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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Dreiunddreißigstes Capitel.

»Ihr könnt mir glauben, lieb' Herrlein,« sprach am andern Morgen Gerhard zu dem Sohne Diether's. »Ihr könnt mir glauben, daß ich von Herzen froh bin, Euch wiederum zu sehen und erlöst aus den Klauen des schwarzen heimlichen Gesindels, ob mir gleich ein schönes Roß dadurch entgeht und Ihr nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Historie, die drüben vorgefallen ist, zum Besten geben wollt. Aber dennoch bin ich nichts weniger, denn zufrieden mit Euch und ich möchte ausrufen, so oft ich Euch ansehe, wie Ihr dasitzt, trüb vor Euch hinstarrend und wortkarg, wo sind sie hin, die Tage von Costnitz? Und noch mehr, wo sind sie hin, die Abende von Costnitz, wo wir And'res zu thun hatten, als der Vehme unsere Reverenz zu machen? Damals blühtet Ihr wie ein Borsdorfer Apfel, und ich war mit meinem Fett zufrieden, heute seht Ihr blaß aus, und mein Wams wirft – dank der Atzung im Oberstrichters Hause – verdrießliche Falten. Damals gleitete der Wein durch unsere Kehlen auf der Bahn ölglatter Bissen, lecker bereitet und hungrig verschlungen, heute schenkt Ihr nicht einmal einen Blick den herrlichen Fleischschnitten und dem Würztrunk, mit welchen Euch der freundliche Wirth vom »Einhorn« zum Frühimbiß bedacht hat; geschweige, daß Ihr noch so viel Gastfreundschaft bewahrt hättet, mich an Eurer Statt zum Mahle zu laden.«

Der Edelknecht wartete übrigens die Einladung nicht ab, sondern griff nach Becher und nach Messer. Dagobert nickte ihm halb lächelnd zu und sagte: »Nur zu, altes Sieb, nur zu. Ich gönne dir's vom Herzen, Alles, was ich besitze, Eines ausgenommen, gäbe ich darum, könnte ich sein ein fröhlicher Thor, wie du.« – »Ein Lobspruch, der mich ärgern könnte,« erwiderte Gerhard mit vollen Backen, »aber . . . ich vergebe Euch. Ihr seid verliebt, und der Hagel soll mich treffen, wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt; das wunderholde Gesicht, das während der Mummerei zu Costnitz neben des vertrackten David's narbigem Gesichte aus dem Fenster sah. Ist das jedoch eine Liebe, wie sie einem kecken Manne geziemt? Laßt das Seufzen und Grämeln einem dünnleibigen Minnesänger. Stillt Eure Sehnsucht und kümmert Euch nicht um die Welt. Der Kutte seid Ihr ledig und mir zum Mindesten kömmt's nicht wie eine Todsünde vor, eine hübsche Judenmagd zu lieben. Der liebe Gott hat viel Unkraut erschaffen, das demungeachtet anmuthig aussieht und erquickt durch Farbe und Geruch.« – Dem Schwätzer war's gelungen, durch die dreiste Auslegung seiner Lebensweisheit dem ernsten Dagobert ein neues Lächeln abzugewinnen. »Guter Freund,« antwortete dieser, »bin ich gleich nicht einverstanden mit deinen wilden Gedanken, so beurtheilst du mich doch falsch. Nicht die Minne preßt mein Herz. Die Minne ist's allein, die mich aufrecht erhält und mein Gram wurzelt nur im Vaterhause.«

»Ei, so laßt das thörichte Haus liegen, wo es liegt,« meinte Gerhard, »und geht dahin, wo Euer die Liebe wartet. Die Dinge in Eures Vaters Hause sind böse, bis auf das Fleisch hinein, wie ich wohl merke. Laßt darum Eure Hände davon; nehmt Euer Lieb, hinaus damit in die Welt und wollt Ihr gar gewissenhaft sein, so laßt das Mägdlein taufen. Dann mag der Teufel selbst es Euch nicht rauben.« – »Du malst die Zukunft leicht und schön,« entgegnete Dagobert leichteren Herzens; »und wer weiß, ob ich deinem Rathe nicht folge. Der Herzog von Oesterreich-Tirol hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiser und ich glaube doch, ich möchte wohl hinter seinen Alpen ein Plätzlein finden, meinen Herd zu gründen, auch ohne Vatershilfe.« – »Ei, der Herzog soll leben!« rief Gerhard, den Becher leerend. »Ihr wißt, wir sind zuletzt aus Feinden die besten Freunde geworden und ich habe dem Kaiser die Pest auf den Hals gewünscht, daß er dem Herzog die Eidgenossen auf den Hals hetzte in der größten Noth und Schuld daran war, daß die Länder im Argau, Thurgau und Breisgau zum Teufel gingen. Aber von Tirol hielt Siegmund die große Nase weg, und Friedrich, wird er gleich der mit der leeren Tasche genannt, vermag es doch noch, einen Freund, wie Ihr seid, warm und trocken zu setzen.« – Gerhard wollte sich just noch eines Breiteren über Dagoberts hingeworfenen Vorsatz auslassen, als der Wirth des Hauses schnell hereintrat. »Denkt Euch doch, Ihr Herren!« begann er, wider seine Gewohnheit schnell und lebhaft redend: »Ein Bauersmann, der meine Küche versorgt mit den Früchten seines Ackers, sitzt soeben unten und erzählt, er sei dem Schelmenritter, dem von Vilbel begegnet, der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt; einzig und allein von zwei Knechten geleitet. »»Kennst du mich, Bäuerlein?«« hat er den armen Mann angefahren, der demüthig sein Käpplein abgezogen hatte. Und da der Bauer bejahte, so fuhr der Ritter fort. »»Ziehst du nach Frankfurt auf den Markt, so grüße mir die Herren auf dem Römer und lade sie in meinem Namen ein nach Erlebach für diesen Abend. Meine Buben, die wilde Jagd aus der Wetterau, feiern heute dort den Kirchweihtag, und ich will noch selbst darauf den Reigen eröffnen, trotz meinen alten Beinen.«« – Nachdem er diesen Spott von sich gesprudelt, hieb er den Bauer mit der Peitsche über den geschorenen Kopf, daß er taumelte und die Knechte warfen ihn aus Muthwillen in den Graben, daß all' die Waaren, die er im Korbe trug, verdorben im Morast lagen. Sagt nun, Ihr Herren, wär's wohl gerathen, den Herren auf dem Römer die Mär anzuzeigen, daß sie den Erlebachern Hilfe schicken, die der Wütherich gewiß heute Nacht mit Brand und Mord bedroht?«

»Thut, wie es Euch gefällt, guter Wirth,« erwiderte Dagobert, »viel helfen wird's jedoch nicht, wenn auch der Räuber in seinem Uebermuth frech genug die wahre Fährte verrieth. Die Herren des Rathes sind unschlüssig, uneins, und ich denke wohl, daß meine Schwester graue Haare haben und Euer Gast, der Kaufdiener, verhungert sein wird, wann einmal der Beschluß herauskommt, ernstlich auf deren Befreiung zu sinnen.« Der Wirth begab sich, durch Dagoberts Worte unschlüssig geworden, kopfschüttelnd hinweg, und der junge Altbürger sprach munter und eilig zu dem Edelknecht: »Glaubt Ihr wohl, daß die Kunde mich wieder aufregte zum Leben? Ihr habt recht, Trübsinn und Schwermuth machen uns bresthaft, ohne zu helfen. Männlich Wollen und Thun gibt uns hingegen neue Kraft. Ich liebe meine Schwester nicht, weiß Gott, ich müßte es lügen, allein das erneuerte Angedenken an ihre schmähliche Haft empört mich, nicht minder die Saumseligkeit des Rathes, der mit Drohungen stets, zur That aber selten gerüstet ist. Laß' uns die Vollstrecker des Befehls werden, den die Bürgermeister geben werden, wann es zu spät sein wird. Laß' uns reiten und auf dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen. Ich will doch auch einmal versuchen, wie sich's thut, wenn man auf der Landstraße den Feind niederwirft und – will's Gott – muß Bechtram unser sein, ehe noch die Sonne im Mittag steht. Er wird sich fördern im Geschäfte mit dem Grafen, um rasch wie der Blitz am hellen Tage noch an unserer Stadt vorüber zu ziehen und Abends bei seinen Gefährten zu sein, denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor, wenn auch wohl nicht zu Erlebach.«

