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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Sechstes Capitel.

Die Kirchenversammlung zu Costnitz, die größte, die jemals stattgefunden, zeigte sich bereits in ihrem Anbeginn glänzend und prachtvoll, obgleich das Oberhaupt des Reichs, Kaiser Siegismund, noch in Aachen verweilte, wo seine Krönung vor sich gegangen war. Den Antheil, welchen ganz Europa an diesem lang vorbereiteten Concilium nahm, war um so natürlicher, als Jedermann von der Notwendigkeit einer ausgleichenden, schiedsrichterlichen Versammlung innig überzeugt war. Die lateinische Kirche, von tiefen Spaltungen zerrissen, zählte, statt eines Statthalters Christi, ihrer dreie, die einander, von feindlichen Parteien erwählt, erbittert gegenüber standen und durch ihr Beispiel, wie durch ihren Bann, alle Eide und Pflichten locker machten, Christen gegen Christen ausreizten, und dem Sittenverfall der Priester müßig zusahen, theils weil sie die Verirrten für ihre Zwecke zu gewinnen hofften, theils endlich, weil sie nicht besser waren, denn ihre Untergebenen. Dieses schon in die Länge dauernde, empörende Schauspiel, das drei Afterpäpste der Welt gaben, mußte geendet werden, aber weder Johann XXIII., der arglistigste unter ihnen, noch der stolze Benedict XIII., der in Aragonien auf den Schutz des Königs trotzte, noch der weit lenksamere, aber zum Werkzeug seiner Umgebungen herabgewürdigte Gregor XII. waren zum gütlichen Vergleich, zu Entsagung und aufrichtiger Mitwirkung an dem Geschäft der Kirchenverbesserung zu bewegen. Am lautesten eiferte das deutsche Volk gegen den chaotischen Unfug und Mißbrauch, der die Kirche zum Schauplatz hirnloser Gebräuche und zur Ablaßbude machte; aber diese laute Mißbilligung vermochte es nicht, den Kaiser aus seiner Apathie zu wecken. Den dringenden Vorspiegelungen der Franzosen war es vorbehalten, seine Teilnahmslosigkeit in den brennendsten Eifer zu verwandeln. Verschiedene große Begebenheiten spornten endlich seine Thätigkeit: Hussens Umtriebe und kühne Eingriffe in Böhmen, der Osmanen heranflutendes Nomadenreich, aus dessen Zelten die wankenden Trümmer des Griechenreichs kaum noch hervorsahen. – Mit den unerhörtesten Anstrengungen, mit persönlichen Aufopferungen, die einen. Kaiser deutscher Nation wohl so eigentlich nicht ziemten, brachte Siegismund endlich mit Zustimmung Johannes XXIII. die ersehnte Kirchenversammlung zu Stande und vereinte zu Costnitz die englische, italienische, französische und deutsche Nation zu allgemeiner Berathung. Der Papst Johannes, auf die Gültigkeit seiner Wahl sich stützend, erschien selbst auf dem Concilium. Ausgezeichnete Fürsten mit ihrem zahlreichen Gefolge schlossen sich an die ungeheure Zahl von Geistlichen aller Würden, von Doctoren und Meistern der freien Künste, der Volksmenge nicht zu gedenken, die Schaulust und Gewinnsucht herbeiführte. Mit gespannter Aufmerksamkeit wartete man auf den Kaiser, der die großen Sitzungen in Person eröffnen sollte, und da sich seine Ankunft von Woche zu Woche verzögerte, so suchte die Neugierde ihre Nahrung an andern Gegenständen. Ein Mann war es besonders, der die Augen des Volks auf sich zog, bekleidete ihn auch weder Tiare noch Hermelin. Dieser Mann war niemand anders, als der furchtlose Böhme, Johannes Huß, der Prediger einer neuen Lehre, welcher dem kaiserlichen Worte und dem des Papstes vertrauend, sonder Scheu sich zu Costnitz eingefunden hatte, seinen Glauben vor den Gottesgelehrten aller Nationen zu vertheidigen. Die frommgläubigen Costnitzer hatten ihn zwar mit gemischten Empfindungen aufgenommen, da ihm der Ruf eines Ketzers vorausging, aber der Zauber des kaiserlichen Geleitbriefs hatte ihn bisher vor jeder Unbill geschützt, und seine schlichte Tugend ihm am Ende die Herzen der Redlichen gewonnen. Dies wirkte widrig auf die Feinde des böhmischen Predigers und vermochte sie, die Abwesenheit des Kaisers zu benützen und ihrer Rachsucht den Zügel zu nehmen, damit sie den ersten entscheidenden Schritt thue. Die Vorbereitungen zu demselben konnten nicht so heimlich gemacht werden, daß nicht die Ahnung davon nach Außen gedrungen wäre. Hussens Freunde, seine von dem König Wenzeslaus ihm mitgegebenen Wächter, die Edlen von Chlum und Lanzenbrock wurden gewarnt, er selbst wurde ermahnt, auf seiner Hut zu sein, aber sein unbegrenztes Vertrauen auf Gott und Fürstenwort ließ ihn alle gutgemeinten Winke zu seiner Rettung übersehen. Furchtlos, wie sonst, wandelte er zu den Verhören, die von mehreren mit der Untersuchung seiner Glaubenslehren beauftragten Cardinälen gegen ihn eingeleitet worden waren und er ahnte nicht, daß auf einem dieser Gänge das Unglück riesengroß auf ihn einschreiten würde.

