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Der Jüngling

Walter Hasenclever: Der Jüngling - Kapitel 5
Quellenangabe
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typepoem
authorWalter Hasenclever
titleDer Jüngling
publisherKurt Wolff Verlag Leipzig
printrunZweites bis viertes Tausend
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Die Verheißung

Ich rufe dich, mein Herz, das viel genossen:
Du Freund, Geliebte, du enteiltes Jahr!
Die Ströme fühl ich, die durch euch geflossen.
Dich hab ich wieder, schmerzliche Gefahr.
Mit gleicher Freude lernten wir das Träumen,
Der Abend litt uns nicht bei einem Buch;
So gehn wir um und sind in allen Räumen,
Uns lockt die Sehnsucht auf das Kinotuch.
Denn nur wer viel erlebt, dem ist Gott gnädig.
Dem wird sein Reich auf dunkler Fahrt bewußt.
Bis er der Habsucht und des Neides ledig
Den höchsten Schmerz preist als die höchste Lust.

 

Im Traume eines Tages, als ich ermattet lag.
Fühlt ich an meinem Herzen, o Mutter, deinen Schlag.
Du schienst mir so schön, wie ich niemals dich sah –
Dein Gesicht war ein andres; wie wehte es nah!
Söller mein, Zimmer alt, Garten, in dem dein Fuß ging;
Süßes kam, Wehes her, drin, Mutter, dein Blut hing.
Mädchen sind da. Scheue Schwestern. Wir spielen Verstecken.
Wann hast mich lieb gehabt! So küßtest du nie an den Hecken!
Mit blauem Kleid angetan, ich seh dich, o Wunder!
Du gehst hin. Du duftest. An Himmelswand blüht der Holunder.
Einst hat man gebetet beisammen. Du kanntest mich nicht.
Schlugst zu, kam er traurig vom Konfirmationsunterricht.
All das Leid, all die Sehnsucht nun strömt in mich ein.
Hab Sehnsucht, o Mutter, am Kleid dir zu sein!

 

Tritt aus dem Tor, Erscheinung, namenlose!
Kommt, ihr geheimnisvollen frühen Triebe!
Kehr wieder, Sonntag! Schlafe mit mir, Rose
Am weißen Kleide meiner ersten Liebe!
Und wenn ich von euch ritt auf einem Pferde
Schwarz in die Dunkelheit des Meers – was war ich!
Ein Strahl des Lichts, ein Stück von meiner Erde,
Ein Abenteuer, bunt, verbrannt und fahrig.
Mein altes Haus, wer deine Ruhe fände!
O sag mir nicht, daß auf den fremden Inseln
Jetzt Affen schrein und Papageien winseln –
Ich könnte wieder reisen ohne Ende!

 

Großmutter läßt die alten Hände sinken.
Das Abendbrot steht auf dem Tisch. Der Schinken.
Du treuer Diener, der als Kind mich fuhr!
Da drüben hängt mein Bild. Dort schlägt die Uhr.
Der müde Hund kriecht auf den Teppich nieder.
Ich hab ihn oft gequält. Er liebt mich wieder!
Wir sehn uns schwer wie ein Begräbnis an.
Die alte Frau ist krank. Sie soll nicht sterben!
(Sie zittert oft und denkt: er wird verderben!
Vielleicht hab ich nicht gut an ihm getan.)
Daß wir die Güte einst verloren hatten –
Großmutter, deine Liebe war so groß!
Sieh, was uns trennt, ist nur die Zeit, ein Schatten.
Ich bin dein Kind. Nimm mich in deinen Schoß!

 

Du Frau im Samt der ersten Klasse fahrend.
Wie liebe ich dein nie erreichtes Bild!
Ein Schicksal dunkel dir im Herzen wahrend.
Erscheinst du ewig mir und ungestillt.
Ich lese in den Blättern, den Journalen,
Und Welt, die mich umfing, rauscht ins Coupé.
Ich weiß, wie du dich sorgst in Mutterqualen,
Und wie du gehst, und wie du schenkst den Tee.
So kenn ich dein umflortes Herz von ferne.
Du liebe Unbekannte, sei mir nah!
O daß ich wieder glaube, wieder lerne:
Ich bin für dich und deine Schönheit da.

