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Der Judenstaat

Theodor Herzl: Der Judenstaat - Kapitel 6
Quellenangabe
typeessay
booktitleDer Judenstaat
authorTheodor Herzl
firstpub1886
year1920
publisherJüdischer Verlag
addressBerlin
titleDer Judenstaat
created20051024
senderpmsporer@gmx.de
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Ortsgruppen

Die Verpflanzung

Bisher wurde nur gezeigt, wie die Auswanderung ohne wirtschaftliche Erschütterung durchzuführen ist. Aber bei einer solchen Auswanderung gibt es auch viele starke, tiefe Gemütsbewegungen. Es gibt alte Gewohnheiten, Erinnerungen, mit denen wir Menschen an den Orten haften. Wir haben Wiegen, wir haben Gräber, und man weiß, was dem jüdischen Herzen die Gräber sind. Die Wiegen nehmen wir mit – in ihnen schlummert rosig und lächelnd unsere Zukunft. Unsere teuren Gräber müssen wir zurücklassen – ich glaube, von denen werden wir habsüchtiges Volk uns am schwersten trennen. Aber es muß sein.

Schon entfernt uns die wirtschaftliche Not, der politische Druck, der gesellschaftliche Haß aus unseren Wohnorten und von unseren Gräbern. Die Juden ziehen schon jetzt jeden Augenblick aus einem Land ins andere; eine starke Bewegung geht sogar übers Meer nach den Vereinigten Staaten – wo man uns auch nicht mag. Wo wird man uns denn mögen, solange wir keine eigene Heimat haben?

Wir wollen aber den Juden eine Heimat geben. Nicht, indem wir sie gewaltsam aus ihrem Erdreich herausreißen. Nein, indem wir sie mit ihrem ganzen Wurzelwerk vorsichtig ausheben und in einen besseren Boden übersetzen. So wie wir im Wirtschaftlichen und Politischen neue Verhältnisse schaffen wollen, so gedenken wir im Gemütlichen alles Alte heiligzuhalten. Darüber nur wenige Andeutungen. Hier ist die Gefahr am größten, daß der Plan für eine Schwärmerei gehalten werde.

Und doch ist auch das möglich und wirklich, nur kommt es in der Wirklichkeit als etwas Verworrenes und Hilfloses vor. Durch die Organisierung kann es vernünftig werden.

Die Gruppenwanderung

Unsere Leute sollen in Gruppen miteinander auswandern. In Gruppen von Familien und Freunden. Niemand wird gezwungen, sich der Gruppe seines bisherigen Wohnortes anzuschließen. Jeder kann, nachdem er seine Angelegenheiten liquidiert hat, fahren, wie er will. Jeder tut es ja auf eigene Kosten, in der Bahn- und Schiffsklasse, die ihm zusagt. Unsere Bahnzüge und unsere Schiffe werden vielleicht nur eine Klasse haben. Der Unterschied des Besitzes belästigt auf so langen Reisen die Ärmeren. Und wenn wir auch unsere Leute nicht zu einer Unterhaltung hinüberführen, wollen wir ihnen doch nicht unterwegs die Laune verderben.

Im Elend wird keiner reisen. Dem eleganten Behagen hingegen soll alles möglich sein. Man wird sich schon lange vorher verabreden – es wird ja im günstigsten Falle noch Jahre dauern, bis die Bewegung in einzelnen Besitzklassen in Fluß kommt –, die Wohlhabenden werden zu Reisegesellschaften zusammentreten. Man nimmt die persönlichen Beziehungen sämtlich mit. Wir wissen ja, daß, von den Reichsten abgesehen, die Juden fast gar keinen Verkehr mit Christen haben. In manchen Ländern ist es so, daß der Jude, der sich nicht ein paar Tafelschmarotzer, Borgbrüder und Judenknechte aushält, überhaupt keinen Christen kennt. Das Ghetto besteht innerlich fort.

Man wird sich also in den Mittelständen lange und sorgfältig zur Abreise vorbereiten. Jeder Ort bildet seine Gruppe. In den großen Städten bilden sich nach Bezirken mehrere, die miteinander durch gewählte Vertreter verkehren.

