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Der junge Gelehrte

Gotthold Ephraim Lessing: Der junge Gelehrte - Kapitel 11
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer junge Gelehrte
authorGotthold Ephraim Lessing
year1994
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000037-8
titleDer junge Gelehrte
pages1-3
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1747
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Dritter Aufzug

Erster Auftritt

Lisette. Anton.

Lisette. So warte doch, Anton.

Anton. Ei, laß mich zufrieden. Ich mag mit dir nichts zu tun haben.

Lisette. Wollen wir uns also nicht wieder versöhnen? Willst du nicht tun, was ich dich gebeten habe?

Anton. Dir sollte ich etwas zu Gefallen tun?

Lisette. Anton, lieber Anton, goldner Anton, tu es immer. Wie leicht kannst du nicht dem Alten den Brief geben und ihm sagen, der Postträger habe ihn gebracht?

Anton. Geh! du Schlange! Wie sie nun schmeicheln kann! – – Halte mich nicht auf. Ich soll meinem Herrn ein Buch bringen. Laß mich gehen.

Lisette. Deinem Herrn ein Buch? Was will er denn mit dem Buche bei Tische?

Anton. Die Zeit wird ihm lang; und will er nicht müßige Weile haben, so muß er sich doch wohl etwas zu tun machen.

Lisette. Die Zeit wird ihm lang? bei Tische? Wenn es noch in der Kirche wäre. Reden sie denn nichts?

Anton. Nicht ein Wort. Ich bin ein Schelm, wenn es auf einem Totenmahle so stille zugehen kann.

Lisette. Wenigstens wird der Alte reden.

Anton. Der redt, ohne zu reden. Er ißt und redt zugleich; und ich glaube, er gäbe wer weiß was darum, wenn er noch dazu trinken könnte, und das alles dreies auf einmal. Das Zeitungsblatt liegt neben dem Teller; das eine Auge sieht auf den und das andre auf jenes. Mit dem einen Backen kaut er, und mit dem andern redt er. Da kann es freilich nun nicht anders sein, die Worte müssen auf dem Gekauten sitzenbleiben, sodaß man ihn mit genauer Not noch murmeln hört.

Lisette. Was machen aber die übrigen?

Anton. Die übrigen? Valer und Juliane sind wie halb tot. Sie essen nicht und reden nicht; sie sehen einander an; sie seufzen; sie schlagen die Augen nieder; sie schielen bald nach dem Vater, bald nach dem Sohne; sie werden weiß; sie werden rot. Der Zorn und die Verzweiflung sieht beiden aus den Augen. – Aber juchhe! so recht! Siehst du, daß es nicht nach deinem Kopfe gehen muß? Mein Herr soll Julianen haben, und wenn – –

Lisette. Ja, dein Herr! Was macht aber der?

Anton. Lauter dumme Streiche. Er kritzelt mit der Gabel auf dem Teller; hängt den Kopf; bewegt das Maul, als ob er mit sich selbst redte; wackelt mit dem Stuhle; stößt einmal ein Weinglas um; läßt es liegen; tut, als wenn er nichts merkte, bis ihm der Wein auf die Kleider laufen will; nun fährt er auf und spricht wohl gar, ich hätte es umgegossen. – Doch genug geplaudert; er wird auf mich fluchen, wo ich ihm das Buch nicht bald bringe. Ich muß es doch suchen. Auf dem Tische, zur rechten Hand, soll es liegen. Ja zur rechten Hand; welche rechte Hand meint er denn? Trete ich so, so ist das die rechte Hand; trete ich so, so ist sie das; trete ich so, so ist sie das; und das wird sie, wenn ich so trete. (Tritt an alle vier Seiten des Tisches.) Sage mir doch, Lisette, welches ist denn die rechte rechte Hand?

Lisette. Das weiß ich so wenig als du. Schade auf das Buch; er mag es selbst holen. Aber Anton, wir vergessen das Wichtigste; den Brief –

Anton. Kömmst du mir schon wieder mit deinem Briefe? Denkt doch; deinetwegen soll ich meinen Herrn betrügen?

Lisette. Es soll aber dein Schade nicht sein.

Anton. So? ist es mein Schade nicht, wann ich das, was mir Chrysander versprochen hat, muß sitzenlassen?

Lisette. Dafür aber verspricht dich Valer schadlos zu halten.

Anton. Wo verspricht er mir es denn?

Lisette. Wunderliche Haut! ich verspreche es dir an seiner Statt.

Anton. Und wenn du es auch an seiner Statt halten sollst, so werde ich viel bekommen. Nein, nein; ein Sperling in der Hand ist besser als eine Taube auf dem Dache.

Lisette. Wann du die Taube gewiß fangen kannst, so wird sie doch besser sein als der Sperling?

