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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 4
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
correctorreuters@abc.de
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Drittes Kapitel

Die Irrfahrten des Junkers (Aus den Memoiren des Chevalier de Burke)

Ich verließ Ruthven, wie ich kaum zu bemerken brauche, mit weit größerer Genugtuung, als wie ich gekommen war, aber ob ich nun meinen Weg in den Einöden verlor, oder ob meine Kameraden mich verließen: bald fand ich mich allein. Das war eine sehr unangenehme Lage, denn ich habe dies wüste Land und unkultivierte Volk nie begriffen, und der letzte Streich, den uns der Prinz mit seinem Rückzug spielte, hatte uns bei den Irländern noch unbeliebter als zuvor gemacht. Ich dachte über meine schlechten Aussichten nach, als ich einen zweiten Reiter oben auf dem Hügel sah, den ich zuerst für ein Gespenst hielt, da ganz allgemein in der Armee angenommen wurde, er sei in vorderster Front bei Culloden gefallen. Es war der Junker von Ballantrae, Sohn des Lord Durrisdeer, ein junger Edelmann von außergewöhnlicher Tapferkeit und Begabung, der von Natur aus berufen war, bei Hof zu glänzen und soldatische Lorbeeren zu ernten. Unsere Begegnung war um so angenehmer für uns beide, als er einer der wenigen Schotten war, der die Irländer anständig behandelt hatte, und der mir nun sehr große Dienste leisten konnte auf meiner Flucht. Was jedoch unsere Freundschaft im besonderen begründete, war ein Geschehnis, das an sich so romantisch war wie irgendeine Legende über König Arthur.

Es war am zweiten Tage unserer Flucht, nachdem wir eine Nacht im Regen am Abhang eines Berges geschlafen hatten. Wir trafen dort einen Mann aus Appin, Alan Black Steward (oder ein ähnlicher Name, Anm. Mr. Mackellare: Sollte das nicht Alan Breck Steward gewesen sein, später als Mörder von Appin berüchtigt? Der Chevalier nimmt es oft mit den Namen nicht sehr genau. aber ich habe ihn später in Frankreich wiedergesehen), der zufällig desselben Weges kam und auf meinen Kameraden eifersüchtig war. Es wurden grobe Bemerkungen gewechselt, und Steward forderte den Junker auf, abzusteigen und die Sache auszufechten.

»Nun, Mr. Steward«, sagte der Junker, »ich halte es gegenwärtig für besser, ein Rennen mit Ihnen zu veranstalten.« Und bei diesen Worten gab er seinem Pferde die Sporen.

Steward lief hinter uns her, und zwar mehr als eine Meile, was sehr kindisch war, so daß ich lachen mußte, als ich mich schließlich umsah und ihn auf dem Hügel erblickte, wie er die Hand in die Seite stemmte und vom Laufen fast platzte.

»Aber trotz allem«, sagte ich zu meinem Kameraden, »würde ich keinen Menschen hinter mir herlaufen lassen aus einem solchen Grunde, ohne ihm zu Willen zu sein. Es war ein guter Scherz, aber es riecht etwas nach Feigheit.«

Er runzelte die Stirn. »Ich tue genug«, sagte er, »wenn ich mich mit dem unbeliebtesten Mann in Schottland verbinde, das beweist genug Mut.«

»Nun, verteufelt«, sagte ich, »ich könnte Ihnen ohne Fernrohr einen noch unbeliebteren zeigen. Und wenn Sie meine Gesellschaft nicht wünschen, will ich mich mit einem anderen zusammentun.«

»Oberst Burke«, sagte er, »wir wollen nicht streiten, seien Sie sicher, daß ich der ungeduldigste Mann von der Welt bin.«

»Ich bin ebensowenig geduldig wie Sie«, sagte ich, »und jeder soll es wissen.«

»Unter diesen Umständen«, antwortete er und hielt sein Pferd an, »wollen wir nicht weiterziehen. Ich schlage vor, daß wir uns entscheiden: entweder kämpfen wir, und die Sache ist erledigt, oder wir einigen uns dahin, daß wir gegenseitig alles voneinander ertragen wollen.«

»Wie zwei Brüder?« fragte ich.

»Solchen Unsinn habe ich nicht gesagt«, antwortete er. »Ich habe selbst einen Bruder und schätze ihn nicht höher als einen Kohlkopf. Wenn wir aber auf unserer Flucht gemeinsame Sache machen wollen, sollten wir uns wie Wilde benehmen und uns zuschwören, daß keiner den anderen verachten oder verraten wird. Ich bin im Grunde ein verteufelt schlechter Kerl und finde es langweilig, Tugenden vorzuschützen.«

»Oh, ich bin so schlecht wie Sie«, sagte ich, »Francis Burke hat keine Milch in den Adern. Aber was ist? Kämpfen wir oder schließen wir Freundschaft?«

»Nun«, sagte er, »es wird am besten sein, wir werfen eine Münze.«

Dieser Vorschlag war so ritterlich, daß er mich gefangennahm, und so sonderbar das bei zwei hochgeborenen Edelleuten heutzutage erscheinen mag, warfen wir eine halbe Krone hoch wie alte Paladine, um ausfindig zu machen, ob wir uns einander die Gurgel abschneiden oder Freunde sein sollten. Romantischer kann ein Geschehnis kaum sein, und es gehört zu jenen meiner Erinnerungen, aus denen man entnehmen kann, daß die alten Erzählungen Homers und anderer Dichter heute ebensoviel Wahrheit haben wie in Vorzeiten, wenigstens bei adligen und vornehmen Leuten. Die Münze entschied für Frieden, und wir reichten uns die Hände zum Zeichen des Paktes. Und dann erklärte mir mein Kamerad, warum er vor Mr. Steward davongerannt sei, und sein Gedankengang war ohne Zweifel seiner Schlauheit würdig. Der Bericht von seinem Tode, sagte er, sei für ihn ein großer Schutz, und da Mr. Steward ihn erkannt habe, sei er für ihn eine Gefahr. Er habe deshalb das beste Mittel gewählt, um diesen Gentleman zum Schweigen zu veranlassen. »Denn«, fuhr er fort, »Alan Black ist zu eitel, um eine solche Geschichte von sich selbst zu erzählen.«

Gegen Nachmittag gelangten wir zum Ufer jener Bucht, die wir erreichen wollten, und dort lag das Schiff, das soeben vor Anker gegangen war. Es war die »Sainte-Marie-des-Anges«, beheimatet in Havre de Grace. Der Junker gab ein Zeichen, daß man ein Boot herausschicke, und fragte mich, ob ich den Kapitän kenne. Ich erzählte ihm, er sei ein Landsmann von mir, von untadeligem Charakter, aber, wie ich fürchtete, ziemlich furchtsam.

»Das macht nichts«, sagte er, »auf alle Fälle soll er die Wahrheit hören.«

Ich fragte ihn, ob er damit die Schlacht meine, denn wenn der Kapitän erführe, daß unsere Sache erledigt sei, würde er sofort in See stechen.

»Wennschon!« sagte er. »Waffen nützen jetzt nichts mehr.«

»Lieber Mann«, sagte ich, »wer denkt an Waffen? Aber wir müssen doch auf unsere Freunde Rücksicht nehmen! Sie sind uns dicht auf den Fersen, und mit ihnen vielleicht der Prinz selbst, und wenn das Schiff abfährt, werden sehr viele wertvolle Leben in Gefahr kommen.«

»Der Kapitän und seine Mannschaft wollen auch leben, wenn es sich darum handelt«, sagte Ballantrae.

Ich erklärte, das sei fauler Zauber, und ich wünsche nicht, daß der Kapitän die Wahrheit erfahre. Aber dann gab Ballantrae mir eine so witzige Antwort, daß ich um ihretwillen und auch, weil man mir selbst Vorwürfe gemacht hat wegen dieser Sache mit der »Sainte-Marie-des-Anges«, die ganze Unterhaltung wiedergebe, wie sie sich zugetragen hat.

»Frank«, sagte er, »erinnere dich an unseren Pakt. Ich darf nicht widersprechen, wenn du deinen Mund hältst, wozu ich dich sogar hierdurch auffordere, aber nach denselben Bedingungen darfst du nicht widersprechen, wenn ich alles erzähle.«

Ich konnte nicht umhin, über diese Rede zu lachen, obgleich ich ihn nochmals warnte vor den Folgen.

»Der Teufel soll die Folgen holen!« sagte der kühne Bursche, »ich habe immer getan, was ich wollte.«

Es ist bekannt, daß meine Voraussage eintraf. Kaum hatte der Kapitän die Wahrheit erfahren, als er die Taue durchhieb und in See stach. Noch vor Anbruch des Morgens waren wir im großen Kanal.

Das Schiff war sehr alt, und der Kapitän war einer der unfähigsten Leute, obgleich er sehr ehrenhaft und außerdem Ire war. Der Wind blies stürmisch, und die See stand hoch. Den ganzen Tag spürten wir keine Lust zu essen oder zu trinken und gingen etwas besorgt zu Bett, und in der Nacht schlug der Wind plötzlich nach Nordosten um, als ob er uns eine Lektion erteilen wollte, und wurde zum Orkan. Wir wachten auf durch das furchtbare Getöse des Sturmes und das Getrampel der Mannschaft an Deck, so daß ich vermutete, unsere letzte Stunde sei gekommen. Das Grauen in meiner Seele wurde grenzenlos verstärkt durch Ballantrae, der sich über meine Gebete lustig machte. In solchen Stunden erscheint der Mensch, der noch einige Frömmigkeit besitzt, in seinem wahren Licht, und man findet bestätigt, was uns als Kinder gelehrt wurde, daß man sich auf weltlich gesinnte Freunde nicht verlassen kann. Ich wäre meiner Religion unwürdig, wenn ich das nicht besonders bemerkte. Drei Tage lang lagen wir im Dunkel der Kajüte und hatten nur einen Schiffszwieback zu knabbern.

Am vierten Tage flaute der Wind ab, aber das Schiff hatte die Masten verloren und trieb auf hohen Wellenbergen. Der Kapitän hatte keine Ahnung, wohin wir verschlagen waren, er kannte sein Gewerbe sehr schlecht und rief immer nur die Heilige Jungfrau an: sicher sehr lobenswert, aber mit der Seemannskunst hat es wenig zu tun. Allem Anscheine nach war unsere einzige Hoffnung, von einem anderen Schiff gerettet zu werden, und wenn es zufällig ein englisches war, dann gnade Gott dem Junker und mir.

