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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Zweiundvierzigstes Capitel.

Die edle Frau von Dürning stand ihrer Tochter gegenüber und Beide schienen ihr Wesen gegen einander ausgetauscht zu haben. Regina, die sonst gewohnt war, mit niedergeschlagenen Augen der Mutter Worte anzuhören, wie ein demüthig Kind, stand nun aufgerichtet vor ihr; im offenen geraden Blicke freudige Unbefangenheit, Lichter einer seligen Lust, die auch ihre Züge mit rosigem Schimmer verklärten. Frau von Dürning hingegen hatte die Augen zu Boden gerichtet, sah sinnend vor sich hin und um ihren Mund spielte das leichte Lächeln, das sich einfindet, wenn uns eingetroffen ist, was wir für unmöglich hielten und was wir überrascht in eine nicht unangenehme Wirklichkeit treten sehen. So wie in Reginens Gesichte etwas Siegerisches lag, so prägte sich in der Mutter Zügen ein gewisses Nachgeben aus, das nicht Zwang und Gewalt, sondern mütterliche Liebe allein herbeigeführt zu haben schien, und in der obigen Stellung noch verharrend, fragte sie die Tochter: »Bist du nun zufrieden, mein Kind?« – »Zufrieden und glücklich, mein Mütterlein,« erwiderte Regina, und der Mutter Sanftmuth zog das Mädchen unwiderstehlich an deren Brust. »Fast kommt mir's vor, wie ein Traumbild,« hob wieder die Edelfrau an, schüttelte lächelnd den Kopf und trat an das offene Fenster. »Dort gehen aber noch Beide,« fuhr sie fort, »der alte Herr in seinem stattlichsten Feierkleide und sein Sohn in dem kurzen, schlichten Rocke, der ihm so gut steht, wie ich nicht mehr länger leugnen mag.« – Regina blinzelte verstohlen über die Schulter der Mutter und lispelte: »Leb' wohl und – kehre recht bald wieder, du guter, guter Mensch.« – »Er wird wohl nur zu bald wiederkehren,« meinte die Mutter schalkhaft, »ist's doch, als ob der junge Mann in den Krieg müßte, so eilt er sich mit Freierei und Einsegnung. Ei, wer hätte gestern dieses schon gedacht?« – »Lieb' Mütterlein,« versetzte Regina, »seit gestern wußte ich's ganz gewiß, daß Dagobert mein Herr wird und kein Anderer.« – »Sieh' doch!« schaltete die Edelfrau ein, »so laß' doch hören!«

»Ich will Euch dessen haarklein berichten,« antwortete die Tochter freundlich und setzte sich zu der Mutter Füßen auf den gepolsterten Schemel; »Euch war es lange nicht mehr unbekannt, daß ich den Junker lieb gewonnen hatte seit verwichenem Osterfeste und noch viel mehr zur Zeit, da er in unseren Forst kam mit der armen Dirne, die er leider damals liebte, wie sie's nicht verdiente, weil sie eine Jüdin war und weil sie ihm nicht treu blieb. Seither habt Ihr mir verboten, ihm merken zu lassen, daß ich ihm hold sei, und nachdem wir im Hause seiner Eltern Hochzeitstag begangen, habt Ihr mir untersagt, mehr an ihn zu denken, weil er damals frei herausgesagt, er werde, obgleich vom Kircheneide frei, nimmer heiraten in seinem Leben. Aber, gute Mutter, das untersagt sich leichter als sich's thun läßt. Wider Willen sogar mußte ich stets an ihn denken und ich hatte ihn jetzt weit lieber denn zuvor und grämte mich schier, als unsere Nachbarin vom Wildenstein Hochzeit machte und ich sah, wie die beiden Brautleute sich herzten und ich mir immer sagen mußte, Dagobert und ich würden nimmer ein glückliches Paar werden dürfen. Da begab es sich einstmal – daß Ihr nach Friedberg gefahren war't und ich das Haus hütete. Ich hatte Langeweile in den Stuben und keine Kurzweil in unserem kleinen Garten. Gar zu gern hätte ich mich unter die Hofleute gemischt, die unter der großschattigen Linde des Burgplatzes mit Plaudern und Scherz und Gesang sich den Feiertag vertrieben; aber Ihr habt mir oft gesagt, daß sich das für mich nicht mehr zieme und so unterließ ich's denn, mich bezwingend, vom Fenster aus ihrem fröhlichen Leben zuzuschauen. Da gewahrte ich, daß die Wurzel aller Freude jener Leute ein Mann war, von häßlichem Aussehen zwar, der jedoch der possenhaften Geberden viel trieb, zu einer ganz verstimmten Laute Lieder sang nach lustigen Weisen und mit lächerlichem Nasentone und sich überhaupt vorgenommen hatte, für ein paar Pfennige und einen Trunk die Burgleute zu unterhalten. Den meisten Spaß machte er den Zuhörern, da er ihnen aus der Hand wahrsagte, nach der Reihe, einem nach dem andern, und so oft er den Neugierigen gesagt, was sich ferner mit ihm begeben werde, so erschallte laut und anhaltend das Gelächter der Uebrigen. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich mit einem Male auf der Schwelle des Hauses stand und Eure Gürtelmagd vorüberging mit den Worten: »der kann mehr als Brot essen, gutes Fräulein. Er hat uns Alles gesagt, was wir schon erlebt haben und, da er es so gut getroffen, so muß auch wahr sein, was er von der Zukunft uns gelehrt.«

Um so neugieriger sah ich nach dem fremden Manne und plötzlich stand er vor mir, daß ich schier erschrocken wäre vor seinem häßlichen Gesichte und dem Pflaster auf seinem Auge. – »Fürchtet Euch nicht, lieb' Fräulein!« sprach er mit unangenehmem Lachen, »der Mensch kann nichts für sein Gesicht. Gott gibt die Schönheit und die Häßlichkeit; die Klugheit jedoch nicht minder. Erlaubt, daß ich Euch wahrsage aus der Zukunft.«

