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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 5
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
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Viertes Kapitel

Die Verfolgungen, die Mr. Henry erdulden mußte

Man kann sich vorstellen, bei welchen seiner Abenteuer der Oberst besonders lange verweilte. In der Tat, wenn wir damals alles erfahren hätten, wäre der Lauf des Geschickes wahrscheinlich ein ganz anderer geworden. Das Piratenschiff wurde nur nebenbei erwähnt, und ich hörte den Oberst nicht einmal das zu Ende berichten, was er bereit war mitzuteilen, denn schließlich erhob sich Mr. Henry, der eine Zeitlang in tiefem Nachdenken dagesessen hatte, von seinem Stuhl, entschuldigte sich bei dem Oberst, daß er Geschäfte habe, und bat mich, ihm zur Amtsstube zu folgen.

Als wir dort anlangten, versuchte er nicht länger, seine Bestürzung zu verbergen, ging mit verzerrtem Gesicht in dem Zimmer auf und ab und legte seine Hand wiederholt auf die Stirn.

»Wir müssen handeln«, begann er schließlich, und dann unterbrach er sich und erklärte, wir müßten Wein haben und ließ einen Liter vom besten heraufholen. Das widersprach völlig seiner sonstigen Gewohnheit, um so mehr, als er, sobald der Wein gebracht wurde, ein Glas nach dem anderen hinunterstürzte wie jemand, der keine Erziehung genossen hat. Aber durch das Trinken gewann er seine Haltung zurück.

»Sie werden kaum überrascht sein, Mackellar«, sagte er, »wenn ich Ihnen mitteile, daß mein Bruder, über dessen Wohlbefinden wir uns alle freuen, einiges Geld braucht.«

Ich antwortete, daß ich das bereits geargwöhnt habe, aber die Zeit sei wenig günstig, da Börsenwerte niedrig notierten.

»Die meinen nicht«, sagte er. »Und da ist doch das Geld zur Ablösung der Hypothek.«

Ich erinnerte ihn daran, daß es Mrs. Henry gehöre.

»Ich werde meiner Frau dafür bürgen«, rief er heftig aus.

»Aber dann«, sagte ich, »bleibt die Hypothek bestehen.«

»Ich weiß es«, antwortete er, »darüber wollte ich mit Ihnen zu Rate gehen.«

Ich wies ihm nach, wie ungünstig der Zeitpunkt sei, dies Geld seiner Bestimmung zu entziehen, und daß wir alle Vorteile unserer Sparsamkeit auf diese Weise einbüßen und die Besitzungen ihrem früheren schlechten Zustande wieder ausliefern müßten. Ich nahm mir sogar die Freiheit, mit ihm zu streiten, und als er mir immer noch kopfschüttelnd und mit bitterer, verbissener Miene widersprach, ließ mich der Eifer meine Stellung ganz vergessen. »Das ist eine Hundstagsverrücktheit!« rief ich aus, »ich will jedenfalls nichts damit zu tun haben.«

»Sie reden, als ob es für mich ein Vergnügen sei«, sagte er, »aber ich besitze jetzt ein Kind, und außerdem liebe ich die Ordnung. Um die Wahrheit ehrlich zu gestehen, Mackellar, war ich sehr stolz auf die Güter.« Er sann einen Augenblick nach. »Aber was wollen Sie?« fuhr er fort, »nichts gehört mir, nichts. Die Nachrichten, die uns heute zugingen, haben meiner Existenz den Boden entzogen. Ich besitze wohl den Namen und schattenhafte Dinge – nur Schatten –, aber meine Rechtsansprüche haben keine Geltung.«

»Vor Gericht werden sie genug Geltung haben«, sagte ich.

Er sah mich mit brennenden Augen an und schien die Worte im Munde zurückzuhalten. Ich bereute, was ich gesagt hatte, denn ich sah, daß er, als er von dem Besitz sprach, im Innern auch an seine Ehe dachte; und dann riß er plötzlich den Brief aus seiner Tasche, der ganz zerknittert war, glättete ihn mit heftiger Bewegung auf dem Tisch und las mir mit zitternder Stimme folgende Worte vor:

»Mein teurer Jakob«, so begann er, »mein teurer Jakob, einst nannte ich dich so, wie du dich erinnern wirst, und jetzt hast du das Geschäft gemacht und meine Fersen hoch in den Himmel geschleudert.«

»Was denken Sie davon, Mackellar«, sagte er, »das von dem einzigen Bruder? Ich schwöre bei Gott, daß ich ihn sehr gern hatte, ich war immer ehrlich gegen ihn, und nun schreibt er mir so! Aber ich will mich unter dieser Verleumdung nicht beugen« – er ging auf und ab –, »ich bin so gut wie er, ich bin besser als er, ich bitte zu Gott, es offenbar zu machen! Ich kann ihm die ganze ungeheure Summe nicht geben, die er verlangt, er weiß, daß die Güter das nicht tragen, aber ich werde ihm das geben, was ich habe, und es ist mehr, als er erwartet. Ich habe alles dies zu lange ertragen. Sehen Sie, was er weiter schreibt, lesen Sie es selbst: ›Ich weiß, Du bist ein geiziger Hund.‹ Ein geiziger Hund! Ich geizig? Ist das wahr, Mackellar? Glauben Sie das auch?«

Ich vermutete wirklich, er wollte mich in diesem Augenblick schlagen. »Oh, ihr denkt alle so! Nun, ihr werdet sehen, und er wird sehen, und Gott wird sehen. Wenn ich den Besitz ruiniere und barfuß gehen soll, ich werde diesem Blutsauger den Mund stopfen. Soll er alles verlangen, alles, er soll es bekommen! Er ist in seinem Recht. Ah!« schrie er, »ich sah das alles voraus und schlimmeres, als er mich damals nicht ziehen lassen wollte.«

Er schenkte sich wieder ein Glas Wein ein und wollte es an die Lippen führen, als ich kühn genug war, ihm die Finger auf den Arm zu legen. Er hielt einen Augenblick inne. »Sie haben recht«, sagte er und schleuderte das Glas mit dem Wein in den Kamin. »Kommen Sie, wir wollen das Geld abzählen.«

Ich wagte nicht länger zu widersprechen und war aufs höchste erschüttert angesichts der Fassungslosigkeit eines Mannes, der sich gewöhnlich so in der Gewalt hatte. Wir setzten uns zusammen nieder, zählten das Geld und machten Päckchen, damit Oberst Burke, der es überbringen sollte, bequemer zu tragen hätte. Darauf kehrte Mr. Henry zur Halle zurück, wo er und der alte Lord die ganze Nacht mit ihrem Gast verweilten.

Kurz vor der Morgendämmerung rief man mich, und ich machte mich mit dem Oberst auf den Weg. Er würde sich schwerlich mit einem weniger verantwortungsvollen Begleiter begnügt haben, denn er war ein Mann, der Achtung verlangte. Andererseits konnten wir ihm auch keinen würdigeren Begleiter mitgeben, weil Mr. Henry nicht mit den Schmugglern zusammen gesehen werden durfte. Es war bitter kalt und windig an diesem Morgen, und als wir durch das langgestreckte Gehölz gingen, wickelte sich der Oberst in seinen Mantel.

»Mein Herr«, sagte ich, »Ihr Freund verlangt eine sehr große Summe Geldes. Ich muß annehmen, daß seine Bedürfnisse sehr groß sind.«

»Wir müssen es annehmen«, sagte er trocken, wie mir schien, aber vielleicht hörte es sich nur so an, weil er den Mantel über den Mund geschlagen hatte.

»Ich bin nur ein Diener der Familie«, sagte ich, »Sie können offen zu mir sprechen. Ich fürchte, wir haben wenig Gutes von ihm zu erwarten!«

»Verehrter Herr«, sagte der Oberst, »Ballantrae ist ein Edelmann von höchst bedeutsamen, natürlichen Gaben, ein Mann, den ich bewundere und den ich verehre, ich ehre sogar den Boden, auf dem er steht.« Und dann schwieg er eine Weile, als ob er verlegen sei.

»Aber trotzdem«, sagte ich, »werden wir wahrscheinlich wenig Gutes von ihm erfahren!«

»Gewiß«, antwortete der Oberst, »aber machen Sie Ihren eigenen Vers darauf, verehrter Herr.«

Wir waren inzwischen bei der Bucht angelangt, an deren Ufer das Boot auf ihn wartete. »Nun«, sagte er, »ich bin Ihnen ohne Zweifel sehr verpflichtet für Ihre große Liebenswürdigkeit, Herr Soundso, und zu guter Letzt will ich Ihnen gegenüber, der Sie mir soviel wohlwollendes Interesse entgegengebracht haben, einen kleinen Umstand erwähnen, der Ihrer Familie von Nutzen sein kann. Denn ich glaube, mein Freund vergaß zu erwähnen, daß er die höchste Pension bezieht aus dem schottischen Flüchtlingsfonds in Paris, und das ist um so schändlicher, mein Herr«, rief der Oberst bewegter aus, »weil für mich kein lausiger Pfennig vorhanden ist.«

Er schwang seinen Hut gegen mich, als ob ich schuld sei an dieser Parteilichkeit, aber dann wurde er wieder bezaubernd höflich, schüttelte mir die Hand und ging hinunter zum Boot, das Geld unter dem Arm. Er pfiff dabei das pathetische Lied aus Shule Aron. Ich hörte die Melodie damals zum ersten Male, aber später hörte ich sie wieder mitsamt den Worten, wie man erfahren wird. Ich erinnere mich deutlich, wie die kurze Strophe in meinem Gehirn haften blieb, als die Schmuggler ihm zugerufen hatten: »Rasch, in des Teufels Namen!« und das Klatschen der Ruder das Lied unterbrach. Ich stand da und beobachtete, wie die Morgendämmerung über dem Meere heraufkroch, das Boot sich langsam entfernte und drüben der Kutter mit gerefften Focksegeln dalag, der es erwartete.

Das Loch, das in unsern Geldbeutel gerissen war, war schwer zu stopfen und hatte unter anderem die Folge, daß ich nach Edinburgh reiten und unter sehr ungünstigen Bedingungen eine neue Anleihe aufnehmen mußte, um den Verpflichtungen aus der alten nachkommen zu können, und so war ich nahezu drei Wochen von Durrisdeer abwesend.

Was in der Zwischenzeit geschehen war, erzählte mir niemand. Aber ich stellte bei meiner Rückkehr fest, daß Mrs. Henry ihr Verhalten sehr geändert hatte. Die früheren Unterhaltungen mit dem Lord unterblieben meistens, es machte sich deutlich bemerkbar, daß sie ihrem Gatten etwas abbitten wollte, und nach meiner Beobachtung richtete sie jetzt öfter das Wort an ihn. Auf alle Fälle war sie nun gegen die kleine Katharine sehr zärtlich. Man möchte denken, daß dieser Wechsel Mr. Henry angenehm war, aber das war keineswegs der Fall. Im Gegenteil, jede Änderung in ihrem Verhalten war ein Dolchstoß für ihn, er erblickte in allem ein Zugeständnis trügerischer Launen. Die Treue gegen den Junker, auf die sie stolz war, solange sie ihn tot glaubte, machte sie jetzt erröten, da sie wußte, daß er noch lebte. Und diese Beschämung war der Grund für den Umschwung ihres Benehmens, den er verachtete. Ich will die Wahrheit nicht bemänteln und offen gestehen, daß die Haltung Mr. Henrys in dieser Zeit mir als sehr unwürdig vorkam. Nach außen beherrschte er sich allerdings, aber unter der Oberfläche konnte man eine tiefe Verstimmung wahrnehmen. Mir gegenüber, auf den er weniger Rücksicht nahm, war er oft höchst ungerecht. Und selbst seine Frau wies er manchmal scharf zurecht, wenn sie ihn vielleicht durch Liebenswürdigkeiten reizte, die er nicht wünschte; aber auch ohne sichtbaren Grund kam seine dauernd schlechte Laune unwillkürlich zum Durchbruch. Vergaß er sich auf diese Weise, was durchaus in Widerspruch stand zu ihrem sonstigen gegenseitigen Verhältnis, so ging ein Erschrecken durch die ganze Gesellschaft, und die Augen des Paares begegneten sich in peinvollem Erstaunen.

