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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 40
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Vierzigstes Capitel.

In einer einsamen Zelle des Predigerklosters saß Dagobert, die Laute in der Hand und sang mit halblauter Stimme ein frommes Lied, zu welchem das schwermüthige Antlitz des Jünglings, wie die klagenden Töne, die er den Saiten entlockte, passende Begleiter waren. Er überhörte, daß man schon einige Mal leise an die Thür gepocht hatte, bis dem rüstigen Klopfer draußen die Zeit lang wurde und seine Hand die Klinke öffnete, ohne ein einladendes Wort zu erwarten. Dagobert staunte, den Hülshofen vor sich zu sehen; allein, da mit dem Gesichte des Bekannten auch zugleich manche wohlthuende Erinnerung wieder vor seiner Seele wach wurde, so verzog sich unwillkürlich sein ernst geschlossener Mund zu einem freundlich bewillkommnenden Lächeln und er fragte sanft: »Ei, alter Freund, wie kommt dein fröhlich Angesicht in diese Klause?« – »Laßt mich Euch mit einer anderen Frage antworten,« entgegnete Gerhard, der sich ohne weiteres neben den jungen Mann setzte, »wie kommt der weiland fröhlichste Geselle in der Wetterau in diese enge Zelle, wo alle Freuden des Lebens schon vor der Thüre Valet nehmen? Traun, ich hatte nimmer gedacht, Euch wieder zu finden, schmal und blaß, trotz einem bußfertigen Sünder, der noch vor seinem Ende in eine Kutte kriechen will, um sich darin in den Himmel zu stehlen.«

»Deine Vergleichung könnte mich kränken,« versetzte Dagobert gelassen, »wenn ich sie nicht deiner Narrheit zu gute hielte, Freund.« – »Narr hin, Narr her,« erwiderte Gerhard lächelnd, »laßt das gut sein, Junker. Schon oft hat ein lustiger Narr durch seine freie Rede mehr Gutes gestiftet, als der hohläugigste Fastenprediger durch seine abschreckende Tugend. Ihr konntet mich einst wohl leiden, und deshalb habe ich's nach meiner Rückkehr von einer lustigen Rheinfahrt unternommen, Euch auf den Zahn zu fühlen und meine Meinung zu sagen – deutsch und gerade heraus, wie ich mir sie denke. Bei allen Kreuzen und Dornen! Wie viele Freude machtet Ihr mir, da Ihr auf dem Wege wart, ein recht ungeschlachter Capitelherr zu werden, geistlich aus Zwang, aber rüstig bei Jagd und Gelage! Aber nun, da das Gelübde Eurer Mutter den Stachel verloren hat und es Euch frei steht, einen Andern an Eure Stelle zu schieben, nun zieht Ihr freiwillig die Kapuze über die Ohren, um darunter ein rechter Duckmäuser zu werden. Schämt Euch, zum Frömmler seid Ihr nicht geboren, und der Friede belohnt niemals solch widernatürlich Beginnen.« – »Du schiltst mich unverdient,« antwortete Dagobert, ohne jedoch eine leichte Röthe bezwingen zu können, die über seine bleiche Wange hinlief. »Mein Bewußtsein verheißt mir den Frieden, wenn ihm auch diese Mauern nicht verheißen sollten. Ich habe Ruhe und Glück in meines Vaters Haus zurückgeführt. In dieser Ueberzeugung finde ich tröstenden Balsam für mein ganzes Leben, das jeder anderen Blüthe tückisch beraubt worden ist.«

