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Der Junker von Ballantrae

Robert Louis Stevenson: Der Junker von Ballantrae - Kapitel 3
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typefiction
authorRobert Louis Stevenson
titleDer Junker von Ballantrae
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft GmbH
illustratorFranz Danksin
translatorHeinrich Siemer
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Zweites Kapitel

Die Ereignisse während der Irrfahrten des Junkers (Fortsetzung)

Ich vollendete meine Reise gegen Ende eines kalten Dezembermonats. Es war harter, trockener Frost, und wer sollte mein Führer sein, wenn nicht Patey Macmorland, der Bruder Tams! Er war ein strohköpfiger, barfüßiger Bursche von zehn Jahren und schwätzte mehr üble Dinge, als ich sonst jemals gehört habe, weil er schon beizeiten aus dem Faß seines Bruders geschöpft hatte. Ich war selbst noch nicht sehr alt, der Stolz hatte noch nicht die Überhand gewonnen über die Neugier, und wahrscheinlich hätte jedermann interessiert gelauscht, wenn er an jenem kalten Morgen das ganze Geklatsch der Gegend gehört hätte und ihm alle Plätze gezeigt worden wären, an denen sonderbare Dinge geschehen waren. Als wir durch die Moore gingen, hörte ich Erzählungen von Claverhouse, und als wir auf der Höhe der Klippen waren, Geschichten vom Teufel. Bei der Abtei vernahm ich manches von den alten Mönchen und mehr noch von den Schmugglern, die die Ruinen als Lagerplatz benutzen und deshalb in Schußweite von Durrisdeer an Land gehen. Die Duries und der arme Mr. Henry wurden bei jeder Verleumdung an erster Stelle genannt. So war mein Geist mit Vorurteilen beladen gegen die Familie, in deren Dienst ich treten sollte, und ich war fast überrascht, als ich Durrisdeer selbst sah, das an einer schönen, geschützten Bucht liegt, zu Füßen des Abteihügels. Das Haus ist geräumig nach französischer oder vielleicht italienischer Art gebaut, ich verstehe nichts von dieser Kunst. Das Besitztum ist von Gärten, Wiesen, Gebüsch und Bäumen so schön umgeben, wie ich es sonst nie gesehen habe. Das Geld, das hier unnützerweise verbaut war, hätte die Familie allein wieder auf einen grünen Zweig bringen können, aber so kostete es ein Vermögen, um alles in Ordnung zu halten.

Mr. Henry kam selbst zur Pforte, um mich willkommen zu heißen: ein großer, dunkelhaariger junger Herr (die Duries sind alle schwarzhaarig) von unbedeutendem und nicht sehr liebenswürdigem Gesichtsausdruck, von starkem Körperbau, aber keiner ebenso starken Gesundheit. Er nahm mich ohne Stolz bei der Hand und führte mich mit einfachen und freundlichen Reden ins Haus. Er leitete mich zur Halle in meinen Wanderstiefeln, um mich dem alten Lord vorzustellen. Es war noch hell, und das erste, was ich sah, war ein Stück durchsichtiges Glas inmitten des Familienwappens in dem bunten Fenster. Ich empfand das als eine Verunstaltung des Raumes, der sonst so hübsch war, mit seinen Familienbildern, der getäfelten Decke, den Leuchtern und dem geschnitzten Kamin, an dessen einer Ecke der alte Lord saß und in seinem Livius blätterte. Er war wie Mr. Henry, von demselben einfachen Benehmen, nur feiner und liebenswürdiger, und auch sein Gespräch war tausendmal unterhaltender. Er stellte mir, wie ich mich entsinne, viele Fragen, über das Kolleg in Edinburgh, wo ich gerade mein Examen bestanden hatte, und über die verschiedenen Professoren, die er mitsamt ihren Leistungen eingehend zu kennen schien. Da wir also über Dinge sprachen, von denen ich genau Bescheid wußte, vermochte ich in meiner neuen Umgebung bald frei zu reden.

Mitten im Gespräch trat Mrs. Henry ein. Ihr Zustand war weit vorgeschritten, da die kleine Katharine in ungefähr sechs Wochen erwartet wurde, so daß ich von ihrer Schönheit auf den ersten Blick keinen starken Eindruck erhielt. Sie behandelte mich auch mit mehr Herablassung als die anderen, und so stellte ich sie an den dritten Platz in meiner Hochschätzung.