Den fünften und sechsten Tag wurden wir hilflos hin und her geworfen. Am siebenten setzten wir einige Segel, aber das Schiff war sehr schwerfällig, und wir konnten nur ein wenig vor dem Winde segeln. Die ganze Zeit waren wir tatsächlich nach Südwesten getrieben, und während des Sturmes sogar mit unerhörter Gewalt. Der neunte Tag war kalt und dunkel, die See ging turmhoch, und alles deutete auf schlimmstes Wetter.

In dieser Lage waren wir heilfroh, als wir am Horizont ein kleines Schiff sichteten und wahrnahmen, daß es die »Sainte-Marie« ansteuerte. Aber unsere Freude dauerte nicht lange. Denn als es beigedreht und ein Boot ausgesetzt hatte, stellte sich heraus, daß es mit wilden Gesellen bemannt war, die sangen und schrien, während sie zu uns herüberruderten, und laut fluchend mit nackten Dolchen unser Verdeck überschwärmten. Der Anführer war ein furchtbarer Strolch, der sein Gesicht geschwärzt und seinen Schnurrbart gekräuselt hatte. Sein Name war Teach, ein weithin bekannter Pirat. Er trottete über unser Deck, brüllte und schrie, sein Name sei Satan und sein Schiff heiße die Hölle. Er sah ungefähr aus wie ein bösartiges Kind oder wie ein Halbidiot, so daß er mich über alle Maßen anwiderte. Ich flüsterte Ballantrae ins Ohr, daß es das klügste sei, wenn wir uns ihm zur Verfügung stellten, und flehte zu Gott, daß man uns gebrauchen könnte. Ballantrae stimmte mir kopfnickend zu.

»Verflucht«, sagte ich zu Meister Teach, »wenn Sie der Satan sind, bin ich ein Teufel für Sie.«

Das Wort gefiel ihm, und, um nicht lange bei diesen üblen Dingen zu verweilen, Ballantrae und ich sowie zwei andere Leute wurden sofort angeworben, während der Kapitän und die ganze andere Mannschaft ins Meer geworfen wurden, indem man sie über eine Planke laufen ließ. Ich sah das zum ersten Male, und mein Herz erstarrte in der Brust. Meister Teach oder einer seiner Spießgesellen (denn mein Kopf war zu verwirrt, um klare Gedanken zu haben) machte über die Blässe meines Gesichts eine sehr verdächtige Bemerkung. Ich hatte die Geistesgegenwart, ein oder zwei Tanzschritte zu machen und irgendeine Zote herauszuschreien, was mich rettete, aber meine Beine waren wie Wasser, als ich mit diesen Kreaturen ins Boot steigen mußte, und um mein Entsetzen über die Fahrtgenossen und meine Angst vor den ungeheuren Wellen zu verbergen, konnte ich nur irisch fluchen und ein paar Witze reißen, als wir an Bord gebracht wurden. Gott fügte es in seiner Gnade, daß auf dem Piratenschiff eine Geige war, die ich sofort an mich riß, und da ich ein guter Fiedler bin, hatte ich das himmlische Glück, in ihren Augen Gefallen zu finden. Sie gaben mir den Spitznamen »Fiedelfritze«, aber das war mir gleichgültig, solange meine Haut heil blieb.

Was für ein Tollhaus das Schiff war, kann ich nicht beschreiben, aber es wurde von einem Irrsinnigen befehligt, und man konnte es eine Verrücktenanstalt nennen. Man trank, brüllte, sang, stritt und tanzte den ganzen Tag, keiner war nüchtern, und es gab Tage, an denen uns ein aufkommender Sturm in die Tiefe versenkt hätte. Wäre ein Kriegsschiff gekommen, so hätten wir an Verteidigung nicht denken können. Einige Male sichteten wir ein Segelschiff und raubten es aus – Gott vergebe uns! – wenn wir nüchtern genug waren. Es entkam nur, wenn wir alle zu betrunken waren, und ich flehte stets zu allen Heiligen. Teach herrschte durch den Schrecken, den er verursachte, wenn man das Herrschen nennen konnte, was keine Ordnung schuf. Ich stellte fest, daß der Mann sehr eitel war auf seine Stellung. Ich habe Marschälle von Frankreich und sogar schottische Hochländerhäuptlinge kennengelernt, die sich weniger offensichtlich aufblähten, was ein sonderbares Licht wirft auf die Bedeutung von Ehre und Ruhm. Je länger wir leben, desto mehr begreifen wir in der Tat die Weisheit des Aristoteles und anderer alter Philosophen, und obgleich ich während meines ganzen Lebens immer nach rechtmäßigen Auszeichnungen strebte, kann ich die Hand aufs Herz legen und am Ende meiner Karriere erklären, daß keine Ehre, ja, daß das Leben selbst nicht wert ist, erstrebt und erhalten zu werden, wenn man dafür mit seiner Würde bezahlen muß.

Es dauerte lange, bevor ich mit Ballantrae vertraulich sprechen konnte, aber schließlich krochen wir eines Nachts auf den Bugspriet, als die andern sich vergnügten, und jammerten über unsere Lage.

»Niemand kann uns retten als die Heiligen«, sagte ich.

»Ich bin ganz anderer Ansicht«, antwortete Ballantrae, »denn ich werde mich selber retten. Dieser Teach ist eine höchst jämmerliche Kreatur, wir erlangen keinen Vorteil durch ihn und laufen immer Gefahr, gefangengenommen zu werden. Aber ich«, sagte er, »habe nicht die Absicht, um nichts ein lumpiger Pirat zu bleiben oder in Ketten zu geraten, wenn ich es vermeiden kann.« Dann erzählte er mir, daß er die Absicht habe, die Disziplin auf dem Schiff zu verbessern, was uns in unserer gegenwärtigen Lage helfen werde und uns größere Hoffnung auf Befreiung gebe für den Zeitpunkt, wo diese Leute genug zusammengeraubt hätten und auseinander gehen wollten.

Ich bekannte offen, daß meine Nerven durch die entsetzliche Umgebung ganz zerrüttet seien, und daß er kaum auf mich rechnen könne.

»Ich lasse mich nicht sehr leicht erschrecken«, antwortete er, »und bin nicht leicht zu schlagen.«

Einige Tage später ereignete sich etwas, was uns alle nahezu an den Galgen gebracht hätte und die Narretei deutlich macht, die unter uns herrschte. Wir waren alle ziemlich betrunken, als einer der Irrsinnigen ein Segelschiff erblickte. Teach machte sich sofort an die Verfolgung, ohne näher hinzublicken, und wir rasselten mit den Waffen und rühmten uns der Schreckenstaten, die bald folgen sollten. Ich beobachtete, wie Ballantrae am Bug stand und die Hand vor Augen hielt, um hinauszuschauen, aber ich selbst, treu meinem Gehabe inmitten dieser Wilden, benahm mich mit am tollsten und riß irische Witze, um sie zu erheitern.

»Die Flagge hoch!« schrie Teach, »zeigt diesen Gaunern den lustigen Wimpel von Irland!«

Das war die tolle Verrücktheit eines Trunkenboldes in solchem Augenblick und konnte uns eine wertvolle Beute rauben, aber ich hielt es nicht für meine Pflicht, nachzudenken und riß mit eigener Hand die schwarze Flagge hoch.

Ballantrae kam plötzlich nach hinten, ein Lächeln auf dem Gesicht.

»Du weißt vielleicht nicht, daß du ein Kriegsschiff verfolgst, du betrunkener Hund!« sagte er.

Teach brüllte ihn an, er lüge, aber rannte doch sofort zur Reling, und alle folgten ihm. Nie habe ich so viele Menschen plötzlich nüchtern werden sehen. Der Kreuzer hatte beigedreht, als er unsere unverschämte Herausforderung wahrnahm, und war gerade dabei, einen neuen Kurs zu steuern. Seine Flagge flog im Winde, und als wir eben hinüberstarrten, erhob sich eine Rauchwolke, dann folgte ein Krachen, und ein Schuß sauste in die Wogen ziemlich weit vor uns. Einige stürzten zu den Segeltauen und rissen die »Sarah« mit unglaublicher Schnelligkeit herum. Einer der Burschen griff nach dem Rumfaß, das angezapft auf Deck stand, und rollte es sofort über Bord. Ich selbst sprang zur Flagge, riß sie herunter und schleuderte sie ins Meer. Ich hätte mich selbst hinterher stürzen können, so zornig war ich über unsere Torheit. Teach wurde bleich wie der Tod und ging unverzüglich in seine Kajüte. Nur zweimal kam er an diesem Nachmittag wieder an Deck, ging zum Heck, warf einen langen Blick auf das Kriegsschiff, das uns immer noch verfolgte, und stieg wieder in die Kajüte, ohne ein Wort zu sprechen. Man darf behaupten, daß er uns im Stich ließ, und wenn wir nicht einen sehr begabten Seemann an Bord gehabt hätten und der Wind nicht so günstig gewesen wäre, wären wir ohne Zweifel dem Arm der Gerechtigkeit nicht entgangen.

Es war zu vermuten, daß Teach sich gedemütigt fühlte und um seine Stellung bangte. Jedenfalls ist die Art, wie er seine Einbuße wieder aufholen wollte, sehr bezeichnend für den Mann. Am nächsten Tage in aller Frühe rochen wir, wie er in seiner Kajüte Schwefel verbrannte und ausrief: »Hölle, Hölle!«, was die Mannschaft sofort verstand und ihre Herzen beklommen machte. Bald darauf kam er an Deck, wie ein Harlekin anzuschauen, das Gesicht geschwärzt, Haar und Schnurrbart gekräuselt, den Gurt voller Pistolen. Er kaute auf kleinen Glassplittern, so daß das Blut über sein Kinn lief, und schwang einen Dolch. Ich weiß nicht, ob er diese Methode von den Indianern in Amerika gelernt hatte, woher er stammte, aber er benahm sich immer so, wenn er Schreckenstaten ankündigen wollte. Der erste, der ihm zu nahe kam, war der Bursche, der tags zuvor das Rumfaß über Bord gerollt hatte. Er jagte ihm den Dolch ins Herz und fluchte, er sei ein Meuterer, und dann hüpfte er um den Leichnam herum, tobte und brüllte und forderte uns auf, heranzukommen. Ein höchst lächerliches Benehmen und doch gefährlich, denn der feige Kerl machte sich offenbar Mut zu einem zweiten Mord.

