Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
Schließen

Navigation:

Achtundzwanzigstes Capitel.

»Was bringt Ihr mir, würdiger Vater!« sprach Frau Margarethe Frosch, da sie den Beichtvater Reinhold bei sich eintreten sah, und eilte ihm hoffend entgegen: »O sagt – sagt, mein guter Herr, bringt Ihr Leben oder Tod?« – Der Mönch machte das Zeichen des Kreuzes auf die Stirne der angstvoll Harrenden und entgegnete: »Liebe Schwester im Heiland! Die Kirche und ihre Diener bringen nie den Tod, so lange ein gläubiges Vertrauen in sie gesetzt wird; wohl aber immer das wahre Leben durch den himmlischen Trost, wenn auch der beschränkte Menschenverstand dagegen ankämpft. Auf Euren Gatten, liebe Frau, hofft indessen nicht mehr. Er will weder durch Eure Bitten, noch durch meinen Zuspruch der Rührung Eingang verschaffen. Es haben sich böse Mächte seiner angenommen, die sein Ohr verstopfen und seine Sinne umnebeln; darum ging ich auch nicht zum Aeußersten und habe ihm nichts entdeckt, was seine Wuth noch hätte reizen können.« – »Er weiß also nicht?« fragte Margarethe mit langem Athemzuge, »er weiß nicht und zürnt mir dennoch unversöhnlich?« – »Schwerer Verdacht,« versetzte der Mönch achselzuckend; »sein Sohn Dagobert scheint ihm der Räuber seiner Ehre zu sein, und sein Sohn Johannes eine Frucht unziemlichen Verständnisses.« – »So ist es denn nun herausgesagt, was ich ahnte?« klagte Margarethe mit hervorquellenden Thränen, »und dennoch bin ich unschuldig, unschuldig wie die Sonne!« – »Allerdings,« stimmte Reinhold bei, »ohne Zweifel, ob Ihr gleich den jungen Mann geliebt, wie niemand besser wissen kann denn ich. Ihr habt Euch männlich herausgerissen aus den Schlingen, in die Euch der Satan verstricken wollte; eifrig habt Ihr Buße gesucht und darum sie auch gefunden.« – »Und dennoch also verkannt?« fiel Margarethe ein. – »Nehmt dieses hin als eine Strafe für den Fehl, den Ihr begangen;« erinnerte Reinhold; »daß Ihr, wie ich aus Eurer Beichte weiß, einen fremden Knaben statt des Euern verstorbenen eingepflanzt, wäre nichts, denn ein glücklicher Wahn ist besser, denn eine bittere Wahrheit; allein die Mittel zu dem Zwecke waren verdammlich gewählt. Einen Juden zum Vertrauten zu machen . . . eine Creatur, weit verabscheuungswürdiger, denn die schwarzen Heiden im Lande Afrika, die doch nur halbe Menschen sein sollen . . . o! das wird Euch böse Früchte tragen. Mich befremdet's, daß Euer Name nicht schon vor dem Richterstuhle genannt worden ist, und Gott hat nur noch nicht den Ausweg gezeigt, der endlich diesem Wirrsal ein Ende machen werde.« – »Sollte Wahrheit nicht die beste Wahl sein?« fragte Margarethe kühn entschlossen. »Sollte es mir nicht den Frieden wiedergeben, wenn ich hinträte und offen eingestünde, was ich gethan?« – Der Pater schüttelte bedenklich den Kopf: »Ist einmal der Pfeil vom Bogen, dann halte ihn auf wer kann. Ihr würdet Euch vielleicht unnöthig der Schande preisgeben, während jetzt nur ein Verdacht Euch belastet. Was ist ein Verdacht, wenn man sich unschuldig fühlt? Hundert Frauen tragen ja geduldig den gegründeten Verdacht. Daß sie die Treue nicht bewahrten, ihre Stiefsöhne küßten, immerhin! Aber mit einem Juden solchen Menschenhandel getrieben zu haben – das würde keine von sich sagen lassen wollen. Zudem, wo ist die Gewißheit, daß Johannes das Kind sei, das der Jude ermordet haben soll? Ist's unwahrscheinlich, daß der Bösewicht ein ander Kind gemartert habe? Uebermorgen wird sein und seines Vaters Urtheil gesprochen. Könnte er mit dem Geständnis seinen Hals retten – sicher hätte er's nicht unterlassen. Ich werde übrigens das Nähere morgen wissen, denn ich will versuchen, ob's möglich wäre, diese heidnischen Blutzapfer vor ihrem gräßlichen Ende zu bekehren.« – »Ihr verwerft also ein offen reuiges Bekenntnis?« fragte Margarethe noch einmal. – »Gott und seiner Kirche ist man verbunden, aufzuthun die geheimsten Falten des Herzens,« erwiderte Reinhold kalt; »das Laienvolk braucht nicht Alles zu wissen. Einen einzigen Mann kenne ich, bei welchem Euer Bekenntnis Nutzen bringen möchte; indem sein Schutz und Schirm Euch aus der peinlichen Frage reißen würde, in die Euch der Argwohn Diether's versetzt hat. Ich meine den Schultheiß. Der Ritter hat längst nach Eurer Gunst gestrebt. Mit Begierde wird er die Gelegenheit ergreifen, sie zu verdienen. Ein Wort von Euch und die gefährlichen Juden sterben plötzlich dahin, der Schöff wird beschwichtigt oder zur Ruhe gezwungen, und Johannes bleibt, was er sein soll, Euer Erbe.«