Nicht lange dauerte es, bis alle Geschichten Patey Macmorlands mir unglaubwürdig erschienen und ich ein ergebener Diener des Hauses Durrisdeer wurde, was ich seither immer blieb. Vor allen liebte ich Mr. Henry. Mit ihm arbeitete ich und fand in ihm einen anspruchsvollen Herrn, der alle Freundlichkeit aufsparte für jene Stunden, in denen wir unbeschäftigt waren. Im Büro des Verwalters belud er mich nicht nur mit Arbeit, sondern beobachtete mich auch mit sonderbarem Mißtrauen. Schließlich blickte er eines Tages mit einer gewissen Scheu von seinen Papieren auf und sagte: »Mr. Mackellar, ich glaube, ich muß Ihnen sagen, daß ich mit Ihnen sehr zufrieden bin.« Das war das erste Wort der Anerkennung. Von diesem Tage an war sein Mißtrauen gegenüber meiner Arbeit vermindert, und bald hieß es Mr. Mackellar hier und Mr. Mackellar dort bei der ganzen Familie. Ich habe auf Durrisdeer nun fast meine ganze Arbeit nach eigener Zeiteinteilung und nach eigenem Belieben erledigt ohne jemals wegen eines einzigen Pfennigs Differenzen zu bekommen. Selbst damals, als Mr. Henry mich noch antrieb, schlug mein Herz schon für ihn, allerdings teilweise aus Mitleid, denn er war ein unaussprechlich unglücklicher Mensch. Manchmal geriet er über den Ziffern in tiefes Nachdenken und starrte ins Buch oder aus dem Fenster, und der Ausdruck seines Gesichtes und die Seufzer, die er ausstieß, erregten in mir starke Neugier und Mitgefühl. Eines Tages waren wir im Verwaltungsbüro noch spätabends bei der Arbeit, wie ich mich entsinne. Dieser Raum liegt ganz oben im Hause und bietet einen Ausblick über die Bucht und eine kleine bewaldete Landzunge auf der langen Sandbank. In der untergehenden Sonne sahen wir die Schmuggler in großer Zahl mit ihren Pferden, wie sie am Strande hin und her eilten. Mr. Henry starrte nach Westen, und ich wunderte mich, daß er nicht von der Sonne geblendet wurde. Plötzlich runzelte er die Stirn, rieb sich die Brauen mit der Hand und wandte sich lächelnd mir zu.

»Sie erraten nicht, woran ich dachte«, sagte er. »Ich dachte, wieviel glücklicher ich wäre, wenn ich mit diesen Verbrechern reiten und mein Leben aufs Spiel setzen könnte.«

Ich antwortete ihm, daß ich schon bemerkt hätte, er sei in schlechter Laune; man habe ja die Gewohnheit, andere zu beneiden und sich einzubilden, ein Wechsel in der Lebensführung biete Vorteile. Dabei zitierte ich Horaz, wie ein junger Mann, der frisch von der Universität kommt.

»Ja, so ist es«, sagte er, »und nun wollen wir wieder zu unseren Abrechnungen zurückkehren.«

Erst kurze Zeit vorher hatte ich Wind bekommen von den Dingen, die ihn so schwer bedrückten. Tatsächlich konnte ein Blinder sehen, daß ein Schatten über dem Hause lag, der Schatten des Junkers von Ballantrae. Tot oder lebendig (und man glaubte damals, er sei tot) war dieser Mann der Rivale seines Bruders: sein Rivale draußen, wo kein gutes Wort über Mr. Henry gesprochen wurde und man nichts hörte als Mitleid mit dem Junker und Loblieder auf ihn; und sein Rivale zu Hause, nicht nur beim Vater und bei seiner Frau, sondern sogar bei den Dienstboten.

Zwei alte Bedienstete waren die Anstifter: John Paul, ein kleiner, glatzköpfiger, feierlicher und dickbäuchiger Mensch, der immer von Frömmigkeit redete und alles in allem ein ganz zuverlässiger Diener war. Er war der Führer unter den Anhängern des Junkers. Niemand durfte sich so weit vorwagen wie John. Es machte ihm Vergnügen, Mr. Henry öffentlich verächtlich zu machen, wobei er oft üble Vergleiche brauchte. Der alte Lord und Mrs. Henry tadelten ihn zwar, aber nie so scharf, wie sie gemußt hätten, und er brauchte nur sein tränenüberströmtes Gesicht zu erheben und seine Klagen über den Junker – »seinen Jungen«, wie er ihn nannte – auszustoßen, um alle zu versöhnen. Was Mr. Henry betrifft, so ließ er alles stillschweigend hingehen, indem er manchmal traurig und manchmal auch böse dreinblickte. Er wußte, daß er mit einem Toten nicht in Wettbewerb treten konnte, und einen alten Diener wegen übergroßer Anhänglichkeit zu tadeln war ihm unmöglich. Dafür fehlte ihm jede Ausdrucksmöglichkeit.

Macconochie war der Anführer der anderen Partei, ein alter, übelbeleumdeter, fluchender, zänkischer und trunksüchtiger Hund. Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sonderbar die menschliche Natur ist, und warum diese beiden Diener zu Lobrednern von Männern wurden, die das gerade Gegenteil von ihnen selbst darstellten. Sie schwärzten ihre eigenen Fehler an und machten sich lustig über ihre eigenen Tugenden, soweit sie sie bei ihren Herren sahen. Macconochie hatte alsbald meine stille Zuneigung ausgekundschaftet, zog mich ins Vertrauen und schimpfte stundenlang über den Junker, so daß selbst meine Arbeit darunter litt.

»Sie sind alle verrückt hier«, pflegte er auszurufen, »und der Teufel soll sie holen! Der Herr Junker – wer ihn so nennt, soll verrecken! Mr. Henry ist jetzt unser Herr! Sie waren alle nicht begeistert für den Junker, als er sie noch in seinen Klauen hatte, das kann ich Ihnen sagen! Verflucht sei sein Name! Niemals habe ich ein gutes Wort von seinen Lippen gehört noch sonst jemand, immer nur Schimpfen und Poltern und freches Fluchen – der Teufel hole ihn! Seine Bosheit war ohnegleichen, und das soll ein Gentleman gewesen sein! Haben Sie von Wully White dem Weber gehört, Mr. Mackellar? Nein? Nun, Wully war ein eigenartiger Heiliger, ein trockener Kerl, keiner von meiner Sorte, ich konnte ihn nicht ansehen. Aber er war in seiner Art sehr tüchtig, und eines Tages machte er dem Junker Vorwürfe wegen seiner Missetaten. Gewiß eine edle Angelegenheit für den Junker von Ballantrae, sich mit einem Weber herumzuschlagen, nicht wahr?«

Macconochie lächelte spöttisch und sprach den vollen Namen des Junkers nie aus, ohne seinen Haß fühlen zu lassen.