Unwillkürlich halb und halb mit Wißbegier reichte ich ihm die Linke, in deren Fläche er lange Zeit schaute, heimliche Worte murmelnd. Endlich begann er mir zu erzählen aus meiner Jugend und sagte mir unverhohlen, ich sei in meinem Herzen einem jungen Mann gar hold und zugethan. Wie ich da erschrak! Gut war es nur, daß er nicht des Jünglings Namen genannt; ich wäre sonst vergangen vor Scham. Hierauf versicherte er mir, ich würde nächstens eine Hausfrau werden und derjenige ganz gewiß mein Liebster und mein Ehegatte sein, der mir einen Goldring schenken würde mit 'nem blauen Stein und zwei verschlungenen Händen unter einem Kranze. – Nun wollte ich nichts weiter hören, reichte ihm eine reichliche Gabe und dachte mir die Prophezeiung aus den Sinnen zu schlagen. Des Fremdlings Geschicklichkeit bewährte sich indessen schon in der folgenden Nacht. Dem Freisassen Kunz vom Wildensteine, der mit unseren Leuten trank und scherzte, hatte er vorausgesagt, er solle sein locker Leben einstellen, denn es stehe ihm ein gewaltsam Ende bevor und der Freisaß hatte ihn verhöhnt und für verrückt gehalten. Aber in derselben Nacht wurde er auf seinem Hofe jämmerlich um's Leben gebracht und seine Ställe und Kästen geplündert, man weiß zur Stunde noch nicht, von wem. Von da an mußte ich täglich, stündlich sogar der Voraussagung gedenken und – stellt Euch vor – gestern schenkte mir Dagobert einen Ring, gerade so, wie ihn der Wahrsager beschrieben . . . denselben, den er heute von mir verlangt und feierlich zum Zeichen unserer Verlobung an den Finger mir gesteckt.« – »Denselben Ring, den du mir verheimlicht,« versetzte die Mutter mit sanftem Vorwurf, »es ist wahrlich Zeit, daß du aus meiner Obhut trittst, sonst erlebte ich noch das Bittere, das ganze Vertrauen meines Kindes zu verlieren.«

»Nicht böse, mein Mütterlein!« flehte die bewegte Regina und ihrem schmeichelhaften Tone konnte die Frau von Dürning nicht widerstehen. Sie nahm die blühende Braut in die Arme, herzte und küßte sie unter mütterlichen Thränen und sprach dann, sich ermannend: »Gott segne dich, mein Kind. Ich denke, du wirst einen wackern Eheherrn erhalten; gehorche ihm wie einem Vater, liebe ihn mehr als dich selbst und vor Allem erinnere ihn niemals dein Mund an die Liebe, deren Vertraute du gewesen. Sah er gleich ein, wie unwürdig der Gegenstand derselben war, so blutet doch vielleicht sein Herz bei der Erinnerung noch. Laß' die Wunde ganz verharrschen; rede nicht von ihr, bis er selbst einst lächelnd es zu thun vermag. Schon manche Hausfrau hat die zärtliche Liebe ihres Gatten verloren, weil sie unzart verschollene Schwächen aus den Schleiern der Vergangenheit an's Licht zog. Hüte dich vor gleichem Schicksale. Webe still und emsig Rosen in des Mannes Leben. Er empfinde tief, welchen Schatz er in dir besitzt und werde nicht gemahnt an das Spielwerk seiner Neigung, das ihm entrissen wurde. – Nun aber, mein Kind, lasse mich von dir, damit ich gehe und dem Vetter, wie unseren Freunden, die schnelle Veränderung deines Standes bekannt machen darf. Ich werde viel Widerspruch erfahren; es ist außer dem Geleise der Sitte, an einem Tage um die Braut zu feiern, am andern sie schon heimzuführen; allein ich werde standhaft der Förmlichkeit unserer Basen, wie dem Widerwillen, den der Vetter gegen die Sippschaft des Schöffen Frosch von jeher hegte, muthig die Sorgfalt für dein Glück entgegensetzen, über welches zu wachen mich das Schicksal berufen hat.«

Die Edelfrau warf das Piret auf das Haupt, band es fest, zupfte vor dem Spiegel die Haubenkanten gerade, hing Kette und Wetscher an Hals und Gürtel und ging nach freundlichem Abschiede von dannen. Regina blieb mit ihrer Fröhlichkeit allein und schritt in dem einsamen Gemache mit gefalteten Händen auf und nieder, den trunkenen Blick zum Himmel hebend und ihm dankend für die gewährte Seligkeit. Bald jedoch eilte sie an's Fenster, um in das Gewühl zu schauen, das soeben die enge Gasse durchwogte. Ein Zug von neu ankommenden Kaufleuten, welchem sich ein Trupp von Wallfahrern aus der Wetterau angeschlossen hatte, der nach St. Wendels Kapelle ging, um die Schafherden von dem Veitstanz loszubeten, erregte das Getöse. Eine Menge Volks lief den Fremdlingen und den Pilgern nach und Regina's Scharfblick gewahrte unter diesem Pöbeltroß des Wahrsagers, von welchem sie soeben der Mutter berichtet hatte. Der Mensch sah gerade mit einem neugierigen Gesichte herauf und ehe sie es selbst noch bedacht, hatte Regina ihm gewinkt und herein in's Haus war er geschlüpft und stand mit demüthiger Frage nach des Fräuleins Befehl, vor demselben, die Filzmütze unterm Arme und das freie Auge blinzelnd in neugieriger Erwartung. – »Du hier?« fragte ihn Regina staunend, »bist du denn überall?« – »Wie der Wind, schöne Maid,« erwiderte der Mensch; »überall, wo es Geld gibt und mitleidige Seelen.« – »Du solltest des Mitleids gar nicht bedürfen,« meinte Regina, »deine Geschicklichkeit sollte dir Kisten voll Gold einbringen.« – »Freigebigkeit ist geworden selten in der Welt,« hieß die Antwort. – »Ich will nicht die Kargste sein,« sprach Regina, dem Staunenden einen Beutel mit Silbermünzen hinlagernd, »deine Prophezeiung ist eingetroffen, du kluger Bursche. Der Ring mit dem blauen Steine kam und mit ihm mein Hochzeiter. Auch von ihm kannst du noch einen reichlichen Lohn gewinnen, stellst du dich ihm morgen, an unserem Ehrentage, vor.« – »Euerm Hochzeiter?« fragte der Mensch neugierig und lauernd. – »Ja doch!« erwiderte Regina lächelnd, »dem ehrsamen Altbürgersohn Dagobert Frosch. Wir werden morgen ein Ehepaar und möchten im Vorgefühle einer glücklichen Zeit den Herold derselben belohnen, wenn er's nicht verschmäht.« – »Verschmähen?« fragte der Fremde mit scharfem Lächeln, »ein Bettelmann wirft nichts hinter die Thür, am wenigsten den Dank, den er nicht erwartet hätte von Eurem jungen Eheherrn. Ich werde kommen zum Schmauß und nicht alleine, hoffe ich. Ein Hochzeitsgeschenke soll mich begleiten und Ihr werdet sein glücklich in Ewigkeit, so Ihr's fromm und geduldig empfangen mögt. Valet, junge Braut.«