Während er sich selbst in dieser Zeit unrecht tat durch Mangel an Beherrschung, untergrub er seine wirtschaftlichen Verhältnisse durch hartnäckiges Schweigen, von dem ich nicht weiß, ob ich es als Folge seiner Freigebigkeit oder seines Stolzes bezeichnen soll. Immer wieder kamen die Schmuggler, brachten Briefe vom Junker, und keiner ging mit leeren Händen fort. Ich durfte nie mit Mr. Henry darüber rechten, er gab mit einer Art vornehmen Zorns, was man von ihm verlangte. Vielleicht weil er von Natur dazu neigte, Sparsamkeit zu üben, bereitete ihm die Rücksichtslosigkeit gegen sich selbst, mit der er die Verschwendungssucht seines Bruders befriedigte, einen aufpeitschenden Genuß. Die Fragwürdigkeit seiner Lage würde vielleicht auch einen weniger bedeutenden Menschen zu solchen Exzessen getrieben haben, Aber die Güter (wenn ich mich so ausdrücken darf) seufzten darunter, unsere täglichen Ausgaben wurden immer mehr beschnitten, die Ställe leerten sich bis auf vier Gebrauchspferde, Bedienstete wurden entlassen, was entsetzlichen Unwillen im Lande erregte und die alte Mißgunst gegen Mr. Henry wieder aufflammen ließ, und schließlich mußte der Besuch, den man Edinburgh jährlich abstattete, unterbleiben.

Das war im Jahre 1756. Man muß bedenken, daß jener Blutsauger sieben Jahre hindurch das Herzblut von Durrisdeer getrunken hatte, und daß mein Herr die ganze Zeit hindurch seine Ruhe bewahrte. Teuflische Bosheit veranlagte den Junker, sich mit seinen Bitten stets allein an Mr. Henry zu wenden und nie an den Lord heranzutreten. Die Familie hatte verwundert unsere Einschränkungen wahrgenommen. Ich bezweifle nicht, daß sie sich beklagt hatte, mein Brotgeber sei ein großer Geizhals geworden, ein Übel, das immer verächtlich, bei einem so jungen Menschen aber abschreckend wirkt, und Mr. Henry war damals noch nicht dreißig Jahre alt. Jedoch hatte er die geschäftlichen Angelegenheiten von Durrisdeer beinahe von Kindesbeinen an geführt, und alle ertrugen den Wandel der Dinge mit einem Stillschweigen, das ebenso stolz und bitter wie das seine war, bis der Stein des Anstoßes kam, die Reise nach Edinburgh.

Zu jener Zeit war mein Herr mit seiner Gemahlin selten zusammen, außer bei den Mahlzeiten. Gleich nach den Eröffnungen von Oberst Burke machte Mrs. Henry deutlich wahrnehmbare Annäherungsversuche. Man könnte sagen, daß sie ihren Gatten ein wenig hofierte und sich ganz anders benahm als früher in ihrer Gleichgültigkeit und Kälte. Ich fand niemals den Mut, Mr. Henry zu tadeln, weil er diese Annäherungen abwies, noch auch seine Frau, weil sie durch diese Zurückweisung tief verletzt wurde. Der Erfolg war jedoch eine völlige Entfremdung, so daß sie, wie ich schon sagte, selten zusammen sprachen, ausgenommen bei den Mahlzeiten. Selbst die Angelegenheit der Reise nach Edinburgh wurde zuerst bei Tisch beredet, und der Zufall wollte, daß Mrs. Henry an jenem Tage leidend und zänkisch war. Kaum begriff sie die Weigerung ihres Gemahls, als ihr Röte ins Gesicht stieg.

»Das ist zuviel!« rief sie aus, »der Himmel weiß, wie wenig Vergnügen ich in meinem Leben habe, und jetzt soll mir mein einziger Trost verweigert werden. Diese schmachvollen Neigungen müssen unterdrückt werden, schon jetzt weist man in der Nachbarschaft mit Fingern auf uns. Ich werde diese neue Unsinnigkeit nicht hinnehmen.«

»Ich kann die Reise nicht erschwingen«, sagte Mr. Henry.

»Erschwingen?« rief sie aus. »Eine Schande! Aber ich besitze selbst Geld.«

»Alles gehört mir, gnädige Frau, durch den Heiratskontrakt«, knurrte er und verließ sofort den Raum.

Der alte Lord warf die Hände zum Himmel, und er und seine Tochter zogen sich zum Kamin zurück und gaben mir deutlich zu verstehen, daß ich gehen möge. Ich fand Mr. Henry in seinem gewöhnlichen Zufluchtsort, dem Verwalterzimmer, er hockte am Ende des Tisches und stieß sein Taschenmesser in sehr übler Laune in die Platte.

»Mr. Henry«, sagte ich, »Sie tun sich selbst unrecht, und es ist Zeit, daß das aufhört.«

»Ach«, rief er, »niemand kümmert sich hier darum, sie halten das alle für natürlich. Ich habe schändliche Neigungen, ich bin ein geiziger Hund«, und er stieß das Messer bis zum Heft in den Tisch, »aber ich werde diesem Burschen zeigen«, rief er unter Flüchen aus, »ich werde ihm zeigen, wer großherziger ist!«

»Das ist keine Großherzigkeit«, sagte ich, »das ist nur Stolz.«

»Meinen Sie, daß ich moralische Belehrungen wünsche?« fragte er.

Ich glaubte, daß er Hilfe brauche, und die wollte ich ihm verschaffen, auch gegen seinen Willen, und kaum hatte Mrs. Henry ihr Zimmer aufgesucht, als ich zur Tür ging und um Einlaß bat.

Sie war sichtlich erstaunt. »Was wollen Sie von mir, Mr. Mackellar?« fragte sie.

»Gott weiß, gnädige Frau«, sagte ich, »daß ich mir niemals eine Freiheit Ihnen gegenüber herausgenommen habe, aber diese Angelegenheit lastet schwer auf meinem Gewissen und muß heraus. Ist es möglich, daß zwei Menschen so blind sind wie Sie und der alte Lord? Sie haben alle diese Jahre mit einem so edlen Menschen wie Mr. Henry zusammengelebt und verstehen doch seine Natur so wenig?«

»Was soll das heißen?« rief sie aus.

»Wissen Sie nicht, wohin das Geld geht, sein und Ihr Geld und selbst das Geld für den Wein, den er jetzt bei Tisch nicht mehr trinkt?« fuhr ich fort. »Nach Paris, zu jenem Menschen! Achttausend Pfund Sterling hat er in sieben Jahren aus uns herausgeholt, und mein Herr ist töricht genug, es zu verschweigen!«

»Achttausend Pfund Sterling!« wiederholte sie, »das ist unmöglich, der ganze Besitz gibt das nicht her.«

»Gott weiß, wie wir jeden Pfennig zusammengekratzt haben, um die Summe aufzubringen«, sagte ich, »aber sie beträgt achttausendundsechzig Pfund, abgesehen von einigen Schillingen. Und wenn Sie meinen Herrn jetzt noch für geizig halten, so will ich mich zum letzten Male eingemischt haben.«

»Sie brauchen mir nichts mehr zu sagen, Mr. Mackellar«, antwortete sie. »Was Sie Einmischung nennen in allzu bescheidener Weise, ist durchaus richtig gewesen. Ich verdiene scharfen Tadel, Sie müssen mich für eine sehr unachtsame Frau halten«, und sie lächelte mich sonderbar an, »aber ich werde das sofort in Ordnung bringen. Der Junker war immer unbedachtsam, aber sein Herz ist ausgezeichnet, er ist eine Seele von Edelherzigkeit. Ich werde ihm selbst schreiben. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr mich Ihre Mitteilung schmerzt.«

»Ich hatte allerdings gehofft, gnädige Frau, Ihnen Freude zu bereiten«, sagte ich, denn ich war zornig darüber, daß sie immer noch an den Junker dachte.

»Auch Freude«, sagte sie, »selbstverständlich auch Freude.«

Am gleichen Tage – ich will nur erzählen, was ich selbst beobachtete – hatte ich die Genugtuung, Mr. Henry ganz verwandelt aus dem Zimmer seiner Frau kommen zu sehen. Sein Gesicht war vom Weinen geschwollen, und doch schien er wie auf Wolken zu wandern. Ich entnahm daraus, daß seine Frau ihm volle Genugtuung gegeben hatte. »Aha«, dachte ich bei mir selbst, »heute habe ich einen guten Streich gemacht.«

Am andern Morgen saß ich über meinen Büchern, als Mr. Henry leise von hinten auf mich zutrat, meine Schultern ergriff und mich in heiterer Laune schüttelte. »Ich stelle fest, daß Sie letzten Endes doch ein treuloser Geselle sind«, sagte er. Es war die einzige Erwähnung meiner Tat mir gegenüber, doch der Ton, in dem er das sagte, war mehr für mich als eine lange Dankesrede. Aber das war nicht alles, was ich vollbracht hatte, denn als der nächste Bote kam, was nicht viel später geschah, nahm er nur einen Brief für den Junker wieder mit. In der letzten Zeit hatte ich die Schreibereien selbst erledigt, Mr. Henry setzte die Feder nicht aufs Papier, und ich schrieb nur trockene und formale Worte. Aber diesen Brief bekam ich nicht einmal zu lesen. Er war kaum sehr erfreulich, denn Mr. Henry fühlte, daß er jetzt seine Frau hinter sich hatte, und ich konnte beobachten, daß er an dem Absendetage sehr heiter dreinblickte.

