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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Drittes Capitel.

Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt war mit ihren alterthümlichen Häusern in das Dunkel eines späten Freitag-Abends versunken. Still und einsam war die enge und krumme Straße, und es wimmelte nicht mehr das geschwätzige Volk darin umher, das wohl zu den Zeiten Ludwig's des Baiern sich darin bewegte. Das Geschick dieses Volkes hatte sich seit dem Tode jenes Fürsten nach und nach gewaltig umgestaltet, und in Folge des harten Druckes, der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach, war der israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter. Diese hausten nun abgezogen von der übrigen bürgerlichen Welt in ihren halbverfallenen Gebäuden, deren Nachbarhäuser in Ermanglung der ehemaligen jüdischen Besitzer die blutärmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten. Diese Letztern, dem bitteren Mangel unterthan, belauerten mit eifersüchtigen Blicken das Thun und Treiben der Juden, die Bedürfnis und Gewinnsucht auf den Handel anwies, und die alle List anzuwenden hatten, ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen ihrer Nachbarn zu verbergen. Darum ließen sie ihre Wohnungen von außen verfallen, darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und Wanderstab, darum ließen sie den seltenen Gästen, die sich in ihre Häuser wagten, nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen; darum schlossen sie sorgfältig am Sabbath ihre Fensterladen und Hausthüren, daß nicht durch die Ersteren der Lichter Schein, durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verrathen möge, der ihnen hätte gefährlich werden können. So waren auch heute ihre Fenster und Pforten verriegelt, und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern. Das Haus des Aeltesten unter ihnen, des in der ganzen Umgegend wegen seines Alters, seiner Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai, machte keine Ausnahme. Schwarz und düster sah es gleich den übrigen in die Straße, aber, hatte man den endlosen finstern Hausgang durchmessen, die dunkle Wendelstiege überschritten, und sich durch die Nacht nach dem Hintergebäude fortgegriffen, so trat man plötzlich in einen heiter geschmückten Ort, wo der Sabbath walten durfte in prächtiger Heimlichkeit. Eine im länglichen Viereck gebaute Stube, getäfelt an den Wänden, und geschmückt mit Vorhängen und buntem Schnitzwerk war der Haustempel. Ein großblumiger Teppich bedeckte den größten Theil des Fußbodens. Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter, unter welchem der runde Tisch stand, überhangen mit einer rothwollenen Decke, über die erst wieder eine andere kleinere gebreitet war, von weißem feinen Linnenzeuge. Um den Tisch, – den drei silberne und reich gearbeitete Becher schmückten, auf einer silbernen Credenzplatte aufgestellt, – standen drei Stühle mit hohen goldverzierten Lehnen und Polstern von geschornem Sammet. Unfern von der Tafel glänzte aus einer Nische der Mauer das silberne Waschbecken, in welches, sobald man den oben angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte, das klare Wasser sprudelte. Feine Linnentücher lagen zum Abtrocknen bereit. In der Ecke war der Tisch zu schauen, der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug. Den Hintergrund der Stube nahm aber ein auf morgenländische Weise geordnetes Lager von bequemen Seidenpolstern ein, überlegt mit einem köstlichen gewirkten Stück. Auf diesem Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn, Esther, die an Schönheit ihres Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom; angethan mit prächtigen Gewändern, nach der Sitte des Vaterlandes geschnitten, glänzende Gehänge in den Ohren, und viele kostbare Ringe an den Fingern. Sie hielt eine Schnur von farbigen Glaskugeln in den Händen und ließ sie gedankenlos auf und niedergleiten, – ein erlaubtes Spielwerk. Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem Großvater, der zu ihren Füßen saß, in eine schön gefütterte Pelzschaube gehüllt, das silberweiße Haar mit einem Sammetkäpplein bedeckt, gebückt von den Jahren, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, und die Hände lebhaft bewegend wie die redende Lippe, und den schneeigen, bis über den Gürtel fallenden Bart. Das Geschick hatte ihn bereits durch einen Kreis von hundert Lebensjahren geführt, und hundert bittere Jahre waren es, von denen er Kunde geben konnte. Der greise Jochai öffnete sobald der Ruheabend eingebrochen, den Schatz seiner Rede und Erfahrung, und unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres Volkes. Heute hörte ihm jedoch nur die reizende Esther zu, da ihr Vater unbegreiflicherweise von seiner Handelswanderung noch nicht zurückgekommen war. Es schien überhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des Hauses zu verrücken, denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war ausgeblieben, und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbathmagd, der stummen Grete, eingenommen, die darin gähnend mit dem Schlafe kämpfte, und nur dann und wann aus dem Winkel hervorschlich, um die verdüsterten Lampen zu putzen.

