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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Vierundvierzigstes Capitel.

Noch eine Stunde vor jenem wüsten Lärm und Getöse, von welchem jetzt die bedrohte Stadt widerhallte, war Diether's Haus ein Schauplatz geselliger Freude gewesen und ein frohes und zärtliches Brautpaar hatte bei Tafel und Tanz die Ehrenämter des Hauses verwaltet, um den Gästen gefällig zu sein. Das Prunkgemach des Gebäudes, das ganze Jahr hindurch verschlossen und nur bei feierlichen Anlässen eröffnet, hatte auch diesmal den Freunden und Geladenen seine Herrlichkeiten aufgethan. Längs der blank getäfelten Wand streckte sich der reichbelastete Tisch, von Polsterbänken und zierlich geschnitzten Schemeln umgeben; ein reicher Schenktisch strahlte neben der bemalten Eingangsthüre. Gegenüber fanden die Spielleute ihren erhöhten Platz. An den Wänden flammten Armleuchter, von der gemalten Decke schwebten an grünen Laubgewinden viele Kerzenreife herab, von welchen lange und buntglänzende Bänder herniederflatterten, bis auf die Scheitel der Tanzenden mitten im Saale. Denn das junge Volk hatte, Braut und Bräutigam an der Spitze, den Tisch verlassen, um sich an rascher Bewegung zu ergötzen. Die Alten ließen sich das letzte Prachtstück der reichen Tafel, den köstlichen Mandelkäse, schmecken, der bei keiner ähnlichen Festlichkeit fehlen durfte. Während nun also Alt und Jung dem Vergnügen fröhnte, brach plötzlich von außen die Störung ein, die das lustige Band der Geselligkeit zerriß. »'s ist Feuer!« schrie Alles und die Männer, besorgt für ihr Hab und Gut, machten sich bereit, dahin zu gehen, wo ihre Gegenwart erforderlich sein möchte.

Auch Herr Diether säumte nicht, seiner Schöffenpflicht zu gehorchen, die ihn zum Mittelpunkte der Gefahr rief. Vergebens waren die Bitten Margarethens, umsonst die Vorstellungen des Sohnes, der sich erbot, an seiner Statt auf den Römer zu eilen und für ihn einzustehen in der gefährlichen dunklen Nacht. – Der unbeugsame alte Mann hatte einen zu hohen Begriff von seiner Würde, als daß er hier sich hätte überreden lassen können: er ging und ließ seinem Dagobert noch obendrein den Befehl zurück, als Schirmvogt im Hause zurückzubleiben. Darauf ging er hinweg und wollte kaum dem Edelknecht von Hülshofen, den Dagobert zum Beistand aufgefordert, erlauben, an seiner Seite zu bleiben.

Das Hochzeitshaus gewann nun ein ganz anderes Ansehen. Das Gesinde wurde ausgeschickt und nur einige rüstige Knechte zur Hut der Pforte zurückbehalten; die zurückgebliebenen Frauen hatten sich in einen dichten Kreis um Frau Margarethen, die Frau von Dürningen und den Pater Johannes gedrängt, der am Morgen die Trauung verrichtet hatte und nun all' seine Beredsamkeit aufbieten mußte, um seinen ängstlichen Zuhörerinnen nur eine Quelle des Trostes zu eröffnen.

In dem Erker stand Dagobert, unruhig nach dem Himmel blickend, ob er sich nicht von Brandglut röthe, oder niederschauend nach dem unfernen Liebfrauenberge, wo die Reisigen der Stadt ihre Rosse tummelten und des Lärms viel war. Seine junge Gattin stand neben ihm, seine Hand in der ihrigen haltend und forschte still und wehmüthig in des Geliebten Antlitz nach dem Zustande seines Gemüths. Da fiel ein Blick der Liebe aus des jungen Mannes Auge auf die Bräutliche und er sprach mit zarter Stimme, ihre Wange streichelnd: »Sei nicht also beklommen, gute Regina. Es scheint zwar ein gewaltig Unheil die Stadt zu bedrohen, oder schon betroffen zu haben, aber die Bürger von Frankfurt sind ein starkes Volk, zusammenhaltend wie an stählerner Kette und Brust an Brust zu einer Mauer sich reihend gegen den gemeinschaftlichen Feind. Darum fasse Muth. So lange mein Arm dich umschlingt, soll dir nicht Brand, nicht Feind Schaden zufügen.«

Er umfaßte sie liebreich und zog sie an sich, die sich ihm anschmiegte, wie ein vertrauendes Kind. Sie hob die hellen Augen zu ihm empor, lächelte sanft und erwiderte: »Bei Euch, lieber Herr, fürchte ich nichts, was von Menschen kommt. Aber werdet Ihr mich auch stets lieb behalten?« – »Nun freilich,« lachte Dagobert, »wie könnte ich anders, meine Königin?« – »Ach, ich glaube Euch so gerne,« versetzte Regina mit leisem Seufzer, »aber ich habe mir schon meine eigenen Gedanken gemacht und ich darf sie Euch jetzo gestehen, da Ihr . . . da Ihr mein Herr seid.« – »Du mußt sogar,« schaltete Dagobert scherzend ein und faßte die Erglühende beim Kinn, daß sie ihm nicht den Anblick ihrer lieblichen Schönheit entziehe. »Rede allso zu deinem Herrn.« – »Daß Ihr um mich geworben, guter Dagobert,« fuhr Regina nach kurzem Innehalten ermuthigt fort – »das war mir lieb, sehr lieb sogar – aber, daß es so schnell gekommen, daß dieses Werben sich so dringend ausgesprochen, das ließ mich im Stillen befürchten, Euer Gemüth möchte noch nicht ruhig und jenes Bild, das Euch einst verzaubert hatte, noch darin geschäftig sein. Mir war's, als ob ich das Mittel sein sollte, das der Leidende auf's ungefähr ergreift, ob es ihn vielleicht gesunden mache, das er jedoch, lindert es seine Qualen nicht, unmuthig wegwirft. – Ach, mein verehrter Herr und lieber Dagobert,« fuhr sie – da ihr Gatte lächelnd, aber schweigend ihr in das liebliche Antlitz sah – fort, »wenn Ihr je mich also wegwerfen könntet – wenn jemals eine Zeit kommen sollte, in welcher Ihr Euch sagtet: O, daß doch die Andere mein wäre, die ich unsäglich liebte und die jetzo noch mein ganzes Herz erfüllt! das wäre ein Unglück, lieber Herr.« –