Der achtundzwanzigste November war ein heiterer Tag. Papst Johann, von einer geringen Unpäßlichkeit genesen, saß am halb geöffneten Fenster seiner Wohnung, um die sanft erwärmenden Strahlen der scheidenden Mittagssonne zu genießen. Vor ihm stand Herzog Friedrich von Oesterreich, in eifrigem Gespräch begriffen. Sein Auge blitzte und die Rechte ruhte mit stolzem Bewußtsein auf der Brust.

»Meine Quellen lügen nicht,« sprach er heftig. »Wenn ich Aufpasser aufstelle, so zahle ich königlich, und mir dient man besser als dem Kaiser, der immer nur das Geld von Nöthen hat. Ew. Heiligkeit mag mir glauben auf Fürstenehre, . . . sie vollführen's, ist's heute nicht, so ist es morgen ganz gewiß.«

Der Papst wiegte bedächtig das Haupt hin und her, schob das Fenster zu und trat vertraulich zu dem Herzog.

»Laßt, lieber Sohn, die Schranken der Förmlichkeit zwischen uns fallen,« sagte er mit so anmuthiger Miene, als sie sein finsteres Gesicht nur zuließ, »Ihr gebt demnach den Huß verloren?«

»Unwiederbringlich,« erwiderte der Herzog, »die Cardinäle sind darüber einverstanden, glaubt mir's.«

»Hm!« meinte Johann, »im Grunde ist wohl an dem Heresiarchen nichts gelegen. Der Fanatiker predigt eine Kirchenverbesserung, wo beinahe keine nöthig ist. So lange wir – das sichtbare Oberhaupt der Christenheit – diese Notwendigkeit nicht einsehen, soll auch ein gemeiner böhmischer Pfaffe das Maul nicht unnütz aufthun.«

»Vergebt, heiliger Vater,« antwortete der Herzog, »nothwendig ist ein Umguß allerdings, doch ist er nicht bequem. Da steckt der Knoten.«

»Laßt das,« versetzte der Papst achselzuckend. »Wenn aber der Böhme ergriffen und gerichtet wird, wie steht es dann mit des Kaisers, wie mit unserem Wort, das wir ihm gaben auf seine Unverletzbarkeit.«

»Mit Siegismund's Wort steht es schlecht, wie immer,« erwiderte Friedrich spöttisch. »Den Luxemburger kümmert ein Treubruch nicht, er ist aus einem Geschlecht, das an Geld stets Mangel, aber an leeren Eiden immer Ueberfluß hat. – Euer Wort könnt Ihr salviren, wenn Ihr gegen das Verfahren Euch verwahrt, von dem Ihr ohnehin nichts gewußt.«

»Wird aber die Welt es glauben, daß wir um unserer Cardinäle Thun nichts gewußt?« fragte der Papst bedenklich.

»Ohne Zweifel,« äußerte Friedrich kalt. »Sie sieht schon jetzo in Euch nur den Gefangenen Eurer eigenen Kirche.«

»Wie!« rief Johannes.