Mit diesen Worten war der Mensch mit dem klimpernden Beutel wie der Blitz davon und ließ Reginen allein, die über das seltsame Benehmen des Fremdlings nicht genug sich wundern konnte. Während sie sich jedoch den Kopf vergebens zerbrach, ruderte der Fremdling mit schnell arbeitenden Ellbogen durch die menschenerfüllten Gassen, unter schadenfrohem, heimlichem Lachen. Er stürzte sich in das dickste Volksgedränge und entfaltete hier sein eigentlich Gewerbe. Mit scharfer, im Aermel verborgener Scheere schnitt er hier eine Geldtasche von einem Frauengürtel, dort einen Beutel von des Mannes Hüfte. Die goldenen Troddeln an den Kapuzen der Mäntel wurden häufig auf dieselbe Weise sein und wo er, von Anderer Augen gehütet, nicht das Kostbare erobern mochte, schnitt er, nur um zu schaden, die köstlichen Pelzverbrämungen der Frauenröcke, wie auch die herrlichen Sammetschauben der Vornehmen in Stücke. Trotz diesem eifrig betriebenen Geschäfte drang er doch unaufhaltsam in einer geraden Richtung fort, bis zum Mainstrome, wo er mit dem Mittagsgeläute eintraf.

Andächtig, wie alle Vorübergehenden, entblößte er den schwarz- und rauhbehaarten Kopf und warf sich auf die Knie, die Stirne bekreuzend, dann spie er verstohlen aus und schlüpfte in eine von den Bretterschänken, die, luftig und für den Augenblick erbaut, zum Besten der Kaufleute am Ufer errichtet waren. In einem verborgenen Winkel derselben verzehrte er hastig und gefräßig den Knoblauch und das harte Brot, das er in der Tasche trug und schlürfte dazu seine halbe Kanne schlechten Weins, das Geld im Verborgenen überzählend, das er auf seinem Gewerbgange erobert. – Nach kurzer Ruhe erhob er sich wieder wie ein Fuchs vom Lager, strich am Herde vorüber, warf die ganze Pfefferbüchse auf ein Gericht von Fischen, das dort in der Pfanne schmorte, stieß einen vor der Hütte stehenden, mit Wecken gefüllten Korb mit einem schnellen Fußtritt in den Strom und verschwand innerhalb dem Bereiche mehrerer Zelthütten, die von einigen Meisterinnen fahrender Töchter unfern davon aufgeschlagen worden waren und in welchen das liederliche Herren- und Pöbelgesindel seine Schwelgereien feierte, unterm Schutze der Meßfreiheit. Der Beutelschneider, aller Wege und Stege in diesen Hütten der Ausschweifung wohl bewußt, brachte schnell bei den üppigen Dirnen die Quasten und Troddeln an, die er gestohlen und die sie ihm dreifach bezahlen mußten, um ihrer unverschämten Eitelkeit und ihres Sündenerwerbs willen. Im Davongehen stieß der Dieb auf einen hagern Mann in bürgerlicher Tracht, der seinen Weg gegen die Zelte zu nehmen schien. »Wohin? wohin? edler Herr?« fragte der Erstere halblaut und dem Manne vertraulich auf den Leib rückend, »schleicht man doch nicht im Mittagsscheine zum Liebchen und hättet Ihr wohl was Besseres zu thun, als hier im Schlamm zu verderben Zeit und Masumme!« – »Halt's Maul, Jud!« raunte ihm der Andere ergrimmt zu, »scher' dich deiner Wege.« – »Nichts da!« versetzte der Gescholtene, »Ihr werdet mir folgen in den Knippling und vernehmen allda, was sich begeben, oder nichts haben von der Beut.«

»Verdammter Hund!« murrte der Andere vor sich hin, drehte sich aber um, dem Kerl zu folgen, der sich, nach wiederholtem Umschauen nach seinem Nachfolger, in den engsten Gassenwinkel der Altstadt verlor. Hier – in einem Sackgäßlein, zu dem Jahr aus, Jahr ein kein Sonnenstrahl den Weg zu bahnen sich vermochte, weil die eng an einander stoßenden Ueberhänge der Häuser jeden Luftzugang versperrten, hier stand – rechts und links von düstern Stiftsgebäuden eingefangen – eine elende Schenke – zum »Knippling« genannt im Munde des Volks und allerdings nicht allzu wohl berüchtigt, obgleich im Herzen der Stadt gelegen.

Der Wirth, ein eisgrauer Hagestolz, hatte anfänglich auch ein Kupplerwesen in der Stille getrieben und mancher Altbürger, wie auch mancher Chorherr des benachbarten Stiftes hatte wohl damals, bis an die Augen vermummt, unterm Schirm der finstern Nacht, des pfiffigen Brändlings Haus besucht; aber seit der Rath die üble Wirthei ergattert und der Stöcker, als Herr und Meister der fahrenden Weiber, bei hellem Tage die Dirnen aus dem Knippling getrieben hatte in's Rosenthal unter seinen eigenen Bannbereich – seitdem hatte der vornehme stille Zuspruch aufgehört und aus der Bekanntschaft mit den Stiftsherren war für Brändling nur der Vortheil erwachsen, daß er ferner ungestört auf dem Grund und Boden des Capitels verweilen durfte. Von Stund an hatte sich auch nichts Unredliches vom »Knippling« weiter hören lassen, aber rechtliche Leute mieden beständig die Spelunke, in welcher nach wie vor nur sparsamer Pöbeltroß oder arme Meßkrämer, oder listige Meßgauner ihre Einkehr hielten.

In dieses finstere Haus traten die beiden Kumpane, begrüßten den gähnenden Wirth wie einen alten Bekannten und begaben sich in die kleine, gewölbte Stube, in welcher zwei andere Männer an einem schmutzigen Brettspiele saßen. »Ho!« rief der Gefährte des Beutelschneiders, »da komm' ich ja zu guter Stunde, schon da, Namensvetter? Grüß' dich Gott und auch dich, Bruder Reifenberg!« – Die Dreie schüttelten sich die Hände wie alte Freunde. Der Vierte, der schwarzborstige Diebsgeselle, stand daneben und lachte wie ein Satan. Der Eine der Fremden sah sich nach ihm um und sprach: »Du auch hier, Pathchen? Herrlich! ein ganzes Nest zünftiger Vögel. Wein her, Brändling! Wein! und nun rund um den Tisch, ihr Leute, und aufgethan den Schnabel und erzählt, wie es hier steht. Friedrich! mach' du den Anfang, denn in deinen Augen . . . Donner und Pestilenz! – da wetterleuchtet es, wie unter den Braunen des Teufels!«

Brändling schleppte einige Kannen herbei, empfahl seinen Gästen Behutsamkeit und heimlich Gespräch und ging, um an der Thüre Wache zu halten, daß sie nicht überfallen würden von ungebetenen Gefährten.