Gerhard lachte wieder auf und rieb sich mit einer Art von Freude die Hände. »Der liebe Gott,« sprach er, »hat mich zur Abwechslung einmal wenigstens im Leben vernünftiger gemacht, denn Euch. Ich traue kaum meinen Ohren, da ich Euch also reden höre. Ich begreife aber leicht, warum Herzog Friedrich, Euer Freund und Gönner, sich so schnell davon gemacht hat. Es thut weh', den Busenfreund verrückt zu sehen. Ich will versuchen, Euch klar und heiter darzustellen, wie Ihr gehandelt habt. Närrisch für's Erste, denn Ihr zieht ohne Noth den Mönch über Euren ritterlichen Leib. Der zaundürre Dominik Pfülber aus dem Lamprechtgäßlein, der feiste Henne Wiedling unter den neuen Krämern, Beide arme Teufel, die um ein Stück Geld augenblicklich barfuß gehen und den Bettelsack umwerfen würden, haben Euch um aller Heiligen willen gebeten, ihnen an Eurer Statt zum Himmel zu verhelfen. Ihr habt's nicht gethan, obgleich Euch beide Schlucker um ein paar Pfund Heller feil gewesen wären. – Eitel und thöricht handelt Ihr für's Zweite: Ihr meint, Ihr habt Glückliche gemacht? O, Ihr irrt Euch sehr. Was Euer Biedersinn gut gemacht hat, verdirbt Euer verderblicher Dumpfsinn um so gewisser. Seht Euren Vater an, der nach einem Erben seiner Habe aussieht und nur die Wahl hat, seinen Stamm gleich einem unfruchtbaren Baum abdorren zu sehen, oder Alles seinem Enkel zu überlassen, dessen Anblick ihm, um der Mutter willen, jedes Mal einen Stich versetzt. Seht Eure Stiefmutter, die ihr ganzes wiedererworbenes Lebensglück durch den Gedanken vergällt sieht, Euch unglücklich zu wissen. Seht den kleinen Johannes, der einst vergebens an der Brust des liebeleeren Mönchs den Freund suchen wird, zu welchem ihm der beweibte Mann geworden sein müßte. Seht endlich Euren väterlichen Lehrer Johannes, der seufzend schweigt, da die Pflichten seines Standes ihm verbieten, Euch zu ermahnen, demselben nicht beizutreten. So steht's um das Glück Eurer Angehörigen, und ich will nicht einmal davon reden, wie mir's um's Herz ist, der ich Euch so viel verdanke und wahrlich für Euch gerne Messe lesen würde, wenn ich zu dem verdammten Latein nicht schon gar zu alt wäre. Glücklich durch Euer freiwillig Unglück wird nur der Pater Reinhold, der für sein Kloster im Trüben fischen wird, bei Eurer Stiefmutter; wird nur der hochnäsige Prälat, Euer Ohm, der in Euerm Hause liegt wie ein schmarotzender Blutigel und sich an Euerm Erbe für den lumpigen Meierhof zu entschädigen gedenkt, den er einst der bösen Wallrade abgetreten. Lachen wird nur der Schultheiß, der Euch weniger leiden mag, als mein Roß eine Bremse; sich freuen wird nur der Oberstrichter, der, weil er seinen liederlichen Sohn in so verdrießlichem Handel verlor, Eurem Vater herzlich den Verlust des seinigen gönnt. O, ich könnte dieses Bild noch sehr in die Länge dehnen, aber schon wird meine Zunge trocken und ich muß eilen, Euch noch zu guter Letzt vorzurücken, wie unverzeihlich blödsinnig Ihr drittens und schließlich handelt. Ihr sagt, alle Blüthen hätten Euerm Leben abgeblüht, alle wären Euch tückisch geraubt worden? Donner und Hagel!

»Welches Glück vermißt Ihr? Den Besitz einer Jüdin, vor der jeder Rechtgläubige ein Kreuz schlägt, weil sie ein Satanskind ist, wenngleich ein recht feines. Glaubt mir, junges Herrlein, ob ich gleich nicht gelehrt bin, wie Ihr, durch die Juden ist alles Unglück auf die Erde gekommen. Wer erschlug den guten Christen Abel? Der abscheuliche rothköpfige Jude Kain. Wer hat unseren Herrn und Heiland verrathen und verkauft, den rechtschaffensten Christen, seitdem die Welt steht? – Der verfluchte rothhaarige Jude Ischarioth. Wer hat den wackern Haman aufhängen lassen und den ganzen Hofstaat des damaligen römischen Kaisers Ahasverus? Wer anders, als die abscheuliche Esther, die einen Ohm hatte, zehn Mal schlechter, als der Eure? Seht, indem ich also an Alles das denke, was mir in der Jugend der Leutpriester zu Friedberg eingebläut hat, so dreht sich mir das Herz um bei den Namen Esther. Ihr und ich und die Euren wären nimmer dergestalt in die Tränke gekommen, wären Ben David, der Jude, nicht gewesen und nicht dessen Tochter Esther, an deren Haupt Ihr die Hörner nicht sehen wollt, wie unter den Fransen ihres Kleides nicht die Pferdefüße. Wißt Ihr, woher das kommt? Weil sie Euch einen Liebestrank beigebracht hat bei zunehmendem Mond. Wenn sie Euch liebte, warum ließ sie sich nicht taufen? Warum lief sie davon? Eine schöne Sippschaft, in die Ihr schier gerathen wär't. Der Vater hängt vielleicht schon irgendwo am lichten Galgen, oder sucht in der Ferne ein Paar neue Ohren. Der aus den Wolken gefallene Bruder wird vielleicht in diesem Augenblick als Falschmünzer in kochendem Oel gesotten und das heuchlerische Estherchen . . . . Nun, nun! runzelt nur die Stirne nicht also und haltet Eure Geduld nur ein klein wenig noch fest. Ich meine es ja nicht so böse, aber ich denke, der liebe Herrgott wird wenig Freude daran haben, wenn er Euch vor seinem Altare stehen sieht, im Meßgewand, den Kelch mit seinem heiligen Blute in den Händen und das Bild einer unheiligen Jüdin im Herzen!«

