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Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Einundvierzigstes Capitel.

Ein heiterer, gewitterfreier Spätsommer war der glühenden Hitze des Augustmonats gefolgt. Aus allen Gegenden des Vaterlandes und der Fremde strömten zahlreiche Scharen zu der alten Herbstmesse, die zu Frankfurt wieder eingeläutet wurde. Die Züge der Kaufherrn, die nach einander unterm Geleite der Reichsstadt, des Erzbischofs von Mainz und des Pfalzgrafen bei Rhein eintrafen, überboten sich an Zahl und Reichthum. Nicht bloß die Städte am mächtigen Rheinstrome, von Basel bis gen Köln, sandten ihre besten Handelswaren, nicht aus des reichen Nürnberg, oder aus den gewerbfleißigen Niederlanden allein eilten die Fürsten des Handels herzu, sondern auch Wälschlands Werkherren, die Gevertschen aus der Lombardei und die Wechsler aus Burgund, die Stahlarbeiter und Wollentuchhändler aus England, die Pelzverkäufer aus den nördlichen Reichen, dem fernen Polen und dem noch ferneren Reußenland, der mächtigen Stadt Neugart, füllten die Gewölbe Frankfurts mit ihren Waaren und genossen freundliche Aufnahme in der von Menschen aller Völker wimmelnden Stadt. Bis unter die Luken der Dächer lebte und webte jedes Haus, und dennoch schien die Zahl der Gebäude zu klein, um all' die Gäste zu fassen, denn auf dem Fischer- und Klapperfelde standen Lager von luftigen Zelten und auf den Gassen drängte sich unaufhörlich ein rastlos tobendes Menschenmeer.

Durch alle Thore rollte der Segen des Handels, durch alle Pforten zogen heitere Menschen mit lebenslustiger Stirne und schwergefülltem Beutel; den Mainstrom herab kamen die überfüllten Marktschiffe aus Franken unterm Knall der zum Jubel losgebrannten Donnerbüchsen und dem Gesange der Mannschaft; den Strom herauf zu Berg steuerten die reichbeladenen Fahrzeuge vom Rhein. Und welche Fröhlichkeit entfaltete ihr Panier, fanden sich in der weiten Stadt Landsleute zu Landsleuten, Bekannte zu Bekannten. Die Glockenschläge und Trompeterstücklein, die vom Thurme den Ankömmlingen entgegenschallten, stimmten zur Freude, denn nun war sie ja überstanden, die gefahrvolle Reise, auf welcher schon manch Unglücklicher Leben und Habe verlor unter den Mordklauen des räuberischen Gelichters, das Heerstraße wie Strom unsicher machte. Nun befanden sich ja die sicher Geleiteten unter dem Schutze eines wohlgeordneten Gemeinwesens, hinter schirmenden Mauern und im Schoße geregelter Gesetze, die den Meßfremden gar günstig waren und insonderheitlich keine Freude wehrten. Welch ein reges Leben in allen Theilen der Stadt und längs dem Flusse, wo sowohl die zweckmäßigste Lage, als auch Gewohnheit die Hauptsammelplätze der Kaufmannschaft geordnet haben. Still und besonnen treiben die Tuchhändler aus den flandrischen Städten, die reichen Antwerper, die stolzen Genter und die verschmitzten Herren von Brügge ihr Werk. Neben ihren Niederlagen preisen die Schleierhändler von Straßburg den vorüberziehenden Frauen ihre dünne und köstliche Waare, sammt den Gold- und Silberspitzen, die sie lockend und prahlend zugleich am hellen Sonnenlichte durch die feinen Finger gleiten lassen.

Während auf der Schwelle einer einladenden Weinschenke feurig glühende Weinhändler aus dem Elsaß den Kauflustigen das duftende Oel ihrer Fässer rühmen und mit Schwank und Scherz ihren Handel richtig zu machen suchen, rufen an ihrer Seite die Kaufleute vom Rhein ihre Hüte und Handschuhe zum Verkauf und nicht fern davon die Schweizer Händler in ihrer rauhen Mundart die Teppiche und Zeuge von seltener Güte, die sie aus ihren Bergen zu Markte bringen. In der Bude des Böhmen klingelt die zerbrechliche Glaswaare, wie in des Steiermärkers Laden das dauernde Eisen rasselt. Gegenüber jedoch wiegt der kluge Kaufherr aus Sachsen schweigend und bedächtig die Silberstangen, um welche die Münzwardeine und der Silberschmiede gelehrte Schar prüfend steht; nicht minder vermißt nebenan der Ulmer seine schöne Leinwand mit geräuschloser Fertigkeit und spart die freundlichen Worte nicht, um die ehrsamen Hausfrauen, die seine Gewölbe füllen, zu seinem Vortheil zu stimmen. Mag immerhin der Krämer aus Pisa oder Lukka aus vollem Halse sein Gewürz, seine wohlriechenden Salben ausschreien . . . still erwartend lehnen unfern die Kaufleute der Hansa an ihren Ladenthüren, durch welche blankes Schießgewehr, köstliche Nordfelle auf die Straßen sehen.