»Beim heiligen Martin!« rief Gerhard. »Ihr habt mir aus der Seele geredet. Ich habe ohnehin mit dem alten Bösewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen. Mögt Ihr's glauben, daß der Graukopf, zur Zeit, da er noch Hauptmann der Stadt gewesen, dergestalt vom Teufel des Hochmuths geplagt worden ist, daß er es abschlug, mit mir Brüderschaft zu trinken . . . bloß weil er dem Kaiser die Sporen abgegaunert hatte? Donner und Strahl! heute ist der Tag, an dem ich ihm jene Unbill in den Bart reiben könnte. Darum, mein wack'rer Geselle! auf und nicht gesäumt. Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden, wenn wir nur nicht die Gelegenheit versäumen, dem Schurken einen Stein in den Garten zu werfen und uns dafür einen solchen bei der Stadt in's Brett zu setzen.« – »Das Letztere mag deine Sorge sein,« versetzte Dagobert spöttisch und rief nach Vollbrecht, um Alles ohne Aufsehen zum Auszuge rüsten zu lassen. – Bei dem Namen des Knechtes faltete sich des Hülshofners Stirne. »Wär's nicht, daß wir Dreie seien gegen Dreie,« sprach er, »so möchte ich wohl, daß wir den Langen zu Hause ließen. Der Anblick des Burschen demüthigt mich in etwas, denn er trägt seine Wohlbeleibtheit so stolz vor sich her zur Schau, als wollte er mir immer sagen: »Gelt, du armer Fechtbruder, ich bin in die Pfingstwoche gerathen, während du noch immer am Aschermittwoch kauest?« – »Laß' den wackern Knecht ungeschoren,« erwiderte Dagobert freundlich und wendete sich gegen die aufgehende Thüre. Wie staunte er aber, da nicht Vollbrecht hereinkam, sondern der unerwartetste von allen Menschen, Diether der Altbürger, sein Vater. Verlegen und glühenden Antlitzes ging er auf den Ueberraschenden zu, ohne eines Wortes mächtig zu sein.

Der Alte, gewohnt, sein Aeußeres bei öffentlichen Gelegenheiten und Anlässen zu beherrschen, nickte langsam grüßend mit dem Haupte und blickte auf den Edelknecht, als wollte er fragen, warum sich ein unerwünschter Dritter hier befinde. Dagobert verstand den Wink besser, als der glotzende Gerhard und sandte ihn hinweg mit der Bitte, im Stalle nach dem Rechten zu sehen. – Als nun Vater und Sohn allein waren, begann der Erste, nachdem er sich gesetzt. »Du willst fort, Dagobert?« – Dieser bejahte gelassen. – »So leicht also wäre es dir schon geworden, von deiner Heimat und deinem Vater zu gehen?« Dagobert schwieg, um sich nicht in unangenehme Erörterungen einzulassen. Diether fuhr langsam fort: »Dagobert, du warst ja sonst ein harmloser Mensch, dessen Gutmüthigkeit, wie ein Kind, nach Allem griff, um es an die Brust zu drücken, wären es auch Schlangen gewesen. O, dieses kindliche Vertrauen kann noch nicht ganz aus deiner Seele gewichen sein, daß du nicht für die Reue eines Vaters ein Ohr, für seine zitternde, Vergebung suchende Rechte eine freundliche, offene Sohneshand hättest!«

Dagobert war auf ganz andere Reden gefaßt gewesen; um so überraschender klang die herzliche, erschütternde des Alten, unterstützt von seiner dargebotenen Hand, von der Thräne, die in seinem Auge bebte. Auch in Dagobert's Auge stürzten Tropfen des heiligsten Gefühls, und zu den Füßen des Vaters sank er nieder, als ob er der verlorne Sohn sei und der Verbrechen unzählige zu bekennen hätte. Diether war so ergriffen, daß er den Knieenden nicht aufheben konnte, sondern bloß mit seinen Händen dessen Wangen streichelte und Perle auf Perle in dessen braune Locken fallen ließ. – »O, mein Sohn,« sprach er nach langem Schweigen, »du kennst meinen unbeugsamen Willen – dir ist nicht fremd, daß ich eher in Zorn gerathe, als in Rührung; allein, ich fühle, seit gestern bin ich anders geworden. Mein Wahnsinn mußte mich auf den höchsten Gipfel treiben, um zu erliegen den glühenden Worten eines Fremden. Welche Nacht habe ich zugebracht in den qualvollsten Leiden meines Innern! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren und wie sträubte sich mein eiserner Sinn gegen die Reue, welche dem Beleidigten die Hand reichen muß . . . wie wehrte sich mein Fuß gegen den ersten Schritt, welcher der Buße auferlegt ist. Endlich hat der Herr gesiegt und mein besserer Theil; abgeschüttelt habe ich alle Scham, allen Hochmuth . . . und in dem Gewande der Demuth bin ich vor den Sohn getreten, um ihn zu bitten, daß er mir verzeihe, was ich schwer an ihm verschuldet und daß er darein willige, wieder in mein verwaistes und verödetes Haus zu ziehen, geschmückt mit der Fröhlichkeit seiner früheren Zeit und mit ungetrübtem Vertrauen gegen einen Vater, der die noch kurze Frist seines Daseins gerne hingeben würde, könnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten zurückkaufen.«

»Ach, mein Vater,« antwortete Dagobert sanft und schonend, »wie weh und dennoch, wie wohl thut mir nicht Eure Rede. Wenn es mich schmerzen muß, den Vater mich anflehen zu hören, wie kaum ein reuiges Kind thun möchte, so wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude, daß Ihr endlich mein Herz erkannt habt, das stets rein geblieben ist. Schier wäre ich verzweifelt an der Hoffnung, mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu dürfen; ein guter Gott hat aber dafür gesorgt, daß nicht getrennt bleibe, was der Allvater gnädig zusammenfügte. Glücklich werde ich sein, mein Vater, wenn Ihr mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt und läge es an mir, Euer Leben zu verschönern . . .« – »Deine Rede beschämt mich immer mehr,« versetzte Diether aufstehend und des Sohnes Hand schüttelnd. »Laß' uns reden wie es Männern geziemt, ohne viele Worte. Wir wollen wieder Eins sein, Freunde, gute Freunde, nicht wahr, mein Sohn?« – »Wahrlich, Vater!« versicherte Dagobert aufrichtig. – »Wir wollen vergessen und hinter uns werfen, was unser Gefühl beleidigt hat und zerrissen unsere Herzen!« – »Das wollen wir, Vater!« – »Wir wollen nicht zögern, der Welt zu zeigen, daß wir uns wieder vereinigten und ablassen von jedem Groll, den wir hegen könnten, gegen Feinde und wohldienerische Freunde!« – »In Gottesnamen, Vater.« – »Nun denn,« setzte Diether hinzu, »so komm' mit mir, mein Wiedergeborener, damit der Gang in unser Haus mir lieblicher werde, als der saure Gang hierher, wo ich den Sohn unter Fremden suchen mußte.« – »So Ihr mir erlaubt, alsdann auf einen Ritt zu gehen, den ich nicht verschieben kann?« – »Gerne, mein Sohn, Zwang soll dich nicht drücken. Nur einen Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hause, damit der Geist der Zwietracht völlig daraus entweiche.« – Sie gingen, Arm in Arm, durch die Gassen, wo alle Fenster aufgingen, an welchen sie vorüberkamen. Der Zwist zwischen Vater und Sohn war zum Geschwätze der Stadt geworden; ihre Versöhnung wurde es nicht minder. Die wahren Freunde winkten ihnen lächelnd zu, die falschen zogen sich beschämt auf die Seite, und der Schultheiß warf klingend die Fensterflügel zu, an welchen er zufälliger Weise ein Zeuge dieses rührenden Schauspiels gewesen war.