Dagobert unterbrach durch eine heftige Bewegung den Redefluß des Edelknechts, der in seinem ganzen Leben nicht so viel auf einmal geredet hatte und nachdem er der Freundschaft dieses unerhörte Opfer gebracht, sich vergebens in der dürftigen Zelle nach einem Trunk Wein umsah, um seinen dürren Gaumen zu netzen. »Wir sind Freunde gewesen, so du weiter fortfährst, altes Sieb!« sagte Dagobert heftig und ein Funke des alten, lebendigen Geistes schlug aus seinen Augen. »Beinahe kommt mir der Glaube an, daß man dich abgesandt, um mich kirre zu machen. An den unüberlegten Worten eines Fechtmeisters soll mein Vorsatz stumpf werden, der schon des Vaters Ermahnungen, den Bitten der Mutter und der Mißbilligung des hochwürdigen Johannes widerstand? Welch' ein Mensch wär' ich dann? Du – ihr Alle begreift es nicht, was ich an Esther verloren; Ihr wißt nicht, daß dieses Mädchen in seinem Irrthume reiner und heiliger ist, als die frömmste Nonne. Ihr ahnt nicht den Werth des Kleinods, das von meiner Brust fiel in das tiefste Meer. Die Welt bietet mir keine Freude mehr; aber diese kleine Zelle, in welcher ihr Bild zum allerersten Male in mir emporstieg, ist jetzt noch von ihm erfüllt, wird es ewig sein. Darum will ich selbst der Mutter Schwur erfüllen und nicht feilen Miethlingen die Sorge überlassen. Hätte ich einen Seelenfreund, einen Blutsverwandten, der aus reiner Anhänglichkeit für mich das Kreuz auf sich nehmen wollte, vielleicht hätte ich, wenngleich wider Wunsch und Willen, den Bitten der Eltern willfahrt; aber da dieses nicht ist, so ist's beschlossen, auf immerdar hier in Abgeschiedenheit die Lust zu genießen, welcher ich in der Welt entbehren würde auf ewig!«

»Thor aller Thoren!« rief Gerhard aufspringend aus. »Wie anders würdet Ihr reden, hättet Ihr mit mir die heitere Rheinfahrt gemacht auf dem blanken Wasserspiegel, durch gesegnete Fluren und heitere Städte; hättet Ihr mit mir erklimmt die Burgen der Freunde, wo es treuen Händedruck gab und Sang und Klang und Berglust; hättet Ihr mit mir die Thäler besucht, wo aus jeder Hütte ein freundlich Dirnengesicht lacht, von jedem Giebel schier der lustige Tannenbusch schwankt und mit Fiedel und Schalmei die Ernte gesammelt wird; hättet Ihr mit mir gekostet vom herrlichen Weine, den der Keller des Bürgers aufweisen kann, wie die Gewölbe der Schlösser und das plumpe Faß des Weinbauers! Kreuz und Dorn! Wer jemals zu Bacharach saß auf dem Stalecker Fels, den Scheitel mit Reblaub bekränzt, ein Mädel im Arm, den Pokal in der Hand und den Blick weit schweifend über Strom, Städte, Schlösser, Berge und Ebenen – und hat nicht den Herrn gepriesen unter dem Dache seines prachtvollen Hauses . . . der freilich hat an der ganzen schönen Welt keine Freude und mag sich auf den Friedhof legen, wann es ihm gefällt. Aber das könnt Ihr nicht; das sagt mir Euer glänzendes Auge, das sich aufgethan hat bei meinen Worten, Eure hochathmende Brust, die sich endlich wieder hebt, wie es einem jungen Kämpen geziemt, und die Leibfarbe der kecken Jugend, die sich abermals auf Eurem Gesichte zeigt. Werft sie vollends ab, diese unmännliche Schwermuth. Ich bin ein rauher und derber Geselle, aber weinen möchte ich, sehe ich Eure angeborene Fröhlichkeit in solch unnatürlichen Banden liegen.«

Dagobert rieb sich die Stirne, hielt die Hand einen Augenblick auf der Brust, schüttelte dann mit mild wehmüthigem Lächeln seine Locken und des Freundes Hand. »Wahrlich,« sagte er, »Gerhard! ich hätte nicht so viel Anlagen zu einem Sänger hinter dir gesucht. Deine Worte haben mich umsomehr ergriffen, als ich ihrer aus deinem Munde nicht gewärtig war. Seit Wochen schon glaubte ich, mit mir fertig geworden zu sein. Indem ich das Vaterhaus verließ und wieder zu dieser Zelle zog, dachte ich die ganze Welt dahinten gelassen zu haben, aber nun war mir es plötzlich, als müßte ich mindestens noch einmal hinaus in die weite Schöpfung und noch einmal ihr ganzes Bild in meine Augen ziehen, um sie dann auf ewig in Klosternacht zu schließen. Der alte Muth hat angeklopft in meiner Brust, der alte Frohsinn lüftete meine Stirn und wenn auch gleich diese herrliche entzückende Bewegung nicht zur That werden darf, so habe Dank dafür, du gute, treue Seele. Gehörte mein die Jakobskirche zu Compostell mit allen ihren Kronen und Schätzen – wären mein die Kleinodien des Reichs – dein müßten sie werden für das Hochgefühl dieses Augenblicks.« – »Seht Ihr wohl, wie Ihr schwärmt!« lächelte Gerhard zufrieden, »die Kronen des heiligen Jakob, wie unseres Herrn und Kaisers wolltet Ihr hinwerfen um den Schatten dessen, was Euch die Wirklichkeit umsonst bietet und eine Grille nur verhindert, anzunehmen! Ich schenke Euch indessen meinen Lohn nicht und Ihr werdet, statt mir Silber und Gold zu schenken, mir etwas zu Liebe thun.«

