeinheit wirkungslos zu finden, und zweitens, daß der Lord vielleicht recht hatte und wir einen Fehler begingen, vor dem geschlagenen Feind zu fliehen. Aber das hämmernde Herz meines armen Herrn tauchte vor mir auf, und ich wußte, daß wir Feiglinge sein mußten, um sein Leben zu retten.

Als das Mahl vorüber war, folgte mir der Junker auf mein Zimmer, nahm einen Stuhl, den ich nie angeboten hätte, und fragte mich, was mit ihm geschehen werde.

»Nun, Mr. Bally«, sagte ich, »das Haus wird Ihnen noch für eine Weile offen stehen.«

»Für eine Weile?« erwiderte er. »Ich weiß nicht, ob ich Sie richtig verstehe.«

»Es ist klar genug«, sagte ich, »wir nehmen Sie auf, um unseren Ruf zu wahren. Sobald Sie sich öffentlich durch irgendeine Untat unmöglich gemacht haben, werden wir Sie wieder fortschicken.«

»Sie sind ein unverschämter Flegel geworden«, rief der Junker und wandte mir drohend die Stirn zu.

»Ich bin in eine gute Schule gegangen«, erwiderte ich, »Sie werden schon begriffen haben, daß mit dem Tode des alten Lords Ihre Macht völlig vernichtet wurde. Ich fürchte Sie nicht mehr, Mr. Bally, ich glaube sogar – Gott verzeihe mir –, daß Ihre Gesellschaft mir ein gewisses Vergnügen bereitet.«

Er brach in schallendes Gelächter aus, das sichtlich geschauspielert erschien.

»Ich bin mit leeren Taschen gekommen«, sagte er nach einer Weile.

»Ich glaube nicht, daß Geld für Sie bereit ist«, entgegnete ich, »ich möchte Ihnen raten, nicht damit zu rechnen.«

»Über diesen Punkt habe ich einiges zu bemerken«, gab er zurück.

»Wirklich?« sagte ich. »Ich kann mir nicht vorstellen, was es ist.«

»Oh! Sie tun so, als ob Sie Ihrer Sache sicher wären«, sagte der Junker, »aber ich habe noch einen Trumpf: Ihre Leute fürchten einen Skandal, und ich habe Freude daran.«

»Verzeihung, Mr. Bally«, sagte ich, »wir fürchten keineswegs einen Skandal, der sich gegen Sie richtet.«

Er lachte wieder. »Sie haben gelernt zu antworten«, sagte er. »Aber reden ist sehr leicht, und manchmal täuscht es über Tatsachen hinweg. Ich warne Sie aufrichtig, Sie werden feststellen, daß ich Gift bin für dies Haus. Sie täten besser, mir Geld auszuzahlen, um mich loszuwerden.« Mit diesen Worten schwenkte er seine Hand gegen mich und verließ das Zimmer.

Etwas später kam der Lord mit dem Anwalt, Mr. Carlyle, eine Flasche alter Wein wurde gebracht, und wir tranken alle ein Glas, bevor wir uns an die Geschäfte machten. Die notwendigen Dokumente wurden aufgesetzt und unterzeichnet, und die schottischen Besitztümer Mr. Carlyle und mir in Verwaltung gegeben.

»Da ist ein Punkt, Mr. Carlyle«, sagte der Lord, als diese Geschäfte erledigt waren, »den ich Sie richtig aufzufassen bitte. Die plötzliche Abreise, die mit der Rückkehr meines Bruders zusammenfällt, wird sicher viel besprochen werden. Ich möchte Sie bitten, jede Verbindung zwischen diesen beiden Ereignissen abzustreiten.«

»Ich will mir das angelegen sein lassen, mein Lord«, antwortete Mr. Carlyle. »Der Junk – Mr. Bally begleitet Sie also nicht?«

»Diesen Punkt muß ich jetzt besprechen«, sagte der Lord. »Mr. Bally bleibt auf Durrisdeer unter der Obhut von Mr. Mackellar, und ich wünsche nicht, daß er auch nur unseren zukünftigen Aufenthalt erfährt.«

»Das öffentliche Gerede aber –«, begann der Anwalt.

»Nun, Mr. Carlyle, es ist ein Geheimnis, das zwischen uns bleiben muß«, unterbrach ihn der Lord. »Nur Sie und Mackellar sollen über meine Reise unterrichtet werden.«

»Und Mr. Bally bleibt hier? Nun gut«, sagte Mr. Carlyle, »die Vollmachten, die Sie zurücklassen –«, er brach ab. »Mr. Mackellar, wir haben ziemlich schwere Pflichten zu erfüllen.«

»Ohne Zweifel«, erwiderte ich.