Die langen Reihen von Fässern, die aus Thüringen herbeigeschafft werden und Pech, Theer und Kienruß enthalten, ziehen das Volk der Schiffer an; die Färber und Wollenhändler strömen dagegen zu den Niederlagen der Erfurter, welche den nicht genug herbeizuschaffenden Waid feilbieten. Hier spielen die Waidträger mit ihren Körben und Tragen den Herrn und Meister; die Messerschmiede, eine unhöfliche Zunft, schließen sich mit ihren Kramstellen an die Thüringer, an diese die Holzwaaren- und Messinghändler von Nürnberg, die Seidenweber von Augsburg und überall dieselbe Regsamkeit, allenthalben derselbe Eifer, von dem Lehrjungen an, der auf eine Kiste das Zeichen seines Kauf- und Lehrherrn pinselt, bis zu dem Ostfriesen, der vor Rittern und Herren die ausgesuchten Rosse tummelt, die er auf den bedeutenden Markt gebracht.

Hat die Handelswelt ihre Throne auf dem Römerberg, im Saalhofe und am Ufer des Mainstroms errichtet, so baut dagegen die Kunst, die sich zur Schau stellt, anderwärts ihre luftige Bühne, oder durchzieht wandelnd die Gassen, Bürgern und Fremden vor die Thüre bringend, wonach sie aus der Thüre keinen Schritt thun würden. Wandernde Dichter und Sänger ziehen umher, von Herold und Pickelhering begleitet, und halten Wettkämpfe der Begeisterung oder possenhaften Reimerei und aus den Fenstern der Häuser und den Thüren der Laden fliegen die Heller, die ihre Anstrengungen belohnen sollen. Oefter jedoch ziehen sie es vor, die heimlichen gewölbten Stuben der Küfermeister zu besuchen, die in der Messe niemals leer werden, und in der Laune des Trunks fliegt aus der Gäste Hand oft das doppelte dessen in des Herolds Mütze, das der Geber zu steuern sich vorgenommen.

Auf dem Roßmarkte bereitet sich indessen ein ernsterer Wettkampf vor, obgleich im Grunde auch nur Posse und Spielerei. Ein hohes Gerüste besteigen soeben zwei Fechter, die das Volk unter lautem Jubel herbeigeführt, die Schelme, die so fremd gegen einander thun und sich drohend messen mit den Blicken und die Nase rümpfen, daß der gewaltige falsche Schnurrbart sich in die Höhe zieht – sie kennen sich recht gut und sind nur zu verschiedenen Thoren eingezogen, um das leichtgläubige Volk zu täuschen und ihre Fertigkeit in höheren Werth zu setzen. Eine Bürgerfreude ist solch' ein Fechteraufzug – die größte Wonne des Pöbels, zwei fremde Kämpfer an einander zu hetzen. Die lederne Sturmhaube auf dem Kopfe, geschmückt mit einer langen Feder, die schon bei manchem Strauß gewesen, ein ungeheures Schlachtschwert auf der Schulter tragend . . . seltsam aufgeputzt mit farbigen Bändern, erglimmen die Klopffechter die Bühne, um dort zu siegen oder zu unterliegen, je nachdem gerade die Reihe an Einem oder dem Andern ist. Das Volk klatscht sich die Hände wund, schreit sich die Kehle rauh und aus den, bis zum Giebel mit zahllosen Zuschauern besetzten Häusern des Roßmarktes regnet reiches Schaugeld, von einem kecken Hanswurst erbettelt, in den Säckel der Schalksgesellen, die in's Fäustchen lachen und um dem Schauspiel ein glänzendes Ende zu verleihen, sich gegenseitig den Doctorgrad des langen Schwertes unter albernen Gebräuchen ertheilen.

»Ich will doch des Donners und des Hagels sein« – sprach Gerhard von Hülshofen zu Dagobert, mit welchem er durch das Gewühl schlenderte – »wenn ich nicht die beiden aufgeputzten Hasenfüße auf jenem Gerüste, so barsch und reckenhaft sie sich auch haben, mit einem Pfannenstiele in die Flucht jage. Das sollen Fechterhiebe sein? Büffelei, weiter nichts, mein guter junger Herr. Was meint Ihr dazu?« – Dagobert blickte den Frager mit der Miene eines Mannes an, der soeben aus einem tiefen Schlaf erwacht und nicht eine Silbe von dem gehört hat, was man ihm seit Stunden vorgeredet. – Gerhard schüttelte unwillig den Kopf. »Seid wieder in Eurer besten Laune, mein Lieber,« brummte er, »'s ist eine Schande für alle Junggesellen des römischen Reichs, daß Ihr, der Wackersten Einer, Euch geberdet wie ein träumend Kind. Ihr helft der ganzen Welt aus dem Eisen, wie die Historia mit dem Wildmeister erst kürzlich bewiesen, obgleich der Herzog Alles gethan haben mußte; . . . aber Euch selbst könnt Ihr nicht halfen. Schämt Euch und kommt zu besseren Gedanken. Daß Ihr nicht heiraten wollt, wie es Euer Vater wünscht, ist gut . . . denn nur der unbeweibte Mann ist ein Ganzer – aber der Grund, warum Ihr's nicht thun wollt, ist ein schlechter Grund. Seid doch lustig, in's Teufels Namen, 's ist Meßzeit, Jubel und Freude an allen Ecken und der wohlweise Rath so sanft wie ein Lamm, er weiß schon warum. Alle fahrenden Frauen und Töchter sind losgelassen und dürfen schwärmen auch außerhalb dem Rosenthale. Die Schänken sind offen die ganze Nacht hindurch, und kein sauertöpfischer Wirth darf mich auf die lange Glocke verweisen, wenn ich nach neun Uhr mein herzhaftes »Eingeschänkt« über den Tisch donnere. Ich mag jetzo meine längste Stoßklinge an die Hüfte stecken und damit den Waden der jungen Fante beschwerlich fallen, während ich sonst mein kürzestes Schwertlein anhängen muß, das nicht viel besser aussieht, als das Wetzeisen am Gürtel eines Schlächters. Es lebe die Meßfreiheit! Jagt darum die Grillen zum Teufel. Sprecht, wohin wollen wir? Soll ich Euch etwa zu dem Wundarzt führen, der an der Ecke der Klauskirche seine Latwergen und Pillen verkauft? Vielleicht hat er ein Mittel gegen Euren Blödsinn, oder sein Schalksnarr zwingt Euch zum Lachen; oder wollen wir den Vogel Strauß sehen, von welchem Alt und Jung erzählt, oder das ungeheuere Elephantenthier, in dessen Wanst, wie das Volk behauptet, der Teufel selbst stecken soll?«