»Aber so war's, eine feine Sache: er polterte vor der Tür des Mannes, erschreckte ihn durch Schreie und warf Schießpulver auf seinen Herd und Feuerwerk durch sein Fenster, bis der alte Mann glaubte, der Teufel wolle ihn holen. Um die Sache kurz zu machen: Wully wurde verrückt. Schließlich konnten sie ihn nicht mehr von den Knien bringen, er jammerte und betete und trieb es so fort, bis er erlöst wurde. Es war glatter Mord, das sagte jeder. Fragt nur John Paul, er war tief beschämt über dies Spiel, denn er ist ja ein so frommer Christ! Eine große Tat für den Junker von Ballantrae!«

Ich fragte ihn, wie der Junker selbst darüber gedacht habe. »Wie soll ich das wissen?« antwortete er. »Er hat nie darüber gesprochen.«

Und dann begann er wieder zu schimpfen und fluchen und ab und zu ein »Junker von Ballantrae« näselnd herauszustoßen. In einer solchen vertraulichen Stunde zeigte er mir auch den Brief von Carlisle, auf dem noch der Huftritt des Pferdes zu sehen war. Das war unsere letzte geheime Unterredung, denn er sprach sich damals so mißliebig über Mrs. Henry aus, daß ich ihn scharf zurechtwies und von Stund an fernhielt.

Der alte Lord war gleichmäßig liebenswürdig gegen Mr. Henry. Er zeigte sich sogar manchmal recht dankbar, klopfte ihm auf die Schulter und sagte, als ob er es allen Menschen mitteilen wollte: »Ein guter Sohn ist dies!« Und er war ohne Zweifel dankbar, denn er besaß Vernunft und Gerechtigkeitsgefühl. Aber ich glaube, das war alles, und ich bin sicher, daß Mr. Henry ebenso dachte. Die Liebe gehörte ganz und gar dem verstorbenen Sohn. Allerdings kam das selten zum Ausdruck und in meiner Gegenwart nur einmal. Der alte Lord fragte mich eines Tages, wie ich mit Mr. Henry fertig würde, und ich berichtete ihm die Wahrheit.

»Nun wohl«, sagte er und blickte seitwärts in das brennende Feuer; »Henry ist ein guter Junge, ein sehr guter Junge. Haben Sie gehört, Mr. Mackellar, daß ich noch einen Sohn hatte? Ich fürchte, er war nicht so tugendhaft wie Mr. Henry, aber bedenken Sie, er ist tot! Zu seinen Lebzeiten waren wir alle sehr stolz auf ihn, sehr stolz. Wenn er auch manchmal nicht so war, wie wir es gewünscht hätten – nun, vielleicht haben wir ihn mehr geliebt!« Dabei blickte er sinnend ins Feuer, und dann sagte er sehr lebhaft zu mir: »Aber ich bin erfreut, daß Sie so gut mit Mr. Henry auskommen, er wird Ihnen ein gütiger Herr sein.« Dann öffnete er sein Buch – immer ein Zeichen, daß ich entlassen war. Aber er las wohl nur wenig und verstand noch weniger, das Schlachtfeld von Culloden und der Junker beherrschten seine Gedanken, und die meinen waren belastet mit einer unnatürlichen Eifersucht auf den toten Mann zugunsten von Mr. Henry, die schon damals in mir wuchs.

Von Mrs. Henry werde ich zuletzt sprechen, so daß solche Ausdrücke für mein Gefühl zunächst noch unbegründet herb erscheinen mögen. Der Leser soll selbst urteilen, wenn ich von ihr erzählt habe. Aber zunächst muß ich über ein anderes Geschehnis berichten, das mich vertrauter machte mit den Verhältnissen. Ich war noch nicht sechs Monate auf Durrisdeer, als John Paul krank wurde und das Bett hüten mußte. Nach meiner Ansicht war Trunksucht die Ursache seines Leidens, aber man pflegte ihn wie einen kranken Heiligen, und er benahm sich auch so. Selbst der Geistliche, der ihn besuchte, bekannte, daß er erbaut sei von ihm. Am dritten Tage der Krankheit kam Mr. Henry zu mir mit Leichenbittermiene.

»Mackellar«, sagte er, »ich möchte Sie um einen kleinen Gefallen bitten. Wir bezahlen eine kleine Rente, die John abzuliefern pflegt, und da er krank ist, weiß ich niemand, den ich damit beauftragen könnte, als Sie. Die Sache ist recht unangenehm, ich selbst könnte das Geld aus verschiedenen Gründen nicht eigenhändig hintragen. Macconochie, der ein Schwätzer ist, darf ich nicht schicken, und – ich möchte, daß Mrs. Henry von der Sache nichts erfährt.« Er wurde rot bis über die Ohren, als er das sagte.

