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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Neununddreißigstes Capitel.

Im Scheine des gelblich flammenden Abends saß Bilger von der Rhön an einem Fenster des Deutschordenshauses, das hinaussah auf die wallende Flut des Stroms, und vor dem die Schiffe und Kähne sich tummelten, wie die Fischlein im Grunde ihrer nassen Heimat. Aber das lustige und rege Leben auf Strom und Brücke regte den in kummervolles Nachdenken Versunkenen nicht an, sondern vermehrte nur seinen Schmerz, sich hinausgestoßen zu wissen aus der Mitte des Volkes, geächtet, seiner Freiheit, seiner Ehre, seines Lebens selbst am Ende verlustig. Er sah voraus, wie Alles um ihn her sich noch schwärzer und düstrer gestalten würde, als es schon bis jetzt geworden war, und seine lebendige Einbildungskraft zeigte ihm hinter den Gefahren der Gegenwart und der Zukunft die Gestalten seiner Lieben, wie sie, gleich verwiesenen Engeln, ihre Hände ausstreckten nach dem Vater und Freund, ohne ihn retten oder an sich ziehen zu können. Bei diesen trostlosen Gedanken überraschte ihn manchmal auch der verzweifelnde, einen Weg zum Strom zu suchen, um darin alles Kummers und Elends auf einmal quitt zu werden.

Dieser Gedanke hatte ihn von der Tafel des Comthurs gejagt, dessen rohe und leichtsinnige Reden, im Verein mit der Schlemmerei in Mahl und Trunk, welche die drei Herren des Hauses trieben, seine Brust grausam verletzt hatten. Die deutschen Herren jener Zeit, sowohl Ritter als Amtleute und Geistliche, waren in ihrem Uebermuthe, der sich auf die Reichthümer, die Gewalt und Vorrechte ihres Ordens gründete, weit über alle Schranken gegangen. Hang zum Wohlleben, Habsucht und Willkür waren die bezeichnenden Eigenschaften der größeren Mehrzahl der Ordensglieder, die vom Volke gefürchtet wurden, um ihrer weit um sich greifenden Macht willen. Unter den Schwelgern, die der Orden aufzuweisen hatte, stand der Herr von Issing in der vordersten Reihe. So wie er der Tapfersten einer im Felde war . . . seinem Muthe verdankte er die Comthurei – so war er im Frieden einer der Stolzesten und Unverträglichsten, der mit Härte und Eigenmächtigkeit Alles durchsetzte, was zum Besten des Gesammten war, sollte auch Recht und Gut Anderer dabei zu Grunde gehen. Ohne ein böses Herz zu haben, besaß er doch alle Untugenden eines zum Laster aufgelegten Mannes und vom Augenblick, von der Laune, die dieser ihm gerade einflößte, hing der Werth seiner Handlungen ab. Eine gutmüthige Rohheit sprach sich in ihm aus, hatte er gerade seine beste Stunde; kalte Unbarmherzigkeit oder grausamen Zorn brachte vielleicht die nächste, minder günstige. Von frühester Jugend an den Weibern ergeben, hatte er seine höchste Glückseligkeit in den Ausschweifungen sinnlicher Liebe gefunden. In seinen männlichen Jahren hatte sich die aufkeimende Lust an Schmaus und Gezech, mit Frau Venus und ihrem Gefolge in sein Herz getheilt und bei der wohlbesetzten Tafel war es immer, wo er seine unbändige Fröhlichkeit frei daher gehen ließ und gleiche wilde Lustigkeit von seinen Tischgesellen verlangte.

Der Pfaffe des Hauses, ein rüstiger Trinker, ließ sich nicht lange auffordern, Issing's Farbe zu tragen, und der Trappierer, ein durchtriebener Schelm voll Geiz und Schlauheit, versäumte nicht, dem Comthur, von dessen Nachsicht er mancherlei Vortheile bei seiner Amtsführung erwartete, dienstfertig zu höfeln und ihn schier noch zu überbieten in schwelgerischer Eßlust und unziemlichen Reden.

In der Mitte dieser Männer konnte einem Unglücklichen unmöglich wohl sein, und Bilger hätte gewünscht, einer jener dürftigen Unglücklichen zu sein, denen man, um eines Verbrechens willen, zwar die Freistatt im Hause gönnte, um welche man sich aber nicht bekümmerte; denen man überließ, für ihr Obdach und ihren Unterhalt so gut zu sorgen als sie konnten; der Comthur hatte aber seinen Stolz darein gesetzt, gegen den Herrn von der Rhön von der freundlichsten Bereitwilligkeit zu sein und ihn zu halten, wie sein Stand und sein Name wohl verdiente. Daher mußte Bilger eine stundenlange Qual an dem Tische des Hauses aushalten und sich, wie ein Dieb, bei guter Gelegenheit fortschleichen, um ungestört seiner Traurigkeit nachhängen zu dürfen . . . Zwar war dieses Alleinsein schmerzlich, aber des Unglücklichen einzig Eigenthum bleibt ja nur noch sein Schmerz. Bilger horchte also nicht auf die fernher gellende Stimme des Ordenspriesters, der in trunknem Muthe die Hymne an den heiligen Johannes, den Patron der Sänger,Das den Musikkennern wohlbewußte Lied, welches seine Anfangssilben zur Bildung der Tonleiter hergab und in mittelalterlicher Zeit als Mittel gegen die Heiserkeit gesungen wurde. »Ut queant laxis resonare fibris etc.« zum Besten gab, sondern er lauschte auf die angstvollen Schläge seines Herzens, auf die Geisterstimmen, die klanglos, aber verständlich zu seinem Ohre sprachen und sah nicht, wie es dämmerte immer mehr und mehr. Aber das Geräusch, welches der eintretende Comthur machte, rief ihn zurück aus der Welt seiner sehnsüchtigen Träume.