Diese Bezirkseinteilung hat nichts Obligatorisches. Sie ist eigentlich nur als Erleichterung für die Minderbemittelten gedacht und um während der Fahrt kein Unbehagen, kein Heimweh aufkommen zu lassen. Jeder ist frei, allein zu fahren oder sich welcher Ortsgruppe immer anzuschließen. Die Bedingungen – nach Klassen eingeteilt – sind für alle gleich. Wenn eine Reisegesellschaft sich zahlreich genug organisiert, bekommt sie von der Company einen ganzen Bahnzug und dann ein ganzes Schiff.

Für die passende Unterkunft der Ärmeren wird das Quartieramt der Company gesorgt haben. In dem späteren Zeitpunkt, wo die Wohlhabenden wandern, wird das erkannte, weil leicht vorauszusehende Bedürfnis schon die Hotelbauten freier Unternehmer hervorgerufen haben. Auch werden ja die wohlhabenden Auswanderer sich ihre Heimstätten schon früher gebaut haben, so daß sie aus dem verlassenen alten Hause in das fertige neue nur zu übersiedeln brauchen.

Unserer ganzen Intelligenz brauchen wir ihre Aufgabe nicht erst zuzuweisen. Jeder, der sich dem nationalen Gedanken anschließt, wird wissen, wie er in seinem Kreise für die Verbreitung und Betätigung zu wirken hat. Wir werden vornehmlich an die Mitwirkung unserer Seelsorger appellieren.

Unsere Seelsorger

Jede Gruppe hat ihren Rabbiner, der mit seiner Gemeinde geht. Alle gruppieren sich zwanglos. Die Ortsgruppe bildet sich um den Rabbiner herum. So viele Rabbiner, so viele Ortsgruppen. Die Rabbiner werden uns auch zuerst verstehen, sich zuerst für die Sache begeistern und von der Kanzel herab die anderen begeistern. Es brauchen keine besonderen Versammlungen mit Geschwätz einberufen zu werden. Im Gottesdienste wird das eingeschaltet. Und so soll es sein. Wir erkennen unsere historische Zusammengehörigkeit nur am Glauben unserer Väter, weil wir ja längst die Sprachen verschiedener Nationen unverlöschbar in uns aufgenommen haben.

Die Rabbiner werden nun regelmäßig die Mitteilungen der Society und Company erhalten und sie ihrer Gemeinde verkünden und erklären. Israel wird für uns, für sich beten.

Vertrauensmänner der Ortsgruppen

Die Ortsgruppen werden kleine Vertrauensmännerkommissionen unter dem Vorsitz des Rabbiners einsetzen. Hier wird alles Praktische nach den Ortsbedürfnissen beraten und festgesetzt werden. Die Wohltätigkeitsanstalten werden durch die Ortsgruppen frei verpflanzt. Die Stiftungen werden auch drüben in der ehemaligen Ortsgruppe verbleiben, die Gebäude sollten nach meiner Ansicht nicht verkauft, sondern den christlichen Hilfsbedürftigen der verlassenen Städte gewidmet werden. Bei der Landverteilung drüben wird das den Ortsgruppen eingerechnet, indem sie unentgeltlich Bauplätze und jede Bauerleichterung erhalten.

Es wird bei der Verpflanzung der Wohltätigkeitsanstalten wieder, wie an manchen anderen Punkten dieses Planes, Gelegenheit geboten, einen Versuch zum Wohle der ganzen Menschheit zu machen. Unsere jetzige verworrene Privatwohltätigkeit stiftet im Verhältnis zum gemachten Aufwand wenig Gutes. Die Wohltätigkeitsanstalten können und müssen in ein System gebracht werden, wo sie sich gegenseitig ergänzen. In einer neuen Gesellschaft können diese Einrichtungen aus dem modernen Bewußtsein heraus und auf Grund aller sozialpolitischen Erfahrungen gemacht werden. Die Sache ist für uns sehr wichtig, weil wir viele Bettler haben. Durch den äußeren Druck, der sie mutlos macht, und durch die weichliche Wohltätigkeit der Reichen, die sie verwöhnt, lassen sich die schwächeren Naturen unter unseren Leuten leicht im Bettel gehen.

Die Society wird, unterstützt von den Ortsgruppen, der Volkserziehung in dieser Hinsicht die größte Aufmerksamkeit zuwenden. Für viele Kräfte, die jetzt nutzlos hinwelken, wird ja ein fruchtbarer Boden geschaffen. Wer nur den guten Willen hat, soll angemessen verwendet werden. Bettler werden nicht geduldet. Wer als Freier nichts tun will, kommt ins Arbeitshaus.