Um die Wahrheit zu gestehen, glaubte ich, es handle sich um einen Fehltritt Mr. Henrys selbst, als ich feststellte, daß ich einer gewissen Jessie Broun das Geld hintragen sollte. Um so tiefer war der Eindruck, als ich die Wahrheit erfuhr.

Jessie wohnte in einer üblen Seitengasse von St. Bride. Der Bezirk war von Pöbel bewohnt, größtenteils von Schmugglern. Zuerst begegnete ich einem Mann mit verbeultem Schädel, und dann auf halbem Wege hörte ich in einer Kneipe radaulustige und singende Burschen, obgleich es noch nicht neun Uhr war in der Frühe. Ich hatte nie schlimmeres Pack gesehen, selbst nicht in der großen Stadt Edinburgh, und hatte große Lust umzukehren. Jessies Zimmer paßte ganz zu ihrer Umgebung, und sie selbst war auch nicht besser. Sie wollte mir keine Quittung geben, die Mr. Henry mich beauftragt hatte zu verlangen – denn er war sehr pedantisch –, bis sie Schnaps geholt und ich ein Glas mit ihr getrunken hätte. Die ganze Zeit benahm sie sich leichtfertig und kindisch, indem sie zeitweilig die Manieren einer Lady nachäffte und dann wieder allerlei unsinnige Redensarten gebrauchte, bis sie mir Liebesanträge machte, die mich anwiderten. Von dem Gelde sprach sie in tragischen Worten.

»Blutgeld ist es!« sagte sie. »Das ist meine Ansicht, Blutgeld für einen Verrat! Sehen Sie nicht, wie ich heruntergekommen bin? Ach, wenn mein guter Junge wieder hier wäre, dann wäre alles anders. Aber er ist tot, er liegt im Hochland begraben! Der gute Junge, der gute Junge!«

Sie hatte eine verrückte Art, von ihrem guten Jungen zu sprechen, sie rang die Hände und verdrehte die Augen, als ob sie bei wandernden Schauspielern in die Lehre gegangen wäre. Ich hatte die Empfindung, daß ihr ganzer Kummer nur vorgetäuscht war, und daß sie das Geschäft betrieb, weil ihre Schande jetzt alles war, auf das sie stolz sein konnte. Ich will nicht behaupten, daß sie mir nicht leid tat, aber mein Mitleid war mit Verachtung gepaart, und schließlich hörte es ganz auf. Das geschah, als sie mich als Zuhörer satt hatte und schließlich ihren Namen unter die Quittung setzte. »Hier!« sagte sie, stieß höchst unweibliche Flüche aus und forderte mich auf zu gehen und die Quittung dem Judas hinzutragen, der mich gesandt hätte. Zum ersten Male hörte ich damals diese Bezeichnung auf Mr. Henry angewandt, ich war verdutzt über die plötzliche Heftigkeit ihrer Ausdrücke und verließ den Raum wie ein getretener Hund unter dem Hagel ihrer Verwünschungen. Aber selbst dann war ich noch nicht frei, denn die Hexe riß das Fenster auf, lehnte sich heraus und fuhr fort mich zu lästern, während ich die Gasse hinunterschritt. Die Schmuggler kamen aus der Wirtshaustür, begannen ebenfalls zu spötteln, und einer besaß die Unmenschlichkeit, einen wütigen kleinen Hund auf mich zu hetzen, der mich in die Wade biß. Das war eine üble Lehre, wenn ich noch einer bedurft hätte, um solch wüste Gesellschaft zu meiden. Ich ritt nach Hause mit Schmerzen vom Biß und sehr verstimmt in meinem Herzen. Mr. Henry war im Verwaltungszimmer und tat so, als ob er arbeitete, aber ich merkte, daß er ungeduldig auf den Bericht über meinen Gang wartete.

»Nun?« fragte er, sobald ich eintrat, und als ich ihm erzählt hatte, was geschehen war, und daß Jessie die Unterstützung nicht verdiente und sehr undankbar sei, sagte er: »Sie ist mit mir nicht befreundet, aber, Mackellar, ich darf mich nur weniger Freunde rühmen, und Jessie hat Ursache ungerecht zu sein. Ich will nicht verschweigen, was die ganze Gegend weiß: sie wurde von einem Mitglied unserer Familie sehr schlecht behandelt.« Es war das erstemal, daß er andeutungsweise von dem Junker sprach, und ich glaube, auch das war ihm noch zuviel, denn gleich darauf fügte er hinzu: »Ich hätte lieber nichts sagen sollen, es könnte Mrs. Henry und meinem Vater weh tun«, und wieder wurde er rot.

»Mr. Henry«, sagte ich, »wenn ich mir erlauben darf, Ihnen einen Rat zu geben, so würde ich diese Frau laufen lassen. Was nützt einer solchen Person Ihr Geld? Sie ist weder nüchtern noch sparsam, und was ihre Dankbarkeit betrifft, so könnten Sie eher Wein aus Granit zapfen, und wenn Sie Ihre Freigebigkeit beschränkten, hätte das keine anderen Folgen, als daß die Waden Ihrer Boten geschont würden.«

Mr. Henry lächelte. »Ihre Wade tut mir wirklich leid«, sagte er mit angemessenem Ernst.