»Die Möglichkeit, zu vergessen solche Greuel, wie ich sie erlebt,« sprach Jochai, mit gepreßter Stimme seine Erzählung endend, – »liegt außer der Gewalt des Menschen. Der fromme Rabbi Simeon, mein weiser Lehrer, dem das Paradies sei, sprach zu mir auf seinem Sterbelager, wo er noch in Frieden dahinfuhr: Junger Bube, wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft. Wir haben einen Herrn, einen harten Herrn, aber er ist gerecht und gönnt uns den Schatten seiner Gesetzpalmen. Aber, es wird kommen eine Zeit – wohl mir, daß ich sie nicht mehr sehe, – eine Zeit der höchsten Trübsal und Prüfung. Wehe wird gerufen werden über Israel! Machet aber nicht, daß die Gerechten im Paradiese über euch Wehe schreien. Haltet fest an den Büchern eurer Väter, an dem Gesetz, das unmittelbar gekommen ist von dem, den ich nicht ausspreche, und habt ihr gekostet die bittere Frucht der Zeit, so mischet den Wermut ihres Gedächtnisses dann und wann in die Speise eurer Kinder und Enkel, daß sie nicht ablassen zu flehen zu dem Allmächtigen, damit er endlich seine Verheißung erfülle, und uns den Messias sende, den Ersehnten! – Ach, sie ist erfüllt worden, des frommen Rabbis Prophezeihung, . . . wir haben sie gekostet, die bittere Frucht der Zeiten, die da sind, aber noch immer zögern die Jahre, die da kommen sollen im Gefolge des Messias!«

»O, sage doch, lieber Großvater,« fragte Esther neugierig, »werden sie denn wirklich so schön sein, die Tage, über die der Verheißene als König gebietet?«

»Herrlich, meine Tochter!« erwiderte der Greis mit leuchtenden Augen; »herrlich, über alle Beschreibung. Wir werden wieder sein wie der Sand am Meere, herrschend über alle Völker der Erde. Das Leben wird verfließen in unvergänglichen Laub- und Friedenshütten! Das neuerbaute Jerusalem wird sein die Stadt der Welt, und in seinem Tempel werden Alle, die vom Weibe geboren sind, dienen und opfern. An Ueppigkeit werden die Saaten in's Unendliche gedeihen, das Korn zu riesenhohen Garben erwachsen, die Weinstöcke ungeheure Trauben erzeugen, die Flüsse Milch und Honig fluten.« – »Welch' reizende Zukunft!« rief Esther hingerissen. »Warum ist sie nicht schon zur Gegenwart geworden!«

»Noch zürnt der Gebenedeite!« versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des Hauptes, »noch hört er nicht die Stimmen seiner Kinder, die zu ihm schreien aus der Tiefe. Noch hält der Vater des Bösen, der Fürst der Wildnis, der grausame Sammael das Ohr des Herrn verstopft, weil er nicht will, daß unsere Gebeine ruhen im Schoße des gelobten Landes. Aber endlich wird der Schrei unserer Noth dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen, dem Boten der Barmherzigkeit, und jede neue Morgenröthe kann uns den Verheißnen senden, – mit ihm unsere Rettung.«

»Käme sie doch morgen schon!« seufzte Esther. »Ich verliere alle Lust zum Leben, und mir ist gar oft der sündhafte Gedanke gekommen, als wäre doch am Ende besser, eine Christin zu sein auf Erden, als . . .«

»Rede nicht aus!« fuhr Jochai auf, »der Herr nehme den Greuel von dir, den du gedacht! Warum hegst du so thöricht Verlangen, das dich in das Feuer der Gehena bringen könnte?«

»Verzeihe mir, Großvater!« sprach die liebliche Esther, und legte die Hände bereuend auf die Brust, »aber gestehe, daß wir dahin leben, wie die trauernde Weide am sumpfigen Teiche. Ihr Männer geht aus in die Welt, seht Länder und Menschen, und gewinnt mühsam dem geizigen Gojim Euer Leben ab. Diese Art zu sein, hat manche Freiheit, manche Lust. Wir aber, wir vertrauern unsre Tage daheim. Versorgt auch Eure Güte uns mit den Leckerbissen, die uns behagen, mit der Bequemlichkeit, die unsre Lust ist, mit dem köstlichen Putz, der uns so sehr gefällt, . . . was hilft uns dieses Alles? Von der harten Fessel eingeklemmt, müssen wir all die Herrlichkeit genießen, verstohlen, wie ein Dieb seinen Raub. Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht, oder im unscheinbaren Gewande, in erlogener Dürftigkeit. Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause. Hinter Schloß und Riegel gefällt uns nicht der Prunk, nicht die leckere Tafel, nicht das weiche Lager, von dem wir uns kaum erheben.«

»Verblendete!« eiferte Jochai. »In Fesseln liegst du, aber in denen der verdammlichen Eitelkeit, die über dem Spiegel das Gesetz vergißt. Gefallsüchtige! Nicht auf den unzüchtigen Tänzen der Ungläubigen, nicht bei ihren heidnischen Feierlichkeiten und unsittlichen Schmausereien sollst du glänzen. Gefalle deinem Vater, gefalle deinem Manne! Die übrige Welt kenne dich nicht.«