Alles verlief nun glatter in der Familie, obgleich man kaum behaupten kann, daß es gut ging. Jedenfalls herrschte jetzt kein Mißverständnis mehr, alle waren liebenswürdig gegeneinander, und ich glaube, mein Herr und seine Frau hätten sich wieder ganz finden können, wenn er seinen Stolz überwunden und sie die Gedanken an den anderen Mann aufgegeben hätte, der Hauptgrund alles Übels. Es ist sonderbar, wie geheime Gedanken sich bemerkbar machen, und es erscheint mir jetzt wie ein Wunder, daß wir alle das Spiel ihrer Gefühle verfolgen konnten. Obgleich sie sich sehr ruhig benahm und keine Launen zeigte, konnten wir doch feststellen, wann ihre Gedanken in Paris weilten. Und sollte man nicht annehmen, daß meine Eröffnungen dies Götzenbild zu Fall gebracht hätten? Ich glaube, die Frauen haben den Teufel im Leibe. Viele Jahre waren verflossen, der Mann hatte sich nicht blicken lassen, sie konnte sich an wenig Zärtlichkeiten erinnern aus der Zeit, da sie ihn noch besaß. Dann kam die Nachricht von seinem Tode, und jetzt war ihr seine herzlose Habgier bekannt. Aber alles das änderte nichts, auch jetzt noch mußte sie den ersten Platz in ihrem Herzen für diesen verfluchten Burschen frei halten, eine Tatsache, die einen einfachen Mann in Wut versetzen konnte. Ich besaß nie große natürliche Sympathie für die Leidenschaft der Liebe, aber diese Unvernunft des Weibes meines Herrn verleidete mir die ganze Sache aufs äußerste. Ich erinnere mich, daß ich eine Magd ausschalt, weil sie ein kindisches Liebesgeplärr sang, während mein Geist über diese Dinge nachdachte, und meine Grobheit trug mir die Feindseligkeit aller Unterröcke unseres Hauses ein. Das kränkte mich wenig, aber es belustigte Mr. Henry, der mich mit unserer gemeinsamen Unbeliebtheit aufzog. Es ist sonderbar genug: meine eigene Mutter gehörte sicher zum Salz der Erde, und meine Tante Dickson, die meine Universitätsstudien bezahlte, war eine sehr achtenswerte Dame, aber ich habe für das weibliche Geschlecht nie viel übrig und möglicherweise auch wenig Verständnis gehabt, und da ich alles andere als ein kühner Mann bin, habe ich ihre Gesellschaft immer gemieden. Nicht nur, daß ich keine Ursache sehe, diese Zurückhaltung meinerseits zu bedauern, ich habe auch stets die unglücklichsten Folgen bei denen bemerkt, die weniger weise waren. Soviel glaubte ich sagen zu müssen, um Mrs. Henry gegenüber nicht ungerecht zu erscheinen. Und außerdem ergab sich diese Bemerkung ganz natürlich beim Wiederlesen des Briefes, der die nächste Entwicklung in diesen Angelegenheiten darstellt und der mich zu meinem aufrichtigen Erstaunen etwa einige Wochen nach der Abreise des letzten Boten durch private Vermittlung erreichte.

 

Brief von Oberst Burke (nachmals Chevalier) an Mr. Mackellar.

Troyes in der Champagne, 12. Juli 1756

Sehr geehrter Herr!

Sie werden zweifellos erstaunt sein, von jemand ein Schreiben zu erhalten, den Sie so wenig kennen, aber als ich das Glück hatte, Ihnen auf Durrisdeer zu begegnen, bemerkte ich, daß Sie ein junger Mann von ernsthaftem Charakter sind, eine Eigenschaft, die ich offen gestanden fast ebenso hoch schätze wie angeborenes Genie oder den tapferen oder ritterlichen Geist der Soldaten. Außerdem nahm ich Interesse an der edlen Familie, der zu dienen Sie die Ehre haben oder, um es gelehrter auszudrücken, deren ergebener und hochgeschätzter Freund Sie sind. Noch heute erinnere ich mich lebhaft an ein Gespräch, das ich in der Frühe des Morgens mit Ihnen zu führen das Vergnügen hatte.

Als ich neulich in Paris war, auf Besuch von dieser berühmten Stadt aus, wo ich in Garnison liege, nahm ich Gelegenheit, Ihren Namen, den ich, wie ich bekenne, vergessen hatte, von meinem Freunde, dem Junker von B., in Erfahrung zu bringen, und ich benutze eine günstige Gelegenheit, Ihnen Neuigkeiten mitzuteilen.

Der Junker von B. erhielt, als wir zuletzt über ihn sprachen, eine höchst ansehnliche Rente aus dem Schottenfonds, wie ich Ihnen wohl erzählte. Bald darauf erhielt er eine Kompanie und nicht lange danach ein eigenes Regiment. Verehrter Herr, ich gebe mir nicht die Mühe, diese Tatsachen zu erklären, ebensowenig, warum ich selbst, der ich zur rechten Hand vom Prinzen geritten bin, mit einigen Orden abgespeist und in ein Provinznest verschickt wurde, um dort zu verkommen. Ich kenne die Höfe und fühle deutlich, daß sie keine Atmosphäre sind für einen einfachen Soldaten. Ich konnte nie hoffen, auf ähnlichem Wege emporzukommen und vermochte mich nie zu einem Versuch dieser Art zu entschließen. Aber unser Freund hat eine besondere Begabung, durch Vermittlung von Damen Erfolge zu erzielen, und wenn alles wahr ist, was ich vernommen habe, so erfreute er sich besonderer Protektion. Wahrscheinlich schlug dieser Umstand zu seinen Ungunsten aus, denn als ich die Ehre hatte, ihm die Hand zu drücken, war er soeben aus der Festung befreit worden, wohin man ihn auf Grund eines Geheimbefehls gebracht hatte, und obgleich er jetzt frei ist, hat er doch sein Regiment und seine Rente verloren. Verehrter Herr, die Treue eines ehrlichen Irländers wird schließlich über alle Ränke siegen, wie ohne Zweifel ein Gentleman von Ihrer Unantastbarkeit zugeben muß.

Nun, mein Herr, ist der Junker ein Mann, dessen Genie ich über alle Maßen bewundere, und außerdem ist er mein Freund. Deshalb dachte ich, ein paar Zeilen über den Umsturz seiner Verhältnisse könnten willkommen sein, denn nach meiner Meinung ist der Mann in Verzweiflung. Er sprach, als ich ihn besuchte, von einer Reise nach Indien, wohin auch ich die Hoffnung habe, meinen berühmten Landsmann Mr. Lally begleiten zu dürfen, aber zu diesem Zweck braucht er, soweit ich unterrichtet bin, mehr Geld, als ihm augenblicklich zur Verfügung steht. Sie kennen vielleicht das militärische Sprichwort, daß man dem fliehenden Feinde goldene Brücken bauen soll. Ich nehme an, daß Sie mich verstehen und zeichne mit ergebenen Empfehlungen an Lord Durrisdeer, seinen Sohn und die schöne Mrs. Durie

als Ihr ergebener Diener

Francis Burke.

*

Diesen Brief trug ich sofort zu Mr. Henry, und ich glaube, wir hatten beide denselben Gedanken, daß der Brief eine Woche zu spät gekommen sei. Ich sandte eiligst eine Antwort an Oberst Burke und bat ihn, den Junker zu versichern, wenn er ihn träfe, daß sein nächster Bote gut aufgenommen werden würde. Aber trotz aller Eile konnte ich die Geschehnisse, die herannahten, nicht abwenden. Der Pfeil war abgeschossen, er mußte jetzt fliegen. Fast möchte man die Macht der Vorsehung und den Willen des Höchsten, das Rad des Schicksals aufzuhalten, anzweifeln, und es ist ein sonderbarer Gedanke, daß die meisten von uns die Katastrophe lange Zeit hindurch selbst vorbereitet hatten, in blinder Unkenntnis dessen, was wir taten.

Seit der Brief des Oberst Burke eingetroffen war, hatte ich ein Fernrohr auf meinem Zimmer. Ich begann die Pächter auszuforschen, und da man kein großes Geheimnis daraus machte und der Schmuggel in unserer Gegend nicht nur heimlich, sondern auch mit Waffengewalt betrieben wurde, hatte ich bald eine genaue Kenntnis der Signale und wußte ziemlich sicher, wann ein Bote erwartet wurde. Ich sagte, daß ich die Pächter befragte, denn ich konnte mich nie entschließen, mich mit den Schmugglern selbst, diesen verwegenen Haudegen, die stets bewaffnet gingen, freiwillig einzulassen. Ich war sogar, was sich in der Zukunft als recht ungünstig erwies, ein Gegenstand der Verachtung für manche dieser Messerhelden, die mich nicht nur mit einem Spitznamen versahen, sondern mich eines Nachts auf einem Feldweg erwischten und mich zu ihrer Erheiterung tanzen ließen, da sie, wie sie es ausdrückten, guter Laune waren. Die Methode, die sie dabei anwandten, war grausam genug; sie warfen mit blanken Messern nach meinen Zehen und schrien dabei: »Plattfuß!«, und obgleich sie mir kein Leid antaten, ging mir die Sache doch sehr nahe, und ich war gezwungen, mehrere Tage das Bett zu hüten: ein Skandal auf schottischem Boden, für den jeder Kommentar überflüssig ist.

Am Nachmittag des siebenten November dieses unglücklichen Jahres erspähte ich während eines Spazierganges den Hauch eines Leuchtfeuers auf dem Muckle Roß. Es war eigentlich höchste Zeit für mich zurückzukehren, aber die Unruhe meines Geistes war an jenem Tage so groß, daß ich mich durch das Dickicht hindurchzwängen mußte, bis zur Ecke von Craig Head, wie man ein Riff nennt. Die Sonne war schon untergegangen, aber im Westen war noch ein breiter Lichtstreif, der mir einige Schmuggler zeigte, wie sie das Signalfeuer auf dem Roß austraten. In der Bucht lag der Kutter mit gerefften Segeln. Er war offenbar gerade vor Anker gegangen, und doch war das Boot schon ausgesetzt und strebte dem Landungsplatz am Ende des langen Gehölzes zu. Das konnte nur eins bedeuten: die Ankunft eines Boten für Durrisdeer.

Ich überwand den Rest meiner Furchtsamkeit, kletterte den Felsen hinunter, wohin ich mich nie getraut hatte, und verbarg mich im Gestrüpp am Strande, um das Boot auflaufen zu sehen. Kapitän Crail saß selbst am Steuer, was höchst ungewöhnlich war. Ihm zur Seite saß ein Passagier, und die Mannschaft kam nur langsam vorwärts, weil sie durch nahezu ein halbes Dutzend großer und kleiner Koffer behindert wurde. Aber das Landungsmanöver wurde glatt durchgeführt, und bald war alles Gepäck an Land geworfen, das Boot kehrte zum Kutter zurück, und der Passagier stand allein auf einem Felsblock, die schlanke Gestalt eines Edelmannes, schwarz gekleidet, ein Schwert an der Seite und einen Spazierstock in der Hand. Als er so dastand, winkte er Kapitän Crail mit dem Stock zu, und es war eine Geste von Grazie und Spott zugleich, die sich meinem Gemüt tief einprägte.

Kaum war das Boot mit meinen geschworenen Feinden fort, als ich allen Mut zusammennahm, zum Rande des Dickichts schritt und dort wieder stillstand. Mein Geist schwankte ständig hin und her zwischen verständlichem Mißtrauen und lebhafter Vorahnung der Wahrheit. Ich hätte dort wirklich die ganze Nacht zweifelnd stehen können, hätte sich nicht der Fremde umgedreht, mich im Nebel, der allmählich niedersank, erblickt und mir rufend zugewinkt, näher zu kommen. Ich tat es, mit einem Herzen wie Blei.

»Hier, guter Mann«, sagte er mit englischem Akzent, »hier sind einige Sachen für Durrisdeer.«

Ich war inzwischen nahe genug herangekommen, um ihn sehen zu können: Figur und Haltung sehr ansprechend, schlank, gereckt, das Gesicht braun, das Auge lebhaft, bewegt, dunkel wie das eines Kämpfers und eines Mannes, der gewöhnt ist zu befehlen. Auf einer Backe hatte er eine Narbe, die ihm nicht schlecht stand; ein großer Diamant funkelte an seiner Hand, sein Gewand, obwohl einfarbig, war mit französischer Eleganz zugeschnitten, die Manschetten, länger als gewöhnlich, bestanden aus herrlichen Spitzen, und ich bewunderte seine Erscheinung um so mehr, als er soeben ein schmutziges Schmugglerschiff verlassen hatte. Inzwischen hatte er mich näher betrachtet, musterte mich ein zweites Mal scharf und lächelte dann.