»Besieh' du allein diese Seltenheiten,« erwiderte Dagobert kopfschüttelnd, »laß' mich jedoch hier unter der Menge von Menschen, die mir größtenteils fremd sind und folglich auch meine Bürde nicht kennen.« – »Glaubt Ihr denn, ich würde Euch allein lassen, guter Freund?« fragte Gerhard lachend, »behüte Gott, ich bin wie zu Eurem Wächter bestellt. Ihr wäret im Stande, in Eurem Trübsinn geradezu in den Strom zu gehen, oder Euch zum Mindesten von dem einfältigsten Spitzbuben Eure Börse vom Gürtel stehlen zu lassen – denn der Diebe gibt es hier zu Frankfurt ein ansehnlich Gelichter. Wenn der Markt eingeläutet ist, mögen Schelme und Strolche zur Stadt kommen, bis wieder ausgeläutet wird. Schaut! während ich so rede, hat sich ein abscheuliches Gesicht an Eure Seite gedrückt. Zieh' aus, Schelm!«

Dagobert blickte neben sich und ersah einen Menschen, welcher der drohenden Geberde Gerhard's entlief und im Entspringen gegen den Edelknecht höhnisch die Zunge herausstreckte. – »Pfui!« rief Dagobert, »welch' ein abscheulich Gesicht, entstellt noch obendrein durch das Pflaster, das die Höhle des verlorenen Auges bedeckt. Wahrlich! wären dem Burschen nicht schwarze Borsten gewachsen, ich würde ihn für des elenden Judenknechts Ebenbild halten, den ich einmal von den Schranken schlug. – Wer weiß« – setzte er nach langem Schweigen hinzu, »wer weiß, auf welchem Anger der Schädel des Bösewichts bleicht . . . aber sein schrecklich Angedenken verbindet sich so innig mit einem unaussprechlich wehmüthigen – mit Esther's Gedächtnis, daß ich schier Thränen in meinem Augenwinkel fühle.« – »O weh'!« klagte Gerhard ärgerlich, »da sind wir wieder auf der alten Fährte. Die Pest über alle Liebesnarren. Das Gesicht des häßlichsten Gauners erinnert sie an Ihres Liebchens Antlitz. Kaum wage ich's, Euch auf jene Bande von holden Dirnen aufmerksam zu machen, die lachend an des Goldschmieds Laden stehen. Der glatzköpfige Bube hatte gewiß lange keinen so freundlichen und willkommenen Besuch. Euch, liebes Herrlein, ist freilich seit geraumer Frist der Anblick schöner Weiber ein Greuel geworden. Erlaubt aber immerhin, daß ich mich ein Weilchen daran ergötze. Das runde kleine Mägdlein in der Ecke, dasselbe, das so verlegen in dem Kästlein sucht und an ihres Gürtels Haken ebenfalls etwas zu suchen scheint, sticht mir ganz besonders in die Augen und wenn mich diese nicht hinters Licht führen, so ist die Maid eine Bekannte, sowohl von Euch, als auch von mir.«