»Seht doch, welche Grillen,« entgegnete Dagobert ruhig und sah offen und ehrlich dem bekümmerten Weiblein in das schwimmende Auge. »Diese Zweifel thun mir weh', indes ist ein Vertrauen des andern würdig. So wisse denn, mein Kind, daß ich nicht von heute, nicht von gestern an dich in meiner Brust trage als eine liebe Freundin. In den Fesseln einer seltsamen Liebe befangen, hatte ich darum nicht minder Sinn für deinen Liebreiz, deine kindliche Anmuth und ich hatte in der letzen Frist Mühe genug, gegen mein Gefühl anzukämpfen und die Stimmung zu behaupten, die das Erlöschen meiner thöricht geträumten Glückssonne in mir erzeugt hatte. Ich floh wohl dann und wann sogar deine Nähe, mein süßes Kind, und jener Ringkauf an des Goldschmieds Laden war ohne meinen Willen nur vom Zufall, oder der Bestimmung herbeigeführt. Ich leugne es nicht, daß dabei mein Herz schwer verwundet wurde und gleich darauf, wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel, kam mir die Kunde, daß sie, um die ich trauerte, sich gänzlich losgerissen von meinem Herzen und Gedächtnis. Mein Ergrimmen gegen das Geschehene war unnütz, kindisch, und meine Pflicht gegen den Vater trat vor meine Seele. Ich will verschweigen, welchen Eindruck der Besuch des Wechslers Joel auf mich machte. Das finstere, grämliche Gesicht des Buntgekleideten, seine flache Einsilbigkeit beleidigten meine Eitelkeit. Ihn, der nur für das Geld Sinn hatte, das ihm mein Vater hinzählte – ihn, der so kalt und theilnahmslos mir die wenigen Geschenke wieder reichte, die Esther einst von mir empfangen – ihn hatte sie mir vorziehen – diesen Juden mit ihrer Hand begaben können! – Unwillig entließ ich den Mäkler, gehässig dachte ich an sein Weib zurück; und deine Schönheit, deine jungfräuliche Jugend trat, wie durch einen Zauberschlag, lichtglänzend und strahlend, wie eine Himmelsgestalt vor mich. Mit diesem Engelbilde besuchte mich auch mein guter Geist und zu dem Lehrer meiner Kindheit, meiner Jugend führte er mich mit Sturmgewalt, daß ich durch seine Weisheit das Gute vom Bösen unterscheiden lernen und den würdigen Theil erwählen möge. Ich vermag es nicht, dir die Worte zu wiederholen, die seinem Mund entquollen, mir zum Troste und zur Belehrung. Genug, ich verdanke ihnen meine Ruhe und die Rückkehr meines heiteren Sinns, das Bewußtsein, dich nicht leichtsinnig gefreit zu haben, meine gute, meine liebliche Regina. Johannes hat mich überzeugt, daß Segen und Zufriedenheit wohl nimmer aus dem Bunde zwischen Esther und mir entsprungen wären, hätten beider Herzen sich auch unveränderlich geliebt. Die Kluft ist zu groß gewesen, selbst für die Edelsten und Besten und sie überspringen zu wollen, war nur der Wunsch, die Sehnsucht einer feurigen, rücksichtslosen Jugend. So habe ich mich denn schnell entschlossen, mein süßes Weib, um deine Hand zu werben. Da ich am Altare schwur, war ich fertig mit der Vergangenheit, die freundliche Erinnerung abgerechnet, die mich zum Grabe geleiten wird; mein Frohsinn hat sich wieder eingestellt, ich bin der Alte geworden und selbst die Stürme dieses Abends, wie sie sich auch noch gestalten mögen, sollen mich nicht darnieder beugen, rette ich nur dich, mein Kleinod, unversehrt aus dem Gedränge.«

Regina warf sich mit dem vollsten Vertrauen der Liebe in Dagobert's Arme, und die Neuvermählten vergaßen in ihrer Seligkeit den Saal um sich her, mit seinen düster brennenden Kerzen und seinen ängstlich lauschenden Bewohnerinnen, wie auch das auf der Gasse auf- und niederwogende Toben, Lärmen und Treiben, dessen Ursache noch kein Mensch, allem Fragen zum Trotze, angeben konnte. Da erdröhnte von wiederholten Schlägen die Pforte des Hauses, daß alle Anwesenden zusammenfuhren und der hinter dem Ofen entschlummerte kleine Hans erschrocken aus dem Schlafe taumelte und in die Arme der gütigen Margarethe lief. – »Was gibt's da unten?« rief Dagobert dem kurz darauf eintretenden Ammon zu, und dieser winkte ihm auf die Seite. – »Ein Mann ist draußen, der Euch zu sprechen wünscht,« flüsterte er wichtig, »fast bedaure ich's, ihn hieher geführt zu haben, denn erst beim Laternenschimmer im Hausgang ersah ich, daß der Bursche einer von dem ägyptischen Volke ist, das gestern hier eingezogen und in Sachsenhausen Rasttag hält. Vor solch' Gesindel muß man auf der Hut sein, darum hab' ich seinen Gefährten bei dem Pförtner zurückhalten lassen – als Geißel für Eure Sicherheit, Herr, und die des Hauses. Draußen im Vorgemache wartet der zerlumpte Mensch.«