»Ei, bei den Dornen und Wunden unseres Herrn!« rief der Herr von Issing, »von der Rhön! Was ficht Euch denn an, den einsamen Saal hier unserer heimlichen Eßstube vorzuziehen? Schickt doch Eure Grillen zur Hölle, so lange Ihr unter dem Schutze des Kreuzes steht, soll Kaiser und Reich die Hand von Eurem Leibe halten. Seid demnach hübsch munter und – behagt Euch etwa unsere Cumpanei nicht, so sagt's nur frisch heraus, ich kann Euch auch wohl andere Gesellschaft zuweisen, mit welcher Ihr zufrieden sein möchtet!« – »Herr Comthur!« antwortete Rudolf ernsthaft, »mein Unglück hat mich unter Euren Schirm gebracht; doch gewinnt Ihr nicht dadurch das Recht, meiner und meines Grams zu spotten. Bedenkt, daß von Euch selbst alles Uebel meines Lebens seinen Ursprung nimmt.« – »Nun, bei meinem Eid!« lachte Issing schonungslos, »es ist lustig, daß Ihr mir aufbürden wollt, was Eure freie Wahl und eines schlechten Weibes Niederträchtigkeit verschuldet hat; indessen, weil Ihr unglücklich seid, nehme ich's nicht so genau und behaupte Euch ruhig in's Angesicht, daß ich Eurer nie gespottet habe und nimmer spotten werde. Der Zufall erlaubt mir, Euch sogar gute Botschaft zu bringen. Aus dem Weißfrauenkloster erhalte ich Kunde, daß Wallrade nicht gestorben, daß sogar die Hoffnung gehegt wird, ihr Leben zu erhalten. So wenig ich es der Elenden gönne, so lieb mag's Euch sein, daß sie ein Katzenleben hat.« – »Wirklich?« fragte Rudolf mit frohem Blicke, »sie lebt wirklich noch? O, habt Dank, Herr von Issing, daß Ihr meiner Seele dieses Labsal brachtet. Meinen Hals befreit diese Kunde freilich nicht, aber mein Gewissen wird leicht dagegen. Habt Dank. Könntet Ihr mir nur gleich gute Mär von meinem Kinde bringen . . . von meinem Weibe . . . o Gott!«

Bilger ließ den Kopf auf die Brust sinken und schwieg seufzend. Der Comthur zuckte die Achseln und sprach: »Davon weiß ich nichts, mein Freund. Vielleicht wäre jedoch der Bote besser unterrichtet, der vom Kloster nach unserem Hause kam. War's Euch recht, ihn selbst zu sprechen? Man mag ihm wohl vertrauen sonder Gefährde!« – »Zwar sollte ich jeden Menschen scheuen,« entgegnete von der Rhön, »allein – ob ich mich jetzo nenne, ob nicht, es ist gleichviel. Lebt Wallrade noch, o, so hat ihr Mund mich schon genannt; Gundel hat mich verrathen, Dagobert gegen mich gezeugt; ich darf fürder nicht hoffen, unerkannt mein Leben zu lassen, ohne Schande für meines Hauses Wappen! Gestattet mir daher, den Mann zu sehen, Herr Comthur.« – »Gern!« antwortete dieser und stieß mit des Schwertes Scheide auf den steinernen Boden, daß es an der Decke des Saals wiederhallte, worauf die Flügelthüre sich öffnete und ein blendender Kerzenschimmer hereinstrahlte.

Die plötzliche Helle schloß Bilger's Augenlid, aber schnell öffnete er es wieder, als eine süße Stimme seinen Namen rief, und die Freude rüstete ihn mit starkem Arme empor, da seinem Blick hinter dem Diener, der die Kerzen hereintrug, die Gestalten sich zeigten, die seine Einsamkeit schon diesen Abend besucht hatten; diesmal aber keine vergebens nach ihm sich sehnende Engelsbilder, sondern lebende verkörperte Gestalten, die an sein Herz flogen, die ihn mit Liebesarmen umschlangen und ihm abwechselnd zuflüsterten oder zujubelten: »Gatte! Vater! wir sind hier . . . wir, dein Weib, dein Kind! wir sehen dich wieder!«

Rudolf's Augen, vor Kurzem noch überfließend von den Zähren des Jammers, strömten nun über von den Thränen der dankbarsten Freude. Aber auch die Gattin schluchzte an seinem Halse, auch die kleine Agnes weinte unter ihren freundlichen Liebkosungen und an der Thüre stand die harte Judith, aufgelöst in Rührung; in der Mitte des Saals stand der Comthur und fühlte sein rauhes Herz erschüttert von menschlicher Bewegung. Die Glücklichen, die sich wieder gefunden hatten, vergaßen die Zeugen um sich her und verloren sich in Fragen und Antworten. Ach, nun erfuhr Rudolf, daß Katharina von seiner ersten Ehe wußte, wenngleich nicht den Namen der ersten Gattin, wenngleich nicht das Dasein des Knaben Johannes.

