Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 37
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
Schließen

Navigation:

Siebenunddreißigstes Capitel.

»Du kommst allein, mein Sohn?« fragte Diether staunend und freundlich zugleich, als Dagobert zu ihm hereintrat in's Gemach, wo er mit Frau Margarethen in völliger Eintracht saß, den kleinen Hans auf seinen Knieen. Dagobert bejahte stumm, reichte seinen Eltern die Hände, warf einen prüfenden Blick auf Margarethen und küßte den Knaben. – »Sieh',« begann Diether wieder milde und liebevoll: »sieh', das freut mich; ich leugne es nicht. Es ist erfüllt worden, worum ich Gott in meinen letzten Nächten gebeten habe. Du hast muthig eine unziemliche Leidenschaft bekämpft, deren Gegenstand nur als unsere Tochter aufgenommen worden wäre, um dir einen Beweis unserer außerordentlichen Liebe zu geben, nicht aus Neigung unseres Herzens, da wir in der Jüdin, selbst wenn sie die Taufe empfangen, nur die nicht mit Rechten unserem Kreise Angehörige sehen können.«

»Ja,« setzte Margarethe bei, die ihr Auge vor dem forschenden Dagoberts niedergeschlagen hatte, nun es aber mit freundlicher Klarheit zu ihm erhob; »bester Sohn! obgleich ich Euer Glück von ganzer Seele wünsche, so ist mir's genehm, daß Ihr der hebräischen Magd entsagt habt. Was mein Herr noch ferner auf dem Herzen trägt, überlasse ich ihm selbst, zu erklären gegen Euch.« – »Was ferner, mein Vater?« fragte Dagobert sanft. – »Deine Stimme gibt mir Muth,« erwiderte Diether; »es möge dir nicht grausame Willkür scheinen, was ich von dir jetzt fordere. Lege es auf Rechnung meines durch manchen Fehl betrübten Herzens, das recht innig und aufrichtig Friede schließen möchte mit dem Himmel. Deiner Mutter Gelübde, Sohn, ist nicht gelöset, denn des Papstes Brief verliert die Kraft, sobald er nicht mehr das Recht besitzt, zu lösen. Also spricht der würdige Vater Reinhold, also spricht der gelehrte Dechant des Doms, Herr Herdan; darauf dringt dein Ohm, der Prälat – Pater Johannes selbst, der sehr zu deinem Vortheil neigt, zuckt hiebei die Achseln. Ich weiß keinen Weg zu finden aus der Gewissensangst, die mich belastet, und der Dechant hat schon geäußert, er wolle an den bischöflichen Stuhl berichten . . .«

»Nicht doch, mein Vater,« unterbrach ihn Dagobert gelassen, »der würdige Herr mag diese Mühe sparen. Nicht Ihr, nicht Herdan, nicht Reinhold, nicht einmal der Ohm, die Hauptquelle dieser Einwirkung der Kirche . . . keiner von ihnen fügt mir dadurch ein Leid zu, sondern ihre Worte sind aus meiner Seele genommen. Ja, mein Vater: ich will Priester sein und will den Bischof um die Weihen bitten.« – »Sohn! Dagobert!« rief der Vater entzückt, so schnell am Ziele zu sein, »ist es möglich, daß ich recht hörte? Du wolltest? Wahrlich, du bist mehr als ein gewöhnlicher Mensch und grenzest an den Heiligen, der dort – dein Ebenbild – von der Wand herab uns zulächelt.«