»Ohne Zweifel«, sagte er. »Mr. Bally soll nichts zu sagen haben?«

»Er soll nichts zu sagen haben«, sagte der Lord, »und wird hoffentlich auch keinen Einfluß haben. Mr. Bally ist kein guter Ratgeber.«

»Ich begreife«, sagte der Anwalt. »Nebenbei, besitzt Mr. Bally Vermögen?«

»Soviel ich weiß, nichts«, erwiderte der Lord. »Ich bewillige ihm Unterhalt, Feuer und Licht in diesem Hause.«

»Und Taschengeld? Wenn ich die Verantwortung teilen soll, werden Sie verstehen, wie wünschenswert es ist, wenn ich Ihre Ansichten genau kenne«, sagte der Anwalt.

»Wie steht es also mit einem Taschengeld?«

»Ein Taschengeld wird nicht gezahlt«, sagte der Lord. »Ich wünsche, daß Mr. Bally sehr zurückgezogen lebt, wir sind nicht immer mit seinem Benehmen zufrieden gewesen.«

»Und in Geldangelegenheiten«, fügte ich hinzu, »hat er sich als ehrloser und schlechter Sachwalter bewiesen. Werfen Sie ein Auge auf jene Liste, Mr. Carlyle, wo ich die verschiedenen Summen zusammengetragen habe, die der Mensch in den letzten fünfzehn oder zwanzig Jahren unserm Vermögen entzogen hat. Die Gesamtsumme ist erschreckend.«

Mr. Carlyle tat, als ob er pfeifen wollte. »Davon hatte ich keine Ahnung«, sagte er. »Entschuldigen Sie nochmals, mein Lord, wenn ich Sie zu drängen schien, aber es ist wirklich wünschenswert, daß ich Ihre Absichten voll erkenne. Mr. Mackellar könnte sterben, und ich allein würde dann die Verantwortung haben. Würden Sie es nicht vorziehen, mein Lord, wenn Mr. Bally – hm – das Land verließe?«

Der Lord schaute Mr. Carlyle an. »Warum fragen Sie das?« sagte er.

»Ich nehme an, mein Lord, daß Mr. Bally für seine Familie keine Annehmlichkeit bedeutet«, sagte der Anwalt lächelnd.

Das Gesicht des Lords war plötzlich zugeknöpft. »Ich wollte, er führe zum Teufel!« rief er und schenkte sich mit zitternder Hand ein Glas Wein ein, das zur Hälfte auf seine Brust spritzte. Dies war das zweitemal, daß seine Erregung ihn fortriß, mitten in einer sonst ruhigen und klugen Unterredung. Mr. Carlyle war überrascht und beobachtete den Lord von jetzt an mit heimlicher Neugier. Mir aber gab es die Gewißheit wieder, daß wir die Gesundheit und den Verstand des Lords schützten, wenn wir unsere Entschlüsse ausführten.

Abgesehen von diesem Ausbruch wurde das Gespräch glücklich zu Ende geführt. Ohne Zweifel würde Mr. Carlyle nach und nach einiges verlauten lassen, wie Rechtsanwälte es zu tun pflegen. Auf diese Weise würde, wie wir überzeugt sein konnten, in der Umgebung allmählich eine bessere Stimmung uns gegenüber sich breitmachen, und das Benehmen jenes Menschen selbst würde ohne Zweifel vollenden, was wir begonnen hatten. Noch bevor er Abschied nahm, bewies uns der Anwalt, daß die Wahrheit draußen bereits etwas aufdämmerte.

»Ich sollte Ihnen vielleicht erklären, mein Lord«, sagte er nach einer Weile, als er den Hut schon in der Hand hatte, »daß ich von den Maßnahmen gegenüber Mr. Bally nicht völlig überrascht wurde. Etwas über seinen Charakter sickerte durch, als er zuletzt in Durrisdeer war. Man sprach über eine gewisse Frau in St. Bride, gegen die Sie sich außerordentlich anständig, Mr. Bally aber ziemlich grausam benahm. Dann war es auch die Teilung des Erblehns, über die viel geredet wurde. Kurzum, es war kein Mangel an Gesprächsstoff, für und wider, und manche unserer Bierbankpolitiker vertraten heftig ihre verschiedenen Ansichten. Ich selbst hielt mich zurück, wie es meinem Amt geziemt, aber Mr. Mackellars Aufstellung hier hat mir die Augen endgültig geöffnet. Ich glaube nicht, Mr. Mackellar, daß Sie und ich die Zügel schleifen lassen werden.«

