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Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Fünftes Capitel.

Dagobert's und Gerhard's Berufswege liefen in entgegengesetzter Richtung. Darum war es auch weiter kein Wunder, daß ihr täglicher Lebensweg ebenfalls ein verschiedener war. Gerhard lag in dem Gasthause zum Engel auf der Bärenhaut und wartete bei Trunk und Spiel auf eine Gelegenheit, in irgend einem Schimpfspiele als Turnierfechter der freien Reichsstadt Frankfurt sich auszuzeichnen. Dagobert benützte hingegen die ersten Tage seiner Anwesenheit zu Costnitz, die Stadt sammt ihren Merkwürdigkeiten kennen zu lernen und nach seinem Oheim zu fragen, der ausdrücklich versprochen hatte, sich im Gefolge des Papstes Johann auf dem Concilium einzusenden. Aber vergebens forschte er bei Geistlichen und Weltlichen nach dem Prälaten Hieronymus Frosch; niemand wußte ihm Auskunft zu geben. Die Schöffen des Frankfurter Raths selbst hatten nicht das Geringste von einem solchen gehört, so verging schier eine Woche, als ihn ein Diener zu dem Herzog Friedrich von Oesterreich beschied. In sein bestes Kleid gehüllt, eilte er nach dem Hofe, den dieser reiche und prachtliebende Fürst mit seinem Gefolge einnahm. Der Herzog empfing ihn in einem einfach, aber edel gezierten Gemache. – »Wie gefällt's Euch zu Costnitz, junger Degen?« fragte er den Jüngling mit heiterer Miene; »wie behagt Euch das lustige Treiben und die bunte Menge, die einen Jahrmarkt eher verkündet, als eine ernste Kirchenversammlung?«

Dagobert bekannte, daß er noch wenig gethan, um sich mit dem Gewühl der vielen Ausländer und fremden vaterländischen Gäste vertraut zu machen.

»Bei Eurer Jugend nimmt mich das höchlich Wunder!« sprach der Herzog; »Jesus Christus! wenn ich daran denke, wie ich in Eurem Alter das Leben betrachtet habe, wo es recht toll herging, war ich mitten darunter und nirgends fröhlicher, als wo gescheidte Leute und Narren um mich schwärmten wie ein Bienenvolk. Ihr, lieber Freund, seht aus wie ein lockerleichtes Blut und müßt wohl Eure Gründe haben, wenn Ihr nicht gleich Andern Eures Schlags über die Schranken haut, wo es angebracht ist. Ihr habt Euch doch nicht etwa schon vergafft zu Costnitz? Nehmt Euch in Acht. Es gibt der Schönen viele in dieser Stadt, aber die meisten sind fremde Zugvögel, die das Netz nach dem Golde unerfahrner Lüstlinge auswerfen.«

»Die Art und List dieser Meerweibchen ist mir – wenngleich nur aus Berichten – nicht unbekannt,« versetzte Dagobert lustig; »Ew. fürstlichen Gnaden ist daher im Irrthum. Nicht einem rothwangigen Mägdlein jage ich nach, sondern einem graubärtigen Manne, der mich hieher berufen und nun Versteckens mit mir spielt, meinem Ohm nämlich.«

»Euer Ohm?« fragte der Herzog aufmerksam werdend. »Sein Name?«

»Ist der meine,« antwortete Dagobert, »aber der Träger versteckt sich im Sumpfe.«

»Wäre das der Prälat von dem Stifte des heil. Bartholomäus bei Cesena?«

»Derselbe, gnädiger Herr. Der Bruder meines Vaters: Hieronymus Frosch.«

»Ei, der ist freilich hier,« lachte der Herzog, »ist mit mir gekommen, da ich den heil. Vater hieher geleitete.«

Dagobert stand, steif vor Erstaunen, da.

»Ihr könnt mir's glauben, auf Fürstenwort,« fuhr der Herzog fort, »sein Logement wurde ihm eingerichtet im Paradiesgäßlein, in dem Hause zum Pfauen geschildet.«

»Bin ich denn blind gewesen?« fragte sich Dagobert halb ärgerlich; »hab' ich nicht umhergespäht mit Auge und Ohr?«

»Seid zufrieden,« versicherte der Herzog, »Ihr seid nicht blind, nicht taub gewesen. Ihr habt aber beständig nur nach dem Unrechten gefragt, der übelklingende Name Frosch ist nicht mehr der Eures Ohms. Er hat sich in's Wälsche übertragen, und wenn Ihr nach dem ehrwürdigen Monsignor Ranocchia Euch erkundigt, wird er Euch sicher nicht entgehen.«