Plötzlich ging Ballantrae auf ihn zu. »Laßt diesen Unfug!« sagte er. »wollt Ihr uns bange machen mit solchen Verrücktheiten? Gestern wart Ihr nicht zu sehen, als wir Euch brauchten, und wir sind gut ohne Euch ausgekommen, das laßt Euch gesagt sein.«

Eine Bewegung und ein Murmeln der Freude und Aufregung ging durch die Mannschaft, und ich glaube, beides war gleich stark. Teach stieß ein indianerhaftes Geheul aus und schwang seinen Dolch, um ihn zu schleudern, eine Kunst, in der er wie viele Seeleute sehr erfahren war.

»Schlagt ihm das Ding aus der Hand!« rief Ballantrae so plötzlich und scharf, daß mein Arm ihm gehorchte, bevor mein Verstand alles begriffen hatte.

Teach stand da wie ein Idiot und dachte nicht an seine Pistolen.

»Geht in Eure Kajüte!« rief Ballantrae, »und kommt nicht wieder an Deck, bevor Ihr nüchtern seid. Glaubt Ihr, daß wir um Euretwillen hängen wollen, Ihr dreckiger, verrückter, trunkener Halunke und Schlächter? Hinunter!« Und er stampfte so heftig mit dem Fuß auf, daß Teach fast im Laufschritt zu seiner Kabine eilte.

»Und nun, Kameraden«, sagte Ballantrae, »ein Wort für euch. Ich weiß nicht, ob ihr nur aus Vergnügen Glücksritter seid, aber ich bin es nicht. Ich will Geld machen und dann an Land gehen und es als Mensch ausgeben. Zu einem bin ich entschlossen: ich will nicht gehängt werden, wenn ich es vermeiden kann. Kommt, helft mir, ich bin ja nur ein Anfänger. Ist denn keine Möglichkeit, etwas Disziplin und Vernunft in dies Unternehmen zu bringen?«

Einer der Leute begann zu reden, er sagte, sie müßten von Rechts wegen einen Quartiermeister haben, und kaum war das Wort aus seinem Munde, als sie alle derselben Meinung waren. Durch Zuruf wurde Ballantrae zum Quartiermeister gewählt, der Rum wurde ihm anvertraut, man stimmte ab über Gesetze, ähnlich denen auf einem Piratenschiff, das von einem gewissen Roberts geführt wurde, und schließlich wurde der Vorschlag gemacht, Teach abzusetzen. Aber Ballantrae fürchtete sich vor einem fähigeren Kapitän, der ihm die Waage halten könnte, und widersprach sehr energisch. Teach, sagte er, sei gut genug, um Schiffe zu entern und mit geschwärztem Gesicht und Flüchen Trottel zu erschrecken. Wir würden kaum einen besseren Mann für diese Zwecke finden als Teach, und außerdem sei er jetzt mißachtet und so gut wie abgesetzt, so daß wir seinen Anteil am Raub vermindern könnten. Das gab den Ausschlag, der Anteil von Teach wurde auf eine lächerliche Summe herabgedrückt, so daß er tatsächlich kleiner war als der meine, und es blieben nur noch zwei Punkte zu erledigen: erstens, ob er sich damit einverstanden erklären würde, und zweitens, wer ihm die Beschlüsse mitteilen sollte.

»Macht euch keine Sorge«, sagte Ballantrae, »ich werde es tun.«

Er ging zur Kajüte und trat dem betrunkenen Raufbold ganz allein entgegen.

»Das ist der richtige Mann für uns!« rief einer von den Leuten. »Drei Hurras für den Quartiermeister!« Sie wurden kräftig ausgebracht, meine eigene Stimme war die lauteste, und ich glaube, daß diese Hochrufe einen tiefen Eindruck machten auf Teach in seiner Kabine, wie wir denn in unseren Tagen ja gesehen haben, daß lautes Schreien auf den Straßen selbst die Gemüter von Gesetzgebern beunruhigen kann.

Was sich wirklich zutrug, wurde niemals bekannt, obgleich einige der Hauptpunkte später ruchbar wurden. Wir waren alle sehr aufgeregt und gleichzeitig auch sehr beruhigt, als Ballantrae mit Teach am Arm auf Deck erschien und verkündete, alles sei erledigt.

Ich überfliege rasch jene zwölf oder fünfzehn Monate, die wir noch im nördlichen Atlantik auf See blieben, indem wir Nahrung und Wasser von den Schiffen nahmen, die wir beraubten. Alles in allem machten wir sehr gute Geschäfte. Niemand wird gern so unerfreuliche Dinge lesen wie die Memoiren eines Piraten, und sei es auch eines unfreiwilligen wie ich. Unsere Pläne verwirklichten sich unendlich viel besser als früher, und Ballantrae behauptete seine Führerkraft von diesem Tage an zu meiner Verwunderung. Ich hatte gedacht, daß ein Gentleman überall an der Spitze stehen müsse, selbst an Bord eines Raubschiffes, aber von Geburt aus bin ich ebensoviel wie jeder andere schottische Lord und schäme mich nicht zu bekennen, daß ich bis zum Schluß der Fiedelfritze blieb und nicht viel mehr als ein Spaßmacher für die Besatzung war. Es war keine Umgebung, meine Tugenden ans Licht zu bringen. Meine Gesundheit litt aus den verschiedensten Ursachen, ich bin im Sattel durchaus mehr zu Hause als an Bord eines Schiffes, und um ehrlich zu sein, die Angst vor dem Meere lastete immerfort auf meiner Seele und war nur zu vergleichen mit der Furcht vor meinen Kameraden. Ich brauche mich meines Mutes nicht laut zu rühmen, ich habe mich auf vielen Schlachtfeldern unter den Augen berühmter Generale bewährt und meine letzte Auszeichnung durch eine Tat größter Tapferkeit vor vielen Zeugen gewonnen. Aber wenn wir ein fremdes Schiff entern mußten, fiel das Herz Francis Burkes in die Schuhe. Die kleine Nußschale, auf der wir fuhren, das entsetzliche Auftürmen der hohen Wogen, die Steilheit des Schiffes, das wir erklettern mußten, der Gedanke an große Besatzungen, die sich mit Recht verteidigten, der finstere Himmel, der in jenen Gegenden so oft dunkel auf unsere Abenteuer herunterblickte, und das Stöhnen des Windes in meinen Ohren: alles das waren Eindrücke, die meiner Tapferkeit zuwiderliefen. Außerdem, da ich immer ein Geschöpf von höchster Empfindsamkeit war, regten mich die Szenen, die einem erfolgreichen Angriff folgten, ebensosehr auf wie eine etwaige Niederlage. Zweimal fanden wir Frauen an Bord vor, und obgleich ich ganze Städte niederbrennen sah und noch kürzlich in Frankreich furchtbare öffentliche Tumulte miterlebte, hatten diese Piratenstücke wegen der geringen Anzahl der Kämpfenden inmitten der Meereswüste etwas höchst Aufregendes an sich. Ich gestehe offen, daß ich nicht mitmachen konnte, wenn ich nicht dreiviertel betrunken war, und der Mannschaft ging es ebenso. Teach selbst war unbrauchbar, bis er voll Rum war, und es war eine der schwierigsten Aufgaben Ballantraes, uns unser genaues Maß von Alkohol zu verabreichen. Selbst das tat er bewunderungswert; er war alles in allem der fähigste Mensch und der von der Natur begabteste, den ich je angetroffen habe. Er riß sich nicht einmal um die Gunst der Mannschaft, wie ich es durch fortwährenden Ulk wegen meiner Herzensangst tat, sondern bewahrte unter den meisten Umständen viel Würde und Distanz, so daß er wie ein Vater unter einer Familie von unerwachsenen Kindern oder wie ein Schulmeister unter seinen Zöglingen erschien. Seine Aufgaben waren um so schwerer zu erfüllen, als die Leute eingefleischte Nörgler waren; so gelinde Ballantraes Zucht war, widerstand sie doch ihrer Freiheitsliebe, und was noch schlimmer war: wenn sie nüchtern waren, hatten sie Zeit nachzudenken. Einige verfielen deshalb darauf, ihre verabscheuungswürdigen Verbrechen zu bereuen, und besonders einer, ein guter Katholik, mit dem ich mich manchmal beiseitestahl, um zu beten, vorzugsweise bei schlechtem Wetter, Nebel und strömendem Regen, wenn man uns weniger scharf beobachtete. Ich bin sicher, daß nie zwei Verbrecher im Zuchthaus ihre Andacht mit ernsterer Aufrichtigkeit verrichteten. Die anderen, die solche Hoffnungen nicht hegten, verfielen auf einen anderen Zeitvertreib, sie begannen die Beute nachzurechnen. Den ganzen Tag lang konnten sie ihre Anteile zählen und sich über das Resultat entrüsten. Ich habe gesagt, daß wir ziemlich gute Erfolge hatten, aber man bemerkt immer wieder, daß auf dieser Erde die Gewinne niemals den Erwartungen entsprechen. Wir fanden viele Schiffe und raubten sie aus, aber wenige nur enthielten viel Geld, ihre Ladung war gewöhnlich für uns wertlos, denn was sollten wir mit Pflügen oder gar mit Tabak machen, und es ist ein sehr qualvoller Gedanke, daß wir viele Besatzungen über das Brett ins Meer sandten, nur um etwas Schiffszwieback oder ein oder zwei Fässer Schnaps zu bekommen.