Dagobert warf schnell den Blick auf das Gemälde, welches den heiligen Georg in seinen Zügen darstellte. Seine Bescheidenheit hatte nie geahnt, daß dieses Bild ihn selbst vorstelle und er erröthete. Dann verneigte er sich vor Margarethen und redete: »Ehrsame Frau, Euer Befehl schuf jenes Bild und ich muß Euch herzlich um Vergebung bitten. Ich dachte, vom Haus geschieden, in schlechteren Andenken bei Euch zu stehen. – Ihr jedoch, mein Vater, preiset allzusehr mein schwach Verdienst. Ich bin kein Heiliger, aber wohl ein gehorsamer Sohn und ein Mensch, der allein sein will mit Vergangenheit und Gegenwart. Morgen, heute noch spreche ich mit Pater Johannes über diese Sache, oder mit Reinhold, wenn Ihr meint. Ich liebe raschen Entschluß und denselben rasch zu vollführen.« – »Geh', wohin dein Herz dich zieht,« versetzte Diether; »die Mutter wird vom Himmel herab dich segnen und dein Bruder Johannes deiner Tugend huldigen. Ich gehe, um den Dechant und den Vater Reinhold von deinem freien Willen zu unterrichten. Im Barfüßerkloster wartet meiner ohnehin eine andere Pflicht. Der Mönch, der mir von Wallrade Kunde brachte, ist genesen und soll meinen Dank empfangen. Reinhold, der ihn in der Krankheit oft gepflegt, betheuert, der Mann sei nicht Priester, sondern von ritterlicher Herkunft, wie er aus Worten vernommen, die seinem Munde in der Hitze des Fiebers entwischten. Wie dem auch sei – ich will ihm vergelten, so gut ich's vermag, denn er war mir ein froher Bote und seine Botschaft darf nichts gemein haben mit meinem Zwiste mit Wallraden.«

»Wallrade! die Unglückliche und Unselige!« rief Dagobert. »Wo ist sie? sicher nicht in diesem Hause, denn ich sehe, hier wohnt endlich der Friede.« – »Ja, wahrlich,« bekräftigte Diether mit einer herzlichen Umarmung seines Weibes. »Der kühne Gang zum Bannstein hat Margarethen gereinigt wie ein heiliges Feuer. Sie ist eine wackere Hausfrau, eine biedere Mutter und pflegt mit voller Liebe den Knaben, der uns fast so schnöde verloren gegangen wäre, durch die Schlange, meine Tochter! Ha, diese That hat mich empört, wenn ich ihr gleich den Fehltritt verziehen hätte, der sie in jenes Edelmanns Arme führte. Gott schütze ihr unglücklich Kind, das, wer weiß auf welchem Strom des Lebens jetzo schwimmt, aber sie, die nichtswürdige Tochter und Mutter, will ich nicht mehr wiedersehen. Möge sie in dem Hause der Reuerinnen, wohin sie sich grollend zurückzog, Reue lernen und Gefühl. Ich bin mit ihr fertig.« – »Ach, lieber Herr,« seufzte Margarethe, »bezwingt doch diese Unversöhnlichkeit. Bedenkt, in welchen Jammer uns Eure Härte ohne Gottes Beistand gebracht haben würde.« – »O, sieh', sieh', Dagobert!« sprach Diether entzückt, »sieh' diesen Engel, der für die Beleidigerin bittet. Ich lese in deinen Augen gleiche Wünsche, aber, um nicht weich zu werden, entziehe ich mich lieber Euren Bitten, bis ich kälter und ruhiger geworden bin.«

Er ging rasch hinaus und Dagobert sagte kopfschüttelnd: »Der Vater gleicht einem gewandten Gesellen, der auf der Mummerei Tag und Nacht vorstellt. Argwöhnisch und gehässig in einer Stunde – entzückt und das Vertrauen selbst in der andern. Ich sehe, nur ein guter Schiffer vermag sicher durch dies trügliche Meer zu steuern. Euer Schifflein jedoch, meine Mutter, geht einer Klippe zu. – Sprecht,« fuhr er, zu der Verlegenen sich herabneigend, fort: »Sprecht, ehrsame Frau! Wie mögt Ihr doch ein lügendes Schweigen der Wahrheit vorziehen, die sich überall Bahn bricht! Noch, wie ich höre, weiß mein Vater nichts von dem falschen Johannes. Und ich bat Euch doch so sehr! Soll ich denn reden an Eurer Statt? Und muß ich es nicht vielmehr?« – »Vater Reinhold rieth mir zu schweigen,« antwortete die Betroffene ängstlich. »Seine Klugheit . . .« – »Sucht hinter Eurer Lüge die eigene – wohlgemeinte – zu verbergen, mit welcher er Euren Leumund rettete,« unterbrach sie Dagobert, »aber ihn trifft nicht der Blitz, der Euer Haupt nicht verfehlen würde, erführe mein Vater durch andere Zungen, was sich begeben. Verachtet doch endlich die Winkelzüge. Ihr habt mich einst sehr geliebt, Ihr liebt mich noch wie eine treue Mutter den frommen Sohn, denke ich. Thut mir doch zu Liebe jenes Geständnis, das Euch süße Früchte tragen wird. Thut es bald, denn jeder Tag könnte Euch unrettbar verderben. Ueberlegt und laßt mich – kehr' ich wieder – Euch entschlossen finden.«

