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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 8
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
correctorreuters@abc.de
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Siebentes Kapitel

Abenteuer des Chevalier Burke in Indien (Auszug aus seinen Memoiren)

Hier war ich also auf den Straßen jener Stadt, an deren Namen ich mich nicht erinnern kann, während ich ihre Lage so wenig kannte, daß ich nicht wußte, ob ich mich nach Süden oder nach Norden wenden sollte. Der Alarm war so plötzlich geschlagen worden, daß ich ohne Schuhe und Strümpfe fortgerannt war. Mein Hut war mir im Handgemenge vom Kopf gestoßen worden, meine Ausrüstung war in Händen der Engländer, niemand war bei mir außer einem Sepoy, ich hatte keine Waffe außer meinem Schwert, und keinen verteufelten Heller in der Tasche. Kurzum, ich war wie einer jener Kerle, mit denen uns Mr. Galland in seinen eleganten Geschichten bekannt macht. Diese Leute begegnen immer wieder, wie man sich entsinnen wird, den außerordentlichsten Abenteuern, und ich selbst sollte ein so erstaunliches erleben, daß ich es beim besten Willen heute noch nicht erklären kann.

Der Sepoy war ein durchaus ehrlicher Mensch. Er hatte viele Jahre unter der französischen Fahne gedient und hätte sich für jeden der tapferen Landsleute von Mr. Lally in Stücke hauen lassen. Es ist derselbe Bursche, sein Name ist mir völlig entfallen, von dem ich bereits ein überraschendes Beispiel von Seelengröße erzählt habe: er fand Mr. de Fessac und mich auf den Verteidigungswällen, vollständig betrunken, und deckte uns mit Stroh zu, als der Kommandant vorbei kam. Ich besprach also die Lage vollkommen freimütig mit ihm. Es war eine schwierige Frage, was zu tun sei, aber schließlich faßten wir den Entschluß, über eine Gartenmauer zu klettern, wo wir gewiß im Schatten der Bäume schlafen konnten und vielleicht Gelegenheit hatten, ein Paar Pantoffeln und einen Turban zu finden. In jenem Teil der Stadt hatten wir nur die Qual der Wahl, denn das ganze Viertel bestand aus eingezäunten Gärten, und die Gassen, die dazwischen lagen, waren zu dieser Nachtstunde einsam. Der Sepoy stieg auf meinen Rücken, und bald waren wir in einem großen eingeschlossenen Raum voller Bäume. Der Platz war naß vom Tau, der in jenem Lande besonders für Weiße außerordentlich ungesund ist; aber meine Müdigkeit war so groß, daß ich bereits halb eingeschlafen war, als der Sepoy mich zur Besinnung zurückrief. Am äußersten Ende des Gartens war plötzlich ein helles Licht aufgeflammt, und es brannte stetig zwischen den Zweigen. Das war eine Tatsache, die an solchem Ort und zu solcher Stunde höchst außergewöhnlich war, und in unserer Lage mußten wir vorsichtig zu Werke gehen. Der Sepoy wurde auf Kundschaft geschickt und kehrte bald mit der Nachricht zurück, daß wir großes Pech hatten, denn das Haus gehörte einem weißen Mann, der aller Wahrscheinlichkeit nach Engländer war.

»Meiner Treu«, sagte ich, »wenn dort ein weißer Mann ist, will ich ihn mir ansehen, denn, Gott sei gelobt, es gibt davon mehr Sorten als eine!«

Der Sepoy führte mich also an einen Platz, wo ich gut auf das Haus hinuntersehen konnte. Es war von einer breiten Veranda umgeben, eine Lampe, sehr gut zurechtgemacht, stand auf dem Boden, und an jeder Seite der Lampe saß ein Mann, nach orientalischer Sitte mit gekreuzten Beinen. Beide waren wie Eingeborene ganz in Musselin eingehüllt, und doch war der eine nicht nur ein Meister, sondern auch ein Mann, der mir und dem Leser wohlbekannt war: es war tatsächlich eben jener Junker von Ballantrae, von dessen Tapferkeit und Genie ich so oft sprechen mußte. Gerüchtweise hatte ich gehört, daß er nach Indien gefahren war, obgleich ich ihn nie getroffen hatte und wenig von seinem Leben wußte. Kaum hatte ich ihn erkannt und wußte mich in den Händen eines so alten Kameraden, als ich meine Leiden für beendet hielt. Ich trat ohne Scheu in das volle Licht des Mondes, der außerordentlich stark schien, rief Ballantrae beim Namen und unterrichtete ihn mit wenigen Worten über meine mißliche Lage. Er wandte sich um, keineswegs überrascht, blickte mir gerade ins Gesicht, während ich sprach, und als ich geendet hatte, redete er seinen Begleiter in dem barbarischen Eingeborenendialekt an. Die zweite Person, von äußerst zarter Erscheinung, mit Beinen wie Spazierstöcke und Fingern wie der Griff einer Tabakspfeife, Anm. Mr. Mackellars: Offenbar Secundra Daß. E. Mc. erhob sich nun.