»Nichts anders,« bekräftigte der Herzog wie oben. »Denkt selbst, heiliger Vater, welch ein Schauspiel Ihr der Welt gegeben. Ein Nachfolger des heiligen Petrus, der dem Kaiser gehorsam gen Deutschland folgt, wo dieser für gut gehalten, ein Concilium auszuschreiben. Ein Papst, der unthätig hier auf denselben Kaiser wartet, der ihn hätte erwarten und empfangen sollen; ein Statthalter Jesu Christi endlich, der nichts von dem weiß, was die um ihn versammelten Priester beschließen, wenn nicht ein Freund, oder ein durch Vaterland und Eigennutz mit ihm verbundener Pfaffe ihm es mittheilen.«

»Ihr habt recht, lieber Sohn,« entgegnete der Papst bekümmert. »O, die Cardinäle, die über den Ort des Concils unterhandeln sollten und von mir geheime Weisung erhalten hatten, in keinen zu willigen, der meiner Würde Nachtheil bringen möchte, haben mich verrathen. Zu spät werden sie einsehen, wie sie sich gebettet. Sollte der störrische Benedict triumphiren . . .«

»Sorgt nicht, heiliger Vater!« unterbrach ihn der Herzog. »Nicht Benedict, nicht Gregor wird siegen. Die allgemeine Stimme fordert, daß Petri Stuhl neu besetzt werde. Euch darauf zu erhalten, fällt dem Kaiser nicht ein, und wär's auch nicht böser Wille, . . . der Schwächling vermag Euch nicht zu schützen gegen den Haß der Engländer, der Franzosen und der Deutschen, die Eure Legaten anders hätten behandeln können.«

»Welch einen Abgrund öffnet Ihr vor uns?« fragte Johannes bestürzt. »Gestaltet sich Alles, wie Ihr sagt, so müssen wir unterliegen.«

»Das muß Ew. Heiligkeit nicht,« erwiderte der Herzog fest. »Wahrlich nicht, so lange Ihr auf Freunde rechnen könnt, deren starke Arme Euch über der Flut halten. Ihr habt drei nicht unbedeutende Wächter für Eure Sicherheit aufgestellt durch kluges Werben. Oesterreich, Baden und Burgund halten Euch aufrecht gegen die gesammte Macht des Lützelbnrger's und seines Anhanges.«

»Dem Markgrafen traue ich nicht ganz,« versetzte Johannes bedenklich, »und der Herzog von Burgund ist weit. Wie, wenn im Augenblicke der Gefahr die beiden Stützen wichen?«

»Dann habt Ihr mich,« antwortete Friedrich mit kühnem Stolze. »Alles Erdreich ist Oesterreich unterthan! Das Wort ist ewig und ich halt's Euch, sollt's mich Land und Leute kosten. Frei führe ich Euch von dannen, ohne daß man's wagen dürfte, Euch ein Haar zu krümmen.«

»Wack'rer Fürst!« rief der Papst, von einer dankbaren Regung übermannt. »Solcher Treue rühmen wir uns in Wälschland nicht. Niemand ist würdiger, der Bannerträger des heiligen Stuhls zu heißen, denn Ihr, edler Habsburger. Der Herr sei ferner mit Euch!«

Ein Gewoge und Gebrause wurde auf der Straße vernehmlich. Der Herzog trat an's Fenster, warf einen Blick hinab und winkte dem Papste mit den Worten: »Seht, seht, heiliger Vater, ob ich ein falscher Prophet bin. Die Erfüllung folgt meiner Rede auf dem Fuße. Da kommt der Huß die Straße herab, umringt von Partisanen und gebunden, wie mich dünkt. Das heutige Verhör hat demnach den Ausschlag gegeben!«