Hingegen wollen wir die Alten nicht ins Siechenhaus stecken. Das Siechenhaus ist eine der grausamsten Wohltaten, die unsere alberne Gutmütigkeit erfunden hat. Im Siechenhaus schämt und kränkt sich der alte Mensch zu Tode. Er ist eigentlich schon begraben. Wir aber wollen selbst denen, die auf den untersten Stufen der Intelligenz stehen, bis ans Ende die tröstliche Illusion ihrer Nützlichkeit lassen. Die zu körperlicher Arbeit Unfähigen sollen leichte Dienste erhalten. Wir müssen mit den atrophierten Armen einer jetzt schon hinwelkenden Generation rechnen. Aber die nachkommenden Generationen sollen in der Freiheit für die Freiheit anders erzogen werden.

Wir werden für alle Lebensalter, für alle Lebensstufen die sittliche Beseligung der Arbeit suchen. So wird unser Volk seine Tüchtigkeit wiederfinden im Siebenstundenlande.

Stadtpläne

Die Ortsgruppen werden ihre Bevollmächtigten zur Ortswahl delegieren. Bei der Landverteilung wird darauf Rücksicht genommen werden, daß die schonende Verpflanzung, die Erhaltung alles Berechtigten möglich sei.

In den Ortsgruppen werden die Stadtpläne aufliegen. Unsere Leute werden im vorhinein wissen, wohin sie gehen, in welchen Städten, in welchen Häusern sie wohnen werden. Es wurde schon von den Bauplänen und verständlichen Abbildungen gesprochen, die an die Ortsgruppen zu verteilen sind.

Wie in der Verwaltung eine straffe Zentralisierung, ist in den Ortsgruppen die vollste Autonomie das Prinzip. Nur so kann die Verpflanzung schmerzlos vor sich gehen.

Ich stelle mir das nicht leichter vor, als es ist; man darf es sich auch nicht schwerer vorstellen.

Der Zug des Mittelstandes

Der Mittelstand wird unwillkürlich von der Bewegung mit hinübergezogen. Die einen haben ihre Söhne als Beamte der Society oder Angestellte der Company drüben. Juristen, Mediziner, Techniker aller Zweige, junge Kaufleute, alle jüdischen Wegsucher, die jetzt aus der Bedrängnis ihrer Vaterländer hinaus in andere Weltteile erwerben gehen, werden sich auf dem hoffnungsvollen Boden versammeln. Andere haben ihre Töchter an solche aufstrebenden Leute verheiratet. Dann läßt sich von unseren jungen Leuten der eine seine Braut, der andere seine Eltern und Geschwister nachkommen. In neuen Kulturen heiratet man früh. Das kann der allgemeinen Sittlichkeit nur zustatten kommen, und wir erhalten kräftigen Nachwuchs; nicht jene schwachen Kinder spätverheirateter Väter, die zuerst ihre Energie im Lebenskampf abgenutzt haben.

Im Mittelstande zieht jeder unserer Auswanderer andere nach sich.

Den Mutigsten gehört natürlich das Beste von der neuen Welt. Es scheint nun freilich, als wäre hier die größte Schwierigkeit des Planes. Selbst wenn es uns gelingt, die Judenfrage in einer ernsten Weise zur Weltdiskussion zu stellen – selbst wenn aus dieser Erörterung auf das bestimmteste hervorgeht, daß der Judenstaat ein Weltbedürfnis ist – selbst wenn wir durch die Unterstützung der Mächte die Souveränität eines Territoriums erlangten: wie bringen wir die Judenmassen ohne Zwang aus ihren jetzigen Wohnorten in dieses neue Land? Die Wanderung ist doch immer als eine freie gedacht?