Diese Kunde war ein bitterer Tropfen in Bilger's Freudenkelch, und er nahm ihn hin, wie ein reuiger Sünder, ohne zu leugnen, obschon Katharine mit ängstlichem Blicke dieses Leugnen erwartete und einer Silbe von seiner Lippe mehr geglaubt hätte, als allen Schwüren Wallradens, deren entsetzliche Falschheit sie kennen gelernt hatte. Als jedoch Bilger reuevoll um Vergebung bettelte, da wurde aus den schmerzlichen Vorwürfen der Gattin der barmherzige Trost eines Engels und sie vergab. »Wer auch jene Andere sei,« rief sie, »sie liebt dich nicht, wie ich; sie hat dich nie also geliebt; unglücklich muß sie dich gemacht haben, denn du bist denen treu, die du im Herzen trägst . . . obgleich . . .« hier stockte sie zitternd, »obgleich du auch von uns gegangen bist, von mir und deiner Agnes!« – Katharine schwieg schluchzend und kauerte sich zu dem Mägdlein hernieder, um ihre nassen Augen an dessen Halse zu verbergen. Der Herr von der Rhön rief dagegen, den Comthur heftig bei der Hand fassend: »Seht her, edler Herr, welch ein Weib! Ihr habt nur Sinn für die äußere Blüthe der Frauen, aber ahnen mögt Ihr dennoch, was Liebe, was Tugend, was Hingebung und Opfer für den Geliebten sei! Weh' mir, daß ich solch ein Herz zu betrüben, geschaffen bin und daß ich noch Schande häufe auf dieses theuere Haupt. Wehe Euch, Herr, denn Ihr habt mich zu jenem abscheulichen Bunde überredet; Ihr gabt dem Zagenden, dem blöden Jüngling die Mittel zur Hand, die Kette unwiderruflich zu schmieden, nach welcher sein ahnend Herz bald verlangte, welche es bald verwarf. O, hätte ich doch nimmer den dienstfertigen Mönch geschaut, den Eure Hand auf Baldergrün einführte, dessen Segensspruch – der Fluch meines Lebens – dieses edle Weib zu meiner Kebsfrau, dieses holde Kind zu einem Bastard macht – und mich gefesselt hält an die unselige Wallrade!«

»Wallrade!« schrie Katharine laut auf und sank, von der Ueberraschung überwältigt, zu Boden. Judith flog auf die Erblassende zu und mit dem Rufe: Barmherziger Gott! sie stirbt!« wollte sich Rudolf neben ihr niederwerfen. Issing hielt ihn heftig zurück. »Seid ein Mann!« sprach er ernst und doch nicht unfreundlich; »das ist eine Schwäche bloß, aus welcher dieses Weib hier die Unglückliche rütteln mag. Ich dafür will Euch aus einer verderblicheren Ohnmacht zum Leben reizen, aus den Ketten eines verderblichen Wahns. Hört mich an und wohl mir, daß mein Spott am Heiligsten mir gönnt, Euch Heil zu verkünden. Wallrade hatte mich unterjocht und wünschte, meiner fast überdrüssig, und Euch mit flüchtiger Liebe umfassend, eng mit Euch verbunden zu sein, um den zaudernden blöden Freier unauflöslich an sich zu binden. In einer schwachen Stunde entlockte sie mir den Eid, selbst die Hand dazu zu bieten. Ich konnte nicht zurück, fühlte ich gleich die ganze Hölle, selbst den Segen über die Geliebte und den verhaßten Nebenbuhler sprechen zu müssen. Aber meine Arglist verfiel auf eine Auskunft. Ich wollte Euch binden, aber nur vor Euren Augen, und einst Euch niederdonnern mit dem grimmigsten Hohne, Euch erniedrigen vor meiner Verachtung. Der Kirche Segen durfte nur ein Possenspiel sein und ein Ordensknecht, der dem Noviziat im Bettelkloster davongelaufen war, stellte den Mönchspopanz vor, der Euch verband mit ruchloser Spottrede und entweihter Stola.« – »Wie? stammelte von der Rhön, zurückfahrend. – »Wie die Dinge nachher wurden,« sprach der Comthur weiter, »so war mir's nicht gelegen, Euch den Irrthum zu benehmen, denn ich sah Euch unglücklich seufzen unter dem eingebildeten Joche und meiner Rache Ziel war erreicht. Dieses Stückleins habe ich mich stets gefreut, und Ihr mögt es jetzt meinem weichen Herzen und der Rührung Eures schönen Weibes danken, daß ich Euch den Aufschluß gab. Der vorgebliche Mönch ruht aber längst schon in der Erde.«

»Comthur!« rief Bilger außer sich vor Freude, »nimmer hat ein Teufel dem Menschen so viel des Uebeln zugefügt, als Ihr, schwerverirrter Mann, mir des Guten gethan habt, in böser Tücke. Katharine, erwache und freue dich mit mir. Ich bin dein, nur einzig und allein dein Gatte. Keine Fremde hat Theil an mir und unverletzt ist deine Ehre, unseres Kindes Herkunft. Mag man mich nun auch von hinnen reißen und mein Haupt vom Rumpfe trennen, weil ich in blindem Wüthen meinen Feind zu erschlagen begehrte . . . ist doch die gräßliche Gewissensschuld von mir genommen.« – »Ich bin ein gnädiger Beichtiger,« lachte der Comthur, »seid Ihr hingegen ein kluges Beichtkind und tödtet nicht durch vorlaute Rede die Arme, die jetzt erst mühselig aus der Ohnmacht wiederkehrt. Sie weiß noch nicht, was Ihr begangen, warum Ihr Euch hier befindet. Mitleidig verschwiegen ihr's die Oberin des Weißfrauenklosters und Wallradens Freunde, damit sie gemildert die Unglückspost aus Eurem Munde höre.«

Der Herr von der Rhön schreckte heftig bei dieser Eröffnung zusammen. Das Schwerste war ihm demnach noch übrig, und langsam mußte er das Geständnis seiner That, die blutige Hoffnung seiner Zukunft den dringender und dringender werdenden Aufforderungen Katharinens entgegensetzen, welche begehrte, er möchte alsobald mit ihr und dem Kinde dies Haus verlassen und niemals wieder von ihnen weichen.