»Wie ist mir denn!« rief Dagobert, »unsers ehrlichen Namens, berühmt geworden durch den Hauskaplan Kaiser Karls des Vierten, schämt sich der Oheim?«

Der Herzog zuckte die Achseln. – »Ich habe Euern Vaterbruder nie als einen Deutschen gekannt,« sprach er, »und immer nur den Italiener in ihm gesehen. Man weiß ja ohnedies nicht mehr, was heutzutage Deutsch ist oder nicht. Wer findet hier unter dem bunten wällischen, englischen und böhmischen Geplauder das Vaterland heraus? Jede Nation, nur die unsere nicht, spielt hier den Herrn, vorab die französische. Ein schnackisches Völklein das; liest anders, denn geschrieben, spricht anders, als ihm um's Herz ist und steckt uns durch seinen gelehrten Kanzler Gerson gewißlich in den Sack. – O!« setzte er mit bitterem Spotte hinzu, »dies Concilium ist des Luxemburgers Meisterstücklein!«

Heftig schritt der Herzog einige Schritte vor sich hin, blieb dann stehen und wandte sich mit einem Male rasch und kurz zu Dagobert.

»Ihr wißt nun, wo Euer Ohm zu finden, junger Mann,« sagte er, wie man einem Besuche gern ein Ende machen will, »es wird ihn freuen, Euch bald zu sehen, wie es mir angenehm sein wird, Euch nicht aus den Augen zu verlieren. Das Pferd, das Ihr bei Eurer Heimkunft im Stalle finden werdet, thut Ihr mir wohl die Liebe, als Geschenk für Eure Hilfe anzunehmen. Es ist ein polnisch Thier und gerade wild genug für einen derben Jungen, so wie Ihr.«

»Gnädigster Herzog . . .,« stammelte Dagobert dankend, aber Friedrich unterbrach ihn schnell, indem er lächelnd sagte.

»Kein Wort für die schlechte Gabe. Hätte ich Euch nicht aufrichtig lieb und wollte Euch ablohnen, sollte sie besser sein. – Ich stehe aber gerne noch ein wenig in Eurer Schuld. Geht mit Gott und kommt bald wieder. Ohne den verwünschten Klopffechter seid Ihr stets willkommen.« Dagobert säumte nicht, da es erst um die Mittagsstunde war, die Wohnung seines Oheims aufzusuchen. Das Paradiesgäßlein war bald gefunden und das Haus zum Pfauen, das ansehnlichste der Gasse, ebenso schnell entdeckt. Die Thüre stand offen, und innerhalb derselben lehnte im Schein der Mittagssonne ein ziemlich nachlässig gekleideter Diener und speiste Nüsse. Dagobert erfuhr von dem Müßigen auf Befragen, daß Monsignor soeben vom Messelesen gekommen sei und sein Stündchen der Bequemlichkeit feire, in welchem er sich nicht gerne von Fremden gestört sehe.

»Ich bin kein Fremder,« erwiderte Dagobert kurz, »ich bin des Prälaten Neffe und hoffe allerdings auf unverzüglichen Empfang.«

Der Diener, ein Italiener und mit barbarischem Deutsch behaftet, wurde nun zwar ehrerbietiger, wies aber den Besucher stumm und trocken über den Hof. Dagobert flog, den angegebenen Weg verfolgend, die Treppe hinan, an der offenen Küche vorbei, die einen Wohlgeruch ausströmte, wie er selbst im väterlichen Hause seine Nase nicht gekitzelt hatte. Auf dem Vorplatze angelangt, der mit Heiligenbildern geschmückt war, untersuchte Dagobert, welche von den drei vorhandenen Thüren diejenige sei, die zum Oheim führen möchte. Die eine war verschlossen, die andere nicht, aber scheu zog diese der Jüngling wieder zu, weil er in ein Gemach gesehen, das augenfällig von einem Frauenbilde bewohnt war, wie es mehrere auf Stühlen ausgebreitete Frauengewänder andeuteten, obgleich die Besitzerin nicht gegenwärtig war. Die dritte noch übrige Thüre war ebenfalls verschlossen wie die erste, aber ein daran angebrachter Glockenzug schien das Mittel, sie zu erschließen, anzugeben. Dagobert bewegte die Schelle leise und bescheiden und vernahm bald darauf das Geräusch des aufgezogenen Riegels. Die Thüre sprang auf, aber statt eines grämlichen Dieners, wie Dagobert erwartet, schaute ein rundes Mädchenantlitz daraus hervor. Das Antlitz trug freundliches Gepräge, bis auf einen finstern Zug zwischen den Augenbrauen, der zu sagen schien: Was willst du denn zu dieser Stunde, Störenfried? . . . Dieser Zug verschwand indessen, als ein flüchtiger Blick die Dirne belehrt hatte, daß es ein schlanker, wohlgebauter Mann sei, der sich hier nach dem Prälaten befrage.