Bei dem Eintritte in das väterliche Haus sah Dagobert den Mann ihm entgegen treten, in welchem er alsobald – nächst Gott – die Wurzel dieser ersehnten Vereinigung erkannte: den Predigermönch Johannes, seinen würdigen Lehrer. »O, wie lieb ist mir's,« rief Dagobert, »daß dieses weiße Friedenskleid mir entgegen kommt und nicht die schwarze Kutte meines Ohms. Gott segnet meinen Eingang hier durch Euren Empfang, hochwürdiger Herr!« – »Der Mensch ist nur ein schwaches Gefäß, so lang ihn seine Begierde regiert,« erwiderte Johannes, »aber herrlich und stark, wenn der Herr ihn besucht in seiner Gnade. Seht hier einen solchen Herrlichen und Starken,« – fügte er bei, indem er auf Diether deutete, der mit seligem Lächeln daneben stand und die Hand auf Dagobert's Schulter hielt, als ob er befürchte, den Wiedergefundenen auf's Neue zu verlieren. – »O, mein Lehrer und Freund!« sagte Diether's Sohn, »noch gestern so unglücklich – heute so glücklich in den Armen des Vaters! Womit vergelte ich diese unerwartete Gnade?« – »Mit Versöhnung,« entgegnete Johannes, nach der Thüre zeigend, durch welche sich langsam und feierlich der Prälat von Cesena herein bewegte. Das Gespreizte und Gezwungene seiner Haltung, die heuchelnde Freundlichkeit, die auf seinen Lippen und Wangen saß, während der finstere Zug auf der Stirne ein still brütendes Mißvergnügen verrieth, hätte den scharf blickenden Neffen sicher wieder von der geforderten Versöhnung zurückgeschreckt, wenn nicht der Mönch seine Linke, der Vater seine Rechte ergriffen hätte, um ihn zu dem Eintretenden zu geleiten. – Die Annäherung indessen, welche selbst der Liebe entbehrend, durch den Einfluß geliebter Freunde dennoch nur zögernd zu Stande gekommen wäre, machte sich leichter durch die salbungsvolle Anrede des Prälaten, welcher aus vollem Munde seinem Neffen ein »Pax cum tibi, mi fili!« entgegenrief.

Der Verstoß gegen die römische Sprache, der darinnen lag, half glücklich über das letzte Hindernis weg, denn Dagobert erinnerte sich, in sich lachend, der Zeit, in welcher er den Ohm über manchen ähnlichen Schnitzer aufgeklärt hatte und in diesem Angedenken an lustige Tage gab er denn seine Hand in die feiste des Prälaten und sagte: »Gleichfalls, lieber Ohm und würdigster Herr! Willkommen auf deutschem Grund und Boden. Es wird Euch schwer gefallen sein, wieder zur Heimat zu kehren, aber besser spät denn niemals. Gott lasse Euch noch lange deutsche Luft genießen und uns Freunde sein. Vergebt mir, was ich vielleicht gegen Euch gesündigt und ich will Euch herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben.« – Verstummend sah der Prälat verlegen auf den Saum seines Gewandes – aber Johannes erbarmte sich seiner Verlegenheit und brachte ihn auf einen Text, der angenehmer war, auf den Unterschied der deutschen und wälschen Lebensweise. Monsignore gerieth in verwickelte Abhandlungen, und Dagobert, nachdem er, guter alter Sitte gemäß, vor dem Altar des Hauses ein kurzes Gebet verrichtet hatte, machte Anstalt, wieder zu scheiden. – »In Kurzem bin ich wieder zurück,« sagte er zu Diether, der ihn schwer wieder von der Seite ließ, »und mir glückt's vielleicht, etwas zu gewinnen, das Euch lieb und genehm ist, mein Vater!« – »Was kann mir lieber sein, als deine Nähe und die des kleinen Hans?« fragte Diether schmerzlich, sich umschauend. »So weit ich sehe durch das geräumige Haus, so fehlt doch immer die darinnen, welche fleißig hier waltete . . . eine ehrsame Hausfrau, bis mich der Satan beschlich. Nicht minder fehlt die Tochter . . . ach, und diese wird immer fehlen, da ich in ihr die Schlange erkannt habe. Ich beklage nur ihr Schicksal, zu dessen Entscheidung Bitten und Dringen den Rath noch nicht vermögen konnte. Und das Kind der Unglücklichen . . .«

»O schweigt, schweigt!« fiel Dagobert rasch ein. »Ihr spracht wahr . . . sie ist eine Schlange, aber dieses Kind, von welchem Ihr redet, ist ihr fremd – und gerade darum . . . o mein Vater . . . ich wage es nicht, diese Räthsel zu lösen, da ich nur einer mildern, günstigern Zeit es vertrauend überlasse! Dem sei wie ihm wolle; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal für unsere ganze Sippschaft, wenn wir sie nicht mit Gewalt zu Ende führen. Dieser Pflicht gilt mein heutiger Ritt und es wird sich zeigen, ob ich Glück mitbringe oder getäuschte Hoffnung.« – Zum Lebewohl reichte er dem staunenden Vater die getreue Hand und begegnete auf des Hauses Schwelle dem kleinen Hans mit Fiorillen. »Grüß' dich Gott, Muhmlein!« rief er lustig. »Der Teufel ist mit Gottes Hilfe ausgetrieben, obgleich der Ohm noch im Oberstocke wohnt; bete für mich, schöne Bekehrte, daß der Schwarze gänzlich auf dem Wege bleibt!« – Fiorilla deutete sorgfältig nach der Treppe und winkte dem Jüngling Schweigen zu. »Ich sehe es gerne,« sagte sie, flüchtig und scheu, »daß Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt – aber die Vertraulichkeit, die Ihr mir zu Costnitz schenktet, mäßigt vor der Eifersucht des Prälaten. Ich verlange nun nichts mehr zu gelten, als eine Magd, und frage nur aus teilnehmendem Herzen nach der holden Esther, deren Haus so schmählich zu Grunde ging.« – Dagobert flüsterte ihr in's Ohr, daß Esther sicher sei und wollte fort. Da klammerte sich Hans an ihn und fragte: »Schon wieder, lieb' Brüderlein, willst du scheiden ohne Gruß und Kuß für den armen kleinen Hans?« – »Ach, du armer Bube!« redete Dagobert zu ihm und zog ihn zu sich empor. »Du armes Unglücksmännlein! kannst du mir nicht sagen, wo der rechte Johannes ist?« – Der Knabe sah ihn groß an und erwiderte: »Ich verstehe dich nicht, lieber Dagobert. Aber in der Erde oder im Himmel muß er sein, glaub' ich.« – »In der Erde, im Himmel?« versetzte Dagobert düster. »O, du sagst die Wahrheit, du armer Bube.« – »Was habt Ihr denn, guter Junker?« fragte Fiorilla theilnehmend. – »Du verstehst mich auch nicht, Blümchen,« erwiderte Dagobert, »und wollte Gott, ich verstünde mich selbst nicht und wäre noch wie wohl sonst, und könnte hier den Buben lieb haben wie sonst, und wüßte nicht . . . aber wahrhaftig, ich rede thöricht Zeug und wünsche doch nicht, daß dein Mund meine Tollheit verrathe, meine Freundin. Hörst du?« – »Habt Ihr nicht erfahren, daß ich schweigen kann?« fragte Fiorilla entgegen. »Aber so gebt doch dem guten Jungen, der schon sein Mäulchen spitzt, einen Kuß, bevor Ihr geht.« – »Das will ich,« sagte Dagobert, indem er dem Hans einen derben Schmatz aufdrückte. »Da, mein kleiner Hans, und wenn ich wiederkehre, bringe ich dir einen Butterwecken mit, damit du glaubest an meine Freundschaft.« – »O ja,« rief der Kleine, fröhlich hüpfend, »einen Wecken und die gute, liebe Mutter; nicht wahr, Dagobert?« – »Deine Mutter? Deine gute, liebe Mutter?« fragte Dagobert schnell und überrascht; dann setzte er mit einem stillen Seufzer hinzu: »Ja, mein Hans, deiner Mutter gilt auch mein Gang. Leb' wohl!«