Die Tiefen des Gemüths, zumal des weiblichen Gefühls sind unergründlich. Ungleich weniger, als der Name Wallradens in obiger Beziehung Katharinen erschreckt hatte, erschütterte sie die Nachricht von Bilger's Schuld und gefährlicher Lage. Trotz ihrem weichen versöhnlichen Herzen fühlte sie eine Art von schreckhafter Freude, da sie hörte, daß der Arm des beleidigten, verhöhnten, getäuschten Rudolfs das Werkzeug der Vergeltung gewesen war. Denn ihre Leichtgläubigkeit hoffte aus diesem blutigen Vorgange Wallradens Besserung erwachsen zu sehen und ihre Unerfahrenheit übersah das drohende Schwert, das über ihres Gatten Haupte an einem leisen Faden hing. Hatte er doch nur im gerechten Zorne das Schwert gebraucht, war doch Wallrade nicht an der Wunde verschieden und sogar die Hoffnung da, sie wieder herzustellen. Die kindliche Frau glaubte, es müßten dem Flüchtling die Thore geöffnet werden zum Auszug in die Freiheit; sie dachte schon daran, wie sie vielleicht durch eine Fürbitte die Frist abkürzen könne. Bilger hingegen, welcher wohl wußte, daß der Bruch des Stadtfriedens, das Beginnen des Mordes die strengsten Richter finden würde und daß die Gesetze der Reichsstadt für den Fremden mit Blut geschrieben waren, schwieg düster bei den Hoffnungen, die Katharine in ihrem wachsenden Muthe an den Tag legte.

»Gute Katharine!« sprach er bewegt, »ich danke dem Himmel aus vollem Herzen, daß er mir das Glück gewährt hat, Euch noch einmal zu schauen, meine Lieben, die ich jetzt mit allem Recht mein nennen kann. Mehr zu begehren geziemt jedoch nicht meiner Schuld. Ihr habt selbst von den Soldwachen gesprochen, die des Hauses Pforte belagern, Ihr habt mir selbst ihre Wachsamkeit geschildert, die Strenge, mit welcher sie Euch befragten und der Argwohn, mit welchem sie Euch nachsahen, da Ihr mit Erlaubnis des Comthurs durch dieses Thor eingingt. Begierig werden sie die Stunden zählen, nach deren Verlauf ich ihnen verfallen bin, und – ist die letzte verronnen, mir fürder keinen Augenblick mehr schenken. Ihren Ketten entgehe ich nicht, wie mein Haupt nicht dem Spruche des Blutgerichtes. Betrüge dich nicht darum mit eitler Hoffnung, gute Katharine. Wir haben uns wiedergefunden, um uns in Kurzem wieder zu verlieren.« – »O, was sagst du, mein Rudolf?« seufzte Katharine aus bangem Herzen. »Du willst mir jede Hoffnung rauben? Du verzweifelst an jeder Rettung?« – »Warum mich hinhalten mit trügerischer Ahnung, mit falschem Vertrauen?« – entgegnete von der Rhön. »Ich bin nur reich durch Euch, meine Lieben! Gold und Silber habe ich nicht, und wo findet der Arme einen uneigennützigen Retter?«

Der Comthur, der bisher geschwiegen hatte, lächelte hierbei halb spöttisch und halb gutmüthig und rief: »Bei Kreuz, Dorn und Wunden, Herr! Ihr wißt die Waffen zu führen, habt gekämpft und die Wildbahn beritten wie ein erfahrener Jägersmann, und wollt nicht vertrauen auf das Glück, das so oft da hilft, wo weder Klinge noch Pfeil? Ich bleibe dabei, noch lange habt Ihr Frist, und wer weiß, ob nicht in diesem Augenblicke schon Euer Retter Euch nahe steht?«

Rasche Schritte kamen den Gang herauf und auf die Thüre des Saales zu. – Mehrere Stimmen wurden laut. »Ei, zum Donner!« fragte der Comthur, »wer stört uns denn noch am späten Abend?« – Die Antwort auf diese Frage gab der eintretende Oberreiter, der einen Boten des Herzogs Friedrich von Oesterreich meldete, welchem auch der bemeldete Bote auf dem Fuße folgte. Von der Rhön fuhr bei seinem Anblick zusammen, denn Dagobert, Wallradens Bruder, war es in leibhaftiger Gestalt. Ohne kaum einen Blick auf den Unglücklichen und dessen Gattin zu werfen, näherte er sich dem Comthur und redete ihn an. »Zuvörderst, edler Herr, hab' ich Euch zu berichten, daß Se. fürstliche Gnaden, der Herzog dicht hinter mir einherzieht, und von Eurer Gastfreundschaft eine willige Aufnahme in Eurem Hause erwartet, wo er die kurze Zeit, die er zu Frankfurt zu verweilen gedenkt, wohnen will.« – »Ehre und Schuldigkeit,« erwiderte der Comthur und sandte den Oberreiter sogleich an den Trappierer, um die nöthigen Vorbereitungen treffen zu lassen. »Se. fürstlichen Gnaden sind ein lieber Gast und sollen gut gehalten werden in unseres Ordens Hause, das der Freigebigkeit der österreichischen Fürsten viel verdankt. Wie aber nenne ich Euch, mein Herr, der mir die frohe Kunde bringt?« – »Mein Name ist nicht wohlklingend für dieses Mannes Ohr,« entgegnete Dagobert mit einem Seitenblick auf Bilger, »er möge aber wissen, daß ich nicht als sein Feind erscheine, sondern lediglich als des Herzogs Vorläufer, zu dem mich der Zufall gemacht hat, da ich diesen Nachmittag, eine gute Strecke vor der Stadt lustreitend, unversehens auf des Herzogs Geleite stieß. Ich heiße Frosch, des Altbürgers Diether Sohn.«

Issing biß sich betroffen in die Lippen, sammelte jedoch seine Fassung schnell wieder und nickte bewillkommend mit dem Kopfe. Judith ersah aber den Augenblick, um Katharinen zuzuflüstern, es sei nun die höchste Zeit, nach dem Kloster zurückzukehren. Seufzend wand sich die Arme, dem Gebote der Ehrbarkeit gehorchend, aus Rudolfs Arm und gelobte hoch und theuer, morgen sicher wiederzukehren, wenn der Comthur es erlauben würde. Verbindlich antwortete dieser: »Geht mit Gott, edle Frau und mit Gott kehrt wieder, so oft Ihr wollt. Dieses Haus ist eine Zuflucht für den Verfolgten und wird durch solche liebliche Unschuld doppelt geheiligt. Euren Gatten sollt Ihr unverletzt finden, verlaßt Euch darauf.«