»Wer? wer?« fragte Dagobert hastig, warf einen Blick nach der Bude und ein hoher Grad von Ueberraschung malte sich in seinen Zügen, »ist das nicht« . . . setzte er staunend hinzu – »ist das nicht das Fräulein . . . Regina . . . von Dürning?« – »Freilich!« erwiderte der Freund, »das liebliche Fräulein von Dürning, wie es leibt und lebt. Wer ist denn aber der junge Mann, der vor mir steht? Seid Ihr's denn noch, Freund Dagobert? Euer Gesicht glitzert ja wie das Abendroth?« – »Thut es das?« – fragte Dagobert hinwieder mit einer gewissen Aengstlichkeit. »O, so komm', alter Kumpan, komm', laß' uns von dannen eilen.« – »Warum zupft Ihr mich so ungestüm am Aermel?« lachte Gerhard, »ein schön Dirngesicht ist doch keine Teufelsfratze, die uns behexen könnte. Macht der schönen Maid Eure Reverenz und geht dann!« – »Um Gottes willen nicht!« entgegnete Dagobert und suchte zu entkommen, allein im Nu drehte sich auch Reginens Gesicht nach dem Seinigen und die Flucht mußte unterbleiben. Das anmuthige Geschöpf, obschon in dessen Zügen eine zarte jungfräuliche Verwirrung ihre Rosensaat ausgestreut hatte, neigte sich freundlich gegen den Erkannten und faltete die zierlichen Hände, mit der Bitte, doch alsobald näher zu treten. Dagobert konnte sich der Einladung nimmer entziehen und näherte sich fragenden Blickes.

Regina flüsterte ihm hierauf rasch und heimlichst in das Ohr: »Ach, mein lieber, ehrenwerther Junkherr! Ihr erscheint, recht wie ein Engel, mir zum Troste. Die blasse Kunigunde dort, eine liebe Gespielin von uns allen hier Versammelten, geht zum Advent in's Kloster und sie soll ein Andenken von uns Allen haben. Ringe sind der Freundschaft Sinnbild und Kette, sagt man. Eine jede hat einen goldenen Reif erhandelt, zum Geschenk für die Freundin und auch ich; da gewahre ich erst jetzt, daß mir ein böser Mensch meinen Wetscher vom Gürtel gestohlen hat. Meine kleine Baarschaft war darinnen und doch möchte ich nicht von des Vetters hochnäsigen Töchtern ausgespottet werden. Werdet Ihr daher Bürge für mich, lieber Junkherr. Die Mutter wird, sobald als . . .«

Die Liebliche durfte nicht ausreden und schon hatte der Kaufmann, was ihm gehörte. Wie nun Dagobert bemerkte, daß sein Gefährte mit den übrigen Jungfrauen in's Gespräch getreten war und diese Letzteren begierig auf die Fabeln horchten, die des Edelknechtes ruhmrediger Mund zum Besten gab, so sprach er ferner zu der dankbar bewegten Regina: »Ihr werdet mir doch wohl erlauben, mein anmuthiges Fräulein, daß ich den Augenblick, indem ich so glücklich war, Euch einen geringen Dienst zu erweisen, ebenfalls an eine Kette legen darf, wie Ihr mit dem Gedächtnis Eurer Freundin zu thun begehrt? Der einfache Goldreif taugt immerhin für die Nonne, die nur in stiller Zelle dergleichen Weltherrlichkeiten beschauen darf; Eurem Liebreiz und Eurer freien Jugend gebührt jedoch ein schöneres Geschenk.« – Somit langte er mit sicherem Finger in des Goldschmiedes Vorrathskasten und holte den allerschönsten Ring heraus. Er war von wälscher Arbeit und hielt einen Saphir umfaßt mit einer herrlichen Krone von Gold und Perlen. Regina wußte nicht, wie ihr geschah, als ihr Dagobert das blitzende Kleinod an den Daumen schob, wo die vornehmsten Frauen ihre Prachtringe zu tragen pflegten, und mit einem gewissen Befremden, mit einer süßen ahnenden Lust jedoch zugleich, sah sie auf das Juwel hernieder, ohne mit Worten es anzunehmen, ohne sich dessen mit Worten zu weigern. Der Goldschmied erzählte mit geläufiger Zunge, daß solch ein Wunderwerk in deutschen Landen nicht gefertigt worden, sondern daß Neapolis dessen Heimatland gewesen, daß vor einem Jahrzehnt ungefähr eine vornehme Frau dieses Kleinod nebst vielen anderen bei ihm verpfändet und auch nach verstrichener Lösepflicht gelassen habe und setzte flüsternd und schelmisch lächelnd hinzu: »Der gestrenge Herr möge nicht übersehen, daß dieser Ring ein Verlobungs- und Ehereif sei.«