»Nimmermehr!« entgegnete Margarethe unwillig. »Aus Eurem Munde diesen Rath? Nein, ich habe nicht Lust, wirklich zu werden, wofür mein Eheherr mich hält. – Laßt es daher jetzt beruhen und sprecht mir von derjenigen, die noch ferner um das Geheimnis weiß . . . von Willhild. Ich weiß nichts von ihr und ihr Schweigen macht mir bange.« – »Ich kann Euch beruhigen,« antwortete der Mönch. »Willhild und ihr Mann sind vor wenigen Tagen gen Compostel gezogen, auf eine Wallfahrt. Besorgt nichts von ihnen. Der Mann ist blödsinnig zu nennen, und die Frau, die vor Kurzem sehr krank gewesen, kommt sicher aus Hispanien nicht wieder heim.« – »Ich hätte nimmer geglaubt, daß die Hoffnung auf eines Menschen Tod mich beruhigen könnte,« versetzte athemholend Margarethe. – »O, die Hoffnung ist immer süß,« sagte der Pater, »wenn sie sich auch auf Gräber richtet, die sich erst öffnen sollen. Haben den Juden die Flammen erstickt, die unzuverlässige Willhild die Mühseligkeiten der Wallfahrt hinweggerafft . . . wie lange dauert's und sie tragen einen alten Schöffen zur Gruft! Dann fallen Eure Fesseln, dann feiert Ihr schon hienieden die Auferstehung.« – »Ach, hochwürdiger Herr!« seufzte Margarethe, »gehe es mit mir, wie es wolle; aber dieser Augenblick bleibe fern. Kann ich den Greis auch nicht lieben, wie eine Braut den gefälligen Bräutigam, so ehre ich doch sein graues Haupt und bin ihm dankbar, daß er mein dürftiges Leben mit Ueberfluß gekrönt hat.«

»Hm!« entgegnete Reinhold. »Hat Diether Euer Leben mit Ueberfluß gekrönt, so krönt er es jetzt mit unverdienter Schmach. Ihr seid im Vortheil gegen ihn, und er muß Euch dankbar sein für die edle Gesinnung, die Ihr für ihn hegt. Der alte Mann ist derselben nicht würdig, da er beinahe unverhohlen ahnen läßt, er schreibe Euch jenen Mordüberfall zu und versehe sich eines zweiten, wenn nicht seine Klugheit vorbaue.« – »Schrecklich!« rief Margarethe empört. – »Noch mehr,« versetzte der Mönch. »Heute just, fürchtet er, lauern Mörder auf sein Leben; Mörder von Euch gedungen und Euerm Bruder, vielleicht von Dagobert, wie der Argwöhnische sich nicht schämt, zu glauben. Ein Unbekannter hat ihm gemeldet, daß er erfahren würde, wo Wallrade hingekommen, wenn er in der heutigen Nacht, mit Geld versehen, am Bannsteine von Bergen, das Sprünglin genannt, erscheinen wolle. Diese Nachricht hält er von Euch erdichtet und wittert Verrath und wird nicht gehen, niemand senden.« – »Am Sprünglin sagt Ihr?« fragte Margarethe neugierig. –»So ist's,« antwortete Reinhold. »Ich, an seiner Statt, würde doch jemand hinaussenden; denn ich traue eher dem, der um Geldeswillen mir ein Ding zu verrathen verheißt, als der reinen Menschenliebe wegen. Indessen, Euch kann's gleichviel sein. Wallrade mag Euch nie zu lang außen bleiben; wohl aber der gute Dagobert, dessen keckes Handeln Euch und Eurer Sache nur Vortheile gewähren kann. Nicht wahr?«