Purpurfarbe überzog Esther's Gesicht. Verlegen lächelte sie, schlug dann die großen schwarzen Augen, um Versöhnung flehend, zu dem Alten auf, und reichte ihm die Hand. »Dir und dem Vater will ich ja auch nur gefallen,« sprach sie bittend, »und einst dem Manne, den mir David erwählen wird. – Wo bleibt aber der Vater? Die Sanduhr zeigt bereits die siebente Stunde. Es wird ihm doch kein Leid zugestoßen sein?«

»Dem wahre der Fürst Israel!« erwiderte Jochai mit gläubigem Vertrauen. – »Gewiß ist mein Sohn zurückgehalten worden von den Freunden, oder es hat ihn der Sabbath auf freiem Felde überrascht, und ein wahrer Gesetzfreund heiligt ihn durch Ruhe und ein friedlich Mahl, wo es auch sei.«

In dem Augenblicke pochte es gelinde an die Hausthüre. Der Schall verbreitete sich schnell durch den leeren Vorderbau in das festliche Gemach. Großvater und Enkelin fuhren etwas zusammen. Die alte Christenmagd zündete die Traglampe an, und langte nach dem Schlüssel an der Wand. –»Bedächtig!« flüsterte ihr Jochai zu, »ich gehe mit, um vom Fenster herab zu ersehen, wer der Klopfende ist. Komme, alte Magd! Vorsicht ist von nöthen.«

Die Alte leuchtete dem Hausherrn vor, und Esther blieb allein zurück, sinnend den Kopf in die Hand gestützt. »Hm!« seufzte sie nach einer Weile, »der Großvater hat gut reden. Das Eis seiner hundert Jahre hat eine Rinde um ihn gelegt, daß er das Sehnen und Wünschen der Jugend nicht begreift. Und dennoch, trotz seinen Ermahnungen und Bußreden wird er mich nicht überzeugen. – Ich bin recht unglücklich!« fuhr sie nach einer kleinen Stille fort, »unglücklicher als ich mir's vielleicht selbst träumen lasse . . . und, ach! – nur eines fehlt zu meinem Glücke, aber auch nur das unerringbare Einzige!«

Schwermüthig ließ sie das Haupt sinken. Da trat Jochai herein, hinter ihm sein Sohn David, ein Knäbchen an der Hand führend. Freudig eilte die Tochter an des Vaters Hals, und erkundigte sich angelegen ob seines langen Wegbleibens.

»Ich brach spät auf von der Nachtherberge,« sprach David, »der kurze Wintertag hat mich verlassen, da ich noch über eine Stunde von hier entfernt war. Mein Begleiter da konnte auch nur schlecht voran mit seinen Beinchen, und so trug ich ihn denn die letzte halbe Stunde auf dem Rücken hieher. Die Einlaßpforte hab' ich mir geöffnet mit einem dicken Groschen und da bin ich. Gut Schabbes!«

Esther erwiderte freundlich den Gruß und musterte neugierig den Knaben, der vor Müdigkeit beinahe in die Knie sank, und von Ben David auf den Sitz am Ofen gebracht wurde. Der alte Jochai jedoch sah mit finsterer Miene auf das Treiben seines Sohnes, und sprach: »Ich kann nicht segnen deinen Eingang, denn du hast den Sabbath entheiligt durch deine Reise während seines Beginnens, durch die Last, die du auf dich nahmst, indem du diesen Buben auf die Schultern ludest, und durch den Einlaßpfennig, den du berührtest zu verbot'ner Zeit.«

»Frommer Vater!« versetzte Ben David, »so ich gesündigt habe und das Gesetz beleidigt, indem ich den kleinen Menschen, der hinzusinken und zu erfrieren dachte, in Sicherheit gebracht, so will ich, wenn du befiehlst, gern auf meinen Platz verzichten am Tische, am Boden liegen und fasten, bis du sagst: genug! nur befiehl, daß der Knabe gesättigt werde, und eines warmen Lagers sich freue.«

»Was soll er hier?« fragte Jochai streng wie zuvor: »Er ist ein Christenknabe, dessen Leib das Kleid des Unreinen ist, der abstammt von dem Adam Belial, und nicht Platz soll nehmen im Hause der Gerechten, sondern gehört in die Höhle des Esau.«

»Vater!« erwiderte Ben David unterwürfig: »Dein Wort sei gelobt, doch der Unmündige ist noch Gottes allein, der das Kind regieret in seinen Gedanken und Werken. Erlaube, daß dieser, der noch ist weder ein Sohn des Gesetzes, noch ein Sohn Baals, hier bleibe, bis ich ihn übermorgen zu seiner Mutter führe.«