Kurze Zeit, bevor Dagobert aus seines Vaters Hause ging, um sich zu seinem geliebten Lehrer Johannes zu begeben, hatte der Herr von der Rhön, von den Schmerzen des heftigen Fiebers erstanden, das Barfüßerkloster verlassen, um zu lustwandeln im Strahle des sommerlich leuchtenden Tages, neue Kräfte zu gewinnen und seine Lage genau zu bedenken. Schon im einsamen Krankenzimmer des Klosters hatte er gehört, daß Diether's Tochter zurückgekehrt war aus der Haft des räuberischen Bechtram's, der ein blutiges Ende gefunden. Er lenkte seine Schritte nach Diether's Wohnung und lugte empor zu den Fenstern des Hauses, um vielleicht Wallraden zu gewahren, einen Anlaß, sie zu sprechen zu suchen, um von ihr zu hören, wo sein Knabe – die einzige Hoffnung seines Lebens – sei. Freilich mahnte ihn öfters die innere Stimme, der Arglistigen nicht blindlings zu vertrauen; freilich beschlich ihn die Furcht, sie möchte ihn täuschen, wie sie schon oft gethan, allein – wie ein Schiffbrüchiger, treibend auf wallender See, sehnte er sich dennoch nach dem Anblicke der Gehaßten. Ihr Antlitz, so widerlich es ihm geworden, war das Ziel, nach welchem seine Blicke suchten, allein vergebens war sein Bemühen.

Die Fensterflügel alle standen offen, um die balsamische Luft in das dunkle Gebäude zu lassen, jedoch an keinem dieser Fenster war Wallrade zu erspähen. Ein freundliches Gesicht – Margarethens – neigte wohl öfters aus dem Bogen, kein anderes war zu schauen. Seufzend kehrte er, sein Vorhaben auf günstigere Zeit verschiebend, den Mauern, in welchen Wallrade, das Unglück seines Lebens, geboren wurde, den Rücken und schritt gedankenvoll dem Mainstrome zu; nicht die Aussicht über den Fluß zog ihn dahin, wohl aber die schmerzliche Lust, die Fluten wogen zu sehen, in welchen sein geliebtes Weib, sein theures Kind zu Grunde gegangen waren.