Der Rest dieses bedeutungsvollen Tages verlief glücklich. Es war unsere Absicht, den Feind im Auge zu behalten, und ich teilte mich mit den anderen in die Aufgabe, ihn zu bewachen. Ich glaube, seine Stimmung hob sich, als er bemerkte, wie aufmerksam wir waren, während ich andererseits fühlte, wie die meinige deutlich schlechter wurde. Was mich am meisten beunruhigte, war die einzigartige Schläue des Menschen, in unsere Angelegenheiten einzudringen. Der Leser hat vielleicht nach einem Sturz vom Pferde die Hand des Masseurs kennengelernt, der alle Muskeln einzeln befühlt und prüft und dann herzhaft die verletzte Stelle in Angriff nimmt. So war es mit des Junkers Zunge, die äußerst gewitzt zu fragen verstand, und mit seinen Augen, die äußerst scharf beobachteten. Ich glaubte nichts gesagt und doch alles verraten zu haben. Bevor ich es recht begriff, sprach der Mensch mir sein Beileid aus über die Vernachlässigung, die der Lord der Lady und mir angedeihen ließ und über die schädliche Nachsicht gegenüber seinem Sohn. Auf diesen letzten Punkt kam er immer wieder zurück, wie ich zu meinem Entsetzen bemerkte. Der Knabe war vor seinem Onkel etwas zurückgewichen; ich vermutete stark, daß der Vater töricht genug gewesen war, ihm das auf die Seele zu binden, was nicht sehr klug war. Und wenn ich den Mann vor mir ansah, immer noch schön, ein gewandter Sprecher, der unendlich viele Abenteuer zu erzählen hatte, wußte ich, daß er bestimmt in der Lage sei, die Phantasie eines Knaben zu fesseln. John Paul hatte erst am Morgen das Haus verlassen. Es war nicht anzunehmen, daß er über sein Lieblingsthema geschwiegen hatte, so daß Mr. Alexander in der Lage der Dido war und vor Neugier brannte, und hier war nun der Junker wie ein teuflischer Äneas, voll von Erzählungen, die für ein jugendliches Ohr die schönsten in der Welt sind: über Schlachten, Schiffsunfälle, Flucht vor dem Feinde, die Wälder des Westens und, seit der letzten Reise, die alten Städte Indiens. Wie schlau solche Lockspeisen verwandt und welch ein Königreich nach und nach im Herzen eines Knaben durch sie errichtet werden konnte, war mir sofort klar. Solange der Mensch in diesem Hause war, gab es kein Mittel, das stark genug war, die beiden auseinander zu halten, denn wenn es schwierig ist, Schlangen zu zähmen, so ist es nicht sehr schwer, ein kleines Menschenkind, das noch nicht lange Zeit Hosen trägt, zu entzücken. Ich erinnerte mich an einen alten Seemann, der in einem einsamen Hause wohnte jenseits der Figgate Whins – ich glaube, er nannte es Porto Bello –, zu dem die Knaben am Sonnabend von Leith aus herbeiströmten, und dem sie zu Füßen saßen, um seinen gewaltigen Erzählungen zu lauschen. Die jungen Leute scharten sich um ihn wie Krähen um einen Kadaver, was ich oft bemerkte, wenn ich als junger Student während meiner eigenen nachdenklicheren Feiertagserholung vorüberging. Viele der Knaben gingen ohne Zweifel hin trotz ausdrücklichen Verbots, viele fürchteten und haßten den alten Kerl sogar, den sie zu ihrem Helden machten, und ich habe gesehen, wie sie vor ihm flohen, wenn er angeheitert, und ihn steinigten, wenn er betrunken war. Und doch kamen sie jeden Sonnabend wieder! Um wieviel leichter würde ein Knabe wie Mr. Alexander unter den Einfluß eines gut aussehenden und glänzend erzählenden Gentleman-Abenteurers geraten, der die Lust verspürte, ihn für sich zu gewinnen. Und wuchs der Einfluß, wie leicht konnte er ihn zum Verderben des Kindes benutzen!

Ich bezweifle, ob unser Feind den Namen Alexander dreimal ausgesprochen hatte, bevor ich begriff, was ihm im Geiste vorschwebte – seine ganze Gedankenrichtung und die Erinnerung an die Vergangenheit stand mir plötzlich vor Augen –, und ich möchte sagen, daß ich zurückschreckte, als wenn ich auf einer Landstraße plötzlich einem breiten Graben begegnete. Mr. Alexander: das war der wunde Punkt, das war die Eva in unserem fragwürdigen Paradies, und die Schlange war bereits zischend in der Nähe.