Esther vereinigte ihre Bitten mit denen ihres Vaters, und der rauhe Alte erlaubte endlich, daß der Knabe bleibe, unter der einzigen Bedingung jedoch, – daß die Christenmagd ihn sättige, und ihn in ihrer Kammer zur Ruhe bringe. Grete nahm dem zu Folge den bereits Entschlummerten auf die Arme, und trug ihn hinaus. – Das Mahl begann, nachdem der Greis, gleich einem Patriarchen, Brot, Wein, Salz und Fisch gesegnet, und Ben David sein Haupt bedeckt hatte. Als sie zu Tische saßen, fragten Vater und Tochter neugierig nach Ben David's Geschäften, und besonders nach dem Abenteuer, das ihn mit dem Kinde zusammengebracht. Der Fünfzigjährige legte dem Alten, mit aller Ehrfurcht eines halberwachsenen Sohnes, von seinem Handel und Wandel genaue Rechenschaft ab, beobachtete jedoch nicht dieselbe Genauigkeit, als er auf den Kleinen zu sprechen kam. Er behauptete nämlich, das Kind einige Stunden von Frankfurt verirrt und umherlaufend gefunden und von ihm herausgebracht zu haben, daß es nach der Stadt gehöre. Aus Mitleid habe er es mitgenommen, um seinen Vater und seine Mutter auszukundschaften, und hoffte, sich dadurch etwas Ansehnliches zu verdienen, da das Kind aus gutem Hause zu sein scheine.

Was der Alte vorhin dem Mitleid ungern einräumen zu wollen bedacht war, ließ er jetzt der Berechnung eines Vortheils hingehen, und belobte des Sohnes Umsicht und Gewandtheit. Zugleich aber beklagte er sich über Esther's Unzufriedenheit mit ihrer Lage und forderte den Vater auf, mit Strenge dergleichen unziemliche Gedanken in ihr zu ersticken.

»Zürne nicht, Vater!« antwortete Ben David hierauf. »Schilt nicht die übermütige Lust, mit welcher die Jugend nach den lockenden Früchten der Welt blickt, die nun einmal durch des hochgelobten Gottes unerforschlichen Rathschluß den Gojem bestimmt sind, statt seinem Volke. Dein Bart ist weiß geworden im Kerker und du sehnst dich hinaus. Mein Haupthaar ist ergraut unter dem Joch, und ich dürste nach Freiheit. Warum soll das kräftige Geschlecht, das nach uns kommt, nicht sich hinaus wünschen aus dem Haus der Gefangenschaft unter die Oelbäume des freien Lebens?«

Jochai schüttelte zweifelnd das Haupt, und strich unmuthig den langen Bart. Ben David fuhr aber, zu Esther gewendet, fort: »Beruhige dich, mein Kind. Vielleicht fügt es sich, daß ich dich im nächsten Frühjahr mit hinausnehme in den Garten der Welt. Ich gedenke, zu fahren gen Costnitz, woselbst viele der großen Herren mein bedürfen werden, und wo wir auftreten können in Glanz und Pracht, wie uns hier die Klugheit verbietet.«

»Ei, was sprichst du?« fragte Jochai ängstlich den Sohn. »Wer soll mich hüten, wer mich pflegen, bist du fern?«

»Gieb dich zufrieden, Vater!« antwortete Ben David, »der gute Knecht Zodick wird an dir thun, wie an seinem Vater.«

»Zodick?« fragte Jochai zweifelhaft, »Zodick, der das Gesetz der Väter so wenig beachtet, daß er noch jetzt sich im Hause nicht sehen ließ?«

»Ich dachte, er sei schon in seine Kammer gegangen!« erwiderte Ben David und wollte noch einige Bemerkungen über Zodick's früheres Benehmen hinzusetzen, als ein fürchterlicher Tumult vor dem Hause laut wurde, auf dessen Pforte Schlag auf Schlag fiel. Erschrocken fuhr die Familie in die Höhe, und Grete stürzte herein, durch ihre heftigen Geberden etwas Außerordentliches verkündend, das sich auf der Straße zugetragen. Entsetzen ergriff den Alten und die Esther, denn ein Volksauflauf, mit einer neuen daraus entspringenden Schlacht der Judenschaft, stand wie ein ungeheures Gespenst vor ihren Gedanken; Ben David ermahnte sie, die Thüre des Hintergebäudes fest zu verriegeln und die Kostbarkeiten beiseite zu bringen, und folgte, wenn auch nicht ohne Herzklopfen, der lebhaft voranschreitenden Grete die Treppe hinab, durch den Hausgang an die Pforte, die von wiederholtem Pochen ertönte, und vor welcher das Gesumme einer ansehnlichen Menschenmenge sich vernehmen ließ. – »Wer pocht so ungestüm?« fragte Ben David durch das Schlüsselloch, und zurück schrie eine klagende Stimme die Antwort: »Herr! öffne! Dein Knecht Zodick ist's! öffne! bei deines Vaters Haupt beschwöre ich dich, laß mich nicht zu Schanden werden vor den Edomitern hier auf der Schwelle deines Hauses!« – Und Gemurre und einzelnes Spottgelächter rings umher. – Ben David befahl seinen Leib dem Gott seines Bundes, und gebot der Magd, zu öffnen. – Das Schloß ging auf sammt den Riegeln, und kaum klaffte die Thüre, als ein Haufe gemeinen Pöbels sich hereindrängte in's Haus, neugierige und höhnisch gezogene Gesichter, von wenigen Laternen und Kienspänen schwach beleuchtet, in deren Mitte der Diener des Hauses, Zodick; Gesicht, Hemd und Gewand von Blut befleckt, das reichlich herabströmte aus einer breiten Stirnwunde. Zodick sank, unfähig zu reden, auf die Schwelle der Unterstube. Ben David sah fragend umher in dem Kreis der Nachbarn, die zum Theil in schmutzigen Nachtgewändern, erst dem Lager entflohen, als gaffende und schadenfrohe Zeugen den Verwundeten umstanden. – »Was hat's gegeben, liebe Freunde?« fragte er mehrmals vergebens, bis endlich ein ältlicher Mann von rechtlichem Aussehen sich hindurch drängte, und also sprach: »Ich will dir Auskunft geben, Jude! Ich bin der Schmied Albrecht dort an der Ecke dieser Gasse und kam vor Kurzem aus unsrer Herberge. Wie ich nun kaum zwanzig Schritte vor meinem Hause bin, so stolpre ich über den Rothkopf da, der halb besinnungslos in der Gasse liegt, wie ein Trunkner. Da ich ihn beleuchte mit dem Lichtstümplein, das ich in Händen trug, erkenne ich ihn wohl, und auch er macht die Augen auf, fährt zusammen und ruft: »»Laßt mich los! ich bin unschuldig!«« Es war leicht zu sehen, daß der Bube in augenscheinlicher Verwirrung befangen war, und nicht im Rausche. Ich begütigte ihn daher, und nun hat er, da er mich erkannt, erzählt, daß ihn auf dem Fischerfelde, von wannen er nach Hause gehen wollte, mehrere Gesellen mit roth und schwarz gefärbten Gesichtern überfallen, geplündert und mit einem Streithammer verletzt haben; daß jedoch zum Glück der Streich schier fehlgegangen und nur gestreift habe, und er dem Tode entgangen sei, indem er sich zur Erde fallen gelassen, gleich als habe er die letzte Oelung. Da er zu dir verlangte, hab' ich ihm erlaubt, sich an meinem Arm zu führen, und auf sein klägliches Geschrei sind die Nachbarn herbeigelaufen.«

