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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 6
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
correctorreuters@abc.de
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Fünftes Kapitel

Bericht über alle Ereignisse, die sich in der Nacht des 27. Februar 1757 zutrugen

Am Abend des Tages, an dem das erwähnte Gespräch stattfand, ging der Junker fort. Er blieb einen großen Teil des nächsten Tages, jenes verhängnisvollen 27. Februar, auswärts, aber wohin er ging und was er tat, darüber nachzuforschen hatten wir keine Veranlassung vor dem nächsten Tage. Hätten wir es getan und zufällig herausgefunden, wo er sich aufhielt, so hätte sich vielleicht alles geändert. Da aber alles, was wir taten, in Unkenntnis der Dinge geschah und auch so beurteilt werden muß, werde ich die Ereignisse so beschreiben, wie sie uns im Augenblick des Geschehens erschienen, und alles das, was ich seither entdeckt habe, zur Zeit der Entdeckung mitteilen. Denn ich bin nun zu einem der finsteren Teile meiner Erzählung gekommen und muß die Nachsicht des Lesers für meinen Gönner beanspruchen.

Den ganzen 27. Februar dauerte das strenge Wetter an: es war bitter kalt, die Leute gingen vorüber wie rauchende Schornsteine, der große Feuerplatz in der Halle war hochgetürmt voll mit Brennstoff, einige Frühlingsvögel, die sich schon nördlich in unsere Nachbarschaft gewagt hatten, belagerten die Fenster des Hauses oder hüpften auf dem gefrorenen Rasen wie wahnsinnige Wesen. Gegen Mittag gab es einige Sonnenstrahlen, die eine sehr schöne, frostige Winterlandschaft von weißen Hügeln und Wäldern zeigten, im Hintergrund der Kutter Crails bei Craig Head auf Wind wartend, während der Rauch aus jedem Bauernhof und jedem Haus senkrecht in die Höhe stieg. Als der Abend kam, verdichtete sich der Nebel von oben her, die Nacht brach dunkel, still und sternenlos herein, es war außerordentlich kalt, eine Nacht, die der Jahreszeit durchaus nicht entsprach und für eigenartige Geschehnisse vorbereitet zu sein schien.

Mrs. Henry zog sich, wie sie es jetzt zu tun pflegte, sehr zeitig zurück. Wir hatten uns in der letzten Zeit immer zu einem Spiel Karten niedergesetzt, um die Abende zu verbringen, ein weiteres Anzeichen dafür, daß unserem Besuch das Leben auf Durrisdeer mächtig langweilig war. Noch nicht lange waren wir beim Spiel, als der alte Lord sich von seinem Platz am Kamin erhob und ohne ein Wort verschwand, um die Wärme des Bettes aufzusuchen. Die Drei, die so zurückgeblieben waren, hatten sich nichts Liebes oder Zuvorkommendes zu sagen, keiner von uns würde auch nur einen Augenblick ausgeharrt haben, um den andern zu verpflichten, aber durch die Macht der Gewohnheit und da die Karten gerade verteilt waren, machten wir uns daran, die Partie zu Ende zu spielen. Ich muß bemerken, daß wir immer spät aufsaßen, und obgleich der alte Lord früher fortgegangen war, als es sonst seine Gewohnheit war, war Mitternacht bereits einige Zeit vorüber, und die Dienerschaft lag schon lange in den Betten. Auch das muß ich bemerken, daß der Junker, den ich niemals unter dem Einfluß des Alkohols gesehen, ziemlich viel getrunken hatte und vielleicht ein wenig angeregt war, obgleich er es nicht merken ließ.

Auf alle Fälle zeigte er jetzt einen seiner jähen Übergänge, und kaum hatte sich die Tür hinter dem Lord geschlossen, verließ er ohne die geringste Veränderung seiner Stimme den Faden der gewöhnlichen höflichen Unterhaltung und ging über zu einem Sturm der Beleidigungen.

»Mein lieber Henry, du mußt ausspielen«, hatte er gesagt, und nun fuhr er fort: »Es ist höchst sonderbar, daß du selbst bei einer so unbedeutenden Sache wie dem Kartenspiel deine Ungeschliffenheit zeigst. Du spielst, Jakob, wie ein Kohlbaron oder ein Seemann in einer Kneipe. Immer die gleiche Stumpfsinnigkeit, dieselbe kleinliche Habgier, cette lenteur d'hébété qui me fait rager; es ist sonderbar, daß ich einen solchen Bruder habe. Selbst Plattfuß besitzt eine gewisse Lebendigkeit, wenn sein Einsatz in Gefahr ist, aber die Langweiligkeit eines Spieles mit dir kann ich mit Worten wirklich nicht ausdrücken.«

Mr. Henry fuhr fort auf seine Karten zu blicken, als ob er das Spiel sehr ernsthaft überlege, aber seine Gedanken waren anderswo.

»Herrgott, kommst du nie zu Rande?« rief der Junker, » Quel lourdeau! Aber warum bemühe ich dich mit französischen Ausdrücken, die bei einem solchen Ignoranten in den Wind gesprochen sind? Ein lourdeau, mein lieber Bruder, ist, was wir einen Trottel, einen Hanswurst, einen Tölpel nennen würden, ein Bursche ohne Form, Geschliffenheit und Beweglichkeit, ohne jede Gabe zu gefallen, ohne jeden natürlichen Glanz, ein Kerl, den du dir ansehen kannst, falls es dir gefällt, wenn du in den Spiegel schaust. Ich sage dir diese Dinge zu deinem Nutzen, sei versichert, und außerdem, Plattfuß« – er sah mich an und unterdrückte ein Gähnen –, »gehört es zu meiner Unterhaltung in diesem langweiligen Loch, Sie und Ihren Herrn im Feuer zu rösten wie Kastanien. Ihr Fall amüsiert mich, denn ich sehe, daß der Spitzname, so grob er ist, die Macht hat, daß Sie bei seiner Erwähnung sich wie ein Wurm krümmen.

Aber mit diesem werten Burschen hier habe ich manchmal mehr Last, denn er scheint über seinen Karten eingeschlafen zu sein. Siehst du nicht ein, wie gut die Namen, die ich dir gegeben habe, zu dir passen, teurer Henry? Ich will es dir beweisen. Zum Beispiel habe ich trotz aller guten Eigenschaften, die ich mit Freuden bei dir feststelle, niemals eine Frau gekannt, die nicht mich vorzog – und die, wie ich glaube«, fuhr er fort, und zwar mit verschlagenster Bedachtsamkeit, »wie ich glaube – nicht fortfuhr, mich vorzuziehen.«

Mr. Henry legte die Karten nieder. Er erhob sich sehr langsam und kam mir vor wie jemand, der in tiefen Gedanken ist.

»Du Feigling!« sagte er leise wie zu sich selbst. Und dann schlug er den Junker gegen den Mund, ohne Hast und ohne besondere Heftigkeit.