»'s ist Alles reif,« begann Zodick, »reif, als mir Gott soll helfen im Sterben. Alle die, die einst gedient haben unter dem trunkenen Marten, Alle, die bis jetzo entgangen sind dem Blutgerichte, sind hier und vertheilt in den Erdhütten und schlechten Bayes auf dem Klapperfeld und dem Fischerfeld. Ich steh' für sie ein. Sie zittern nicht, sie zagen nicht. Als ich ihnen sag': Stoßt zu! so stoßen sie auf den Fleck, bis er nichts mehr fühlt.« – »Die zwanzig angeworbenen Söldner sind ebenfalls um die Stadt herum versteckt,« setzte der Leuenberger, Zodick's Kumpan, hinzu, »ein wahres Mordgesindel, das den Pfaffen am Altar ermordet und aus des Papstes Hand den Kelch stiehlt, wenn man's haben will.« – »Herrlich, beim Blitz und Strahl!« jubelte der Hornberger Veit, Reifenbergers Begleiter, »siebzig Knechte haben wir im Gefolge und rings in Feld und Acker aufgestellt, die Alle vor Begierde brennen, sich an den hochmüthigen Ellenreitern zu rächen, die sie herrenlos gemacht.« – »Gott sei Lob und Dank,« ließ sich der Reifenberger vernehmen – »so dürfen wir doch hoffen, unserm armen Bechtram eine Todtenfeier zu halten, bei welcher die Frankfurter Geisel- und Römerfahrt, das große Sterben und die Greuel der Judenschlacht vergessen sollen. Sagt aber, Ihr Freunde. wann soll's beginnen?« – »Morgen!« fiel Zodick hastig ein. »Morgen, edle Herren, und nicht früher und nicht später.« – »Hoho!« riefen die Anderen, »Friedrich! dir funkeln schon die Finger nach der Plünderung; aber so schnell wird's nicht sein können.« – »Gott soll mir helfen,« betheuerte der Jude, »entweder morgen, und ich bin dabei, oder nicht morgen, und ich ziehe ab meine Hand.« – »Dummer Hecht!« versetzte der Leuenberg, »hier können wir nicht ohne dich sein, du sollst uns den Pöbel aufhetzen lassen, daß er an dem Spiele theilnehme, du sollst uns zu den Kisten und Kästen der Reichen führen und uns zeigen, welches Haus früher brennen muß als das andere.« – »Das will ich!« versicherte Zodick, »aber ich will verkrummen, so ich's anders thue denn morgen. Ich will nicht haben umsonst mich gestürzt in die Gefahr des Todes, denn auf diesen Gassen liegt der Strick für meinen Hals. Versäumen wir's um einen Tag, so geh'n die reichsten Niederländer fort, denn schon stehen leer ihre Gewölbe und voll sind ihre Kasten; zaudern wir, so geht für mich verloren das höchste Glück der Rache. Mein Feind, der junge Frosch, macht morgen Hochzeit. Hat er gewonnen die Hand der Braut, soll er doch nicht gewinnen ihren Leib. Ich schlachte ihn am Hochzeitsschmause mit seinem Aette und will nichts weiter dafür, Herr von Leuenberg; aber ich will lahm werden wie ein Hund, wenn sie nicht die Ersten sind, die da kriegen den Dalles. Ich hab's geschworen, Ihr Herren, und halten will ich's, bei Gott!« – »Den jungen Frosch! den alten Sünder daneben?« fiel Leuenberg wild ein, »vortrefflich! das bewegt mich und bringt mich zu Allem. Am Hochzeitstag? Drauf und dran! Bei dem blut'gen Hochzeitsmahl tanz ich mit meiner Grete den Kehraus und mit Wallraden. Sie haben's um mich verdient!« – »In Gottesnamen! wie Ihr wollt!« stimmte Hornberg ein, »je früher es an's Gemetzel geht, je freudiger schlage ich zu.«

»All' gut,« meinte der Reifenberger, »'s will aber doch beredet sein, wie wir's vollführen. Laßt uns darum überlegen, wie's am Besten anzufangen ist und in's Reine bringen, wo und wann der Angriff stattzufinden hat; wo zu sengen und zu plündern, wie die Beute dann zu theilen ist.« – »Der lange Zodick mag zuerst sein Scherflein anbringen,« sprach der Leuenberg, »er kennt hier Zeit und Ort am Besten.« – »Mir recht!« antwortete Zodick, »ich will Euch verschmusen, wie ich mir's hab' gedacht. Erlaubt jedoch, daß ich zuvor werfe die roßhaarne Haube und 's Pflaster vom Kopf. Die Stirne glüht mir darunter wie ein Ofen.« – Indem er davon redete, hatte er auch die täuschende Verhüllung vom Haupte gerissen und sein rothes struppiges Haar, wie das blasse, zernagte und zerstörte Gesicht zu Tage gefördert. Indessen bemerkte Reifenberg, der nach dem Fenster blickte, vor demselben einen Mann, der durch die Scheiben glotzte, als suchten seine Augen einen Bekannten in der Stube. – »Die Mummerei vor's Gesicht!« raunte er dem Juden zu und gab ihm einen bedeutungsvollen Wink. Zodick sah sich rasch um und gewahrte noch den Mann, der soeben von Brändling bemerkt und angerufen worden war.