Ben David dankte höflichst dem wohlbeleibten Schmied für seinen Beistand, und öffnete die Stube, um den Diener hineinzubringen. Die Menge quoll aber auch in das Gemach hinein und musterte mit Luchsaugen die elenden Gerätschaften, die darin an den Wänden umherstanden. Mehrere junge Bursche hatten nicht wenig Lust, mit ihren flackernden Lichtspänen über Gang und Treppe in das Oberhaus zu dringen. Aber Gretens abweisende Geberden, und noch mehr die Einflüsterung älterer Leute, die ihren Uebermuth vor den in jedem Judenhause verborgenen Fallthüren und mit Vorbedacht offen gelassenen Kellergruben warnten, hielten die Verwegenen von ihrem Vorsatz ab. Zugleich drängten sich auch einige benachbarte Juden herein, schwatzend, neugierig wie die Uebrigen, und zudringlich mehr, als hilfreich in ihren angebotnen Dienstleistungen. Vergebens bat Ben David diese Letztern, den Mißhandelten ihm ganz allein zu überlassen, – sie wichen nicht; vergebens flehte er die anwesenden Christen an, endlich doch mit seinem besten Danke das Haus zu räumen. Sie gingen nicht, und forderten endlich ziemlich trotzig ihren Lohn, daß sie den Judenknecht nach Hause geleitet hatten. Ben David, solcher unziemlichen Forderungen nicht ungewohnt, begnügte sich nur, die Ungestümen auf den Sonntag zu vertrösten, da ihm das Gesetz verbiete, am Sabbath Geld anzurühren; allein damit machte er das Uebel nur ärger. »Seht den Juden an!« rief einer aus der Schar, »gälte es, unsere Taschen zu leeren, würde er sich wenig um das Gesetz kümmern.« Umsonst suchte Ben David die Ungerechtigkeit zu beschwichtigen; die Habsüchtigsten erwischten von den in der Kammer umherliegenden Trödelwaaren, was ihnen am dienlichsten schien, und machten sich damit davon. Die Händellustigen aber brachen aus in Schimpfworte, und mehrere geballte Fäuste schlugen durch ihre drohende Bewegung die Nachbarjuden in die Flucht, die ihre Glaubensgenossen feig im Stich ließen, und die Luft nur von ihrem mörderischen Hilfsruf erschütterten.

Eine gute Folge schien jedoch ihr Zetergeschrei herbeizuführen, denn der Oberstrichter der Reichsstadt, der gerade zufällig die Straßen durchritt, um die Nachtschwärmer und Trinkbrüder zu Paaren zu treiben, hörte das Getöse, und erschien in schnellem Trab auf dem Schauplatz, wo Ben David gerade in Gefahr stand, körperliche Mißhandlungen zu erfahren. Die Rathsknechte, die des Oberstrichters Roß umgaben, wiesen mit ihren Hackenstangen die Angreifer bald zur Ruhe, und der Friedensstifter erfuhr in wenig Augenblicken, wovon hier eigentlich die Rede sei. Gleichgültig zuckte er die Achseln und sprach mit verächtlichem Tone zu Ben David: »Was hat dein Knecht in später Dämmerung auf dem Fischerfelde zu schaffen? Kein Wunder ist's, daß er in die Hände der Blutzapfer fiel, die jetzo wiederum ihr Wesen treiben sollen, wie mir der Küfermeister Andreas von Liebfrauenberg geklagt hat, der auch von den Mordbuben angefallen worden ist, sich aber durch seine Faust befreit, und einige von den Hunden übel zugerichtet hat. Das vermag freilich ein Hebräer nicht.«