Der Junker sprang wie verwandelt hoch, ich habe den Mann niemals so schön gesehen. »Ein Schlag!« schrie er. »Selbst von Gott dem Allmächtigen lasse ich mich nicht schlagen!«

»Mäßige deine Stimme«, sagte Mr. Henry. »Oder willst du, daß mein Vater wieder für dich einspringt?«

»Meine Herren, meine Herren!« rief ich und versuchte zwischen sie zu treten.

Der Junker faßte mich an der Schulter, hielt mich auf Armlänge fern und sprach weiter zu seinem Bruder: »Weißt du, was das heißt?«

»Es war die bewußteste Handlung meines Lebens«, sagte Mr. Henry.

»Dafür will ich Blut, ich will Blut dafür!« rief der Junker.

»So wahr Gott will, es soll dir werden«, sagte Mr. Henry. Er schritt zur Wand und nahm ein Paar Säbel herunter, die dort blinkend mit anderen zusammen hingen. Er reichte sie dem Junker zur Auswahl, indem er sie bei den Spitzen hielt. »Mackellar soll Schiedsrichter sein«, sagte Mr. Henry, »ich halte das für sehr gut.«

»Du brauchst mich nicht mehr zu beleidigen«, sagte der Junker und nahm, ohne hinzusehen, einen der Säbel, »ich habe dich mein ganzes Leben lang gehaßt.«

»Mein Vater ist soeben erst schlafen gegangen«, sagte Mr. Henry, »wir müssen das Haus verlassen.«

»In dem langen Gehölz ist ein ausgezeichneter Platz«, sagte der Junker.

»Meine Herren«, warf ich ein, »es ist eine Schande für Sie beide: Söhne der gleichen Mutter, wollen Sie das Leben verletzen, das sie Ihnen gab?«

»So ist es, Mackellar«, sagte Mr. Henry mit der gleichen vollkommenen Ruhe seiner Haltung, die er während der ganzen Zeit bewiesen hatte.

»Ich werde es verhüten!« antwortete ich.

Und hier nun ist ein Makel auf meinem Leben. Bei diesen Worten richtete der Junker sein Schwert gegen meine Brust, ich sah das Licht über den Stahl laufen, und ich warf beide Arme hoch und fiel vor ihm auf die Knie nieder. »Nein, nein!« schrie ich wie ein kleines Kind.

»Wir werden weiter keine Mühe mit ihm haben«, sagte der Junker, »es ist gut, wenn man einen Feigling im Hause hat.«

»Wir müssen Licht haben«, sagte Mr. Henry, als ob es keine Unterbrechung gegeben hätte.

»Dieser Hasenfuß kann ein paar Kerzen holen«, sagte der Junker.

Zu meiner Schande sei es gestanden: ich war vom Blitzen des blanken Schwertes noch so geblendet, daß ich mich bereit fand, eine Laterne zu holen.

»Wir brauchen keine L–L–L–aterne«, sagte der Junker, indem er meiner spottete, »draußen ist kein Luftzug, kommt, vorwärts, nehmt ein paar Kerzen und geht voran, ich bin dicht hinterdrein mit diesem –« und er ließ die Klinge blitzen, während er sprach.

Ich ergriff die Leuchter und ging vor ihm her, Schritte, die ich ungeschehen machen möchte durch Hergabe einer Hand. Aber ein Feigling ist im besten Falle ein Sklave, und selbst als ich ging, schlugen meine Zähne im Munde aufeinander. Es war, wie er gesagt hatte, kein Lufthauch regte sich, windfreier Frost hatte die Luft gefesselt, und als wir im Schein der Kerzen dahinschritten, lag die Finsternis wie ein Dach über unseren Köpfen. Kein Wort wurde gesprochen. Man hörte keinen Laut außer dem Knirschen der Fußtapfen auf dem hartgefrorenen Pfad. Die Kälte der Nacht stürzte über mich wie ein Eimer Wasser, ich zitterte vor Grauen, als ich weiterging, aber meine Begleiter, barhäuptig gleich mir, und soeben noch in der warmen Halle, schienen den Unterschied nicht einmal zu bemerken.

»Hier ist der Platz«, sagte der Junker, »setz die Kerzen nieder.«

Ich tat, wie er befahl, und sogleich richteten sich die Flammen auf und brannten gleichmäßig wie in einem Zimmer inmitten der froststarrenden Bäume, und ich sah, wie diese beiden Brüder ihre Stellung einnahmen.

»Das Licht blendet mich etwas«, sagte der Junker.

»Ich will dir jeden Vorteil geben«, antwortete Mr. Henry und wechselte seinen Stand, »denn ich glaube, du mußt bald sterben.«

*

Er sprach traurig, wie es schien, aber seine Stimme klang fest.

»Henry Durie«, sagte der Junker, »zwei Worte, bevor ich beginne. Du bist ein Fechter, du kannst ein Rapier führen, aber wie man ein Schwert hält, davon verstehst du wenig! Und deshalb weiß ich, daß du fallen wirst. Bedenke aber, wie gut meine Lage ist. Wenn du fällst, entfliehe ich aus diesem Lande dorthin, wo mein Geld jetzt schon ist. Falle ich jedoch, was willst du dann tun? Mein Vater, dein Weib – die mich liebt, wie du sehr wohl weißt –, selbst dein Kind, das mich dir vorzieht: wie werden sie alle mich rächen! Hast du dir das überlegt, teurer Henry?« Er blickte seinen Bruder lächelnd an, und dann salutierte er wie auf dem Fechtboden.

Kein Wort sprach Mr. Henry, aber er salutierte auch, und die Säbel fielen gegeneinander.

Ich kann Fechten nicht beurteilen, und außerdem war mein Kopf benommen vor Kälte, Furcht und Schrecken, aber es schien, als ob Mr. Henry die Oberhand gewann in dem Kampf, indem er mit verhaltener und doch glühender Wut gegen den Feind eindrang. Er arbeitete sich näher und näher an den Mann heran, bis der Junker plötzlich leise stöhnend mit einem Fluch zurückwich, und ich glaube, daß diese Bewegung das Licht wieder gegen seine Augen warf. In der neuen Stellung gingen sie wieder aufeinander los, aber dichter, wie mir schien. Mr. Henry kämpfte noch wütender, der Junker verlor allmählich sein Selbstvertrauen. Denn es besteht kein Zweifel, daß er sich jetzt für verloren hielt und einen Vorgeschmack von Furcht und Todesangst empfand, sonst hätte er den faulen Hieb nie versucht. Ich will nicht behaupten, daß ich alles richtig verfolgen konnte, mein ungeübtes Auge war nie schnell genug, um Einzelheiten zu erfassen, aber es scheint mir, als habe er den Säbel seines Bruders mit der linken Hand ergriffen, eine unerlaubte Handlung. Mr. Henry rettete sich fraglos nur dadurch, daß er zur Seite sprang, und ebenso fraglos stürzte der Junker aufs Knie, als er in die Luft stieß, und bevor er sich aufrichten konnte, saß das Schwert in seinem Körper.

