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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Sechsunddreißigstes Capitel.

Der arme Dagobert hatte nicht die kleinste Ahnung von dem, was in seiner Abwesenheit vorgegangen war. Mit der Freude eines Liebenden, der auf sein nahes Glück hofft, hatte er aus den Kaufläden der Stadt das Schönste und Beste zusammengelesen, um seine Liebe damit zu zieren, und es vermag der Mensch keine größere Seligkeit zu fühlen als er, der am folgenden Abend am Forstgehege anlangte und klopfenden Herzens sich der Hütte näherte. Dort saß eine weibliche Gestalt, harrend, nachdenkend, wie es ihm schien, und ihr schmuckloses Gewand war wie Esther's anzusehen. Der Jüngling flog der Theuern entgegen, und – sie war es nicht. An ihrer Statt begrüßte Regina den Betroffenen, und bei seinem Anblick stiegen ihr Flammen auf die Stirne, Zähren in's Auge. – »Mein Gott!« stammelte Dagobert, »mein gutes Fräulein! Ihr hier? Genesen, aber allein? Was verkündet mir diese Bewegung in Eurem Antlitze? Wo ist Esther?« – »Ich soll Euch ihr Lebewohl bringen,« entgegnete Regina halblaut und schüchtern; aber diese Verlegenheit wurde zum Schreck, da sie den jungen Mann fast bewußtlos hinsinken sah. Kaum vermochte sie alsdann seinen stürmischen Fragen Genüge zu leisten. Sie erzählte, wie sie heute in aller Frühe zum Walde gekommen, um sich des schönen Morgens zu freuen, da die Krankheit sie so lange daheim gehalten; wie Esther ihr in Begleitung eines finstern Mannes schon fern von dem Hüttenpfade begegnet – wie sie bestürzt das Mädchen angeredet habe und nach Dagobert gefragt. »»O, mein holdes Fräulein,«« hatte Esther gesprochen; »»sagt ihm, der heute vergebens sich dieser Stätte nahen wird – sagt ihm mein letztes herzliches Lebewohl. Sagt ihm, daß Ben David uns wohlmeinend getäuscht, daß mein Bruder mich errettet aus der Sünde, in die ich unschuldig fast gerathen wäre; daß ich meinen Gott nicht verleugnen darf, aber ewig ihn, mein Heiligenbild, im Busen tragen werde; . . . daß er mich beklage, sich aber dennoch meines Sieges freuen möge, und . . .«« – setzte Regina verschämt hinzu, »»in der Liebe einer Andern, Bessern, glücklich sei.««

Keine Schilderung von Dagobert's Gefühlen. Nach langem Kampf sich mühsam erhebend, seufzte er: »Nun denn! so ist er vorbei, der schöne Traum, der mich beglückte. So ist es dahin, was ich in meinen Nächten gesonnen, warum ich im Sonnenlichte gekämpft, wonach ich gestrebt mit allem Feuer meiner Jugend. Der Aberglaube, eines Bruders finstere Glaubenswuth reißt Alles zusammen, was ich, dem Verhängnis zum Trotz, erbaute; den Tempel meines Glücks. In Gottes Namen also. Das Unheil soll auch seinen Mann an mir finden; aber, daß sich also löste, was so eng verbunden wurde, daß die holde Fessel so schnöde gesprungen; . . . das thut mir weh', und darum wird diese Wunde nimmer vernarben. O, welche Menschen! Mein Vertrauen also zu täuschen! Ben David lügt mir ein Glück, das ich kaum ahnte . . . sein Sohn entreißt es mir und Esther reißt sich kalt von allen Banden los, die sie an mich schlossen. Wehe mir!« – »Ach, mein guter, trauriger Junker!« sprach Regina tröstend und legte ihre Hand auf die seine und heftete ihren Taubenblick auf sein düsteres Auge; »wer sagte denn, daß sie kaltsinnig schied, deren Flucht Euch bekümmert? Heiße Thränen weinte sie und darum . . . ich will Euch gestehen, daß ich sie vorher nicht liebte . . . darum gewann aber sie meine Theilnahme im Augenblick der Trennung.« – »Wenn Ihr sie gekannt hättet!« klagte der Jüngling. »Tugendhaft und rein war sie, wie Ihr, mein Fräulein. Eine seltene Blume in dem Kranz der Frauen, die Einzige in den Reihen ihres Volks, das geadelt wurde durch ihren Besitz. O, diese Hütte hier! eine Kapelle sollte man auf ihre Stätte bauen, weil die Liebliche hier verweilte.«