»Gott soll mir helfen, wenn mich der kennt,« sprach er gleichgültig und lächelnd zu dem Reifenberg. »Ich kenn' ihn doch auch nicht, aber Vorsicht ist recht, und ich will darauf halten.« Er stülpte die Haarhaube auf den Kopf und schlich mit den Anderen an die Thüre der Stube, um zu horchen, wer wohl eigentlich der Fremde sei und was er hier begehre. Sie vernahmen alsobald auch Brändling's Rede, die sich also vernehmen ließ: »Ei, ei, Meister Freudenberger! seit wann ist es denn Sitte, ungebeten in die Zechstube zu schauen und zu hören, was die Gäste darin verhandeln?« – »Seid nur nicht böse, Brändling,« erwiderte der Fremde, »ich hab' nur einen Augenblick hineingeschaut, um zu sehen, ob Ihr daheim und gehorcht hab' ich vollends nicht. Ihr wißt, mich kennen die Schänken nicht viel. Meine Einkehr gilt Euch, ich habe noch aus Eurem Hause ein paar Schillinge zu fordern für Schuharbeit und möchte Euch bitten, mir das längst Schuldige zu zahlen, weil ich Leder zur Messe kaufen muß.« – »Ho!« entgegnete Brändling grob, während seine Hände vergebens in den leeren Tasche nach Münze suchten, »der Bettel wird doch noch gut bei mir stehen, Meister Freudenberger? Setzt Euch doch hinein in die Stube und sauft die kleine Schuld vom Kerbholze ab. Euch Schuchwarten kommt ja ohnehin selten genug ein Glas Wein in die trockene Gurgel.« – »Ich trinke nicht bei Euch, lieber Nachbar,« versetzte Freudenberger gelassen und freundlich, »will ich meine Kanne trinken, weiß ich auch schon bessere Häuser. Bemüht Euch um Geld, Lieber, ich komme morgen Abend wieder.« – »Oder übermorgen lieber,« antwortete Brändling grob und aufgeblasen, wie zuvor, »übermorgen zahle ich Alles bei Heller und Pfennig.« – »Also übermorgen,« entgegnete Freudenberger wie oben, »will aber doch morgen wieder nachfragen. Gott befohlen, Nachbar.« – Der Schuster ging und Brändling belferte ihm, »daß du den Staupenschlag hättest, frömmelnder Schurke!« nach.

Indessen trat Zodick zu Brändling und rief ihm in's Ohr, während er ihm den Schopf beutelte: »Wenn du noch einmal läßt kommen solch verdächtigen Goi in unsere Nähe, so hast du gegessen dein letztes Brot, du fauler und träger Wirth!« – Die edlen Herren versicherten dem seine Unschuld Betheuernden ein Gleiches und wollten, sich beglückwünschend, daß kein gefährlicherer Mann in dieses Freudenbergers Haut gesteckt, wieder an ihre Berathungen gehen, als in der Straße, nach welcher man eine Handbreit Aussicht aus Brändling's Kneipe hatte, ein Geläufe und Getobe entstand, als ob die Stadt mit Sturm genommen würde. »Pest und rother Hahn!« donnerte Leuenberg und griff nach der verborgenen Wehr, »was geht dort los? Schelm von einem Wirth! hast du uns verrathen und verkauft, oder sind uns andere im frommen Werk zuvorgekommen?« – »Soll mich doch gleich der Blitz zehn Klafter in die Erde schlagen,« schrie Brändling weinerlich, denn Veit von Hornberg hatte ihm im voraus schon, auf Abschlag, einen Schlag in's Genick versetzt, daß er sich kaum aufrecht zu halten vermochte, »ich weiß von nichts! aber ein Sprung an die Ecke, Ihr Herren und ich sag' Euch, was vorgeht!« – »Nicht ohne mich,« setzte der Hornberger bei und packte den Wirth unter dem Arm, »wir gehen zusammen, Kumpan, und bei der mindesten Falschheit sitzt dir mein Schnepper in der Gurgel, du schielender, krummbeiniger Hund!«

Somit schleppte er den sich sträubenden Wirth mit sich und in einiger Entfernung folgten die übrigen Drei, durch ihre Verkleidung keck gemacht und sicher genug, von niemand unter diesen Federn erkannt zu werden.

So wie sie aus dem Sackgäßlein hervortraten, so sahen sie die Nichtigkeit ihres Argwohns ein. Hundert Stimmen antworteten auf ihr Befragen. »Die braunen Leute aus Aegypten kommen! der Herzog aus dem Lande Afrika wird gleich hier vorbei ziehen,« und Zodick, der auf seinen Kreuzzügen durch das platte Land schon die Vorläufer dieser braunen Leute kannte, säumte nicht, seinen Spießgesellen alsobald auf's Eiligste mitzutheilen, welche Bewandnis es mit diesem Volke habe. Es hatten sich nämlich seit ganz kurzer Frist eine Menge von landstreicherischen Horden im Osten des deutschen Landes gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zerlumpter abenteuerlicher Kleidung und kauderwelscher Sprache, wie auch von unbekannten Sitten. Diese Eigenschaften, mehr aber noch der Fremdlinge überkeckes Thun und Treiben, hatte die Landbewohner in Bestürzung versetzt, denn nichts von dem, was klingt und leuchtet und glänzt, war sicher vor den habsüchtigen Fingern der Fremden, aber auch Hühnerhöfe, Taubenschläge und Ferkelställe leerten sie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauschend gegen Geld, was sie gerade im Ueberflusse besaßen und verderbend, was ihnen unnützlich schien. Mit Unwillen sah der Bauer das zuchtlose Betragen des gleichwie vom Himmel geschneiten Gesindels, dessen Ursprung, Namen und Zunge auch dem Gelehrtesten unbekannt war; er hätte gerne die frevelnden Gäste mit offener Gewalt vertrieben, denn Muth im ehrlichen Streite schien eben ihre Sache nicht zu sein; aber die Menge, die stets sich erneuernd wie aus dem Boden wuchs, ersetzte hier die Tapferkeit und die Tausende, aus Leben und Tod durch die Bande ihres unbekannten Vaterlandes verknüpft zu dem gefährlichen Zug durch fremde Länder, bildeten eine furchtbare Macht, welcher selbst das wohlbewehrte Frankfurt den Durchzug – und was mehr noch ist – einige Rasttage nicht verbieten zu können glaubte. An dem Morgen des heutigen Tages waren, nach dem Berichte mehrerer Bürger, die erzählend und neugierig unter dem Getümmel standen, die Herolde des braunen Volks vor Schultheiß, Bürgermeister und Rath erschienen und hatten Geleitsbriefe vorgelegt von Königen, Fürsten und Herren und im Namen ihres Herzogs den Durchzug gefordert, gegen Westen und Mittag, und der Magistrat, geschreckt von der im Munde des Volks weit übertriebenen und vergrößerten Zahl der zu einer Einzigen versammelten Horden, hatte dem Begehren willfahrt.

In dieser Stunde kamen sie eben an, die Fremdlinge, geführt vom Oberstrichter selbst und umgeben von Söldnern des Raths, die von Zug zu Zug verhindern sollten, daß einer von den Aegyptern sich in die Stadt verliere und zugleich ihnen als Begleitung dienten bis zu der wüst liegenden Maternuskapelle in Sachsenhausen, wo sie ihre Rastzeit zubringen sollten. Helle Haufen von Weibern braunen Angesichts, mit glänzend schwarzen Haaren, ihre Kinder theils tragend auf dem Rücken, eröffneten, an langen Stäben wandernd, den großen Zug. Zerlumptes Männervolk mit Zwerchsäcken, Bündeln und Schläuchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mützen und kurzen Messern an der Seite, folgte. Ihre Gesichter waren meistens dunkel, wie die braune Kastanie, ihre Augen schwarz und lebendig, das Haar gleicher Farbe, die Zähne glänzend, wie das Elfenbein. Diese Horden, wenngleich zahlreich und aus handfesten Leuten bestehend, waren indessen nur die Vorläufer der eigentlichen Volks- und Heeresmacht der Aegypter.