Dagobert bemerkte die Veränderung in dem Gesichte des Mägdleins und fuhr muthiger fort: »Fast muß ich befürchten, an die unrechte Thür gerathen zu sein, denn ich suche die Zelle eines Himmelgeweihten und finde nun den Himmel selbst.«

Das Mädchen lächelte, ohne weiter um die Schmeichelei ein Wort zu verlieren. »Euer Begehr?« fragte sie in gebrochenem Deutsch. »Monsignore läßt sich nicht sprechen um diese Stunde. Eure Botschaft will ich ausrichten.«

Dagobert betrachtete einen Augenblick lächelnd und kopfschüttelnd die ungewöhnliche Thürhüterin eines Geistlichen und erwiderte scherzend: »Mein schönes Kind, meine Botschaften pflege ich selber auszurichten und schmeichle mir, weder durch Ton noch Kleid den Knecht zu verrathen, den man vor der Thüre abspeist. Sollte ich übrigens eines Namens von Gewicht bedürfen, um hier den Eingang zu finden, so melde dem Prälaten: mich sende der Herzog von Oesterreich.«

Augenblicklich verneigte sich die Pförtnerin ehrerbietig, versprach, den Besuch zu melden, und verschwand in dem anstoßenden Gemach. Dagobert, dem der Auftritt Spaß machte, nahm von dem Vorzimmerchen Besitz, wo ein Altar der heiligen Mutter ausgerichtet war und ein lieblicher Weihrauchduft herrschte, der aus den Zimmern des Prälaten sich zu stehlen schien. – »Recht so, guter Ohm!« flüsterte der Neffe vor sich hin. »Du machst dir die Gelübde leicht, wie mir's vorkommt, und suchst das Paradies dir schon in dieser Welt zu schaffen. Wenn das Uebrige dem, was ich bereits sah, entspricht, so überredet Niemand leichter zu dem Klosterstande, als dein Beispiel.«

Das Mädchen erschien auf der Schwelle des Gemachs und winkte verbindlich dem Harrenden, einzutreten. Dagobert ließ die Schöne im Vorzimmer zurück. Er traute seinen Augen nicht, da er die Stube seines Oheims betrat. Er ging auf kostbaren Teppichen, so weich und glatt, daß er seinen eigenen Schritt nicht vernahm; der Duft balsamischer Specereien zog behaglich aus der Räucherpfanne auf, die in der Ecke am Ofen glühte. Warme und schön gewirkte Decken bekleideten die Wände. Schwellend gepolsterte Stühle luden zur Ruhe ein, wie es auch die durch grüne Fensterschirme gemilderte Tageshelle that. Ein Credenzschrein blendete das Auge durch den Schimmer der vielen da aufgestellten Geschirre und Trinkgefäße. Ein schon zum Mittagsmahle gerüsteter Rundtisch mit blinkendem Geräth geziert, in der Nähe einer zierlichen Kühlwanne, aus der kurzhälsige Flaschen guckten, erweckten die Lust nach leckerm Imbiß und Trunk. Von der Höhe des Zimmers schmetterten seltene Singvögel aus gelben Drahtkäfigen ihr munt'res Lied herab. Der Besitzer all dieser Herrlichkeiten aber dehnte sich auf einem üppigen Lotterbette. Das in goldbeschlagnen Sammet gebundene Brevier war seiner Hand entsunken, und ein grauer Sittich hatte sich von seiner unfern stehenden Stange an langer Kette herunterbegeben und dem Herrn auf die fleischige Linke gesetzt, die er mit dem krummen Schnabel liebkosend pickte.