Der Herr von der Rhön geleitete Katharinen, vor welcher ein Diener des Hauses mit einem Windlicht zu schreiten befehligt war, bis zur Pforte und während dessen hob Dagobert freimüthig zu dem Comthur an: »Erlaubt, gestrenger Herr, daß ich ein billig Wort zu Euch rede. Ihr seid noch nicht lange an diesem Platze; die Stadt hat Euch indessen als einen unbeugsamen strengen Mann kennen gelernt und fürwahr, man darf Euch nur in das Gesicht sehen, um dasselbe zu glauben. Sollte ich mich denn wohl täuschen, wenn ich bei Euch auch einen unbeugsamen Willen zum Guten voraussetze? Ihr habt der Gelegenheit manche, Gutes zu üben, und gerade jetzt wäre eine herrliche vorhanden. Dieser unglückliche Mann, der bei Euch Schutz und Schirm gesucht und gefunden – soll er denn aus diesen Pforten endlich doch wieder in die Hände der Schergen gelangen, damit er des Henkers Beute werde? Rettet ihn für immerdar, Herr, und werdet der Wohlthäter von drei dankbaren Menschen.« – Der Comthur maß lächelnd den vor ihm stehenden Jüngling, in dessen Auge das reinste Feuer strahlte. – »Ich soll mich über Eure Reden wundern,« begann er hierauf, »Ihr seid Wallradens Bruder, und Blutrache zu üben, wäre Eure erste Pflicht, denke ich.«

»Wofür haltet Ihr mich?« fragte Dagobert kühn entgegen, »ich sollte einen armen Menschen tödten, der im wallenden Zorn die That beging, die ihn – ich weiß es – reut? Nimmermehr und hier, Herr, stehen die Dinge anders denn gewöhnlich. Gestern hat sich's entschieden, daß Wallrade wieder auf das Leben hoffen darf; der Bußfertigen eigner Wunsch ist's, ihren Mörder frei zu wissen und straflos. Soll ich auf die Seite des unerbittlichen Gesetzes – jede menschliche Regung mit Füßen treten? Lernt mich besser kennen, Herr, und folgt meinem Beispiele. Mir ist durch des sterbenden Rüdiger's Mund bekannt, daß Ihr Antheil genommen an jenem Unglücksbunde auf Baldergrün, laßt Euch nicht durch eifersüchtige Rache verleiten, hier grausam zu sein, der Tigerkatze über'm Meer zu gleichen, von der die Sage geht, daß sie unbarmherzig noch mit dem Opfer spiele, das unter ihren Klauen zittert – ihm einen Schein, eine Hoffnung – eine Spanne von Freiheit lasse, um es im nächsten Augenblicke unerbittlich zu zerfleischen!«

Da sah der Comthur den jungen Mann mit einem auflodernden Blicke an, der den Ausdruck einer fast beleidigten Seele annahm. – »Bei meinem Eid!« rief er. »Ihr nehmt Euch viel heraus, junger Degen, und fürwahr, Euer Name ist nicht geeignet, mich nachsichtiger gegen Euch zu machen, aber Euer kühner Muth gefällt mir, ob er mich gleich zu unrechter Zeit an Baldergrün und Wallraden erinnert hat. Ihr mögt wissen, daß der Ritter von Issing keiner Weisung bedarf, um Gutes zu thun, daß er schon bei sich beschlossen hatte, den armen Mann zu retten, um Gottes und seines Weibes und Kindes willen und daß er nur den Augenblick erwartet, der es ihm erlaubt, ohne ihn der Straffälligkeit gegen seine Pflicht und gegen den Rath der Stadt zu unterwerfen, der doch einmal unseres Ordens Haus bevogtet und bewacht.« – »Der Augenblick ist gefunden,« versetzte Dagobert freudig, des Ritters Hand ergreifend und dankbar schüttelnd, »wann erschiene er gelegener, wann so günstig? Der Herzog kommt; von seinem starken Gefolge wird das Haus, werden Sachsenhausens Gassen wimmeln. Die lauernden Söldner vor der Pforte werden durch die Zahl der Fremden – mehr noch durch des Fürsten Gegenwart, der keinen Häscher in der Nähe duldet, zurückgedrängt – genöthigt, aus der Ferne dies Haus zu beobachten, damit der Mörder ihren Netzen nicht entschlüpfe. Morgen Mittag geht ein großer Theil des Comitats auf demselben Wege zurück. In dessen Mitte, im hellen Glanze der Sonne entschlüpfe der Verfolgte. Für reisige Gewänder sorge ich, wie für die Bewilligung, des Herzogs Farbe tragen zu dürfen, bis er in Sicherheit sein wird. Die überraschende Einkehr des Fürsten, der dadurch veranlaßte Tumult im Hause, die Verwirrung unter den Ein- und Abziehenden rechtfertigt Euch, Herr Ritter, und der von der Rhön ist gerettet, ohne daß Ihr öffentlich die Hand dazu geboten.«