Ich stieß einen unterdrückten Schrei aus und rannte hinzu, aber der Körper war schon zu Boden gefallen, wo er sich eine Weile wie ein zertretener Wurm krümmte und dann regungslos liegenblieb.

»Betrachten Sie seine linke Hand«, sagte Mr. Henry.

»Sie ist ganz blutig«, sagte ich.

»Innen?« fragte er.

»Sie ist innen zerschnitten«, antwortete ich.

»Das dachte ich mir«, sagte er und wandte mir den Rücken.

Ich öffnete den Rock des Mannes, das Herz stand ganz still, es regte sich nicht.

»Gott verzeihe uns, Mr. Henry!« sagte ich, »er ist tot.«

»Tot?« wiederholte er etwas blöde, und dann rief er mit erhobener Stimme: »Tot? Tot?« Und plötzlich warf er sein blutiges Schwert zu Boden.

»Was sollen wir tun?« fragte ich.

»Kommen Sie zu sich, es ist zu spät jetzt, Sie müssen zu sich kommen!«

Er wandte sich mir zu und starrte mich an. »Oh, Mackellar«, sagte er und vergrub sein Gesicht in die Hände.

Ich zupfte an seinem Rock. »Um Gottes willen, um unser aller willen, seien Sie mutiger!« sagte ich. »Was sollen wir tun?«

Er zeigte mir sein Gesicht, das immer noch blöde vor sich hin starrte. »Tun?« sagte er. Und während er die Augen voll auf den Leib des Bruders richtete, rief er: »Oh!« und hob die Hand zu den Brauen, als ob er sich nicht erinnern könne. Dann drehte er sich um und rannte mit sonderbar taumelnden Schritten auf Durrisdeer zu.

Ich stand einen Augenblick verwirrt da, dann aber schien es mir, meine Pflicht sei ganz selbstverständlich auf seiten der Lebenden, und lief hinter ihm her, indem ich die Kerzen auf dem gefrorenen Boden zurückließ, wo der Körper in ihrem Licht unter den Bäumen lag. Aber so sehr ich auch rannte, er war zu weit voraus und schon im Haus und in der Halle, wo ich ihn vor dem Kamin stehen sah, das Gesicht wieder in den Händen, und wie er so dastand, zitterte er sichtlich.

»Mr. Henry, Mr. Henry«, sagte ich, »das wird uns alle zugrunde richten.«

»Was habe ich getan?« rief er, und dann sagte er mit einem Ausdruck, den ich nie vergessen werde: »Wer soll es dem alten Lord sagen?«

Dies Wort traf mein Herz, aber für Weichmütigkeit war jetzt keine Zeit. Ich schenkte ihm ein Glas Brandy ein. »Trinken Sie, trinken Sie das, trinken Sie es hinunter.« Ich zwang ihn wie ein Kind zum Trinken, und da ich von der Kälte der Nacht noch erschauerte, folgte ich seinem Beispiel.

»Es muß ihm gesagt werden, Mackellar«, sagte er, »es muß gesagt werden.« Und er fiel plötzlich zurück in einen Sessel – in den Sessel meines alten Lords zur Seite des Kamins – und brach in heiße Tränen aus.

Verzweiflung bestürmte meine Seele, es wurde mir klar, daß ich von Mr. Henry keine Unterstützung zu erwarten hatte. »Nun gut«, sagte ich, »bleiben Sie hier sitzen und überlassen Sie alles mir.« Ich nahm eine Kerze in die Hand und ging aus der Halle in das finstere Haus. Nichts regte sich, ich durfte vermuten, daß alles unbeachtet geblieben war, und ich überlegte mir, wie alles andere nun auch mit derselben Heimlichkeit erledigt werden müßte. Es war keine Zeit zu Bedenklichkeiten, ich öffnete die Tür der Dame des Hauses, ohne anzuklopfen, und trat kühn ein.

»Es ist ein Unglück geschehen«, schrie sie und richtete sich im Bett auf.

»Gnädige Frau«, sagte ich, »ich werde wieder auf den Gang hinaustreten, und Sie müssen sich so rasch wie möglich anziehen. Es muß viel geschehen.«

Sie stellte mir keine Fragen, noch hielt sie mich auf. Bevor ich Zeit hatte, mir meine Worte zu überlegen, stand sie auf der Schwelle und gab mir ein Zeichen, einzutreten.

»Gnädige Frau«, sagte ich, »wenn Sie nicht sehr tapfer sein können, muß ich mich anderswohin wenden, denn wenn mir heute nacht niemand hilft, bricht das Haus Durrisdeer zusammen.«

»Ich bin sehr mutig«, sagte sie, und sie sah mich mit einem Lächeln an, das sehr qualvoll war, aber auch sehr tapfer.

»Es ist zu einem Duell gekommen«, sagte ich.

»Ein Duell?« wiederholte sie. »Ein Duell? Henry und –«

»Und der Junker«, antwortete ich. »Dinge haben sich angehäuft, Dinge, von denen Sie nichts wissen, die Sie nicht glauben würden, wenn ich sie Ihnen erzählte. Aber heute nacht ging es zu weit, und als er Sie beleidigte –«

»Halt!« rief sie. »Er? Wer?«

»Oh! gnädige Frau«, rief ich, und meine Bitterkeit kam zum Durchbruch, »solche Frage richten Sie an mich? Dann muß ich mich wirklich anderswo nach Hilfe umsehen, hier finde ich keine!«

»Ich weiß nicht, wodurch ich Sie beleidigt habe«, sagte sie. »Verzeihen Sie mir, nehmen Sie diese Ungewißheit von mir.«

Aber ich wagte nicht, ihr jetzt schon alles zu erzählen, ich war ihrer nicht sicher, und in diesem Zweifel und im Gefühl der Ohnmacht, die er mit sich brachte, wandte ich mich dem armen Weibe fast mit Zorn zu.

»Gnädige Frau«, sagte ich, »wir reden von zwei Männern: der eine von ihnen beleidigte Sie, und Sie fragen mich, wer es war. Ich werde Ihnen helfen, die Antwort zu finden. Mit einem dieser Männer haben Sie alle Ihre Stunden verbracht: hat der andere Sie jemals getadelt? Dem einen gegenüber waren Sie immer liebenswürdig, dem andern gegenüber nicht immer, wie ich glaube, und so wahr Gott mich sieht und zwischen uns beiden richtet: hat seine Liebe Sie je verlassen? Heute nacht sagte der eine dieser beiden Männer in meiner Gegenwart – in der Gegenwart eines bezahlten Fremden – zu dem anderen, daß Sie ihn lieben. Bevor ich ein weiteres Wort sage, sollen Sie mir Ihre eigene Frage beantworten: Welcher von beiden war es? Nein, gnädige Frau, Sie sollen mir eine andere Frage beantworten: Wenn es zu diesem furchtbaren Ende gekommen ist, wessen Schuld ist es?«