Ich kann versichern, daß ich nunmehr um so energischer alle Vorbereitungen traf, meine letzten Bedenken waren verschwunden, die Gefahr jeder Zögerung stand vor mir geschrieben in riesigen Buchstaben. Es will mir vorkommen, als ob ich von diesem Augenblick an nicht mehr gesessen oder Atem geschöpft hätte. Bald war ich auf meinem Posten beim Junker und seinem Inder, bald in der Dachstube beim Kofferpacken. Dann wieder sandte ich Macconochie durch ein Seitentor hinaus über den Waldweg, um ein Gepäckstück zum Treffpunkt zu tragen, und darauf beriet ich mich von neuem in einigen heimlichen Worten mit der Lady. Das war in Wirklichkeit unser Leben in Durrisdeer an jenem Tage, aber nach außen hin schien alles ganz geordnet, wie bei einer Familie auf dem heimatlichen Erbsitz, und wenn der Junker irgendeine Verwirrung bemerkt haben mag, so mußte er sie zurückführen auf die Überraschung durch seine unvorhergesehene Ankunft und auf die Furcht, die er gewohnt war einzuflößen.

Das Abendessen ging glimpflich vorüber, kalte Begrüßungen wurden ausgetauscht, und dann verzog sich die Gesellschaft auf ihre verschiedenen Schlafzimmer. Ich blieb bis zuletzt beim Junker. Wir hatten ihn neben dem Inder im Nordflügel einquartiert, weil er am weitesten entfernt lag und durch Türen von dem Haupthaus abgetrennt werden konnte. Ich beobachtete, daß er ein liebenswürdiger Freund oder ein guter Herr (wie er immer gewesen sein mag) gegenüber seinem Secundra Daß war. Er war auf seine Bequemlichkeit bedacht, schürte das Feuer mit eigener Hand, da der Inder sich über die Kälte beklagte, fragte nach dem Reis, von dem der Fremdling lebte, sprach freundlich mit ihm auf hindustanisch, während ich mit der Kerze in der Hand dabeistand und so tat, als sei ich von Müdigkeit übermannt. Schließlich bemerkte der Junker die Anzeichen meiner Mißmutigkeit und sagte: »Ich sehe, daß Sie Ihre alten Gewohnheiten beibehalten haben: früh zu Bett und früh wieder hoch. Gähnt Euch von dannen!«

Sobald ich auf meinem Zimmer war, machte ich die gewohnheitsmäßige Bewegung des Auskleidens, um die Zeit richtig abzuschätzen, und als sie verstrichen war, legte ich mein Feuerzeug zurecht und blies die Kerze aus. Ungefähr eine Stunde später machte ich wieder Licht, zog meine Filzschuhe an, die ich am Krankenbett meines Lords getragen hatte, und schlich ins Haus, um die Reisenden zusammenzurufen. Alle waren angekleidet und warteten: der Lord, die Lady, Miß Katharine, Mr. Alexander und die Zofe der Lady, Christie. Ich beobachtete die Wirkung heimlichen Tuns selbst bei diesen ganz unschuldigen Personen, die nacheinander mit wachsbleichen Gesichtern im Türrahmen erschienen. Wir schlüpften durch den Seitenausgang in die stockfinstere Nacht hinaus, die kaum durch einen oder zwei Sterne erhellt war, so daß wir zuerst stolperten und taumelten und in das Buschwerk fielen. Einige hundert Meter den Waldpfad hinauf wartete Macconochie mit einer großen Laterne, so daß der Rest des Weges uns ziemlich leicht wurde; aber trotzdem schwiegen alle, als ob sie schuldig seien. Ein Stück oberhalb der Abtei mündete der Weg in die Hauptstraße, und ungefähr eine Viertelmeile weiter sahen wir bei dem Ort, der Eagles genannt wird, wo die Sümpfe beginnen, die Lichter zweier Wagen leuchten an der Wegseite. Beim Abschied wurden nur wenige Worte gewechselt, und diese betrafen geschäftliche Angelegenheiten. Wir reichten uns nun schweigend die Hände, wandten unsere Gesichter ab, und alles war vorüber, die Pferde setzten sich in Trab, das Laternenlicht hüpfte wie ein Irrlicht über das aufgebrochene Moorland und verschwand hinter Stony Brae. Macconochie und ich waren mit unserer Laterne allein auf der Straße. Wir wollten warten, bis die Kutsche bei Cartmore wieder auftauchte. Es schien uns, als ob sie auf dem Gipfel anhielten, ein letztes Mal zurückblickten und unsere Laterne sahen, die von dem Trennungsort noch nicht weit entfernt war, denn sie nahmen ein Wagenlicht und hoben und senkten es dreimal wie zum Abschiedsgruß. Und dann waren sie wirklich fort, sie hatten zum letzten Male das freundliche Dach von Durrisdeer gesehen und richteten nun ihre Blicke auf ein barbarisches Land. Ich wußte früher nichts von der gewaltigen Wölbung der Nacht, in der wir beiden armen dienenden Menschen – der eine alt und der andere ältlich – zum ersten Male verlassen dastanden. Nie zuvor habe ich meine Abhängigkeit von der Haltung anderer Menschen so sehr empfunden. Das Gefühl der Verlassenheit brannte wie Feuer in meinen Eingeweiden. Es schien mir, als ob wir, die wir zu Hause zurückblieben, in Wirklichkeit die Verbannten seien, und als ob Durrisdeer und Solwayside und alles, was mir das Land heimatlich, seine Luft süß und seine Sprache angenehm machte, von mir geflohen und jenseits des Meeres mit meinen alten Herrschaften weilte.