»Schön ausgedacht,« erwiderte der Comthur spöttelnd, »fein, schnell und leicht auszuführen, aber ein jugendlich Vornehmen, das erst die That will und dann die Ueberlegung. Wie steht's denn mit dem Manne, wenn er seinen Gefahren entronnen ist? Hilflos ist er in die Welt gejagt und die Seinen erliegen unter der Last des Kummers, den Vater abermals von ihnen getrennt zu wissen.« – »Der Herzog wird helfen,« antwortete nach kurzem Nachsinnen Dagobert. »O, gewiß, er wird helfen. Er hat wieder mit dem Kaiser Friede gemacht und besitzt, wenngleich an Länderthum geschmälert, noch manche Hufe Landes, auf welcher ein unglücklicher Hausvater eine sichere Stätte finden mag. Ich hatte ja beschlossen, für mich seine Gunst anzuflehen; aber mit mir ist's ohnehin vorbei, und so mag dem Aermeren werden, wessen ich nicht mehr bedarf. Ich darf mich der Huld des Herzogs rühmen und rede heute noch mit ihm davon. Ihr aber, Herr Comthur, nehmt meinen Dank für Euer redlich Wollen. Ihr habt mich dadurch mit Eurem Namen ausgesöhnt, der mir aus Rüdiger's Munde nicht lieblich geklungen hat. Bereitet Ihr den Herrn von der Rhön vor und laßt mich gänzlich dabei aus dem Spiele. Es ziemt sich nicht wohl, daß meiner Schwester Feind auf dem Rücken davon schwimme, und ich möchte seinem wunden Herzen durch kein Wort verrathen, daß er gerade mir, Wallradens Bruder, Dank für Leben und Zukunft schuldig sei.«

»Ihr seid ein wack'rer Mensch,« versetzte der Comthur etwas beschämt, »'s ist seltsam, daß ein Stamm neben einander die herrlichste und die böseste Frucht zu tragen im Stande ist. Um dieses Stückleins willen, so Ihr's vollführt, muß Eure Seele, wenn's zum Letzten geht, gerade auf zum Himmel fahren, des Fegefeuers quitt und ledig, und der Herr rechnet vielleicht an meinen Sünden ein Geringes ab, wenn ich mein Scherflein zu der biederen That hinzufüge. Es bleibt also dabei; indessen so sehr ich mich darob freue, so thut mir weh, daß wir dem Armen nicht den Trost mitgeben können, daß er wisse, wo sein Knabe weilt. Wallrade hat nichtswürdig an dem Kinde gehandelt und ihr unmütterliches Herz weiß wohl nicht, wo der Bube aufgehoben ist – im Himmel oder auf der Erde. Der Knabe ist mein Taufenkel; ich möchte wohl für ihn sorgen, wüßte ich nur . . .« – »Für Johannes ist gesorgt,« unterbrach Dagobert den Comthur, »er lebt und lebt in Wohlbehagen und Freude. Er vermißt nicht die herzlose Mutter, nicht den Vater, den er nicht gekannt. Aber seines Lebens Stätte und Heimat verschweige ich barmherzig dem Vater. Soll diesem einst Glück blühen in seiner frisch aufstrebenden Häuslichkeit, so bleibe ihm und seiner Gattin der Sohn fremd. Für Beide wäre der Unschuldige nur eine quälende Erinnerung, die den Frieden ihres Hauses vergiften würde. Ich gelobe es Euch, Herr Comthur, Johannes ist in den besten Händen und einst sollt Ihr Euch selber davon überzeugen. So viel ich Euch jetzt gesagt, mögt Ihr dem bekümmerten Vater auf Euren Rittereid ungefährdet mittheilen. Nur unseres Geschlechtes Namen sei nicht dabei genannt. Laßt dem Herzog vor Allem und Euch zunächst das Verdienst der guten That und Gott gebe hiezu sein gnädiglich Gedeihen.«

Pferde und Wagen rollten in den Hof. Das lebendige Getümmel eines reisigen Zugs, das Gelärme des fürstlichen Trosses spottete der still gewordenen Nacht und brachte in das einsame Deutschordenshaus alles Geräusch eines mächtigen Fürstenhofs. Der Comthur eilte, den Herzog ehrerbietig an die Pforte des Hauses zu empfangen und ließ den Hof von Fackeln erleuchten, daß er im Mittagschein zu liegen schien. Mit einem freundlich herablassenden Gruße stieg Friedrich aus den Bügeln und schritt, auf den Comthur und den herzukommenden Dagobert gestützt, die Treppe hinan, nach dem Prunkgastzimmer des Gebäudes. Der Herzog, müde von der Reise, verschmähte das angebotene Mahl, entließ bald den Comthur, dem er nur auf wenige Tage lästig zu fallen verhieß und behielt nur seinen wiedergefundenen jungen Freund, seinen Dagobert, bei sich zurück, den er vermocht hatte, die Nacht mit ihm zu verplaudern, in welcher der von Schlaflosigkeit geplagte Fürst ohnedies seit geraumer Zeit keine erquickende Schlummerruhe fand. – Der kommende Tag begann ebenso geräuschvoll, als der vorige geendet hatte. Die Wachen des Herzogs geriethen in Händel mit den Söldnern des Raths, die sich nicht zurückziehen wollten. Friedrich sandte einen seiner Junker nach dem Römer, um von seinem Erscheinen Meldung zu thun und den ärgerlichen Streit beizulegen. Eine Ehren- und Schildwache des Raths besetzte nun die Pforte des Deutschherrenhauses, die Häscher zogen sich in die nächsten Straßen und mußten auf ihr Amt so gut als verzichten, da das Volk, so wie es von der Einkehr des Herzogs erfuhr, in hellen Haufen herbeieilte, um das Haus anzugaffen, in welchem sich der Mann befand, der es gewagt hatte, zu Ehre deutscher Treue und Redlichkeit, dem Kaiser, wie einem ganzen Concilio die Spitze zu bieten und lieber einen großen Theil seiner Habe aufgeopfert hatte, als seinen Schwur, sein Fürstenwort.