Ein wildes Getöse ließ sich in der Ferne vernehmen. Koppeln von Hunden wurden tobend vorbeigetrieben, einzelne Bewaffnete, auf dürren Eseln oder kleinen unansehnlichen Kleppern mit dicken Köpfen und armseligen Schweifen reitend, ließen sich unter dem dichter werdenden Getümmel sehen und eine barbarische Musik rückte heran. Scharen von Sängern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpauken, Schellen, blechernen Klingdeckeln, Dudelsäcken und kleinen Mohrenpfeifen einen wüsten Jubel unterhielten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem Knopfe und Büscheln von Roßhaaren geschmückt, getragen, von welcher an goldenen Schnüren der große pergamentne Freipaß herabhing, den Kaiser Siegismund dem aus fernem Osten heranziehenden ägyptischen Volke hatte ausfertigen lassen und den viele große Herren und Städte durch ihr Insiegel bekräftigt hatten. Die prächtige Kleidung des Herzogs dieser Horden, der unter dem Schatten jenes Pergamentspaniers auf einem schellengeschmückten Maulthier einher trabte, stach grell gegen die zerlumpte Tracht seiner Untergebenen ab. Das ungarische Gewand starrte von goldenen Zieraten, auf seiner Mütze prangte ein Busch von rothen Hahnenfedern und unter dem pelzverbrämten Rande dieses Hauptschmuckes blitzten Augen hervor, die des Mannes Beruf, über das ungeschlachte Volk den Stab der Gewalt zu schwingen, auf's Bündigste bekräftigten. Um ihn her wurden die Kochgeschirre der Horde getragen, Schläuche mit Wein, Säcke mit Mundvorräthen. – Weiber und Männer – die rüstigsten aus allen – mit langen Speeren bewehrt, folgten dem Heere und an diese schloß sich, die Nachhut des ganzen Zuges bildend, ein unzähliger Schwarm von Gesindel, Troßvolk und schwarzgebrannten, mit langen Knebelbärten gezierten Burschen, die den verwegenen Blick nach allen Seiten richteten und bereit schienen, bei der ersten verdächtigen Bewegung des gaffenden Volkes, wie blutlechzende Hunde in dessen Reihen einzubrechen und zu morden und zu plündern nach Gefallen und Willkür. – Also zog unter dem Summen der neugierigen Bürgermenge, dem widerlichen Getöne der Brumm- und Gellpfeifen und unaufhörlich aufwirbelnden Staubwolken die wunderliche Heeresmacht vorüber und hinter ihr floß das nachdrängende Volk in einen Knaul zusammen, um die seltsamen Fremdlinge und ungebetenen Gäste nach ihrer Ruhestätte zu geleiten.

Zodick und seine Gefährten machten sich dagegen nach dem »Knippling« zurück, wo ihnen Brändling, da sich indessen in der Schenkstube einheimische Zecher eingefunden hatten, ein dunkles, abgelegenes Hinterstüblein anwies, in welchem sie sich um den Tisch lagerten, die Paßgläser füllten und weiter sprachen von ihren verderblichen Plänen. – »Gottes Wunder!« rief Zodick schmunzelnd und sich wohlgefällig das Kinn reibend. »Ihr edlen Herren und Genossen! Kann man finden einen besseren Deckel für unsere Sache, so wir nicht verschieben die Ausführung? Das ägyptische Volk hält hier Ruhetag, begreift Ihr, wackere Herren? Man fürchtet das Volk, man traut ihm nicht. Was wir anzünden, werden gethan haben sie, die Fremden. Was wir zum Kapporah nehmen, werden geschächtet haben sie. So wir geben das Zeichen zur Gewalt, so werden auch sie ergreifen das Schwert und bringen die letzte Verzweiflung über Mokum. Tausend Helfer haben wir errungen in jenen; darum zögert nicht.« – »Donner und Teufel!« rief der wilde Hornberger mit Freudengelächter, »das trifft sich wie gerufen. Auf das Wohl der Aegypter! Wohl bekomme ihnen und den Frankfurtern das Fest, zu dem wir die Melodei aufspielen wollen. Sie mögen Sachsenhausen und den erbärmlichen Strich, wie auch die Buden am Main plündern und Tod und Feuer allenthalben hinbringen. Bis sie sich an die Arbeit machen, haben wir in Alt- und Neustadt die Augen von der Brühe geschöpft und suchen das Freie. Mag dann das Heidenvolk keinen Stein auf dem andern lassen. Desto besser für uns.« – »Und keinem Zweifel unterliegt's,« setzte Leuenberg hinzu, »daß die braunen Gesellen in unser Horn blasen.« – »Zeigt dem Wolf nur Blut,« bekräftigte Zodick mit hämischem Spotte, »er wird es dann suchen mit Begier.« – »Nun aber,« erhob Reifenberg die Stimme. »Vergleicht Euch, wie ist's zu beginnen, zu vollführen? Unsere Leute müssen morgen mit dem Frühesten schon Bescheid wissen.« – »Warum denn?« fragte Zodick mit ängstlicher Schlauheit, »wollt Ihr geben unsere Hoffnung in hundert Mäuler? Dann sitzen wir morgen Alle auf dem Brückenthurm, denn unter hundert Menschen, die ein Geheimnis wissen, sind achtzig geneigt, es auszudibbern. Eh's losgeht – den Augenblick zuvor, sollen sie's erfahren und nur an uns ist's, zu bestimmen unter uns, wie's losgehen soll. Auch wir sind schon um vier Augen zu stark, wenn man will sein vorsichtig.« – »Schweig', Hund, mit solchem Diebsgeschwätz!« schnauzte ihn der Leuenberger an. »Rath, Anleitung und Handdienst verlangen wir von dir, weiter nichts.« – »Wir sind die Herren,« stimmte Hornberg mit flammenden Augen ein, »vergiß nicht, daß du weniger bist als mein schlechtester Knecht, dessen Eltern und Voreltern schon getauft waren.« – »Das heißt,« schloß der Reifenberger, »halte dein Judenmaul, wenn du nicht gefragt wirst. Jetzo aber befehlen wir dir, uns kurz und bündig zu sagen, wie du über das Besprechen denkst und was du räthst.«

Zodick warf unter den buschigen Augenbrauen einen grimmigen Blick auf die stolzen Herren und Freunde, er bezwang aber bis zu gelegener Zeit, klug und vorsichtig, die Galle und erläuterte nun den Edelleuten, wie er sich das Ganze ausgesonnen.

