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Der Jüngling

Walter Hasenclever: Der Jüngling - Kapitel 3
Quellenangabe
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typepoem
authorWalter Hasenclever
titleDer Jüngling
publisherKurt Wolff Verlag Leipzig
printrunZweites bis viertes Tausend
year1913
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Der Abenteurer

Wir spannen Drahtseile aus an metallnen Himmeln.
Wir sind ein Schwarm von Vögeln zusammengeballt.
Wir jagen mit Revolvern auf fliegenden Schimmeln.
Wir pendeln am Strick vor dem Staatsanwalt.
Wir leben, um uns zu betrügen.
Wir tanzen alle Tänze mit dem Knie.
Wir umarmen brüllend den und die.
Wir fahren in allen Expreßzügen.
Wir heulen wie Hunde durch unser Dutzend Seelen.
Wir heben die Fackeln zur Henkersnacht.
Wir haben alle Philister ans Kreuz gebracht.
Wir werden alle Idioten zu Tode quälen.

 

Schöne Dame! Blumen überm Herzen
Und der blauen Feder an dem Hut:
Sein Sie mir, ich bitte Sie von Herzen,
Jeden Tag um sechs Uhr gut!
Durch den Saal, den Walzerklänge reizen,
Schwebt Ihr Bild, von reicher Fahrt geschwellt;
Wenn Kommis sich unter Palmen spreizen,
Fühlt man sich in ungeheurer Welt.
Und Ihr Auge schenkt aus der Rotunde
Alles, was den Knaben einst entzückt,
Und die Süßigkeit aus jener Stunde,
Die mich wieder rührt und mich beglückt

 

Als ich noch ängstlich war und keinen kannte.
Als keine Frau, kein Freund, kein Buch mich nannte.
Als ich noch jung war, heiß und wild bemüht:
Wie war ich dumm! Wie stark! Und wie verfrüht!
Ich weiß nicht, ob es gut war mich zu ändern.
Doch was ich sah und was ich tat, war gut.
Von all dem Schwarm in flatternden Gewändern
Bekränz ich deine Stirne, Lebensmut!
Nur wir sind würdig, alles zu genießen.
Die wir genießen, ohne Ziel und Norm,
Und die wir, groß im Auseinanderfließen,
Einst wieder wachsen: einsam und zur Form.

 

Nimm nicht zu viel! Genossen heißt verlieren;
Ich liebe eine Frau, die sich begrenzt.
Wenn du die feinsten aller Nerven kennst.
Kannst du das Kleinste mit dem Größten zieren.
Nachtwolken stehn, gleich violetten Bänken,
Im Schwefel über dem verbrannten Wald.
Die Großstadt kommt mit Kino, Stern und Schänken
Zu deiner herrenlosen Truggestalt.
Bemale deine Sinne rot und golden.
Und was noch Farbe hat, das male ein!
Bedenke all die Freuden, süßen, holden.
An die du anklingst wie Champagnerwein!

 

Die Nacht fallt scherbenlos ins Unbewußte;
Erlebnis bröckelt von dir ab wie Kruste.
Schon schirrt der Tag mit Faß, Laterne, Karren
Einäugige Pferde, die auf Futter harren.
Geliebte Fraun! Wo mögt ihr heute träumen!
In was für Betten dunkel euch verschäumen.
Lösch aus, du letzte Kerze, die noch brennt!
Mit froher Güte will ich mich umsäumen.
Wer treu ist, kehrt zurück aus Zwischenräumen
Zu einem gleichen Schicksal, das er kennt.
Ihn wird der eitle Schmerz nicht mehr betören
Dessen, der nichts verliert und nichts behält.
Wer treu ist, wird dem Menschlichsten gehören –
Und so erfüllt er sich in ewiger Welt.

 

Welt, du bist mehr als Taumel oder Grüfte,
Wird deine Seele stark von dem, was war.
Mein Blick begegnet einer Frauenhüfte,
Bleibt ruhn und nennt die Ferne wunderbar.
Ich bin bei euch! Und weil ich nichts bereue.
Strömt mir mein Sein zurück und gibt mich hin.
Nicht, daß ich war, nein: daß ich mich zerstreue.
Daß ich in jeder Sehnsucht mich erneue.
Schuf Freude, Schmerz, Geschick. Und sieh: Ich bin.
Du Bett! Du Uhr! Und du, Lokomotive!
Ihr seid ja nur, weil ich euch lieb gewann.
Geht nicht, wenn eine andre Welt euch riefe.
Daß ich euer Freund, euer Bruder werden kann!

 

Liebst du an mir, daß ich, wie du, mich härme?
Kennst du das ferne Streicheln meiner Hände?
Fliehst du vor mir, wenn ich zu nah dir schwärme?
Erschauerst du beim Kuß, als wärs das Ende?
Bist du das Eine, das ich immer finde –
Gesicht des eignen Blutes, fremd und scheu?
Was irrst du traurig unter dem Gesinde –
So tritt hervor! Erkenn dich! Sei dir treu!
Du bist, wie ich, Geschenk an Tag und Erde,
Aus deren Herz du wieder zu dir kreist.
Und alles, was du weißt von Tag und Erde,
Ist nur dein Spiegelbild in deinem Geist.

 

So mußt du lernen dir die Welt betrachten:
Laß einen Abstand zwischen dir und ihr.
Erfülle ihn mit Weibern und mit Schlachten,
Mit einer Zeitung, einem Glase Bier.
Du lebst. Unendliches dir auszusinnen!
Du stehst im All, an das du dich verlierst.
Was du auch denkst, einst sollst du es gewinnen.
Du wirst dein eigen, und du triumphierst.
Es gibt kein Bild, das ewig dir entschwindet.
Und keinen Horizont, an dem du klebst –
Was dich mit dir und deinesgleichen bindet,
Ist nur das Eine: Daß du lebst!

 

Ich will dies Leben herrlich dir beschreiben.
Das dich in seine Freudenhäuser raubt.
Schon hör ich dich an deinem Käfig reiben –
Du bist ein Mensch! O hebe, Mensch, dein Haupt!
Gefahr in vielen Körpern wird dich schwächen.
An mancher Lust und Not ertrinkt dein Blick;
Doch eines Tages wirst du nicht mehr sprechen:
Ich habe Glück. Ich habe Mißgeschick.
Nein, Mensch, du Melodie für alle Klänge,
Du bist so stark! Sei, was dein Auge sah!
Wie im Theater fülle alle Ränge –
Lausche dem Spiel – du bist es selber ja.

 

Und wenn du dich erkannt als große Fülle
Des Lebens, die das Leben ewig schafft.
Fällt von dir ab, was Not war, und die Hülle
Des Körperlichen, und du wirst die Kraft.
Du hast die Welt gezeugt und wirst sie töten;
Sie muß dir dienen, wie du sie gewollt.
Denn ohne blaß zu werden und Erröten,
Trägst du ihr Antlitz: ein Symbol, das rollt.
Von Kerzen und von Winden gern getragen.
Entschreitest du, beruhigt und gestillt:
Goldgräber, dem die guten Uhren schlagen.
Und Welt und Menschheit lebt in deinem Bild.

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