So verstrich die Hälfte des Morgens, und die anwallende Flut der Menge, welche beständig hoffte, den Herzog ausreiten zu sehen, stieg immer höher, so daß die Gesandtschaft der Stadt, da sie gegen Mittag zum deutschen Hause kam, um den erhabenen Gast zu begrüßen, kaum Raum genug finden mochte, um hindurchzudringen. Was den Ermahnungen der Väter der Stadt nicht gelang, gelang den mächtigen Pferden, die auf großen Wagen die Gaben herangezogen, welche das gemeine Wesen der Stadt dem Fürsten, der Sitte der Zeit gemäß, darzubieten hatte. Diese Huldigungsgeschenke bestanden in Wein, Heu, Hafer und Fischen und der Schultheiß, umgeben von den Bürgermeistern, dem Oberstrichter und den Schöffen, alle in ihre Amtstracht gekleidet, bat den Herzog, die Geschenke als einen Beweis des guten Willens der Bürgerschaft und ihrer Anhänglichkeit an den Stamm Oesterreich huldvoll anzunehmen. – Der Herzog, umringt von seinen Marschällen, Dienstjunkern und den Kreuzherren, seinen gastfreundlichen Wirthen, nahm sowohl die Rede des Schultheißen, als auch die zu Hofe gebrachten Gaben mit der ihm eigenen Leutseligkeit aus und erwiderte dagegen: »Seid bedankt, ihr lieben Herren und Freunde, für das, was Ihr mir aus gutem Herzen reicht und auch jetzo wieder – Gott sei Preis und Lob – reichen dürft; denn Unser Haus ist wieder erlöst von des Reiches Acht, und Wir sind wieder einig geworden mit Unserm lieben Herrn, dem Kaiser.«

Der Herzog bemühte sich, die bittere Miene, die sein Antlitz bei diesen Worten beschlichen hatte, in eine freundliche umzuwandeln und fuhr fort: »Darum mögt ihr mir wohl vergönnen, einige Tage unter euch zu weilen, dieweilen ich wichtige Angelegenheiten gerne schlichten möchte, über die euch mein Kanzler eines Weitern belehren wird. Zugleich jedoch habe ich gehofft, hier eine Sache abzuthun, die mir nicht minder am Herzen liegt; ich habe indessen vernommen, daß sich mir Hindernisse entgegenstellen. Ich habe an den Juden David, Sohn des alten Jochai, der Eures Schutzes genoß, Gelder zu entrichten, die er mir vorgeschossen. Ungern mußte ich hören, daß der Mann sich nicht mehr in hiesiger Stadt befindet, wie auch niemand seiner Angehörigen.« – »Er hat sich flüchtig gemacht,« versetzte achselzuckend der Oberstrichter, »und uns mangelt Kunde, wo er hingerathen.« – »Das ist schlimm, ihr Herren,« entgegnete Friedrich ernst, »Wir dachten in Gnaden Uns des Mannes anzunehmen und ihn nach Innsbruck zu setzen, als Unsern Hofwechsler, denn wahrlich, er ist der Ehrlichsten einer, und mit Bedauern erfuhr ich, daß man ihn allhier unredlich beklagt, übel gehalten und seinen ganzen Wohlstand zertrümmert habe. Doch, geschehen ist geschehen und ich bin bereit, die fraglichen Gelder einem berühmten hiesigen Manne zu übergeben, damit der Jude, kehrt er jemals wieder, oder wird Uns von ihm Kunde, wieder zu seinem Eigenthum komme. Ich glaube zu diesem Endzweck keinen besseren aus Euch wählen zu können, ihr Herren, als den Schöffen Diether Frosch, einen biedern, ehrlich strengen Mann, den ich bitte, sich mir vorzustellen.«

Diether trat aus den Reihen der Schöffen und verneigte sich ehrbar vor dem Herrn. Der Herzog ließ eine Weile den Blick auf ihm ruhen, wendete sich dann zur Seite und sprach zu Dagobert, den er aus der Schar seiner Umgebung zu sich winkte, »dieser also ist dein Vater, Dagobert?« – Dagobert bejahte freundlich und grüßte den Vater. – »Mich freut's, ihn kennen zu lernen,« fuhr der Herzog fort, dem Altbürger die Hand reichend, »seid mir willkommen und empfangt meinen Glückwunsch zu Eurem wiederhergestellten Hausfrieden, wie zu Eurem Sohne. Ja, liebe Freunde!« setzte er hinzu, dem jungen Manne vertraulich und wohlwollend auf die Achsel klopfend, »einen besseren Mann als diesen hier hat Frankfurt sicher nicht aufzuweisen. Er ist der treueste, redlichste und heiterste Mensch, den ich kenne, und schade wäre es, wenn so viel Gutes in einem Kloster verkümmern sollte, wie es den Anschein hat. Nicht wahr, liebe Herren und Meister?« – Der Schultheiß kaute an den Lippen, über des Oberstrichters Stirne flogen trübe Wolken, aber Beide bückten sich gleich den Andern und stammelten ein: »Freilich, gnädigster Herr . . . aber . . . Beweggründe . . .«