Dagobert folgte dem Forstwart und stand alsobald vor dem dunkelbraunen Gesellen, dessen Gesichtszüge die herunterhängenden Haare verbargen. – Da jedoch Dagobert die Rede an ihn richtete, da strich der Mann die Haare zurück und fragte mit wohlbekannter Stimme: »Kennt Ihr mich nicht mehr, Herr Frosch? Bin ich Euch geworden ganz fremd?« Er streckte die Hand dem Staunenden entgegen, welcher jedoch betroffen einige Schritte zurücktrat und schier erschrocken ausrief: »Ben David! Mensch! bist du's, oder äfft mich ein possenhafter Zufall mit deinem Gesichte und deiner Stimme?« – »Soll mir Gott helfen, als ich's selber bin,« erwiderte Ben David und griff nach des Jünglings Hand, wie ein Freund nach des Freundes Hand. – Aber Dagobert wies die dargebotene Rechte erschrocken zurück und fragte dringend und ängstlich: »Mensch! Was willst du hier? Du bist gebannt; zitt're vor deiner Strafe und fliehe, fliehe, armer Mensch! Dein Gesicht ist gekommen, um mir den heutigen Abend vollends zu trüben und kein Glück bringt dir dieser Gang!«

»Weh' mir! weh' mir!« seufzte Ben David beklommen, faltete die Hände und sah hierauf wehmüthig und bekümmert in das Gesicht Dagobert's, bin ich gekommen darum, daß ich empfangen werde also mit Schmach und Verweis? Ist das ein Willkommen für den Schwäher, für den Vater Eurer Braut?« – »Meiner Braut?« fragte Dagobert noch staunender. – »Hab' ich doch lassen rufen Euch, damit nicht erschrecke mein Estherchen vor meinem langen Bart und meiner zerlumpten Kleidung,« fuhr Ben David fort. »Hab' ich doch geglaubt zu finden in Euch ein menschlich Herz; aber jetzo werdet Ihr mich führen zu meiner Tochter, damit ich sehe, ob sie verlernt hat jede Liebe zu ihrem Aette, jede Anhänglichkeit an das Gesetz, das sie verlassen?«

Mit der Zudringlichkeit, die seinem Volke und der leidenschaftlichen Bewegung eigen ist, wollte Ben David neben Dagobert vorbei in das Gemach dringen; der junge Mann, der jetzt erst den Mißverstand begriff, hielt ihn stark aber mitleidig zurück. – »Halt ein, Unglückseliger!« rief er, »du bist im Irrthum, obgleich im verzeihlichen. Esther ist nicht die Braut, die ich heimgeführt.« – »Nicht?« stammelte verblüfft der Jude und hielt inne, schlug die Hände über dem Kopf zusammen und setzte hinzu: »Nicht? unglücklicher Vater!« – Hierauf verklärte sich aber plötzlich sein Gesicht, wie zum Danke erhoben sich seine Arme und ein: »Nicht? Gelobt sei Gott, der Herr und König!« entschwebte seinem zitternden Munde. Dagobert betrachtete ihn, mit bittern Gefühlen kämpfend, und Ben David ging bald aus seiner freudigen Erschütterung in eine unangenehme über. – »Wer weiß,« murmelte er vor sich hin . . . »wer weiß, ob es nicht also ist geworden schlimmer? Sagt mir, gnädigster Junker,« sprach er laut, den Saum von Dagobert's Rocke küssend, »sagt mir, wo Esther ist gekommen hin? Vielleicht wär' es doch gewesen besser, sie hätte geschlossen mit Euch den Bund, als . . .« – »Beruhige dich!« versetzte Dagobert, der ein bitteres Lächeln nicht unterdrücken konnte, »sie ist Eurer würdig geblieben. Sie ging mir voran in der Ehe und Lüttichs reichster Jude, Joel, ist ihr Mann!«