Dagobert hatte Muße genug, seinen Oheim genau zu betrachten, als sich derselbe schwerfällig von den Ruhepolstern aufrichtete, ohne jedoch die liegende Stellung ganz zu verlassen. Das war nicht mehr der hagere, bleiche Augustinermönch mit dem ernsten Antlitz und den tiefliegenden niedergeschlagenen Augen, auf den sich Dagobert wohl noch zu Zeiten aus seiner frühesten Kindheit erinnert hatte. Die Zeit hatte ihn zu einem stark beleibten Prälaten umgewandelt, der außer dem Kreuze, von Topasen und Gold gefertigt, nichts Mönchisches mehr an sich trug. Die Eitelkeit hatte die graugewordenen Haare durch metallische Mittel kupferbraun gefärbt. Die Augenbrauen waren auch mit trügerischer Farbe geschmückt, goldne Ringe hingen in den Ohren, glattgeschoren waren Wange und Kinn. Kostbare Fingerreife glänzten an den Händen. Die Fülle des Angesichts hatte viel dazu beigetragen, ihm ein jüngeres Ansehen zu geben, und die Augen wie der Mund hatten einen Anstrich von keckem Stolze gewonnen, der keine Spur der ehemaligen Klosterdemuth mehr durchblicken ließ. Dagobert, von dieser Erscheinung, die er sich nicht träumen ließ, betroffen, neigte sich schweigend vor dem Prälaten, der durch eine Handbewegung den Jüngling einlud, zu sprechen. Dagobert hatte sich eingebildet, von seinem Oheim bald erkannt zu werden und schwieg, ihn unablässig betrachtend. Der Prälat fand das Betragen des Fremden sonderbar und fragte daher mit ungeduldiger Rede: »Was bringt Ihr, junger Herr? Was steht zum Befehl Sr. fürstlichen Gnaden?«

»Ach, hochwürdiger Herr!« begann Dagobert, bei dem die Rührung die Oberhand gewann; »nicht des Herzogs Wille führt mich hieher, sondern mein Herz, mein Herz allein!«

Der Prälat maß ihn mit staunenden Blicken. »Seltsam!« sprach er alsdann, »was hätte ich mit Euerm Herzen zu schaffen, da ich Euer Gesicht nicht kenne und Ihr Euern Namen hinter einem ehrenwerthen verbergen müßt?«

»Brauche ich einen Namen vor Euch?« fuhr Dagobert dringender fort, »sprechen nicht aus meinem Gesichte bekannte Züge zu Euerm Gefühl?«

»Ei, junger Gesell, du wirst doch nicht . . .« entgegnete der Prälat betreten und holte seine Brille aus dem Aermel: »Sendet dich etwa . . . wie nennt sich deine Mutter?«

»Wie mögt Ihr nach der Mutter fragen?« sprach Dagobert weiter; »die Edle ruht im Grabe, doch des Vaters Name . . . .«

»Genug, genug, mein Sohn!« unterbrach ihn der Oheim mit wachsender Befangenheit und sein Blick suchte den Boden, während er die Hand zum Kusse reichte. »Du bringst mir eine böse Nachricht. Rechinald ist todt? Gott genade ihrer Seele . . . .. Was willst du aber beginnen . . . Für dich zu sorgen, wird mir schwer werden; . . . . wir armen Geistlichen werden in diesen neuesten Zeiten gedrückt und gepfändet, als hätten wir des Erdreichs Schätze allein; . . . ich werde wahrlich nichts für dich thun können.«

Dagobert wußte nicht, ob der Prälat Ernst mache oder Scherz, oder ob er in einer plötzlichen Geistesabwesenheit also irre und verworren spreche.

»Wie ist Euch doch zu Sinne?« begann er endlich, da die peinliche Verlegenheit des Geistlichen fortdauerte. »Was Ihr mit der Rechinald meint, das weiß ich nicht. Ich habe nie eine dieses Namens gekannt und meine Mutter hieß Wallrade, wie meine schlimme Schwester. Ich weiß jedoch, daß ich nicht als zudringlicher Bettler mich bei Euch einfinde, sondern auf Euern ausdrücklichen Wunsch und Willen, hochwürdiger Herr Ohm! Der Vater läßt Euch bestens grüßen und die Stiefmutter. So Ihr mir zum Frommen dienen wollt, werd' ich's Euch herzlich danken. So sich aber Eure Willensmeinung geändert hätte, kehre ich stehenden Fußes um gen Frankfurt, ohne Groll und Reue.«

Mit jedem Worte des jungen Mannes war der Prälat aufmerksamer geworden. Es spiegelte sich eine Art von Freude in seinem Gesichte, als Dagobert geendet hatte. Durch die Brille studirte der Oheim einen Augenblick hindurch die Züge des letztern, und rief alsdann, ihm beide Hände hinreichend. »Ach, das ist ja etwas ganz anderes! Komm, umarme deinen alten Ohm! die heilige Jungfrau benedeie deinen Eingang!«