Inzwischen wurde unser Schiff sehr morsch, und es war hohe Zeit, unseren Zufluchtshafen anzusteuern, der in einer Flußmündung mitten in Sümpfen lag. Es war stillschweigend vereinbart, daß wir alsdann auseinander gehen und jeder seinen Beuteanteil fortschaffen sollte, und das machte jeden habgierig in Kleinigkeiten, so daß der Entschluß von Tag zu Tag hinausgezögert wurde. Schließlich führte ein nichtssagender Umstand, der dem Uneingeweihten lächerlich erscheinen mag, zur Entscheidung. Aber hier muß ich eine Erklärung einfügen. Von allen Schiffen, die wir ausraubten, bot nur eines ernsthaften Widerstand, nämlich das erste, auf dem sich Frauen befanden. Bei dieser Gelegenheit wurden zwei unserer Leute getötet und mehrere verletzt, und wenn Ballantrae nicht so tapfer gewesen wäre, hätte man uns schließlich ohne Zweifel zurückgeschlagen. Überall sonst war die Verteidigung, wenn sie überhaupt aufgenommen wurde, so schwach, daß die schlechtesten europäischen Truppen darüber gelacht hätten. Das Erklimmen der Bordseite war also unsere gefährlichste Aufgabe, und ich habe sogar gesehen, wie die armen Seelen an Bord uns Taue zuwarfen, so eifrig waren sie bemüht, uns zu helfen, dem Tode des Ertrinkens zu entgehen. Diese ständige Gefahrlosigkeit hatte unsere Leute verweichlicht, so daß ich verstehen konnte, warum Teach einen so tiefen Eindruck auf ihre Gemüter machte, denn die Anwesenheit dieses Irrsinnigen war unsere größte Lebensgefahr. Das Ereignis, das ich erwähnen will, war folgendes: Wir hatten ein kleines Vollschiff nahe vor uns im Nebel gesichtet. Es segelte ebenso gut wie wir oder, um der Wahrheit näher zu kommen, ebenso schlecht, und wir machten ein Wurfgeschoß klar, um den Leuten ein paar Speere um die Ohren sausen zu lassen. Die See ging außerordentlich hoch, das Schiff schaukelte über alle Maßen, und es war nicht zu verwundern, daß unsere Schützen dreimal feuerten und immer noch weit vom Ziele landeten. Aber in der Zwischenzeit hatte das Segelschiff eine Kanone am Heck klargemacht, was durch den dichten Nebel verborgen blieb, und da sie besser schossen, traf die erste Kugel unsern Bugspriet und zerfetzte unsere Kanoniere zu Brei, so daß wir alle mit Blut bespritzt wurden. Der Schuß drang durch das Deck ins Vorderschiff, wo unsere Schlafstätten waren. Ballantrae hätte ausgehalten, und kein echter Soldat hätte sich durch den Gegenangriff abschrecken lassen. Aber der Junker hatte die Wünsche unserer Mannschaft rasch erkannt, und es war klar, daß dieser glückliche Schuß sie ihres Gewerbes überdrüssig machte. Alle waren plötzlich einer Meinung, das andere Schiff zog von uns fort, die Verfolgung war zwecklos, die »Sarah« war zu morsch, um auch nur eine leere Flasche einzuholen, und es wäre höchste Torheit gewesen, mit ihr auf hoher See zu bleiben. Aus diesen Gründen, die vorgeschützt wurden, machten wir sofort kehrt und nahmen Kurs auf den Fluß zu. Es war eigenartig zu sehen, welche Fröhlichkeit unter der Mannschaft ausbrach und wie sie das Deck stampften vor Freude, wobei jeder sich ausrechnete, welchen Beutezuwachs er durch den Tod der beiden Kanoniere erhalten habe.

Die Reise zum Hafen dauerte neun Tage, so schwach war der Wind und so morsch der Schiffsrumpf, aber in der Frühe des zehnten Tages passierten wir die Landzunge im Nebel, der sich langsam hob. Etwas später senkte er sich wieder, wobei wir einen Kreuzer ziemlich nahebei erblickten. Das war ein unangenehmer Schlag, der uns so dicht vor unserem Zufluchtsort traf. Es erhob sich eine lebhafte Debatte, ob er uns gesichtet habe, und ob er, wenn das der Fall wäre, die »Sarah« erkannt hätte. Wir waren vorsichtig genug, alle Leute zu töten von den Schiffen, die wir ausgeraubt hatten, um keine Augenzeugen zu hinterlassen, die uns wiedererkennen konnten, aber das Erscheinen der »Sarah« selbst konnten wir nicht verheimlichen. Obendrein hatten wir in der letzten Zeit, seit sie morsch geworden war, manches Schiff erfolglos verfolgt, und öfter war eine Beschreibung unseres Fahrzeuges veröffentlicht worden. Ich vermutete deshalb, daß dies Zusammentreffen Veranlassung sein würde, uns sofort voneinander zu trennen, aber auch hier überraschte mich wieder die natürliche Begabung Ballantraes. Er und Teach – und das war einer seiner größten Erfolge – hatten Hand in Hand gearbeitet seit dem Tage seiner Ernennung zum Quartiermeister. Ich befragte ihn oft über diese Tatsache, konnte aber nie eine Antwort erhalten außer einmal, als er mir erzählte, er und Teach hätten eine Vereinbarung getroffen, »die die Mannschaft sehr überraschen würde, wenn sie davon hören sollte, und ihn selbst werde es am meisten überraschen, wenn sie zur Ausführung gelangte«. Kurz, auch hier waren Teach und er einer Meinung, und durch ihre gemeinsamen Bemühungen geriet die ganze Mannschaft in einen Zustand unbeschreiblicher Betrunkenheit, als der Anker eben ausgeworfen war. Gegen Nachmittag befanden sich auf unserem Schiff nur noch Verrückte, die Sachen über Bord warfen, hundert Lieder zu gleicher Zeit hinausbrüllten und sich stritten und kämpften, um sofort ihre Zwistigkeiten wieder zu vergessen und sich zu umarmen. Ballantrae hatte mich aufgefordert, nichts zu trinken und Betrunkenheit vorzutäuschen, wenn mir mein Leben lieb sei. Ich habe nie einen langweiligeren Tag erlebt, ich lag die meiste Zeit auf dem Vorderdeck und betrachtete die Sümpfe und das Dickicht, von denen unsere kleine Bucht überall umgeben war, so weit das Auge reichte. Kaum war es dunkel geworden, als Ballantrae dicht an mich heranstolperte, so tat, als ob er fiele, trunken auflachte und mir, bevor er wieder auf die Beine kam, zuflüsterte, ich solle in die Kajüte hinunterschwanken und mich zum Scheine auf einem Kasten schlafen legen, bald werde man mich brauchen. Ich tat, wie mir befohlen war, und als ich in die Kajüte kam, wo es stockfinster war, ließ ich mich auf den ersten besten Kasten niederfallen. Dort war bereits ein Mann, und die Art, wie er mich anpackte und fortstieß, ließ mich vermuten, daß er nicht viel Alkohol genossen habe, aber als ich einen anderen Platz gefunden hatte, schien er wieder einzuschlafen. Mein Herz schlug heftig, denn ich sah voraus, daß irgendeine Verzweiflungstat in Vorbereitung war. Bald darauf kam Ballantrae herunter, machte Licht, blickte sich um, nickte, als ob er zufrieden sei, und ging, ohne ein Wort zu sagen, wieder an Deck.

Ich sah durch meine Finger hindurch zwei Leute schlafen oder so tun, als ob sie schliefen: außer mir einen gewissen Dutton und einen Mann namens Grady, beides entschlossene Kerle. Auf Deck hatten die andern inzwischen einen Zustand der Trunkenheit erreicht, der nicht mehr menschlich genannt werden konnte, so daß man die Laute, die sie von sich gaben, anständigerweise nicht beschreiben kann. Ich habe im Laufe meines Lebens manchen Trunkenbold gehört und manche tolle Szene an Bord der »Sarah« mitgemacht, aber alles das war nichts im Vergleich zu dieser Orgie, so daß ich damals schon vermutete, man habe etwas unter den Schnaps gemischt. Es dauerte lange, bevor das Schreien und Heulen zu einer Art jämmerlichen Grunzens abstarb. Schließlich war alles ruhig, und es kam mir sehr lange vor, bis Ballantrae wieder herunterkam, diesmal gefolgt von Teach, der anfing zu fluchen, als er uns drei auf den Kästen schlafen sah.

»Pah!« sagte Ballantrae. »Ihr könnt eine Pistole vor ihren Ohren abfeuern. Ihr wißt, was sie verschluckt haben.«

Im Kajütenboden war eine Luke, unter der der größte Teil der Beute bis zum Tage der Teilung versteckt lag. Sie war mit einem Riemen und drei Schlössern gesichert, deren Schlüssel der größeren Sicherheit wegen verteilt waren; einen besaß Teach, den zweiten Ballantrae und den dritten der Steuermann, ein Mann namens Hammond. Aber ich staunte, als ich alle drei in einer Hand sah, und noch mehr wunderte ich mich – ich sah immer noch durch meine Finger –, als Ballantrae und Teach mehrere Pakete heraufbrachten, alles in allem vier Stück, die sorgfältig verpackt waren und eine Schleife zum Tragen hatten.

»Und nun«, sagte Teach, »wollen wir gehen.«

»Ein Wort«, sagte Ballantrae, »ich habe festgestellt, daß noch ein Mann außer Ihnen einen Schleichweg durch den Sumpf weiß, und es scheint, als ob er kürzer ist als der Ihre.«

Teach schrie, in diesem Falle seien sie verloren.

»Das weiß ich nicht«, sagte Ballantrae. »Ich muß Sie im übrigen noch mit einigen anderen Dingen vertraut machen. Zunächst ist keine Kugel in Ihren Pistolen, die ich, wie Sie sich erinnern werden, heute morgen für uns beide freundlicherweise geladen habe. Zweitens können Sie sich vorstellen, daß ich mich wahrscheinlich nicht mit einem Idioten wie Sie belasten werde, da es einen anderen Menschen gibt, der einen Weg kennt. Drittens gehören diese Herren, die sich nicht länger schlafend zu stellen brauchen, zu meiner Partei. Sie werden Sie ergreifen und an den Mast binden, und wenn Ihre Leute aufwachen, falls das geschehen sollte trotz des Giftes, das wir unter den Schnaps gemischt haben, werden sie Sie ohne Zweifel von Herzen gern ausliefern. Die Sache mit den Schlüsseln werden Sie dann, wie ich annehme, leicht erklären können.«

Teach sprach kein Wort, sondern blickte uns wie ein erschrockenes Kind an, als wir ihn knebelten und banden.