»Sprich!« entgegnete Dagobert mißtrauisch. – »Thut einen einzigen Schritt noch zurück in die Welt, der Ihr Valet zu sagen gedenkt,« sprach Gerhard, »erheitert noch für einen Augenblick das Haus Eures Vaters. Er feiert heute den Jahrestag seiner Vermählung und – ich darf's nicht leugnen – er, der ehedem nie gute Freundschaft mit mir hielt, er hat mich aufgesucht und mich gebeten, auf meine Weise zu versuchen, was nicht seinem Munde und nicht dem Munde Frau Margarethens gelingen mochte.« – Dagobert schwieg erschüttert, dann sagte er, den Kopf schüttelnd, »dieser Gang wird mir weh' thun, denn alle Proben meiner Standhaftigkeit werden sich verdoppelt erneuern.« – »Ei,« versetzte der Edelknecht, »kommt mit mir; noch ehe der Pförtner das Kloster schließt, bringe ich Euch hieher zurück und Ihr mögt Euch meinetwegen morgen schon die Platte scheren lassen. Aber heute fehlt nicht in Eurer Eltern Mitte, denn nicht froh würden sie sein, sagten sie, wenn der Schutzgeist ihres Glücks unter ihnen fehlte. Darum wollet nicht des Tages Freudenwein durch Eure halsstarrige Weigerung in Wermuth verkehren. Es gibt ja in dem Ehestand Galle genug durch's ganze übrige Jahr.«

Dagobert's Augen wurden feucht, seine Blicke flogen gen Himmel und mit einem freundlichen: »Keinen Wermuth in den Becher meiner Eltern!« ergriff er das Barett, die Hand des Freundes und verließ mit ihm schneller, als dieser es gedacht, das Haus des heiligen Dominicus, um seiner Eltern festliche Wohnung einmal, das letzte Mal – dachte er – vor seiner Einkleidung zu betreten. – Wie wurde ihm zu Muthe, da er dieses Haus wieder sah, geschmückt mit der alten gediegenen Pracht, die nur bei den feierlichsten Anlässen hervorgeholt wurde aus den bergenden Schreinen. Schon die Flur, die Treppe verkündete Festlichkeit, und aus den Mienen der dem Sohne des Hauses entgegeneilenden Diener leuchtete das Behagen, den willkommensten Gast zu empfangen. Der alte Diether, von der guten Botschaft erfreut, umarmte den Sohn auf der letzten Treppenstufe und Frau Margarethe trug in ihren zarten Händen den aus silbernen Münzen kunstfertig zusammengefügten Pokal herbei, um ihn, mit duftendem Weine gefüllt, dem lieben Dagobert zu credenzen.

»O, meine Eltern!« sprach der gerührte Jüngling, »wie macht Ihr mir es doch so schwer, dieses Haus zu betreten, da ich es ja doch wieder meiden muß? Aber Euers Vermählungsfestes Jahrestag, der zugleich meiner wackern Mutter Geburtstag ist, forderte meine Gegenwart, obgleich ich noch in diesen unheiligen Kleidern dabei erscheinen muß.«

»Vor dem Herrn ist der reine, unbescholtene Sinn das hochzeitlichste Gewand,« sprach dagegen der Predigermönch Johannes, der, Wallradens Söhnlein an der Hand, zu den Umschlungenen trat. »Ein trolliger Schalk hat dich der Klause entlockt, guter Dagobert. Möge ein guter Engel es fügen, daß du nicht mehr dahin zurückkehrest.« – Der junge Mann sah ihn betroffen an. Während dessen aber ergriff Diether ihn bei der Hand und führte ihn in die Stube ein, um deren Tafel ein bunter Kranz fröhlicher Gäste sich reihte. Die Männer, größtenteils nahe Freunde des Hauses, begrüßten den Sohn mit dem gewichtigen Handschlag; die geladenen Frauen mit sittiger Kopfneigung, und er rieb sich verwundert die Augen, als ihn der Vater zu seiner Rechten setzte und er in seinen Nachbarinnen die Edelfrau von Dürning und ihre anmuthige Tochter Regina erkannte. Beide Frauen, seine Ueberraschung gewahrend, theilten sie gewissermaßen, in einer Befangenheit verharrend, die sich in Mutter und Tochter gleich aussprach, obschon von verschiedenen Beweggründen erzeugt. »Ihr staunt, ehrsamer Junker,« begann endlich die Edelfrau, »Ihr staunt, uns hier anzutreffen! Allein die Ursache, daß wir seit kurzer Frist in diesem Hause fast heimisch geworden, ist zugleich die Ursache der Beschämung, die mir es schier verwehrt, ohne Rückhalt mit Euch zu reden. Es ziemt jedoch dem Flehenden, zuerst den Mund zum Vergleiche aufzuthun. So mag ich Euch denn nicht bergen, daß mir schon lange in der Seele leid gethan, was ich damals in bitterem, ungerechtem Verdachte Euch gesagt vor unserem Scheiden. Meine Regina, die kein Geheimnis mehr vor ihrer Mutter hat, hat mir erklärt, wie die Dinge zusammenhingen und wie ehrenwerth Euer Schmerz um Esther, wie rein Euer Verhältnis zu Regina gewesen. Glaubt mir, daß ich einen Anlaß herbeiwünschte, um gut machen zu können, was ich verbrach, und wider Vermuthen fand sich dieser. Da Eure überhandnehmende Schwermuth Euch gewaltsam aus dem Hause Eurer Eltern riß, so wurde der Sinn Eures Vaters also erweicht, daß er seine Habe darum gegeben hätte, Esther wieder aufzufinden und in Eure Arme selbst zu führen, wofern sie nur zum Bund der wahren Kirche treten wollte. In dem Bemühen seiner Vatersorge wendete er sich auch an mich, ob ich denn von keiner Spur des Mädchens je gehört. Leider mußte ich verneinen. Diese Zufälligkeit jedoch hat uns mit den Euern bekannt gemacht und mich veranlaßt, der Einladung Eurer Mutter zu dem heutigen Tage nachzukommen, weil ich mir die Möglichkeit dachte, vielleicht Euch sehen und von Munde zu Munde sagen zu können, daß ich herzlich meinen Argwohn gegen Euch bereue und Euch um Vergebung bitte.«