»Ihr sprecht ja nicht wie ein Christ!« sagte Regina mit lächelndem Vorwurf; »ich sollte böse auf Euch werden, wenn ich nicht die Vertraute Eurer Liebe geworden wäre. Ach, mein Antheil an ihr ist mir schlimm bekommen. Der garstige Ammon hat heute der Mutter Alles auf's Kleinste berichtet, denn er fürchtete die Folgen, und Mütterlein hat mich gescholten und gesagt, es zieme sich für ein Edelfräulein nimmer, um solche Abenteuer zu wissen, und sie werde mir verbieten, je den Wald wieder zu besuchen. Dennoch bin ich ihrer Wachsamkeit entgangen, denn Ihr mußtet ja erfahren, wie Alles kam, und ich wäre gestorben, hätte ich Euch in Ungewißheit lassen müssen.« – »Nehmt Ihr Theil an mir, holde Dirne?« fragte Dagobert weich und dankbar. – Regina wurde roth, entzog ihm ihre Hand und sagte ausweichend: »Wenigstens wollte ich's gern ertragen, daß mein Mütterlein mich schmält, könnte ich Euern Schmerz nur wenden. Ich liebe traurige Gesichter nicht. Seh' ich jedoch Euch in Gram versunken, so möchte ich flugs mit Euch weinen, ob es vielleicht Euren Kummer lindern möchte.« – »Lindern? gewiß!« rief Dagobert. »Die Thränen der Unschuld sind Lebensbalsam für den Trauernden. Ja, mein wunderholdes Mägdlein! Das gläubige Vertrauen auf eine helle Zukunft, diese heilige Schrift, die in Euren Augen zu lesen ist, sie gibt mir Trost und Muth zu leben . . . muß ich auch allein auf meiner Bahn zu Ende wandeln.« –»Allein?« fragte Regina neugierig, wie meint Ihr das?« – »Ich werde nimmer um eine Jungfrau minnen,« versetzte Dagobert, »keinen Herd mir bauen, sondern flüchtig sein und unstät.«