»Nun wissen Sie, Sie Mondkalb«, sagte Ballantrae, »warum wir vier Pakete gemacht haben. Bisher hat man Sie Kapitän Teach genannt, aber ich glaube, jetzt sind Sie eher ein Kapitän Learn.«

Das war unser letztes Wort an Bord der »Sarah«. Wir vier mit unseren vier Paketen ließen uns vorsichtig in ein Boot hinunter, und hinter uns blieb das Schiff schweigend wie ein Grab zurück, abgesehen von dem Stöhnen einiger Betrunkener. Auf dem Wasser lag Nebel bis ungefähr zur Brusthöhe, so daß Dutton, der den Weg kannte, aufstehen mußte, um unsere Ruder zu lenken. Das war der Grund, weshalb die Flucht gelang, denn wir waren gezwungen, langsam zu rudern. Erst eine kurze Strecke waren wir vom Schiff entfernt, als der Morgen zu grauen begann und die Vögel über das Wasser strichen. Plötzlich sackte Dutton auf den Sitz nieder und flüsterte uns zu, um des Himmels willen ruhig zu sein und zu lauschen. Wir hörten deutlich das leise Quietschen von Riemen auf der einen Seite, und dann wieder etwas weiter weg ein ähnliches Geräusch auf der andern Seite. Es wurde uns klar, daß wir gestern früh gesichtet worden waren, die Boote des Kreuzers sollten uns vom Meere abschneiden, und wir lagen hilflos zwischen ihnen. Niemals drohte uns armen Teufeln größere Gefahr, und während wir auf unsere Ruder gebückt lagen, flehten wir zu Gott, der Nebel möge dicht bleiben, und Schweiß tropfte von unseren Stirnen. Bald darauf hörten wir eins der Boote so nahe, daß wir einen Schiffszwieback hätten hinüberwerfen können. »Vorsichtig, Leute«, hörten wir einen Offizier flüstern, und ich fragte mich, ob sie nicht das Hämmern meines Herzens vernehmen könnten.

»Es kommt jetzt nicht auf den Richtweg an«, sagte Ballantrae, »wir müssen irgendwo Deckung finden, laßt uns direkt auf die Ufer der Bucht zuhalten.«

Mit größter Vorsicht ruderten wir weiter, und zwar mit den Händen, so gut es ging. Auf gut Glück steuerten wir durch den Nebel, der unsere einzige Rettung war. Aber der Himmel schützte uns, wir liefen in einem Dickicht auf Grund, krochen mit unserem Schatz an Land, und da wir das Boot nicht verstecken konnten und der Nebel sich bereits lichtete, drückten wir es nieder und ließen es absacken. Kaum waren wir in Deckung, als die Sonne aufging, und im selben Augenblick erscholl in der Mitte der Bucht ein Geschrei von Matrosen, und nun wußten wir, daß die »Sarah« gestürmt wurde. Ich hörte später, daß der Offizier, der sie einnahm, zu großen Ehren gelangte, und die Annäherung wurde tatsächlich klug durchgeführt, obgleich er meines Erachtens wenig Schwierigkeiten hatte, als er einmal an Bord war. Anm. Mr. Mackellars: Dieser Teach von der »Sarah« darf nicht verwechselt werden mit dem berühmten Black-Beard. Die Daten und Taten stimmen keineswegs überein. Möglicherweise hat der zweite Teach sich nicht nur den Namen beigelegt, sondern auch die verrückten Eigenarten des ersteren nachgeahmt. Selbst der Junker von Ballantrae fand ja Bewunderer.

Noch war ich allen Heiligen dankbar für unser glückliches Entkommen, als ich bemerkte, daß uns andere Gefahren bevorstanden. Wir waren hier auf gut Glück in einem großen und drohenden Sumpf gelandet, und es war schwierig, anstrengend und gefährlich, den Richtweg zu erreichen. Dutton war der Ansicht, wir sollten warten, bis das Schiff abgefahren sei, um dann das Boot wieder herauszufischen, denn ein gewisses Zögern sei klüger, als blindlings durch den Morast zu waten. Einer von uns ging deshalb zum Ufer der Bucht zurück, blickte durch das Gestrüpp und sah den Nebel schon ganz verflüchtigt und die englische Flagge auf der »Sarah«, aber kein Anzeichen dafür, daß sie sich in Bewegung setzte. Unsere Lage war sehr ungewiß. Im Sumpf zu verharren war ungesund. Wir waren so gierig gewesen, unsere Schätze in Sicherheit zu bringen, daß wir nur wenig Nahrungsmittel mitführten, und es war höchst wünschenswert, aus dieser Gegend herauszukommen und zu menschlichen Wohnungen zu gelangen, bevor die Nachricht von der Eroberung des Schiffes bekannt wurde. Diesen Befürchtungen entgegen stand nur die eine Gefahr, durch die Sümpfe zu gelangen. Ich glaube, es ist nicht verwunderlich, daß wir uns zum Handeln entschlossen.

Die Sonne brannte schon heiß, als wir uns aufmachten, um den Morast zu durchqueren oder vielmehr an der Hand eines Kompasses den Pfad ausfindig zu machen. Dutton nahm den Kompaß, und abwechselnd trugen wir seinen Anteil an der Beute. Man kann mir glauben, daß er sich scharf umblickte, denn was er uns anvertraute, war ihm so wertvoll wie seine Seele. Das Gestrüpp war dicht wie Buschwerk, der Boden sehr trügerisch, so daß wir oft entsetzlich tief einsanken und Umwege machen mußten. Außerdem war die Hitze erstickend, die Luft sonderbar schwer, und stechende Insekten umschwirrten uns in so dichten Schwärmen, daß jeder von uns wie unter einer Wolke ging. Man hat oft behauptet, daß Edelleute von hoher Geburt Strapazen besser ertragen als Leute aus dem Volke, so daß Offiziere, die neben ihren Mannschaften im Schmutz marschieren müssen, durch ihre Ausdauer die Soldaten beschämen. Das war auch hier leicht festzustellen, denn hier waren Ballantrae und ich, zwei Edelleute vornehmster Herkunft, und andererseits Grady, ein Matrose, ein Mann von nahezu riesenhafter Körperkraft. Der Fall Duttons kommt hier nicht in Frage, denn ich muß gestehen, daß er sich ebenso tapfer wie einer von uns benahm. Anm. Mr. Mackellars: Und erklärt sich dies nicht vollkommen dadurch, daß dieser Dutton genau wie die Offiziere den Anreiz einer gewissen Verantwortlichkeit empfand?

Was Grady betrifft, so begann er bald sein Geschick zu beklagen. Er fiel zurück, weigerte sich, Duttons Paket zu tragen, wenn die Reihe an ihm war, verlangte ständig Rum, wovon wir nur wenig besaßen, und bedrohte uns schließlich sogar von hinten mit gespannter Pistole, wenn wir ihm nicht gestatteten, auszuruhen. Ballantrae wollte es ausfechten, wie ich glaube, aber ich bewog ihn zu einer anderen Maßnahme, und so machten wir halt und aßen etwas. Grady schien sich nur wenig zu erholen und stürzte schließlich aus Unachtsamkeit, und weil er nicht sorgfältig unserer Spur folgte, in ein tiefes Loch, das hauptsächlich mit Wasser gefüllt war. Er schrie ein paarmal grauenhaft auf, und bevor wir ihm zur Hilfe kommen konnten, war er mit seiner Beute versunken.

Sein Schicksal und vor allem seine Schreie erschütterten uns, aber letzten Endes war es doch ein Glückszufall, der zu unserer Rettung beitrug, denn Dutton fühlte sich veranlaßt, einen Baum zu besteigen, von wo er eine Erhöhung des Waldes wahrnehmen konnte, ein Wahrzeichen des Fußweges, das er mir zeigte, da ich ihm nachgeklettert war. Er ging nun etwas sorgloser vorwärts, wie ich annehme, denn bald darauf sahen wir ihn etwas einsinken. Er zog die Füße heraus und sank wieder ein, und so zweimal hintereinander. Dann wandte er uns sein Gesicht zu, das sehr weiß geworden war.

»Helft mir«, sagte er, »ich bin in Gefahr.«

»Das scheint mir nicht so«, sagte Ballantrae und blieb stehen.

Dutton stieß entsetzliche Flüche aus, sank wieder etwas tiefer ein, so daß der Morast ihm fast bis zum Gürtel reichte, und riß eine Pistole heraus. »Helft mir«, schrie er, »oder sterbt und fahrt zur Hölle!«

»Nun«, sagte Ballantrae, »ich scherzte nur. Ich komme.« Er legte sein eigenes und Duttons Paket nieder, das er gerade trug. »Kommen Sie mir nicht nach, bevor ich sehe, daß ich Sie brauche«, sagte er zu mir, und ging allein vorwärts zu dem Platz, wo der Mann steckengeblieben war. Dutton war jetzt still, hielt die Pistole aber noch in der Hand, und die Anzeichen des Grauens konnte man nur mit tiefer Bewegung wahrnehmen.

»Um des Himmels willen«, sagte er, »gebt scharf acht.«

Ballantrae war nun ganz nahe bei ihm. »Haltet Euch ruhig«, sagte er und schien zu überlegen. Dann fuhr er fort: »Gebt mir beide Hände!«

Dutton legte seine Pistole nieder, und so wäßrig war die Oberfläche des Bodens, daß sie sofort ganz verschwand. Mit einem Fluch bückte er sich, um nach ihr zu greifen, und in diesem Augenblick lehnte Ballantrae sich vor und stieß ihm einen Dolch zwischen die Schultern. Hoch über den Kopf warf er seine Hände, ich weiß nicht, ob aus Schmerz oder um sich zu wehren, und im nächsten Augenblick stürzte er nach vorn in den Morast.

Ballantrae war bereits bis über die Knöchel eingesunken, aber er riß sich heraus und kam zurück zu mir, der ich mit zitternden Knien dastand. »Der Teufel hole Euch, Francis!« sagte er. »Ich glaube, Ihr seid doch ein Hasenfuß. Ich habe nur Gericht gehalten über einen Piraten, und jetzt sind wir alle Verbindungen mit der »Sarah« los! Wer will nun behaupten, daß wir unsere Hände in unredlichen Dingen gehabt haben?«

Ich versicherte ihn, daß er mir Unrecht tue, aber mein Gefühl für Menschlichkeit war durch die grauenhafte Tat so verletzt, daß ich kaum eine Antwort stammeln konnte.