Wie er nun so dahinging, dieser verlornen Lieben im Innersten wehmüthig gedenkend, so strich eine junge Betteldirne an ihm vorüber, die ein Kind auf dem Arme hielt und dem Mönchsgewand eine fromme Verneigung schenkte. Als wie durch eine Fügung gezwungen, drehte Bilger den Kopf nach ihr und indem er das Kind gewahrte auf ihren Armen, schlug wie ein Donnerstrich der Gedanke durch sein Gehirn: Rudolf! dieses Kind! ist's nicht das deine? – Und zu stehen befahl er der Dirne und auch ihre Züge waren ihm bekannt, als wie aus früher, dämmernder Zeit. – »Wer bist du, Maid?« stammelte er betroffen und hielt die Bettlerin mit zitternden Händen fest. »Wer bist du, Unglückliche, und wessen ist das Kind?« – Seiner heftigen Bewegung zu Folge fiel die Kapuze von seinem Haupte und sein Antlitz erschien im Sonnenlicht der bestürzten Magd so schrecklich und drohend, daß sie aufschrie: »Um aller Heiligen Willen! Herr von der Rhön! Ihr seid's? O, welche Freude!« – »Kunigund!« stammelte er, wie von einem neuen Fieberanfall geschüttelt. »Antworte mir . . . antworte! dieses Mädchen?« – »Ist das Eure, Herr,« erwiderte Gundel, sich vor ihm auf die Knie werfend; »verzeiht, vergebt, Herr! Ich wußte nicht, daß Ihr zu Frankfurt . . . ich fürchtete mich . . . mich schreckte der Kerker. Bettelnd hab' ich meine und des Kindes Tage gefristet, um nur Frau Wallraden's Rückkehr zu erwarten.« – »Wallrade!« rief Bilger entsetzt, indem er das schreiende Kind, das den Vater in der rauhen Hülle, entstellt von Blässe und verwildertem Barte, nicht erkannte, auf seinen Arm riß: »Wallrade? Ich entsinne mich. Welch fürchterliches Licht! Sie nannte mir das Kind todt!« – »Todt?« fragte befremdet Kunigunde. »Todt! Ach nein, lieber Herr!« – »Des Kindes Mutter jedoch . . .?« – fuhr Bilger mit steigender Angst und Hoffnung fort. – »Auch sie lebt, guter Herr!« betheuerte Gundel.

»Abschaum der Hölle!« schrie von der Rhön in heftigster Bewegung. »Niederträchtige Wallraden! Wo ist mein Weib, wo? sprich, Dirne, sonst ist dein Ende da!« – »Ich schwöre, daß ich es nicht weiß, Herr!« entgegnete Gundel die Hände ringend, »hätte ich denn sonst nicht der Mutter ihr Kind gebracht, das nur mich allein hatte in der Welt? Ach, Herr, Wallrade ist böse und ich bereue mit blutigen Thränen, daß ich um ihre Frevel weiß. Euer Sohn, o Herr! . . .« – »Nachher von meinem Sohne!« donnerte von der Rhön, »nachher! Jetzt aber von ihr, der Lügnerin! Wo finde ich sie? wo?« – »Erst gestern hab' ich ihren Aufenthalt erfahren,« antwortete Gundel schnell, »die Aebtissin der Reuerinnen ist ihre Freundin und sie wohnt darum im Hause der weißen Frauen.« – »Der Teufel im Hause der Buße?« fragte von der Rhön, mit wilden Zornesflammen im Gesichte. »Wenn ich sie finde, wenn ich sie treffe!« – Mit diesen Worten enteilte er, das Kind auf dem Arme, dem Kreise von neugierigem Pöbel, der sich um diesen seltsamen Auftritt versammelt hatte und stürzte mit der Hast eines Wüthenden der Mainpforte zu. – »Um Gottes und Christi willen!« jammerte Gundel, nachrennend; »Ihr stürzt Euch in's Verderben, Herr! Hört mich! hört!« – Aber so wie ihr Geschrei fruchtlos verhallte unter dem Toben der Menge, also war überhaupt nicht mehr aufzuhalten das Rad des Unglücks, das vom Zufalle entfesselt worden war und nun zerschmetternd daherrollte. Der Stifterin alles Uebels nahte ihre verhängnisvolle Stunde, denn sie begegnete wenige Schritte von der Pforte dem Rasenden, der wie ein böser Geist an sie heranstürmte. – »Willkommen, Ungeheuer!« rief er ihr zu, daß sie entsetzend vor ihm wich und sich an ihre Begleiterin festhielt. »Kennst du dies Kind? Kennst du mich? Und soll ferner noch dein schändlich Lügengewebe bestehen? Wo ist die Mutter dieses Kindes?«

»Gott der Barmherzigkeit!« flüsterte erschrocken Wallradens Begleiterin, und das Fräulein schrie: »Kommt Willhild, kommt! befreit mich von dem Tollgewordenen!« – »Wo ist dieses Kindes Mutter?« brüllte der Verzweifelnde und schleuderte sie mit mächtiger Faust zurück. »In dem Strome? Lüge ist's! darum bekenne, oder fürchte das Aeußerste, Höllengespenst!«