Ein wieherndes Gelächter der umstehenden Knechte und Bürger lohnte das Witzwort des Gewaltigen, der Stille gebietend, also fortfuhr:

»Ich befehle dir daher, Jude, daß du deinen Knecht ehrlich zu Hause haltest. Für die heut' verursachte Störung hergebrachter Ordnung – denn die lange Glocke ist schon geläutet worden – büße ich dich um fünf Goldgulden, die du unerläßlich nächsten Montag auf dem Rententhurm zu erlegen gehalten bist. Auch hast du von Rechtswegen diesen wackeren Bürger zu zinsen, jedem einen dicken Groschen, da sie dir den Knecht nach Hause geführt; denn die Menschenliebe, die sich um einen Juden kümmert, muß belohnt werden. Sie mögen am Sonntagsmorgen das Geld bei dir in Empfang nehmen.«

Geschmeidig bückte sich Ben David und küßte den Mantelzipfel des Oberstrichters. »Erlaubt, o Herr!« sprach er demüthig, »die meisten dieser Leute haben sich schon gepfändet an meinem Eigenthume und sind mit Zeug und Linnen davon gegangen.«

»Kannst du die Leute nennen?« fragte der Oberstrichter streng. »Warum gibst du nicht gutwillig, und warum hältst du dein Auge nicht auf deine Lumpen? Schließe jetzt dein Haus und verhalte dich still. Die leiseste Widerrede kostet dich zehn Gulden. Geht nach Haus, brave Bürger! Gut Nacht, liebe Freunde!«

Die rasche Schwenkung seines Gauls hätte beinahe den armen Ben David in den Koth geworfen, dennoch versäumte er den letzten Bückling nicht und ließ mit niedergeschlagenen Augen die spöttelnden Nachbarn an sich vorübergehen. Darauf befahl er der Magd, ganz leise die Thüre zu verschließen und den halb ohnmächtigen Zodick nach seiner Kammer zu bringen. Er selbst verlor kein Wort mehr an den Menschen, der ihm so viel Verdruß gemacht hatte, und kehrte mit manchem unmuthigen Seufzer in das Hintergebäude zurück, wo Jochai und Esther ängstlich auf jedes Geräusch lauschten, und um den Feiertag nicht zu schänden, Alles in der gewohnten Ordnung hatten liegen und stehen lassen. Freudig bewillkommten sie den Ruhebringenden, der sich andächtig neigte vor dem Tische und den schwebenden Lichtern, und sprach: »Esau's Sturm hat sich gelegt. Gebenedeit seist du, hochgelobter Gott Jakob's, dessen Herrlichkeit unsere Scheitel berührt. Wie schön sind deine Hütten und deine Wohnungen, Israel! Wie schön ist dein Palast, wohlduftende Königin Schabbath, du Freude und Trost aller Gläubigen!«

Und sein Mund jubelte, während seine Augen von Thränen, wie sie tiefempfundene Knechtschaft erpreßt, überflossen. Der greise Jochai murmelte neben ihm Fluchgebete in den Bart, herausgestoßen mit allem Feuer orientalischer Wortfülle. Esther wandte sich aber voll Grauen von seinem Gebete und sagte nur Amen zu dem ihres Vaters.

Am nächsten Morgen, an dem noch der Großvater ruhte, und Ben David seinen Frühsegen sprach und die Psalmen, die die Sabbathfeier vorschreibt, da, wo keine Schule die Söhne des alten Bundes zum feierlichen Dienste des Höchsten versammelt, schlich sich seine blühende Tochter nach der Kammer, wo die Magd Grete ihre Zeit zubrachte während der Festtage. Auf dem dürftigen Lager der Alten, die abwesend war, beschäftigt um den kranken Zodick, schlief noch der Knabe, den Ben David in's Haus gebracht hatte. Auf den Zehen näherte sich Esther dem Schlummernden, beugte sich über ihn und betrachtete mit Wohlgefallen die Züge seines unschuldigen Gesichtes. – »Ich habe mich doch nicht geirrt,« flüsterte sie in sich hinein, »da ich schon gestern einige Mahnung finden wollte in diesem Antlitz, an ein anderes, das mir nur allzu theuer ist. Beschaue ich diese braunen krausen Locken, die hochgezogenen Augenbrauen, die längliche Nase und den lächelnden Mund, so bin ich in Versuchung, zu glauben, sein Bild liege vor mir, und ich müßte es an's Herz drücken, da ich ihn selbst nimmer, ach nimmer umfangen werde!«