Ueberrascht und zweifelnd starrte Ben David den Jüngling an; da er aber in dessen Augen Wahrheit, keine Falschheit las, so verkehrte sich schnell sein Trübsinn in Jubel, außer sich vor Freude fiel er vor dem Junker auf die Knie und jauchzte: »Heil sei Euch, Herr, und der Segen des hochgelobten Gottes in Israel. Dank dem Propheten Elias und dem Fürsten der Barmherzigkeit, die gnädig regiert haben das Herz meiner lieben Esther, die ich nun mit Freuden nenne mein eigenes, liebes Kind. Also belohnt der Herr die Treue, die an ihm hält fest wie Eisen und Gold. Ihr hättet mir geben können alle Kronen von Perl' und Edelgestein und sie hätten nicht also erquickt mein Herz, als Eure Worte es gethan. Gern will ich sein ein schlechter Jude und unter Euren Schuhen der Staub, weil es also gekommen ist; gern mich nicht brüsten mit dem Namen Eures Schwähervaters und ohne mein Kind in Pracht und Herrlichkeit zu sehen, umsonst gekommen sein zur Hochzeit. Doch,« fügte er, sich besinnend, hinzu, »nein! umsonst bin ich nicht da, gestrenger Junker.« – »Du meinst des Geldes wegen, das dir der Herzog schuldete?« fragte Dagobert, der hinter David's Rede jüdischen Eigennutz witterte. »Das Gold hat deiner Tochter Gatte, Joel, schon empfangen.« – »Recht!« erwiderte David ruhig, »ist's doch meines Kindes Erbtheil, von dem ich nicht gesprochen, da ich einen größeren Schatz trage auf meiner Brust – die Haarlocke meiner Esther, für welche ich einst verrathen habe mein letztes verstecktes Geld an den grausamen Zodick; ein Kleinod, das mich ermannt hat in jeglicher Gefahr, das mich geführt hat wie Zauberwerk durch jedes Elend. Nein, Herr, ich habe nicht geredet von dem Gelde des Herzogs – ich bin gekommen, zu bringen ein Geschenk für Euer Haus und Euer Hochzeitfest. Ich habe vermeint, zu schmeicheln den schmutzigen, hebräischen Schwähervater ein in das Haus der Hochzeitfreude, aber – ist mir gleich dieses verwehrt – so wird sie doch angenehm sein, des Landstreichers Gabe, und übersehen lassen sein unhochzeitlich Kleid und ihm erwerben ein verschwiegen Obdach in Eurem Hause.«

»Eine Gabe? du?« fragte halb lächelnd, halb mißtrauisch Dagobert. – »Laßt Euch sagen,« erwiderte der Jude geschäftig, zutraulich und eilig, »Gottes Wunder sind groß. Ich bin gelaufen gen Hungarn, um dort zu finden mein Brot oder den Tod und zu besuchen die Städte, wo sie gemordet haben meinen Sohn. Das Gespenst des anderen hat mich gejaget . . . doch Ihr versteht nicht, was ich rede, und darum sag' ich Euch, daß ich gekommen bin zu der ägyptischen Horde, die von Aufgang herzieht gen Niedergang, und an welche sich angeschlossen haben viele Verfolgte von unseren Leuten, um also zu gelangen in's Abendland, das sie nicht erreicht haben würden als Juden, allein und hilflos. Denn mir war's eingekommen plötzlich, zu wandern nach dem hispanischen Land und zu suchen mein Glück. Geschah es eines Tages, daß ich finde bei einem gestorbenen Aegypterweibe, das im Graben lag, ein Knäblein, fein und flink, das bitter weinte; fragte ich ihn nach seinem Leid und erzählt mir der Bube, daß hier seine Pflegerin liege, todt, und daß er sei hilflos in der Welt, denn die Alte habe versprochen, ihn zu führen zurück zu seinen Eltern, denen er gestohlen worden sei von wälschem Bettelvolk, das ihn, der krank und schwach gewesen, brauchen wollte, um der Almosen mehr zu gewinnen für das sieche Kind. Da aber die Bettelfahrt das Kind gesund gemacht, statt es noch gänzlich aufzureiben, so ist der Knabe bald geworden ein unnützes Eßmaul für die Bettler und sie haben ihn in Hungarn verkauft an das Weib, das todt vor mir lag. – »»Ei, Jüngelchen,«« sprach ich, »»weißt du denn, du junges Blut, wer sie sind, deine Eltern, und wo sie wohnen?«« – Der Knabe lachte und hat gesagt in seiner halb kauderwälsch gewordenen Sprache: »»Freilich weiß ich's, Alter! Heiß ich doch Johannes Frosch, das liebe Junkerlein von Frankfurt; denn also hat mich die Willhild genannt alle Tage, da ich bei ihr gewesen bin auf dem Dorfe.«« – Gott! Gott! da wurde mir, als ob die Schechinah des Herrn herunterstiege von den Fingern der Cohenim und sich setzte auf meine freudige Brust!«

»Mensch!« fiel Dagobert ein, »spricht ein gnädiger Gott Wahrheit aus deinem Munde?« – »Wahrheit, Herr, Gott soll mir helfen!« versetzte der Jude mit Thränen in den Augen, »denn wir sind gekommen an und waren bald verzweifelt, weil man uns drüben streng bewacht, daß keiner herüber komme, und ich nicht traute, ob des Bannes, dem Oberstrichter Alles zu entdecken. Morgen wäre es jedoch geschehen . . . da hat der Herr uns heut befreit. In dem Getümmel und Geschrei, daß man die Stadt verrathen wolle und anbrennen, haben wir gewonnen die Flucht und sind herüber gekommen ganz und heil; laßt den Buben holen, der beim Pförtner sitzt . . . . laßt ihn holen, Herr, denn bei dem Gotte Israels und bei des Vaters Seele, auf der der Friede sei: der Knabe ist Euer Bruder, Eures Vaters Sohn!«

»Johannes!« rief Dagobert entzückt und eilte nach der Treppe. Da tönte von unten die Stimme der alten Willhild, die schon am Tage verstohlen in's Haus gekommen war, um bei Frau Margarethen und dem Brautpaar ihren Glückwunsch abzustatten. Sie kam dem Sohne Diether's auf der Stiege entgegen, den Knaben schon im Arme, den sie soeben beim Pförtner gesehen, ihn küssend unter Thränen und ihn an's Herz pressend, wie das eigene Kind. »Herr!« stammelte sie schluchzend und den Knaben in des Bruders Arm legend, »Herr! preist Gottes Barmherzigkeit. Johannes ist der Knabe – frisch, gesund und von geraden Gliedern ist er – er hat mich erkannt, er nennt seine Eltern – er bringt Freude und Glück in Ihr Haus!« – »Und Ruhe, Friedensruhe in meine Brust!« setzte Ben David in seliger Zufriedenheit bei, gen Himmel blickend, »so hab' ich doch nicht gelitten umsonst. Leid ist gekommen durch mich über dieses Dach – Freude, Freude führe ich an meiner Hand wieder hinein!«