»Ich müßte wohl jetzo ein recht hartherziger, unversöhnlicher Feind sein,« entgegnete Dagobert lächelnd, »um solche Bitten mir wiederholen zu lassen; zudem erfordert mein zukünftiger Stand Friedensliebe und Versöhnlichkeit und somit ertheile ich Euch, edle Frau, von Herzen die gewünschte Absolution.« – »Also ist es doch wahr?« fragte Regina ein wenig erschrocken, »Ihr wolltet wirklich in's Kloster gehen, edler Junker? Einen weißen Rock anlegen, wie der lange Mönch dort, der Euch immer so freundlich anlächelt? Thut das ja nicht, Herr. Das ritterliche Kleid steht Euch viel besser an und Ihr seid für das Kloster viel zu . . . viel zu jung.«

»Ei, Regina!« unterbrach die Mutter die Stockende mit verweisendem Blicke, »was soll der Junker von deiner Frömmigkeit halten, wenn du also unehrerbietig von den heiligen Klöstern sprichst?« – »Eure Tochter hat selbst die Frömmigkeit einer Heiligen,« versetzte Dagobert, »diese bindet sich nicht an ein Kloster, sondern an den lieben Herrgott selbst. Rechtet aber mit der heiligen Kirche deshalb nicht, mein Fräulein. Dringt gleich der feiste Herr dort oben, mein Ohm, der Prälat, auf meinen Profeß, fordert ihn gleich der würdige Herr Dechant – derselbe, der soeben nach der Pfeffertunke langt, als eine unerläßliche und unaufschiebbare Pflicht . . . so zwingen mich doch die Genannten nicht und nicht der Bischof und nicht der heilige Vater sammt dem Concilium; mein Wille thut's und meines Herzens Gefühl.« – »Das ist traurig,« sprach Regina niedergeschlagen und ließ das Haupt sinken; »ich glaubte Euch nicht, als Ihr damals bei der Forsthütte den Vorsatz ausspracht, in Zukunft einsam in der Welt zu leben. Aber ich sehe, daß Ihr bittern Ernst macht, denn Ihr hättet wohl sonst nicht eigensinnig alle die zurückgewiesen, die für Euch der Mutter Eid lösen wollten.«

»Ich verabscheue den Beter um Sold,« entgegnete Dagobert kurz, »und besitze auf der Welt kein Freundesherz, das freiwillig, nur um meinetwillen für mich einträte.«

»Nicht?« fragte rasch Regina und ihre Augen blitzten auf, so schnell, als ihre Lippen weiter sprachen, »wie aber, wenn ich den Schleier nähme, um Euch zu lösen?«

Dagobert schwieg überrascht und bestürzt. Sein Blick, der verwundert dem Blicke Reginens begegnete, flog plötzlich vor diesem zu Boden und sein Mund wußte kein Wort zu bilden, umsomehr, als Regina in ihrer kindlichen Unbefangenheit weiter plauderte: »Laßt mich doch immerhin, Mütterlein. Ob Ihr mich am Gewande zupft, oder mit dem Ellbogen tippt, es ist ja doch wahr. Von dieser Tafel ginge ich zum Kloster, wenn es dem Junker frommen möchte – und gewiß nimmer würd' es mich gereuen.«