Die zehnte Stunde der Nacht sollte die zum gräßlichen Werk bestimmte sein. Der erste Schritt des Verderbens sollte nach Diether's Hause im Mittelpunkte der Stadt geschehen. Zodick und Veit von Leuenberg wollten daselbst mit den aufgebotenen Ueberresten der Blutzapferrotte den alten Diether, seinen Sohn, Margarethe, den Schultheiß, Oberstrichter und die Schöffen, die sich, wie sie nicht zweifelten, beim Schmause befinden würden, so wie Wallraden, die sie auch nicht dabei fehlend dachten, mit Blitzesschnelle hinmetzeln, das Haus plündern und dann in Brand stecken. Dieses Geschäft, von geübten Mörderfäusten verübt, sollte bald abgethan und die am Liebfrauenberge himmelansteigende Flamme das Zeichen für die übrigen, am Römerberg und in der Neustadt verborgenen Rotten unter dem Hornberger und dem von Reifenberg sein. Die Häuser der reichsten Bürger, der Geschlechter Glauburg, Goldstein, zur Hofstatt, deren von Cölle, zum Kranich, von Holzhausen, der münzberechtigten Altbürger Klabelauch wurden den Räubern zum vornehmsten Ziele gegeben. – »Gold und Mord!« hieß der Wahlspruch und nach all' diesem Brand und Verwüstung. Reifenberg übernahm es, den Stadthauptmann von Dudenhofen im Bette zu erschlagen und somit den Arm aller Söldner des Rathes zu lähmen. Zodick versprach, die Geldvorräthe der ersten Wechslerstuben aufzuräumen. Leuenberg gelobte der niederländischen Kaufleute Niederlagen zu plündern und Feuer in alle Holzhütten zu werfen. Der Hornberger vergaß sich hoch und theuer, das Gewandhaus anzubrennen, die Gewölbe der Goldschmiede auf sich zu nehmen und der reichen Stifter nicht zu schonen. Alle Gefängnisse sollten aufgesprengt, alle Meßgauner zur Theilnahme aufgefordert, der Pöbel, ihn zu gewinnen, in den Weinkellern der Reichen berauscht werden. Die Schiffe am Mainufer sollten gekappt, einige von ihnen mit dem Raube beladen und also gen Mainz gesteuert werden. Und endlich, nachdem, wie zu hoffen stand, vom Dunkel der Nacht, wie von der schlaftrunkenen Ohnmacht der zum Verderben Bestimmten begünstigt, das Werk unter Flammen, Blut und Mordgeheul zu seiner schönsten Blüthe erwachsen – dann wollten die Verschworenen die Brückenthore mit Gewalt eröffnen und die Fremdlinge, das räuberische Volk herüberrufen zum Kehraus; während dessen sich auf dem Strome von dannen treiben lassen und auf irgend einem befreundeten Raubnest des Rheinthales die kühn errungene Beute theilen.

Nachdem Zodick also gesprochen, konnten ihm die Anderen ihren Beifall nicht versagen und der Hornberger staunte nur, daß der Gedanke zu solchem Heldenwerk in eines Zodick's Hirn entspringen konnte, früher als in dem seinigen und seiner Gefährten. »Wahrlich!« rief er, »bei Hagel und Donnerstrahl, der Friedrich ist ein anderer Bursche geworden denn zuvor. Ein schlechter Beutel- und Kehlabschneider war er, ein kühner Waghals ist er geworden. Der heilige Geist hat ihn wundersam in der Taufe überschattet und mich freut's, Ihr Herren, daß ich bei dem Kindlein Gevatter stand.« – »Mehr freut mich's,« sprach der Leuenberger, »daß endlich der Augenblick der Rache vor der Thüre ist, Pest und rother Hahn! Jetzt ist die Reihe an mir, Euch zu vergelten, Ihr Frankfurter Wichte. Die Frösche niedermetzeln, Wallraden und Margarethen zeichnen, daß sie meiner gedenken – huh! welche Lust. Und das Eine, Ihr Brüder und Freunde, das Eine müßt Ihr mir versprechen, schenkt keinem, der aus Frankfurt ist, aus der verdammten Stadt, das Leben. Stoßt jeden nieder, der Euch in den Wurf kommt. Kind, Jüngling, Greis, Mann und Weib, schont ihrer nicht, der verfluchten Brut!« – »Ei, so sollen mich tausend Teufel zerreißen, ehe ich etwas Anderes thue als du begehrst!« fluchte der Hornberger mit seinem entsetzlichsten Kampfgesichte. »Und mich!« fügte der Reifenberg – »Und mich,« setzte Zodick langsam hinzu.

»Amen!« sprach der Leuenberg und da gerade die Viere nach den Kannen griffen, um sich zuzutrinken, schlug ein tiefer Seufzer an ihr Ohr. Wild fuhren sie in die Höhe, der Eine nach der Thüre, der Andere nach dem vergitterten Fenster. Zodick jedoch hatte das geübteste Gehör und suchte hinter dem Kachelofen nach dem verborgenen Zeugen ihres Gespräches. Ein Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren lag dort auf der Ofenbank und hatte sich furchtsam zusammengekauert, da Zodick mit allen Zeichen der Ueberraschung und der Wuth an ihn herantrat.

»Verflucht seien die Brüste, die dich säugten, niederträchtiger Goi!« sprudelte der Jude und spie dem Knaben seinen Geifer in's Angesicht. »Für dein Ohr muß zahlen dein Hals!« – Mit keckem Schlächtergriff packte er den armen Jungen bei der Kehle und zerrte ihn aus dem Winkel nach dem Tische, auf welchem sein Messer lag. Der Knabe, mit dem Ersticken kämpfend unter der riesigen Faust des Elenden, vermochte nur ein krächzend Gestöhne hervorzubringen und sich mit der Gewalt der Todesangst an den Fußboden und die Knie des Mörders anzuklammern, so daß dieser, einige Schritte vom Tische entfernt und den Hals seines Opfers – um es stumm zu machen – nicht lassend, nicht von der Stelle konnte und von dem Reifenberg schäumend den Dolch verlangte. – Dieser weigerte sich dessen und behauptete, der Junge müsse zuvor reden und – müßte er sterben – zuvor auf alle Fälle noch beten dürfen. Leuenberg widersprach dieser Regung von menschlichem Gefühle. Hornberg dagegen, obgleich der Wildeste unter Seinesgleichen, sprang auf des Reifenbergers Seite und begehrte von Zodick, er solle den Buben loslassen. – »Gott soll mich strafen an Leib und Seel'!« rief er, da der Jude verneinte, »ich haue dir die Faust vom Rumpfe, wenn du nicht deine Krallen von dem Buben lässest. Dir aber, Bube, befehl' ich, alles Geheul und Wehklagen von dannen zu lassen und fein, leise und still mir zu sagen, wie du hieher gekommen. Beim ersten Schrei fährt dir mein Stahl in die Gurgel!«

Zodick ließ zitternd vor Wuth und Grimm dem Buben ein wenig Luft und der Arme schleppte sich dumpfwimmernd zu den Füßen des Hornbergers, obgleich ihn Zodick noch immer festhielt, wie ein Fanghund die angeschossene Beute. Reifenberg suchte indessen den von Leuenberg zu begütigen.