Sie starrte mich verwirrt an. »Guter Gott!« sagte sie dann, und es klang wie ein zäher Ausruf, und dann ein zweites Mal flüsternd zu sich selbst: »Großer Gott! Im Namen der Barmherzigkeit, Mackellar, was ist geschehen?« rief sie aus. »Ich bin gefaßt, ich kann alles hören.«

»Sie sind nicht bereit zu hören«, antwortete ich. »Was auch immer geschehen sein mag, Sie sollen zunächst sagen, daß es Ihre Schuld ist.«

»Oh!« rief sie aus und rang die Hände. »Dieser Mann macht mich wahnsinnig! Können Sie mich nicht aus Ihren Gedanken ausschalten?«

»Ich denke durchaus nicht an Sie«, rief ich, »ich denke an niemand als an meinen teuren, unglücklichen Herrn.«

»Ah!« schrie sie und führte die Hand ans Herz. »Ist Henry tot?«

»Sprechen Sie leiser«, sagte ich. »Der andere.«

Ich sah sie in sich zusammensinken wie einen Halm, der vom Winde niedergedrückt wird, und ich wandte mich ab und blickte zu Boden, ich weiß nicht, ob aus Feigheit oder Mitleid. »Es sind furchtbare Ereignisse«, sagte ich schließlich, als ihr Schweigen meine Furcht erregte. »Sie und ich müssen tapferer sein, wenn das Haus gerettet werden soll.«

Noch immer antwortete sie nicht. »Außerdem ist Miß Katharine noch da«, fügte ich hinzu, »und wenn wir die Angelegenheit nicht in Ordnung bringen, wird ihr Erbteil wahrscheinlich die Schande sein.«

Ich weiß nicht, ob der Gedanke an das Kind oder das nackte Wort Schande sie aus der Erstarrung befreite; jedenfalls hatte ich kaum geendet, als ein Laut über ihre Lippen kam, wie ich ihn zuvor nie gehört habe. Es war, als ob sie unter einem Hügel begraben läge und nun versuchte, die Last zu bewegen. Und im nächsten Augenblick fand sie ihre Stimme allmählich wieder.

»Es war ein Kampf?« flüsterte sie. »Es war kein –?« Und sie sprach das Wort nicht aus.

»Von der Seite meines Herrn war es ehrlicher Kampf«, sagte ich. »Was den andern betrifft, so wurde er erschlagen, als er gerade einen verächtlichen Streich versuchte.«

»Jetzt nicht!« rief sie.

»Gnädige Frau«, sagte ich, »Haß gegen diesen Menschen glüht in meinem Herzen wie brennendes Feuer, auch jetzt noch, da er tot ist. Gott weiß, ich hätte den Kampf verhindert, wenn ich es gewagt hätte. Es ist meine Schande, daß ich es nicht tat. Aber als ich ihn fallen sah, hätte ich neben dem Mitleid für meinen Herrn nur einen Gedanken haben können: Freude über die Befreiung von diesem Menschen.«

Ich weiß nicht, ob sie das verstand, aber ihre nächsten Worte waren: »Der alte Lord?«

»Das soll meine Aufgabe sein«, sagte ich.

»Sie werden zu ihm nicht so reden wie zu mir?« fragte sie.

»Gnädige Frau«, sagte ich, »gibt es sonst niemand, an den Sie denken müssen? Überlassen Sie den alten Lord mir.«

»Sonst niemand?« wiederholte sie.

»Ihren Gatten«, sagte ich. Sie blickte mich mit unenträtselbarer Miene an. »Wollen Sie ihn im Stich lassen?« fragte ich.

Noch immer schaute sie mich an, dann legte sie die Hand wieder aufs Herz. »Nein«, sagte sie.

»Gott segne Sie für dies Wort«, sagte ich. »Gehen Sie zu ihm, er sitzt in der Halle. Sprechen Sie zu ihm, es ist ganz gleich, was Sie sagen, geben Sie ihm die Hand, sagen Sie: ich weiß alles – und wenn Gott Ihnen genug Gnade gibt, sprechen Sie: verzeih mir!«

»Gott gebe Ihnen Kraft und mache Sie barmherzig«, sagte sie. »Ich werde zu meinem Gatten gehen.«

»Lassen Sie mich Ihnen leuchten«, sagte ich und nahm die Kerze.

»Ich werde meinen Weg im Dunkeln finden«, sagte sie mit einem Schauer, und ich glaube, sie erschauerte vor mir.

So trennten wir uns, sie ging nach unten, wo hinter der Tür der Halle ein kleines Licht glomm, und ich den Korridor entlang zum Zimmer des alten Lords. Es ist schwer zu erklären, aber ich konnte den alten Herrn nicht so überfallen wie die junge Frau, und ich mußte anklopfen, obgleich ich mich dagegen sträubte. Aber der Schlummer seiner alten Tage war leicht, oder vielleicht schlief er nicht. Beim ersten Klopfen rief er mich hinein.

Auch er richtete sich auf im Bett und sah sehr alt und blutlos aus. Besaß er, wenn er tagsüber angekleidet war, einen gewissen Adel der Erscheinung, so erschien er jetzt hinfällig und klein, und sein Gesicht war nicht größer als das eines Kindes, da er seine Perücke abgelegt hatte. Das schmerzte mich und nicht weniger der verstörte Blick seines Auges, als wenn er Unheil ahnte. Trotzdem war seine Stimme friedvoll, als er mich nach meinem Begehren fragte. Ich setzte meine Kerze auf einen Stuhl, lehnte mich an einen Bettpfosten und blickte ihn an.

»Lord Durrisdeer«, sagte ich, »es ist Ihnen hinreichend bekannt, daß ich Partei bin in Ihrer Familie.«

»Ich hoffe, keiner von uns ist parteilich«, sagte er. »Daß Sie meinen Sohn aufrichtig lieben, habe ich stets freudig wahrgenommen.«

»Oh, mein Lord, die Stunde solcher Höflichkeiten ist vorüber«, antwortete ich. »Wenn wir aus diesem Feuer etwas retten wollen, müssen wir den Tatsachen ins Auge schauen. Ich bin Partei, parteilich sind wir alle gewesen, und in meiner Parteilichkeit stehe ich mitten in der Nacht vor Ihnen, um Sie anzuflehen. Hören Sie mich an, bevor ich gehe, werde ich Ihnen sagen, warum.«

»Ich würde Sie stets anhören, Mr. Mackellar«, sagte er, »und zwar zu jeder Stunde, Tag und Nacht, denn ich wüßte stets, daß Sie einen Grund hätten. Einmal haben Sie sehr zweckdienlich gesprochen, ich habe das nicht vergessen.«

»Ich bin hier, um die Sache meines Gönners zu vertreten«, sagte ich. »Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie er zu handeln pflegt. Sie wissen, wie seine Lage war. Sie wissen, mit welcher Großzügigkeit er stets Ihren andern – Ihren Wünschen begegnete«, verbesserte ich mich, da ich über das Wort »Sohn« stolperte. »Sie wissen – Sie müssen es wissen, was er litt – was er wegen seiner Frau litt.«

»Mr. Mackellar!« rief der Lord und richtete sich in seinem Bett wie ein Löwe mit gesträubter Mähne auf.