Das Phänomen der Menge

Ein mühsames Anfachen der Bewegung wird wohl kaum nötig sein. Die Antisemiten besorgen das schon für uns. Sie brauchen nur soviel zu tun wie bisher, und die Auswanderlust der Juden wird erwachen, wo sie nicht besteht, und sich verstärken, wo sie schon vorhanden ist. Wenn die Juden jetzt in antisemitischen Ländern verbleiben, so geschieht das hauptsächlich aus dem Grunde, weil selbst die historisch Ungebildeten wissen, daß wir uns durch die zahlreichen Ortswechsel in den Jahrhunderten nie dauernd geholfen haben. Gäbe es heute ein Land, wo man die Juden willkommen hieße und ihnen auch viel weniger Vorteile böte, als im Judenstaate, wenn er entsteht, gesichert sind, so fände augenblicklich ein starker Zug von Juden dahin statt. Die Ärmsten, die nichts zu verlieren haben, würden sich hinschleppen. Ich behaupte aber, und jeder wird ja bei sich wissen, ob es wahr ist, daß die Auswanderlust wegen des Druckes, der auf uns lastet, bei uns selbst in wohlhabenden Schichten vorhanden ist. Nun würden ja schon die Ärmsten zur Gründung des Staates genügen, ja sie sind das tüchtigste Menschenmaterial für eine Landnahme, weil man zu großen Unternehmungen ein bißchen Verzweiflung in sich haben muß. Aber indem unsere Desperados durch ihr Erscheinen, durch ihre Arbeit den Wert des Landes heben, machen sie allmählich auch für Besitzkräftigere die Verlockung entstehen, nachzuziehen.

Immer höhere Schichten werden ein Interesse bekommen hinüberzugehen. Den Zug der ersten, Ärmsten, werden ja Society und Company gemeinsam leiten und dabei doch wohl die Unterstützung der schon bestehenden Auswanderungs- und Zionsvereine finden.

Wie läßt sich eine Menge ohne Befehl nach einem Punkte hin dirigieren?

Es gibt einzelne jüdische Wohltäter in großem Stile, welche die Leiden der Juden durch zionistische Versuche mildern wollen. Solche Wohltäter mußten sich schon mit dieser Frage beschäftigen, und sie glaubten, sie zu lösen, wenn sie den Auswanderern Geld oder Arbeitsmittel in die Hand gaben. Der Wohltäter sagte also: »Ich zahle den Leuten, damit sie hingehen.« Das ist grundfalsch und mit allem Gelde der Erde nicht zu erschwingen.

Die Company wird im Gegenteil sagen: »Wir zahlen ihnen nicht, wir lassen sie zahlen. Nur setzen wir ihnen etwas vor.«

Ich will das an einem scherzhaften Beispiel anschaulich machen. Einer dieser Wohltäter, den wir den Baron nennen wollen, und ich möchte eine Menschenmenge an einem heißen Sonntagnachmittag auf der Ebene von Longchamp bei Paris haben. Der Baron wird, wenn er jedem einzelnen 10 Francs verspricht, für 200.000 Francs 20.000 schwitzende, unglückliche Leute hinausbringen, die ihm fluchen werden, weil er ihnen diese Plage auferlegte.

Ich hingegen werde diese 200.000 Francs als Rennpreis aussetzen für das schnellste Pferd – und dann lasse ich die Leute durch Schranken von Longchamp abhalten. Wer hinein will, muß zahlen: 1 Franc, 5 Francs, 20 Francs.

Die Folge ist, daß ich eine halbe Million Menschen hinausbekomme, der Präsident der Republik fährt B la Daumont vor, die Menge erfreut und belustigt sich an sich selbst. Es ist für die meisten trotz Sonnenbrand und Staub eine glückliche Bewegung im Freien, und ich habe für die 200.000 Francs eine Million an Eintrittsgeldern und Spielsteuern eingenommen. Ich werde dieselben Leute, wann ich will, wieder dort haben; der Baron nicht – der Baron um keinen Preis.

Ich will das Phänomen der Menge übrigens gleich ernster beim Broterwerbe zeigen. Man versuche es einmal, in den Straßen einer Stadt ausrufen zu lassen: »Wer in einer nach allen Seiten freistehenden, eisernen Halle im Winter bei schrecklicher Kälte, im Sommer bei quälender Hitze den ganzen Tag auf seinen Beinen stehen, jeden Vorübergehenden anreden und ihm Trödelkram oder Fische oder Obst anbieten wird, bekommt 2 oder 4 Francs oder was sie wollen.«

Wieviel Leute bekommt man wohl da hin? Wenn sie der Hunger hintreibt, wieviel Tage halten sie aus? Wenn sie aushalten, mit welchem Eifer werden sie wohl die Vorübergehenden zum Kaufe von Obst, Fischen oder Trödelkram zu bestimmen versuchen?