»Ich wette, mein Freund«, sagte er, »daß ich Euren Namen und Euren Spitznamen kenne. Ich schloß sogar auf Eure Kleidung aus Eurer Handschrift, Mr. Mackellar.«

Bei diesen Worten begann ich zu zittern. »Oh«, sagte er, »Sie brauchen sich vor mir nicht zu fürchten, ich nehme Ihnen Ihre häßlichen Briefe nicht übel und habe die Absicht, Sie stark für mich zu beschäftigen. Sie können mich Mr. Bally nennen, das ist der Name, den ich angenommen habe, oder vielmehr – da ich mit jemand spreche, der alles sehr genau nimmt –, wie ich meinen eigenen zurechtgestutzt habe. Kommen Sie jetzt, nehmen Sie das und das« – er zeigte auf zwei der Koffer –, »mehr werden Sie nicht tragen können, und das übrige kann warten. Kommen Sie, verlieren Sie keine Zeit mehr, wenn ich bitten darf.«

Sein Ton war so herausfordernd, daß ich alles tat, was er verlangte, und zwar wie aus einem Instinkt heraus, da mein Geist die ganze Zeit völlig verwirrt war. Kaum hatte ich die Koffer aufgenommen, als er mir den Rücken zudrehte und durch das lange Gehölz davonschritt, wo es schon dunkel zu werden begann, denn der Busch ist dicht und immergrün. Ich folgte ihm, unter meiner Last bis zum Boden gedrückt, obgleich ich, wie ich bekenne, mir meiner Bürde nicht bewußt war. Das Ungeheuerliche dieser Heimkehr hatte mich vollkommen überrumpelt, und mein Geist flog hin und her wie ein Weberschiffchen.

Plötzlich setzte ich die Koffer auf den Boden und stand still. Er drehte sich um und sah mich an.

»Nun?« fragte er.

»Sind Sie der Junker von Ballantrae?«

»Sie werden gerecht genug sein festzustellen«, sagte er, »daß ich vor dem schlauen Mackellar daraus kein Geheimnis gemacht habe.«

»Aber im Namen Gottes«, rief ich aus, »was bringt Sie hierher? Kehren Sie um, solange es noch Zeit ist.«

»Ich danke Ihnen«, sagte er. »Ihr Herr hat es gewollt, nicht ich, aber da er seine Wahl getroffen hat, müssen er und auch Sie die Folgen tragen. Und nun nehmen Sie meine Sachen auf, die Sie an einem sehr schmutzigen Platz niedergesetzt haben, und tun Sie, was ich Ihnen aufgetragen habe.«

Aber ich dachte jetzt nicht an Gehorsam, sondern trat ganz nahe an ihn heran. »Wenn nichts Sie bewegen kann umzukehren«, sagte ich, »obgleich jeder Christ und sogar jeder Edelmann unter den bestehenden Verhältnissen Bedenken tragen würde, weiter zu gehen...«

»Das sind entzückende Bemerkungen!« warf er ein.

»Wenn nichts Sie bewegen kann umzukehren«, fuhr ich fort, »so sind auf alle Fälle doch gewisse Anstandsregeln zu beachten. Warten Sie hier mit Ihrem Gepäck, während ich vorangehe und Ihre Familie vorbereite. Ihr Vater ist ein alter Mann, und ...« ich stotterte ... »es gibt Anstandsregeln, die man beachten muß.«

»Dieser Mackellar«, sagte er, »gewinnt wahrhaftig bei näherer Bekanntschaft. Aber verstehen Sie mich recht, Mann, und behalten Sie es ein für allemal: Sie verschwenden Ihre Worte an mich, ich gehe meine eigenen Wege unbeirrbar weiter.«

»Aha!« sagte ich. »Ist das der Fall, dann werden wir sehen!«

Und ich drehte mich um und rannte auf Durrisdeer zu. Er griff nach mir und schrie ärgerlich auf, und dann glaubte ich ihn lachen zu hören, und ohne Zweifel folgte er mir ein oder zwei Schritte, um alsdann, wie ich vermute, zurückzubleiben. Eins jedenfalls ist sicher: daß ich wenige Minuten später an der Tür des großen Hauses anlangte, nahezu erstickt vor Atemnot, und daß ich in die Halle stürzte und der Familie gegenüberstand, ohne sprechen zu können. Mein Bericht mußte aber in meinen Augen geschrieben stehen, denn sie standen von ihren Sitzen auf und starrten mich entgeistert an.

»Er ist da!« stieß ich schließlich heraus.

»Er?« sagte Mr. Henry.

»Er selbst«, sagte ich.

»Mein Sohn?« rief der alte Lord. »Törichter, törichter Knabe! Ach, konnte er nicht bleiben, wo er in Sicherheit war?«

Kein Wort sprach Mrs. Henry, und auch ich blickte sie nicht an, ich weiß nicht, warum.

»Nun«, sagte Mr. Henry und holte sehr tief Atem, »wo ist er?«

»Ich ließ ihn in dem langen Gehölz zurück«, sagte ich.

»Führt mich zu ihm«, antwortete er.

So gingen wir beide, er und ich, hinaus, ohne daß sonst jemand noch ein Wort sprach, und in der Mitte eines mit Sand bedeckten Platzes trafen wir den Junker, der heranschlenderte, pfeifend und mit dem Handstock durch die Luft schlagend. Es war noch hell genug, um Mienen zu erkennen, wenn auch nicht, um sie zu lesen. »Aha, Jakob«, sagte der Junker, »hier ist Esau wieder.«

»James«, antwortete Mr. Henry, »um Gottes willen, nenne mich bei meinem Namen. Ich will nicht behaupten, daß ich über deine Rückkehr froh bin, aber soweit ich vermag, will ich dich im Hause unserer Väter willkommen heißen.«

»In meinem Hause oder in deinem?« fragte der Junker. »Was wolltest du sagen? Aber das ist eine alte Wunde, die wir nicht öffnen wollen. Wenn du mit mir auch nicht teilen wolltest, als ich in Paris war, hoffe ich doch, du wirst deinem Bruder nicht ein Plätzchen am Herdfeuer von Durrisdeer verweigern.«

»Das sind überflüssige Redensarten«, erwiderte Mr. Henry, »du kennst die Macht deiner Stellung ausgezeichnet!«

»Nun, ich glaube es«, sagte der andere mit leisem Lächeln.

Und das war, wie man sagen könnte, das Ende dieser Begegnung der beiden Brüder, obgleich sie sich noch nicht die Hand gereicht hatten, denn jetzt wandte sich der Junker an mich und forderte mich auf, sein Gepäck zu holen.

Ich meinerseits blickte Mr. Henry an, um seine Zustimmung zu erfahren, und zwar vielleicht etwas trotzig.

»Solange der Junker hier ist, Mr. Mackellar, würden Sie mich sehr verpflichten, wenn Sie seine Wünsche als die meinigen betrachten wollten«, sagte Mr. Henry. »Wir bemühen Sie fortwährend: wollen Sie so liebenswürdig sein, einen der Dienstboten herauszuschicken?« Er betonte das Wort Dienstboten.

Wenn diese Bemerkung überhaupt etwas zu bedeuten hatte, so war sie sicher eine verdiente Zurechtweisung des Eindringlings, aber seine Unverschämtheit war so teuflisch, daß er den Sinn der Worte verdrehte.

»Sollen wir uns nicht gleich einen Bruderkuß geben?« fragte er mit sanfter Stimme und blickte mich von der Seite an.

Wenn der Besitz eines Königreiches davon abgehangen hätte, wäre ich jetzt meiner Selbstbeherrschung in Worten nicht sicher gewesen. Einen Diener zu rufen, war mir unmöglich, ich wollte diesem Menschen eher selbst dienen, als jetzt sprechen, und ich wandte mich schweigend ab und schritt zum Gehölz, Zorn und Verzweiflung im Herzen. Es war dunkel unter den Bäumen, und ich ging stumpfsinnig dahin und vergaß, weshalb ich gekommen war, bis ich mir beinahe das Schienbein an den Koffern zerbrach. Dann bemerkte ich eine sonderbare Erscheinung, denn während ich vorher beide Koffer getragen hatte, fast ohne es zu spüren, konnte ich jetzt kaum einen heben, und so blieb ich längere Zeit von der Halle fern, da ich gezwungen war, den Weg doppelt zu machen.

Als ich anlangte, war die Begrüßung längst vorbei, die Gesellschaft saß bereits beim Abendessen, und durch ein Versehen, das mich tief verletzte, hatte man mein Gedeck vergessen. Ich hatte den Junker bei seiner Rückkehr von der einen Seite kennengelernt: jetzt sollte ich auch die andere sehen. Er zuerst bemerkte mein Kommen und sah, wie ich etwas mißmutig beiseitetrat. Er sprang von seinem Stuhl auf.

»Ich habe wohl den Platz des guten Mackellar eingenommen!« rief er. »John, ein neues Gedeck für Mr. Bally, ich will durchaus niemand stören, und euer Tisch ist groß genug für uns alle.«

Ich traute meinen Augen und Ohren nicht, als er mich bei den Schultern nahm und mich lachend auf meinen Platz drängte, soviel heitere Liebenswürdigkeit war in seiner Stimme. Und während John ein neues Gedeck für ihn auflegte, worauf er bestand, lehnte er an seines Vaters Sessel und blickte auf ihn nieder, und der alte Herr drehte sich um und blickte hinauf zu seinem Sohn, wobei eine so große gegenseitige Zärtlichkeit zum Ausdruck kam, daß ich staunend die Hände zum Kopf hätte erheben können.

Doch so war alles in allem. Kein rauhes Wort kam von seinen Lippen, keine höhnische Bemerkung. Er hatte seinen scharfen englischen Akzent abgelegt und sprach den liebenswürdigen schottischen Dialekt, der Wert legt auf verbindliche Worte, und obgleich seine Geste eine graziöse Eleganz besaß, die uns auf Durrisdeer fremd war, benahm er sich doch mit einer vertraulichen Höflichkeit, die uns nicht beschämte, sondern uns schmeichelte. Das setzte er während der ganzen Mahlzeit fort, trank mir mit betonter Hochachtung zu, wandte sich an John mit einer freundlichen Bemerkung, streichelte die Hand seines Vaters, erzählte heitere kleine Anekdoten von seinen Abenteuern, ließ die Vergangenheit fröhlich auferstehen, kurz, alles was er tat, war so gewinnend und er selbst so liebenswürdig, daß ich mich kaum darüber wundern konnte, daß der alte Lord und Mrs. Henry mit strahlenden Gesichtern am Tisch saßen und John mit tränenden Augen servierte.

Kaum war das Abendessen beendet, als Mrs. Henry sich erhob, um sich zurückzuziehen.

»Das war doch sonst nicht deine Gewohnheit, Alison«, sagte er.

»Sie ist es jetzt«, antwortete sie, was völlig falsch war, »und ich will dir gute Nacht sagen, James, und dich willkommen heißen – von den Toten!« sagte sie, und ihre Stimme wurde leiser und zitterte.