»Sie haben gesagt, daß Sie mich anhören wollen«, fuhr ich fort. »Was Sie nicht wissen, aber wissen sollen, eines der Dinge, von denen ich sprechen will, ist die Verfolgung, die er im geheimen ertragen mußte. Sie hatten Ihren Rücken kaum gewandt, als jemand, dessen Namen ich nicht zu nennen wage, mit rücksichtslosesten Beleidigungen über ihn herfiel. Er warf ihm – verzeihen Sie mir, mein Lord –, er warf ihm Ihre Parteilichkeit vor, nannte ihn Jakob, nannte ihn Trottel, verfolgte ihn mit beißendem Spott, den kein Mann ertragen hätte. Und sobald jemand erschien, wandelte er sich sofort, und mein Herr mußte dem Menschen zulächeln und höflich gegen ihn sein, der ihn soeben mit Beleidigungen überhäuft hatte. Ich weiß es, denn ich habe vieles gehört, und ich erkläre, daß dies Leben unerträglich war. Die ganzen Monate hat es angehalten, es begann mit der Landung dieses Menschen, mit dem Namen Jakob wurde mein Herr am ersten Abend begrüßt.«

Der alte Lord machte eine Bewegung, als wolle er die Decken abwerfen und aufstehen. »Wenn das wahr wäre –«, sagte er.

»Sehe ich aus wie ein Lügner?« unterbrach ich ihn und hielt ihn mit meiner Hand zurück.

»Sie hätten es mir sofort sagen sollen«, sagte er.

»Ach, mein Lord, ja, ich hätte es tun sollen, und nun mögen Sie das Gesicht dieses ungetreuen Dieners hassen!« rief ich aus.

»Ich werde sofort Ordnung schaffen«, sagte er, und wieder machte er eine Bewegung, als wolle er aufstehen.

Wieder hielt ich ihn zurück. »Ich habe es nicht getan«, sagte ich. »Wollte Gott, ich hätte gesprochen! Alles das hat mein teurer, unglücklicher Gönner ohne Hilfe und Unterstützung ertragen. Ihre eigenen Worte, mein Lord, waren im besten Falle solche der Dankbarkeit. Ach, auch er war Ihr Sohn! Er hatte keinen anderen Vater. Draußen im Lande war er verhaßt, und Gott weiß, mit wieviel Ungerechtigkeit. Er führte eine lieblose Ehe. Nirgendwo fand er Liebe oder Hilfe – dies große, edelmütige, unglückliche, adlige Herz!«

»Ihre Tränen ehren Sie und beschämen mich«, sagte der Lord, und er zitterte in seiner Gichtbrüchigkeit. »Aber Sie tun mir doch unrecht. Henry ist mir immer lieb gewesen, sehr lieb. James – ich leugne es nicht, Mr. Mackellar – James ist mir vielleicht lieber. Sie haben meinen James nicht in ganz günstigem Licht gesehen, er hat unter seinen Schicksalsschlägen gelitten, und wir wollen uns stets daran erinnern, wie heftig und unverdient sie waren. Und selbst jetzt ist er die liebenswürdigere Natur. Aber ich will nicht von ihm sprechen. Alles, was Sie von Henry sagen, ist durchaus richtig. Ich wundere mich nicht darüber, ich weiß, daß er sehr hochherzig ist, aber Sie werden sagen, daß ich seinen Charakter mißbrauchen ließ. Es ist möglich, es gibt gefährliche Tugenden, Tugenden, die den Gegner reizen. Mr. Mackellar, ich werde alles wieder gutmachen, ich werde alles das in Ordnung bringen. Ich bin nachsichtig gewesen, und, was schlimmer ist, ich bin unaufmerksam gewesen.«

»Mein Lord, ich will nicht hören, daß Sie sich selbst Vorwürfe machen, denn ich habe noch vieles auf dem Herzen, was ich Ihnen sagen muß«, erwiderte ich. »Sie sind nicht nachsichtig gewesen, Sie sind von einem satanischen Heuchler hinters Licht geführt worden. Sie haben selbst festgestellt, wie er Sie mit der Vorspiegelung der Lebensgefahr täuschte. Er hat Sie während seines ganzen Lebens hintergangen. Ich möchte ihn aus ihrem Herzen reißen, ich möchte Ihnen die Augen öffnen über Ihren anderen Sohn, ach, dort haben Sie wirklich einen Sohn!«

»Nein, nein«, sagte er, »zwei Söhne, ich habe zwei Söhne.«

Ich machte eine Gebärde der Verzweiflung, die ihn überraschte. Er sah mich mit verändertem Gesicht an. »Ist mir noch viel Schlimmes verborgen?« fragte er, und seine Stimme starb ab, wie sie sich zu Beginn der Frage gehoben hatte.

»Viel Schlimmes«, antwortete ich. »Heute nacht sprach er zu Mr. Henry diese Worte: ›Ich habe nie ein Weib gekannt, das mich nicht dir vorgezogen hätte und, so glaube ich, das nicht fortgefahren hätte mich vorzuziehen.‹«

»Ich wünsche nichts gegen meine Tochter zu hören«, rief der Lord, und aus der Raschheit, mit der er mich in dieser Beziehung unterbrach, schließe ich, daß sein Blick nicht so unachtsam war, wie ich geglaubt hatte, und daß er nicht ohne Sorge die Bedrängung von Mrs. Henry beobachtet hatte.

»Ich denke nicht daran, Sie zu tadeln«, rief ich aus. »Das ist es nicht. Diese Worte wurden in meiner Gegenwart zu Mr. Henry gesprochen, und wenn Sie sie noch nicht deutlich genug finden, hören Sie die anderen, die bald danach gesprochen wurden: ›Dein Weib, das in mich verliebt ist.‹«

»Sie haben sich gestritten?« fragte er.

Ich nickte.

»Ich muß zu ihnen eilen«, sagte er und versuchte von neuem, das Bett zu verlassen.

»Nein, nein!« rief ich und streckte meine Hände aus.

»Sie verstehen das nicht«, sagte er, »das sind gefährliche Worte.«

»Können Sie denn nicht verstehen, mein Lord?« sagte ich. Seine Augen flehten mich um Wahrheit an.

Ich warf mich neben dem Bett auf die Knie nieder. »Oh, mein Lord«, rief ich, »denken Sie an ihn, der Ihnen geblieben ist, denken Sie an diesen armen Sünder, den Sie zeugten, den Ihr Weib Ihnen gebar, den wir alle nicht so unterstützt haben, wie wir sollten! Denken Sie an ihn, nicht an sich selbst, denken Sie an seine Qualen, an ihn! Das Tor des Leidens ist das Tor Christi, Gottes Tor: ach! es steht offen. Denken Sie an ihn, wie er an Sie gedacht hat. Seine Worte waren: Wer soll es dem alten Herrn sagen? Deshalb bin ich zu Ihnen gekommen, deshalb liege ich zu Ihren Füßen und flehe Sie an.«

»Ich will aufstehen!« rief er, drängte mich zur Seite und war vor mir auf den Beinen. Seine Stimme flatterte wie ein Segel im Winde, aber er sprach deutlich und laut; sein Gesicht war weiß wie Schnee, aber seine Augen waren ruhig und trocken. »Hier wird zuviel geredet«, sagte er. »Wo ist es geschehen?«

»Im Gehölz«, sagte ich.