»Der Mensch will mich ermorden!« jammerte Wallrade, bebend an allen Gliedern. »Willhild helft mir von dannen!« – »Ermorden? ja bei Gott!« donnerte Bilger. »Nicht leben sollst du, wenn du nicht auf der Stelle bekennst!« – Vor seinen fürchterlichen Blicken wich die Menge zurück, die das Schauspiel umbrauste. Wache von der Pforte näherte sich nun, um auf Willhild's durchdringendes Geschrei Ruhe zu stiften. Bilger stürzte jedoch mit der Wuth eines Tigers auf den Anführer der Söldner und entriß ihm gewaltsam die blanke Waffe. Sie in einem leuchtenden Kreise schwingend, schreckte er die Knechte von sich und verdoppelte Wallradens Angst, an welche er die vorige Frage wiederholte, außer sich vor Zorn und Grimm. Da gewahrte Willhild den Junker Dagobert, der, von der heulenden Gundel geleitet sich durch das Volk drängte und schrie, was sie vermochte, nach Hilfe und nach seinem Schutz. – »Erbarme dich meiner, Bruder!« wimmerte Wallrade, vor dem Wüthenden zurückweichend. – »Du schweigst?« stammelte dieser. »So stirb, Verfluchte!« – Und mit einem gewaltigen Schwertstoß auf die Brust der Feindin warf er sie in den Staub, daß sie, blutend und ächzend zusammenfiel, ohne ferneres Zeichen des Lebens.

»Zeter!« schrie der Haufe und fuhr weit zurück vor dem Herrn von Rhön. »Ein Mord! Gnade der Armen, Gott!« – »Wer bist du, Entsetzlicher!« rief Dagobert, der die in seinen Armen Gesunkene Willhild Gundel überließ. Der Herr von der Rhön war beim Anblick der Verletzten und der Ströme ihres Bluts wie gefühllos geworden und dieser Schreck gewann ihm die Herzen des Pöbels und Dagobert's Mitleid, der seinen Mann plötzlich erkannte und wie von einem Gespenst berührt, zurücktaumelte. – »Herr von der Rhön?« schrie er. »Unglücklicher! Abscheulicher! was habt Ihr gethan?«

»Stoßt mich nieder,« antwortete ihm Bilger wie bewußtlos, und die triefende Klinge entfiel seiner Hand. – »Das walte Gott!« versetzte Dagobert schaudernd. »Dort naht schon die zurückkehrende Wache, Schöffen an der Spitze. Euer Blut komme nicht über mich, flieht!« – »Flieht! flieht!« schrie die Menge. »Flieht, unglücklicher Vater! nach der Freistatt, nach der Freistatt, fort, fort!« – »Wo? wo?« stotterte Rhön, in dem die Lust zum Leben wieder erwachte. – »Nach dem deutschen Hause!« raunte ihm Dagobert in das Ohr und stieß ihn in das Gewühl des Volks, das dem bewußtlos Fliehenden geräumigen Platz machte. – »So versorgt Ihr mein Kind?« entgegnete der arme Vater, und im Nu hatte es Dagobert schon auf seine Arme gezogen. Bilger entfloh, so schnell als seine Füße es erlaubten und die unbequeme Tracht. Das Mitleid der aus den Häusern laufenden Bürger bahnte ihm den Weg. »Laßt ihn durch!« riefen einige Stimmen; »er ist ein armer Mörder!« – »Zu den deutschen Herren mit ihm!« riefen wieder Andere. »Haltet die Wache auf!« schrieen die Kühnsten, Meister und Knechte der Metzgerzunft und schleuderten Steine, Aexte und dergleichen Dinge mehr den eifrig Nachsetzenden zwischen die Beine. Am Brückenthore wollten die Söldner den Mönch nicht durchlassen. Metzgerfäuste stießen sie zurück. Zweie von der handfesten Schifferzunft nahmen den ermatteten Bilger in die Mitte und rannten mit ihm über die Brücke. Aus den Fenstern des Deutschherrenhauses wurde der Auflauf gesehen. Eifersüchtig, ihr heiliges Vorrecht zu üben, gaben die Obern Befehl, die Thüre weit zu öffnen. Bilger nahte dem Ziele, aber auch die Verfolger waren nur einen Schritt hinter ihm zurück. Auch sie machten sich durch Hellebardenschläge und Rippenstöße Luft und freien Weg und ihre Hände berührten schon die Kutte des Unglücklichen, als er die Schwelle des deutschen Hauses erreichte und athemlos darauf zusammensank.