»Um Gottes willen nicht!« rief Regina. »Nur das, ehrsamer Junker, das thut nicht. Viel hundert Male hörte ich meine Mutter sagen, ein Hagestolz hätte nicht Freude und nicht wahre Lust am Leben, er besäße nicht einmal ein Herz für seinen Hund und ich will's glauben, lieber Herr. Da ist der Vetter Schwarzbach und der Ohm von Miltenberg, vor denen mir schon bange wird, wenn sie unser Haus bieten.. Da geht's Treppe auf, Treppe ab mit Halloh und Hussah durch Feld und Wald, und nur dem Becher wird ein freundliches Gesicht gemacht. Zu solchem Leben seid Ihr nicht gemacht, guter Herr. Ihr seid so freundlich und war't so froh, daß es schade wäre, wenn Euch einer Jüdin Verlust zum Trübsinn brächte.« –»Anmuthige Regina!« erwiderte Dagobert, »wollte der Himmel, die Sachen stünden noch wie am verwichenen Ostertage. Damals glaubte ich mich noch frei, und Euer Liebreiz nur allein hätte mir eine Fessel anlegen können.« – »Ach, nicht doch!« kicherte das Edelfräulein und hielt die Hände vor das geschämige Antlitz. Indem trat, von Ammon begleitet, die Frau von Dürningen an den Eingang des Geheges. »Regina!« rief sie ernst und Dagobert eilte, das erschrockene Mädchen zu der Mutter zu führen. – »Ich danke Euch Eure Gegenwart nicht, Junker,« sagte die Edelfrau, »da ich nun – zu spät nur – durch Ammon erfahren habe, was mir meiner Tochter Mund verschwieg. Ihr habt unedel genug die Eitelkeit meiner Tochter mißbraucht, um einer Dirne von schlechtem Herkommen und ungewissem Leumund eine Zuflucht auf meinem Boden zu gewinnen, und Ihr versucht's vielleicht, jetzt noch die Leichtgläubigkeit der unerfahrenen Jungfrau zu verführen, da Eures Herzens Lieb Euch untreu geworden. Thut mir die Liebe, so schnell als möglich mein Eigenthum zu meiden.« – »Euer Mißtrauen, gestrenge Frau, betrübt mich,« antwortete Dagobert gelassen, »ich weiche jedoch gerne aus Eurem Eigenthume, um Eurer fleckenlosen Tochter ferner keinen Kummer zu verursachen. Habt Dank, Fräulein, für das, was Ihr an Esther und mir gethan, und belehrt Eure Mutter eines Bessern, damit sie nicht aufhöre, mich zu achten, wie einen Ehrenmann.« – Schweigend verneigte er sich und verschwand. – Viele Male hielt er auf seiner Straße inne und überlegte bei sich selbst, ob er zurück gen Frankfurt kehren solle – ob er es versuchen wolle, Esther's Spur zu finden. Gegen diesen letzten Versuch sträubte sich sein Stolz. »Ward ihr's so leicht, von dir zu scheiden, ohne Wahl und Lebewohl,« sagte dieser, »so laß' sie. Sie hat deine Liebe nicht verstanden, oder war ihrer nicht würdig.«

Und dennoch flüsterte sein Herz im nächsten Augenblicke: »Ach freilich hat sie dich verstanden, so wie auch du ihre Liebe, die heilige, tadelreine verstehst. Freilich war sie deiner würdig, auch in der Ferne wird sie's bleiben.« Und hierauf dachte er an den Vater, der ihm wieder lieb geworden, an die reuige Mutter, an den kleinen Hans und den biedern Gelehrten Johannes, und er fühlte, daß außer der Liebe noch das Leben Ansprüche an ihn und Pflichten für ihn habe und daß daheim nur das heilende Kräutlein wachsen möchte, seiner Seele Wunden zu sänftigen. – Gegen alle Weltgegenden breitete er seine Arme aus, als wollte er die Verlorene damit an sein Herz ziehen. Ihren Namen rief er laut in die Luft hinaus, dann wandte er sich nach der Vaterstadt . . . nicht ein Vergessender, sondern ein in seines Herzens Muth Getrösteter.

Er hatte kaum den Scheideweg verlassen, der ihm die Straße frei ließ nach Friedberg oder nach dem Mainstrome, als eine leise Stimme, hinter einem Haselbusche hertönend, fragte: »Aber Bruder! warum sendest du dem Schurken nicht einen guten derben Stein nach?«

»Ei, laß' mich doch, Leuenberg,« antwortete der Hornberger; denn die beiden Ehrenmänner waren's, die hinter dem Busche lagen; »ich bin noch müde. Der scharfe Ritt schon hatte mich angestrengt und du, guter Geselle, warst in eine verdammt schlechte Sippschaft gerathen, deren Arme nicht von Wachs gewesen sind. Sag' mir doch, wie kamst du unter das Gelichter?«