Der arme Mr. Henry, der während der Mahlzeit ziemlich steif dagesessen hatte, war verwirrter als je zuvor. Es gefiel ihm, daß seine Frau sich zurückzog, aber mit Mißfallen dachte er an den Grund, und im nächsten Augenblick schien er von der Warmherzigkeit ihrer Worte ganz niedergeschmettert zu sein.

Ich meinerseits glaubte, daß ich jetzt überflüssig sei und wollte Mrs. Henry folgen, als der Junker es bemerkte.

»Nun, Mr. Mackellar«, sagte er, »ich muß das beinahe als unfreundlich bezeichnen. Ich will nicht, daß Sie gehen, das hieße doch, aus dem verlorenen Sohn einen Fremdling machen, und zwar, daran darf ich Sie erinnern, in seines eigenen Vaters Haus! Kommt, setzt Euch, und trinkt noch ein Gläschen mit Mr. Bally.«

»Ja, ja, Mr. Mackellar«, sagte der Lord, »wir dürfen weder ihn noch Euch als Fremdling betrachten. Ich habe meinem Sohn erzählt«, fügte er hinzu, und seine Stimme wurde wieder warm, als er das Wort aussprach, »wie hoch wir alle Ihre freundlichen Dienste schätzen.«

So saß ich schweigend da bis zu meiner gewöhnlichen Stunde und hätte mich beinahe über die wahre Natur dieses Mannes täuschen lassen, wenn nicht durch einen Ausspruch seine Verruchtheit allzu offen zum Ausdruck gekommen wäre. Ich gebe hier diesen Teil der Unterhaltung wieder, und der Leser, der das Zusammentreffen der Brüder kennt, soll seine eigene Schlußfolgerung ziehen. Mr. Henry saß ziemlich stumm da, obgleich er sich alle Mühe gab, vor dem alten Lord Haltung zu bewahren, als der Junker plötzlich aufsprang, um den Tisch herumging und seinem Bruder die Hände auf die Schultern legte.

»Nun, nun, mein lieber Heinz«, sagte er in dem breiten Dialekt, den sie als Knaben miteinander gesprochen haben müssen, »du mußt nicht niedergeschlagen sein, weil dein Bruder eingekehrt ist. Alles gehört dir, daran ist kein Zweifel, und ich mißgönne es dir nicht. Und nun mußt du mir auch meinen Platz bei meines Vaters Feuer nicht mißgönnen.«

»Das ist nur allzu wahr, Henry«, sagte der alte Lord mit leisem Vorwurf, was selten bei ihm geschah. »Du bist der ältere Bruder der Parabel im guten Sinne gewesen und mußt nun das Gegenteil vermeiden.«

»Es ist nicht schwer, mich ins Unrecht zu setzen«, antwortete Mr. Henry.

»Wer will dich ins Unrecht setzen?« rief der Lord aus, und zwar ziemlich heftig im Vergleich zu seiner sonstigen Milde. »Du hast meinen und deines Bruders Dank tausendmal verdient, du kannst stets auf unsere Dankbarkeit rechnen, und das muß dir genügen.«

»Ja, Heinz, darauf kannst du dich verlassen«, sagte der Junker, und es schien mir, als ob Mr. Henry ihn mit fast zornigen Blicken ansah.

Vier Fragen habe ich mir bei all den elenden Angelegenheiten, die nun folgten, oft vorgelegt und stelle sie mir heute noch: Wurde dieser Mensch getrieben von einer besonderen Mißgunst gegen Mr. Henry? Oder von seinem vermeintlichen eigenen Interesse? Oder von einem bloßen Wohlgefallen an der Grausamkeit, wie Katzen und nach Ansicht der Theologen die Teufel sie zeigen? Oder aber von der Liebe, wie er sie auffaßte? Nach meiner Meinung von den ersten drei Momenten, aber vielleicht lag seinem Benehmen alles zusammen zugrunde. Ich sage mir: seine Abneigung gegen Mr. Henry mag seine haßerfüllten Äußerungen erklären, die er ausstieß, wenn sie allein waren. Die Zwecke, die er verfolgte, können seine völlig anders geartete Haltung in Gegenwart des Lords erklären, und dies sowie die Absicht, die Würze der Galanterie nicht zu vergessen, veranlagte ihn, sich mit Mrs. Henry gut zu stellen. Die Freude an der Bosheit aber trieb ihn dazu, sein Benehmen fortgesetzt zu ändern und völlig gegensätzlich erscheinen zu lassen.

Weil ich ein sehr offenherziger Freund meines Herrn war und in meine Briefe nach Paris oft freimütige Vorwürfe eingefügt hatte, mußte auch ich seinem teuflischen Vergnügen dienen. Wenn ich allein mit ihm war, verfolgte er mich mit höhnischen Bemerkungen, aber in Gegenwart der Familie behandelte er mich äußerst liebenswürdig und herablassend. Das war nicht nur an sich qualvoll und setzte mich nicht nur fortgesetzt ins Unrecht, sondern es lag ein Element unbeschreiblicher Beleidigung darin. Daß er sich vor mir nicht verstellte und so offenbarte, daß selbst meine Zeugenschaft ihm zu verächtlich war, um Rücksicht darauf zu nehmen, erbitterte mich bis ins Blut hinein. Aber was ich dabei empfand, ist nicht wert, niedergeschrieben zu werden. Ich will es hier nur erwähnen, und besonders aus dem Grunde, weil es eine gute Wirkung hatte: es verschaffte mir ein besseres Verständnis für das Martyrium Mr. Henrys.

Auf ihn fiel die ganze Last. Wie sollte er sich den öffentlichen Schmeicheleien seines Bruders gegenüber verhalten, der nie versäumte, ihn unter vier Augen zu verspotten? Wie sollte er das Lächeln des Betrügers und Beleidigers erwidern? Er war dazu verurteilt, unliebenswürdig zu erscheinen, er war verurteilt zum Schweigen. Wäre er weniger stolz gewesen und hätte er gesprochen, wer hätte ihm geglaubt? Die Tatsachen sprachen gegen ihn, der alte Lord und Mrs. Henry waren täglich Zeugen der Vorgänge, sie hätten vor Gericht schwören können, daß der Junker das Vorbild langmütiger Gutherzigkeit und Mr. Henry ein abschreckendes Beispiel von Neid und Undank sei; und so häßlich solche Fehler immer sind, sie erschienen zehnmal häßlicher bei Mr. Henry, denn wer konnte vergessen, daß der Junker in ständiger Lebensgefahr schwebte, und daß er bereits seine Geliebte, seinen Titel und sein Vermögen verloren hatte?

»Henry, willst du mit mir ausreiten?« fragte der Junker eines Tages.

Mr. Henry, der den ganzen Vormittag von diesem Menschen beleidigt worden war, antwortete rauh: »Nein!«

»Ich möchte, du wärst etwas liebenswürdiger«, antwortete der andere schwermütig.

Ich führe das als Beispiel an, und solche Auftritte ereigneten sich ständig. Man kann sich nicht wundern, daß Mr. Henry getadelt wurde, und daß mir beinahe vor Wut die Galle überlief. Noch jetzt spüre ich bei der bloßen Erinnerung Bitterkeit auf der Zunge.

Nie hat die Welt solch teuflisches Doppelspiel gesehen, so gemein und doch so einfach und unmöglich zu bekämpfen. Trotzdem denke ich immer wieder, daß Mrs. Henry zwischen den Zeilen hätte lesen sollen. Sie hätte den Charakter ihres Gemahls besser kennen und nach so viel Jahren der Ehe sein Vertrauen besitzen oder erobern müssen. Und was meinen alten Lord betrifft, diesen äußerst aufmerksamen Edelmann – wo blieb seine ganze Beobachtungsgabe? Allerdings wurde der Betrug von Meisterhand ausgeführt und hätte auch einen Engel täuschen können. Und was Mrs. Henry anbelangt, so habe ich immer festgestellt, daß Menschen nie so weit voneinander entfernt leben wie Eheleute, die sich nicht verstehen, wobei es oft den Anschein hat, als ob sie taub seien oder keine gemeinsame Sprache redeten. Und schließlich, wenn man beide Zuschauer in Betracht zieht, so waren sie beide geblendet durch eingewurzelte Vorliebe. Es kommt aber viertens noch hinzu, daß alle Welt glaubte – ich sage glaubte, und man wird bald hören, warum –, der Junker schwebe ständig in Lebensgefahr, weshalb es um so unedler sei, ihn zu kritisieren. Er hielt alle in ständiger zärtlicher Sorge um sein Leben und machte sie völlig blind gegenüber seinen Mängeln.

In jener Zeit begriff ich deutlich den Wert guter Manieren und beklagte lebhaft meine eigene Unbeholfenheit. Mr. Henry besaß das Wesen eines Edelmanns. Wenn ihn etwas bewegte und die Umstände es erforderten, vermochte er seine Rolle würdig und klug zu spielen, aber im täglichen Leben – es hat keinen Sinn, das abzustreiten – fehlte ihm die Grazie. Der Junker andererseits konnte keine Bewegung machen, ohne angenehm aufzufallen. Erschien also der eine höflich und der andere unhöflich, so schien jede kleinste Bewegung ihrer Körper die Echtheit ihrer Empfindungen zu bestätigen. Aber nicht allein das: je heftiger Mr. Henry im Netz seines Bruders zappelte, desto unbeholfener wurde er, und je mehr der Junker dies widerwärtige Vergnügen genoß, desto liebenswürdiger und verbindlicher erschien er. Auf diese Weise gewann diese Intrige an Wuchs und Ausmaß, je länger sie fortgesetzt und betrieben wurde.

Es gehörte zu den Künsten dieses Menschen, die Gefahr, in der er, wie ich sagte, scheinbar schwebte, sich zunutze zu machen. Er sprach davon zu jenen, die ihn liebten, in heiterem Scherz, wodurch sie um so mehr gerührt wurden. Gegenüber Mr. Henry brauchte er sie als grausam beleidigende Waffe. Ich erinnere mich, daß er eines Tages den Finger auf die durchsichtige Scheibe in dem bemalten Fenster legte, als wir drei allein in der Halle waren. »Hier hindurch flog Euer glückhaftes Geldstück, Jakob«, sagte er. Und als Mr. Henry ihn finster anschaute, fügte er hinzu: »Oh, du brauchst mich nicht in ohnmächtiger Wut anzusehen, arme Mücke. Du kannst die Spinne loswerden, wenn's dir paßt. Wie lange noch, o Herr? Wann wirst du dich zum Verrat aufraffen, gewissenloser Bruder? Das gehört zu den spannenden Momenten dieser elenden Lüge, solche Experimente habe ich immer geliebt.«

Mr. Henry starrte ihn noch immer finsteren Blickes an, und ich wechselte die Farbe. Schließlich brach der Junker in Gelächter aus, schlug ihm auf die Schulter und hieß ihn einen grämlichen Hund. Da trat mein Herr zurück mit einer drohenden Geste, die ich für sehr gefährlich hielt, und ich muß annehmen, daß der Junker ähnlich dachte, denn er blickte drein, als sei er doch ein ganz klein wenig aus der Fassung gebracht, und ich entsinne mich nicht, daß er jemals wieder Hand anlegte an Mr. Henry.