Anton. Gewiß fangen! als wenn sich alles fangen ließe! Nicht wahr, wann ich die Taube haschen will, so muß ich den Sperling aus der Hand fliegen lassen?

Lisette. So laß ihn fliegen.

Anton. Gut! und wann sich nun die Taube auch davonmacht? Nein, nein, Jungfer, so dumm ist Anton nicht.

Lisette. Was du für kindische Umstände machst! Bedenke doch, wie glücklich du sein kannst.

Anton. Wie denn? laß doch hören.

Lisette. Valer hat versprochen, mich auszustatten. Was sind so einem Kapitalisten tausend Taler?

Anton. Auf die machst du dir Rechnung?

Lisette. Wenigstens. Dich würde er auch nicht leer ausgehen lassen, wann du mir behilflich wärest. Ich hätte alsdenn Geld; du hättest auch Geld: könnten wir nicht ein allerliebstes Paar werden?

Anton. Wir? ein Paar? Wenn dich mein Herr nicht versteckt hätte.

Lisette. Tust du nicht recht albern! Ich habe dir ja alles erzählt, was unter uns vorgegangen ist. Dein Herr, das Bücherwürmchen!

Anton. Ja, auch das sind verdammte Tiere, die Bücherwürmer. Es ist schon wahr, ein Mädel wie du, mit tausend Talern, die ist wenigstens tausend Taler wert; aber nur das Kabinett – – das Kabinett – –

Lisette. Höre doch einmal auf, Anton, und laß dich nicht so lange bitten.

Anton. Warum willst du aber dem Alten den Brief nicht selbst geben?

Lisette. Ich habe dir ja gesagt, was darin steht. Wie leicht könnte Chrysander nicht argwöhnen – –

Anton. Ja, ja, mein Äffchen, ich merk es schon; du willst die Kastanien aus der Asche haben und brauchst Katzenpfoten dazu.

Lisette. Je nun, mein liebes Katerchen, tu es immer!

Anton. Wie sie es einem ans Herze legen kann! Liebes Katerchen! Gib nur her, den Brief; gib nur!

Lisette. Da, mein unvergleichlicher Anton –

Anton. Aber es hat doch mit der Ausstattung seine Richtigkeit? – –

Lisette. Verlaß dich drauf – –

Anton. Und mit meiner Belohnung obendrein? – –

Lisette. Desgleichen.

Anton. Nun wohl, der Brief ist übergeben!

Lisette. Aber so bald als möglich –

Anton. Wenn du willst, jetzt gleich. Komm! – Potz Stern! wer kömmt? – – Zum Henker, es ist Damis.

Zweiter Auftritt

Damis. Anton. Lisette.

Damis. Wo bleibt denn der Schlingel mit dem Buche?

Anton. Ich wollte gleich, ich wollte – Lisette und – – Kurz, ich kann es nicht finden, Herr Damis.

Damis. Nicht finden? Ich habe dir ja gesagt, auf welcher Hand es liegt.

Anton. Auf der rechten, haben Sie wohl gesagt; aber nicht auf welcher rechten? Und das wollte ich Sie gleich fragen kommen.

Damis. Dummkopf, kannst du nicht so viel erraten, daß ich von der Seite rede, an welcher ich sitze?

Anton. Es ist auch wahr, Lisette; und darüber haben wir uns den Kopf zerbrochen! Herr Damis ist doch immer klüger als wir! (Indem er ihm hinterwärts einen Mönch sticht.) Nun will ich es wohl finden. Weiß eingebunden, roten Schnitt, nicht? Gehen Sie nur, ich will es gleich bringen.

Damis. Ja, nun ist es Zeit, da wir schon vom Tische aufgestanden sind.

Anton. Schon aufgestanden? Zum Henker, ich bin noch nicht satt. Sind sie schon alle, alle aufgestanden?

Damis. Mein Vater wird noch sitzen und die Zeitung auswendig lernen, damit er morgen in seinem Kränzchen den Staatsmann spielen kann. Geh geschwind, wenn du glaubst, von seinen politischen Brocken satt zu werden. Was will aber Lisette hier?

Lisette. Bin ich jetzt nicht ebensowohl zu leiden als vorhin?

Damis. Nein, wahrhaftig nein. Vorhin glaubte ich, Lisette hätte wenigstens so viel Verstand, daß ihr Plaudern auf eine Viertelstunde erträglich sein könnte; aber ich habe mich geirrt. Sie ist so dumm wie alle übrige im Hause.

Lisette. Ich habe die Ehre, mich im Namen aller übrigen zu bedanken.

Anton. Verzweifelt! das geht ja jetzt aus einem ganz andern Tone! Gott gebe, daß sie sich recht zanken! Aber zuhören mag ich nicht – – Lisette, ich will immer gehen.

Lisette (sachte). Den Brief vergiß nicht; geschwind!