Die Edelfrau warf einen halb lächelnden, halb mißbilligenden Blick auf Reginen, die das von stolzer Zufriedenheit strahlende Antlitz hoch emporhielt, und Dagobert konnte nur, von seltsamen Gefühlen befangen, erwidern: »Um die Rosen Eurer Jugend wäre es schade, mein liebliches Fräulein. Seid indessen bedankt, daß Ihr mir ein theilnehmend Herz erschlossen,« fügte er nach kurzem Schweigen hinzu, »das Bewußtsein, von Euch bemitleidigt zu werden, soll der Engel sein, der nimmer von mir weichen darf in meinem freiwillig gewählten Kerker.« – »Ist das die Rede eines jungen Deutschen?« fragte Diether, der die letzten Worte des Gespräches vernommen hatte. »Ist das eines jungen Reichsstädters, eines Altbürgers Sprache? O, mein Sohn, wie schmerzlich betrübst du deinen Vater. Bedenke, mein Gewissen – das des greisen Mannes, ist ruhig geworden, da alle Zweifel beseitigt wurden und der heilige Vater dir die Wahl freigestellt, und dein Starrsinn verschmäht die Huld der Kirche.«

Dagobert versuchte, dem Vater vorzustellen, daß er weniger in ohnmächtigem Groll gegen das Schicksal handle, als nach innigem Pflichtgefühl. Diether schüttelte ungläubig den Kopf und versank in jenes Zuhören, das nur das Ohr in Anspruch nimmt, ohne den Verstand zu überzeugen. Plötzlich wurden aber seine Züge lebhafter; Frau Margarethe, die den Schlüsselbund an der Seite, als geschäftige Hauswirthin um die Tafel ging, gab ihrem Gemahl einen Wink mit den Augen und deutete verstohlen auf die Thüre des Nebengemaches. »Sieh', wie unsere Gäste froh sind!« sprach Diether, Dagobert's Hand fassend. »Die zahlreichen Trinksprüche, die der Hülshofen ausgebracht, haben die Köpfe erhitzt und der Mund geht über in raschem Gesprächsel. Die Frauen sind nicht minder lebendig geworden und schmausen plaudernd die venedischen Mandeln und Weinbeeren. Alles ist froh bei diesem Doppelfeste, an welchem ich deiner Mutter ersten Lebenstag feierte, wie meinen zweiten Hochzeitstag, damit Jedermann sehe, daß ich meiner Frau Unschuld erkannt und sie wieder aufgenommen habe in mein Herz. Laß' mich dieser Feier eine dritte Bedeutung hinzufügen, lasse sie auch das Fest deiner Befreiung sein. Komm' mit mir, mein Sohn. Die Männer vermissen nicht den Wirth, die Frauen nicht die Hausfrau, uns bleiben einige Augenblicke. O, daß sie günstig wären für uns, wie für dich!«

Er zog, rasch aufstehend, seinen Sohn schnell mit sich in's Nebenzimmer, wohin auch Margarethe folgte. Dagobert, der nicht wußte, was Alles dieses zu bedeuten haben möchte, prallte an der Thüre vor Erstaunen zurück, da er im Hintergrunde des Gemaches, auf einem Lehnsessel ruhend, eine bleiche Frauengestalt erblickte, deren Gesichtszüge man früher genau gekannt haben mußte, um in ihnen diejenigen der ehemals so reizenden Wallrade wieder zu finden. Von Diether's, wie von Dagobert's Anblick bewegt, erhob sich die Jammergestalt, unterstützt von der hilfreichen Oberin des Weißfrauenklosters, die mit der Freundin gekommen war und streckte die Hände dem Vater entgegen. »Endlich sehe ich Euch wieder, mein Vater,« sprach sie mit noch sehr schwacher Stimme. »Nachdem Eure Hände segnend mein Haupt berührt hatten, da ich noch im Todeskampfe zu ringen schien, entzogt Ihr mir Euren Anblick und die Kunde meiner Wiedergenesung entfernte Euch von mir, denn Ihr fühltet Euch nur stark genug, der Sterbenden, nicht der Lebenden zu verzeihen. Ich murrte nicht, ich habe Euren Zorn verschuldet. Aber zürnt mir nicht, daß ich nach einem Mittel forschte, Euren Unwillen zu mildern. Frau Margarethe, die gute Frau, die ich bisher schmählich mißkannt und die mein Krankenlager bis auf den heutigen Tag umgeben hat, wie ein helfendes Engelsbild, ermuthigte mich, zu Euren Füßen mich zuwerfen, daß ich Vergebung erhalten möge.«

Der gerührte Vater hinderte Wallradens Kniebeugung und ermahnte sie liebevoll, auf ihrem Sessel zu verbleiben und nicht ihm, der schon von Allem wisse, sondern dem Bruder zu verkünden, was sie, von Gott erleuchtet, beschlossen habe und bereit sei, zu vollführen. – Erwartungsvoll sah Dagobert auf die entstellte Schwester, die wie ein Bild des Leidens ihn eine kleine Weile stumm betrachtete und nachdem die in ihrem Antlitz aufgestiegenen düsteren Schatten verdämmert waren, also begann mit langsamen Worten: »Obgleich, mein Bruder Dagobert, eine Mutter uns gebar, so haben wir uns dennoch nie geliebt und es wird einst dort oben zur Sprache kommen, wessen Schuld es gewesen. Indessen hat mein unglückseliges Geschick mir durch die Schreckensthat, die an mir verübt worden, den Fingerzeig gegeben, daß man noch hienieden selbst die Hand zum Frieden und zum Guten bieten müsse, weil die Zeit verrinnt und schnell herbeikommt der Tod. Verzeihe mir daher, mein Bruder, so ich dich beleidigt.«