»'s hat weiter kein Bedeuten,« entgegnete Leuenberg, »und mein wunder Schädel schmerzt mich dermaßen, daß ich nicht viel reden mag. Seit ich von Neufalkenstein wegging, hat mich tausend Noth verfolgt. Wie hab' ich's bereut, daß ich dem ängstlichen Doring folgte, der von der Burg ausriß, als hätten ihn schon die Häscher der Stadt beim Helmkragen. Der Taugenichts ging seine Wege, ich die meinigen. Auf der Gelnhauser Burg hatte ich nichts zu thun und schlug mich hieher, wo ich auf dem Anstand herumlungerte, ohne ein glücklicher Schütze zu sein. Ein paar Bauern, nicht der Mühe werth, sie zu durchsuchen, – das war Alles, was die Heerstraße bot. Doch halt! bald hätt' ich's vergessen, einen Schelm bot sie auch! den rothen Juden Zodick, oder wie der Teufelskopf in der Taufe genannt wurde.«

»Ho!« fiel der Hornberger ein – »Friedrich, mein Pathchen! Was treibt der hier herum?« – »Der Gauner stiehlt auf eigene Faust, zu Fuß zwar, wie ein rechter Dieb,« versetzte Leuenberg, »allein dem hebräischen Hund war das Gewerbe im stillen Busche weit günstiger, als mir außer dem Feld und Holz. Gestern hat er einen Reisenden geplündert und heute den Plunder zum Verkauf getragen. Hier wollt' er sich einfinden sagt' er. Ich schlenderte indessen zu Gaule hin und her, bis der verdammte Wechsler daherfuhr, in dessen Gefolge ich ebenso wenig nassauische Reitersknechte vermuthet hätte als den Tod, und den ich also blind und thöricht angriff. Wie mir's erging, weißt du, denn ohne dein Hinzukommen wäre ich jetzt steif und starr. Hab' Dank, daß du mich hiehergeschleppt hast; ich wollte gerne meine Wunde verschmerzen, wenn ich meinen guten Klepper, den die Hunde niederstießen, wieder lebendig machen könnte, oder wenigstens das Blut jenes breitmäuligen Junkers gesehen hätte, der deiner Trägheit verdankt, daß ihm sein erbärmliches Leben geblieben ist. Oder war's etwa eine gewisse Aengstlichkeit, die dich zurückhielt? Willst du Reu' und Leid machen? Und hat dich das, was du in Frankfurt sahst, auf ernsthaftere Gedanken gebracht?«

»Möglich wär's schon gewesen, beim Donner!« hieß des Hornbergers Antwort. »Dich hätt' ich an meiner Stelle sehen wollen. Ich ritt ganz ruhig und verkappt in die Stadt ein und kaufte mir die Dolchklinge hier. Da nun die Gassen wimmelten von neugierigen Leuten und Alles sich dem Bockenheimer Thore zuwälzte, konnte ich mich nicht enthalten, nach der Ursache zu fragen. »»Der verdammte Räuber, der alte Bechtram von Vilbel, wird gerichtet,«« gab mir der Krämer zur Antwort, und ich hätte ihm dafür die Rippen durchbohren mögen. Aber, so entsetzt ich auch war, den, den ich womöglich zu befreien gekommen war, auf dem Wege zum Tode zu finden . . . dabei mußte ich sein und es mit ansehen, kostete es mir auch selbst den Hals. O, welch bedauerlich Schauspiel, Freund Leuenberg! Du hättest sehen müssen, wie unser wackerer alter Ritter daherschritt in den Stricken der Soldknechte, die er einst angeführt hatte. Donner und Strahl! so weh' mir dieser Anblick that, so war ich dennoch hoch entzückt, zu sehen, wie er noch den alten Trotz und die ritterliche Würde auf seiner Stirne festhielt. Und so blieb er auch bis zum Ziele. Vor dem Thore auf dem Anger war ein schwarzes Tuch ausgebreitet und auf demselben ließ man den alten Mann niederknien wie einen Verbrecher. Ich hätte ein Gewitter sein mögen, um über die abscheulichen Rathsschnauzen herzufallen, die dem Bechtram das Urtheil vorlasen, als ob sie im Recht säßen. Und dennoch hatte er die Gefangenen losgegeben und folglich ward ihm von treubrüchigen Hunden das Leben abgesprochen. Mit diesem Letzteren war's auch bald vorbei. Ein Rottmeister brachte ein Tuch heran, um dem Sterbenden die Augen zu verbinden . . . aber tausend Hagelwetter! der Bube kannte unsern Alten nicht, welcher das Tuch verweigerte und die Augen muthig offen hielt, unterm Schwert des Henkers, das schon blitzte. Da muß aber noch mein Unstern wollen, daß, während ich also in Zuschauen und grimmiger verhaltener Wuth versunken, auf meinem Gaule hielt und hervorragte über den Pöbel an der Erde . . . daß Bechtram das Auge zu mir emporhob und trotz meines falschen Bartes mich erkannte. Unwillig rief er aus, mir winkend: »»Hoho; Hornberger! Du hier und ich muß sterben? Hilf!««