 

Schnell von zitterndem Arm streif das Gewand dir ab.
Biege dich katzengleich, zärtliche Liebhaberin!
Leise den Finger tauch ein in dein feuchtes Grab,
Unerlöst, du allein, schwankend durch Bilder hin.
Und wie du tiefer dich wärmst, steigen dir Städte auf,
Kavaliere und Herrn, heiß an dein Knie gepreßt.
In bacchantischer Lust treibst du auf Stromes Lauf,
Hoch in die Gluten geküßt, und du tanzst auf dem Fest.
Und wie du jäh dich bäumst, sinnloser Rausch dich umfängt.
Eilt deines Herzens Takt wilder in dunkelndes Glück,
Bis dich erwachendes Licht, das deine Wimpern sengt.
Müde aus traumloser Flut hebt in die Kissen zurück.

 

Du stehst vor deinem Tag. Du läßt dich leiten.
Und vieles, was du kaum erlebst, ist da;
Im Flugzeug über Dämmerungen gleiten,
Und Autofahren in Amerika.
Ein Brief beglückt dich. Eines Freunds Novelle,
Der dir von traumverwandten Räumen spricht.
Doch heißer dreht sich um dich selbst die Schnelle,
Dich rührt ein Kind, dich zaubert ein Gesicht.
So daß du, überflutet von Verwirrung,
Durch manches Bild und manche Stätte ziehst.
Als Einziger gestürzt in diese Irrung,
Die du erkennst und nicht mehr wiedersiehst.

 

Und wenn du auszogst aus dir selbst, ein Knabe,
Dem frommer Glaube noch die Lust verhüllt.
Kehrst du zurück zu dir, ein weißer Rabe,
Vom Schauer des Erlebten angefüllt.
Aus Krampf und Zweifeln wirst du dich erlösen;
In seltnen Nächten rufst du dich zum Fest;
Denn wisse nur: im Guten wie im Bösen
Bist du an alles, was da lebt, gepreßt.
Dann tritt hinaus mit aufgehobnen Händen –
Du lebst, um viel von deinem Glück zu spenden.
Zur höchsten Freude schuf dich dein Planet!
Einst fern der Not zu lieben und zu hassen.
Wird dich das Dunkel fremder Menschheit fassen.
Und ihre Sehnsucht, die vorübergeht.

 

Quält dich dein Herz, das dich so oft getrieben,
So decke dich mit deiner Wärme zu.
Du hast erfleht die stärkste Kraft im Lieben,
Die alles war. Und alles warst auch du!
Hafen und Lärm der Börse wird erscheinen;
Du sitzt mit Herrn und Damen in der Bar,
Und ehe du noch schlummerst, wirst du weinen,
Daß so viel Dasein dir beschieden war.
Du stehst auf dem Balkon. Schon krähen Hähne.
Da fühlst du dich unendlich aufgewacht:
Gott ruft, du sollst ihn künden! Und wie Schwäne
Sinkt die Erscheinung von dir in die Nacht.

 

O laß nur deine Augen übergehen
Im Ozean des Tags, auf dem du reist!
Bald wirst du nicht allein im Chaos stehen,
Du schaffst dein Ebenbild mit deinem Geist.
Und Menschen zu umarmen, zu versöhnen,
Zieh hin, gesegnet, wenn du sie erlangst!
Schon naht der Stern, und Weihnachtslieder tönen,
Die du als kleines Kind am Ofen sangst.
Ja, wenn du damals deine Schritte lenktest
Und armen Kranken, die dein Herz erblickt,
Aus einem großen Korbe Weihnacht schenktest –
So sei auch heute wieder ausgeschickt!

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