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Der junge Gelehrte

Gotthold Ephraim Lessing: Der junge Gelehrte - Kapitel 8
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer junge Gelehrte
authorGotthold Ephraim Lessing
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000037-8
titleDer junge Gelehrte
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1747
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Vierter Auftritt

Anton. Damis.

Anton (vor sich). Ja, die Gelehrten – wie glücklich sind die Leute nicht! – – Ist mein Vater nicht ein Esel gewesen, daß er mich nicht auch auf ihre Profession getan hat! Zum Henker, was muß es für eine Lust sein, wenn man alles in der Welt weiß, so wie mein Herr! – – Potz Stern, die Bücher alle zu verstehn! – – Wenn man nur darunter sitzt, man mag darin lesen oder nicht, so ist man schon ein ganz andrer Mensch! – – Ich fühl's, wahrhaftig ich fühl's, der Verstand duftet mir recht daraus entgegen. – Gewiß, er hat recht; ohne die Gelehrsamkeit ist man nichts als eine Bestie. – – Ich dumme Bestie! – – (Beiseite.) Nun, wie lange wird er mich noch schimpfen lassen? – – Wir sind doch närrisch gepaaret, ich und mein Herr! – – Er gibt dem Gelehrtesten und ich dem Ungelehrtesten nichts nach. – – Ich will auch noch heute anfangen zu lesen. – – Wenn ich ein Loch von achtzig Jahren in die Welt lebe, so kann ich schon noch ein ganzer Kerl werden. – – Nur frisch angefangen! Da sind Bücher genug! – – Ich will mir das kleinste aussuchen; denn anfangs muß man sich nicht übernehmen. – – Ha! da finde ich ein allerliebstes Büchelchen. – – In so einem muß es sich mit Lust studieren lassen. – – Nur frisch angefangen, Anton! – – Es wird doch gleichviel sein, ob hinten oder vorne? – – Wahrhaftig, es wäre eine Schande für meinen so erstaunlich, so erschrecklich, so abscheulich gelehrten Herrn, wenn er länger einen so dummen Bedienten haben sollte –

Damis (indem er sich ihm vollends nähert). Ja freilich wäre es eine Schande für ihn.

Anton. Hilf Himmel! mein Herr – –

Damis. Erschrick nur nicht! Ich habe alles gehört – –

Anton. Sie haben alles gehört? – – ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn ich etwas Unrechtes gesprochen habe. – – Ich war so eingenommen, so eingenommen von der Schönheit der Gelehrsamkeit – – verzeihen Sie mir meinen dummen Streich – –, daß ich selbst noch gelehrt werden wollte.

Damis. Schimpfe doch nicht selbst den klügsten Einfall, den du zeitlebens gehabt hast.

Anton. Vor zwanzig Jahren möchte er klug genug gewesen sein.

Damis. Glaube mir, noch bist du zu den Wissenschaften nicht zu alt. Wir können in unsrer Republik schon mehrere aufweisen, die sich gleichfalls den Musen nicht eher in die Arme geworfen haben.

Anton. Nicht in die Arme allein, ich will mich ihnen in den Schoß werfen. – Aber in welcher Stadt sind die Leute?

Damis. In welcher Stadt?

Anton. Ja; ich muß hin, sie kennenzulernen. Sie müssen mir sagen, wie sie es angefangen haben. – –

Damis. Was willst du mit der Stadt?

Anton. Sie denken etwa, ich weiß nicht, was eine Republik ist? – – Sachsen, zum Exempel – – Und eine Republik hat ja mehr wie eine Stadt? nicht?

Damis. Was für ein Idiote! Ich rede von der Republik der Gelehrten. Was geht uns Gelehrten Sachsen, was Deutschland, was Europa an? Ein Gelehrter, wie ich bin, ist für die ganze Welt; er ist ein Kosmopolit: er ist eine Sonne, die den ganzen Erdball erleuchten muß – –

Anton. Aber sie muß doch wo liegen, die Republik der Gelehrten.

Damis. Wo liegen? dummer Teufel! die gelehrte Republik ist überall.

Anton. Überall? und also ist sie mit der Republik der Narren an einem Orte? Die, hat man mir gesagt, ist auch überall.

Damis. Ja freilich sind die Narren und die Klugen, die Gelehrten und die Ungelehrten überall untermengt, und zwar so, daß die letztern immer den größten Teil ausmachen. Du kannst es an unserm Hause sehen. Mit wieviel Toren und Unwissenden findest du mich nicht hier umgeben? Einige davon wissen nichts, und wissen es, daß sie nichts wissen. Unter diese gehörst du. Sie wollten aber doch gern etwas lernen, und deswegen sind sie noch die erträglichsten. Andre wissen nichts und wollen auch nichts wissen; sie halten sich bei ihrer Unwissenheit für glücklich; sie scheuen das Licht der Gelehrsamkeit – –

Anton. Das Eulengeschlecht!