Dagobert umhalste den blödsichtigen Prälaten und setzte sich, wie dieser es begehrte, neben ihm auf das Ruhebett. – »Ja, das ist ganz das Gesicht des Bruders!« sprach Hieronymus. »Meine bösen Augen! Vergieb mir nur den Mißgriff, lieber Neffe. Du hast aber auch eine seltsame Weise, dich einzuführen. Ich hätte darauf geschworen . . . siehst du . . . diese Rechinald . . . sie war ein frommes Beichtkind, da ich noch in Deutschland lebte, . . . und . . . ihr Sohn, doch, ich werde dir das bei gelegener Zeit erzählen. Gieb mir noch einmal die Hand. So! bist ein hübscher Bursche geworden. Nun, das ist ein Erbtheil unsers Geschlechts. Aber in deinem Wesen hatte ich mir alles anders vorgestellt. Du siehst aus, als ob du zum Herrendienst an den Hof reiten wolltest und nicht nach Wälschland in das Bartholomäistift.«

»Vergebung, Ohm!« scherzte Dagobert und zupfte neckend an dem blaudamastnen Ueberkleid des Prälaten. »Das ist eben auch nicht das Klostergewand.«

»Hm!« lächelte der Oheim selbstgefällig. »Die Clausur und Regel ist nicht mehr für den Geistlichen meines Standes. Wir haben von unten auf gedient und dürfen uns in reifen Jahren schon eine bequeme Freiheit erlauben, zumal hier in der Fremde, mit päpstlichem Dispens.«

»Hier in der Fremde?« wiederholte Dagobert. »Ei lieber Ohm, Ihr seid ja hier im Vaterlande.«

»Welch' Geschwätz!« entgegnete der Prälat. »Wo ist des Priesters Vaterland? Da, wo der Statthalter Christi wohnt und herrscht mit den Fürsten seiner Kirche. Und wär' auch dieses nicht, so braucht man nur einen Fuß nach dem gelobten Lande Italia gesetzt zu haben, um sich fürder keine andre Heimat zu wünschen. Jenseits der Alpen weht eine heit're warme Luft; hier in Euerm trüben Winterlande erstickt mich der Husten. Dort trinke ich köstlichen Wein, esse herrliches Obst, Geflügel und Fisch. Hier quäle ich mich mit abscheulichem Krätzer, den Ihr lobt, weil er am Rhein wächst. Dort höre ich eine Sprache, die wie Musica klingt, einen Gesang, dem gleich der lieben Engelein. Hier mußt ich mich bequemen, das widerliche deutsche Pfauen- und Hahnengeschrei anzuhören, es selbst wieder vorzusuchen, wenn ich mich verständlich machen will, und muß noch von Glück sagen, wenn ich nur dann und wann von ferne ein deutsches Lied singen höre, das gewöhnlich nicht anders klingt, als wie eine knarrende Thüre, deren Angeln des Oels ermangeln, und zu welchem Euer verdammtes Instrument, der schnarrende höllische Pommer, die beste Begleitung abgibt. Ich will nun gar nicht von Eurer schlechten Küche, von Eurer unflätigen Zechlust reden, nicht von Eurer Raubsucht und erbärmlichen Kindererziehung, . . . denn alle diese Unformen und Mißgestalten sind an der Zahl Legion. Nur das gebe ich dir zu verstehen, daß du, um mir wahrhaft zu gefallen, die grobe deutsche Lebensart ab- und nebenbei eine schickliche geistliche Tracht anzulegen hast. Vor der Hand lasse dir's indessen heute bei mir gefallen und nimm vorlieb mit meinem Tische.«

»Das wird mir nicht schwer fallen,« scherzte Dagobert, dessen schelmisches Lächeln, wie der verstohlene Blick auf die Leibesfülle des Oheims dem Letztern nicht entgingen.

»Hm!« sprach dieser mit aufgeworfenem Munde; »freilich findest du auf meiner geringen Tafel keine Pfeffertunke, keine Safranbrühe, wie sie hier erfordert wird, keinen Wildbraten, der durch seinen Geruch jede feine Nase von dannen scheucht, aber deutscher Jäger und Edelleute köstlichste Speise ist. Eben so wenig aber darfst du hoffen, ein schwelgerisches Mahl zu genießen, sondern die einfache Kost eines Dieners der Kirche.«

Die hübsche Pförtnerin, deren Neugierde durch den so sehr verlängerten Besuch auf's Höchste gereizt worden war, steckte den Kopf in die Stube. »Wir haben einen Gast,« rief ihr der Prälat freundlich nickend zu, »diesen jungen Mann, in welchem ich Euch, werthe Fiorilla, meinen geliebten Neffen vorstelle.«