»Und Mr. Henry?« fragte er.

Als ich ihm alles erzählte, legte er sein altes Gesicht nachdenklich in Falten.

»Und Mr. James?« sagte er.

»Ich habe ihn neben den Kerzen liegen lassen«, sagte ich.

»Kerzen?« rief er aus. Und damit rannte er zum Fenster, öffnete es und schaute hinaus. »Man könnte alles vom Wege aus sehen.«

»Dort geht zu dieser Stunde niemand vorüber«, warf ich ein.

»Das tut nichts«, sagte er, »es könnte sein. Hören Sie!« rief er aus. »Was ist das?«

Es war das Geräusch von Leuten, die sehr vorsichtig in der Bucht ruderten, und ich sagte es ihm.

»Die Schmuggler«, sagte der Lord. »Laufen Sie sogleich, Mackellar, und löschen Sie diese Kerzen aus. Ich will mich inzwischen anziehen, und wenn Sie zurückkommen, wollen wir überlegen, was das klügste ist.«

Ich tastete mich die Treppe hinunter und zur Tür hinaus. Von weither war ein Lichtschein sichtbar, der helle Flecke im Gehölz verbreitete. In einer so finsteren Nacht hätte man ihn meilenweit sehen können, und ich tadelte mich bitter wegen meiner Unvorsichtigkeit. Um wieviel schärfer aber, als ich den Platz erreichte! Einer der Leuchter war umgeworfen und das Licht erloschen. Das andere brannte ruhig weiter und ließ einen breiten Lichtschein auf den gefrorenen Boden fallen. In diesem Umkreis erschien alles durch die Kraft des Kontrastes und die Finsternis ringsumher heller als bei Tageslicht. In der Mitte war die Blutlache, und ein wenig weiter lag das Schwert Mr. Henrys, dessen Knauf aus Silber war; aber vom Körper keine Spur. Mein Herz hämmerte gegen die Rippen, das Haar stand mir zu Berge, so grauenhaft war die Furcht, die in mir erwachte. Ich schaute nach rechts und links, doch der Boden war so hart, daß er keine Spuren trug. Ich stand und lauschte, bis meine Ohren schmerzten, aber die Nacht ringsumher war so hohl wie eine leere Kirche. Am Strande hörte man nicht einmal ein Plätschern, es schien, als könne man eine Nadel im weiten Lande fallen hören.

Ich löschte die Kerze aus, und die Finsternis überfiel mich tiefschwarz; es war mir, als ob eine Menschenmenge mich umzingelte, und ich ging, das Kinn auf der Schulter, zum Hause Durrisdeer zurück; und während ich dahineilte, überfielen mich feige Vermutungen. Aus der Tür trat mir eine Person entgegen, und ich hätte fast vor Entsetzen aufgeschrien, bevor ich Mrs. Henry erkannte.

»Haben Sie es ihm erzählt?« fragte sie.

»Er hat mich hingeschickt«, sagte ich. »Er ist verschwunden. Aber warum sind Sie hier?«

»Er ist verschwunden?« wiederholte sie. »Wer ist verschwunden?«

»Der Körper«, antwortete ich. »Warum sind Sie nicht bei Ihrem Gatten?«

»Verschwunden?« fragte sie. »Sie müssen nicht gut nachgeschaut haben. Kommen Sie mit mir zurück.«

»Es ist kein Licht mehr da«, sagte ich, »ich wage es nicht.«

»Ich kann im Dunkeln sehen. Ich habe hier so lange gestanden, so lange«, sagte sie. »Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Hand.«

Wir kehrten zu dem Gehölz Hand in Hand zurück und suchten den Unglücksplatz.

»Achten Sie auf das Blut«, sagte ich.

»Blut?« rief sie aus und wich plötzlich zurück.

»Ich glaube, es ist Blut«, antwortete ich. »Ich bin wie ein Blinder.«

»Nein«, sagte sie, »nichts! Haben Sie nicht geträumt?«

»Ach, wollte Gott, ich hätte geträumt!« rief ich aus.

Sie erblickte das Schwert, hob es auf und ließ es, als sie das Blut sah, mit weit auseinander strebenden Händen wieder fallen.

»Oh!« rief sie. Und dann nahm sie es mit neuem Mut zum zweitenmal auf und stieß es bis zum Heft in den gefrorenen Boden. »Ich will es mit zurücknehmen und gut säubern«, sagte sie, und dabei blickte sie sich nach allen Seiten um. »Ist es möglich, daß er nicht tot ist?« fügte sie hinzu.

»Sein Herz stand still«, sagte ich, und dann erinnerte ich mich und fuhr fort: »Warum sind Sie nicht bei Ihrem Gatten?«

»Es hat keinen Zweck«, sagte sie, »er will nicht mit mir sprechen.«

»Nicht mit Ihnen sprechen?« wiederholte ich. »Ach, Sie haben es nicht versucht.«

»Sie haben recht, wenn Sie an mir zweifeln«, antwortete sie mit sanfter Würde.

Zum ersten Male ergriff mich jetzt Mitleid mit ihr. »Gott weiß, gnädige Frau«, rief ich aus, »Gott weiß, daß ich nicht so hart bin, wie ich erscheine. Wer kann in dieser grauenhaften Nacht seine Worte abwägen? Aber ich bin der Freund aller, die nicht zu den Feinden Henry Duries gehören.«

»Es ist also hart, wenn Sie seinem Weibe gegenüber zögern«, sagte sie.

Ich sah plötzlich, als wenn ein Schleier sich höbe, wie tapfer sie dies widernatürliche Unheil getragen und wie edelmütig sie meine Vorwürfe entgegengenommen hatte.

»Wir müssen zurückgehen und alles dem alten Lord erzählen«, sagte ich.

»Ihm kann ich nicht gegenübertreten«, rief sie aus.

»Sie werden feststellen, daß er am wenigsten von uns allen erregt ist«, sagte ich.

»Und doch kann ich ihm nicht gegenübertreten«, antwortete sie.

»Nun gut«, sagte ich, »Sie können zu Mr. Henry zurückgehen, ich werde den Lord aufsuchen.«

Als wir zurückwanderten, ich mit den Leuchtern und sie das Schwert in der Hand – eine eigenartige Bürde für diese Frau –, hatte sie einen anderen Gedanken. »Sollen wir Henry alles erzählen?« fragte sie.

»Der Lord soll darüber entscheiden«, erwiderte ich.