Den Rest der Nacht verbrachte ich, indem ich auf der sandigen Landstraße auf und ab lief und über Zukunft und Vergangenheit nachdachte. Meine Gedanken, die zunächst sehnsüchtig bei denen weilten, die soeben fortgezogen waren, wurden mannhafter, als ich bedachte, was mir zu tun übrigblieb. Der Tag kam herauf über die Berggipfel des Landes, die Hähne begannen zu krähen und der Rauch aufzusteigen von den Hütten im braunen Schoß des Moores, bevor ich meine Schritte heimwärts lenkte und den Weg hinunterschritt, dorthin, wo das Dach von Durrisdeer in der Morgendämmerung an der See heraufschimmerte.

Zur üblichen Stunde ließ ich den Junker wecken und erwartete ihn ruhigen Gemütes in der Halle. Er blickte umher in dem leeren Raum und auf die drei Gedecke.

»Wir sind eine kleine Gesellschaft«, sagte er, »wie kommt das?«

»Das ist die Gesellschaft, an die wir uns gewöhnen müssen«, erwiderte ich.

Er sah mich plötzlich scharf an. »Was bedeutet alles das?« fragte er.

»Sie und ich und unser Freund Mr. Daß sind von jetzt an unter uns«, entgegnete ich. »Der Lord, die Lady und die Kinder sind auf Reisen gegangen.«

»Auf mein Wort!« rief er, »ist das möglich? Ich habe also wirklich Ihre Volsker in Corioli aufgeschreckt! Aber das ist kein Grund, das Frühstück kalt werden zu lassen. Setzen Sie sich bitte, Mr. Mackellar« – indem er sprach, nahm er die Spitze der Tafel ein, die ich mir selbst zugedacht hatte–, »und während wir essen, können Sie mir die Einzelheiten dieser Flucht erzählen.«

Ich konnte beobachten, daß er erregter war, als seine Reden verrieten, und ich beschloß, es ihm an Kälte gleichzutun. »Ich wollte Sie soeben bitten, den Vorsitz an der Tafel zu übernehmen«, sagte ich, »denn obgleich ich jetzt in die Lage versetzt bin, Ihr Gastgeber zu sein, könnte ich doch nie vergessen, daß Sie schließlich einmal ein Mitglied der Familie waren.«

Eine Weile spielte er die Rolle des Hausherrn, gab Befehle an Macconochie, der sie mit böser Miene entgegennahm, und bemühte sich besonders um Secundra. »Und wohin hat sich meine liebe Familie zurückgezogen?« fragte er lässig.

»Ja, Mr. Bally, das ist eine andere Sache«, sagte ich, »ich habe keine Anweisung, Ihnen das Ziel der Reise mitzuteilen.«

»Auch mir nicht?« fragte er.

»Niemand«, sagte ich.

»Das ist weniger verletzend«, sagte der Junker, » c'est de bon ton: mein Bruder bessert seine Sitten, je länger er lebt, und was ist mit mir, teurer Mr. Mackellar?«

»Sie werden Wohnung und Verpflegung erhalten, Mr. Bally«, antwortete ich. »Es ist mir gestattet, Ihnen den Weinkeller freizugeben, der sehr gut gefüllt ist. Sie haben sich nur gut mit mir zu stellen, was nicht sehr schwer ist, dann werden Sie weder Wein noch Reitpferd entbehren.«

Er fand einen Vorwand, um Macconochie aus dem Zimmer zu entfernen.

»Und wie steht es mit Geld?« erkundigte er sich. »Muß ich mich mit meinem lieben Freund Mackellar auch gut stellen, um Taschengeld zu erhalten? Das bedeutet eine angenehme »Rückkehr in die Knabenzeit.«

»Bewilligt wurde nichts«, sagte ich, »aber ich werde es auf meine eigene Kappe nehmen, Sie in bescheidenen Grenzen zu versorgen.«

»In bescheidenen Grenzen?« wiederholte er. »Und Sie wollen es auf Ihre eigene Kappe nehmen?« Er richtete sich auf und blickte über die lange Reihe der Porträts in der Halle. »Im Namen meiner Vorfahren, ich danke Ihnen«, sagte er, und dann wurde er wieder ironisch: »Aber Secundra Daß muß doch sicherlich auch ein Taschengeld erhalten?« fragte er. »Es ist unmöglich, daß man das vergessen habe.«

»Ich werde es mir merken und um Anweisungen bitten, wenn ich schreibe«, entgegnete ich.