Wir machen es anders. An den Punkten, wo ein großer Verkehr besteht, und diese Punkte können wir um so leichter finden, als wir selbst ja den Verkehr leiten, wohin wir wollen, an diesen Punkte errichten wir große Hallen und nennen sie: Märkte. Wir könnten die Hallen schlechter, gesundheitswidriger bauen als jene, und doch würden uns die Leute hinströmen. Aber wir werden sie schöner und besser, mit unserem ganzen Wohlwollen bauen. Und diese Leute, denen wir nichts versprochen haben, weil wir ihnen, ohne Betrüger zu sein, nichts versprechen können, diese braven, geschäftslustigen Leute werden unter Scherzen einen lebhaften Marktverkehr hervorbringen. Sie werden unermüdlich die Käufer harangieren, sie werden auf ihren Beinen dastehen und die Müdigkeit kaum bemerken. Sie werden nicht nur Tag um Tag herbeieilen, um die ersten zu sein, sie werden sogar Verbände, Kartelle, alles mögliche schließen, um nur dieses Erwerbsleben ungestört führen zu können. Und wenn sich auch am Feierabend herausstellt, daß sie mit all der braven Arbeit nur 1 M. 50 kr. oder 3 Francs oder was sie wollen verdient haben, werden sie doch mit Hoffnung in den nächsten Tag blicken, der vielleicht besser sein wird.

Wir haben ihnen die Hoffnung geschenkt.

Will man wissen, wo wir die Bedürfnisse hernehmen, die wir für die Märkte brauchen? Muß das wirklich noch gesagt werden?

Ich zeigte früher, daß durch die Assistance par le travail der fünfzehnfache Verdienst erzeugt wird. Für eine Million fünfzehn Millionen, für eine Milliarde fünfzehn Milliarden.

Ja, ob dies im großen auch so richtig ist wie im kleinen? Der Ertrag des Kapitals hat doch in der Höhe eine abnehmende Progression? Ja, des schlafenden, feige verkrochenen Kapitals, nicht der des arbeitenden. Das arbeitende Kapital hat sogar in der Höhe eine furchtbar zunehmende Ertragskraft. Da steckt ja die soziale Frage.

Ob das richtig ist, was ich sage? Ich rufe dafür die reichsten Juden als Zeugen auf. Warum betreiben diese so viele verschiedene Industrien? Warum schicken sie Leute unter die Erde, um für mageren Lohn unter entsetzlichen Gefahren Kohle heraufzuschaffen? Ich denke mir das nicht angenehm, auch nicht für die Grubenbesitzer. Ich glaube ja nicht an die Herzlosigkeit der Kapitalisten und stelle mich nicht, als ob ich es glaubte. Ich will ja nicht hetzen, sondern versöhnen.

Brauche ich das Phänomen der Menge und wie man sie nach beliebigen Punkten zieht auch noch an den frommen Wanderungen zu erklären?

Ich möchte niemandes heilige Empfindungen durch Worte verletzen, die falsch ausgelegt werden könnten.

Nur kurz deute ich an, was in der mohammedanischen Welt der Zug der Pilger nach Mekka ist, in der katholischen Welt Lourdes und so zahllose andere Punkte, von wo Menschen durch ihren Glauben getröstet heimkehren, und der heilige Rock zu Trier. So werden auch wir dem tiefen Glaubensbedürfnisse unserer Leute Zielpunkte errichten. Unsere Geistlichen werden uns ja zuerst verstehen und mit uns gehen.

Wir wollen drüben jeden nach seiner Fasson selig werden lassen. Auch und vor allem unsere teuren Freidenker, unser unsterbliches Heer, das für die Menschheit immer neue Gebiete erobert.

Auf niemanden soll ein anderer Zwang ausgeübt werden als der zur Erhaltung des Staates und der Ordnung nötige. Und dieses Nötige wird nicht von der Willkür einer oder mehrerer Personen wechselnd bestimmt sein, sondern in ehernen Gesetzen ruhen. Will man nun gerade aus den von mir gewählten Beispielen folgern, daß die Menge nur vorübergehend nach solchen Zielpunkten des Glaubens, des Erwerbes oder des Vergnügens gezogen werden kann, so ist die Widerlegung dieses Einwurfs einfach. Ein solcher Zeitpunkt vermag die Massen nur anzulocken. Alle diese Anziehungspunkte zusammen sind geeignet, sie festzuhalten und dauernd zu befriedigen. Denn diese Anziehungspunkte bilden zusammengenommen eine große Einheit, eine langgesuchte, nach der unser Volk nie aufgehört hat, sich zu sehnen; für die es sich erhalten hat, für die es durch den Druck erhalten worden ist: die freie Heimat! Wenn die Bewegung entsteht, werden wir die einen nachziehen, die anderen uns nachfließen lassen, die dritten werden mitgerissen, und die vierten wird man uns nachdrängen.