Fiorilla staunte ein Weilchen den Jüngling an, der so schnell ein Verwandter des Hauses geworden war, hierauf folgte sie jedoch der empfangenen Weisung, legte für den Geladenen Tellerbrot und Tellertuch auf, setzte einen schön gearbeiteten Becher an seinen Platz und begab sich hinweg, um die Speisen herauffördern zu lassen. Dagobert hatte genau bemerkt, wie sein Ohm von Zeit zu Zeit auf ihn einen prüfenden Blick geworfen hatte. Er gab sich daher Mühe, recht unbefangen zu erscheinen und fragte den Prälaten mit seinem besten Gleichmuth, ob Fiorilla etwa auch eine Verwandte sei, oder ob das Verhältnis der Magd sie an dies Haus binde. Hieronymus besann sich eine Weile. »Dieses Mädchen« – sagte er hierauf – »ist nicht Verwandte, nicht Dienerin, sondern eine Tochter edeln Hauses, aus Cesena gebürtig, die durch ihr besondres Vertrauen in mich meine Freundschaft und väterliche Theilnahme gewann. Ihre Neugierde, die Welt zu sehen, zu befriedigen, erlaubte ich ihr, einer schutzlosen Waise, mich hieher zu begleiten, wo sie dann als Freundin mein kleines Hauswesen zu besorgen unternommen, während sie vor der Welt, die in dem reinsten Verhältnis eine Sünde wittert, meine Base heißt.«

»Obschon ich die runde Maid mit den Flammenaugen nicht ungern mein Bäschen nenne,« meinte Dagobert, »so begreife ich doch nicht, wie ein Mann von Eurer Würde und Heiligkeit sich zu dieser Unwahrheit herablassen konnte.«

»Ach! du weißt es nicht,« seufzte der Ohm, »wie die Welt im Argen lebt; wie sie sich freut über den Fall des Gerechten und aus seiner Unschuld die bittre Schuld saugt, die Deutschen absonderlich. Wer ist es, der das Leben des Priesters einer solch' unchristlichen Untersuchung unterwirft, wer wagt es, Prälaten, Bischöfe, Cardinäle und, Gott sei es geklagt, den Unfehlbaren in Rom selbst in seinem häuslichen Thun zu meistern, wer schreit am ungestümsten nach einer allgemeinen Kirchenverbesserung? Der Deutsche. O, der Sünder! die Kirche und ihre Satzungen will er umstürzen und erneuern, gleich als ob sie Menschenwerk wären und nicht das Vollkommenste, Gottes und seines Sohnes Werk!«

Dagobert, der den Meinungen seines Oheims nicht offene Fehde bieten wollte, so sehr auch seine Ansichten von ihnen abwichen, athmete freier, als endlich der Imbiß aufgetragen war, und somit das ernstwerdende Gespräch ein Ende hatte.

Bei Tische hatte der junge Mann Gelegenheit genug, zu bemerken, daß die Freundschaft seines Oheims zu Fiorillen wirklich eine große war. Die leckersten Bissen legte sie dem Prälaten vor und dieser schob das Leckerste von ihnen auf ihren Teller. Seinen und des Neffen Becher füllte er halb mit Wein, halb mit Wasser, in Fiorillens Kelchglase perlte der reine italienische Feuerwein. Während nun Dagobert zum Nachtisch mit vaterländischem Käse abgespeist wurde, fütterte Oheimchen Fiorillen mit dem schmackhaften, in Honig gefaßten Ingwer und mit der süßen Weichsellatwerge. Endlich betheuerte Fiorilla, zur Genüge versorgt zu sein und bemitleidete scherzend den Gast, daß ihm nichts von diesen Leckereien beschieden gewesen. Der Oheim sprach aber trocken: »Mein Neffe macht sich sicher nichts aus all den Süßigkeiten, denn er ist noch ein echter Deutscher, und eine Ochsenkeule ihm lieber als eine feine Tafel.«

Fiorilla gab einige Worte dazwischen, die nicht undeutlich merken ließen, daß ihr eine kräftige Derbheit nicht mißfalle.

»Es muß mich wundern,« sprach sie endend, »hochwürdiger Herr, daß Ihr an dem Neffen tadeln zu wollen scheint, was Ihr an der Nichte gut heißt.«

»An Euch, mein Bäschen?« fragte Dagobert munter und warf, dem eifersüchtig lauernden Ohm zum Trotze, einen seiner feurigsten Blicke in Fiorilla's Augen.

»Nicht doch,« antwortete diese erröthend, »ich spreche von der Nichte Sr. Hochwürden.« Monsignore gab der Geschwätzigen mit verdrießlicher Miene ein Zeichen zu schweigen. Dagobert, dem dieser Wink nicht entging, hatte Muthwillen genug, weiter zu forschen.