Indessen hatte Dagobert die Thüre aufgerissen und den Wiedergefundenen im Triumph in das Gemach getragen, auf Frau Margarethens Schoß. – »Mutter! Euer Sohn!« rief er freudetrunken, und der Knabe, der in seinen des aus seinem Gedächtnis verschwundenen Armen unruhig und ängstlich geworden war, brach in lauten Jubel aus, da er die Mutter wiedersah, deren Züge ihm nicht fremd geworden waren. »Mutter! Mütterlein!« schrie er, weinend vor Entzücken, »Mütterlein, ich bin wieder da. Johannes, das liebe Junkerlein von Frankfurt, ist wieder da. Nicht mehr von dir lasse mich, Mütterlein, und dem guten Manne, der mich wiedergebracht! Hörst du, Mütterlein! hörst du? Den armen Johannes behalte bei dir!«

Wer hat Mutterfreude je gesehen? Wer hat das Entzücken je genossen, das vom Himmel herabfällt, plötzlich, unerwartet in der Nacht des Grauens, wie ein duftiger Blumenkranz in ein düsteres Verließ? Wie ein erquickender Himmelsthau auf die lechzende Flur?

Margarethe, die kräftige, starke Frau, erlag dem Uebermaß der Wonne nicht, aber die Kunst des Malers, der es versuchen wollte, diesen Jubelauftritt zu schildern, würde unterliegen. Eine große Freude hat aber, wie ein großes Leid, das eigene, daß sie beklemmend auf die Brust derjenigen fällt, die nicht auf's innigste theilnehmen an dem Freudevollen. Also auch hier.

Die meisten der Anwesenden zogen sich in entferntere Gemächer zurück, oder verließen das Haus, da das Getöse auf den Gassen nachließ und nur die eng Befreundeten blieben wohlwollend darin zurück, wie ein kleiner Hofstaat die glückliche Mutter umgebend, die den Thron der reinsten Zärtlichkeit bestiegen hatte.

Aber weder Margarethe, noch die Zeugen ihres Glückes bemerkten, daß draußen Alles ruhiger wurde, daß Hornklang, Glockenschall und Trommelschlag aufhörten . . . niemand bemerkte. daß ein Gast in die Stube getreten war, bis derselbe sich selbst ankündigte. Dagobert, Margarethe und alle Umstehenden staunten, denn es war der Schultheiß.

Mit einem edel ritterlichen Anstande näherte er sich der Gattin Diether's, beugte sich auf ihre Hand, sie küssend und redete: »Ich war nur Willens, ehrsame Frau, hier einen Becher Weins zu heischen – ein Labsal, das Ihr gewiß dem ermüdeten Feinde nicht versagt haben würdet . . . allein, zum Zeugen dieses rührenden Auftrittes geworden – wäre ich in Versuchung, Euch um Verzeihung vergangener Unbilden zu bitten, wenn ich wüßte, daß mir diese Vergebung nicht entgehen möchte. Ich war ein Thor, ein böser Thor; ich habe Euer Unglück für Schuld, Eurer Jugend leichten Sinn für Tugendlosigkeit gehalten; . . . doch ich bereue, ich sehe Euch nun rein, wie den Thautropfen im Blumenkelch vor mir, und die heutige Nacht, die durch ihre drohenden Schrecken auf's Neue alle biederen Bürger an einander schloß zu gemeinschaftlichem Streben, gibt mir den Muth, mit Zuversicht Euch mein Geständnis abzulegen. – Reicht mir die Hand, Dagobert. Vergeßt und werdet mein Fürsprecher bei Eurer Mutter, bei Eurem Vater, der sich heute durch seinen Eifer, seine Thätigkeit meine höchste Bewunderung und den Dank der Vaterstadt errungen.«

Welcher Augenblick wäre zur Versöhnung geeigneter gewesen? Dagobert reichte fröhlich dem Ritter die Hand und Frau Margarethe lispelte mit niedergeschlagenen Augen: »Ich habe Euch nie gezürnt, gestrenger Herr. Ich beklage nur Eure Verblendung und bin erfreut, daß Ihr mir Eure Hochachtung ferner nicht versagt. Wo ist aber mein Eheherr?« fragte sie lebhafter, den Knaben an sich drückend, »wo weilt er? Ihr spracht von drohenden Gefahren? Sind sie vorüber, oder?« – »Vorüber,« erwiderte der Ritter beruhigend, »vorüber durch die redliche Hochherzigkeit einer schlichten Magd, die unter dem härnen Kittel ein Gemüth voll Adel birgt. Ohrenzeuge einer Verschwörung geworden, die Leben und Habe aller Bürger – die Eure vor Allen – betraf, wollte sie, was sie gehört, entdecken. Teuflische Schadenfreude am Bösen trat ihr hinterlistig in den Weg. Die arme Dirne konnte aus einem Kerker, in dem man sie gesperrt, nicht früher entwischen, als in den letzten Augenblicken vor der bestimmten Stunde des Verbrechens, wo es ihr gelungen war, ihre Stimme Andern vernehmbar zu machen. Die Tücke ihrer Gegnerin, einer Klosterfrau, leider diesem Hause befreundet – kam schnell an den Tag. Die Oberin ließ die Strenge walten und hat die Unverbesserliche zu ewiger Clausur verdammt. Für die Welt, der sie nur schaden wollte, ist sie verloren. Indessen rief Judith, die wackere Magd, mich und die Bürgermeister aus dem Schlummer; mit uns die Stadt. Gott hat gnädig den Schild vor uns gehalten. Viele verdächtige Gesellen fielen in unsere Hände. Ein Schiff, angefüllt mit anderen, entkam auf dem Strome. Einen abscheulichen Rädelsführer hat die Vehme gerichtet, einen andern, bis zur Unkenntlichkeit von Rossen und Menschen zerstampften Leichnam fand man auf der Straße. Mit der größten Wachsamkeit konnte man dennoch nicht verhüten, daß ein Haus, von Meßfremden größtenteils bewohnt, von dem mord- und raublustigen Gesindel mit Feuer angestoßen wurde. Dort, begriffen zu löschen, zu retten und zu schirmen, befindet sich Euer Gemahl, ehrbare Frau. Bald wird er heimkehren, seine Bürgerkrone Euch zu Füßen zu legen, um sich mit den Freuden des Wiedersehens seines Sohnes zu bekränzen. Glück auf! aber auch Dank dem Biedermanne, der also sein Unrecht gut gemacht und vergessen an der Thüre steht, wie ein Fremder. Komm' näher, David, den ich wohl erkenne! fürchte nichts! Der Bann soll von dir genommen werden und dies bewirkend, will ich beweisen, daß ich's fürder redlich meine mit diesem Hause und seinem Frieden.«