»Im selben Nu fiel sein Kopf, aber alle andern Köpfe drehten sich nach mir, der ich meinem Gaule wüthend die Sporen gab, um mich aus dem Strudel zu arbeiten, der um mich her summte und mir kein besseres Schicksal verhieß. »»Halt auf! halt auf!«« schrie es um mich her und manche kecke Faust griff nach meinem Zügel, ich aber hieb mit der Peitsche um mich her wie ein toller Mann und habe manchen Spießbürger gezeichnet, daß er ewig an den wilden Hornberger denken wird. Reiter hinter mir drein . . . Steine durch die Luft . . . und ich voran wie eine Windsbraut und narrte sie hinter mir her bis in die Warte. Dann streckte ich dem Lumpenpack die Zunge heraus und ritt gemächlicher durch Feld und Flur und Saat, bis ich in deine Hände fiel. Aber geschworen hab' ich's, heute wenigstens keiner Christenseele ein Leid zu thun, weil mich des armen Bechtram's Tod doch sehr bestürzt gemacht und deshalb ließ ich den Fant ziehen, den du nicht leiden kannst.«

»Hol' ihn der Teufel und nicht minder den Juden, der seines Vaters Brust verfehlte!« brummte Veit von Leuenberg grollend. »Daß ich mich nicht rühren konnte! Ich hätte den Buben kalt gemacht, wie seine Landsleute an Bechtram thaten, der übrigens auch noch lebte, wenn auf Neufalkenstein mein Rath befolgt und der saubere Neffe gehangen worden wäre.« – »Pah!« erwiderte der Hornberg, »hört man dich allein, so hast du zu Allem das Beste gerathen und vor Allem das Beste gethan. Geht man auf den Grund, ist wenig dahinter. Ich denke, die meisten Leute leben noch, denen du den Tod geschworen!« – »Keinen Schimpf!« drohte Veit, sich mühsam auf den Ellbogen stützend, »gerade hier bin ich dem Platze nahe, wo ich zum ersten Male einen Menschen auslöschte. Es war mein Probestück auf einem Wildgange, der mich durch den ganzen Forst geführt hatte. Bei der Futterhütte des Waldes sah ich einen Mann stehen, einen Edelmann, nach Kleid und Wehr zu halten, er zählte seine Rehe und mir wässerte in dem Versteck der Mund, daß mir's jetzo so leicht sein würde, ein Wild aus diesem gedrängten Haufen herauszuschießen, daß mir aber nicht gestattet sei, das Geschossene zu holen! – Ich ergrimmte bei diesem Gedanken und dachte, wie wär's denn, Veit, wenn du den Mann holtest, der wie ein frohlockender Geizhals seinen Reichthum überzählt, von dem dir nichts gehört? Der Gedanke war auch sogleich die That und wie hingeblasen saß der Pfeil der Armbrust dem Menschen in der Gurgel. Ich auf und davon, sah ihn von ferne noch taumeln, stürzen und kam selber glücklich davon. Hinterher erfuhr ich, daß ich den Herrn von Dürning erschossen.«