In plötzlich veränderter Haltung lehnte er sich vor und stützte einen Ellbogen auf den Tisch: »Halten Sie das alles für sehr klug?«

»Ich führe Befehle aus, Mr. Bally«, sagte ich.

»Außerordentlich bescheiden«, sagte der Junker, »aber vielleicht nicht gleichermaßen klug. Sie sagten mir gestern, meine Macht sei mit dem Tode meines Vaters zusammengebrochen. Wie kommt es denn, daß ein hoher Adliger unter dem Schutz der Nacht aus einem Hause flieht, in dem seine Väter mehrere Belagerungen ausgehalten haben? Daß er seine Adresse verschweigt, was Seine Majestät den König und auch die ganze Öffentlichkeit angeht? Und daß er mich im Besitz der Ländereien zurückläßt, unter dem väterlichen Schutz seines unschätzbaren Mackellar? Das sieht mir aus nach sehr beträchtlicher und echter Furcht.«

Ich wollte ihn mit irgendeiner nicht sehr glaubwürdigen Abwehrrede unterbrechen, aber er wies mich mit einer Handbewegung zur Ruhe und fuhr fort zu sprechen:

»Ich sage, daß es nach Furcht schmeckt, aber ich will weitergehen, denn ich glaube, daß die Furcht begründet ist. Ich kam in dies Haus mit einigem Zögern; angesichts der Umstände meiner letzten Abreise konnte mich nur zwingende Notwendigkeit zur Rückkehr bewegen. Geld aber muß ich bekommen. Sie werden es mir nicht gutwillig geben, aber ich habe die Macht, es von Ihnen zu ertrotzen. Innerhalb einer Woche werde ich, ohne Durrisdeer zu verlassen, herausfinden, wohin diese Narren geflohen sind. Ich werde folgen, und wenn ich meine Beute erreicht habe, will ich einen Keil in die Familie treiben, der sie von neuem zersplittert. Dann werde ich sehen, ob Lord Durrisdeer«, er sagte das mit unglaublicher Verachtung und Wut, »meine Abreise erkaufen wird, und Sie werden sehen, wie ich mich dann entscheide: für Geldgewinn oder für Rache!«

Ich war entsetzt, den Mann so offen sprechen zu hören. In Wahrheit war er außer sich vor Ärger über die erfolgreiche Flucht des Lords, fühlte sich selbst als genasführt und war deshalb nicht in der Stimmung, seine Zunge zu beherrschen.

»Halten Sie das für durchaus klug?« sagte ich, indem ich seine eigenen Worte brauchte.

»Zwanzig Jahre habe ich mit meiner armseligen Klugheit gelebt«, antwortete er mit einem Lächeln, das in seiner Eitelkeit fast töricht aussah.

»Um schließlich als Bettler zu enden«, erwiderte ich, »wenn das Wort Bettler genügend bezeichnend ist.«

»Ich bitte Sie zu beachten, Mr. Mackellar«, schrie er plötzlich herrisch und hitzig, was ich nur bewundern konnte, »daß ich peinlich höflich bin. Ahmen Sie mir darin nach, dann werden wir uns besser verstehen!«

Während dieser ganzen Unterredung empfand ich es als unbequem, von Secundra Daß beobachtet zu werden. Niemand von uns hatte seit dem ersten Wort auch nur einen Bissen gegessen. Unsere Augen brannten ineinander, sie durchbohrten des anderen Gesicht, ja man kann sagen, sein Herz, und die des Inders beunruhigten mich durch ihr wechselndes Aufleuchten, als ob er unser Gespräch verstände. Aber ich verwarf das als Einbildung und sagte mir von neuem, daß er Englisch nicht verstehe und nur aus dem Ernst der beiden Stimmen und der gelegentlichen zornigen Erregung des Junkers schließen könne, daß sich etwas wichtiges zutrage.