»Seid Ihr's also nicht, liebes Bäschen?« fragte er, – »oder – von welch anderer Nichte ist denn hier die Rede, Ohm?«

»Von wem sonst als von deiner Schwester?« brach der Letztere unmuthig los.

»Von Wallraden!« rief Dagobert.

»Freilich von ihr,« versetzte Fiorilla. »Was meint Ihr, hochwürdiger Herr? Sie wird viele Freude haben, ihren Bruder zu sehen, der gerade so muthig und entschlossen zu sein scheint, wie sie.«

»Wie ist mir denn?« fragte Dagobert, »Wallrade wäre hier?«

»Ja doch,« entgegnete Fiorilla unbefangen, »Ihr wußtet das nicht?«

»Verdrießliche Schwätzerin!« zürnte der Prälat gegen die Freundin; »mulier taceat in ecclesiam!«

»In ecclesia!« verbesserte Dagobert lächelnd; »ein guter Spruch, aber ich verstehe nicht, warum Ihr mir ein Geheimnis aus der Anwesenheit meiner Schwester machen wollt, guter Oheim? Mir ist sie das gleichgültigste Ding von der Welt; Wallrade und ich konnten uns von Jugend auf nicht leiden. Ich war ihr zu lustig, sie war mir zu rauh. Ein Glück, daß sie ein Mädchen und nicht ein Bube geworden. Es hätte alle Tage blutige Köpfe gesetzt. Seither sind wir aus einander gekommen und haben uns natürlich nicht lieben gelernt. Wir würden uns fremd bleiben, wohnten wir auch unter einem Dache.«

»Das wußt ich ja eben!« fiel der Prälat ein, »ich hatte mir's auch so schön ausgedacht, wie ich Euch Trotzköpfe mit guter Art zusammenbringen und versöhnen wollte, ehe ihr noch von Eurer gegenseitigen Anwesenheit gewußt hättet. Durch die Fiorilla Cicatonilla ist mir das gute Werk vereitelt.«

»Es ist nicht meine Schuld,« schmollte die Gescholtene, »ich wußte weder von dem Widerwillen der Geschwister, noch von der bezweckten Versöhnung. Ich wette indessen, daß Eures Neffen redlich Gemüth auch ohne Vermittlung die Bande fester knüpfen werde, die Vorurtheil und Zufall auflockerten.«

»Ihr thut mir viel Ehre an,« erwiderte Dagobert höflich, »ich muß sie aber ablehnen. Wallrad's hochfahrender Sinn hat sich stets so trotzig erwiesen, daß ich, selbst bei dem redlichsten Willen, die Hoffnung aufgeben mußte, ihn für meine Gutherzigkeit zu gewinnen. Auf der andern Seite bin ich auch nicht der Mann, der Weiberlaunen unterthan ist, wären es auch die einer Schwester, die einer geliebten Gattin.«

»Du versteigst dich,« unterbrach ihn der Prälat, »nicht denken sollst du an eine Gattin, die du nimmer besitzen wirst.«

»Nun denn,« rief Dagobert lachend, »ist mir die Liebe verboten, so ist mir doch die Freundschaft erlaubt. Nicht wahr, mein Bäschen?«

Fiorilla nickte heimlich lächelnd, und Dagobert ergriff seinen gefüllten Becher. »Auf gute Freundschaft denn!« sprach er schmeichelnd und klang mit Fiorillens Kelchglas an. »Macht kein finsteres Gesicht, Oheim! Wir ungehobelten Deutschen müssen einmal den Becher zur Hand nehmen, ob wir der Minne oder der Freundschaft Bund heiligen. Wir wollen gute, gute Freunde sein, Bäschen Fiorilla, oder Blümchen! Aber selbst Eure Launen trag' ich nicht.«

Fiorilla setzte das Glas mit lieblicher Geberde an den Mund und während ihre Lippen nippten, ruhte ihr Auge seelenvoll auf des Jünglings blühendem Gesicht. Der Prälat rückte unruhig auf dem Stuhle und drohte der Italienerin verstohlen mit dem Finger. Die Leichtfertige lachte, Dagobert stellte sich aber, als habe er es nicht bemerkt, und fuhr in lustiger Laune fort: »Ihr seid mir noch die Erklärung schuldig, bester Ohm, wie es kommt, daß ich Wallraden hier zu Costnitz finde? Was führt sie her?«

»O seht!« rief Fiorilla, »seht, wie diese Neugierde schon verborgene Theilnahme verräth.«