Mit einem bittern Zug um den Mund stellte er den Knaben nieder und eilte dem Thore zu, unter dessen Schwibbogen Gerhard und Vollbrecht seiner harrten, denn der Mittag kam heran. Der Hülshofner fluchte wie ein Heide über des Junkers langes Ausbleiben und behauptete, entweder sei der Gaudieb schon wieder seines Weges zurückgekehrt, oder die Mittagssonne würde sie verschmachten lassen, bevor sie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben würden. Dagobert ermangelte nicht, ihm wie gewöhnlich Trost zuzusprechen und verhieß ihm, ob nun das Gelingen den Plan krönen würde, ob nicht, etwas Besseres, als kühles Wasser zum Abendtrunk. Diese Prophezeiung willig für ein Evangelium haltend, trabte Gerhard dem voraneilenden Dagobert nach. Eine ziemliche Strecke von der Stadt entfernt, dem Gutleuthause gegenüber, fanden die Reiter gut zu rasten. Da war ein Erdaufwurf, hoch genug, Gaul und Reiter zu verbergen, umschattet von Schlehenbüschen, die dem kleinsten Sonnenstrahl willig den Durchgang ließen. Vollbrecht hatte in beträchtlicher Entfernung einige Gestalten auf dem krummlaufenden Wege bemerkt, die aus dem Forste zu kommen und Reisige zu sein schienen. Gerhard hatte sich in die Ginsterbüsche niedergestreckt und den Schatten seines Pferdes in Anspruch genommen. Dagobert hielt rüstig und lauernd hinter den Schlehenbüschen, durch welche sein scharfes Auge sowohl den Gayner Weg, als auch das jenseitige Ufer des Mains im Visir hatte. Vollbrecht hingegen hatte seinen Klepper an einen Erlenstrauch geschnürt und kroch auf allen Vieren, von Haidekraut und Dornbüschen versteckt, nach der Richtung zu, in welcher er die besagten Gestalten wahrgenommen zu haben vermeinte, um Kundschaft zu bringen und der Erste bei der Hand zu sein. Je weiter er auf diese Art kriechend vorrückte, je gewisser wurden seinem Blicke die Umrisse der Gestalten und er erkannte endlich deutlich drei Reiter, von denen einer vor dem andern daherzog.

Ihre Annäherung verzögerte sich indessen außerordentlich, da ihrer Pferde Schritte bald inne hielten, bald langsam vorwärts rückten. Lange versuchte Vollbrecht vergebens, die Ursache dieses ungleichen Rittes zu enträthseln; endlich bemerkte er, wie auf einem querfeldein laufenden Feldwege ein Wagen daher kam, bedeckt mit einem Segeltuche und von zwei Pferden bespannt; ein Fuhrwerk, wie es sich die Kaufleute der Landstädte zu ihren Reisen über Land anzukaufen pflegten. Da nun, je näher der schneckenähnliche Wagen kam, auch die Reiter je mehr und mehr inne hielten und sich endlich an den Saum des Weges zogen, wo einige dicht verwachsene Hecken und Bäume sie verstecken konnten, so zweifelte Vollbrecht keineswegs daran, daß die Herren es auf den Karren abgesehen hatten und machte sich unverzüglich auf den schnellsten Rückweg. Bei seinem Herrn angelangt, fand er diesen und sogar den von der Hitze träg gewordenen Gerhard schon bereit, loszugehen auf die fernen Reiter. »Es ist kein Zweifel,« sagte Dagobert, nachdem er Vollbrecht's Bericht angehört, »es ist kein Zweifel, daß es der alte Raubgeselle Bechtram ist, der dort hinter dem Busche lauert. Mir sagt's meine Ahnung. Aber nicht minder ist kein Zweifel, daß, wofern wir nicht eilen, der Ruhm, hier den Strauß begonnen zu haben, uns entgehen werde, denn ich vermuthe, der Rath war diesmal seinerseits auch wachsam. Dort bei den drei Buchen über'm Main sehe ich Bewaffnete an's Ufer laufen. Sie tragen die Stadtfarbe und ich wette, sie suchen die Furth, um ihres Wildes nicht zu fehlen. Drum frisch voran, ihr Gesellen!«

Wie der Wind sprengte er den Andern voran; ihm nach trabte Hülshofens schwerfälliger Hengst, auf welchem der Edelknecht saß wie ein Mann von Erz. Vollbrecht knüpfte sich den Streithammer an die Faust und spornte seinen Klepper dergestalt, daß er nur wenig hinter seinem Herrn zurückblieb. Die Raubscene hatte schon begonnen, als die Reiter noch fern von dem Schauplatze waren. Der Besitzer des Wagens, der völlig sorglos unter dem schattigen Dache saß, ein schlichter Wollen- und Hanfhändler aus der Gegend, wurde zu seinem Schrecken von dem Anrufe der Buschklepper aus dem Schlummer geweckt. Schlaftrunken griff er mit der Rechten nach dem Haudegen zu seiner Seite, während er mit der Linken, am Leitseil reißend, die müden Gäule zu einem wiewohl vergeblichen Rennen antreiben wollte. Dieser Versuch belohnte sich aber schlecht. Ein grausamer Stich streckte das Leitpferd nieder und ein gewaltiger Hieb lähmte den Arm des unglücklichen Kaufherrn. Der Wagen hielt. Mächtige Fäuste langten unter die Decke, zogen den von Schmerz halb ohnmächtigen Eigenthümer hervor und warfen ihn unter den Wagen, wie ein unnützes Stück Holz. Der Arme konnte diese Mißhandlungen nur mit ängstlichem Gewimmer erwidern, das die Unmenschen verlachten, die sich alsobald an die Beraubung des Wagens machten.

Die Bündel und Päcke, die darin aufgeschichtet lagen, schienen ihnen theils zu gering an Gehalt, theils zu unbequem zum Fortschaffen, und soeben rissen sie unter den grimmigsten Drohungen den Kaufmann in die Höhe, um ihn nach Geld zu durchsuchen, als der den Befehl führende Ritter einen Blick in die Höhe warf und zu seinem Mißvergnügen wenige Pferdelängen von der Stätte entfernt, drei Reiter ersah, die gerade auf ihn und seine Leute losrannten, mit unverhohlener drohender Geberde. »Hagel! Strahl und Pestilenz!« schrie er. »Auf, Ihr Buben, schlagt den Hund vor den Schädel und setzt Euch zur Wehre! Frisch auf die Schurken dort!«

Zum Glück für den Kaufmann, der sein letztes Stündlein mit Zittern und Zagen erwartete, waren die Retter schnell da, wie Gottes Blitz. Gezwungen, sich vor den einhagelnden Hieben zu schützen, und zum Beistand ihres Herrn angerufen, ließen die reisigen Knechte den Mißhandelten ledig und das Handgemenge begann zu wüthen.

Dagobert war auf den Ritter losgestürzt und beschäftigte ihn mit blitzschneller Klinge, während Gerhard einen nach dem andern von den Knechten vom Gaule rannte, durch die Wucht seines Ansprengens allein. »Gieb dich, grauer Raubknecht!« donnerte er hierauf dem Herrn von Vilbel zu und hieb ihm mit der flachen Klinge auf die Faust, daß er des Pferdes Zügel fallen lassen mußte. – »Kreuz, Stein und Strahl! Vermaledeiter Hülshofen!« fluchte Bechtram, und Dagobert riß ihn vollends vom Pferde. Der alte Raubgeselle wehrte sich noch am Boden wie verzweifelt, aber sein Grimm erstarb in Ohnmacht und Thränen der Wuth perlten in seinen grauen Bart, da er seine Hände gebunden und sich aller Waffen beraubt fühlte. Die Söldner der Stadt, die mittlerweile über den Strom gesetzt hatten, machten vollends reine Arbeit und knebelten die beiden Knechte des Stegreifritters.