Unangenehm überrascht, sah Dagobert nach dem Kleinod hin, welches Regina soeben wieder vom Finger zog und sinnig lächelnd betrachtete. »Ja, ja . . .« lispelte sie, wie in einem holden Traum befangen vor sich hin, »das war er . . . der war gemeint . . .« – wandte sich dann zu Dagobert und sagte mit einer Verneigung: »Es ist vielleicht nicht recht, mein edler Herr, daß ich von Euch ein Geschenk empfange und obendrein will sich ein köstliches, wie dieses, für mich nicht ziemen, aber dennoch behalte ich den Ring und danke Euch. Wollt mir jedoch nicht zürnen, wenn ich ihn nicht am Finger trage, sondern der Nonne gleich, in einsamer Zelle nur beschaue.« – »Thut, wie's Euch gefällt,« entgegnete Dagobert, sichtlich erleichtert. »Doppelt geehrt ist ein Geschenk und dessen Geber, wenn man es der stillen Aufmerksamkeit würdigt, ohne sein im alltäglichen Gebrauche zu vergessen.« – Regina warf einen verlegenen Blick auf den Jüngling und der Ring verschwand schnell in dem golddurchwirkten Mieder. Nun erst besann sich das Fräulein auf ihre Gespielinnen, allein diese waren indessen dem schwatzhaften Gerhard bis an die Ecke der Straße gefolgt, wo ein Wildbär in starken Ketten tanzen mußte, um welches Schauspiel sich eine Flut von Neugierigen drängte; Dagobert schlug seiner holden Gefährtin vor, sie dahin zu führen. – »Was soll ich in dem wilden Gewühl?« fragte sie mit leuchtenden Augen; »vor Allem, was soll ich jetzt dort? Führt mich lieber zu unserer Wohnung, guter Junkherr. Die Mutter wird sich freuen, Euch wieder zu sehen.« – »Ei,« lächelte Dagobert, »der Ton, mit dem Ihr diese Worte spracht, ließe mich beinahe das Gegentheil vermuthen. Wie kommt es überhaupt, daß Ihr, die Herrlichkeit der Messe anzuschauen, in Eures steifen Vetters Haus gezogen seid, welches in abgelegener, finsterer Gasse steht und nicht vielmehr in das unserige, mitten im Gewühl emporragende, in welches Euch obendrein der Mutter und des Vaters freundliche Einladung berief?«

Regina erwiderte zögernd: »Fragt mich doch nicht, ehrsamer Herr. Ich kann Euch ja hierauf nicht berichten und ich darf es auch nicht.« – »Ihr kommt mir räthselhaft vor,« versetzte Dagobert, dem die Wangen heiß wurden, ohne daß er sich bewußt war, warum. »Hingen Eure Augen nicht so fest am Boden hin, wie Eure zierlichen Füßchen, ich möchte wohl die Wahrheit in ihrem klarem Spiegel erforschen. Ein Kummer scheint Eure heitere Stirne zu trüben. Was ist's, das Euch, ein Kind des Himmels, zu kränken vermag?« – Regina seufzte schwer und entgegnete so leise, daß kaum der lauschende Dagobert sie vernahm: »O Herr, auch ich habe meinen Gram, wie jeder andere Mensch . . . wie Ihr zum Beispiel selber, Junkherr.« – »Wolle Euch doch der Himmel vor solchen Leiden bewahren,« rief der junge Mann erschrocken, »Euer Leid ist nur das eines harmlosen Kindes und vergeht schnell, wie der Märzschnee, aber ich, ich sehe meinem Trübsinn kein Ende.« – Da blickte ihn Regina von der Seite an, mit einem Gesichte, als wollte sie sagen: Schelm, du solltest ewig grämlich bleiben? – Ihr Mund sprach aber zu dem Betroffenen die Worte: »Nehmt Euch zusammen, Herr. Macht doch Euch, Euren Eltern und Euren Freunden wieder Freude. Glaubt mir, Euer Trübsal wird sich endigen und bald, sage ich Euch.« – »Ho, mein Fräulein,« versetzte Dagobert leicht scherzend, »seid Ihr etwa eine weise Sibylle, die in den Sternen liest? Prophezeit mir nur recht viel Gutes, reizendes Wunderkind. Was Eure Kirschenlippen verkünden, muß der Himmel verwirklichen, wie eines Engels Ausspruch.«

Regina schüttelte heimlich lächelnd den Kopf und erwiderte: »Ihr redet heidnisch, denke ich. Hier bedarf es jedoch nur einer tröstenden Zuversicht. Ich habe meine Sache auf die heilige Mutter gestellt und sie wird mir gnädig sein, das weiß ich; seit einer Stunde weiß ich's ganz gewiß.« – »Seit einer Stunde?« fragte Dagobert neugierig und ahnend, »o, mein Fräulein, Ihr versteht es, einen ehrlichen Burschen auf die Folter zu legen. Wer hat Euch denn gesagt? . . .« – »Der Ring, den Ihr mir gabt, hat mir Alles gesagt!« platzte Regina heraus und setzte schnell hinzu, gleichsam, als fürchte sie, für ihr Zartgefühl zu viel gesagt zu haben. »Nun aber kein Wort mehr, guter Junkherr. Seit die Glocken läuten, stehen wir schon an des Vetters Thüre. Wenn die Mutter mich sah, so ergeht mir's nicht gut. Lebt wohl, mein Freund, ich sende Euch durch Ammon, was Eure Güte für mich ausgelegt.« – »Warum diese Erinnerung zum Abschiede?« fragte Dagobert, dem es jetzt schwer fiel, sich von der Anmuthigen zu trennen. »Sagt mir lieber, ob ich Euch nicht wieder sehe? Sagt mir, wann es geschieht.« – »Ihr fragt mich zu viel,« antwortete Regina eilig und ernsthaft, »daß wir uns aber wieder sehen . . . verlaßt Euch darauf.« – Mit diesen Worten war sie innerhalb der Pforte verschwunden, und Dagobert's Auge starrte ihr nach in den dunkeln Gang, in dessen Hintergrunde ihr flatterndes Gewand von dannen rauschte. Eine rauhe Stimme ließ sich hinter ihm mit einem gezogenen: »Guten Tag, edler Herr!« vernehmen. – »Wie? Du hier, altes, wildes Gesicht?« fragte Dagobert den begrüßenden Ammon, der mit einem Korbe beladen, in's Haus wollte. – »Euch zu Diensten, gestrenger Junker!« antwortete der Alte. »Mögt zugleich wissen, daß auch die Edelfrau zu Frankfurt ist und in kurzer Frist hier sein wird. Sie folgt mir auf dem Fuße. Laßt Euch hier nicht von ihr finden, Herr.« – »Warum denn nicht, alter Jäger?« – »Als ob Ihr's nicht wüßtet,« versetzte hämisch lächelnd Ammon. »Ihr verrückt Getauften wie Ungetauften den Kopf, und das Schlimmste bei der Sache ist, daß Ihr ausseht, als hättet Ihr nimmer ein Wasser getrübt.« – »Du bist toll, Alter.« – »Ich nicht, aber das Fräulein wohl mitunter, denn es spricht nur von Euch, denkt nur an Euch, und ich wette, seine Träume sind nur von Euch und da Ihr dennoch ehelos bleiben wollt, was soll die Mutter anders thun, als die Tochter hüten vor Eurer gefährlichen Nähe? Ihr wißt nun zu Deutsch, was die Glocke schlug und mögt Euch darnach richten. Gott befohlen. Dort kommt Frau von Dürning.«