Der Lord war nahezu fertig angezogen, als ich sein Zimmer betrat. Er hörte mich stirnrunzelnd an. »Die Schmuggler«, sagte er. »Aber lebend oder tot?«

»Ich hielt ihn für –«, sagte ich und machte eine Pause, da ich mich vor dem Worte scheute.

»Ich weiß es, aber es ist sehr wohl möglich, daß Sie sich getäuscht haben. Warum sollten sie ihn fortschaffen, wenn er nicht lebte?« fragte er. »Oh! hier ist ein weites Tor der Hoffnung. Man muß die Nachricht verbreiten, daß er, genau wie er kam, ohne jede Verständigung fortgereist ist. Wir müssen allen Skandal vermeiden.«

Ich bemerkte, daß er, wie wir alle, hauptsächlich an das Haus dachte. Jetzt, da alle lebenden Familienmitglieder in tiefsten Schmerz gestürzt waren, war es sonderbar, wie wir uns diesen abstrakten Vorstellungen von der Familie zuwandten und das in der Luft schwebende Nichts ihres Rufes zu stützen trachteten – nicht nur die Duries selbst, sondern auch der bezahlte Angestellte.

»Sollen wir es Mr. Henry erzählen?« fragte ich ihn.

»Ich werde sehen«, sagte er, »ich werde zunächst ihn aufsuchen und dann mit Ihnen das Gehölz besichtigen, um alles zu überlegen.«

Wir gingen hinunter in die Halle. Mr. Henry saß am Tisch, den Kopf auf die Hand gelegt wie ein Mann von Stein. Seine Frau stand ein wenig hinter ihm, ihre Hand am Mund. Offenbar konnte sie ihn nicht wecken. Der alte Lord ging mit festen Schritten auf seinen Sohn zu, er war sehr gefaßt, aber, wie mir schien, ein wenig kaltherzig. Als er vor ihm stand, streckte er beide Hände aus und sagte: »Mein Sohn!«

Mit einem gebrochenen, heiseren Schrei sprang Mr. Henry auf und fiel seinem Vater jammernd und weinend um den Hals, der bemitleidenswerteste Anblick, den jemals ein Mensch erlebte. »Ach, Vater!« rief er aus. »Du weißt, daß ich ihn liebte; du weißt, daß ich ihn früher liebte; ich hätte für ihn sterben können – du weißt es! Ich hätte mein Leben für ihn und dich hingeben können. Ach! sag, daß du es weißt. Ach! sag, daß du mir verzeihen kannst. Ach! Vater, Vater, was habe ich getan, was habe ich getan? Einst haben wir als Kinder miteinander gespielt!« Er weinte und seufzte, streichelte den alten Mann und umarmte seine Schultern mit der Leidenschaft eines erschrockenen Kindes.

Und dann erblickte er plötzlich sein Weib, als wäre es das erstemal, wie sie weinend dastand und ihn anhörte, und im nächsten Augenblick lag er zu ihren Füßen.

»Und du, mein Mädel«, rief er aus, »auch du mußt mir verzeihen! Nicht dein Gatte bin ich gewesen, sondern nur der Ruin deines Lebens. Du kanntest mich, als ich ein Junge war, damals war Henry Durie ohne Falsch, er wollte dein Freund sein. Hier bin ich, der alte Spielkamerad, ach, ach, kannst du mir nie, nie verzeihen?«

Währenddessen schien der alte Lord wie ein kalter, liebenswürdiger Zuschauer, der alle Sinne beieinander hat.

Beim ersten Aufschrei, der in der Tat genügt hätte, das ganze Haus um uns zu versammeln, hatte er mir über die Schulter weg gesagt: »Schließen Sie die Tür!« Und jetzt nickte er vor sich hin.

»Wir können ihn nun seiner Frau überlassen«, sagte er. »Bringen Sie ein Licht, Mr. Mackellar.«

Als ich mit dem alten Lord nun wieder hinausschritt, bemerkte ich eine sonderbare Erscheinung, denn obgleich es ganz dunkel und die Nacht noch nicht zu Ende war, glaubte ich den Morgen zu riechen. Gleichzeitig erhob sich ein Rauschen in den Zweigen der immergrünen Sträucher, so daß sie raunten wie eine leicht bewegte See.

Die Luft wehte in Abständen gegen unser Gesicht, und die Flamme der Kerze flackerte. Ich glaube, wir beeilten uns, weil wir von diesem Geräusch umgeben waren. Wir suchten den Duellplatz auf, wo der Lord mit stoischer Ruhe das Blut betrachtete, traten dann näher an den Landungsplatz heran und entdeckten schließlich einige Anzeichen der Wahrheit. Denn erstens war das Eis dort, wo ein kleiner Graben den Weg querte, offenbar unter dem Gewicht mehrerer Männer eingebrochen; dann, ein wenig weiter, war ein junger Zweig geknickt, und unten am Landungsplatz, wo die Boote der Händler gewöhnlich an Land gezogen wurden, bezeichnete ein frischer Blutfleck den Platz, wo der Körper ohne Zweifel niedergelegt worden war, damit die Träger sich ausruhen konnten.

Wir machten uns daran, diesen Blutfleck mit Seewasser, das wir im Hut des Lords herbeitrugen, fortzuwaschen, und als wir damit beschäftigt waren, erhob sich plötzlich ein stöhnender Windstoß, der uns sofort in Finsternis hüllte.

»Es wird Schnee fallen«, sagte der Lord, »und das ist das beste, was wir erhoffen können. Lassen Sie uns jetzt zurückkehren, wir können im Dunkeln nichts weiter unternehmen.«

Als wir dem Haus zuschritten, hatte sich der Wind wieder gelegt, und wir hörten über uns in der Nacht ein starkes plätscherndes Geräusch. Sobald wir den Schutz der Bäume verließen, stellten wir fest, daß es stark regnete.

Während der ganzen Zeit hatte der Lord zu meinem Erstaunen die Klarheit seines Geistes nicht minder bewahrt als die Lebendigkeit seines Körpers. Dem allem setzte er die Krone auf während der Beratung, die wir nach unserer Rückkehr abhielten. Die Schmuggler hatten den Junker zweifellos mit sich genommen, während wir noch Vermutungen ausgeliefert waren, ob er tot oder lebendig war. Der Regen mußte lange vor Tagesanbruch alle Spuren verwischen, und daraus wollten wir Vorteil ziehen. Der Junker war unerwartet nach Einbruch der Nacht erschienen: man mußte nun verbreiten, daß er ebenso unvermittelt vor Tagesanbruch abgereist sei, und um das glaubhaft zu machen, blieb mir nichts weiter übrig, als in das Schlafzimmer des jungen Mannes hinaufzusteigen und sein Gepäck zusammenzuschnüren und zu verbergen. Allerdings waren wir angewiesen auf das Stillschweigen der Schmuggler, aber das war eine unabwendbare Schwäche unserer Situation.