Diese, die zögernden späten Nachzügler, werden hüben und drüben am schlechtesten daran sein.

Aber die ersten, die gläubig, begeistert und tapfer hinübergehen, werden die besten Plätze haben.

Unser Menschenmaterial

Über kein Volk sind so viel Irrtümer verbreitet wie über die Juden. Und wir sind durch unsere geschichtlichen Leiden so gedrückt und mutlos geworden, daß wir diese Irrtümer selbst nachsprechen und nachglauben. Eine der falschen Behauptungen ist die unmäßige Handelslust der Juden. Nun ist es bekannt, daß wir dort, wo wir aufsteigende Klassenbewegung mitmachen können, uns eilig vom Handel entfernen. Weitaus die meisten jüdischen Kaufleute lassen ihre Söhne studieren. Daher kommt ja die sogenannte Verjudung aller gebildeten Berufe. Aber auch in den wirtschaftlich schwächeren Schichten ist unsere Handelslust keineswegs so groß, wie angenommen wird. In den östlichen Ländern Europas gibt es große Massen von Juden, die keine Handeltreibenden sind und vor schweren Arbeiten nicht zurückschrecken. Die Society of Jews wird in der Lage sein, eine wissenschaftlich genaue Statistik unserer Menschenkräfte vorzubereiten. Die neuen Aufgaben und Aussichten, die unsere Leute im neuen Lande erwarten werden die jetzigen Handarbeiter befriedigen und viele der jetzigen kleinen Händler zu Handarbeitern machen.

Ein Hausierer, der mit dem schweren Pack auf dem Rücken über Land geht, fühlt sich nicht so glücklich, wie seine Verfolger glauben. Mit dem Siebenstundentage sind alle diese Leute zu Arbeitern zu machen. Es sind so brave, verkannte Leute und leiden jetzt vielleicht am schwersten. Übrigens wird sich die Society of Jews von Anfang an mit ihrer Erziehung zu Arbeitern beschäftigen. Die Erwerbslust wird auf eine gesunde Weise anzuregen sein. Der Jude ist sparsam, findig und erfüllt vom stärksten Familiensinn. Solche Menschen eignen sich zu jeder Erwerbstätigkeit, und es wird genügen, den Kleinhandel zu einem unergiebigen zu machen, um selbst die jetzigen Hausierer davon abzubringen. Hierzu würde beispielsweise die Begünstigung großer Kaufhäuser, in denen man alles findet, dienen. Diese Universalkaufhäuser erdrücken schon jetzt in den Großstädten den kleinen Handel. In einer neuen Kultur würden sie sein Entstehen geradezu verhindern. Ihre Einrichtung hätte gleichzeitig den Vorteil, das Land auch für Menschen mit vorgeschrittenen Bedürfnissen sofort bewohnbar zu machen.

Kleine Gewohnheiten

Verträgt es sich mit dem Ernste dieser Schrift, daß ich, wenn auch nur flüchtig, von den kleinen Gewohnheiten und Bequemlichkeiten des Alltagsmenschen spreche?

Ich glaube, ja. Es ist sogar sehr wichtig. Denn diese kleinen Gewohnheiten sind wie tausend Zwirnsfäden, von denen jeder einzelne dünn und schwach ist – zusammen sind sie ein unzerreißbares Seil.

Auch auf diesem Punkte muß man sich von beschränkten Vorstellungen freimachen. Wer etwas von der Welt gesehen hat, der weiß, daß gerade die kleinen Alltagsgewohnheiten schon jetzt mit Leichtigkeit überallhin verpflanzt werden. Ja, die technischen Errungenschaften unserer Zeit, welche dieser Plan für die Menschlichkeit verwenden möchte, sind bisher hauptsächlich für die kleinen Gewohnheiten verwendet worden. Es gibt englische Hotels in Ägypten und auf den Berggipfeln der Schweiz, Wiener Cafés in Südafrika, französische Theater in Rußland, deutsche Opern in Amerika und das beste bayrische Bier in Paris.

Wenn wir noch einmal aus Mizraim wandern, werden wir die Fleischtöpfe nicht vergessen.

In jeder Ortsgruppe kann und wird jeder seine kleinen Gewohnheiten wiederfinden, nur besser, schöner, angenehmer.

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