»Auf deinem Schmerzenslager habe ich dir vergeben, dich gesegnet,« erwiderte Dagobert, »ich kenne keinen Groll mehr gegen dich.« – »So nimm auch ein Geschenk von mir!« fuhr Wallrade fort. – »Was deine Liebe mir zugedenkt,« entgegnete Dagobert; »mein sei es und ich will dir's danken, als ein Pfand unseres Geschwisterbundes.«

»Du schwörst mir, daß du nichts verschmähst, es sei auch noch so dürftig und gering, oder noch so köstlich und begehrenswerth?« – »Ich schwör dir's zu, Schwester,« antwortete Dagobert rasch, und über die Gesichter aller Anwesenden ging die Sonne der Freude auf. – »So empfange von mir deine Freiheit,« sprach gewichtig und betonend Wallrade. »Unser Vater verzweifle nicht kinderlos. Bleibe du ihm, da sein lieberer Sohn ihm starb. Des Papstes Brief läßt zu, daß Mann oder Weib deine Stelle im Chor vertrete. Ich thue das Gelübde an deiner Statt und löse also das deiner Mutter, die auch die meinige war.« – Das hatte Dagobert nicht gedacht, unüberlegt hatte er sich in der Betheuerung fangen lassen und suchte nun auf Wallradens Stirne zu erforschen, ob Wahrheit, ob Lüge sie sprach. Wallradens Antlitz blieb sich jedoch gleich als wie aus Stein geformt und dankend umarmte sie Margarethe und dankend schüttelte ihr der Vater die Hand, obgleich der Eltern Brust erbebt hatte unter der schonungslosen Berührung des Absterbens ihres kleinen Johannes. Dagobert allein sah lange stumm vor sich hin und reichte hierauf ziemlich kühl und verstimmt ebenfalls der Schwester seine Rechte. – »Ich will wohl glauben,« sprach er, »daß das Vergangene dein Herz gewendet, Schwester. Allein, du hast mich in einer Schlinge gefangen und zerstörst grausam das Gebäude eines wehmüthig stillen Einsiedlerglückes. Ich müßte nicht ein Mann sein, dem sein Wort heilig ist, ich müßte nicht die Freudenthränen meines Vaters, meiner zweiten Mutter sehen, wenn ich länger unerbittlich bleiben sollte. In Gottesnamen denn! geh' hin an meiner Statt und diene dem Herrn, ohne Falsch, mit redlichem Herzen. Erwarte aber keinen Dank von mir, denn Ihr Alle, die Ihr mich liebt, Ihr raubt mir die Ruhe, die ich hoffte, und schleudert mich als Beute hin dem Strudel eines unruhvollen Lebens, auf dessen schönsten Fluren mir dennoch ewig das Schönste fehlen wird.« – Nicht wie einer, dem eine wohlthätige Hand die unverdienten Ketten abgenommen – nein! – wie ein Knecht, den tyrannische Gewalt erst auf die Ruderbank gezwungen, ging er zu der Versammlung zurück. – »Kehrt Euch nicht an den Sonderling, Wallrade!« sprach zu dieser entschuldigend Margarethe. »Wir achten oft eine Wohlthat gering, die wir nachher nicht hoch genug zu schätzen vermögen.«

»Laßt das, liebe Frau,« erwiderte Wallrade kalt, »nicht ihm zum Guten, sondern mir zu Liebe thue ich das, was ihm mißfällt. Mein Gewerbe ist jetzo hier vollendet; darum, Vater, bitt' ich um ein tröstend Abschiedswort und sag' Euch Lebewohl.«

»Wie?« fragte Margarethe, »Ihr wollt schon scheiden? Wollt Ihr nicht wenigstens den Knaben sehen, der Euch angehört, Euren Johannes?« – Da fuhr Wallrade empor und schoß einen Blick auf Margarethen, daß diese zusammenschrak, denn alle Flammen einer auflodernden Hölle sprühten daraus ihre Funken. Dabei schüttelte sie den Kopf und rief aus gepreßter Brust. »Nein! nein! nimmer! in Ewigkeit nicht!«

Während sie bei diesen Worten den Schleier rasch zusammenzog, daß er gänzlich verhüllend herabfiel über die drohende Gestalt und das noch drohendere Antlitz, faßte Margarethe den staunenden Diether bei der Hand und zog ihn hinweg aus der Thüre. »O, kommt!« flüsterte sie, »ich fürchte mich. Gewiß hat sie sich nicht ganz gebessert, denn unmöglich kennt ein Mutterherz solche Härte und Grausamkeit, hat es die Sünde nicht versteinert.«