»Ritterliche Haft! ritterliche Haft!« bat der überwundene und gedemüthigte Bechtram, die gebundenen Hände zu Gerhard und Dagobert aufhebend. »Den Teufel auf deinen Schurkenschädel!« antwortete ihm der Hülshofen; »ich will dich lehren, wackern Kämpen die Freundschaft zu versagen, hochmütiger Dieb. Sieh' her, wie du den armen Mann zugerichtet hast,« setzte er hinzu, auf den Kaufmann zeigend, der sich mühsam herbeischleppte; »armer Heinz Duke! wohl erkenne ich dich. Ich habe schon manches Wollwams bei dir gekauft und auch manches geborgt. Stehe ich allenfalls noch auf deinem Kerbholze, so kannst du mich dieses Dienstes wegen auslöschen und dir die Freude machen, aus deinem schönen Hanf einen Strick für diesen Buben zu drehen, der ihm fein und glatt zum dicken Halse stehen soll.«

»Niederträchtiger Klopffechter!« schnaubte Bechtram wild, und dieses Wort wäre mit einer entsetzlichen Mißhandlung bestraft worden, hätte sich nicht Dagobert des Gefangenen angenommen, den Ueberwindern Mäßigung gepredigt und darauf gedrungen, schnell nach der Stadt zurückzukehren mit der guten Beute. – Ritter und Knechte wurden auf die Gäule geschnürt, und Reiter, Fußknechte und Wagen zogen bald wie stolze Sieger in der wichtigsten Fehde in Frankfurt ein. Der Jubel des Volks donnerte auf allen Gassen, da es den gefürchteten Feind in seiner Gewalt sah, und Dagobert's wie Gerhard's Namen schwebten gepriesen auf allen Zungen. Sogleich versammelten sich Bürgermeister, Schöffen und Rath, und der Schultheiß, an der Spitze der gesammten Väter der Stadt, mußte, so schwer es ihm auch wurde, dem verhaßten Sohne Diether's den Dank der Bürgerschaft verheißen. Diether umarmte seinen Dagobert und rief: »Ja, du bist ein treuer Mensch. Die Feindin zu retten, wagst du dein Leben!« – »Die Feindin?« fragte Dagobert wehmüthig entgegen. »Verhüt' es Gott, Wallrade ist meine Schwester, aber unwürdig leider unseres Namens. Ich hasse sie jedoch nicht und würde, sie zu befreien, wohl noch mehr thun, als einen Räuber niederwerfen.«

Dieser Räuber war ein Felsen von Verstocktheit. Sein Leugnen, sein Hohn gegen die Vorwürfe, mit welchen ihn des Raths Vorsteher überhäuften, seines Treu- und Friedensbruchs wegen, überstieg an Frechheit Alles, was man bisher aus Räubermund vernommen hatte. Seine Knechte, in der Schule des Verbrechens groß gezogen, folgten dem Beispiele ihres Gebieters, bis der Oberstrichter ihnen mit der Folter drohte und zum Beweise, daß er es ernstlich meine, die schrecklichsten Folterwerkzeuge herbeibringen ließ. Dieser grausenvolle Anblick erschütterte die Standhaftigkeit der Reisigen; sie bekannten endlich unter der Bedingung, ihr elendes Leben zu behalten, eine Unzahl von blutigen Thaten und Raubfreveln, die ihr Brotherr binnen der letzten Frist verübt hatte. Keine Schandthat war zu denken, die nicht von Bechtram und seiner wilden Jagd begangen worden wäre, und der graue Sünder erblaßte selbst, da man ihm die Litanei seiner Bubenstücke vorhielt. Sein Trotz und Uebermuth verwandelte sich, da er seine Helfershelfer von ihm gewendet sah, in plötzliche Muthlosigkeit und in eine finstere Ahnung des Schicksals, das ihn betreffen möchte.

Unter solchen Umständen wurde es dem Oberstrichter leicht, noch in der Nacht desselben Tages das Bekenntnis von ihm zu erringen, daß Wallrade und der Kaufdiener Schwarz und noch einige andere arme Leute in seinem Raubneste gefangen gehalten würden; . . . und die Furcht vor einem schmählichen Tode – die Hoffnung, Leben und Freiheit zu erhalten, bewog den an seinen Freunden Verzweifelnden, an seine Hausfrau folgende Zeilen zu schreiben: »Der ehrbaren Else von Vilwyl, meiner lieben Hausfrau, meinen freundlichen Gruß zuvor. Liebe Hausfrau! Ich lasse dich wissen, daß mich die von Frankfurt gefangen haben; darum befehle ich dir, die Gefangenen von Stund' an laufen zu lassen, weil ich gefunden habe, daß ich nichts mit ihnen, noch sie etwas mit mir zu schaffen haben. So du das thust, ist mir's lieb. Gegeben unter meinem Insiegel. Zum Wahrzeichen schicke ich dir deinen eigenen Siegelring. Bechtram von Vilwyl, Ritter.«

Dieser Brief war geschrieben, aber der Bote fehlte, welcher ihn überbracht hätte, indem die Härte und grausame Rohheit der Frau von Vilbel, wie der Genossen des Ritters im ganzen Gau bekannt war, und selbst der Entschlossenste den Tod fürchtete, als sichern Lohn der Botschaft. Vergebens befahl der Rath; seine Diener meinten, ihr Leben käme nicht wieder, wenn man auch den Bechtram alsdann der Rache opfern wollte, und Geld und Versprechungen bewogen Keinen, nach dem übelberüchtigten Schlosse Neufalkenstein zu reiten. »Schande genug für so viele im Kriegshandwerk ergraute Leute!« schalt Dagobert, da er diese unaufhörlichen Weigerungen erfuhr. »Gebt mir Brief und Ring und ich hole die Gefangenen aus der Höhle des Wolfs. Trifft mich dabei ein Unglück, nun, so laßt eine Messe für meine Seele lesen und damit gut. Es soll nicht gesagt werden, daß sich in ganz Frankfurt kein Mann gefunden, der es gewagt hätte, den Räubern in das Weiße des Auges zu sehen.«

Auf dieses kecke Anerbieten hin fanden sich Viele, die nun das Wagstück unternommen hätten, allein Dagobert blieb fest bei seinem Begehren, und der Schultheiß unterstützte es, gegen alle Einwendungen des Vaters und der Freunde des Jünglings. Dagobert erkannte wohl den bösen Sinn seiner Bemühungen, freute sich aber ihrer Unterstützung und ritt von dannen, geleitet von Vollbrecht und einem Trompeter der Stadt, als ob er zu einem fröhlichen Kirchweihfeste geladen wäre. – »'s ist doch mein alter böser Fluch« – brummte er lächelnd vor sich hin – »daß ich immer die Pfoten in's Feuer stecken muß für Leute, die mich vergiften möchten; aber, was thut's? Mit meinem Frohsinn wächst meine Zuversicht und meine Lust, jedem zu helfen, der meines Dienstes begehrt. Mütterlein und Bruder Hans im Himmel werden mich dafür segnen und es nicht übel nehmen, wenn ich mich auch um die entartete Schwester, um die verirrte Stiefmutter bekümmere, und den armen kleinen Hans nicht aus dem Hause stoße, wenn er gleich nicht hineingehört. Seine Mutter ist ja doch unser eigen Blut. – Frisch also vorwärts! Ich gehe auf dem Wege des Rechten und darf mich nicht fürchten; wartet doch meiner Segen und ein freundlicher Blick aus Esther's holdem Auge.«

Das Bild der Lieblichen, das in ihm emporstieg, machte ihn selig, aber traurig zugleich. Denn ob er gleich seiner Liebe zu dem Mädchen so klar bewußt geworden, daß er sie nicht mehr leugnete, so war ihm doch das Ende, welches dieses Gewirr von Begebenheiten nehmen würde, nichts weniger als klar. Denn, wenn seine Zärtlichkeit sich auch über die Vorurtheile der vornehmern Stände hinwegsetzte – immer riß sich eine unübersteigbare Kluft zwischen ihm und Esther auf. Ihr Vater trat immer dazwischen, wie ein störender Geist, und diesem Mann hatte er jetzt den Aufenthalt seines Kindes verrathen . . . diesen Mann war er gewiß, bei Esther zu finden. Wie würde sich Alles entwickeln – wie sich lösen? – Esther mit sich vereinigt zu denken, schien ihm vom Schicksale zu viel gefordert. Eine Trennung von ihr? Ach, wie weit schob seine sehnsüchtige Liebe diese Möglichkeit in den fernsten Hintergrund der Zukunft!