»Kommt«, sagte er, »Ihr müßt entschlossener sein. Wir brauchten diesen Burschen nicht mehr, als er Euch gezeigt hatte, wo der Fußpfad ist, und Ihr könnt nicht leugnen, daß ich ein Tor gewesen wäre, wenn ich eine so günstige Gelegenheit verpaßt hätte.«

Ich konnte in der Tat nicht leugnen, daß er grundsätzlich recht hatte, aber trotzdem konnte ich mich der Tränen kaum erwehren, deren sich kein tapferer Mann zu schämen braucht, und ich mußte erst einen Schluck Rum nehmen, bevor ich weitergehen konnte. Ich wiederhole, daß ich keineswegs beschämt war über mein Mitgefühl, denn Mitleid ehrt den Krieger, und doch konnte ich Ballantrae nicht scharf tadeln. Er hatte wirklich Erfolg, denn wir erreichten den Pfad ohne weitere Zwischenfälle und kamen gegen Sonnenuntergang desselben Abends an den Rand des Sumpfes.

Wir waren zu erschöpft, die Gegend auszukundschaften, legten uns auf den trockenen Sand, der noch warm war von der Tagessonne, dicht bei einem Kiefernwald, und fielen sogleich in Schlaf.

Am nächsten Morgen erwachten wir sehr früh und begannen sofort verdrießlich eine Unterhaltung, die beinahe mit Schlägen geendet hätte. Wir waren nun in den südlichen Provinzen gestrandet, tausende Meilen entfernt von einer französischen Niederlassung, eine furchtbare Reise und zahllose Gefahren lagen vor uns, und wenn je Freundschaft wertvoll war, so war sie es unter solchen Umständen. Ich kann nur vermuten, daß Ballantrae den Begriff wahrer Höflichkeit verloren hatte, und tatsächlich ist diese Vorstellung durchaus nicht sonderbar, nachdem wir solange mit Seeräubern zusammengelebt hatten. Er behandelte mich so schroff, daß jeder Mann von Ehre ein solches Benehmen zurückweisen mußte. Ich sagte ihm, in welchem Lichte ich sein Betragen sähe. Er entfernte sich etwas, und ich folgte ihm, um ihm Vorhaltungen zu machen, bis er mich mit der Hand zurückhielt.

»Frank«, sagte er, »Ihr wißt, was wir uns geschworen haben, und doch würde kein Eid mich veranlassen können, solche Redensarten hinunterzuschlucken, wenn ich Euch nicht mit aufrichtiger Zuneigung betrachtete. Daran könnt Ihr unmöglich zweifeln, ich habe genug Beweise gegeben. Dutton mußte ich mitnehmen, weil er den Pfad kannte, und Grady, weil Dutton ohne ihn nicht mitkommen wollte. Aber welche Veranlassung lag vor, Euch mitzunehmen? Ihr bedeutet für mich eine ständige Gefahr wegen Eures verfluchten irischen Dialektes. Von Rechts wegen müßtet Ihr jetzt auf dem Kreuzer in Eisen liegen. Und Ihr streitet Euch mit mir herum wegen einiger Lächerlichkeiten!«

Ich empfand diese Rederei als höchst unfein und kann sie bis auf den heutigen Tag nicht in Einklang bringen mit meiner Vorstellung von einem Gentleman, der mein Freund war. Ich warf ihm seinen schottischen Dialekt vor, der zwar nicht sehr ausgeprägt war, aber hinreichte, um unvornehm und gemein zu wirken, wie ich ihm offen sagte. Die Angelegenheit hätte sich noch ausgewirkt, wenn nicht ein höchst beunruhigender Zwischenfall eingetreten wäre.

Wir waren eine Strecke den Sand entlang gegangen. Der Platz, wo wir geschlafen hatten und wo die Pakete geöffnet lagen, das Geld ringsumher verstreut, lag zwischen uns und den Kiefern, und der Fremde muß aus dem Walde herausgetreten sein. Jedenfalls stand er plötzlich da, ein großer, ungeschlachter Geselle dieses Landes, eine breite Axt auf der Schulter, und blickte mit offenem Munde bald auf den Schatz, der zu seinen Füßen lag, bald auf uns, die wir in unserem Streit bereits zu den Waffen gegriffen hatten. Kaum hatten wir ihn bemerkt, als er seine Beine wiederfand und zum Walde zurücklief.

Diese Szene konnte zu unserer Beruhigung nicht beitragen: ein paar bewaffnete Leute in Seemannskleidung, die sich wegen eines Schatzes stritten, nur einige Meilen entfernt von der Stelle, wo man ein Piratenschiff erobert hatte – das mußte genügen, um alle Bewohner des Landes auf uns zu hetzen. Die Streitigkeiten wurden nicht einmal richtig ausgeglichen, sondern waren im Nu in unseren Herzen ausgelöscht. In einer Sekunde rafften wir unsere Pakete zusammen und rannten aus Leibeskräften davon. Aber das Unglück war, daß wir die Richtung nicht kannten und fortwährend wieder umkehren mußten. Ballantrae hatte zwar alles aus Dutton herausgeholt, soweit es möglich war, aber es ist schwierig, nach solchen Angaben zu wandern, und die Flußmündung, die einen großen, unregelmäßigen Hafen einschließt, hemmte unseren Weg auf allen Seiten durch Wasserläufe.

Wir waren nahezu verzweifelt und vom Laufen beinahe erschöpft, als wir von der Höhe einer Düne feststellten, daß wir durch eine weitere Verzweigung der Bucht wieder abgeschnitten waren. Dieser Einschnitt unterschied sich jedoch erheblich von den andern, die uns bisher aufgehalten hatten, er lag zwischen Felsen und fiel jäh ab zu solcher Tiefe, daß ein kleines Schiff, das mit einer Trosse befestigt war, am Ufer liegen konnte. Die Leute hatten ein Brett zur Küste hinübergelegt, wo sie ein Feuer angezündet hatten und beim Mahle saßen. Das Schiff war eins von denen, wie man sie auf den Bermudasinseln baut.

Die Liebe zum Gold und der große Haß, den jeder gegen Piraten hegt, waren zu gefährlich und würden ohne Zweifel das ganze Land auf unsere Spur gesetzt haben. Außerdem war es uns nun klar, daß wir uns auf einer Halbinsel befanden, die sich wie die Finger einer Hand spaltete, und das Handgelenk, nämlich der Übergang zum eigentlichen Festland, dem wir uns sofort hätten zuwenden sollen, war jetzt wahrscheinlich schon versperrt. Diese Überlegungen trieben uns zu einem kühnen Entschluß. Wir legten uns, solange wir es wagen durften, auf der Höhe der Düne nieder und horchten aufmerksam auf Geräusche von Verfolgern. Als wir auf diese Weise wieder etwas zu Atem gekommen waren und unsere Kleider geordnet hatten, schlenderten wir auf die Leute am Feuer zu und gaben uns den Anschein größter Sorglosigkeit.

Es war ein Händler und seine Negersklaven aus Albany in der Provinz New York, der auf dem Heimwege war von Indien mit seiner Ladung. Seinen Namen habe ich vergessen. Wir hörten erschrocken, daß er aus Furcht vor der »Sarah« hier Zuflucht gesucht hatte. Daß unsere Taten so allgemein bekannt waren, hatten wir nicht gedacht. Kaum hatte der Kapitän vernommen, daß das Schiff gestern gekapert worden sei, als er auf die Füße sprang, uns ein Glas Schnaps reichte zum Dank für die guten Nachrichten und seinen Negern befahl, die Segel zu hissen. Wir selbst gewannen durch den Schluck aus der Flasche mehr Zutrauen und boten uns schließlich als Passagiere an. Er blickte mißtrauisch auf unsere teerigen Kleider und die Pistolen und erwiderte höflich, er könne uns schlecht unterbringen. Auch unsere Bitten und Geldangebote, die wir hoch hinaufschraubten, konnten ihn nicht rühren.

»Ich sehe«, sagte Ballantrae, »daß Ihr schlecht von uns denkt, aber ich will Euch beweisen, wie gut wir von Euch denken, indem ich Euch die Wahrheit sage. Wir sind flüchtige Jakobiten, und auf unsere Köpfe ist ein Preis ausgesetzt.«

Der Mann aus Albany war durch diese Bemerkung offenbar etwas bewegt. Er stellte uns viele Fragen über den schottischen Krieg, die Ballantrae ausführlich beantwortete. Und dann sagte er mit einer Handbewegung ziemlich grob: »Ich denke, ihr und euer Prinz Charlie habt mehr abbekommen, als euch lieb ist.«

»Zum Teufel, ja, das haben wir!« sagte ich. »Und Ihr, verehrter Herr, solltet ein besseres Beispiel geben und uns entsprechend gut behandeln.«

Ich sagte das in der irischen Art, die, wie allgemein zugestanden wird, etwas sehr Verlockendes an sich hat. Es ist bemerkenswert und ein Beweis für die Liebe, die man für unsere Nation hegt, daß ein irisches Wort bei einem anständigen Menschen fast nie seine Wirkung verfehlt. Ich weiß nicht, wie oft ich es erlebt habe, daß ein gemeiner Soldat den Spießruten entging oder ein Bettler reiche Gaben erhielt, weil sie sich der irischen Sprache bedienten. Und als der Mann mir zulachte, war ich sehr beruhigt. Allerdings stellte er auch dann noch viele Bedingungen und nahm uns vor allen Dingen unsere Waffen ab, bevor er uns an Bord gehen ließ. Das war das Zeichen zur Abfahrt, und wenige Augenblicke später fuhren wir bei guter Brise die Bucht hinunter und dankten Gott für unsere Rettung. Ungefähr auf der Höhe der Flußmündung kamen wir an dem Kreuzer vorbei und etwas später an der armen »Sarah« mit der gefesselten Mannschaft, beides Anblicke, die uns zittern machten. Das bermudische Schiff schien ein sehr sicherer Aufenthaltsort zu sein und unsere Kühnheit sich zu lohnen, als wir auf diese Weise an das Schicksal unserer früheren Kameraden erinnert wurden. Alles in allem waren wir allerdings noch keineswegs sicher, wir waren aus der Bratpfanne ins Feuer gehüpft, rannten vom Gefängnis zum Galgen und waren der offenen Feindschaft des Kriegsschiffes entronnen, um der zweifelhaften Ehrbarkeit des Händlers aus Albany ausgeliefert zu sein.