Die Zuhörer, die bisher der Rede des Schultheißen mit ängstlichem Schauer gelauscht hatten, verklärten nun ihr Antlitz zum Lächeln der Zufriedenheit und beeiferten sich um die Wette, dem Juden, dem die innere Gemütsbewegung auf dem unschönen Gesichte stand, die redlich verdiente Dankbarkeit durch Wort und Handschlag zu beweisen. Sogar Ammon, der an der Thüre lauschte, fühlte sich davon ergriffen, spürte eine Thräne in seinem Auge und hätte es nicht über sich gewinnen können, dieses Fest der Herzen durch die Kunde seiner That zu stören. »Gott segne meine Edelfrau!« sprach er in sich hinein, »sie und ihre Tochter sind so selig, wie fast nie. Darum sollen sie auch nie erfahren, daß ihr Vater und Gatte blutig gerächt wurde. Weiß ich's doch und war doch die That gerecht.« – Plötzlich schoß der Diener Eitel an ihm vorüber, riß die Thüre auf und rief freudig: »Der Herr kehrt heim! der gute Herr! welche Freude wird das sein!« – Dem Ankommenden strömte Alles entgegen und alle Zungen sprachen zu ihm und alle Augen strahlten ihm Freude zu und alle Hände legten dem von Lust und Ueberraschung Trunkenen seinen Knaben, seinen Sohn in die zitternden Vaterarme. »Vater! Vater! bist du's und kennst du das liebe Junkerlein aus Frankfurt noch?« fragte der wahre Johannes in seiner kindischen, ausgelassenen Wonne. »Gelt! ich hab' Euch wiedergefunden, Ihr meine Eltern? Gelt, ich bin gesund heimgekommen und ich darf jetzt bei Euch bleiben? Ich muß nicht wieder zur Willhild auf das Dorf, wo man die schlafenden Kindlein stiehlt?« – »Nein, nein!« betheuerte der begeisterte Greis. »Nicht mehr aus diesem Hause, nicht mehr aus diesen Armen!« – Indem nun Diether, vorschreitend, den um ihn gesammelten Kreis durchbrach und vergebend und vergessend dem Schultheiß die Hand schüttelte, wurden hinter ihm zwei Gestalten sichtbar, ein Mann in wohlhablicher Kleidung und ein verschleiert Frauenbild. – Dagobert erschrak heftig, denn der Mann war Joel, der Wechsler aus Lüttich, und unter dem bergenden Schleier konnte nur Esther athmen. Es schnürte ihm das Herz zusammen, während Margarethe den Eheherrn nach den Fremden fragte.

»Das Haus, in dem sie wohnten, brannte nieder,« erklärte, sich entschuldigend, der Altbürger. »Ihre Habe habe ich gerettet und bot ihnen ein Unterkommen für diese Nacht, obschon sie sich sträubten, mir hieher zu folgen. Aber – seh' ich recht?« setzte er bei, »hier erst, guter Freund, erkenne ich Eure Züge. Beim Blitz, Ihr seid der Mann, dem ich das Geld gezahlt, das seinem Schwähervater zugehört und diese Frau . . .« – »Gottes Wunder!« schrie hier plötzlich Ben David auf, dessen bis jetzt die dem Alten Erzählenden in der Freude ihres Herzens kaum erwähnt hatten und der demüthig hinter den Vornehmeren stand. »Gottes Wunder! es ist nicht gewesen sein Geist . . . er ist es selbst! Ascher! Ascher! mein Sohn! mein Sohn! seh' ich dich wieder . . . und weh' geschrien . . . wie seh' ich dich wieder?« – »Vater! Vater! hochgelobter Gott in deiner Gnade!« rief mittlerweile die Verschleierte, deren Verhüllung sank, deren Züge Esther's waren, deren Knie brachen und welche hingleitete in des bestürzten Dagobert's Arm, sogleich unterstützt von ihrer glücklichen Nebenbuhlerin Regina. Dieser Auftritt wandelte die Zuschauer zu Stein, den Schultheiß ausgenommen, der, von Esther's Anblick beschämt, davon schlich aus dem Saale und ausgenommen Ascher, der auf seinen Vater zugelaufen war und mit ihm, lebhaft und unterwürfig sich geberdend, einen wichtigen Zwiesprach hielt in hebräischer Zunge.