»Erwägen Sie bitte«, fuhr ich fort, »daß ich Ihnen diesen Rat nach reiflicher Überlegung gebe, obgleich mein Herz anfangs für die Frau eingenommen war.«

»Das ist es, sehen Sie!« antwortete Mr. Henry. »Und denken Sie daran, daß ich sie einst als sehr niedliches Mädel kannte. Übrigens habe ich Rücksicht zu nehmen auf den Ruf meiner Familie, wenn ich auch wenig davon spreche.«

Dann brach er die Unterredung ab, die erste, die wir in solcher Vertraulichkeit führten. Aber am Nachmittag schon bekam ich Gewißheit, daß sein Vater über die ganze Sache vollständig unterrichtet war, und daß Mr. Henry das Geheimnis nur seiner Frau gegenüber wahren wollte.

»Ich fürchte, Sie hatten heute ein unangenehmes Geschäft zu erledigen?« sagte der Lord zu mir. »Und da es in keiner Weise zu Ihren Pflichten gehört, wünsche ich Ihnen meinen Dank auszusprechen und gleichzeitig ans Herz zu legen, falls Mr. Henry es nicht getan hat, daß es sehr wünschenswert wäre, wenn meine Tochter nichts davon erführe. Gedanken über Tote, Mr. Mackellar, sind doppelt peinlich.«

Zorn brannte in meinem Herzen, und ich hätte dem Lord ins Gesicht sagen können, wie wenig angebracht es sei, das Bild des Toten im Herzen von Mrs. Henry zu hegen, und wieviel besser es wäre, das falsche Götzenbild zu zerstören. Schon damals sah ich ziemlich genau, wie es mit meinem Herrn und seiner Frau stand.

Meine Feder ist wohl imstande, eine einfache Geschichte klar niederzuschreiben, aber ich zweifle, ob es mir gelingt, die Wirkung von unendlich vielen kleinen Einzelheiten wiederzugeben, deren jede für sich nicht wert ist berichtet zu werden, und die Geschichte von Blicken und die Bedeutung von Worten, die an sich nicht viel sagen, klarzumachen. Auf einer halben Seite soll ich das Wesentliche aus achtzehn Monaten berichten.

Der Fehler, um es geradeheraus zu sagen, lag ganz bei Mrs. Henry. Sie hielt es für ein Verdienst, ihre Einwilligung zur Ehe gegeben zu haben und sah sie wie ein Märtyrertum an, worin der alte Lord sie bestärkte, mit oder ohne Wissen. Auch ihre Treue gegenüber dem Toten hielt sie für ein Verdienst, obgleich diese Treue einem zarteren Gewissen eher als Untreue gegenüber dem Lebenden erschienen wäre, aber auch hier fand sie Unterstützung bei dem Lord. Ich glaube, er war glücklich, über seinen Verlust sprechen zu können, und schämte sich vor Mr. Henry, dabei zu verweilen. Ohne Zweifel veranlaßte er zumindest eine Art Gruppenbildung in dieser Familie von drei Köpfen, und ausgeschlossen wurde dabei der Ehemann. Es scheint eine alte Sitte gewesen zu sein, daß der Lord seinen Wein beim Kamin einnahm, wenn die Familie allein in Durrisdeer war, und anstatt sich zurückzuziehen, pflegte Mrs. Allison einen Stuhl heranzuziehen und sich mit ihm allein zu unterhalten. Auch als sie die Frau meines Herrn geworden war, wurde diese Gepflogenheit beibehalten. Die innige Vertrautheit des alten Herrn mit seiner Tochter wäre an sich sehr schön gewesen, aber ich war ein zu überzeugter Parteigänger Mr. Henrys, um nicht über seinen Ausschluß erbost zu sein. Häufig genug sah ich, wie er offensichtlich einen Entschluß faßte, den Tisch verließ und zu seiner Frau und Lord Durrisdeer ging, die ihn ihrerseits stets herzlich willkommen hießen, sich ihm wie einem aufdringlichen Kind zuwandten und ihn mit so schlecht verborgenem Eifer ins Gespräch zogen, daß er bald wieder bei mir am Tisch war, wo man nur das leise Gemurmel der Stimmen am Kamin hören konnte – so groß ist die Halle von Durrisdeer. Dort pflegte er nun zu sitzen und die anderen zu beobachten, und ich mit ihm. Manchmal, wenn das Haupt des alten Herrn sorgenvoll nickte, wenn seine Hand den Scheitel Mrs. Henrys berührte oder die ihre wie zum Trost seine Knie streichelte; und wenn sie tränennasse Blicke wechselten, zogen wir die Schlußfolgerung, daß das Gespräch wieder einmal den alten Gegenstand streifte und der Schatten des Toten in der Halle war.

Es gibt Stunden, in denen ich Mr. Henry den Vorwurf mache, daß er alles zu geduldig ertrug, aber man muß sich erinnern, daß er aus Mitleid geheiratet wurde, und daß er sein Weib unter solchen Bedingungen hinnahm. Er fand in der Tat auch wenig Ermutigung, Widerstand zu leisten. Einst bemerkte er, er habe einen Mann ausfindig gemacht, der in der Lage sei, das bunte Fenster auszubessern, eine Angelegenheit, die ohne Zweifel zu seinen Obliegenheiten gehörte, da er alle geschäftlichen Angelegenheiten erledigte. Aber für des Junkers Freunde war das Glas wie eine Reliquie, und beim ersten Wort über eine Ausbesserung stieg Mrs. Henry das Blut ins Gesicht.

»Ich bin erstaunt über dich!« rief sie aus.