Damis. Noch andre aber wissen nichts und glauben doch etwas zu wissen; sie haben nichts, gar nichts gelernt, und wollen doch den Schein haben, als hätten sie etwas gelernt. Und diese sind die allerunerträglichsten Narren, worunter, die Wahrheit zu bekennen, auch mein Vater gehört.

Anton. Sie werden doch Ihren Vater, bedenken Sie doch, Ihren Vater, nicht zu einem Erznarren machen?

Damis. Lerne distinguieren! Ich schimpfe meinen Vater nicht, insofern er mein Vater ist, sondern insofern ich ihn als einen betrachten kann, der den Schein der Gelehrsamkeit unverdienterweise an sich reißen will. Insofern verdient er meinen Unwillen. Ich habe es ihm schon oft zu verstehen gegeben, wie ärgerlich er mir ist, wenn er, als ein Kaufmann, als ein Mann, der nichts mehr als gute und schlechte Waren, gutes und falsches Geld kennen darf und höchstens das letzte für das erste wegzugeben wissen soll; wenn der, sage ich, mit seinen Schulbrocken, bei welchen ich doch noch immer etwas erinnern muß, so prahlen will. In dieser Absicht ist er ein Narr, er mag mein Vater sein, oder nicht.

Anton. Schade! ewig schade! daß ich das insofern und in Absicht nicht als ein Junge gewußt habe. Mein Vater hätte mir gewiß nicht so viel Prügel umsonst geben sollen. Er hätte sie alle richtig wiederbekommen; nicht insofern als mein Vater, sondern insofern als einer, der mich zuerst geschlagen hätte. Es lebe die Gelehrsamkeit! – –

Damis. Halt! ich besinne mich auf einen Grundsatz des natürlichen Rechts, der diesem Gedanken vortrefflich zustatten kömmt. Ich muß doch den Hobbes nachsehen! – – Geduld! daraus will ich gewiß eine schöne Schrift machen!

Anton. Um zu beweisen, daß man seinen Vater wiederprügeln dürfe? – –

Damis. Certo respectu allerdings. Nur muß man sich wohl in acht nehmen, daß man, wenn man ihn schlägt, nicht den Vater, sondern den Aggressor zu schlagen sich einbildet; denn sonst – –

Anton. Aggressor? Was ist das für ein Ding?

Damis. So heißt der, welcher ausschlägt – –

Anton. Ha, ha! nun versteh ich's. Zum Exempel; Ihnen, mein Herr, stieße wieder einmal eine kleine gelehrte Raserei zu, die sich meinem Buckel durch eine Tracht Schläge empfindlich machte: so wären Sie – – wie heißt es? – – der Aggressor; und ich, ich würde berechtiget sein, mich über den Aggressor zu erbarmen, und ihm – –

Damis. Kerl, du bist toll! – –

Anton. Sorgen Sie nicht; ich wollte meine Gedanken schon so zu richten wissen, daß der Herr unterdessen beiseite geschafft würde – –

Damis. Nun wahrhaftig, das wäre ein merkwürdiges Exempel, in was für verderbliche Irrtümer man verfallen kann, wenn man nicht weiß, aus welcher Disziplin diese oder jene Wahrheit zu entscheiden ist. Die Prügel, die ein Bedienter von seinem Herrn bekommt, gehören nicht in das Recht der Natur, sondern in das bürgerliche Recht. Wenn sich ein Bedienter vermietet, so vermietet er auch seinen Buckel mit. Diesen Grundsatz merke dir.

Anton. Aus dem bürgerlichen Rechte ist er? O das muß ein garstiges Recht sein. Aber ich sehe es nun schon! die verzweifelte Gelehrsamkeit, sie kann ebenso leicht zu Prügeln verhelfen als dafür schützen. Was wollte ich nicht darum geben, wenn ich mich auf alle ihre wächserne Nasen so gut verstünde als Sie – – O Herr Damis, erbarmen Sie sich meiner Dummheit!

Damis. Nun wohl, wenn es dein Ernst ist, so greife das Werk an. Es erfreut mich, der Gelehrsamkeit durch mein Exempel einen Proselyten gemacht zu haben. Ich will dich redlich mit meinem Rate und meinen Lehren unterstützen. Bringst du es zu etwas, so verspreche ich dir, dich in die gelehrte Welt selbst einzuführen und mit einem besondern Werke dich ihr anzukündigen. Vielleicht ergreife ich die Gelegenheit, etwas de Eruditis sero ad literas admissis oder de Opsimathia oder auch de studio senili zu schreiben, und so wirst du auf einmal berühmt. – – Doch laß einmal sehen, ob ich mir von deiner Lehrbegierde viel zu versprechen habe? Welch Buch hattest du vorhin in Händen?