Der Papst eilte an das Fenster, trat aber alsobald schamroth zurück, da er den Verrathenen ersah, der in seinen Banden ruhig wie ein Heiliger daherschritt und, als wollte er den heiligen Vater an sein gegebenes Wort mahnen, den Blick zu ihm in die Höhe warf. Des Volkes Auflauf tobte um den Gefangenen her, und die entsetzten Freunde und Hüter des Dulders waren durch die ungestüme Menge von seiner Seite gerissen worden. In geringer Entfernung von des Papstes Wohnung fand ein neuer Auftritt in dem Zuge statt. Ein untersetzter Kerl, der Diener eines italienischen Doctors, hatte sich Bahn durch das Getümmel gemacht, um den Ketzer zu sehen, dessen Verhaftung dem blindwüthenden Pöbel neue Waffen in die Hände gab. Die Wächter des Gefangenen, die jede mitleidige Seele mit Lanzenstößen von ihm jagten, ließen den frechen Burschen heran, der mit viehischer Roheit den Wehrlosen in's Gesicht schlug. Huß litt schweigend die Mißhandlung, aber die Vergeltung saß der Unthat schon auf der Ferse. Ein junger Mann packte den tückischen Italiener beim Kragen und warf ihn mit einem Fußstoße zur Erde nieder. Zugleich sah er sich kampflustig mit geballten Fäusten unter den Umstehenden um, erwartend, ob nicht jemand Lust haben möchte, die Partei des Geschlagenen zu nehmen. Die Rechtlichern riefen ihm Beifall zu. Das Gesindel fürchtete sich vor gleich wuchtigen Schlägen. Um so mehr fiel aber die Begebenheit auf, als der Jüngling in die lange schwarze Schleppentracht junger Subdiaconen gekleidet war. Die Kappe mit der Quastentroddel saß trotzig in die Stirne gedrückt, die Schleppe des Gewandes hatte der Kämpfer um den linken Arm gewickelt, den rechten Aermel aufgeknöpft und aufgeschürzt. Mit einem derben Haarzauser entließ er den bestraften Wälschen, da ihm Huß zugerufen hat: »Dank, junger Freund! schone aber in dem Verblendeten den Menschen! –« Eifrig begann er nun, während der Gefangene in die Gasse geführt wurde, wo das Kloster, sein angewiesener Kerker, stand, die alte Ordnung seines Kleides wieder herzustellen. Da vernahm er hinter sich die Worte, die eine volltönende Frauenstimme sprach: »Seht, mein Herr von Königseck! das wäre ein Mann nach meinem Geschmack. Schnelle Entschlossenheit und kecke That zieren das starke Geschlecht!« – Verwundert sah sich der junge Mann nach der Sprecherin um und erblickte die herrliche Gestalt eines stolzen Weibes, das gerade mit einem Rückblick auf ihn, am Arme eines zierlich gekleideten Begleiters, in die Thüre eines ansehnlichen Hauses trat. Der geschlitzte Hut, mit bunten Federn bekränzt, den das Frauenbild auf dem braunen Haupthaar trug, die Perlenschnur, mit welcher ihre Stirne geschmückt war, das bauschige Gewand mit Goldspangen und köstlichem Pelzbesatz, die gelben Schnabelschuhe mit Pelz gefüttert und die schweren silbernen Schellen, die den breiten Sammtgürtel zierten, verriethen den Reichthum und den hohen Stand der schönen, trotz ihrer Blässe anziehenden Frau. Der junge Geistliche war von dem überraschenden Schauspiel fest gebannt auf seiner Stelle, bis ihn das Geräusch vieler an ihm vorbeikommenden Menschen erinnerte, daß er sich auf der Straße befinde. Der Herzog von Oesterreich kehrte mit seinem Gefolge in seinen Hof zurück. Prächtig gekleidete Zinkenbläser traten dem Geleite voraus, ihre blitzenden Instrumente ruhig in den Händen tragend, um sie an jeder Kreuzstraße erschallen zu lassen, den Ruhm ihres Gebieters zu verkünden. Trabanten, die Hellebarden auf der Schulter, folgten, und hinter dem stolz flatternden Banner mit Oesterreichs und Tirols Wappenschildern ritt der Herzog, umgeben von den Edeln seines Hauses. Pagen berührten seine Steigbügel und den goldgeschmückten Zaum seines Pferdes, und besondere Leibwächter in blanken Brustpanzern, mit Mordäxten bewaffnet, schlossen sich dem Gebieter an. Das scharfe Auge des Letzteren hatte schon von des Papstes Fenstern den jungen Mann im geistlichen Gewande erkannt, und sein Finger winkte denselben heran. Im weiten Kreise standen die Begleiter, die Straße sperrend durch ihr Stillhalten. Der Herzog bückte sich vertraulich über den Hals des Gauls zu dem Jüngling herab und fragte halblaut: »Was macht Ihr denn für Tollmannsstreiche, Dagobert? Faselt auf der Straße umher in dem Kirchenrock, der Euch nicht kleidet und begeht noch obendrein das Verbrechen, Euch eines Unglücklichen anzunehmen! Das wird Euch Verdruß bringen.«

»Hatt' ich nicht recht?« fragte Dagobert. »Ich schere mich nicht um des Böhmen Lehre, aber, Mensch bleibt Mensch und Ihr, gnädiger Herzog, hättet an meiner Stelle nicht um ein Haar anders gehandelt.«

Friedrich nickte mit dem Kopfe. »Ich glaube es beinahe selbst, aber . . . Junger Patricier . . . wollt Ihr Menschenrechte vertheidigen, so zieht die Kutte aus. Man kann darin den Arm nicht frei regieren, so wenig als den Mund. Auf Wiedersehen!«

Er zog seines Wegs und Dagobert ging den seinigen.