Obgleich er nun seine Lebensgefahr immer im Munde führte, hielt ich sein Benehmen doch für höchst unvorsichtig und glaubte, die Regierung, die einen Preis auf seinen Kopf ausgesetzt hatte, sei ganz und gar eingeschlafen. Ich will nicht leugnen, daß mir manchmal der Wunsch aufstieg, ihn zu verraten, aber zwei Überlegungen hielten mich zurück: erstens würden der Vater und die Frau meines Herrn ihn für ewige Zeiten heiliggesprochen haben, wenn er sein Leben auf dem Schafott ehrbar geendet hätte; und zweitens wäre es kaum zu vermeiden gewesen, daß ein gewisser Verdacht sich gegen Mr. Henry geregt hätte, wenn ich irgendwie mit der Angelegenheit zu tun hatte. In der Zwischenzeit ging unser Feind mehr ein und aus, als ich für möglich gehalten hätte, die Tatsache seiner Heimkehr wurde überall im Lande ausposaunt, und doch wurde er überhaupt nicht gestört. Von all den vielen Leuten, die von seiner Anwesenheit Kenntnis hatten, besaß offenbar niemand die geringste Geldgier, wie ich in meinem Verdruß zu sagen pflegte, noch die geringste Königstreue, und der Mensch ritt überall hin und war viel willkommener als Mr. Henry, wenn man seine frühere Unbeliebtheit bedenkt, und viel sicherer als ich, wenn man sich der Schmuggler entsinnt.

Allerdings hatte auch er seine Sorgen, und davon muß ich nun erzählen, da sich die schwersten Folgen daraus ergaben. Der Leser wird sich sicher an Jessie Broun erinnern. Sie lebte meistens zusammen mit den Schmugglern, auch Kapitän Crail gehörte zu ihren Freunden, und sie erfuhr sehr bald, daß Mr. Bally wieder daheim sei. Nach meiner Meinung hatte sie längst aufgehört, sich für des Junkers Person einen Deut zu interessieren, aber sie hatte sich daran gewöhnt, sich beständig mit des Junkers Namen in Verbindung zu bringen, und das war der Grund für ihr ganzes Getue. Als er nun zurückgekehrt war, hielt sie sich für verpflichtet, in der Nachbarschaft von Durrisdeer herumzuspuken. Der Junker konnte sich kaum draußen zeigen, ohne daß sie ihm auflauerte: ein skandalöses Weib, die nicht oft nüchtern war. Sie schrie ihm laut zu: »Mein lieber Junge!«, sang Zigeunerlieder und versuchte sogar, wie man mir erzählte, sich an seiner Brust auszuweinen. Ich gestehe, daß ich mir die Hände rieb vor Freude über diese Nachstellungen, aber der Junker, der andern so viel zumutete, war selbst der ungeduldigste aller Menschen. Im Laufe der Zeit trugen sich allerlei sonderbare Dinge zu. Manche erzählen, er habe seinen Stock gegen sie erhoben, und Jessie soll ihre früheren Waffen wieder benutzt haben, nämlich die Steine. Auf alle Fälle legte er endlich Kapitän Crail nahe, er solle dem Weib den Schädel einschlagen lassen, aber der Kapitän wies die Zumutung mit ungewöhnlicher Heftigkeit zurück. Und schließlich errang Jessie den Sieg. Geld wurde zusammengebracht, eine Unterredung fand statt, während der mein stolzer Gentleman sich küssen und unter Tränen umarmen lassen mußte, und man richtete der Frau eine eigene Kneipe ein, irgendwo an der Küste am Ufer des Solway, ich weiß nicht genau wo, die von äußerst übelbeleumdeten Personen besucht wurde. Das ist alles, was ich darüber erfuhr.

Aber ich greife der Entwicklung vor. Als Jessie ihm eine Zeitlang nachgestellt hatte, kam der Junker eines Tages zu mir ins Verwalterzimmer und sagte höflicher als sonst: »Mackellar, es treibt sich hier ein verdammtes Frauenzimmer herum. Ich selbst kann in der Sache nichts unternehmen, und deshalb komme ich zu Ihnen. Seien Sie doch so gut und bemühen Sie sich in dieser Angelegenheit, die Leute müssen strengen Befehl erhalten, mir die Hexe vom Leibe zu halten.«

»Mein Herr«, sagte ich und zitterte etwas, »waschen Sie Ihre schmutzige Wäsche bitte selbst!«

Er antwortete kein Wort und verließ das Zimmer.

Bald erschien Mr. Henry. »Was ist denn das?« rief er aus. »Es scheint immer noch nicht genug zu sein, und Sie müssen meine Schlechtigkeit noch übertrumpfen. Scheinbar haben Sie Mr. Bally beleidigt!«

»Mit Ihrer gütigen Erlaubnis darf ich sagen, Mr. Henry«, antwortete ich, »daß er mich beleidigt hat, und zwar meines Erachtens gröblich. Aber ich habe Ihre Lage nicht bedacht, als ich redete, und wenn Sie anders entscheiden, nachdem Sie alles gehört haben, mein hochverehrter Herr, so brauchen Sie nur ein Wort zu sagen. Ihnen würde ich unter allen Umständen gehorchen, auch wenn ich eine Sünde begehen müßte, Gott verzeih mir!«

Und dann erzählte ich ihm, was sich zugetragen hatte.

Mr. Henry lächelte in sich hinein, ein grimmigeres Lächeln, als ich je an ihm wahrnahm.

»Das haben Sie vorzüglich gemacht«, sagte er, »er soll seine Jessie Broun bis zur Neige genießen.«

Dann sah er den Junker draußen, öffnete das Fenster, rief ihn bei dem Namen Mr. Bally und bat ihn, auf ein Wort heraufzukommen.

»James«, sagte er, als unser Feind hereingekommen und die Tür hinter sich geschlossen hatte, wobei er mich mit einem Lächeln ansah, als ob er glaubte, ich würde jetzt vor ihm gedemütigt, »du hast dich über Mr. Mackellar beschwert, und ich habe die Angelegenheit untersucht. Ich brauche dir nicht zu sagen, daß ich sein Wort immer dem deinen vorziehen werde, denn wir sind hier allein, und ich will ebenso frei sprechen, wie du es sonst zu tun pflegst. Mr. Mackellar ist ein Ehrenmann, den ich hochschätze, und du mußt bemüht sein, solange du unter diesem Dach lebst, in Zukunft keine Reibereien mit jemand zu verursachen, den ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln unterstützen werde. Was den Botendienst anbelangt, den du ihm auftrugst, so mußt du hinfort die Folgen deiner eigenen Grausamkeit selbst auf dich nehmen, keiner meiner Angestellten soll in irgendeiner Weise bemüht werden in dieser Angelegenheit.«

»Die Angestellten meines Vaters, denke ich!« warf der Junker ein.

»Geh zu ihm mit deinem Anliegen«, antwortete Mr. Henry.

Der Junker wurde sehr bleich. Er wies mit seinem Finger auf mich und sagte: »Ich verlange, daß dieser Mann entlassen wird!«

»Das wird nicht geschehen«, sagte Mr. Henry.

»Du wirst mir das teuer bezahlen«, antwortete der Junker.

»Ich habe bereits so viel bezahlt für einen verruchten Bruder«, sagte Mr. Henry, »daß ich selbst die Furcht nicht mehr kenne. Es gibt keine Stelle an mir, die du noch treffen könntest.«

»Ich werde dir das beweisen«, antwortete der Junker und zog sich langsam zurück.

»Was wird er jetzt unternehmen, Mr. Mackellar?« rief Mr. Henry aus.

»Lassen Sie mich fortgehen«, sagte ich, »mein verehrter Gönner, lassen Sie mich fortgehen, ich bin nur die Ursache neuer Leiden.«

»Wollen Sie mich ganz allein lassen?« fragte er.

Wir sollten nicht lange im ungewissen bleiben über die Natur des neuen Angriffs. Bis zu dieser Stunde hatte der Junker ein durchaus geheimnisvolles Spiel getrieben, soweit Mrs. Henry in Betracht kam. Er hatte sorgfältig vermieden, mit ihr allein zu sein, was ich damals für eine Anwandlung von Anstand hielt, aber jetzt glaube ich, daß es eine höchst listige Verschlagenheit war. Er traf sie sozusagen nur bei den Mahlzeiten und benahm sich dabei wie ein liebevoller Bruder. Bis heute hatte er, so kann man behaupten, kaum irgendwie das Verhältnis von Mr. Henry zu seiner Frau angetastet, außer daß er die beiden hinderte, sich einander liebenswürdig zu begegnen. Jetzt sollte das alles anders werden, aber ob er aus Rache handelte, oder weil er sich auf Durrisdeer langweilte und nach Abwechslung Umschau hielt, vermag nur der Teufel zu entscheiden.

Jedenfalls begann von dieser Stunde an eine Belagerung von Mrs. Henry, eine Sache, die so gewandt ausgeführt wurde, daß ich kaum weiß, ob sie selbst es bemerkte, und daß ihr Gemahl nur schweigend zuschauen konnte. Der erste Angriff wurde durch einen Zufall eröffnet, wie es den Anschein erweckte. Das Gespräch kam, wie es öfter der Fall war, auf die Verbannten in Frankreich und glitt hinüber zu ihren Liedern.

»Da gibt es ein Lied«, sagte der Junker, »wenn ihr euch dafür interessiert, das mir stets sehr ergreifend schien. Es ist rauhe Poesie, und trotzdem hat sie, vielleicht wegen meiner Lage, immer den Weg zu meinem Herzen gefunden. Es soll, wie ich hinzufügen will, von der Geliebten eines Verbannten gesungen werden und gibt vielleicht nicht so sehr das wieder, was sie in Wirklichkeit denkt, sondern die Gefühle, die er, der arme Teufel, in jenen fremden Landen von ihr erhofft.«

Hier seufzte der Junker. »Ich muß sagen, es ist ein bewegender Anblick, wenn ein Haufe rauher Irländer, alle gemeine Landsknechte, dies Lied anstimmen, und man kann aus den Tränen, die sie vergießen, vermuten, wie es sie rührt. Es geht so, Vater«, sagte er und wandte sich ganz absichtlich an den alten Lord als Zuhörer, »und wenn ich nicht ganz damit zu Ende komme, so mußt du bedenken, daß das bei uns Verbannten allgemein so ist.«

Und nun begann er dieselbe Melodie anzustimmen, die ich den Oberst pfeifen hörte, aber er sang nun die in der Tat rauhen, aber höchst pathetischen Worte dazu, die die Sehnsucht eines armen Mädchens nach ihrem verbannten Geliebten zum Ausdruck bringen. Ein Vers, oder wenigstens der ungefähre Wortlaut, haftet noch in meinem Gedächtnis:

Ach, will färben mein Röcklein rot,
Mit meinem Liebsten betteln mein Brot,
Und wenn mir alle wünschen den Tod:
Dir gehör' ich, mein Willi am fernen Strand. Oh!

Er sang gut, wenn es auch nur ein Volkslied war, aber noch besser schauspielerte er. Ich habe berühmte Schauspieler gesehen, und kein Auge war trocken im Theater von Edinburgh. Gewiß ein großes Wunder, aber nicht wundervoller, als wenn der Junker diese kleine Ballade vortrug und auf denen, die ihm zuhörten, wie auf einem Instrument spielte. Bald schien er vor Rührung abbrechen zu müssen, bald besiegte er seinen Kummer, so daß Worte und Musik aus seinem eigenen Herzen und seinem eigenen Schicksal zu strömen und sich direkt an Mrs. Henry zu wenden schienen. Doch seine Kunst ging noch weiter, denn alles wurde so zart gehandhabt, daß es unmöglich schien, ihm irgendeine Absicht vorzuwerfen. Er machte so wenig Wesens aus seiner Bewegung, daß jeder geschworen hätte, er bemühe sich, ruhig zu erscheinen. Als er geendet hatte, saßen wir alle eine Zeitlang schweigend da; er hatte die Dämmerung des Nachmittags gewählt, so daß keiner das Gesicht seines Nachbarn sehen konnte, aber es schien, als ob wir alle den Atem anhielten; nur der alte Lord räusperte sich. Der Sänger selbst rührte sich zuerst wieder, er stand plötzlich und leise auf und ging langsam im unteren Teil der Halle auf und ab, wo sonst Mr. Henry seinen Platz hatte.