Verschiedene Umstände brachten es jedoch mit sich, daß wir sicherer waren, als wir zu hoffen gewagt hatten. Die Stadt Albany befaßte sich damals viel mit dem Schmuggel zwischen Indianern und Franzosen in den Wüstengebieten. Da dieser Handel im höchsten Grade ungesetzlich war und die Leute andererseits in Berührung brachte mit dem höflichsten Volk der Erde, waren ihre Sympathien geteilt. Sie glichen allen Schmugglern, Spionen und Zwischenhändlern der ganzen Welt und waren beiden Parteien gleich geneigt. Unser Kapitän war außerdem ein sehr ehrenhafter Mensch und sehr habgierig, und nebenbei gefiel ihm unsere Gesellschaft vorzüglich, was unser Glück krönte. Bevor wir die Stadt New York erreicht hatten, hatten wir uns in jeder Beziehung verständigt. Er sollte uns ganz bis Albany führen und uns dort helfen, die Grenze zu überschreiten, um zu den Franzosen zu stoßen. Wir mußten dafür hoch bezahlen, aber Bettler haben keine Wahl, und Verbrecher dürfen sich nicht beklagen.

Wir segelten also den Hudson hinauf, ein sehr stolzer Strom, wie ich ausdrücklich bemerken will, und schlugen unser Quartier in den »Kings Arms« zu Albany auf. Die Stadt war voll von Soldaten aus der Provinz, die Rache brüteten gegen die Franzosen. Der Gouverneur Clinton war selbst anwesend, ein sehr geschäftiger Mann und, soviel ich feststellen konnte, durch die Parteizwistigkeiten des Parlaments nahezu wahnsinnig. Die Indianer auf beiden Seiten waren auf dem Kriegspfad, wir sahen sie in Gruppen Gefangene einbringen, und was viel schlimmer ist, auch männliche und weibliche Skalpe, für die sie nach einem festen Satz bezahlt wurden. Ich brauche nicht zu versichern, daß uns der Anblick nicht sehr ermutigte. Wir konnten kaum zu einem ungeeigneteren Zeitpunkt kommen, um unsere Pläne durchzuführen. Der Aufenthalt in dem ersten Hotel der Stadt richtete alle Blicke furchterregend auf uns, der Kaufmann aus Albany fand tausend Ausflüchte, um die Abreise zu verzögern, und schien sich aus seinen Verpflichtungen lösen zu wollen. Nichts als Gefahr schien uns arme Flüchtlinge zu umgeben, und eine Zeitlang suchten wir unsere Sorgen durch einen sehr unregelmäßigen Lebenswandel zu vergessen.

Aber auch das war uns günstig, und man kann über unsere ganze Flucht nur sagen, daß alle unsere Schritte bis zum Schluß von der Vorsehung gelenkt wurden: welche Demütigung für die Würde des Menschengeschlechts! Meine Philosophie, die außerordentliche Begabung Ballantraes und unsere Tapferkeit, in der wir uns, wie ich zugebe, gleichstanden: alles das mochte unzureichend sein ohne den göttlichen Segen, der unsere Bemühungen begleitete. Und wie richtig ist es, wenn die Kirche uns lehrt, daß die Wahrheiten der Religion letzten Endes auch auf alltägliche Dinge durchaus anwendbar sind. Im Laufe unserer Ausschweifungen machten wir nämlich schließlich die Bekanntschaft eines mutigen jungen Mannes namens Chew. Cr war einer der kühnsten Händler unter den Indianern, wohlvertraut mit den geheimen Pfaden durch die Wildnis, bedürftig, liederlich und, ein weiterer guter Zufall, von seiner Familie ziemlich verachtet. Ihn überredeten wir, uns beizustehen. Er beschaffte heimlich alles, was wir zur Flucht brauchten, und eines Tages machten wir uns stillschweigend fort aus Albany, ohne uns von unserem früheren Freund zu verabschieden, und bestiegen etwas höher hinauf ein Kanu.

Um die Mühseligkeiten und Gefahren dieser Reise richtig zu beschreiben, bedürfte es einer geübteren Feder. Der Leser selbst muß sich die furchtbare Wildnis vorstellen, die wir nun zu durchqueren hatten, mit ihren Dickichten, Sümpfen, steilen Felsen, reißenden Strömen und tosenden Wasserfällen. Inmitten dieser wilden Szenerie mußten wir den ganzen Tag schuften, indem wir bald paddelten, bald unser Kanu auf den Schultern trugen. Nachts schliefen wir bei einem Feuer, umlauert von heulenden Wölfen und anderen wilden Tieren. Unser Plan war, gegen die Strömung des Hudson bis in die Nähe von Crown Point vorzudringen, wo die Franzosen in den Wäldern am Champlain-See einen befestigten Platz hatten. Aber der direkte Weg war zu gefährlich, und wir benutzten deshalb ein solches Labyrinth von Flüssen,, Seen und Stromschnellen, daß mein Gehirn sich verwirrt, wenn ich daran denke. Diese Wege waren gewöhnlich ganz einsam, aber jetzt war das Land in Aufruhr, die Stämme auf dem Kriegspfad, die Wälder voll von Indianerspionen. Immer wieder trafen wir auf solche Gruppen, wenn wir es am wenigsten erwarteten, und eines Tages fanden wir uns, was ich nie vergessen werde, in der Abenddämmerung plötzlich umzingelt von fünf oder sechs dieser bemalten Teufel, die wüste Schreie ausstießen und ihre Beile schwangen. Aber alles verlief friedlich wie unsere sämtlichen Abenteuer, denn Chew war bei den verschiedenen Stämmen gut bekannt und hoch geschätzt. Er war wirklich ein sehr tapferer, anständiger, kluger Mensch, aber selbst in seiner Begleitung waren diese Zusammenkünfte durchaus nicht ungefährlich. Um unsere Freundschaft kundzutun, mußten wir Rum verteilen, wie es denn die eigentliche Aufgabe der Indianerhändler ist, in den Wäldern in irgendeiner Weise eine wandernde Schänke bei sich zu behalten. Hatten die Tapferen ihre Flasche »Scaura«, wie sie den widerlichen Schnaps nennen, einmal erhalten, so konnten wir weiterwandern und unsere Skalpe retten. Waren sie erst etwas betrunken, so war Vernunft und Anstand vergessen, sie hatten nur noch den einen Gedanken, mehr »Scaura« zu bekommen. Es hätte ihnen dann leicht einfallen können, uns zu verfolgen, und wenn sie uns eingeholt hätten, so hätte ich dies Tagebuch nie geschrieben.

Wir waren zum kritischen Punkt unserer Reise gelangt, wo wir sowohl in die Hände der Franzosen als auch in die der Engländer geraten konnten, als uns ein entsetzliches Unglück zustieß. Chew wurde plötzlich krank, zeigte alle Symptome der Vergiftung und verschied nach wenigen Stunden auf dem Boden des Kanus. Wir verloren so zugleich unseren Führer, unseren Dolmetscher, unseren Bootsmann und unseren Paß, was er alles in einer Person war, und sahen uns mit einem Schlage einer verzweifelten Hilflosigkeit gegenüber. Chew, der sehr stolz war auf seine Kenntnisse, hatte uns allerdings oft Unterricht gegeben in der Geographie, und Ballantrae hatte, wie ich glaube, gut zugehört. Aber ich fand solche Belehrungen immer sehr langweilig und wußte nur, daß wir im Lande der Adirondackindianer und nicht sehr weit von unserem Ziel waren, wenn wir nur den Weg ausfindig machen konnten. Die Weisheit meines Benehmens wurde bald offenbar, denn Ballantrae wußte trotz seiner großen Anstrengungen nicht mehr als ich. Er war sich klar, daß wir einen Fluß verfolgen und dann über eine Stromschnelle hinweg einen zweiten hinunterfahren mußten, um schließlich einen dritten wieder hinaufzupaddeln. Man muß aber bedenken, daß in einem so gebirgigen Lande von allen Zeiten zahlreiche Ströme herbeiflossen. Wie kann also ein Mann, der diese Teile der Welt durchaus nicht kennt, den einen vom anderen unterscheiden? Auch war das nicht unsere einzige Sorge. Wir waren noch Anfänger in der Handhabung eines Kanus, die Stromschnellen gingen beinahe über unsere Kraft, so daß wir manchmal eine halbe Stunde stumm in Verzweiflung dasaßen, und das Auftauchen eines einzigen Indianers würde wahrscheinlich unser Verderben bedeutet haben, da wir uns ja nicht mit ihm verständigen konnten. Es ist also wohl zu entschuldigen, daß Ballantrae manchmal ziemlich niedergeschlagen war. Seine Gewohnheit, den anderen, die ebenso tüchtig waren wie er, alle Schuld zuzuschieben, war immer schwerer zu ertragen, und seine Ausdrücke waren nicht leicht zu verzeihen. Er hatte sich an Bord des Piratenschiffes eine Sprache angewöhnt, die zwischen Edelleuten höchst ungewöhnlich ist, und jetzt, wo er gewissermaßen im Fieber war, wurde er um so anmaßender.