»Ei, das ist ja eine gräßliche That,« versetzte der Hornberg, »aber dir ähnlich, Leuenberg. Einen wehrlosen Mann aus dem Busche zu treffen oder einen friedlichen Pfarrherrn vom Kirchwege in's Grab zu legen, das ist deine Sache.« – »Schweig' mit dem Spotte!« eiferte Leuenberg wild werdend. »Ein jeder treibt's nach seiner Lust und Freude. Da kommt aber Einer, dem das wahre Mordhandwerk noch keiner jemals besser nachgeäfft, als er's treibt.«

Der getaufte Jude Zodick schlich sich eben aus dem Gehölze daher. Sein Rücken war ohne Last, sein Aussehen verrieth indessen weniger den glücklichen Vertrödler geraubter Sachen, als vielmehr den zornigen erbitterten Bösewicht. Vorsichtig trat er, nachdem er sich überzeugt, daß es rings umher still geworden, mit zuthunlicher Frechheit zu den Junkern, die seinen Gruß kaum erwiderten. »Bringst du Geld?« fragte der Leuenberg, »heraus damit, ohne Widerrede und Umstände. Du siehst, Jude, daß ich Hilfe in diesem Manne erhalten habe. Weigere dich demnach nicht ferner.« – »Euer Knecht, Herr von Hornberg,« versetzte der Jude flüchtig, »wie seid Ihr gekommen in die Wildnis, die da beherbergt zwei von Euren besten Bekannten?« – »Um dich zu seh'n, mein Taufsohn!« grinste der Hornberger. »Wie steht's mit dir Bursche?« – »Gut, Herr,« entgegnete Zodick boshaft lächelnd, »ich habe den Fehdebrief geschrieben der ganzen Welt, meine Freunde, die edlen Herren hier, ausgenommen. Zu Frankfurt verlangen sie meinen Kopf und das Vehmgeding hat mich geladen vor seinen Stuhl. Was thue ich aber mit der Ladung? Damit ich nicht erst zurückgehen muß, bleibe ich ganz weg.« – »Das Beste,« meinte Hornberg lächelnd, »wie bringst du dich jetzt durch?« – »Ich nehme, was mir überlassen die adeligen Herren,« antwortete Zodick schnell, »und muß obendrein stehlen für den Mann, der mir noch schuldig ist fünf Pfund Heller für ein Menschenleben!« – »Verdammte Brut!« fuhr Leuenberg wüthend auf. »Die fünf Pfund, die du erhieltest, waren noch viel zu viel für deine Ungeschicklichkeit.« – »Ungeschicklichkeit?« spöttelte der Jude, »so man mir zahlt halb, morde ich auch nur halb und halb hatte der Alte seinen Rest, was man nicht leugnen kann. Was sollen mich im Uebrigen kümmern Eure Händel, Herr, da Ihr Euch nicht umseht um die meinigen? Der arme Friedrich muß Alles ausfechten mit seiner eigenen Hand und kein Mensch steht ihm bei!«

»Elender Jude!« murrte der Leuenberg. – Der Hornberger erwiderte jedoch scherzhaft: »Ei bei Leibe, Bruder Veit! Ich bin Friedrich's Taufgevatter und behaupte gegen jeden sein Christentum. Heiße ihn den schlechtesten Burschen im römischen Reiche, nur keinen Juden!« – »Wär' ich doch geblieben ein Jude!« lachte Zodick höhnisch; »die heimliche Acht hätte mich dann wohl in Ruhe gelassen. Wär' ich doch geblieben ein Sohn Jakobs, so wäre doch vielleicht Esther geworden mein und Alles nicht geschehen, was sich begeben hat. Dummer, dummer Zodick!«