»Der Herzog hat nicht unrecht,« sagte er zu sich selbst, »aber wie ist das zu ändern? Der Mutter Gelübde muß ich wohl halten. Wie glücklich sind diejenigen, die frei sich bewegen können, wo sie wollen, und den Kelch des Lebens trinken können, wo sie wollen, nur nicht am Altare. Ich Armer muß zusehen, wenn sie hübsche Frauen heimführen dürfen, wie die, welche ich heute sah. Ich aber mag Psalmen singen und Prozessionen laufen, oder den gewissenlosen Pfaffen machen, vor dem jeder rechtliche Christ das Kreuz schlägt. Das Letztere verhüte aber Gott!«

»Ei, um aller Heiligen willen! was ficht Euch an, daß Ihr also umherwandelt, bei hellem Tage, ein lebendiger Leichnam, ohne Sinn, Gehör, Gesicht und Worte?« fragte Gerhard's Stimme plötzlich neben dem Patricier, der verwundert aufsah und mit einem bittern Lächeln antwortete: »I nu, lieber Hülshofen, ich freue mich kindisch auf den Augenblick, wo ich Papst sein werde.«

»Wollte Gott, Ihr wärt's!« rief Gerhard, »so könnte ich vielleicht auf Absolution hoffen oder auf Dispens von den Fastenspeisen, die nur gegenwärtig wie Blei im Magen liegen. Unser Wirth im »Engel«, ein abgefeimter Spitzbube, ist durch das Concilium so heilig geworden, daß wir Mittwoch, Freitag und Sonnabends nichts als Fisch, Mehl und Oel zu sehen bekommen.«

»Faste und bete, da du nichts zu schaffen hast,« predigte Dagobert und wollte von dannen, aber Gerhard hielt ihn zurück. »Thut mir doch die Liebe,« sprach der Edelknecht, »und gehet ein Sprünglein mit mir. Ich will mich eben zum Meister Thomas begeben, dem feinsten Waffen- und Messerschmied zu Costnitz. Ich lasse von seiner kunstfertigen Hand eine Klinge vom Rost säubern, und wollt Ihr einen Rückenklopfer sehen, wie ihn selbst seine Majestät Kaiser Karl der Große nicht an der Hüfte hatte, so kommt mit.«

»Was sollen mir Eure Klingen?« fragte Dagobert lächelnd. »Ich fechte in Zukunft nur mit Kerze und Weihwedel. Ueberdies ist's mit dem Sonnenschein vorbei, der Schnee beginnt sich wieder in leichten Flocken einzustellen und ich sehne mich nach der Ofenglut.«

»O pfui!« höhnte Gerhard. »Junges Blut, was will aus Euch werden? Kommt mit, wenn's Euch reut, die Waffe gesehen zu haben, will ich nicht selig werden. 's ist ja auch nicht weit . . . seht, dort, wo der Küraß mit Kolbe und Morgenstern über der Hausthüre zu sehen ist.«

»Dort?« wiederholte Dagobert, und mit einem kurzen »Meinetwegen« hatte er sich gedreht und wandelte dem Hause zu, welches kein anderes war als dasjenige, in dessen Pforte die schöne Frau in der stolzen Schellentracht verschwunden war. Die Werkstatt hinten im Hofe war erfüllt von lustigem Getöse. Der Blasbalg schnaufte, der Hammer klang und zwischen durch schallten fröhliche Lieder in schwäbischer, baierischer und Schweizer Mundart, wie sie die Gesellen des Schmieds aus ihrer Heimat mitgebracht hatten. Das kühne, unverdrossene Leben, das sich in dem schwarzen Gewölbe bewegte, lüftete wohlthuend Dagobert's Brust. Dort trug Einer eine Last Kohlen zur Glut, hier löschte ein Anderer das weißgeglühte Eisen im dampfenden Wasser, dort wurden zierliche Stahlklingen glatt und blank gemacht, hier versuchte sich der Lehrling an der Vernietung einer Halsberge, und in der Mitte der tobenden Schar stand der stattliche Meister, mit prüfendem Blicke einen Turnier- und Brechhut musternd, der soeben fertig geworden war.