Neufalkenstein ragte vor ihnen empor im Mittagsglanze. Der Wächter auf dem Wartthurme blies aus Leibeskräften sein Horn, da der Trompeter der Stadt die Annäherung eines Besuchs verkündigt hatte. Ein unruhiges Hin- und Herlaufen im Zwinger wurde durch die Fensterluken und Schießscharten der Mauer bemerkbar, und eine Stimme rief durch das Gitter am Thorbogen den jenseits des Grabens haltenden Reitern zu. »Ich habe eine Botschaft zu werben bei der Frau von Vilbel,« antwortete Dagobert, »im Namen der freien Reichsstadt Frankfurt.« – »Frau Else ist krank,« lautete die Gegenrede. – »Thut nichts; ich werde nur wenig mit ihr sprechen und nur einen Brief übergeben.« – Die Stimme innerhalb dem Thore verstummte, und die Boten der Stadt harrten lange vergebens. Indessen waren auf dem Wartthurme Leute erschienen, unter ihnen ein Frauenbild mit wehendem Schleier, das starr und unverwandt auf Dagobert und seine Begleiter herniedersah. – »Wenn die Sonne mich nicht blendet,« sagte Vollbrecht, »so ist das Frauenbild Eure Schwester, Herr. Sie trägt dasselbe Kleid, in welchem sie von Frankfurt abfuhr, da Ihr mich auf ihre Spur sandtet.« – »Sie lebt also!« jauchzte Dagobert. »Ich werde ihr mit Gutem vergelten können, was sie Böses an mir versucht.« – Soeben klirrte die Zugbrücke nieder, und des Thores Flügel öffneten sich. Vollbrecht wollte seinem Herrn folgen, aber dieser wies ihn zurück. »Bleibe hier bei diesem Manne,« sprach er; »bleib' ich aus, so meldet's zu Frankfurt, und du, mein Vollbrecht, sagst es in der Forsthütte zu Dürningen. Gott befohlen indessen.«

Gelassen und stolz ritt er über die Brücke durch das Thor und rief hier feierlich aus vor dem Haufen Bewaffneter, die ihn umgaben: »Ich bin ein Herold und unverletzlicher Bote der Stadt, und, so Ihr ein Haar krümmt auf meinem Haupte, sage ich diesen Mauern hier Brand zu, und Euch Allen, die da halfen, den Tod auf dem Rade.« – Als er nach diesem Eingange sich vom Roß geschwungen, so bemerkte er wohl, wie unnöthig seine Drohung gewesen sei, denn bleiche Gesichter standen um ihn her; kein Trotz war in den Mienen zu schauen, sondern eine wilde Aengstlichkeit, eine Unruhe, wie sie Verbrecher vor dem Gange zur Strafe zu überfallen pflegt. Am Thore des innern Hofes empfing den Jüngling Frau Else mit rothen Augen und kraftlos einherschreitend. Kaum vermochte sie sich den Schein der stolzen Gebieterin zu geben, die des Boten Gewerbe gleichgültig erwartet; aber auch dieser Schein verging, als Dagobert ihr den Brief verlesen und den bewahrheitenden Ring überreicht hatte. Ihre Knie zitterten, wie ihre Lippen. – »So ist es denn sicher und gewiß,« sprach sie zu dem alten Doring, der neben ihr stand. – »Ich konnte es bis jetzo nicht glauben. Mein Alter in den Händen der Frankfurter! Sprecht, Doring . . . was soll ich thun?« – »Befolgen, was er Euch befiehlt,« erwiderte der Alte, dem die Augen feucht geworden waren. »Gebt frei die Gefangenen, damit Euer Herr lebe und frei sei. Zögert nicht.« – »Alsobald,« versetzte die Frau und suchte an ihrem Schlüsselgebunde die Schlüssel zum Thurme und konnte sie lange in der Verwirrung nicht finden.

»Nicht wahr,« fuhr sie, weichmüthiger denn je, fort, als Doring mit den Schlüsseln hinweggegangen war, »nicht wahr, Bechtram wird nicht sterben, da ich thue, was er und Ihr verlangt. Nicht wahr, mein guter Herr! Ihr versprecht mir das?« – »Wie kann ich das, gute Frau?« fragte Dagobert. »Unsere Herren zu Frankfurt haben darüber zu richten, doch werden sie milde sein, denke ich.« – Wallrade flog herbei und umarmte den überraschten Dagobert wie den herzlichsten Freund. »Willkommen, Bruder!« rief sie mit der Freundlichkeit einer Schlange. »Willkommen hier als Bote der Erlösung! Auf dich habe ich gehofft, von dir meine Rache erwartet. Der Gatte dieses schändlichen Weibes – auf Else deutend – ist gefangen, wie ich vernehme, und sein Tod ist unsere Freiheit. Dank dem Himmel!« – »Ha.« fuhr Else, durch die boshafte Rede des Fräuleins gereizt, empor, »wenn ich das wüßte! wenn er sterben müßte, trotz Eurer Loslassung! Erwürgen ließ ich Euch zur Stelle und diesem Boten das Haupt abschlagen, als vorausgenommene Rache.« – Der herbeigekommene Conrad Schwarz, sammt einigen Bauern, die in Neufalkensteins Kerker gesessen hatten, sammelten sich erschrocken um den furchtlosen Dagobert, denn sie hatten die in Wuth auflodernde Frau schon kennen gelernt. Wallrade hielt sich zitternd an seinen Arm. Er machte sich aber ruhig los von der Falschen und erwiderte Frau Elsen: »Versucht's, mein Amt zu verletzen, und erwartet alsdann die fürchterlichen Folgen.« – »Was könnte denn noch Schrecklicheres kommen, wenn Bechtram verloren wäre?« klagte Else mit dumpfem Tone. »Wir sind so lange zusammen gegangen, über dreißig Jahre sind's, haben Freud' und Leid, Ehr' und Schmach getheilt und getragen. Wahnsinnig müßte ich werden, ginge er vor mir heim wie ein schimpflicher Verbrecher . . . und noch einmal . . . wüßt' ich's im voraus . . . weder das böse Fräulein hier, noch Ihr, der Bruder, trügt Eure Köpfe ganz hinweg!«

»Laßt uns gehen, mein Bruder,« drang Wallrade in Dagobert. »Höre nicht auf die Worte des Weibes. Kommt.« – »Alsobald, mein Fräulein,« antwortete Dagobert kalt. »Erlaubt nur, daß ich zuvor Frau Elsen auf das Ernstlichste befrage, ob kein Gefangener mehr in der Veste verborgen?« – Else schüttelte schweigend mit niedergeschlagenem Blicke das Haupt. – »Keiner, keiner, mein Bruder!« antwortete für sie und ungestüm Wallrade. »Komm', laß' uns eilen!« – Indessen hatte ein junger Knecht dem muthigen Dagobert zugeflüstert, er möge es nicht glauben; es sei noch eine Frau im Schlosse verborgen. Dagobert fragte unerschrocken nach der Versteckten. Wallrade, roth vor Zorn und Ungeduld, bestritt einstimmig mit Elsen die Forderung des Bruders. Dagobert stellte den Leugnenden den Knecht gegenüber, nachdem er ihm Freiheit und Leben zugesichert. – »Verräther!« herrschten nun diesem Elsens Lippen entgegen und auch Wallradens Munde entfloh eine leise Verwünschung.