»Ich bin erstaunt über mich selbst!« sagte Mr. Henry mit größerer Bitterkeit, als ich sie jemals bei ihm bemerkt hatte.

Nun mischte sich der alte Lord mit weicher Rede ins Gespräch, so daß vor Abschluß der Mahlzeit alles vergessen schien, aber als sich das Paar nach dem Essen wie gewöhnlich zum Kamin zurückgezogen hatte, sahen wir, wie Mrs. Henry ihren Kopf weinend auf seine Knie legte. Mr. Henry setzte sein Gespräch mit mir über irgendeine Wirtschaftsangelegenheit fort. Er konnte kaum über andere Dinge sprechen als geschäftliche und war nie ein guter Gesellschafter, aber an diesem Tage hielt er hartnäckig aus, während sein Blick immer wieder zum Kamin wanderte und seine Stimme eine andere Tonlage annahm, ohne daß er seinen Vortrag abbrach. Die Scheibe jedoch wurde nicht ersetzt, und ich glaube, er betrachtete das als schwere Niederlage.

Ob er nun energisch genug war oder nicht – gütig genug war er, weiß Gott. Mrs. Henry bekundete ihm gegenüber eine Art der Herablassung, die bei einem Weibe meine Eitelkeit aufs höchste verletzt hätte, er aber sah alles wie eine Gunstbezeugung an. Sie hielt ihn immer in einer gewissen Entfernung, vergaß ihn, erinnerte sich dann plötzlich seiner und wandte sich ihm zu, wie man es bei Kindern zu tun pflegt. Sie überhäufte ihn mit kühler Liebenswürdigkeit und tadelte ihn, indem sie die Farbe wechselte, mit zusammengebissenen Lippen wie jemand, der unter einer Schande leidet, jagte ihn umher mit einem Blick ihrer Augen, wenn sie sich nicht beherrschte, und wenn sie sich zusammennahm, dankte sie ihm für die natürlichsten Aufmerksamkeiten, als ob es sich um unerhörte Gunstbezeugungen handelte. Alldem begegnete er mit unermüdlicher Dienstbeflissenheit, er verehrte, wie man im Volk sagt, gewissermaßen den Boden, auf dem sie wandelte, und seine Liebe leuchtete aus seinen Augen wie helles Feuer. Als die kleine Katharine geboren wurde, hielt er sich für verpflichtet, in ihrem Zimmer am Kopfende des Bettes zu verweilen. Dort saß er, wie man mir erzählte, weiß wie ein Bettlaken, Schweiß tropfte von seiner Stirn, und das Taschentuch in seiner Hand war zusammengeknäult zu einer kleinen Kugel. Viele Tage lang konnte er den Anblick des Kindes nicht ertragen, und ich bezweifle, ob er sich der jungen Dame gegenüber jemals so benahm, wie er gemußt hätte. Wegen dieses Mangels natürlicher Gefühle wurde er heftig getadelt.

Das war der Zustand dieser Familie bis zum 7. April 1749, als das erste jener Ereignisse geschah, die so viele Herzen brechen und so viele Leben vernichten sollten.

An jenem Tage saß ich kurz vor dem Abendessen in meinem Zimmer, als John Paul die Tür aufriß, ohne anzuklopfen, und mir erzählte, es sei ein Mann unten, der mit dem Verwalter sprechen wolle. Er lächelte höhnisch, als er meine Amtsbezeichnung erwähnte.

Ich fragte, was das für ein Mann sei und wie sein Name laute, und hierbei stellte sich der Grund für die Mißstimmung Johns heraus, denn offenbar weigerte sich der Besucher, irgend jemand außer mir seinen Namen zu nennen, eine verletzende Haltung gegenüber der Würde des Hausmeisters.

»Nun gut«, sagte ich, leise lächelnd, »ich werde sehen, was er wünscht.«

In der Vorhalle fand ich einen großen, sehr einfach gekleideten Mann, der einen Seemannsmantel trug wie einer, der soeben an Land gekommen ist, was bei ihm wirklich der Fall war. Nicht weit von ihm stand Macconochie, die Zunge aus dem Halse und die Hand am Kinn, wie ein Trottel, der hart nachdenkt, und der Fremde, der den Mantel über den Kopf geschlagen hatte, schien ungemütlich zu werden. Kaum hatte er mich gesehen, als er in höflichster Weise auf mich zukam, um mich zu begrüßen.

»Verehrter Herr«, sagte er, »ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich Sie gestört habe, aber ich bin in peinlichster Verlegenheit. Dort steht dieser Sohn einer Bohnenstange, den ich kennen sollte und der obendrein auch mich kennen müßte. Da Sie bei dieser Familie leben, und zwar in verantwortlicher Stellung, weshalb ich mir die Freiheit nahm, nach Ihnen zu fragen, gehören Sie ohne Zweifel zur Partei der ehrbaren Leute?« »Sie mögen auf alle Fälle versichert sein«, sagte ich, »daß alle, die dieser Partei angehören, sich auf Durrisdeer in voller Sicherheit befinden.«