Sie setzte sich vertraulich zu dem kleinen Träumer, spielte leicht mit seinem schönen Haar, und verlor sich in dem Andenken einer Vergangenheit, die sich ihr reizend bald und bald betrübend, nur allzuoft aufdrang in ihrer stillen Einsamkeit. – »Bin ich nicht eine Thörin?« fragte sie sich am Ende selbst, aufschreckend. »Mache ich mich nicht etwa einer Sünde schuldig, da ich hier mit diesem Bilde eines edlen Christen die Augenblicke vertändle? Jochai könnte es wohl gar Abgötterei nennen, wie er so gerne zu thun pflegt, wenn ich mit Liebe an etwas hänge!« – Sie stand auf. – »Guter Knabe,« fuhr sie nach einer Weile wieder fort, gleichsam wider Willen nach ihm zurücksehend. »Weder dich, noch den, dem du zufällig gleichst, darf ich mein nennen. Ihr seid nicht geschaffen, um im Elend Eure Tage zu vertrauern. Euch winkt Ehre und Freiheit. Wir kennen Beides nicht. Du wirst zurückgehen zu deinen trostlosen Eltern, und mein Vater wird dich segnen, wenn sie reich sind und nicht karg den Dienst belohnen. Ich aber, du holder Junge, segne dich, weil dein Anblick mir die Wonne in die Wirklichkeit zauberte, die ich nur in der Erinnerung zu genießen angewiesen bin.«

Esther wollte scheiden, aber schon an der Thüre angelangt, zog es sie allgewaltig zurück zu dem Knaben. – »Ich will gehen?« fragte sie sich. »Genügt mir es denn, diese von Schlummer erstarrten Züge in Gedanken mit ihm zu vergleichen? Lebend will ich ihn, offen seine Augen sehen, und in die dürstende Brust das lang hinweggenommene Labsal schlürfen.«

Rasch fuhr sie mit warmer Hand über die Stirne des Kindes, das ruhig, wie ein lächelnder Engel die Augen aufschlug, und in die glühenden Esther's schaute. »Gundel!« stammelte der Schlaftrunkene, die Aermchen nach der Verkannten ausstreckend. Ben David's Tochter bog sich aber zurück und der Knabe ersah seinen Irrthum. Bekümmert verzog sich sein Mund. »Du bist es nicht!« klagte er. »Liebe fremde Frau, wirst du mich zur Mutter bringen und zu meinem Hänschen?«

»Ich möchte dir Mutter sein, holdes Kind,« erwiderte Esther freundlich, »wenn ich es nur sein dürfte!«

»Warum darfst du denn nicht?« fragte der Knabe, zutraulich werdend. »Du bist so gut und lieb, dich möchte ich schon Mutter nennen, viel lieber als die schwarze Mutter, die mich beständig schmähen wird, weil ich sie verloren habe.«

»Schmähen würde sie dich?« sprach Esther, ihn an sich drückend. »Jubeln wird sie und dem hochgelobten Gott danken, der dich wieder in ihre Arme führt.«

Der Knabe starrte sie verwundert an. »Gundel hat mir einmal von dem lieben Gott erzählt,« sprach er hierauf. – »Nicht wahr, er ist überall?«

– »Ja, mein Kind.« –

»Er läßt seinen Kindlein nichts Böses geschehen?«

– »Nein, mein Knabe.« –

»So ist er nicht da, wo die schwarze Mutter ist. Sie hat mir oft wehe gethan, und Gott hat ihr's nicht verboten. Aber hier ist er, bei dir, denn du bist so gut und schön, daß ich auch immer bei dir bleiben möchte.«

»Ja, der Ewige ist hier!« rief Esther. »Er spricht aus deinem Lallen, er thut sich kund in meinem Herzen, das dich sein Kleinod nennen würde, wäre es ihm erlaubt.«

»Verblendete,« sprach Jochai hinter ihr, der leise eingetreten war. »Danke dem, den man nicht nennt bei seinem Namen, daß es dir nicht erlaubt ist, diesen Christenauswurf in deinen Armen zu hegen. Du sehnst dich, hinabzusteigen zu den verworfenen Söhnen und unzüchtigen Töchtern Kains, wie die Fürsten des Himmels, Asa und Asael, Gelüste trugen zu den Töchtern der Erde. Aber, so wie die fehlenden Engel hängen müssen zwischen Himmel und Erde, also wird auch dich der Zorn des Herrn ereilen, wo du nicht ablassest vom Irrthume.«

Esther legte die Hand des Großvaters auf ihr Haupt, kniete nieder, und sprach: »Vater, ich danke täglich dem Ewigen, daß er mich eine Tochter Zion's werden ließ. Verkenne mich nicht.«

Jochai sah sie streng an, schüttelte das Haupt und redete: »Weib, Zögling der Schlange, ob du wahr sprichst, weiß nur er allein. Aber du schändest den Sabbath, daß du hier am Bette des Christenbuben weilst, während ein Sohn des Gesetzes in unserem Hause leidet, auf den noch kein Strahl deines Auges fiel.«

»Du meinst Zodick?« erwiderte Esther kalt und stand auf. »Grete mag ihn pflegen und heilen. Das Gesetz verbietet mir, am heiligen Tage Wunden zu verbinden.«

»Zodick ist ein getreuer Bekenner des Glaubens und dieser wird ihn heilen, ohne dein Zuthun,« versetzte Jochai und führte Esther hinweg in die geschmückte Stube, obgleich sie sich nur ungern von dem weinenden Knaben trennte.