»Was soll dieses verstockte Lügengewebe?« fragte Dagobert, als sei er der Herr Neufalkensteins. »Denkt Ihr mit mir und meinen gnädigen Herren ein frevelnd Spiel zu treiben? Ihr möchtet es bereuen. Eine kleine Strecke von hier rastet ein Fähnlein gut Bewaffneter. Glaubt Ihr denn, ich hätte mich allein in Euren Schlupfwinkel gewagt, daß Ihr meinem Begehren solch' unverschämten Widerstand leistet? Heraus an's Tageslicht mit der Unglücklichen, die Ihr verborgen haltet, heraus, oder das Spiel endet mit Euch nicht gut.« – »Wären nur der Hornberger und Eppensteins Wolf zugegen, Ihr solltet bald zahm werden!« murmelte Henne von Wiede grollend. – »Gewiß die saubern Gesellen, die gestern Nacht zu Erlebach brannten, sengten und plünderten, wie gottvergessene Heiden?« fragte Dagobert wild entgegen. »Die Missethäter entlaufen ihrem Galgen nicht. Ihr rettet aber Euren Herrn, wenn Ihr ohne Widerrede herausgebt, wen Ihr widerrechtlich zurück zu halten Lust bezeigt.«

Else schwieg noch unentschlossen, da drängte sich aus dem Haufen der Burgleute der Leuenberger vor, mit seiner gewohnten Frechheit gerüstet und seine Unverschämtheit gleichsam überbietend. »Thut nicht so patzig. Neffe!« rief er. »Auch den Heroldsrock sammt dem Herzen darunter zerreißt mein Stahl, wenn's nöthig ist. Hier aber habt Ihr eben so wenig das Recht, das Wort des Herrn zu führen, als wir der Heimlichkeit bedürfen, um unser Recht darzuthun. Das Weib, welches hier zurückbleiben muß und sogar will, ist meine Schwester, Eures Vaters Frau, die er schändlich aus dem Hause hat gestoßen, er – der Krämer, eine adelige Leuenbergerin. Schutz hat sie bei mir gesucht und bei Pest und rothem Hahn! ich will sie schirmen wie der Vogt das Kloster. Eure Schwester nehmt immerhin mit Euch, sie ist eine Hexe, die den Klügsten kirre macht und hinterher verleumdet. Ihre Schlangenlist hätte mir fast das Leben gekostet. Fort mit ihr, aber Margarethe bleibt bei mir.« – »Frau Margarethe hier?« fragte Dagobert staunend, »Margarethe hier in Haft? Wenn Euch Euer Leben lieb ist, gebt sie heraus.« – »Das Weib geht mich nichts an,« erwiderte Else trotzig. »Der Bruder hat Gewalt über die Schwester.« – »Der Mann hat größere über sein Weib!« versetzte Dagobert. »Gebt sie heraus, die Hausfrau eines Altbürgers von Frankfurt.«

»Der Teufel hole Frankfurt!« fluchte der Leuenberger, »Neffe, reizt mich nicht. Meine arme Base ist schon von Eurer Schwester in's Grab geärgert worden. Meine Schwester soll nicht zu Grunde gehen in Euren buhlerischen Armen, denn nur für Euch gedenkt Ihr sie heimzuführen!« – »Verdammter Hund!« brach Dagobert los und griff nach dem Schwerte. Die Schar von Taugenichtsen gerieth in Bewegung; Veit zog seine Klinge blank und Frau Else schrie Zeter. »Mord und Tod!« rief sie wild, »seht, wie der Herold selbst sein Recht verletzt. Thor zu! Brücke auf! Geht dem Frankfurter Wichte zu Leibe!« – Da Veit seine aufmahnende Stimme mit der ihrigen vereinte, schickten sich die Knechte willig an, Folge zu leisten. Einer der entfernt Stehenden langte die Armbrust vom Haken und zielte auf den in den Sattel gesprungenen Jüngling, um welchen sich das Häuflein der wehrlosen Gefangenen drängte, das von ihm Befreiung erwartete. Der heimtückische Schütze fehlte jedoch sein Ziel, da ein schnell Herbeikommender ihm die Waffe aus der Hand schlug. »Schurke!« rief er. »Hüte dich vor Meuchelmord und Ihr, Frau Else, gedenkt Eures Herrn und seines Schicksals, das auf der Spitze einer Nadel wirbelt. Kommt herzu, ehrsame Frau,« setzte der Mann bei, indem er ein bekümmertes Weib in die Mitte der empörten Streiter leitete, »stiftet Ihr den Frieden und endigt durch Euren Ausspruch diesen Auftritt, der dem Rasenden hier nur Gefahr bringen würde und den ich ferner nimmer ansehen kann.« – »Graf von Montfort!« rief Dagobert mit düsterm Blicke, »wie kommt Frau Margarethe zu Eurem Schutz? Ich bekenne, daß Ihr Euch der Weiber unseres Hauses allzusehr annehmt, wenn Bechtram wahr sprach, als er Euch den Stifter des Raubes an dieser hier« – auf Wallrade zeigend – »nannte.« – »Wahr sprach er!« fiel Wallrade giftig ein, »dieser unedle Rittersmann befahl den Frauenraub und kam selbst, an meiner Qual sich zu weiden und mich mit seinen unziemlichen Wünschen zu verfolgen.« – »Das Letztere ist Lüge,« versetzte Montfort, »das Erstere leugne ich nicht und bereue, daß ich, von der Leidenschaft des Hasses und der Rache geblendet, unedel an der Nichtswürdigen handeln konnte und in Gemeinschaft treten mit dem räuberischen Bechtram, dessen Schandgewerbe mir erst klar wurde, da ich in das Innere seiner Wohnung trat. Seinen Dienst bezahlte ich mit meinem Golde und Euch, mein kühner Degen, biete ich Vergeltung in ehrlichem Zweikampfe, damit mein Schild rein werde von der bösen That. Jetzo aber entscheidet rasch das Schicksal dieser Aller und nehmt sie fort mit Euch.«

Dagobert antwortete ihm nicht, sondern heftete den Blick auf Margarethen, die wie eine ergebene Dulderin dastand, mit gerötheter Wange und fliegendem Busen. – »Den will ich sehen, der mir die Schwester raubt,« sprach Veit frech und kühn, »ihr eig'ner Wille ist's, zu bleiben.« – »Wie, ehrsame Frau?« fragte Dagobert staunend. »Spricht der Mensch die Wahrheit?« – »Der Wille, recht zu handeln,« entgegnete Diether's Gattin, »hat mich aus meines Herrn Hause geführt und in dieser Leute Hand gegeben. Ich befürchte jedoch, ich darf nimmer wiederkehren zu meinem Herrn und eh' ich der unverdienten Schande mich überlasse . . .« – »Eher wolltet Ihr dem Straßenräuber folgen?« fragte Dagobert ernst. »Mutter, das sprach nicht Euer guter Wille und um den bösen Geist zu bannen, schwör' ich's Euch, Ihr werdet offene Arme in Eurem Hause finden.« – »Dann, ja dann . . .« lispelte Margarethe überrascht und zögernd. – »Nichts dann!« fiel Veit tobend ein, »Pest und rother Hahn! Eine Leuenbergerin wieder zurückkehren zu dem Ellenprinzen, gleichsam wie in Sack und Asche? Des Todes ist der Bube, wenn er nur deine Fingerspitzen berührt, wankelmüthige Grethe!« – »Der Leuenberger hat recht!« schrie Else dazwischen; »und ich bin die Herrin auf Neufalkenstein und ehre wohl den Herold der Stadt Frankfurt, aber den ungeschliffenen Gast, der in meines Hauses Rechte greift, laß' ich in's Verließ werfen. Thor zu! Brücke auf! sage ich noch einmal!«

Nun eilten die Knechte, den Befehl zu vollziehen; Montfort sprang jedoch zwischen Veit, welcher Margarethen mit sich fortreißen und Dagobert, der wüthend wie ein Löwe unter das Gesindel sprengen wollte. – »Weib!« rief er der zornrothen Else zu, die soeben dem verräterischen Knecht den Strang zum Lohne verhieß, »Weib! Du selbst bringst deinen Mann unter das Beil des Henkers!« und in demselben Augenblicke ließen sich schmetternde Trompetenstöße vor der Burg vernehmen, die von einigen Hörnern in der Ferne beantwortet wurden. Diese kriegerischen Töne, Dagobert selbst unerwartet, machten auf die Burgleute den Eindruck wie Posaunen des letzten Gerichts. – »Ihr bringt uns Alle aufs Blutgerüste!« brüllte Doring dem erstarrenden Leuenberger zu; »der Bursche hat nicht gelogen. Draußen liegen die Helfer und wir sind verloren, ein schnell überwund'nes Häuflein. Laßt das Weibsbild ziehen und rettet Eure Haut!« – Veit ließ es geschehen, daß Montfort die frohlockende Margarethe an Dagobert übergab und Else weigerte sich eben so wenig, die Wiedereröffnung des Thores zu befehlen. Die Gefangenen zogen aus und Wallrade fühlte die Demüthigung, sehen zu müssen, wie Dagobert Margarethen auf sein Pferd hob und dasselbe am Zügel führend, neben herging. ohne einen Blick, ohne ein Wort ihr, der Heuchlerin, zu schenken. – Frau Else sank, in ohnmächtigem Grimm und banger Ahnung vergehend, trostlos am offenen Thore nieder, den Abziehenden nachstarrend und ein Gebet für ihren Gatten versuchend; der Leuenberger rannte im Hofe wie ein hintergangener Teufel auf und nieder; die Knechte glotzten fluchend dem Zuge nach und sandten, da derselbe schon ferne war, noch einige Bolzen und Steine hinterdrein, die jedoch ihr Ziel nicht erreichten. – »Wir sehen uns wieder,« hatte Montfort beim Scheiden zu Dagobert gesagt, »und dann stehe ich Euch Rede!«