»Verehrter Herr, das ist auch meine Meinung«, sagte er. »Sehen Sie, ich wurde soeben an Land gebracht durch einen sehr ehrenhaften Mann, dessen Name mir entfallen ist, und der bis zum Morgen auf mich warten soll, was immerhin gefährlich ist für ihn, und, um ganz offen zu Ihnen zu sein, ich bin etwas besorgt, daß auch für mich Gefahr besteht. Ich habe mein Leben so oft gerettet, Herr ... ich habe Ihren Namen vergessen, aber er ist sehr gut – daß es mir, wie Sie glauben können, sehr unangenehm wäre, es schließlich doch zu verlieren. Und dieser Sohn einer Bohnenstange, den ich, wie ich glaube, bei Carlisle sah ...«

»Mein Herr«, sagte ich, »Sie können sich auf Macconochie bis morgen verlassen.«

»Nun, das höre ich mit Freuden«, sagte der Fremde. »Um die Wahrheit zu gestehen, so ist mein Name hier im Lande Schottland nicht sehr beliebt. Einem Gentleman wie Ihnen, verehrter Herr, will ich ihn natürlich nicht verheimlichen und ihn mit Ihrer Erlaubnis in Ihr Ohr flüstern. Man nennt mich Francis Burke – Oberst Francis Burke, und ich bin hier unter verfluchten Gefahren für mich selbst, um Ihre Herrschaften zu sprechen.

Entschuldigen Sie, verehrter Herr, wenn ich diesen Ausdruck gebrauche, denn aus Ihrer Erscheinung hätte ich niemals auf Ihre Stellung schließen können. Und wenn Sie so außerordentlich liebenswürdig sein wollten, ihnen meinen Namen zu nennen, mögen Sie hinzufügen, daß ich Briefe bei mir trage, die sie ohne Zweifel mit Freuden lesen werden.«

Oberst Francis Burke gehörte zu den Irländern des Prinzen, die seiner Sache unberechenbaren Schaden zufügten, und die zur Zeit der Empörung von den Schotten gehaßt wurden. Es fiel mir sofort ein, wie der Junker von Ballantrae alle Welt in Erstaunen versetzt hatte, als er sich dieser Partei anschloß. Im selben Augenblick überfiel meine Seele eine heftige Vorahnung der Wahrheit.

»Wenn Sie hier eintreten wollen«, sagte ich und öffnete eine Zimmertür, »will ich meinen Lord unterrichten.«

»Das ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Soundso«, antwortete der Oberst.

Ich ging schleppenden Fußes zur Halle. Dort waren sie alle drei, der alte Lord hockte auf seinem Platz, Mrs. Henry saß arbeitend am Fenster, und Mr. Henry ging am anderen Ende der Halle auf und ab, wie es seine Gewohnheit war. In der Mitte stand der Tisch, das Abendessen war gedeckt. Ich erzählte kurz, was ich zu sagen hatte. Der alte Lord lehnte sich in den Sessel zurück, Mrs. Henry sprang in unwillkürlicher Bewegung auf, und sie und ihr Gemahl starrten einander in die Augen über den Raum hinweg. Es war ein höchst sonderbarer, herausfordernder Blick, den die beiden wechselten, und während sie sich anschauten, verloren ihre Gesichter die Farbe. Dann wandte sich Mr. Henry mir zu, nicht, um zu sprechen, sondern um mir ein Zeichen mit dem Finger zu geben, aber das genügte, und ich ging wieder zu dem Oberst hinunter.

Als wir zurückkehrten, waren die drei fast in der gleichen Stellung, wie ich sie verließ. Ich glaube, sie hatten kein Wort gewechselt.

»Lord Durrisdeer, nicht wahr?« sagte der Oberst. Er verbeugte sich, und der Lord tat das gleiche. »Und hier«, fuhr der Oberst fort, »sicher der Erbe von Ballantrae.«

»Ich habe mich nie so genannt«, sagte Mr. Henry, »ich bin Henry Durie, ich stehe zu Ihren Diensten.«

Dann wandte sich der Oberst an Mrs. Henry, verbeugte sich mit dem Hut auf dem Herzen und mit einer bezaubernden Liebenswürdigkeit. »Es ist kein Irrtum möglich über eine so vornehme Dame«, sagte er, »ich spreche zu der entzückenden Miß Alison, von der ich so oft gehört habe?«

Wieder wechselten Mann und Weib einen Blick.

»Ich bin Mrs. Henry Durie«, sagte sie, »aber vor meiner Ehe war mein Name Alison Graeme.«

Dann begann der Lord zu reden. »Ich bin ein alter Mann, Oberst Burke«, sagte er, »und gebrechlich. Es wäre gnädig von Ihnen, wenn Sie rasch sprechen wollten. Bringen Sie mir Nachrichten von ...« Er zögerte, und dann brachen die Worte aus ihm heraus in einem sonderbaren Wechsel des Tones: »... von meinem Sohn?«

»Mein verehrter Lord, ich will offen mit Ihnen sein wie ein Soldat«, antwortete der Oberst. »So ist es.«

Der Lord streckte zitternd die Hand aus. Es schien, als wolle er ein Zeichen geben, aber ob er um Frist bat oder ihn aufforderte weiterzusprechen, konnten wir nicht erraten. Schließlich stieß er das eine Wort hervor: »Gute?«

»Gewiß, die besten Nachrichten der Welt!« rief der Oberst. »Denn mein lieber Freund und verehrter Kamerad befindet sich zur Stunde in der schönen Stadt Paris und sitzt, wenn ich seine Gewohnheiten richtig kenne, augenblicklich im Sessel, um zu speisen. Hallo, ich glaube, die Lady wird ohnmächtig!«

Mrs. Henry war in der Tat leichenblaß und sank gegen den Fensterrahmen, aber als Mr. Henry eine Bewegung machte, als wolle er zu ihr eilen, richtete sie sich zitternd auf. »Ich fühle mich wohl«, sagte sie mit weißen Lippen.