Er schlug sich bei diesen Worten einige Mal tüchtig vor die Stirne und die edlen Herren wollten sich, trotz Wunden und Müdigkeit, ausschütten vor Lachen. – »Der Hund ist verrückt geworden!« meinte Leuenberg. – »Gottes Wunder und Zeichen!« versetzte Zodick mit verzerrtem Gesicht. »Verrückt und mischukke vor Zorn und wüthiger Sehnsucht. Ich soll theilen mit Euch mein erworbenes Geld . . . und Ihr haltet nicht einmal meine Feinde auf, die an Euch müssen sein vorüber gezogen! Das ganze Geschlecht, das ich verfluchte bis in's tausendste Glied, ist gewesen hier. Hätt' ich doch gewußt, daß der Goi, den ich gestern geplündert habe, kein Goi gewesen! daß er gehörte zu der Sippschaft, die ich hasse wie den Tod; ich hätte nicht geruht, bis er hätte verseufzet seinen Athem unter meiner Faust.« – »So rede doch vernünftig; sag' an, was hast du denn?« fragte der Hornberger heftig und Zodick erzählte von der Forsthütte, von Esther, Ben David und dem Bruder aus der Fremde. – »Dummer Bube!« maulte Hornberg, »uns das nicht früher wissen zu lassen! Eine schmucke Dirne wäre mir lieb, wenn gleich nur eine Jüdin. Wir hätten sie aus dem Bette gestohlen.« – »Wie erfuhrst denn du?« fragte Leuenberg. – »Ich kam zu vertrödeln meine gewonnene Habe zu Dürning,« antwortete der Jude, »und dem Gesindel im Hofe erzählte der alte Ammon, der Forstwart, die ganze Begebenheit. Der Schurke werde krumm, lahm und taub, weil er mir gestern hat abgewehrt und heut' von den Dingen erzählt, die schon vorbei waren. Noch dachte ich zu erwischen den jungen Frosch, aber auch diesen entzog mir der Fürst der Finsternis. Verdammt und vermaledeit und ich ruhe doch eher nicht, bis ich mich blutig gerächt habe an dem Wicht.«

»Ich möchte wissen, welcher von uns sich über den Fant nicht zu beklagen hätte?« fragte Veit von Leuenberg ungestüm. »Hat er mir nicht Schimpf und Schmach angethan zu Neufalkenstein? Hat er nicht die Freilassung der gefangenen Hunde ertrotzt und dadurch dem Henker das Zeichen gegeben, unseren Bechtram abzuthun.« – »Ja wahrhaftig, bei meinem Eide!« fügte Hornberg, wild drohend, hinzu. »Soll mich doch tausend Ewigkeiten hindurch der Teufel mit Pech und Feuer laben, wenn ich die Hinterlist dem Buben nicht vergelte.« – »Und ihm allein gebührt nicht Vergeltung!« eiferte Leuenberg, sich erhebend, »die ganze Sippschaft ist mir zuwider. Der alte, schäbige, schmutzige Filz, die nichtswürdige Grete, die all' adlig Blut verleugnet hat, um zu dem Spießbürger zurückzukehren; der kleine Wechselbalg sogar, der Hans, der, bei Gott, nichts Anders ist, als ein Bastard von Mutter und Sohn und endlich vor Allem der Abschaum von Niederträchtigkeit, Wallrade, in die ich, moosiger Bursche, mich noch vergaffen mußte – Dank sei es ihren Teufelskünsten – und die alsdann mich selbst anklagte, ich hätte ihr und dem Pfaffen durchgeholfen, dem verdammten Pfaffen, der uns verrieth. Ich hätte meinen Hals hergeben dürfen, hätte mich nicht mein holdseliges Schwesterlein mit ihren Kleinodien ausgelöst. Wenn ich den Streich der spitzbübischen Schlange jemals vergesse, soll ich schon jetzt um Haut und Haar sein.« – »Wie gewonnen, so zerronnen,« spottete Hornberg. »Mit deiner Schwester war's eine verworrene Geschichte. Sie hatte sich aus ihres Mannes Haus geflüchtet und in deinen Arm geworfen, wie du uns zum mindesten gesagt. Und dennoch geberdete sie sich untröstlich und dennoch ging sie freiwillig zurück?« – »Laß' die verdrießlichen Tage dahinten!« fiel Veit ein, dem diese Fragen unangenehm wurden, »ich wollte nur sagen, daß ich hasse, was Frosch heißt, meine eigene Schwester nicht ausgenommen und ein Fest sollte es für mich sein, die ganze Brut auf einem Holzstoße sich verzappeln zu sehen, mindestens durch einen Dolch niedergeworfen. Ein Kinderspiel für einen Blutzapfer, wie der, der hier vor uns sitzt, wäre er nicht so erbärmlich ungeschickt geworden, daß das morsche Leben eines Weißkopfes noch einen stichfesten Panzer gegen seinen Stachel abgibt.«