Wir mußten vermuten, daß er dort den Rest seiner Bewegtheit niederkämpfte, denn bald darauf kam er zurück und begann eine Unterredung über die Natur des irischen Volkes, das stets so sehr verkannt werde, und das er verteidigte, und zwar mit seiner natürlichen Stimme, so daß wir, bevor die Lampen hereingebracht wurden, mitten in einem gewöhnlichen Gespräch waren. Aber selbst dann noch schien mir das Gesicht von Mrs. Henry einen Schatten bleicher zu sein, und sie zog sich auffälligerweise fast sofort zurück.

Das nächste Anzeichen des Angriffs war eine Freundschaft, die dieser listige Teufel mit der unschuldigen kleinen Katharine begann. Man sah sie stets zusammen, Hand in Hand, oder sie kletterte auf sein Knie, und sie waren wie ein Paar Kinder. Diese Annäherung wirkte, wie alle seine teuflischen Taten, in doppelter Weise. Für Mr. Henry war es der ärgste Streich, als er sein eigenes Kind gegen sich aufgehetzt sah. Er wurde gegen das arme unschuldige Wesen grob, was ihn in der Achtung seines Weibes noch etwas tiefer sinken ließ, und schließlich war es ein Band der Einigkeit zwischen der Dame des Hauses und dem Junker. Unter diesem Einfluß schmolz die frühere Kälte zwischen den beiden täglich mehr und mehr dahin. Bald machten sie gemeinsame Spaziergänge in dem langen Gehölz, unterhielten sich im Belvedere, und es kam zu ich weiß nicht welcher zarten Vertrautheit. Ich bin sicher, daß Mrs. Henry mancher guten Frau glich: sie hatte ein normales Gewissen, aber es neigte dazu, manchmal ein Auge zuzudrücken. Denn selbst für einen so schwerfälligen Beobachter wie mich war es klar, daß ihre Liebenswürdigkeit über die Natur schwesterlicher Zuneigung hinausging.

Die Bewegung ihrer Stimme schien klangreicher, ihr Auge zeigte Licht und Sanftmut, sie war gegen uns alle, selbst gegen Mr. Henry und sogar gegen mich, freundlicher, und mir schien, als ob sie ein stilles, schwermütiges Glücksgefühl ausströme.

Welch eine Qual für Mr. Henry war es, dem zuzuschauen! Und doch brachte es uns endgültige Erlösung, wie ich in Kürze erzählen werde.

Die Absicht, die der Junker mit seiner Anwesenheit verfolgte, war keine edlere, als Geld herauszupressen, wenn er sie auch versteckte. Er hatte den Plan, in Französisch-Indien sein Glück zu machen, wie der Chevalier mir schrieb, und die Summe, die er dazu gebrauchte, suchte er hier zu erlangen. Für die übrige Familie bedeutete das den Ruin, aber der alte Lord in seiner unglaublichen Parteilichkeit drängte auf Gewährung. Die Familie war jetzt so klein – sie bestand ja nur noch aus dem Vater und den beiden Söhnen –, daß es möglich war, das Erblehen anzutasten und ein Stück Land zu veräußern. Und Mr. Henry wurde zunächst durch Andeutungen und dann durch offenkundigen Druck dazu getrieben, seine Zustimmung zu geben. Ich weiß sehr genau, daß er es nie getan hätte, wenn die Wucht der Leiden, unter denen er seufzte, nicht so schwer gewesen wäre. Hätte er nicht den leidenschaftlichen Wunsch gehabt, seinen Bruder fortziehen zu sehen, würde er niemals gegen sein eigenes Gefühl und die Überlieferungen seines Hauses so verstoßen haben. Und selbst jetzt verkaufte er ihnen seine Zustimmung sehr teuer, und zum ersten Male redete er offen heraus und stellte den Handel in seinen schmachvollen Farben rücksichtslos dar.

»Ihr müßt gestehen«, sagte er, »daß es eine Ungerechtigkeit ist gegen meinen Sohn, wenn ich jemals einen bekomme.«

»Aber es besteht kaum eine Wahrscheinlichkeit, daß du einen bekommst«, sagte der Lord.

»Das weiß Gott!« sagte Mr. Henry. »Und angesichts der grausamen Verfälschung meiner Lage meinem Bruder gegenüber und der Tatsache, daß du, mein Lord, mein Vater bist und das Recht hast mir zu befehlen, setze ich meine Unterschrift unter dies Papier. Aber eins will ich vorher noch sagen: man hat mich unbarmherzig dazu getrieben, und wenn du in Zukunft Vergleiche anstellst zwischen deinen Söhnen, bitte ich dich zu überlegen, was ich getan habe und was er getan hat. Taten sind der gerechte Prüfstein.«

Der alte Lord war so unwillig, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte, in sein altes Gesicht stieg das Blut auf, und er sagte: »Ich glaube, der Augenblick ist nicht sehr gut gewählt, Henry, dich zu beklagen, das nimmt dir das Verdienst deiner Edelmütigkeit.«

»Täusche dich nicht, mein Lord«, sagte Mr. Henry, »dies Unrecht geschieht nicht aus Edelmut gegen meinen Bruder, sondern aus Gehorsam gegen dich.«

»Vor fremden Ohren ...« begann der Lord mit noch unglücklicherer Miene.

»Hier ist niemand anwesend außer Mackellar«, antwortete Mr. Henry, »und er ist mein Freund. Da du deine häufigen Tadel nicht vor ihm verheimlichst, wäre es ungerecht, wenn er bei einer so seltenen Sache wie meiner Rechtfertigung nicht anwesend wäre.«

Es schien mir beinah, als ob der Lord seinen Entschluß bedaure, aber der Junker war auf der Hut.

»Ach, Henry, Henry!« sagte er. »Du bist doch der Beste von uns. Rauh, aber wahrhaftig! Ach, Mensch, ich wollte, ich wäre so gut wie du!«

Angesichts dieses Beweises von der Großmut seines Lieblingssohnes gab der alte Lord sein Zögern auf, und der Vertrag wurde unterzeichnet.

Sobald es möglich war, wurde das Land von Ochterhall weit unter Preis verkauft, das Geld wurde dem Blutsauger ausgehändigt und auf geheimem Wege nach Frankreich geschickt. So wenigstens behauptete er, aber ich hatte den Verdacht, daß es nicht sehr weit fortgeschafft wurde. Und obgleich nun der Vorsatz dieses Mannes zu einem erfolgreichen Abschluß gebracht war und seine Taschen wieder einmal strotzten von unserem Golde, erreichten wir doch nicht das Ziel, um dessentwillen wir dies Opfer gebracht hatten, und der Besucher trieb sich immer noch auf Durrisdeer umher. Sei es nun aus Bosheit oder weil die Zeit noch nicht gekommen war für das Abenteuer in Indien, sei es, daß er noch Hoffnungen hatte, bei Mrs. Henry weiterzukommen, oder Befehle der Regierung vorlagen: wer vermag das zu sagen? Jedenfalls trieb er sich immer noch dort herum, und zwar wochenlang.

Man beachte, daß ich sage: Befehle der Regierung, denn um diese Zeit sickerte das schmachvolle Geheimnis des Menschen durch.

Die erste Andeutung erhielt ich von einem Pächter, der sich über den Aufenthalt des Junkers und über seine Sicherheit ausließ. Denn dieser Pächter war ein Anhänger der Jakobiten und hatte einen Sohn bei Culloden verloren, was ihn hellsichtiger machte. »Eine Sache«, sagte er, »kommt mir sonderbar vor, und zwar, wie er nach Cockermouth kam.«

»Nach Cockermouth?« fragte ich und erinnerte mich plötzlich an mein erstes Erstaunen, als ich sah, wie der Mensch nach einer so langen Reise in tadelloser Kleidung ans Land stieg.

»Nun ja«, sagte der Pächter, »dort wurde er von Kapitän Crail an Bord genommen. Sie dachten, er sei direkt zur See von Frankreich gekommen? Das glaubten wir damals alle.«

Ich überlegte mir die Dinge eine Zeitlang und trug sie dann Mr. Henry vor.

»Das ist eine sonderbare Angelegenheit«, sagte ich und erzählte ihm alles.

»Was tut es, wie er herüberkam, Mackellar, solange er hier ist?« grollte Mr. Henry.

»Nein, Herr«, sagte ich, »denken Sie doch darüber nach! Riecht das nicht nach Einverständnis mit der Regierung? Sie wissen, wie sehr wir uns bereits über sein Gefühl der Sicherheit gewundert haben.«

»Halt!« rief Mr. Henry. »Laßt mich darüber nachdenken.« Und als er nachdachte, kam jenes grimmige Lächeln in sein Gesicht, das ein wenig erinnerte an das des Junkers. »Geben Sie mir ein Blatt Papier«, sagte er. Und er setzte sich ohne weitere Erklärungen nieder und schrieb an einen Edelmann seiner Bekanntschaft – ich will keine unnötigen Namen nennen, aber er war in einer sehr gehobenen Stellung. Diesen Brief ließ ich durch den einzigsten Menschen befördern, auf den ich mich in solchen Fällen verlassen konnte, Macconochie, und der alte Mann ritt scharf, denn er war mit der Antwort zurück, bevor selbst mein Übereifer gehofft hatte, ihn erwarten zu dürfen. Wieder hatte Mr. Henry dasselbe grimmige Lächeln auf seinem Gesicht, als er sie las.

»Das ist das beste, was Sie bisher für mich geleistet haben, Mackellar«, sagte er, »mit diesem Brief in meiner Hand werde ich ihm einen Hieb versetzen. Beobachten Sie uns beim Mittagessen.«

Beim Essen schlug Mr. Henry seinem Plane entsprechend vor, der Junker solle sich in aller Öffentlichkeit zeigen, und, wie er hoffte, widersprach der alte Lord wegen der damit verbundenen Gefahren.

»Ach«, sagte Mr. Henry leichthin, »du brauchst mir das nicht mehr vorzuspielen, ich kenne dein Geheimnis so gut wie du selbst.«

»Ein Geheimnis?« fragte der Lord. »Was willst du damit sagen, Henry? Ich gebe dir mein Wort, daß ich kein Geheimnis kenne, das dir verborgen ist.«

Der Junker hatte die Farbe gewechselt, und ich bemerkte, daß der Hieb gesessen hatte.

»Wie?« sagte Mr. Henry und wandte sich ihm mit anscheinend großem Erstaunen zu. »Ich sehe, daß du deinem Lord ein sehr treuer Diener bist, aber ich hätte geglaubt, du besäßest genug Menschlichkeit, deinen alten Vater zu beruhigen.«

»Wovon sprichst du? Ich will nicht, daß meine Angelegenheiten öffentlich diskutiert werden. Ich befehle, daß du Schluß machst!« rief der Junker mit törichter Leidenschaft aus, mehr wie ein Kind denn als Mann.