Mr. Henry hielt sich zurück, und sein Gesicht sah stark verärgert aus. Gleich darauf wandte er sich an den Oberst. »Machen Sie sich keine Vorwürfe«, sagte er, »wegen dieser Wirkung Ihrer Worte auf meine Frau. Es ist ganz natürlich, wir wurden alle geschwisterlich erzogen.«

Mrs. Henry blickte mit einer Art Erleichterung oder sogar Dankbarkeit auf ihren Gatten. Nach meiner Ansicht war das der erste Auftakt ihrer Zuneigung zu ihm.

»Versuchen Sie mir zu verzeihen, Mrs. Durie, ich bin wirklich ein ungeschliffener Irländer«, sagte der Oberst, »und ich verdiente erschossen zu werden, weil ich einer Dame die Nachricht nicht zarter überbracht habe. Aber hier sind die eigenhändigen Briefe des Junkers, je einer für jeden von Ihnen, und ich bin überzeugt, wenn ich überhaupt etwas von der feinen Art meines Freundes weiß, er wird Ihnen seine eigene Geschichte in angenehmerer Weise erzählen.«

Er nahm die drei Briefe, ordnete sie nach ihren Anschriften, reichte den ersten meinem Lord, der ihn gierig in Empfang nahm, und schritt auf Mrs. Henry zu, indem er den zweiten hinhielt.

Aber die Lady lehnte ihn ab. »Meinem Gemahl, bitte«, sagte sie mit zitternder Stimme.

Der Oberst war ein heller Kopf, aber diesmal war er doch etwas bestürzt. »Aber natürlich«, sagte er, »wie dumm von mir, selbstverständlich!«

Aber er hielt den Brief immer noch hin.

Schließlich streckte Mr. Henry seine Hand aus, und es blieb ihm nichts anderes übrig, als ihm den Brief zu überreichen. Mr. Henry nahm die Briefe, den ihren und den seinen, und blickte auf den Umschlag, mit stark gerunzelter Stirn, als ob er nachdenke. Er hatte mich durch sein ausgezeichnetes Benehmen während der ganzen Zeit überrascht, aber jetzt sollte er sich selbst übertreffen.

»Gestatte mir, daß ich dich zu deinem Zimmer geleite«, sagte er zu seiner Frau.

»Alles das hat uns aufs äußerste überrascht, und jedenfalls willst du deinen Brief allein lesen.«

Wieder blickte sie ihn an, als ob sie ihn bewunderte, aber er ließ ihr keine Zeit, sondern schritt geradeswegs auf sie zu. »Es ist besser so, glaube mir«, sagte er, »und Oberst Burke wird dich ohne Zweifel entschuldigen.« Dann nahm er ihre Fingerspitzen und führte sie aus der Halle.

Mrs. Henry kam an diesem Abend nicht mehr zurück, und als Mr. Henry sie am nächsten Morgen aufsuchte, übergab sie ihm den noch ungeöffneten Brief, wie ich lange nachher hörte.

»Lies ihn doch und damit basta!« soll er ausgerufen haben.

»Erspare es mir!« antwortete sie.

Durch diese Worte vernichteten beide nach meiner Ansicht sehr viel von dem, was sie vorher gutgemacht hatten. Aber der Brief kam tatsächlich in meine Hände und wurde von mir uneröffnet verbrannt.

*

Um die Abenteuer des Junkers nach der Schlacht von Culloden getreu zu berichten, schrieb ich vor nicht langer Zeit an Oberst Burke, jetzt Ritter des Ordens vom Heiligen Ludwig, und bat ihn um einige schriftliche Unterlagen, da ich mich nach so langer Zeit nicht mehr auf mein Gedächtnis verlassen könne. Um die Wahrheit zu gestehen, war ich über seine Antwort einigermaßen bestürzt, denn er sandte mir die vollständigen Erinnerungen seines Lebens, die sich nur teilweise auf den Junker bezogen. Sie waren viel umfangreicher als meine ganze Geschichte und nicht überall, wie mir scheinen will, zur Erbauung geeignet. Er bat mich in dem Begleitschreiben, das aus Ettenheim datiert war, ich möchte einen Verleger ausfindig machen für die ganze Niederschrift, wenn ich sie nach meinem Belieben verwandt hätte, und ich denke, daß ich meinen eigenen Zwecken am besten diene, und seine Wünsche gleichzeitig erfülle, wenn ich bestimmte Stellen vollständig abdrucke. Auf diese Weise erhalten meine Leser einen ins einzelne gehenden und, wie ich glaube, sehr lichtvollen Bericht über manche wesentlichen Dinge. Wenn irgendein Verleger Interesse nimmt an der Erzählungsweise des Ritters, weiß er, an wen er sich wegen der Niederschrift zu wenden hat, von der noch viel zu seiner Verfügung stünde. Ich füge hier meinen ersten Auszug ein und setze ihn an die Stelle des Berichtes, den uns der Ritter beim Wein in der Halle von Durrisdeer erstattete, aber man hat recht, wenn man vermutet, daß er meinem Lord nicht die grausamen Tatsachen erzählte, sondern eine stark gefärbte Darstellung gab.

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