»Esther! Tochter Ben David's!« rief Dagobert der Erwachenden in's Ohr. »Sage, du hier? du betrittst dies Haus?« – Die Augen öffnend, aus welchen die zärtlichste Liebe auf Dagobert strahlte, erwiderte die Liebliche, reizend selbst in der Blässe der Ohnmacht: »Euch, verehrter Herr, sollte ich noch einmal sehen, Zeuge Eures Glückes sein sollte ich, Euch finden mußte ich im Arme der Braut und der wonnevollen Eltern. So wollte es das Schicksal und der hochgelobte Gott, der noch einmal prüfen wollte dies Herz. – Aber« – setzte sie mit himmlischer Zufriedenheit auf Stirn' und Wange hinzu, »gepriesen sei seine Huld! Ich kann Euch offen sehen in's Auge, ohne neidisch zu sein auf Euer Wohl und gut hat er's gemacht und recht in seiner unerforschlichen Weisheit!«

Wie staunend und sprachlos auch Dagobert und seine junge Gattin an den Lippen der Redenden hingen – ihr Staunen, ihre Ueberraschung steigerte sich, da Esther in ihres Vaters Arme flog, der gerade seinen wiedergefundenen Sohn gesegnet hatte, denn Ben David sprach: »Gesegnet sei der Herr, der meine Augen offen gehalten, daß ich sehe zurückkehren zu den schönen Hütten Jakobs den Verlorenen und preisen darf das Los derjenigen, die ich liebe trotz einem Sohne, weil sie nicht gefallen ist in die Schlingen der Abtrünnigkeit! Ist mir's jedoch gewesen wie ein Traum, daß man mir gesagt, du seist vermählt, mein Kind! Wo ist dein Mann, Kind, daß ich ihn segne mit den Fingern meiner Hand und dem Spruche des Gerechten?« Da blühte das Geständnis des größten Edelmuthes, den je ein Weib bewiesen, in Purpurflammen auf Esther's Angesichte auf; und sie schüttelte ehrerbietig den Kopf und beugte sich nieder vor Ben David und ihre Lippe stammelte: »Bei dem Gedächtnis des Raaf! Ich bin Jungfrau und unvermählt!«

Dagobert's Hand zuckte heftig in Regina's Hand bei diesem Geständnis und noch einmal erhob sich mit Sturmesgewalt eine Bewegung in seiner Brust, auf welcher sich der böse Geist, der in den Tiefen schlummert, herauf arbeiten wollte, zur Geschäftigkeit und That. »Du wardst getäuscht!« raunte er dem erbleichenden Bräutigam zu, »verrathen und betrogen um dein Lebensglück. Warum ist sie schon fern, Fiorilla, die Lügnerin? Warum dir so nahe – unauflöslich an dich geschmiedet, die minder als Esther geliebte Regina? Gibt es kein Mittel, zu ändern, was vorgegangen?«

Das Geflüster des bösen Geistes verstummte jedoch, und zurück wogte die finstere Welle, auf welcher er gekommen, denn Dagobert's Treue und Männlichkeit behielt den Sieg. Beruhigend und liebevoll blickte er auf Reginen hernieder, die von Esther's Bekenntnis erschreckt, mehr denn Dagobert, ängstlich das Haupt an seine Brust gelegt hatte, das Auge zu ihm emporgerichtet, als wollte sie fragen: »Mein Geliebter! wankst du nun? bereuest du nun? und bin ich die Deine noch, oder schon von dir getrennt?« Er umschlang sie mit der Innigkeit eines wahren und redlichen Gefühls, drückte einen Kuß auf ihre Stirne und wendete sich mit offenem Gesichte zu Esther, die in den Armen des Vaters liegend, mit wehmüthiger Freundlichkeit nach ihm herüber sah.

»Seltsames Mädchen!« sprach er, ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit, »ich weiß nicht, soll ich dir zürnen, oder deinem Gedächtnis eine doppelte Liebe schenken? Bunt und täuschend schimmernd, wie eine Schlange, windest du dich zum Ziele der Tugend und fürchtest nicht, einst zu bereuen?«

»Nimmermehr, mein theurer Freund, den ich also nennen darf, vor Allen, die uns umstehen!« erwiderte Esther himmlisch lächelnd, »so wie wir getheilt haben die Liebe einer abwechselnd düstern und rosigen Zeit, also müßten wir auch die Reue theilen, und man fühlt diese nicht im Besitze eines reinen, schönen, tugendhaften Wesens, wie Eure Braut; man fühlt sie nicht in dem Bewußtsein erfüllter Pflicht. Glänzen nicht hier in jedem Auge Thränen der Freude und der Rührung? Zwei Väter, zwei Mütter segnen meinen Entschluß, und aus der schlechten Jüdin, die, hätte sie auch erschlichen durch die Taufe das Bürgerrecht in diesem Hause, dennoch immer darin geblieben wäre eine Fremde, ist geworden auf einmal eine Freundin, ein Geschöpf, das man duldet um seines Gemüths willen. Ich kann nicht dankbar genug preisen den Herrn, der mir Stärke genug gegeben, auf mich selbst zu wälzen eine Schuld, um Euch, theurer Herr, zu bewegen, den Schritt zu thun, der, uns plötzlich auf ewig trennend, Eure Sinne zurückführen mußte in den Kreis der Euren, Eures Standes, Eurer Pflichten. Ich wollte Euch nicht mehr sehen und grollte fast mit dem hochgelobten Gott, daß er mich noch einmal in Eure Nähe geführt, und weil ich zu stören glaubte – nicht meiner Seele Frieden, der unerschütterlich besteht – sondern Euer harmlos Erstlingsglück; allein nun benedeie ich Jehovah und sein Gesetz, da sie mich zum Lohne wieder finden ließen den schmerzlich beweinten Vater!«