»Was hast du gegen den getreuen Zodick?« fragte Jochai, da Beide sich wieder in der Sabbathsruhe befanden.

»Mich ärgert der Mensch, so oft ich ihn erblicke,« antwortete Esther offenherzig. »Seine ungeschlachte Gestalt, sein rothes Haar und sein schielender Blick sind mir zuwider.«

»Liebe deinen Bruder, spricht die Pflicht,« versetzte Jochai. »Gewöhne dich, auch den Häßlichen zu lieben, wenn er dein Mann werden soll, spricht die Klugheit.«

Esther erbleichte . . . faßte sich indessen bald und fragte verlegen lächelnd: »Nicht wahr, du scherzest, Großvater? – Zodick, mein Gatte? . . .«

»So wurde es ausgemacht zwischen deinem Vater und dem seinigen,« erwiderte Jochai. »Als ihr noch Kinder wart, habt ihr euch schon die Hände gereicht, und »Missal Tobh!« gesagt, wie es unsere Rabbiner gesegneten Angedenkens verlangen. Zodick's Vater ist dahin gegangen, von wannen man nicht wiederkehrt. Aber der Bund muß gehalten werden, so lange Zodick ein Mann nach dem Herzen Gottes bleibt. Er dient schon mehr denn sechs Jahre um dich, und am Ende des siebenten wird er dich heimführen nach Worms. In der letzten Zeit habe ich dann und wann Zweifel gehegt gegen Zodick's Frömmigkeit, immer aber hat er meine Zweifel widerlegt und erst gestern hat sein trauriges Aussehen bestätigt, daß er gezwungen nur das Gesetz verletzt. Darum wollte ich dich vorbereiten und dich bitten, nicht schnöde gegen ihn zu sein.«

»Ich kann immer noch nicht glauben, daß du nicht scherzest, Großvater!« antwortete Esther. »Ist es jedoch Ernst, was du mir verkündest, so glaube gewiß, daß du und der Vater mich vielleicht zwingen können, den Widerwärtigen zu ehelichen, daß ich ihn aber niemals lieben werde.«

»Ein fleißiger Mann verkehrt Kupfer in Gold, die Abneigung des Weibes in Liebe,« meinte Jochai.

Ben David trat in die Stube. »Ich komme von Zodick,« sprach er heiter. »Die Wunde heilt, obschon der Kranke, wie das Gebot es will, die abgefallenen Pflaster nicht mehr auflegen ließ. Gott gab seinen Segen.«

»Das Vertrauen auf ihn wirkt Wunder!« bekräftigte Jochai.

»Auch ich höre Wunderdinge!« fiel Esther ihm rasch in's Wort. »Bestätige sie mir, Vater. Ich soll den Knecht ehelichen, daß er mein Herr werde?«

Mißbilligend sah Ben David auf den Vater. »Man hat dir,« sprach er, »zu früh von Dingen gesprochen, die . . .«

»Die mich elend machen,« rief Esther heftig, mit Thränen in den Augen, »elend, Vater, die du nicht verantworten kannst . . . wenn einst der Todesengel vor dir steht und der Blitz seiner tausend Augen deine Thaten prüft.«

»Zodick denkt edel und großmüthig,« sprach Jochai. »Ich habe ihm vorgeschlagen, seine unbekannten Gegner, die ihn zu morden dachten, aus ihrem Dunkel zu ziehen durch die Befragung des Fürsten, des Oels, oder der Hand. Er schlägt aber Alles aus, will seine Feinde nicht kennen, verzeiht ihnen . . .«

»Und denkt noch nicht des Tages, der dich mit ihm verbinden soll,« unterbrach ihn Ben David, zu Esther gewendet. – »Schweige darum und laß' uns den Sabbath genießen in Frohsinn und freundlicher Einsamkeit.« –

Und dem geschah also. Jochai und die Seinen verbrachten den Tag in Ruhe und Festlichkeit. Der arme kleine Hans verlebte ihn auf den Knieen der stummen Grete. – Da aber die Abendmahlzeit vorüber war, der Hausvater Wein, Gewürz und Brot sammt seinen Angehörigen gesegnet und durch das Anzünden der Habdalahkerze, wie durch das Kaddischgebet den Sabbath geschieden hatte von der übrigen Woche und alle sich zur Ruhe begeben wollten, hielt Ben David seine Tochter allein auf und gebot ihr am Morgen des nächsten Tages sich verstohlen einzuschleichen in das Haus des Altbürgers Diether Frosch, mit Vorsicht in das Gemach der edlen Frau Margarethe zu dringen und ihr kund zu machen, Ben David habe gethan nach ihren Wünschen und erwarte die Bestimmung der Zeit und des Orts, die ihr gelegen sein würden, seinen Bericht anzuhören.

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