Dagobert konnte sich selbst nicht Rechenschaft geben von der inneren Gewalt, die ihn von dannen riß, vor der nahenden Edelfrau, wie ein Reh vor dem Jäger. Genug, er entging den Blicken der Frau von Dürning schnell und gewandt und holte erst in der engen Nachbargasse Athem, um zu überlegen, warum er eigentlich die Flucht ergriffen. »Habe ich denn ein böses Gewissen?« fragte er sich aufrichtig und ehrlich und glaubte, die Frage verneinen zu dürfen. »Weshalb also diese plötzliche Scheu? Wenn ich glaube, was mein Herz mir zuflüstert, so fürchte ich, daß Regina meiner Nähe gefährlich werden könnte. Und welcher tückische Geist mußte mich verleiten, ihr das Geschenk zu bieten, das, ich fühl' es, plötzlich zu einem geheimen zauberischen Bindemittel zwischen uns geworden ist, der Ring einer Kette, die uns zu vereinen strebt, obgleich ich selbst dadurch zerrissen werde in zwei sich abstoßende Hälften? Gehört denn nur ein Augenblick dazu, die Vorsätze eines Mannes zu zertrümmern, ein geliebtes Bild zu vernichten und ein anderes an dessen Statt aufzustellen? – Nicht doch, Dagobert,« setzte er hinzu und ermannte sich gewaltsam, »was dir der Mangel an Selbstgefühl und Selbstvertrauen zuflüstert – das ist nicht . . . nein! das ist nie gewesen. Esther! deine Vorurtheile, deine Härte haben dich von mir geschieden, aber mein Herz wird dir dennoch immer sehnsüchtig nachweinen. Du hast meine Brust zerfleischt, aber diese Brust fühlt bis zum letzten Lebensfunken nur für dich. Den Schwur, den ich deinem Angedenken leistete – ich will ihn halten. Vom Altar riß mich das Flehen meines Vaters, aber nicht in die Arme einer Gattin soll sein Befehl mich stoßen, so lange du lebst, Geliebte – und wie könnte ich dich überleben? – so lange du mir treu bleibst, trotz Trennung und Glaube – und wie könnte mein Gehirn so wahnsinnig und verbrecherisch sein, deine Untreue nur möglich zu achten?«

Dagobert, nachdem er auf diese Weise mit seinem Gefühl und Gewissen in's Reine gekommen zu sein glaubte, eilte mit hastigen Schritten, in der nächsten Kirche seine brennende Wange zu verbergen und die Heftigkeit seiner Gemütsbewegung zu mäßigen. Da er nun mit dem Weihwasserborn seine glühende Stirne kühlte unter dem Zeichen des Kreuzes, kam ihm aus dem Halbdunkel des Betgewölbes, in welchem sich – die Mittagsstunde nahte – nur wenige Gläubige befanden, eine Frauensgestalt entgegen, die bekannt und freundlich war, ihm schon lange eine Gleichgültige geworden war, jetzo aber, Dank sei es den feierlich vorragenden Schatten des Gotteshauses und der vorhergegangenen Gewissensforschung, einen neuen Werth für ihn erhielt. – »Ei, mein Bäschen!« fragte er leise und vertraulich, die Hand der Entgegenkommenden fassend, »Bäschen Fiorilla! Unter dem Dache des Herrn begegnen wir uns, was unter dem unsrigen fast nimmer zu geschehen pflegt. Woher, wohin, mein Kind? Plaudere mir die Grillen weg, durch ein paar süße wälsche Worte, Bäschen. Wir sind hier ungestört, und zu Hause meidest du mich ohnehin, wie das Fieber.« – »Wir meiden uns gegenseitig,« lächelte Fiorilla, »Ihr, weil Eure Schwermuth jede weibliche Gesellschaft flieht. Ich, weil meinem Herzen nichts gefährlicher ist, als der Anblick eines traurigen Jünglings, der von Liebesgram verzehrt wird. Heute indessen kommt Euer Zusammentreffen mir erwünscht. Für's Erste darf ich Euch Lebewohl sagen. Morgen scheiden wir.« – »Scheiden?« fragte Dagobert zerstreut, »wer denn?«