Damis. So! hast du Lisetten um Urlaub zu bitten? Ich befehle dir: bleib da. Ich wüßte nicht, wohin du zu gehen hättest.

Anton. Auf die Post, Herr Damis; auf die Post!

Damis. Doch, es ist wahr; nun so geh! geh!

Dritter Auftritt

Damis. Lisette.

Damis. Lisette kann sich nur auch gleich mit fortmachen. Will denn meine Stube heute gar nicht leer werden? Bald ist der da, bald jener; bald die, bald jene. Soll ich denn nicht einen Augenblick allein sein? (Setzt sich an seinen Tisch.) Die Musen verlangen Einsamkeit, und nichts verjagt sie eher als der Tumult. Ich habe so viele und wichtige Verrichtungen, daß ich nicht weiß, wo ich zuerst anfangen soll; und gleichwohl stört man mich. Mit der Heirat, mit einer so nichtswürdigen Sache, ist der größte Teil des Nachmittags daraufgegangen; soll mir denn auch der Abend durch das ewige Hin- und Wiederlaufen entrissen werden? Ich glaube, daß in keinem Hause der Müßiggang so herrschen kann als in diesem.

Lisette. Und besonders auf dieser Stube.

Damis. Auf dieser Stube? Ungelehrte! Unwissende!

Lisette. Ist das geschimpft oder gelobt?

Damis. Was für eine niederträchtige Seele! die Unwissenheit, die Ungelehrsamkeit für keinen Schimpf zu halten! für keinen Schimpf? So möchte ich doch die Begriffe wissen, die eine so unsinnige Schwätzerin von Ehre und Schande hat. Vielleicht, daß bei ihr die Gelehrsamkeit ein Schimpf ist?

Lisette. Wahrhaftig, wann sie durchgängig von dem Schlage ist wie bei Ihnen – –

Damis. Nein, das ist sie nicht. Die wenigsten haben es so weit gebracht – –

Lisette. Daß man nicht unterscheiden kann, ob sie närrisch oder gelehrt sind? – –

Damis. Ich möchte aus der Haut fahren –

Lisette. Tun Sie das, und fahren Sie in eine klügere.

Damis. Wie lange soll ich noch den Beleidigungen der nichtswürdigsten Kreatur ausgesetzt sein? – – Tausend würden sich glücklich preisen, wenn sie nur den zehnten Teil meiner Verdienste hätten. Ich bin erst zwanzig Jahr alt; und wie viele wollte ich finden, die dieses Alter beinahe dreimal auf sich haben und gleichwohl mit mir – – Doch ich rede umsonst. Was kann es mir für Ehre bringen, eine Unsinnige von meiner Geschicklichkeit zu überführen? Ich verstehe sieben Sprachen vollkommen und bin erst zwanzig Jahr alt. In dem ganzen Umfange der Geschichte und in allen mit ihr verwandten Wissenschaften bin ich ohne gleichem – –

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Wie stark ich in der Weltweisheit bin, bezeugt die höchste Würde, die ich schon vor drei Jahren darin erhalten habe. Noch unwidersprechlicher wird es die Welt jetzt aus meiner Abhandlung von den Monaden erkennen. – – Ach, die verwünschte Post! – –

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Von meiner mehr als demosthenischen Beredsamkeit kann meine satirische Lobrede auf den Nix der Nachwelt eine ewige Probe geben.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Freilich! Auch in der Poesie darf ich meine Hand nach dem unvergänglichsten Lorbeer ausstrecken. Gegen mich kriecht Milton, und Haller ist gegen mich ein Schwätzer. Meine Freunde, welchen ich sonst zum öftern meine Versuche, wie ich sie zu nennen belieben vorgelesen habe, wollen jetzt gar nichts mehr davon hören und versichern mich allezeit auf das aufrichtigste, daß sie schon genugsam von meiner mehr als göttlichen Ader überzeugt wären.

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt!

Damis. Kurz, ich bin ein Philolog, ein Geschichtskundiger, ein Weltweiser, ein Redner, ein Dichter – –

Lisette. Und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! Ein Weltweiser ohne Bart und ein Redner, der noch nicht mündig ist! schöne Raritäten!

Damis. Fort! den Augenblick aus meiner Stube!

Lisette. Den Augenblick? Ich möchte gar zu gern die schöne Ausrufung: und Sie sind erst zwanzig Jahr alt! noch einmal anbringen. Haben Sie nichts mehr an sich zu rühmen? O noch etwas! Wollen Sie nicht? Nun so will ich es selbst tun. Hören Sie recht zu, Herr Damis: Sie sind noch nicht klug und sind schon zwanzig Jahr alt!

Damis. Was? wie? (Steht zornig auf.)

Lisette. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!

Damis. Himmel! was muß man von den ungelehrten Bestien erdulden! Ist es möglich von einem unwissenden Weibsbilde – –

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