»Grüß' dich Gott, Thomas!« rief ihn Gerhard an, »was macht mein Stoßdegen? Sitzt er noch im Roste oder kann sich ein hübsch Mädel darin beäugeln?«

»Der Kaspar dort im Winkel putzt gerade den Bügel,« erwiderte Thomas. »Ich hab' den Griff mit baierschen Hauben beschlagen lassen. Er sieht fürnehmer aus und haftet sich'rer in der Faust.«

Gerhard schritt auf den bezeichneten Kaspar los, und der Meister wendete sich verwundert zu Dagobert. »Womit kann ich Euch dienen, geistlicher Herr?« fragte er, »Euer Gewand ist ein unerhörter Gast in meiner Werkstatt. Schwert und Panzer bedürft Ihr nicht, die Messer zu Eurer Tafel besorgt Eure Küchenmagd, und ich habe nicht einmal eine Tochter, noch ein Weib, denen zu Gefallen man sich wohl einmal in die rußige Höhle eines Schmieds verirren möchte.«

»Ruchlose Gedanken!« scherzte Dagobert, mit dem Finger drohend. »Vor der Hand bin ich indessen hier nur in Begleitung jenes wackern Meisters vom langen Schwerte, der sich eine Freude daraus macht, dann und wann die Kirche zu schirmen. Setzest du indessen durchaus einen andern Grund voraus, der mich zu dir führt, so will ich dir eine Frage stellen, so kurz vom Zaune abgebrochen, als sich's gerade schickt. Wer ist die Frau, die in deinem Hause wohnt, die stattliche, prächtig gekleidete? Mich drängt's, darüber Auskunft zu erhalten!«

»Hm!« versetzte Thomas schmunzelnd und auf einen Menschen weisend, der mit verschränkten Armen und lächelndem Gesicht herzugetreten und aufgehorcht hatte. »Ihr könnt Euch an keinen bessern Kundmann wenden als an diesen, hochwürdiger Herr! Er weiß von seiner Gebieterin vortrefflich zu berichten.«

Dagobert beschaute flüchtig das Antlitz des Empfohlenen und fand es einer breiten Ochsenlarve nicht unähnlich, aber geeignet, Vertrauen einzuflößen.

»Es ist weiter auch kein Geheimnis dabei,« sprach der Breitstirnige gleichmüthig, »meine Herrin nennt sich das Erbfräulein von Baldergrün am Harzwalde. Sie ist, wenn nicht die reichste, doch auch nicht die ärmste Edeljungfrau. Zwei freie Sassen zinsen ihr und, mich dazu gerechnet, zählt sie sechzehn Halseigene, die ihr dienen.«

»Wird sie lange hier verweilen?« fragte Dagobert mit steigender Theilnahme.

»Weiß nicht,« erwiderte der Knecht achselzuckend. »Es heißt, sie werde sich hier vermählen.«

»Vermählen!« rief Dagobert rasch. »Mit wem?«

»Meiner Treu!« lachte der Knecht, »zweie lassen ihr die Wahl: der Herr von Königseck oder der von Montfort.«

»Ich danke dir!« versetzte Dagobert unwillig, ohne der Ursache sich bewußt zu sein, und kehrte dem Berichter den Rücken zu. Gerhard trat just mit seiner schöngeputzten Waffe herbei und pries dem Jüngling ihre Vorzüge. Dieser überhörte jedoch Alles und ging mit ihm hinaus, ohne von Meister und Knecht Abschied genommen zu haben. Thomas schüttelte den Kopf und die Gesellen thaten's ihm nach. Sie konnten den jungen Geistlichen nicht begreifen, am wenigsten konnten's diejenigen, die ihn vor einer halben Stunde in rüstigem Fauststreit gesehen hatten und nun sein blödzerstreutes Wesen nicht zu reimen vermochten. Der Knecht jedoch vermochte es am besten. »Dem hat's mein Fräulein angethan,« brummte er pfiffig in den Bart und ging hinauf, seiner Herrin zu berichten, es sei nun nicht mehr nöthig, nach dem jungen Manne zu forschen, wie sie ihm geboten; dieser habe selbst sich schon nach ihr befragt, und nur eines Winks bedürfe es, ihn ihrem Befehle gehorsam zu machen, wenn sie anders Lust habe, ihm Befehle zu ertheilen.

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