»Der hochwürdige Oheim und Prälat,« versetzte das Mädchen, »und in seinem Gefolge ich, seine treue Dienerin.« – »Ja, ja,« sprach Dagobert wie oben und Fiorillen theilnehmend ansehend, »ja, gute Fiorilla, du bist dem Satan verfallen auf immerdar. Weine nicht, mein Kind, ich habe es nicht böse gemeint, und um der Taufe willen muß man sich auch schon etwas gefallen lassen. Zürne mir nicht und sage mir lieber, was den Ohm forttreibt? Er vermißt gewißlich hier das wälsche Ungeziefer, die wälsche Zaunkönigskost, und unser Rinderbraten ist ihm ein Greuel geworden. Nicht also?« – »O nein, bester Dagobert,« erwiderte Fiorilla, »er hat von der Nichte wieder angenommen, was er ihr einst großmüthig abgetreten, sein Gut zu Baldergrün; zu glücklich, auf einer deutschen Hufe sein Leben beschließen zu können, da zu Cesena Glück und Ehre ihm verloren gingen. Vorbereitungen zu unserer Reise zu treffen, hatte ich das Haus verlassen und bin erfreut, auf der Rückkehr Euch zu begegnen, bester Junker!«

Mit feuchtem Blicke drückte sie die Hand des Jünglings und zog ihn in einen stillen Winkel des Gebäudes, wo Vorübergehende die Sprechenden nicht leicht gewahren mochten. – »Zugleich,« spann sie dort den Faden des Gespräches weiter . . . »zugleich bin ich entzückt, vom Zufall in den Stand gesetzt zu sein, Euch eine Kunde mitzutheilen, die, je schmerzlicher sie Euch im Augenblicke treffen mag, um so wohlthätiger in ihren belohnenden Folgen sich bewähren wird.« – »Eine schmerzliche Kunde?« fiel Dagobert ein, »ich bin des langsam fressenden Leides schon gewohnt und sehne mich nach einem harten Schlage des Schicksales, der durch seine Uebermacht meine Sehnen wieder spanne zum Widerstand. Indessen scheint dir vielleicht schmerzlich, was mir gleichgültig geworden. Vater, Mutter und Neffe leben und freuen sich des Lebens. Da bin ich also nur von einer Seite verwundbar und diese wird dein Pfeil nicht treffen.« – »Und wenn ich Euch den Namen »Esther« nenne?« fragte Fiorilla, ihm prüfend in's Auge sehend. Seine Farbe veränderte sich mit einem Male, seine Hand fuhr nach der Brust und ohne zu reden, nickte er der Freundin zu, ihre Mär anzuheben. – »Esther ist hier,« sprach Fiorilla, »ich habe sie gesehen, gesprochen. Der Zufall führte mich heute bei ihr ein, wie einst zu Costnitz meine Neugier.« – »Hier? Gesehen, gesprochen?« stammelte Dagobert, mit ängstlich wartendem Auge des ferneren Berichtes lauschend. – »Ihr früheres Unglück in dieser Stadt zwingt sie, in Verborgenheit zu leben,« fuhr Fiorilla fort, »aber wär' auch dieses nicht . . . Euch, Dagobert, würde sie nimmer sehen und ihr letztes Lebewohl Euch zu bringen, hat sie mich beauftragt.« – Dagobert fühlte nach seiner Stirn, um sich zu überzeugen, daß er wach sei, daß er lebe, daß er selbst es sei, der Alles dieses höre, entgegnete aber keine Silbe. Fiorilla sprach weiter: »Ihr würdet sie kaum mehr erkennen, denn selbst das scharfe Auge der Liebe würde geblendet sein von der Pracht, dem Ueberfluß, welche die Holde umgeben. Wie eine Königin des Morgenlandes stand sie vor mir und sprach von Euch in Worten der Liebe, der in Freundschaft übergegangenen Liebe.«

»Also nicht im Elend?« sprach Dagobert, leichter Athem schöpfend und Fiorillens letzte Worte überhörend, vor sich hin: »Gottlob! – Und auch nicht gut!« setzte er mit Thränen im Auge hinzu, »bin ich nicht der Bewahrer ihrer Habe? Die Grausame! Als Bettlerin hätte sie mir wohl ihren Anblick gegönnt und des Herzogs Geld gefordert. Im Schoß des Reichthums verschmäht sie das falsche Erz und den treuen Freund.« – »Sie schont den Letzteren,« entgegnete Fiorilla, »und trägt billige Scheu, vor ihm zu erscheinen.« – »Wie,« fragte Dagobert, mit voller Glut der aufflammenden Liebe, »sie zweifelt an mir? Hat sie mich denn jemals geliebt, wenn sie dieses kann? Weiß sie nicht, daß Liebe unendlich ist wie die Sonne und so mild wie diese? Sie hat mich bis zum Tode betrübt durch ihre Flucht, durch diese entsetzliche Täuschung meiner Hoffnung, aber sie ist's nur allein, die ich im Herzen trage. Sie kehre wieder, kein Vorwurf betrübe sie, sie bettle nicht um Vergebung. Sie sei mein, sie werfe endlich Starrsinn und Vorurtheil weg; sie empfange die Taufe des Herrn und vor aller Welt sollen unsere Hochzeitskerzen brennen!«