Ebenso kopfschüttelnd, als Diether seiner Gattin folgte, also blickte die Oberin Walburg die Freundin an, da sie zusammen zum Kloster gekehrt waren. »Erkläre mir doch das größte Räthsel,« sprach sie mit forschendem Auge. »Wallrade, erkläre dich selbst, denn ich höre auf, dich zu begreifen. Wo ist die Weichheit hin, die unter bitterem Leiden deine Stirn verklärte und jedes deiner Worte in Honigseim tauchte? Wohin ist die Liebe, die du damals für den Sohn aussprachst, den du mißhandelt? Welche Wendung nahm der Auftritt in deines Vaters Hause? Die gottgeweihte Magd, die sich selbst hingibt, um Anderer willen, zum Sühn- und Löseopfer – in dir habe ich sie nicht erkannt. Deine Liebe scheint von Erz zu sein, die Wohlthaten, die du spendest, obgleich ungezwungen und freiwillig – sie erwecken Grauen. Mir selbst erscheinen sie wie verhängnisvolle Gaben, die das Verderben unter angenehmer Hülle bergen.« – Wallrade lächelte hierauf nachdenklich und versetzte unbefangen: »Der Geist, mit dem wir in's Leben traten, begleitet uns auch bis zum Grabe und ist unterthan dem Körper, obgleich dieser nur ein Leib aus Staub und Asche ist. Sind unsere Glieder schwach, so erlahmt auch Wille und That. Sind sie stark, so erstarkt auch unsere Seele. Daraus erkläre dir selbst, meine Freundin, die mich schon seit meiner frühesten Jugend kannte, wie ich in meinem Siechthum so ganz anders reden und handeln konnte, als ich früher that und ferner thun und reden werde. An den Pforten des Todes war ich nicht mehr Wallrade – nur ein zur Grube taumelndes, irdischschwaches Weib. Aber, so wie die Kräfte des Körpers wuchsen, so kam auch der alte Geist wieder zurück, und obgleich noch nicht völlig hergestellt, so spüre ich doch die ehemaligen Gefühle wieder die Flügel regen und ich werde sein wie – ehemals.« – »Du wirst mir nur unerklärbarer,« schaltete Walburg ein, »du wie ehemals? Du, mit deinem Hange zu den Freuden der Außenwelt, willst in ein Kloster dich verkriechen und dennoch sein wie ehemals?«

»Glaube mir,« antwortete Wallrade, »der elende Mörder hat mich nicht zum Tode getroffen, aber an seinem Eisen blieb die Blüthe meines Lebens. Weg aus der Welt mit der Unvermählten, deren Rosenwangen und Körperschönheit zu Grabe ging. Dem schönen Weibe gehört die Welt mit ihren Königen und Helden; der Verblichenen ein Altar und hinter demselben ein spätes Grab. Und ich vollends . . . ich, übermannt von der Last von Vorwürfen, die die Welt auf mich geschleudert, weil böse Zufälle und ein tückisches Geschick mich zu Boden warfen . . . ich sollte wieder hinaustreten in diese Welt? Nimmermehr! Ich werfe mich in die Arme der Kirche – doch nicht als reuige, bußfertige Sünderin, eher würd' ich sterben. Aber segnen, benedeien müssen mich noch diejenigen, die ich hasse und bis zum Grabe hassen werde. Die Hand müssen sie noch küssen, die sie züchtigt und laut ausrufen: »Sie ist unsere Wohlthäterin geworden! Wir haben sie verkannt.« Indem ich mich also aufopfere für das Beste dieses Bruders, so bereite ich mir einen Heiligenschein und jenen in der Brust eine glimmende Hölle. Bleibt Dagobert im Vaterhause, so baut des Argwohns Schlange wieder dort ihr schwer zerstörbares Nest, Eifersucht und Trug werden dort wieder heimisch, und Dagobert selbst, der in seiner Schwärmerei im Kloster glücklich geworden wäre, wird der Unglücklichste der Sterblichen. Durch diesen Schritt werfe ich dem Prälaten, der sein früheres Wohlsein nicht benutzt hat, wieder den Meierhof zurück, den er mir einstens überlassen, und mich ergötzt's, daß er, der mich an alle Fürsten verkauft haben würde, um seinen Beutel zu füllen, jetzo mir ein dürftiges Almosen danken muß. Die nichtswürdige Frucht meiner Ehe mit dem von der Rhön weise ich somit gänzlich an die Mildthätigkeit der Blutsfreunde und bin freier in meinem Kloster, als ich es vielleicht jemals außer demselben war, lebe meiner Behaglichkeit und der Hoffnung auf schwere Rache an allen meinen Feinden.« – »Hör' auf!« bat Walburg, »mir zittern die Glieder, so ich dich anhöre.« – »Meiner Freundschaft verdankst du diese seltene Aufrichtigkeit,« entgegnete Wallrade ernst, »von deiner Freundschaft hingegen erwarte ich Geduld, Verschwiegenheit und ehrliche Behandlung. Eine andere Lebensfrist beginnt hierin für mich. Herab vom Himmel will ich Rache flehen und aus dem Klosterfenster ruhig dem Wirrsal zusehen, das ein unbeugsam Geschick über meine Feinde verhängen wird . . . und somit, Freundin, Oberin, laß' die Kirche schmücken zum Empfange einer neuen Braut, raube mir die Locken, in welchen sich schon mancher Gewaltige fing, ziere mich mit dem Kranze und dann: Salve Regina!«

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