Ich hörte dem Lord, wie ich schon sagte, mit Bewunderung zu, und beeilte mich zu gehorchen. Mr. und Mrs. Henry hatten die Halle verlassen, der Lord eilte um der Wärme willen zu seinem Bett zurück, unter der Dienerschaft war noch immer keine Bewegung, und als ich die Turmstufen hinaufging und das Zimmer des toten Mannes betrat, lag auf meiner Seele der Schrecken der Einsamkeit. Zu meinem höchsten Erstaunen war alles in Unordnung wie vor einer Abreise. Von den drei Koffern waren zwei bereits verschlossen; der dritte lag offen und fast voll da. Sofort tauchte in mir ein Verdacht auf. Der Mensch wollte also wirklich fortreisen, er hatte nur auf Crail gewartet, wie Crail auf Wind. Gegen Abend hatten die Seeleute einen Wetterumschlag bemerkt, das Boot war gekommen, um diese Wetteränderung zu melden und den Passagier an Bord zu rufen, und die Mannschaft des Bootes war über den Körper gestolpert, der dort in seinem Blute lag. Und noch mehr steckte dahinter. Diese wohlvorbereitete Abreise warf einiges Licht auf die sonst unbegreifliche Beleidigung, die er in der letzten Nacht ausgestoßen hatte: es war ein Abschiedsschuß, der Haß brauchte durch Überlegungen nicht mehr eingedämmt zu werden. Und was die Natur dieser Beleidigung und das Benehmen von Mrs. Henry betraf, so deutete alles auf eine Schlußfolgerung, deren Richtigkeit ich nicht feststellen konnte und auch bis zum Jüngsten Gericht nicht feststellen kann: die Schlußfolgerung, daß er sich schließlich vergessen hatte, in seinen Annäherungen zu weit gegangen und zurückgewiesen war. Die Wahrheit dieser Vermutung kann nicht erwiesen werden, wie ich sagte, aber als ich an jenem Morgen angesichts der Gepäckstücke darüber nachdachte, war mir dieser Gedanke süß wie Honig.

In den offenen Koffer griff ich ein wenig hinein, bevor ich ihn schloß. Ich bemerkte mit sehr gemischten Gefühlen die schönsten Spitzen und Tücher, viele Anzüge aus feinen und einfachen Stoffen, in denen er zu erscheinen beliebte, einige Bücher, und zwar vorzügliche, Cäsars Denkwürdigkeiten, einen Band von Hobbes, die Henriade von Voltaire, ein Buch über Indien und eins über Mathematik, das weit über meine eigenen Kenntnisse hinausging. Aber in diesem offenen Koffer fanden sich keinerlei Schriften. Das machte mich nachdenklich. Es war möglich, daß dieser Mensch tot war, aber nicht wahrscheinlich, da die Händler ihn fortgeschafft hatten. Es war möglich, daß er noch an seiner Verwundung starb, aber es war auch denkbar, daß er weiter lebte. Und für diesen Fall war ich entschlossen, Verteidigungsmaterial zu sammeln.

Ich trug seine Koffer einen nach dem anderen in eine Dachkammer ganz oben im Hause, die wir geschlossen hielten. Dann ging ich auf mein Zimmer, um die Schlüssel zu holen, und als ich zur Dachkammer zurückkehrte, hatte ich die Genugtuung, daß zwei recht gut paßten. In einem der Koffer war eine Briefkassette aus Chagrinleder, die ich mit meinem Taschenmesser aufschnitt, und von jetzt an – soweit man es übersehen konnte – war der Mensch mir ausgeliefert. Es fanden sich hier eine große Anzahl galanter Briefe, hauptsächlich aus seinen Pariser Tagen, und, was wichtiger war, hier waren die Abschriften seiner eigenen Berichte an den englischen Staatssekretär und die Originalantworten des Staatssekretärs: eine durchaus vernichtende Sammlung, deren Veröffentlichung die Ehre des Junkers zugrunde richten und einen Preis für seinen Kopf herausfordern mußte.

Ich kicherte in mich hinein, als ich die Dokumente überflog, ich rieb mir die Hände und sang in meinem Entzücken mit lauter Stimme. Das Tageslicht fand mich noch immer bei dieser angenehmen Beschäftigung, und auch dann ließ mein Eifer nicht nach, nur trat ich einmal ans Fenster, blickte einen Augenblick hinaus und sah, daß der Frost verschwunden war. Die Welt war wieder schwarz, Wind und Regen jagten über die Bucht, und ich versicherte mich, daß der Kutter seinen Ankerplatz verlassen hatte und der Junker jetzt tot oder lebendig auf der Irischen See schaukelte.

An dieser Stelle ist es angebracht, das wenige mitzuteilen, was ich nachträglich über die Ereignisse jener Nacht noch herausgefunden habe. Es nahm eine lange Zeit in Anspruch, alles zu sammeln, denn wir fürchteten uns, öffentlich nachzufragen, und die Schmuggler betrachteten mich mit Feindseligkeit, wenn nicht mit Rachegefühlen. Erst nach sechs Monaten wußten wir genau, daß der Mensch noch lebte, und erst Jahre später erfuhr ich von einem der Leute Crails, der sich mit seinem Verbrecherlohn ein Wirtshaus gekauft hatte, einige Einzelheiten, die mir nach Wahrheit zu riechen schienen. Es scheint, daß die Schmuggler den Junker auffanden, als er sich mühsam auf einen Ellbogen aufgerichtet hatte und wie ein Irrer bald um sich starrte, bald die Kerze oder seine blutüberströmte Hand anschaute. Als sie herankamen, scheint er die Besinnung wieder erlangt zu haben. Er bat sie, ihn an Bord zu tragen und den Mund zu halten. Als der Kapitän fragte, wie er in diese mißliche Lage gekommen sei, brach er in wütende Flüche aus und fiel gleich darauf in Ohnmacht. Sie hielten eine Beratung ab, aber da sie in allernächster Zeit Wind erwarteten und hoch dafür bezahlt wurden, falls sie ihn nach Frankreich durchschmuggelten, wollten sie die Abreise nicht verzögern. Außerdem war er bei diesen verächtlichen Kreaturen ziemlich beliebt. Sie waren der Meinung, er sei zum Tode verurteilt und wußten nicht, welch unglücklichen Umständen er seine Wunde verdankte, und so hielten sie es für eine gute Tat, ihn aus der Gefahrenzone herauszuschaffen. Er wurde an Bord getragen, erholte sich auf der Überfahrt und wurde in Havre de Grace als Rekonvaleszent ans Land gesetzt. Wirklich bemerkenswert ist es, daß er zu keinem ein Wort äußerte über das Duell, und bis heute weiß keiner der Händler, in welchem Streit und durch wessen Hand er fiel. Bei jedem anderen Menschen würde ich das dem natürlichen Schamgefühl zuschreiben, bei ihm jedoch dem Stolz. Er konnte es nicht ertragen zuzugestehen, vielleicht nicht einmal sich selbst, daß er niedergeschlagen worden war von jemand, den er so schwer beleidigt und so grausam verachtet hatte.

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