»Zu spät!« seufzte Fiorilla dazwischen, aber der leidenschaftliche junge Mann fuhr heftig fort: »Zu spät? Warum? O, Fiorilla, du hast gewiß zu meinem Vortheile geredet, aber die Sprache der Freundschaft überredet nicht, wie die der Minne. Sprich, wo ist sie? Wo finde ich ihre Wohnung? Den Feinden sei sie verborgen, dem Freunde nicht, daß er zu ihr rede, daß er sie umgarne mit den Zauberworten seines Mundes, daß er sie wider Willen führe zum Glück!« – »Zu spät,« widerholte Fiorilla, mit Thränen des Mitgefühles im Auge, »indem wir sprechen, entführen leichte Rosse die Schönste ihres Volkes diesen gefährlichen Mauern. Sie wird Euch nimmer wiedersehen, aber . . .« fügte sie langsam und eintönig hinzu, »des Herzogs Gold mögt Ihr bereit legen. Ihr Mann wird es heute noch bei Euch abholen.« – Dagobert's Sinne drohten zu vergehen und kalter Todesschweiß trat auf seine Stirne. Aber sich ermannend, drückte er grimmig Fiorillens Hand und fragte mit bebendem Munde: »Wie sagtest du? Ihr Mann . . . ihr Mann? O, wiederhole mir dies Schreckenswort.«

»Einmal mußtet Ihr's doch erfahren,« versetzte Fiorilla, die niederschlagende Rede mildernd, so gut es in ihrer Kraft stand, »ihr Ehemann, der Wechsler Joel von Lüttich, des Bischofs rechte Hand in Geldsachen und reich, wie der griechische Kaiser. Esther's Bruder zwang sie, dem reichen Manne die Hand zu reichen, obschon ihr Herz geblutet. Allein da der Bruder Gewalt über sie hat an Statt des noch bis heute räthselhaft verschwundenen Vaters und keine Möglichkeit, Euch je mit ihr vereint zu sehen, sich zeigte, so ergab sie sich endlich in den Willen des Bruders und des Geschickes und wurde Joel's Weib. Seit drei Monden vermählt . . . .« setzte Fiorilla schonend hinzu, »hat sie den redlichen Mann, wie sie versichert, lieben gelernt und um so sicherer den Unverstand der ersten Liebe eingesehen, die niemals belohnt worden wäre. Sie wird Mutter werden . . .«

»Genug,« versetzte Dagobert mit bewegter Stimme, »genug; obgleich diese letzten Worte mich nicht mehr erschüttern. Das Erste war allein vermögend, mich noch einmal zum Kinde zu machen, das ohnmächtig seine schwache Wuth gegen den grollenden Gewitterhimmel auslassen möchte. Aber Esther, abgewichen von der Bahn der Treue, von dem Gelübde, das ihr das eigene Herz aufgedrungen haben mußte, that es auch kein fremder Mund, das heißt Alles in sich fassen, was ein Männerherz zermalmen oder heilen kann. Und an diesem unerwarteten Schrecknis soll mein Herz nicht zerschellen. Genesen soll es, wie der Kranke, dessen Wunde ein glühend Eisen ausbrennt, mit schmerzlich-wohlthätiger Gewalt. Alle Segenswünsche der Erde über dein Haupt, Fiorilla. Das Messer deiner Rede hat tief in meine Seele geschnitten, daß sie gesunde. Ueber dein Haupt der Segenswunsch der Glücklichen, die ich jetzo machen werde und machen darf.« – »Wie verstehe ich Euch?« fragte Fiorilla neugierig und besorgt nach der Hand des Entweichenden greifend. – »Es ist das Leichteste und das Angenehmste von der Welt,« erwiderte Dagobert mit bitterem Lächeln, »ich will das vierte Gebot erfüllen und thun, wie mein Vater will und meine zweite Mutter begehrt. Die Frau des Juden Joel ziehe immerhin gen Lüttich. Mit ihr sei der Gott der Barmherzigkeit und der Vergebung Engel. Ich aber für mein Theil will hingehen und, ein gehorsamer Sohn, die Eltern fragen: »Wo ist die, die ich freien soll? Zeigt und nennt sie mir, daß ich thue nach Eurem Willen.« – »Ihr wolltet wirklich . . .?« fragte Fiorilla halb fröhlich überrascht, halb ängstlich, »ohne zu wählen . . . ohne zu überlegen . . .?« – Dagobert zuckte spöttisch die Achseln. »Hatte ich nicht schon gewählt und stehe jetzo doch allein!« fragte er, »laßt mich gewähren. Die Zeit eilt. Die Stunden sind gezählt, wie meines Vaters graue Haare. Ehe er von hinnen geht, soll er Freude an seinem Sohne erleben und wenn mir auch das Herz darüber bräche. Leb' wohl, Fiorilla, und habe Dank.«

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