»Rühre nur die Mauer an, armer Mann!« riefen ihm Mitleidige zu, und seine matte Hand erfaßte einen Stein der Pfortensäule, als der Schöffe anlangte, ihn in Haft zu ziehen. – Dieser Letztere, ein rüstiger, noch junger Mann, wollte sich ohne weitere Umstände der Beute bemächtigen, und auf seinen Wink griffen die zweifelhaft zögernden Söldner zu, allein Bilger klammerte sich mit der Kraft eines Verzweifelnden an die rettende Pforte und gewährte einen augenblicklichen Widerstand, der dem Oberreiter des Hauses Zeit ließ, sich in den Handel zu mengen. Er wies die Angreifenden mit Wort und That zurück und das umstehende Volk nahm seine und des unglücklichen Verbrechers Partei. Der Schöff schien jedoch nicht hierauf zu achten in seinem Ungestüm und legte in Person Hand an den Herrn von der Rhön. Verloren schien dieser in seiner Verfolger Gewalt, als der Comthur des Hauses rasch aus der Pforte kam und mit kühner Faust den Ergriffenen wieder frei machte.

»Wer wagt's, sich an unsern guten Rechten zu vergreifen?« fragte er trotzig. »Hat uns der Stuhl zu Rom und Kaiser und Reich dieselben darum gegeben, daß ein Rathsherr von Frankfurt mit ihnen verfahren könnte, wie ein Kind mit seinem Spielwerke? Laßt die Hand ab und geht mit Gott ohne diesen Mann.« – Der Schöff behauptete, der Verfolgte habe noch nicht die gefegten Steine berührt gehabt, als man herangekommen; aber die Stimme des Volkes widersprach seinen Worten und der Comthur hielt sich an die Rede des Volkes. – »Zieht ab,« rief er, »ohnehin gehört der Mönch vor sein eigen geistliches Gericht.« – »Er ist kein wirklicher Mönch,« entgegnete der Schöffe zornig. »Er trägt die Kutte ohne Beruf und Vergunst. Unser muß er sein.« – »Und wenn's der Teufel selbst wäre im Barfüßergewand!« – überschrie den Rathsherrn der Comthur – »so muß er sicher sein unter unsrem schwarzen Kreuze, sonst sperren wir das Haus und ziehen Euch vor dem Reichstage zu Rede und Antwort. Laßt darum den Mann und uns in Frieden; über vier Wochen mögt Ihr wiederkommen!«Ein Mörder war in dem Hause der Deutschen Herren eine Frist von vier Wochen hindurch vor dem Blutrichter sicher. – Mit diesen Worten zog der Comthur den Herrn von der Rhön nach sich in's Haus und riegelte mit eigener Hand die Pforte zu, sich wenig bekümmernd um das Toben und Schelten der abziehenden Rathsknechte und Söldner. Bilger folgte seinem Schutzherrn ohne jede Ueberlegung in den Saal des Erdgeschosses, wo sich zu gleicher Zeit der Trappierer und der Pfaffe des Hauses einfanden, um den Ankömmling neugierig zu betrachten.