Ungefähr drei Wochen lang lebten wir auf diese Weise zusammen auf Haus Durrisdeer: der Anfang jener höchst sonderbaren Periode meines Lebens, die ich meine Vertrautheit mit dem Junker nennen muß. Zunächst war er ziemlich schwankend in seinem Benehmen, bald höflich, bald grob wie in früheren Tagen, und in beiden Fällen kam ich ihm auf halbem Wege entgegen. Der Vorsehung sei Dank, daß ich mich gegenüber diesem Menschen nicht mehr zusammenzunehmen brauchte, und ich habe mich nie vor Stirnfalten gefürchtet, sondern nur vor gezogenen Schwertern. Auf diese Weise empfand ich ein gewisses Vergnügen bei solchen Ausbrüchen der Unhöflichkeit und war in meinen Erwiderungen nicht immer geistlos. Schließlich – es war beim Abendessen – fand ich einen launigen Ausdruck, der ihn völlig überwältigte. Er lachte wieder und wieder und rief aus: »Wer hätte vermuten können, daß dies alte Weib unter ihren Röcken so viel Witz verborgen hielt?«

»Es ist kein Witz, Mr. Bally«, sagte ich, »es ist trockener schottischer Humor, und zwar der trockenste, den es gibt.« Und wirklich habe ich niemals im geringsten vorgegeben, daß ich ein witziger Mensch sei.

Seit dieser Stunde war er nie wieder grob zu mir, wir verkehrten nun gewissermaßen liebenswürdig miteinander. Am humorvollsten war es, wenn er mich um ein Pferd, eine Flasche Wein oder etwas Geld bat. Dann näherte er sich mir wie ein Schuljunge, und ich tat so, als ob ich sein Vater sei. Wir waren beide unendlich fröhlich dabei, und ich mußte glauben, daß er mich jetzt höher schätzte, was meiner Eitelkeit, dieser armseligen Menscheneigenschaft, schmeichelte. Vielleicht unbewußt verfiel er nicht nur in einen familiären, sondern sogar freundschaftlichen Ton, und ich fand das bei einem Menschen, der mich solange verabscheut hatte, um so verfänglicher. Er ging wenig nach draußen, und lehnte manchmal sogar Einladungen ab. »Nein«, pflegte er zu sagen, »was gehen mich diese dickköpfigen Bauernschädel an? Ich will zu Hause bleiben, Mackellar, wir wollen friedlich zusammen eine Flasche trinken und uns angenehm unterhalten«. Und wirklich wären die Mahlzeiten auf Durrisdeer wegen unserer glänzenden Wechselreden für jedermann eine Freude gewesen. Er gab oft seiner Verwunderung Ausdruck über seine frühere Gleichgültigkeit mir gegenüber. »Aber sehen Sie«, pflegte er hinzuzufügen, »wir gehörten feindlichen Parteien an. Auch heute ist es so, aber darüber wollen wir nicht reden. Ich würde schlechter von Ihnen denken, wenn Sie Ihrem Herrn gegenüber nicht korrekt wären.« Man muß bedenken, daß er mir völlig unfähig erschien zur Anstiftung irgendeines Unheils, und daß es eine große Schmeichelei bedeutete, wenn schließlich nach langen Jahren dem Charakter und der Begabung eines Menschen späte Gerechtigkeit widerfährt. Aber ich will mich nicht entschuldigen. Ich bin zu tadeln, ich ließ mich von ihm umgarnen, kurzum, der Wachthund war nahe daran einzuschlafen, als er plötzlich aufgeschreckt wurde.

Ich muß bemerken, daß der Inder ständig im Hause auf und ab wanderte. Er sprach niemals außer in seiner eigenen Mundart und mit dem Junker, ging lautlos umher und tauchte stets auf, wenn man ihn am wenigsten erwartete, in tiefen Gedanken verloren, aus denen er auffuhr, wenn man kam, um einen mit seiner kriechenden Verbeugung zu verhöhnen. Er schien so ruhig, so gebrechlich und so eingesponnen in seine eignen Phantasien, daß ich ihn kaum noch beachtete oder sogar bemitleidete, als harmlosen Verbannten seines Heimatlandes. Und doch lauschte diese Kreatur überall umher, und zweifelsohne wurde dem Junker durch seine Verschlagenheit und meine Sicherheit unser Geheimnis verraten.

Es war in einer stürmischen Nacht, nach dem Abendessen, als wir in fröhlicherer Laune als sonst zusammengesessen hatten, da wurde mir der Hieb versetzt.

»Alles dies ist sehr nett«, sagte der Junker, »aber wir täten besser daran, unsere Bündel zu schnüren.«

»Warum?« rief ich aus. »Wollen Sie abreisen?«

»Wir werden alle morgen früh abreisen«, sagte er, »zunächst nach dem Hafen von Glasgow und von dort zur Provinz New York.«

Ich glaube, daß ich laut aufstöhnte.

»Ja«, fuhr er fort, »ich habe mich gebrüstet; ich sagte eine Woche, aber es hat mich ungefähr zwanzig Tage gekostet. Nun gut, ich werde die Zeit wieder einholen und um so rascher reisen.«

»Haben Sie Geld für die Überfahrt?« fragte ich.