»So viel Verschwiegenheit erwartete man nicht von dir, des kann ich dich versichern«, fuhr Mr. Henry fort. »Sieh hier, was man mir schreibt«, und er entfaltete den Brief: »Es liegt selbstverständlich sowohl im Interesse der Regierung, als auch des Herrn, den wir vielleicht am besten auch weiterhin Mr. Bally nennen, diesen Vertrag geheimzuhalten, aber man hat nie verlangt, daß seine eigene Familie andauernd in jener Ungewißheit gehalten werden sollte, die Sie mir so lebendig schildern, und ich wäre erfreut, wenn mein Schreiben die Veranlassung wäre, diese Befürchtungen aus der Welt zu schaffen. Mr. Bally ist in Großbritannien ebenso sicher wie Sie selbst.«

»Ist das möglich?« rief der alte Lord aus, indem er seinen Sohn mit höchst verwunderter Miene und mit noch größerem Mißtrauen anschaute.

»Mein teurer Vater«, sagte der Junker, der bereits seine Fassung wiedergewonnen hatte, »ich bin außerordentlich erfreut, daß alles jetzt offenbar geworden ist. Meine eigenen Instruktionen, die ich direkt von London erhielt, lauteten völlig entgegengesetzt, und ich war verpflichtet, die Vergünstigung, die man mir gewährte, vor jedermann geheimzuhalten, auch vor dir, und sogar ganz besonders vor dir, wie ich schwarz auf weiß beweisen kann, wenn ich das Schreiben nicht vernichtet habe. Sie müssen ihre Ansicht sehr rasch gewechselt haben, denn der Befehl liegt nicht sehr lange zurück, oder der Herr, mit dem Henry sich in Verbindung gesetzt hat, muß diesen Teil der Vereinbarung mißverstanden haben, wie er anscheinend auch alles andere mißverstanden hat. Um dir die Wahrheit zu gestehen, mein Lord«, fuhr er fort und wurde sichtlich ruhiger, »ich lebte in der Vermutung, daß dies unerklärliche Wohlwollen einem Rebellen gegenüber zurückzuführen sei auf ein Gnadengesuch von deiner Seite, und ich erklärte mir den Befehl, auch meiner Familie gegenüber das Geheimnis zu bewahren, damit, daß du selbst den Wunsch ausgesprochen hättest, diese Gnade solle verborgen bleiben. Deshalb war ich um so mehr bemüht, die Weisungen zu befolgen. Nun ist man darauf angewiesen zu erraten, durch welche anderen Kanäle so viel Nachsicht einem so offenkundigen Verbrecher wie mir zugeflossen ist. Ich glaube nicht, daß dein Sohn sich verteidigen muß gegen das, was in Henrys Brief angedeutet zu sein scheint. Noch nie hörte ich von einem Durrisdeer, der ein Überläufer oder ein Spion war!« sagte er stolz.

Und so schien es, als ob er unbehelligt aus der Gefahrenzone herausgeschwommen sei, aber er hatte einen Fehler nicht berechnet, den er gemacht hatte, und die Hartnäckigkeit nicht berücksichtigt, die Mr. Henry bewies, der nun zeigte, daß er etwas von seines Bruders Geist besaß.

»Du sagst, daß die Weisung aus neuerer Zeit stammt«, sagte Mr. Henry. – »Ja, aus neuerer Zeit«, antwortete der Junker, als ob er seiner Sache ganz sicher sei, aber doch nicht ohne leises Zögern.

»Aus so neuer Zeit, wie hier steht?« fragte Mr. Henry wie jemand, der vor einem Rätsel steht, und breitete den Brief noch einmal aus. In dem ganzen Schreiben stand kein Wort über das Datum, aber wie sollte der Junker das wissen?

»Für mich war es spät genug«, sagte er lachend, und beim Klang dieses Lachens, das gebrochen herauskam wie der Ton einer geborstenen Glocke, blickte der alte Lord ihn über den Tisch hinweg wieder an, und ich sah, wie seine alten Lippen sich scharf aufeinanderpreßten.

»Ich entsinne mich doch«, warf Mr. Henry ein, und schaute immer noch auf den Brief, »daß du sagtest, die Weisung stamme aus der allerletzten Zeit.«

Und nun sahen wir, daß wir gesiegt hatten, aber erhielten gleichzeitig auch den stärksten Beweis für die unglaubliche Nachsicht des Lords, denn er sah sich sofort veranlagt, seinen Lieblingssohn vor einer Bloßstellung zu retten!

»Ich denke, Henry«, sagte er mit einer Art mitleidvollen Eifers, »ich denke, wir brauchen nicht mehr darüber zu reden. Wir sind alle erfreut, daß wir deinen Bruder endlich in Sicherheit wissen, wir sind alle einig darüber, und als dankbare Untertanen müssen wir auf die Gesundheit und das Wohlwollen des Königs trinken.«

Auf diese Weise entschlüpfte der Junker aus der Schlinge, aber letzten Endes war er doch in die Verteidigungsstellung getrieben worden. Er hatte sich lahm aus der Affäre gezogen, und der Zauber, der ihn umgeben hatte wegen der Lebensgefahr, in der er zu schweben schien, war ihm nun in aller Öffentlichkeit geraubt worden. Der alte Lord wußte jetzt in seinem Innersten, daß sein Lieblingssohn ein Spion der Regierung war, und Mrs. Henry – wie immer sie sich die Geschichte erklären mochte – war sichtbar kalt in ihrem Benehmen gegen den entlarvten Helden der Romantik. So besitzt jedes Gewebe der Doppelzüngigkeit einen schwachen Punkt, und wenn man ihn erwischt, löst es sich gänzlich auf. Hätten wir durch diesen glücklichen Vorstoß das Idol des alten Lords nicht erschüttert: wer kann sagen, wie es uns bei der kommenden Katastrophe ergangen wäre?

Und doch schienen wir im Augenblick nichts erreicht zu haben. Nach ein oder zwei Tagen hatte der Junker den schlechten Eindruck seiner Lügereien verwischt und stand allem Anschein nach so hoch wie immer. Was den alten Lord Durrisdeer betraf, so war er in väterlicher Parteilichkeit befangen; es war nicht so sehr Liebe, die ja eine aktive Eigenschaft sein sollte, als vielmehr Teilnahmlosigkeit und Unterdrückung seiner anderen Fähigkeiten, und Verzeihung, um das edle Wort hier trotz allem anzuwenden, strömte aus reiner Weichmütigkeit aus ihm heraus wie Tränen der Greisenhaftigkeit. Der Fall lag bei Mrs. Henry anders, und der Himmel allein weiß, was er ihr zu sagen wußte oder wie er sie abbrachte von der Verachtung für ihn. Es ist eine der schlimmsten Eigenarten des Gefühls, daß die Stimme wichtiger werden kann als die Worte und der Sprecher als das, was geredet wird. Aber irgendeine Entschuldigung muß der Junker gefunden haben, ja, vielleicht hatte er sogar einen Kunstgriff angewandt, um diese Bloßstellung zu seinem eigenen Vorteil auszuschlachten, denn nach einiger Zeit der Kälte schien es, als ob die Dinge zwischen ihm und Mrs. Henry schlimmer stünden als zuvor. Sie waren damals ständig zusammen. Man darf mich nicht in Verdacht haben, daß ich einen Schatten des Tadels auf diese unglückselige Frau werfen will, ich rüge nur ihre halb willkürliche Blindheit und glaube, daß sie in diesen letzten Tagen mit dem Feuer spielte. Ob ich nun recht oder unrecht habe, eins ist sicher und völlig genügend: Mr. Henry dachte so. Der arme Edelmann saß tagelang in meinem Zimmer und bot ein so trauriges Bild der Niedergeschlagenheit, daß ich nie wagte ihn anzureden, aber man darf annehmen, daß schon meine Gegenwart und das Bewußtsein meiner Teilnahme ihm einigen Trost bereiteten. Es gab auch Zeiten, wo er sprach, und es war eine sonderbare Art des Sprechens. Niemals wurde eine Person genannt oder auf irgendeinen besonderen Umstand Bezug genommen, aber wir hatten dieselben Dinge in unserem Geiste vor uns und wußten es beide. Es ist eine eigenartige Art der Unterhaltung, die man auf diese Weise ausüben kann: stundenlang über eine Sache zu sprechen, ohne sie zu nennen oder auch nur anzudeuten. Und ich erinnere mich, daß ich darüber nachdachte, ob es vielleicht auf eine natürliche Begabung dieser Art zurückzuführen sei, wenn der Junker den ganzen Tag lang Mrs. Henry seine Liebe offenbarte, wie er es ohne Zweifel tat, ohne sie jemals zur Zurechtweisung zu zwingen.

Um zu zeigen, wie weit die Dinge mit Mr. Henry gekommen waren, will ich einige seiner Worte wiedergeben, die er, wie ich nie vergessen werde, am 26. Februar 1757 äußerte. Es war unverhältnismäßig schlechtes Wetter, eine Art Wiederkehr des Winters: windstill, bitterkalt, die Welt weiß von Reif, die Wolken niedrig und grau, das Meer schwarz und schweigend wie ein toter Steinbruch. Mr. Henry saß dicht beim Kamin und debattierte darüber, wie es damals seine Gewohnheit war, ob »ein Mensch« handeln müsse, ob »Dazwischentreten klug sei« und ähnliche Möglichkeiten, die uns besonders nahelagen. Ich stand am Fenster und schaute hinaus, als unten der Junker, Mrs. Henry und Miß Katharine, dies ständige Trio, vorübergingen. Das Kind lief hin und her, erfreut über die Kälte; der Junker sprach dicht zum Ohr der Lady mit einer teuflischen Liebenswürdigkeit der Überredung, wie es selbst auf diese Entfernung erschien, und sie ihrerseits blickte zu Boden wie jemand, der ganz im Zuhören verloren ist. Ich durchbrach meine Zurückhaltung.

»Wenn ich Sie wäre, Mr. Henry«, sagte ich, »würde ich mit dem alten Lord offen sprechen.«

»Mackellar, Mackellar«, sagte er, »Sie sehen nicht die Unsicherheit des Bodens, auf dem ich stehe. Ich kann solch niedrige Gedanken niemandem vortragen, am wenigsten meinem Vater, das würde mir seine tiefste Verachtung eintragen. Die Schwäche meiner Position«, fuhr er fort, »beruht auf mir selbst, denn ich gehöre nicht zu denen, die Liebe erzwingen können. Ich besitze ihre Dankbarkeit, sie alle sagen mir das, ich habe einen reichen Vorrat davon. Aber ich bin nicht gegenwärtig in ihren Gemütern, sie fühlen sich nicht bewegt, mit mir oder für mich zu denken. Das ist mein Schicksal!«

Er erhob sich und trat das Feuer aus. »Aber irgendein Ausweg muß gefunden werden, Mackellar«, sagte er und blickte mich plötzlich über die Schulter an, »irgendein Mittel muß ausfindig gemacht werden. Ich bin ein Mensch von sehr großer Geduld, von allzu großer, allzu großer Geduld. Ich beginne mich selbst zu verachten. Niemals war ein Mensch so in Netze verstrickt!« Er fiel in sein Brüten zurück.

»Nur Mut!« sagte ich, »das Netz wird von selbst zerreißen.«

»Ich habe den Zorn längst hinter mir«, antwortete er, was so wenig Beziehung zu meiner Bemerkung hatte, daß ich die Unterhaltung abbrach.

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