Auf Befragen des Hornbergers berichtete der Knabe schluchzend, er sei Brändling's Vetter Heinrich, von ihm an Sohnesstatt aufgenommen und zur Küferei bestimmt. Er sei verwichene Nacht als Aufwärter bei einem Benderschmause gewesen und müd bis zum Tode heimgekommen. Nach dem Mittagimbiß sei er in diese Stube gedüsselt und auf der Ofenbank eingeschlafen, auf welcher er vor einigen Augenblicken erst erwacht. Er betheuerte, von dem Gespräch der Herren nicht das Geringste vernommen zu haben und bat um sein Leben. – »Der Bube lügt wie ein Schelm!« rief Zodick dazwischen, »seht doch, wie er wird roth bei jedem Wort. Der ist cochem, wie ein Fuchs. Darum nieder mit ihm.«

Er krallte seine Faust wieder um den Knabenhals und zuckte das Messer. – Reifenberg fiel dem Juden in den Arm und sprach, »Blutunke! bedenke doch . . . . das Geschrei des Knaben, sein Röcheln, man wird es vernehmen . . . . die Folgen . . . .«

»Sorgt nicht!« spottete der Jude, »ich verstehe es, wie man schächtet, ohne daß das Lämmchen schreit!« und wieder zu Boden warf er den Knaben, als mit einem Mal die Thüre aufging und Brändling hereintrat, der weiß vor Angst und Entsetzen wurde, da er seines Vetters Bedrängnis sah. – Wie ein wüthender Mensch sprang er auf den Juden zu, zerrte ihm sein Opfer aus der Faust und fragte mit blauen, bebenden Lippen nach der Ursache solch' grausamen Verfahrens.

Ein Wort des Hornbergers reichte hin, ihm Aufschluß zu geben und seinen Mund zur flehenden Bitte zu öffnen. »Ach, Ihr Herren,« seufzte er, »verlangt Alles von mir, nur nicht, daß ich in diese That willigen soll. Der Bube ist mein leiblicher Schwestersohn, ein guter Bursch, ohne Trug und Falsch. Nimmer könnt' ich mir vergeben, hätte ich meinen Schwestersohn umkommen lassen in Gefahr. Seid nur diesmal barmherzig, Ihr Herren, und Gott wird Euch umso reichlicher segnen in dem, was Ihr vorhabt und mir einen doppelten Theil zuwenden.« – »Heuchle keine Menschlichkeit, du krummer Katzenbuckel!« schalt der von Leuenberg, »der Bube hat uns behorcht und fort muß er.« – »Und den Dalles bekommst auch du, wenn du ihn nicht gibst heraus, den Horcher!« fügte der Jude bei und griff abermals nach dem Knaben. Brändling riß den zitternden Heinrich zu der Thüre hin, drückte die Faust auf die Klinke und sprach mit der klanglosen, bebenden Stimme des auf's höchste Gereizten: »Versucht's, Ihr Herren! versucht's! Stecht mich zusammen, aber im Falle reiße ich die Thüre auf und mein Gebrüll ruft die Schifferknechte, von welchen die Schenke wimmelt, hierher und verloren seid Ihr dann; noch im Sterben verrathe ich Alles, was ich weiß und geheim halten will ich, wie ein Pfaffe die Beichte, wenn Ihr ablaßt von dem Knaben.« – »Brändling hat recht!« fiel der Hornberger ein, »wegen seiner auf's Rad gesetzt zu werden, gelüstet mich nicht. Sag' aber an, welche Bürgschaft leistest du für den Buben? – denn haften mußt du für ihn mit Haut und Haar!« – »Das will ich auch, Herr!« erwiderte der Wirth, von schwerer Angst erlöst und freier athmend. »Schwören soll der Knabe, daß, wenn er auch etwas vernahm, nichts über seinen Mund gehe, es zu verrathen.«

»Gottes Wunder!« höhnte Zodick, »was soll uns helfen ein leerer Schwur?« – »Schweig!« murrte Reifenberg, »dem Kinde da ist ein Eid heilig wie ein Tabernackel.« Leuenberg lachte ungläubig, Zodick fletschte verdrossen die Zähne und Hornberg hielt unterdessen dem Knaben das Kreuz seines Schwertes vor, indem er ihm die Eidesformel vorsprach: »Ich gelobe handlich und festlich, auf dieses Kreuz, das des Erlösers Kreuz bedeutet, keiner Seele, die da lebt auf Erden, zu vertrauen und zu verrathen, was ich heute als unberufener Zeuge gehört und vernommen. Verdammt will ich sein in Ewigkeit und das schrecklichste Gebrest und Siechthum erdulden in dieser Welt, wenn ich den Eid nicht halte, den ich hier schwur mit aufgehobenen Händen zu Gott, seinem Sohne und allen Heiligen. Amen.«

Der Knabe sprach deutlich und sichtlich bewegt den Eid nach und zerfloß nach dessen Leistung in Thränen. Reifenberg nickte, zufriedengestellt, mit dem Kopfe und der Hornberger übergab den Buben seinem Vetter Brändling. »Das Letzte für unsere Ruhe und Sicherheit ist noch an dir, zu thun,« sprach er, »sperre den Buben ein in deinen tiefsten Keller und lasse ihn nicht eher los und ledig, als bis es Zeit geworden ist. So du redlich unseren Willen thust, sind wir dir gewogen, alter Brändling. Beim mindesten Versehen hingegen und bei der kleinsten Falschheit sollst du der Erste sein, der den verdienten Lohn erhält.« – Brändling, Treue und Gehorsam gelobend, riegelte vor den Augen der wilden Gäste den Vetter Heinrich – ein duldsames Lamm – in das hinterste Gewölbe seines Hauses und beruhigt suchten die Verbündeten ihr dürftiges Lager.

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