»Schon gut,« meinte der Herzog mit einem verächtlichen Blicke auf sie, »ich weiß bereits Alles. Vielleicht kenne ich aber auch ein Mittel, diese Ungerechtigkeit des Muttergelübdes wieder gut zu machen. Ich werde heute noch an den hochwürdigen Dechant Herdan, der am heftigsten, wie der Ohm des jungen Mannes, auf dessen Weihe besteht, einen pergamentnen Brief senden, in welchem der heilige Vater, Martin V., die Freilassung, die der abgetretene Papst dem Dagobert Frosch ertheilte, im Ganzen bestätigt, mit dem Vorbehalte jedoch, daß ein anderes Glied der christlichen Gemeinde, sei es nun ein Weib, an seiner Statt das kirchliche Gelübde ablege. Ich zweifle nicht, daß eine fromme christliche Seele zu diesem Berufe sich finden werde, und ermahne sowohl den Vater Dagobert's, als auch sämmtliche Herren vom Rathe, wie vom Capitel, denselben von dem Gelübde, das er durchaus ablegen will, abzuhalten; bedenkend, daß Gott keinen Gefallen hat an einem Diener, der sich ihm nur opfert, weil er mit der Welt zerfallen zu sein glaubt. – Stille, guter Freund,« flüsterte er nach diesem dem Sohne Diether's zu, welcher einige Worte der Weigerung auf der Zunge hatte, »Montfort hat mich nicht früher an diese Pflicht gemahnt, als mein Herz es schon gethan hat. Erlaubt mir daher, den Weg zu Eurem Besten – sei's auch heute Eurem Wunsche zuwider – kräftig fortzusetzen.« – Dagobert verstummte ehrfurchtsvoll, dagegen ward es an dem Hofthore laut und geräuschvoll. Die Blicke aller Anwesenden flogen durch die Fenster hinab gegen die Pforte, und befremdet sah der Herzog die Rathsherren an, da er einen Streit zwischen Leuten seines Gefolges und den Stadtwächtern gewahrte. »Ei, was gibt's dort, ihr Herren?« fragte er mit gerunzelter Stirne. Ein Bürgermeister wollte hierauf sogleich hinunter, um nach der Veranlassung des Vorfalls zu forschen, allein der Oberreiter, welcher eintrat, verkündete sie, indem er meldete, die um das Haus vertheilten Wächter seien ob der bedeutenden Zahl von Reitern, die dasselbe verlassen wollten, argwöhnisch geworden und witterten unter denselben den Verbrecher, der sich hier versteckt halte.

Des Comthurs Stirne, sowie Dagobert's Wange flammte; der Herzog ließ sich nicht aus seiner strengen Haltung bringen, sondern nahm eine noch drohendere Stellung an. »Was soll das heißen?« rief er. »Bin ich denn Herzog Friedrich oder ein Landstreicher, dem man nicht über den Zaun traut? Werden Oesterreichs Farben nicht höher geachtet, als der Bettelbrief eines Gauners? Nein fürwahr, das mögt Ihr abstellen, ihr Herren, denn ich werde mich nimmer herablassen, Eure Erlaubnis zu fordern, will ich mein Geleit zurücksenden, wie heute geschieht. Um Eure Verbrecher kümmere ich mich nicht und frei will ich Alle sehen, die mein Wappen und Zeichen tragen. Darum befehlt ohne Verzug, daß man meinem Wildmeister auf Schloß Ambras, sammt seinen, in jenem Rollwagen befindlichen Weibe und Kinde und dem anvertrauten Gefolge, das ich gen Tirol sende, ungehindert ziehen lasse, bei meiner Ungnade!« – Diese ernstlichen Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Ein Schöffe eilte, um das Gebot des Fürsten schleunigst vollziehen zu lassen und mahnte die Wächter ab, die sich noch immer ungestüm in den Weg des reisigen Trosses warfen und sich auch nicht so willig den Geboten des Schöffen fügten, als dieser es erwartet hatte. – »Seht, ehrsamer Herr!« behauptete der Anführer der Söldner, »ich will nicht selig werden, wenn das Weib, das sich so ängstlich hinter jenes Wagens Vorhänge verbirgt, nicht dasselbe ist, das gestern und noch heute mit einem Kinde zu diesem Hause kam, um den darin versteckten Mörder heimzusuchen, und ganz gewiß befindet sich der Letztere unter diesem übermüthigen Trosse.« – »Und wenn es wäre,« erwiderte der Schöffe heftig, »so befiehlt doch hier der Rath, und an Euch ist's, Gehorsam zu üben.« – »Ei, so waschen wir unsere Hände in Unschuld,« antwortete der Führer unmuthig und wendete sich gegen die Seinigen. Indem ritt der Anführer des Zuges heran und fragte: »Wird's bald, Herr Schöffe? Wie lange soll's noch dauern, frage ich?«

Der Schöffe, der dem Frager in's Auge sah, vermochte nichts zu entgegnen, denn er selbst, der den Todtschläger vor wenig Tagen bis zu der Thüre des deutschen Hauses verfolgt hatte, glaubte in dem schmucken Jägersmann den Gebannten zu erkennen. Dachte er sich den wirren Bart sauber geschoren, die grobe Kutte vertauscht mit einem grünen prächtigen Rock, an der Stelle des Gürtelstricks Oesterreichs Schärpe, so waren es die Augen, die Züge, die Gestalt, die Stimme des flüchtigen Mörders. Der Schöffe, ein junger Mann, war in seiner Ueberraschung auf dem Punkte, das Gebot seiner Herren eigenmächtig zu widerrufen, aber zu eben derselben Zeit donnerte der Ruf des Hauptmanns: »Laßt freien Paß! durch die Reihen der Fußknechte,« aus einander flog der drohende Trupp, und unter Hörnerschall jubelte der reisige Troß, den bedeckten Wagen in der Mitte, durch die staunenden Hüter hindurch, entlang die Straßen von Sachsenhausen. Und als die Warte hinter den Reitern lag und mit ihr die Grenze der Reichsstadt, da näherte sich der Anführer dem Wagen, aus welchem ein in Thränen schwimmendes Frauenantlitz und ein rosiges Kindergesicht ihn anlächelten. Gerührt reichte er die Hand seinen Lieben und rief: »Segne Gott den edlen Herzog und den biedern Comthur. Wir sind frei und ein guter Engel möge dich, Katharina, und unser Mägdlein erhalten zu meiner langen Freude und mich einst ruhig sterben lassen in Euren Armen. Sieh', mein gutes Weib, dort hinter jenen aufdämmernden Bergen, dort liegt unsere neue Heimat. Laß' uns vergessen, was bis jetzo uns schmerzlich gepeinigt. Ich hatte die schwere Prüfung verschuldet, aber Gott ist gnädig und deine Fürbitte, du Reine, von ihm erhört worden. Wir dürfen – ich ahne es – wir dürfen noch glücklich sein!« –

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