»Der Sahib«, sagte er, »verstehen nicht englische Sprache. Ich verstehen selbst, und ich sehen, Sie machen eine kleine Fehler – oh! was mag geschehen sehr oft. Aber der Sahib wäre glücklich zu wissen, wie Sie kommen in ein Garten.«

»Ballantrae!« rief ich, »besitzen Sie die verfluchte Unverschämtheit, mich von Angesicht zu Angesicht zu verleugnen?«

Ballantrae bewegte keinen Muskel, er starrte mich an wie ein Götzenbild in einer Pagode.

»Der Sahib verstehen nicht englische Sprache«, sagte der Eingeborene verschlagen wie zuvor. »Der Sahib wäre glücklich zu wissen, wie Sie kommen in ein Garten.«

»Oh! Der Teufel hole ihn!« rief ich. »Er wäre froh zu wissen, wie ich in den Garten komme? Nun, lieber Mann, habt die Liebenswürdigkeit, dem Sahib mit besten Empfehlungen zu erzählen, daß wir zwei Soldaten sind, die er nie gesehen und von denen er nie gehört hat. Aber der Sepoy ist ein verteufelter Kerl, und auch ich bin ein verteufelter Kerl. Und wenn wir nicht ein gutes Fleischgericht, einen Turban, Pantoffeln und Kleingeld im Wert eines Goldstückes zu unserer Verfügung erhalten, verdammt, mein Junge, dann werden wir die Hand anlegen an einen Garten, in dem Unheil geschehen wird.«

Sie führten die Komödie so weit, daß sie sich inzwischen hindustanisch unterhielten, und dann sagte der Hindu mit demselben Lächeln, aber auch mit einem Seufzer, als wenn er es satt hätte, alles zu wiederholen: »Der Sahib wäre glücklich zu wissen, wie Sie kommen in ein Garten.«

»Ist das die Art?« rief ich und legte die Hand an den Schwertknauf, indem ich den Sepoy aufforderte, vom Leder zu ziehen.

Ballantraes Hindu, immer noch lächelnd, zog eine Pistole aus dem Busen, und obgleich Ballantrae selbst keinen Muskel bewegte, wußte ich sehr genau, daß er auf alles gefaßt sei.

»Der Sahib denken, Ihr besser fortgehen!« sagte der Hindu.

Nun, um aufrichtig zu sein, so dachte ich das auch, denn das Krachen einer Pistole würde uns beide an den Galgen gebracht haben, so wahr Gott lebt.

»Sagt dem Sahib, daß ich ihn nicht als Gentleman betrachte«, sagte ich und wandte mich mit einem Zeichen der Verachtung ab.

Ich war noch nicht drei Schritte gegangen, als die Stimme des Hindus mich zurückrief. »Der Sahib wäre froh zu wissen, ob Sie sein ein verfluchter gemeiner Irländer«, sagte er, und bei diesen Worten lächelte Ballantrae und verbeugte sich sehr tief.

»Was soll das heißen?« fragte ich.

»Der Sahib sagt, Sie sollen fragen Ihren Freund Mackellar«, erwiderte der Hindu, »der Sahib sagt, Sie sein quitt.«

»Sagt dem Sahib, ich werde ihm auf der schottischen Geige aufspielen, wenn wir uns das nächste Mal begegnen!« schrie ich.

Die beiden lächelten immer noch, als ich sie verließ.

An meinem eigenen Benehmen kann man sicher auch herumnörgeln, denn wenn ein Mensch, sei er noch so tapfer, der Nachwelt einen Bericht über seine Taten gibt, muß er fast immer darauf gefaßt sein, das Schicksal Cäsars und Alexanders zu teilen und einige Verleumdungen mit in den Kauf zu nehmen. Aber das kann man Francis Burke nicht vorwerfen: er hat niemals einen Freund im Stich gelassen ...

(Hier folgt ein Abschnitt, den der Chevalier Burke sorgfältig unleserlich gemacht hat, bevor er mir das Manuskript sandte. Ohne Zweifel handelt es sich um eine sehr verständliche Beschwerde über eine Indiskretion, die ich nach seiner Ansicht begangen haben soll, obgleich ich mich nicht daran erinnere. Vielleicht war Mr. Henry weniger vorsichtig, oder es wäre auch möglich, daß der Junker Gelegenheit fand, meine Korrespondenz zu durchblättern, wobei er den Brief von Troyes gelesen haben mag. Aus Rache nahm er dann die grausame Verspottung Mr. Burkes in seiner äußersten Not vor. Der Junker war trotz seiner Verderbtheit nicht ohne natürliche Gefühle der Zuneigung. Ich glaube, er war Mr. Burke anfangs aufrichtig verbunden, aber der Gedanke an Verrat trocknete rasch die Quellen seiner an sich schon geringfügigen Freundschaft aus, und seine verabscheuungswürdige Natur kam nackt zum Durchbruch. E. Mck.)

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