»Ihr habt Euer Probe und Meisterstücklein herrlich gemacht, Herr Comthur!« sprach der Pfaffe schmunzelnd zu dem Ritter. »Ihr seid mit den Leuten umgesprungen, als ob Ihr seit einem Jahrzehnt mit ihnen zu Felde gelegen.« – »Hm!« entgegnete der deutsche Herr lächelnd, »Ihr wißt ja, Pater, daß man die Kinder hat, wie man sie zieht. Gleich von Anbeginn den Daumen wacker auf die Augen gedrückt, bewahrt vor dem Allzuhellsehen. Nun aber zu dir, du sauberer Vogel,« fuhr er fort zu Bilger gewendet, »du hast ein leichtfertig und verpöntes Stücklein gemacht wie ich vernommen. Der Todtschlag mit offener Wehr kommt sonst in deinem Gewand selten vor. Sag' darum an, ob der Schöffe wahr gesprochen, da er schwur, du seist kein Mönch und bekenne: wer bist du denn?« – Bilger hatte indessen den Blick starr und steif auf den Comthur gerichtet, schwieg noch eine Weile und antwortete hierauf mit dumpfer Stimme: »Ich bin bereit, Euch zu sagen was Ihr verlangt, Herr, doch nur Euch.« – »Da muß Erbauliches dahinterstecken, was wohl nicht mit einer Buße von vier Wochen abgethan sein dürfte,« spottete der Ritter, beurlaubte indessen seine Freunde mit einem stolzen Kopfnicken und blieb mit dem von der Rhön allein. Dieser, statt ein Wort zu reden, begnügte sich, vor dem Comthur hinzutreten, ihm fest in's Auge zu sehen und die Kapuze vom Haupte zu ziehen. Der Ritter starrte ihn verwundert an, aber nur nach langem Zweifel stieg eine Erinnerung in ihm empor, die seine Augenbrauen hoch emporzog und die kahle Stirne in trübe Falten legte.

»Bei meinem Eid!« begann er endlich, »seh' ich recht? seid Ihr's wirklich, Rudolf Bilger?« – »Ich bin's, Herr,« entgegnete der von der Rhön und an Eurer gerunzelten Stirne seh' ich, daß Ihr mir ferner Euren Schutz nicht gewähren werdet für ein Verbrechen, dessen Wurzel eigentlich nur in Euch zu suchen ist; wißt, ich erschlug Wallraden!« – Da wurde der deutsche Herr bleich wie die Wand. »Wallrade?« seufzte er kaum vernehmlich. »Wallraden habt Ihr erschlagen?« – Er hielt die Hand vor Stirne und Augen und da er sie wieder wegzog, war die braune Röthe abermals auf sein Antlitz gestiegen und seine Augen leuchteten wieder wie herausfordernde Irrwische und der Mund warf sich wieder trotzig auf unter dem borstigen Knebelbarte wie zuvor. »Seid mir willkommen von der Rhön!« sagte er, dem Staunenden die Hand reichend. »Obschon Ihr an meinem Schutze verzweifelt, so liefere ich Euch dennoch nicht aus, gerade jetzo nicht, denn der heilige Georg hat nicht besser gethan, da er den Lindwurm verletzte, als Ihr, da Ihr diesen Teufel zur Heimat sandtet. Wohl bekomm's der falschen Metze! Sie hat's verdient an manchem Biedermann!« – »Euch, gerade Euch also reden zu hören . . .?« hob Rudolf an, »wie reim' ich das?«