Wallrade hatte ihm einen vernichtenden Giftblick zugeworfen und schritt verdrossen neben Dagobert hin. In kleiner Entfernung kamen den Befreiten Vollbrecht und der Trompeter entgegen und jubelten, Dagobert unversehrt wieder zu erblicken. – »Wahrlich,« sprach der Knecht, »wir hatten Angst, da die Zeit verrann und Ihr nicht wiederkehrtet. Und als nun vollends die Brücke aufflog, glaubten wir Euch hingemetzelt und sprengten fort. Doch, kaum an jenes Tannengehege gelangt, ersehen wir eine Schar von Gerüsteten, die eilig heranziehen. Der Trompeter bläst, das Hifthorn des Führers antwortet und ein Reiter voran schwingt im Sonnenstrahl die Lanze. Frankfurter sind's und trüge ich mich nicht, an ihrer Spitze der Edelknecht, mein ehemaliger Herr.« – Die Söldner kamen soeben heran und der Hülshofner in eigener Gestalt sprang von dem Gaule und fiel seinem Freunde um den Hals. – »Gott sei Dank!« rief er, »daß Eures Vaters Besorgnis vergebens war und wir, die Nachgesandten, Euch wohl und heil antreffen. Was mich betrifft, der ich freiwillig diesen Ritterzug, Euch zu beschirmen, unternahm, ich bin schier aufgebracht darüber, daß ich nicht für Euch Sturm laufen, nicht für Euch mich herumbalgen darf. Die Hunde sollten meine Faust gespürt haben.« – Er erblickte nun Wallraden und bot ihr, höflich genug für einen rohen Gesellen, sein eigen Pferd zum Dienste an. Das Fräulein schlug es, mit einem unwilligen Blick auf ihren Bruder, aus. Dagobert gebot seinem Knechte, sein sanftes Pferd Wallraden zu leihen und half ihr in den Sattel. Während dessen sprach Wallrade hämisch zu ihm: »Dein unzartes Benehmen gegen mich war mir ein Räthsel. Der Edelknecht hat es gelöst. Der Vater hat sicher mit dir Friede gemacht und dein Uebermuth ließ die Ueberwundene zu Fuße gehen, neben dem Rosse deiner so sehr geliebten Stiefmutter.« – »Ich antworte dir nur,« versetzte Dagobert ernst, »daß ich dir rathe, deine giftige Zunge im Zaume zu halten. Wisse, Unselige, Rüdiger starb in meinen Armen, gebeichtet hat er mir deine Frevel. Ein Versuch von dir, den häuslichen Frieden meines Vaters zu stören und ich spreche ohne Schonung, du entartetes Weib, du gefühllose Mutter!« – Wallrade wurde bleich wie der Schnee, und Dagobert kehrte, sie der Leitung Gerhard's überlassend, zu Margarethen zurück, welcher der Unmuth in seinen Mienen nicht entging. – »Ihr habt mit Wallraden Zwist gehabt?« fragte sie. »O, erzürnt Euch nicht um dieses Weibes willen. In den wenigen Tagen, die ich auf Neufalkenstein verlebte, hat Wallrade mir durch ihre Bosheit fast das Blut vom Herzen gesaugt; was wird meiner erst warten, betret' ich wieder Diether's Haus.«

»Der Vater ist versöhnlich geworden,« entgegnete Dagobert, »der böse Geist ist von Saul gewichen.« – »Ihr seid das Vertrauen selbst,« sagte Margarethe, »Ihr seid ohne Falsch, ohne strafendes Bewußtsein . . . nicht ich also, mein Freund, und darum scheue ich meines Herrn Antlitz und meine Rückkehr in sein Haus!« – »O, Mutter,« redete dagegen Dagobert, »wie unglücklich habt Ihr selber Euch gemacht durch einen Schritt vom Pfade der Wahrheit! Versucht nicht, mir Alles zu bekennen, denn ich weiß schon Alles, und als Euer Sohn schweige ich in Ehrfurcht vor Euch. Aber dem Manne, dem Euer Vertrauen gebührt, meinem Vater, bekennt offen Eure Schuld, damit er nicht aus dem Munde des Zufalls sie erfahre; vertraut seiner Liebe zu Euch, die nicht unterging unter der Flut von Verleumdung, mit welcher Neid und Bosheit Euren guten Ruf besteckte. Ihr werdet Euer Schicksal durch die Hand geschäftiger Freunde entweder, oder durch ein Verhängnis, das Euch wohl zu wollen scheint, gestellt finden, daß Euer Bekenntnis Euch vielleicht gefährlich vorkommen dürfte. Traut aber dieser einflüsternden Stimme, die nicht Euer Bestes will, nicht mehr. Das Verhängnis kann gleißen und Euch um so tückischer verderben; Willhild könnte plötzlich wiederkehren . . .« – »Ja, Ihr wißt Alles!« rief Margarethe händeringend. »Ihr wißt Alles. O, welch' ein Zufall hat Euch entdeckt . . .? Hätte ich wiederkehren können aus dem Garne, in den mein abenteuerlicher Vorsatz mich verstrickt hat; auf dem Schellenhofe, wohin ich Euch beschied, hätte ich Alles Euch vertraut . . .«

»Unnöthige Mühe,« versicherte Dagobert, »ich wäre nicht erschienen. Der unschuldigen Gattin meines Vaters war ich ein aufmerksames Ohr, eine hilfreiche Hand schuldig; der des Fehls bewußten hingegen durfte ich nicht folgen, um gegen den Vater in eine Verschwörung zu treten.«

Margarethe schwieg beschämt.

»Laßt's gut sein, Mutter!« sprach Dagobert, »ich wollte Euch nicht kränken, sondern die Erkenntnis Eures besseren Theils in Euch erwecken. Mag der Vater auch vielleicht aufbrausen – nehmt's hin in Geduld um Eurer Sünden willen, und daß es nicht zu arg werde – dafür laßt mich sorgen. Ich bin mit der Vehme fertig geworden, ich habe Wallraden kirre gemacht und das Diebsgesindel dort in seinen eigenen Schlupfwinkeln zu Paaren getrieben – ich werde doch wahrhaftig an einem guten Vaterherzen nicht erlahmen. Es ist ein herrlich Ding, Frieden stiften, und ich will's fürder treiben, wenn auch nicht im Chorrock. Doch ich merke, daß die Schatten länger werden und die Pferde ermüdet einherschreiten. Wir wollen daher in der Schenke dort unser Nachtlager aufschlagen, um morgen mit dem Frühesten schon in der Stadt einzuziehen, wie es den Siegern für eine gute Sache geziemt.«

Margarethens Angst hatte keine Eile, in Diether's Haus zurückzukehren; Gerhard hatte nicht das Mindeste gegen einen Rastabend beim Becher, Wallradens Gewissen hatte das Fräulein unwohl und krankhaft gemacht. Die übrigen zu Fuße laufenden befreiten Gefangenen waren müde und Alle sehnten sich nach Ruhe. Dagobert ließ das ganze Haus von Söldnern umlagern, schaffte Margarethen in die beste Stube des Gebäudes, trennte Wallraden von ihr und schlief, um die Hinterlistige zu verhindern, früher als er dem Vaterhause zuzueilen, auf seiner Schwester Schwelle. Vollbrecht aber sprengte noch am selben Abend nach der Stadt, um die fröhliche Botschaft ohne Verzug zu hinterbringen.

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