Sie warf sich entzückt von neuem an den Hals Ben David's. – »Liebenswerthes Mädchen!« rief Margarethe und umschlang, das Vorurtheil vergessend, Esthers Nacken. »Wandle stets auf dieser Bahn!« ermahnte, ihre Hand ergreifend, die bewegte Edelfrau. – »Sieh' hier mehr als eine Christin!« sprach Dagobert in seligem Entzücken zu Regina, »sieh' hier eine Heilige!« Diether trocknete sich, halb abgewendet, sein nasses Auge und sagte: »Gott segne Euch, Ihr armen, verirrten, verblendeten Menschen, die mir aber Gutes gethan haben, wie Brüder und die ich schier lieben muß, wie solche. – Sprecht indessen! Ihr habt mir den Sohn wieder gebracht, die Lust meines Alters, sowie sein älterer Bruder der Stolz desselben ist. Ich bin nicht undankbar! fordert meine Habe! hin geb' ich sie Euch mit Freuden für dieses Kleinod, das Ruhe und Heiterkeit unter mein Dach zurückführt.«

Ben David lächelte, seine Kinder umschlingend, daß seine vernarbten Züge fast einen angenehmen Anblick gewährten. »Ehrsamer Herr!« rief er froh bewegt, »bin ich nicht schon geworden ein gekrönter König, voll Ehren und Freude? Wer sieht mich in der Kinder Mitte und beneidet mich nicht? Behaltet Herr, Eure Gaben und laßt dafür fallen einen Blick der Gnade auf einen Armen, der bis jetzt im Winkel gestanden ist, wie einer, der nicht zu den Fröhlichen gehört.« Er führte den armen kleinen Hans, der sich schüchtern hinter einen Sessel gezogen hatte, dem Großvater zu, an dessen Hals noch der Wiedergefundene ruhte. Hans hatte die Augen voll Thränen, Schmerz auf den Lippen, und seine Händchen falteten sich bittend. »Verstoße mich nicht, Vater!« seufzte er, »und du, mein gutes Mütterlein! was hab' ich dir gethan, daß du mich nicht mehr ansiehst, um des fremden Buben willen, der mir ein bös' Gesichte macht?« – Fast beschämt bogen sich Diether und Margarethe schmeichelnd zu der gekränkten Unschuld hernieder; als aber Dagobert, dessen Blicken nichts entging, des echten Bruders grollendes auf Hans gerichtetes Auge ersah, da trat er in die Mitte, Reginen an der Hand und sagte: »Was ich einst gelobte, will ich jetzo halten, so Gott mir hilft, und mein redliches Weiblein einstimmt. Dieses Kind eines unglücklichen Bundes, einer Schwester, die uns haßte und hassen wird bis zu Ende . . . es entgelte nicht die trübe Stunde seiner Geburt. Mein Sohn sei Hans und willst du meine Hausfrau – der erste Sprößling unserer jungen Ehe!« – Regina beugte sich, von Mutterahnungen überrascht, zu dem Knaben nieder und weihte ihn durch ihren reinen Liebeskuß zu ihrem Sohne. Lobend und glückwünschend drängten sich die Eltern um das Paar; Esther zog aber rasch und stürmisch Vater und Bruder in das Seitengemach. – »Ich kann, ich darf dies Schauspiel nicht wieder sehen!« sprach sie mit bewegtem Herzen, »ich fühle dann, daß ich nur bin ein schwaches Wesen von Staub. In Eurer Mitte laßt mich sein und uns entweichen aus Frankfurt, wo ich nimmer athmen kann!«

»Wir gehen, wohin mich ruft eines wackern Fürsten Gnadenstimme, gen Innsbruck!« versetzte froh der Vater, die Hände dankbar gen Himmel hebend, »ich bin wieder geworden ein schuldloser Mann und von mir wird weichen Bann und Makel; ich halte wieder bei mir den verlorenen Sohn, der in Buße und Noth wiedergefunden hat Israel. Ich rühme mich einer Tochter, die erkannt hat, daß die Leidenschaft demüthiger sein muß, als die Liebe zu dem Herrn und der Lehre, in der wir geboren! Du, Ascher, wirst meinen Stamm fortpflanzen auf die spätesten Zeiten, wie es thaten die Voreltern, und du, mein Kind Esther, wirst den Lohn deiner Tugend an der Hand eines rechtschaffenen Mannes aus Israel finden!«

»Nimmer, mein Vater,« erwiderte, ernst und fest entschlossen, Esther. »Nicht dem Manne aus Edom, nicht dem Sohne Jakobs gehöre jemals dein Kind. Ich will dich pflegen, bis dein Angesicht bleich wird. und dann erlöschen einsam und ruhig, das schwör' ich bei Gott! Schilt mich nicht. Nur einmal blüht im Lenz die Blume. Die Liebesblüthe meines Frühlings ist dahin, kehrt niemals wieder. Die Erinnerung labe mich fortan und des Wiedersehens Hoffnung. Dem hochgelobten Herrn bin ich treu geblieben, und ihn, den Freund, finde ich wieder – glaubt mir's – unter den Palmen des ewigen Zions; seiner würdig ist geblieben meine Seele und sie wird mit der reinsten Wonne ihn und die Gattin umschlingen unterm Klang der goldenen Harfen der Gerechten – unter der Engel Hallelujah!«

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