Am dritten Tage unserer Wanderung fiel das Kanu, als wir es über eine felsige Stromschnelle trugen, nieder und zerschellte vollständig. Die Stromschnelle lag zwischen zwei Seen, die beide sehr groß waren; der Pfad, soweit von ihm die Rede sein konnte, führte an beiden Enden ins Wasser und war an beiden Leiten von undurchdringlichen Wäldern eingeschlossen. Die Ufer der Seen waren sumpfig und ungangbar, so daß wir nicht nur gezwungen waren, unser Boot und den größten Teil des Proviantes im Stich zu lassen, sondern sofort einen Weg durch undurchdringliches Dickicht bahnen und unsere einzige Richtschnur, den Flußlauf, verlassen mußten. Wir steckten beide unsere Pistolen in den Gürtel, schulterten eine Axt und nahmen unseren Schatz und so viel Vorrat, wie wir schleppen konnten, auf den Rücken. Den Rest unseres Eigentums ließen wir liegen, darunter sogar unsere Schwerter, die uns im Walde sehr behindert hätten, und stürzten uns in dies beklagenswerte Abenteuer. Die Arbeiten des Herkules, die Homer so schön beschreibt, waren lächerlich gegen das, was uns bevorstand. Manche Teile des Waldes waren bis zum Boden vollkommen dicht, so daß wir uns unseren Weg wie Maden im Käse suchen mußten. In anderen Teilen war der Boden tief, sumpfig, und alles Holz vollständig morsch. Einmal sprang ich auf einen großen niedergestürzten Baumstamm und sank bis zu den Knien in faules Holz, und während ich fiel, versuchte ich mich an einem, wie es schien festen Stamm zu halten, aber das ganze Ding sank bei der bloßen Berührung wie ein Blatt Papier in sich zusammen. Wir taumelten, fielen, rutschten auf den Knien, hieben unseren Weg vorwärts, Zweige und Äste schlugen uns beinahe die Augen aus, die Kleider wurden uns vom Leibe gerissen, wir mühten uns den ganzen Tag ab, und es blieb fraglich, ob wir zwei Meilen vorwärts kamen. Was aber schlimmer war: da wir keinen freien Ausblick hatten und ständig durch Hindernisse vom Wege vertrieben wurden, war es unmöglich, auch nur ungefähr eine Ahnung von der Richtung zu haben, in der wir uns bewegten.

Etwas vor Sonnenuntergang warf Ballantrae auf einem freien Platz an einem Fluß, ringsumher von schroffen Bergen umgeben, sein Gepäck nieder. »Ich gehe nicht mehr weiter«, sagte er und forderte mich auf, Feuer zu machen, indem er mich bis aufs Blut kränkte durch Ausdrücke, wie sie sich kaum für einen Kutscher geziemen.

Ich sagte ihm, er möge doch vergessen, daß er einmal ein Seeräuber gewesen sei und sich erinnern, daß er zuvor ein Edelmann war.

»Seid Ihr verrückt?« schrie er. »Widersprecht mir hier nicht!« Und dann schüttelte er die Faust gegen die Berge und rief: »In dieser elenden Wildnis soll ich meine Gebeine lassen! Wollte Gott, ich wäre wie ein Edelmann auf dem Schafott gestorben!« Er sagte das, indem er wie ein Schauspieler schwülstig deklamierte, und dann saß er da, biß auf seine Finger und starrte auf den Boden, ein höchst unchristlicher Anblick.

Mich überkam ein wenig Verachtung vor dem Mann, denn ich sagte mir, daß ein Soldat und ein Edelmann sein Ende philosophischer hinnehmen müsse. Ich gab ihm deshalb keine Antwort, und bald darauf nahte die Nacht so kühl, daß ich froh war, aus eigenem Interesse ein Feuer entzünden zu können. Und doch grenzte diese Handlung weiß Gott an Irrsinn, da der Platz offen lag und das Land von Wilden überrannt war. Ballantrae schien mich nicht mehr zu sehen, aber schließlich, als ich dabei war, etwas Korn zu rösten, blickte er auf.

»Habt Ihr jemals einen Bruder gehabt?« fragte er.

»Dem Himmel sei Dank«, antwortete ich, »nicht weniger als fünf.«

»Ich habe nur den einen«, sagte er mit eigenartiger Stimme, und gleich darauf: »Er soll mich für all dies bezahlen!« Und als ich ihn fragte, was sein Bruder mit unserem Mißgeschick zu tun habe, schrie er: »Wie? Er sitzt an meinem Platz, er trägt meinen Namen, er liebt mein Weib, und ich bin hier allein mit einem verfluchten Irländer in dieser Wüste, daß mir die Zähne klappern! Oh, welch ein elender Tor bin ich gewesen!«

Dieser Ausbruch widersprach so vollkommen der Natur meines Freundes, daß alle gerechte Empfindsamkeit in mir erstarb. Gewiß erscheint ein beleidigender Ausdruck, auch wenn er heftig hervorgestoßen wird, unter so verzweifelten Umständen als äußerst geringfügige Angelegenheit, aber hier machte sich eine sonderbare Sache bemerkbar. Er hatte bisher nur einmal die Dame erwähnt, zu der er in Beziehungen gestanden hatte. Das war damals, als wir in die Nähe von New York kamen und er mir erzählte, daß er jetzt sein eigenes Besitztum sehen könnte, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre, denn Miß Graeme verfügte über große Güter in dieser Provinz. Das war ohne Zweifel ein natürlicher Anlaß gewesen, aber jetzt erwähnte er sie ein zweites Mal, und es ist sicher angebracht, zu berichten, daß gerade in diesem Monat, nämlich im November 1747, und ich glaube, gerade an jenem Tage, als wir zwischen diesen wilden Gebirgen saßen, sein Bruder und Miß Graeme heirateten. Ich bin durchaus nicht abergläubisch, aber die Hand der Vorsehung zeigte sich hier zu deutlich, um unbeachtet zu bleiben. Anm. Mr. Mackellars: Ein völliger Irrtum, denn an diesem Tage wurde kein Wort von der Hochzeit erwähnt. Man vergleiche meinen eigenen Bericht.

Der nächste und übernächste Tag wurde unter ähnlichen Anstrengungen verbracht, und Ballantrae entschied oft über die Richtung, indem er eine Münze hochwarf. Als ich diesem kindischen Benehmen einmal widersprach, machte er eine sonderbare Bemerkung, die ich niemals vergessen habe. »Ich weiß keinen besseren Weg«, sagte er, »um meiner Verachtung der menschlichen Vernunft Ausdruck zu verleihen.«

Ich glaube, es war der dritte Tag, als wir den Leichnam eines Christen fanden, der skalpiert und höchst unwürdig verstümmelt war. Er lag in der Lache seines Blutes, und die Vögel der Wildnis schrien um ihn herum wie Fliegenschwärme. Ich vermag nicht zu beschreiben, wie entsetzlich dieser Anblick für uns war, aber er raubte mir alle Kraft und alle Hoffnung dieser Welt. Am gleichen Tage, und nur ein wenig später, stolperten wir durch einen Teil des Waldes, der niedergebrannt worden war, und plötzlich bückte sich Ballantrae, der ein wenig voraus war, hinter einen niedergestürzten Stamm. Auch ich benutzte die Deckung, und wir konnten rundum blicken, ohne selbst gesehen zu werden, und bemerkten im Grunde des nächsten Tales einen großen Kriegszug von Wilden, der unsere Richtung kreuzte. Sie mochten ungefähr ein kleines Bataillon stark sein, alle nackt bis zum Gürtel, geschwärzt mit Fett und Ruß und bemalt mit weißer und roter Farbe, wie es ihre viehische Sitte war. Sie gingen hintereinander wie eine Gänseherde, mit raschen Schritten, so daß sie nach kurzer Zeit vorbeigetrottet und in den Wäldern verschwunden waren. Aber ich glaube, wir erduldeten in diesen wenigen Minuten größere Todesangst der Verzagtheit und Hilflosigkeit, als ein Mensch gewöhnlich während seines ganzen Lebens erleidet. Ob es französische oder englische Indianer waren, ob sie Skalpe oder Gefangene wollten, ob wir uns auf gut Glück zeigen oder ruhig verhalten und unsere herzzerbrechende Mühsal wieder auf uns nehmen sollten: alle diese Fragen hätten, glaube ich, selbst den Verstand eines Aristoteles lebhaft beschäftigt. Ballantrae wandte mir sein Gesicht zu, das ganz in Falten gezogen war, seine Zähne traten aus den Lippen hervor wie bei Leuten, die verhungern – nach Berichten, die ich gelesen habe. Er sprach kein Wort, aber seine ganze Erscheinung war eine Art furchtbarer Frage.

»Vielleicht gehören sie zur Partei der Engländer«, flüsterte ich, »und bedenkt, das beste, was wir dann erhoffen könnten, wäre neue Flucht unter denselben Umständen.«

»Ich weiß – ich weiß«, sagte er, »aber schließlich muß die Entscheidung fallen.« Und er riß plötzlich seine Münze heraus, schüttelte sie mit geschlossenen Händen, sah sie an und legte sich nieder, das Gesicht in den Staub gedrückt.

*

Bemerkung Mr. Mackellars: Hier unterbreche ich die Erzählung des Chevaliers, weil die beiden sich am selben Tage erzürnten und trennten, und der Bericht des Chevaliers über den Streit scheint mir, wie ich bemerken muß, ganz unvereinbar mit der Natur dieser Gegner. Von jetzt ab wanderten sie allein und erlitten außerordentliche Qualen, bis zuerst der eine und dann auch der andere von Truppen des Fort St. Frederick aufgegriffen wurde. Nur zweierlei ist bemerkenswert. Erstens, und das ist das wichtigste für meine Erzählung, vergrub der Junker im Laufe seiner Irrfahrten seinen Schatz an einer Stelle, die bisher noch nicht wieder entdeckt worden ist, von der er aber eine Zeichnung mit seinem eigenen Blut auf dem Futter seines Hutes entwarf. Und zweitens wurde er, als er völlig mittellos im Fort ankam, von dem Chevalier wie ein Bruder willkommen geheißen, der dann auch seine Überfahrt nach Frankreich bezahlte. Die Einfalt seines Charakters veranlaßt Burke bei dieser Gelegenheit, den Junker außerordentlich zu loben. Einem klügeren Menschen muß es scheinen, als ob allein der Chevalier zu preisen wäre. Es bereitet mir um so größeres Vergnügen, diesen außerordentlich edlen Zug meines hochgeschätzten Mitarbeiters zu erwähnen, als ich, wie ich fürchten muß, ihm soeben noch unrecht getan habe. Ich habe es vermieden, seine ungewöhnlichen und in meinen Augen unmoralischen Ansichten zu kritisieren, denn ich weiß, daß er Achtung verdient. Aber seine Darstellung des Zwistes ist wirklich mehr, als ich wiedergeben kann, denn ich kannte den Junker selbst, und man kann sich keinen Mann vorstellen, der der Furcht weniger zugängig war als er. Ich bedaure, daß der Chevalier das nicht klar erkannt hat, um so mehr, als der Wortlaut seiner Erzählung mir als höchst geistreich erscheint, abgesehen von einigen schnörkelhaften Redensarten.

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