Zodick richtete sich bei diesen Worten rasch auf und sagte: »Ihr habt gut reden von Ungeschick, edler Herr. Versucht's einmal selbst, oder besser, folgt dem Rath, den ich Euch gebe. Es kommt mir bald vor wie Schofel und Jammer, wenn man sein Messer zuckt auf einen Einzigen, der doch nur ein Sandkorn ist in der Welt. Das thut auch nur ein verworfener Jude um ein paar Groschen willen. Für edle Herren, wie Ihr, ist's schöner und muthiger, zu schneiden hinweg ganze Geschlechter, wie die Sichel auf dem Felde die Garben. Ich bin ein Hund gegen Euch. Aber der Hund hat jetzt gleich Schicksal mit dem Herrn. Einer ist vogelfrei, wie der Andere. Laßt uns darum erklären Allen den Krieg, weil Alle ihn führen gegen uns. Der alte Frosch sterbe nicht allein, aber mit ihm sein Haus und mit diesem ganz Frankfurt und Verderben sei über seinen Bürgern und ihrem Geschlecht.« – Die beiden Männer sahen den Juden staunend an und Hornberger sagte endlich: »Bei'm Stern und bei'm Kreuz und bei'm Hammer! Kerl! du faselst, oder du hast da einen Streich ausgesonnen, wie ihn die Welt noch nicht gekannt hat und wie er selbst in meinem kecken Hirn sich nicht gefunden hätte.«

»Diether und all' die Seinen? Ganz Frankfurt sammt seinen Männern, Weibern und Kindern?« fragte Leuenberg und die Begierde nach Mord, Brand und Beute leuchtete aus seinen aufflammenden Augen. »Rede, Jude! rede! zögere nicht.«

»Die Wildnis hat Ohren,« meinte Zodick, »in einsamer Kammer spricht sich's besser von solchen Dingen. Zudem ist's schon dunkel geworden und kühl weht die Nachtluft.« – »Ich spür's wohl an meines Schädels Verletzung,« erwiderte Leuenberg, schmerzhaft nach der Wunde greifend, »aber ich weiß hier nirgends in der Runde ein sicheres Wirthshaus für uns.« – »'s wird wohl am Besten sein, die Nacht unter'm Mantel zuzubringen,« setzte Hornberg bei, »der Teufel traue in diesen ersten Tagen nach Bechtram's Hintritt dem Frieden!« – »Ei, nicht doch,« schmunzelte Zodick, »als Ihr kommen wollt mit mir, will ich Euch führen, wo Euch niemand sucht und im Fall des Suchens niemand findet. Ein prächtig Haus und sicher wie im Schoße Abrahams.« – »Nun, so hol' der Schwarze das harte Lager hier und die Abendluft,« rief Leuenberg und machte sich auf die Beine. »Vordem schlief ich, that's Noth, unter meinem treuen Gaule. Der ist nun dahin – entschlafen wie die einäugige Muhme. Gott tröste sie Beide und beschere uns ein Strohlager und einen wärmenden Trunk. Sollen wir aber dem Hundsjuden da so unbedingt trauen?« setzte er zu Hornberg gewendet hinzu. – »Warum nicht?« lachte dieser mit gewohnter Roheit. »'s wär' sein eigener Schade. Denn mein Messer schlitzt ihm den Bauch auf, ehe ein Verräther uns ergreift.« – »Gott soll hüten!« entgegnete höhnisch der Jude. »Hab' ich doch meinen Leib zu lieb und meine Herren und Freunde. Wandert herzhaft mit mir, ich kenne auch hier die Schliche und unsere Leute sind überall!«

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