»Sie kam auf meine Ladung, mich zu besuchen,« antwortete der Prälat dem Neffen kurz. – »Eine Stiefmutter hat Euch Beide aus Eurem Stammhause vertrieben; ich halte es für Pflicht, Vaterstelle bei Euch zu vertreten, die der schwache Vater verließ. Indem ich Wallraden vor sechs Jahren mein durch Erbschaft mir zugefallenes Gut in Thüringen überließ, gab ich ihr schon ein sorgenfreies Geschick, und behielt nur dafür nichts vor, als die Befugnis, ihr einen Gatten zu wählen, und diesen Gatten denke ich ihr hier zu freien.«

»Das muß eine herrliche Ehe werden,« lachte Dagobert. »Lieber Ohm, wählt nur ein recht frommes Schaf. Wie heißt der Glückliche, den Ihr der Sanftmüthigen zugedacht?«

»Dem Spötter nenne ich ihn jetzt nicht,« entgegnete der Prälat verletzt und hob durch sein Aufstehen die Tafel auf.

»'s ist auch gleichviel!« versetzte Dagobert. »Bedauernswerth ist er, er heiße nun Adam wie der erste Mensch, oder Sylvester wie der letzte Tag im Jahre. Wohl bekomm ihm der Hiobstand.«

»Unerträglich!« murmelte der Prälat zwischen den Zähnen. Gemäßigter aber fuhr er fort: »Ich habe noch einen Besuch zu machen, bei welchem ich keiner Gegenwart entbehren muß, denn er gilt gerade deiner Schwester. Es wird mich freuen, dich bald wieder zu sehen und in schicklicherer Tracht.«

»Verlaßt Euch darauf,« erwiderte der muntere Jüngling, nach dem Federhute greifend. »Im schwarzen Rock, mit Gürtel, Kragen und Kappe schaut Ihr mich nächstens wieder. Ich bin Euch gern gefällig, wäre gerne immer um Euch.«

»Ich glaub's,« spöttelte der Oheim mit einem Seitenblick auf Fiorillen. »Du wirst aber ermessen, daß ich dir keine Herberge unter meinem Dache anweisen kann, weil mir's die Sorge für dieser lieben Beichttochter Ehre untersagt.«

»Freilich,« bestätigte Dagobert mit verstelltem Ernst, »Ihr mußtet nicht halb so gewissenhaft sein, werther Ohm, als Ihr wirklich seid, um solches zuzugeben. Ich verplauderte gerne noch den ganzen Tag mit meinem wunderlieblichen Bäschen, dem Blümlein Tausendschön, aber die Sitte leidet's nicht; . . . in Deutschland mindestens nicht, aber . . .« hier schwieg er heimlich lächelnd stille.

»Aber?« fragte Fiorilla muthwillig. »Aber?« wiederholte der Prälat neugierig und gedehnt.

»Aber, wollt' ich sagen,« fuhr Dagobert fort, »das wird sich schon geben, wenn ich einmal die Kirchenfarbe trage. Darum will ich eilen und den Schneider auf den Tod plagen, bis er meine Heiligkeit gefertigt hat; den Freibrief, der in Euerm Hause mir das Oeffnungsrecht verleiht. Gott befohlen, hochwürdiger Herr Oheim! Träumt von mir, liebe Base!«

Lachend eilte Dagobert, von dem ungewohnten wälschen Weine aufgeregt, von dannen, und dachte unter der Thüre des Vorgemachs das Herz seiner Begleiterin durch einen glühenden Händedruck zu versengen, aber indem rief des Prälaten befehlende Stimme: »Fiorilla!« und mit einem leise geflüsterten »Adio carino!« flog sie in das Speisegemach zurück.

»Welch einen Burschen hat mir der Bruder da gesendet!« sprach der Prälat mit gefalteten Händen; »der schwatzt keck und vorlaut, säuft und ist grob wie ein echter Deutscher.«

Fiorilla verlor kein Wörtlein, strafte aber in Gedanken ihren hochwürdigen Freund Lügen.

»Und der Fastnachtsnarr will Priester werden,« fuhr der Prälat fort.

»Er will nicht, aber er soll und muß,« schaltete Fiorilla ein.

»Ganz recht; er soll!« versetzte Monsignore. »Aber Gott behüte uns in Gnaden. Das wird ein Kirchenlicht abgeben, von dem einst der Heiland sagen wird: Besser wär's, es wäre niemals angezündet worden.«

»Gleich tausend Andern!« kicherte Fiorilla vor sich hin und fütterte den Sittich mit Honigbrot.

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