Anton. Es war ein ganz kleines – –

Damis. Welches denn? – –

Anton. Es war so allerliebst eingebunden, mit Golde auf dem Rücken und auf dem Schnitte. Wo legte ich's doch hin? Da! da!

Damis. Das hattest du? das?

Anton. Ja, das!

Damis. Das?

Anton. Bin ich an das unrechte gekommen? weil es so hübsch klein war –

Damis. Ich hätte dir selbst kein beßres vorschlagen können.

Anton. Das dacht' ich wohl, daß es ein schön Buch sein müsse. Würde es wohl sonst einen so schönen Rock haben?

Damis. Es ist ein Buch, das seinesgleichen nicht hat. Ich habe es selbst geschrieben. Siehst du? – – Auctore Damide!

Anton. Sie selbst? Nu, nu, habe ich's doch immer gehört, daß man die leiblichen Kinder besser in Kleidung hält als die Stiefkinder. Das zeugt von der väterlichen Liebe.

Damis. Ich habe mich in diesem Buche, so zu reden, selbst übertroffen. Sooft ich es wieder lese, sooft lerne ich auch etwas Neues daraus.

Anton. Aus Ihrem eignen Buche?

Damis. Wundert dich das? – – Ach verdammt! nun erinnere ich mich erst: mein Gott, das arme Mädchen! Sie wird doch nicht noch in dem Kabinette stecken (Er geht darauf los.)

Anton. Um Gottes willen, wo wollen Sie hin?

Damis. Was fehlt dir? ins Kabinett. Hast du Lisetten gesehen?

Anton. Nun bin ich verloren! – Nein, Herr Damis, nein; so wahr ich lebe, sie ist nicht drinne.

Damis. Du hast sie also sehen herausgehen? Ist sie schon lange fort?

Anton. Ich habe sie, so wahr ich ehrlich bin, nicht sehen hereingehen. Sie ist nicht drinne; glauben Sie mir nur, sie ist nicht drinne – –

Fünfter Auftritt

Lisette. Damis. Anton.

Lisette. Allerdings ist sie noch drinne –

Anton. O das Rabenaas!

Damis. So lange hat Sie sich hier versteckt gehalten? Arme Lisette! das war mein Wille gar nicht. Sobald mein Vater aus der Stube gewesen wäre, hätte Sie immer wieder herausgehen können.

Lisette. Ich wußte doch nicht, ob ich recht täte. Ich wollte also lieber warten, bis mich der, der mich versteckt hatte, selbst wieder hervorkommen hieß – –

Anton. Zum Henker, von was für einem Verstecken reden die? (Sachte zu Lisetten.) So, du feines Tierchen? hat dich mein Herr selbst schon einmal versteckt? Nun weiß ich doch, wie ich die gestrige Ohrfeige auslegen soll. Du Falsche!

Lisette. Schweig; sage nicht ein Wort, daß ich zuvor bei dir gewesen bin, oder – du weißt schon – –

Damis. Was schwatzt ihr denn beide da zusammen? Darf ich es nicht hören?

Lisette. Es war nichts; ich sagte ihm bloß, er solle heruntergehen, daß, wenn meine Jungfer nach mir fragte, er unterdessen sagen könnte, ich sei ausgegangen. Juliane ist mißtrauisch; sie suchte mich doch wohl hier, wenn sie mich brauchte.

Damis. Das ist vernünftig. Gleich, Anton, geh!

Anton. Das verlangst du im Ernste, Lisette?

Lisette. Freilich; fort, laß uns allein.

Damis. Wirst du bald gehen?

Anton. Bedenken Sie doch selbst, Herr Damis; wann Sie nun ihr Geplaudre werden überdrüssig sein, und das wird gar bald geschehen, wer soll sie Ihnen denn aus der Stube jagen helfen, wenn ich nicht dabei bin?

Lisette. Warte, ich will dein Lästermaul – –

Damis. Laß dich unbekümmert! Wann sie mir beschwerlich fällt, wird sie schon selbst so vernünftig sein und gehen.

Anton. Aber betrachten Sie nur: ein Weibsbild in Ihrer Studierstube! Was wird Ihr Gott sagen? Er kann ja das Ungeziefer nicht leiden.

Lisette. Endlich werde ich dich wohl zur Stube hinausschmeißen müssen?

Anton. Das wäre mir gelegen. – – Die verdammten Mädel! auch bei dem Teufel können sie sich einschmeicheln. (Geht ab.)

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