»Teurer und schlauer Mensch, ich habe es«, antwortete er. »Wenn es Ihnen beliebt, mögen Sie mich wegen meiner Falschheit anklagen, aber während ich einzelne Schillinge von meinem Väterchen herauspreßte, besaß ich ein eigenes Vermögen, das ich mir für schlimme Tage beiseitegelegt hatte. Sie werden Ihre eigene Überfahrt bezahlen müssen, wenn Sie uns auf unserem Flankenmarsch begleiten wollen. Ich besitze genug für Secundra und mich, aber nicht mehr. Genug, um gefährlich, nicht genug, um großherzig zu sein. Auf dem Wagen ist jedoch ein Außensitz, den ich Ihnen gegen geringe Entschädigung überlassen werde, so daß die ganze Menagerie zusammen fortziehen kann: der Haushund, der Affe und der Tiger.«

»Ich gehe mit Ihnen«, sagte ich.

»Ich rechne damit«, antwortete der Junker. »Sie haben mich betrogen gesehen, und ich möchte, daß Sie mich auch siegreich sehen. Um das zu erreichen, will ich es riskieren, Sie in diesem stürmischen Wetter wie einen Schwamm zu durchnässen.«

»Und schließlich«, fügte ich hinzu, »wissen Sie sehr genau, daß Sie mich nicht loswerden können.«

»Nicht leicht«, sagte er, »Sie haben mit Ihrem ausgezeichneten Menschenverstand den Finger auf den entscheidenden Punkt gelegt. Ich kämpfe nie gegen das Unvermeidliche.«

»Ich nehme an, daß es zwecklos ist, auf Sie einzureden«, sagte ich.

»Vollkommen, glauben Sie mir«, erwiderte er.

»Und doch, wenn Sie mir Zeit ließen, könnte ich schreiben –«, begann ich.

»Und wie würde die Antwort Lord Durrisdeers ausfallen?« fragte er.

»Allerdings«, gestand ich, »das ist die Schwierigkeit.«

»Jedenfalls ist es viel wirkungsvoller, wenn ich selbst gehe!« sagte er. »Aber alles dies ist nur Zeitverschwendung, um sieben Uhr morgen früh wird der Wagen vor der Tür sein. Denn ich reise ab, von der Tür ab, Mackellar, ich wate nicht durch Wälder und besteige nicht meinen Wagen auf offener Straße – etwa bei Eagles.«

Mein Entschluß war jetzt gefaßt. »Können Sie mir eine Viertelstunde in St. Bride genehmigen?« fragte ich. »Ich habe mit Carlyle eine kleine notwendige geschäftliche Angelegenheit zu erledigen.«

»Eine Stunde, wenn Sie es wünschen«, sagte er. »Ich will nicht leugnen, daß das Geld für Ihren Wagensitz wichtig für mich ist, und Sie könnten mit Reitpferden natürlich schneller nach Glasgow gelangen.«

»Nun«, sagte ich, »ich hätte nie geglaubt, das liebe, alte Schottland verlassen zu müssen.«

»Ich werde Sie aufheitern«, erwiderte er.

»Für einen von uns wird es eine böse Fahrt sein«, sagte ich, »und ich denke: für Sie. Etwas redet in meinem Herzen, und so viel empfinde ich deutlich, daß diese Reise unter schlimmen Vorzeichen begonnen wird.«

»Wenn Sie sich auf Prophezeiungen verlegen«, antwortete er, »so richten Sie sich doch selbst danach.«

Ein heftiger Windstoß kam herauf von der offenen Solwaybucht, und der Regen klatschte gegen die großen Fenster.

»Wißt Ihr, was das bedeutet, Kerlchen?« sagte er in breitem schottischem Dialekt. »Ein gewisser Mackelar wird furchtbar seekrank werden!«

Als ich auf meinem Zimmer war, saß ich dort in qualvoller Erregung und lauschte auf das Getöse des Sturmes, der mit voller Kraft gegen diesen Flügel des Hauses anraste. Ich war niedergedrückt und mutlos, der Wind stöhnte unheimlich in den Turmzinnen, die Mauern des Hauses erzitterten, der Schlaf floh meine Augen. Ich saß bei der Kerze, blickte die schwarzen Fensterscheiben an, durch die der Sturm ständig hereinzubrechen schien, und auf der leeren Fläche sah ich die kommenden Ereignisse auftauchen, daß mir die Haare zu Berge standen. Ich sah das Kind verdorben, das Haus zerrüttet, meinen Herrn tot oder schlimmer als tot, meine Herrin in Verlassenheit gestürzt: alles das sah ich in leuchtenden Farben vor mir in der Finsternis, und das Heulen des Sturmes schien meine Energielosigkeit zu verspotten.

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