»Reimt's wie Ihr wollt,« antwortete der Comthur, »aber ich bin reifer geworden in der Welt, seit wir uns nicht sahen. Ich bin ein wildes Blut gewesen und die Leute sagen, ich wär' es noch, obgleich der Säbel eines verfluchten Polen meinen Schädel – seht die Narbe – in der Feldschlacht also zugerichtet hat, daß nur mit den Haaren auch der Satan darunter hätte ausgehen müssen. Aber meine Wildheit reicht noch lange nicht an die Schlechtigkeit der Dame von Baldergrün. Nachdem meine Wunde geheilt worden war und der Heermeister im Capitel den Comthursstab als Pflaster darauf gelegt hatte, als ich wieder auf meiner Fahrt hierher durch meine Heimat und Thüringen kam, wo man mich allenthalben anstaunte wie einen todtgeglaubten Mann . . . was hörte ich nicht von Wallraden? Wie manchen wackern Mann nannte man mir nicht, der sich zeither in den Schlingen der Hexe gefangen und sehr übel darnach befunden hatte? War sie früher nur ein Spiel meiner Leidenschaft gewesen, so wurde sie jetzo ein Gegenstand meines Abscheus. Ich wußte wohl, daß sie sich hier befinde, aber tausend Jahre hätte sie leben können, ohne mich zu sehen. Vetter Issing ist für sie nicht mehr auf der Welt. Noch einmal, wohl bekomme ihr der jähe Tod. Was aber ist aus Eurem Johannes geworden, von der Rhön?« – »O, Ihr reißt eine Wunde auf, deren ich in dieser unglücksschwangeren Stunde ganz vergessen hatte,« rief Bilger und erzählte nun dem aufmerksamen Comthur seine bedauernswürdige Geschichte, wie er geglaubt, Weib und Tochter verloren zu haben, wie er seine einzige Hoffnung auf den Knaben gesetzt und wie ihm das grausame Verhängnis die Tochter wieder in die Arme geführt habe, um ihm sie, ihre geliebte Mutter, den von fremder Gnade lebenden Sohn und überhaupt alles Glück, alle Freude des Lebens durch einen im Zorn verübten Mord unerbittlich zu rauben.

»O, ich bin ein sehr unglücklicher Mensch!« schloß der arme Mann mit jener starren Verzweiflung, die auch im höchsten Schmerz keine erleichternde Thräne in das trockene Auge läßt, »und besser fürwahr wäre es, Ihr übergebet mich alsobald den Händen des Halsgerichts, dem ich nach kurzer Frist ohnehin zum Raube werden muß. Das Elend, in welchem ich vergehe, beschreibt keine Zunge und wenn ich mich über den Verlust meiner irdischen Freude trösten möchte, so kann ich's nicht, denn mein Bewußtsein ist voll Schuld, denn auf mir lastet – außer der blutigen That, die mir vielleicht der Barmherzige vergebe – eine Sünde wider Ihn und seine Gebote, die nicht Er, die nicht seine Kirche verzeiht, die Sünde der Doppelehe, gleich zu rechnen der Blutschande und sträflicher Unzucht. Wer hilft mir aus diesem Gewirre von Freveln und werde ich sie denn auf dem Blutgerüste sogar abbüßen können?«

Der Comthur blickte auf das zerstörte Gesicht des jammernden Bilger und sagte mit roher Gutmüthigkeit: »Denkt doch nicht jetzt schon an den Henker. Noch habt Ihr Frist genug dazu und die Bullenbeißer auf unseres Hauses Schwelle mögen sich vor der Hand die Nase stumpf wittern. Erholt Euch, aus einem Scheinfreunde bin ich Euer wahrer Freund geworden und will Euch Gutes thun, wie ich nur vermag. Weib und Kind kann ich Euch nicht wieder schaffen und Euren Hals nicht sichern vor dem Schwerte der Frankfurter, aber lustiger und gemächlicher sollt Ihr die Zeit hinbringen und erwarten, ob nicht etwa ein Cardinal oder der heilige Vater selbst, oder der Kaiser diese Straße ziehe; das sind Leute, deren Anblick allein Gnade bringt und Freiheit. Hofft auf ein Wunder, auf des Himmels Einsturz sogar, das gilt mir gleich! aber glättet Eure Stirne. Wir im deutschen Hause sind keine Kopfhänger und lieben Tafel, Wein und Scherz. Selbst mit den Weibern nehmen wir's nicht genau – sind sie uns gleich verboten. Vier Wochen sind eine Ewigkeit für den Grillenfeind. Euer Trübsinn hilft nicht, darum jagt ihn weg und laßt für die Zukunft den Herrgott sorgen!«

 << Kapitel 36  Kapitel 38 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.