Margarethe schlug die Augen vor den forschenden des Paters nieder, welcher nach einer Pause fortfuhr: »Wie ich vernommen, hat der junge Mann sich von der Kirche, welcher er verlobt gewesen, lösen lassen. Meines Bedenkens hat er übel daran gethan, und sogar sein hochmüthiger Lehrer, der Predigermönch Johann, der, wie Alle seines Ordens, dem unsrigen nicht hold ist, weil er am Evangelium reiner hängt, denn alle Andern, muß mir recht geben. Wäre der Jungherr Priester geworden, es wäre ihm nicht geschehen, was seit heute Morgen das Gerede der ganzen Stadt ist.« – »Um Gottes willen!« sprach Margarethe ängstlich, »was ist ihm geschehen? welch' Unheil? Redet!« – »Ihr wißt nicht?« fragte Reinhold entgegen. »Daß Eure Zofen aus Schonung Euch's verschwiegen haben, gebe ich zu – aber der Rachbegierde Eures Eheherrn hätt' ich das Schweigen nicht zugetraut. – Heute Morgen hat Euer Knecht Eitel, als er des Hauses Thüre öffnete, ein Pergament daran geheftet gefunden und die drei Späne, die aus der Pforte gehauen worden waren, entdeckten dem des Lesens Unkundigen gleich das Wahre, wie auch dem Pöbel, der schon lange gaffend vor dem Hause stand. Eine Ladung der heimlichen Acht ist es, gerichtet an den Jungherrn Dagobert Frosch, welcher auf den nächsten Dienstag vorgefordert wird, vor den Stuhl zu Sachsenhausen, um sich zu verantworten über schwere Missethaten, deren er angeklagt worden.«

»Heiliger Gott!« stammelte Margarethe, »die heimliche beschlossene Acht? Armer Dagobert! welch' ein Teufel hat dich vor diese Schranken gefordert, wo der Kläger nur Recht erhält? Hochwürdiger Herr! Um meinetwillen – o gewiß, um meinetwillen ist er in diese Verderbnis gerathen! Wie soll ich mir jetzt helfen?« – Der Mönch zuckte die Achseln, verwies die Klagende auf den Willen Gottes und auf das eigene Schweigen und begab sich mit dem Versprechen hinweg, bald wieder einzusprechen und ihr sogleich zu wissen zu machen, wenn der gefangene Jude ein gefährliches Geständnis besorgen lassen sollte.

Eine unsägliche Angst bemächtigte sich Margarethens, da sie in ihrem erschütterten Geiste Alles zusammenstellte, was sich in den letzten Tagen zugetragen, und ihr Schicksal auf solch' entsetzliche Weise verwirrt hatte. Ihres Fehls bewußt, drängte es sie, etwas zu unternehmen, wodurch sie die Schuld ihres Gewissens in etwas zum mindesten zu sühnen vermöchte, und dieses etwas wurde, trotz seiner gefährlichen Abenteuerlichkeit, bald in ihr zum festen Entschluß. »Ich will ihn zwingen, wenigstens nicht das Aergste von mir zu glauben,« sprach sie zu sich selbst; »nicht die Bosheit, Wallraden aus dem Wege geschafft, noch die größere, Mörder gegen sein Leben aufgestellt zu haben. Ist es Gottes Wille, daß ich in meinem Vornehmen umkomme, so sei es darum; – wo nicht, so sei der Engel gepriesen, der mir diesen Weg gezeigt, wieder etwas in der heillosen Verwirrung gut machen zu können, worein meine leichtsinnige Verblendung mein Haus gestürzt hat.«

Sie sammelte die Kleinodien und den kleinen Schatz von Denkmünzen und seltenen Goldpfennigen, die sie der Freigebigkeit ihres Gatten verdankte und wählte aus ihrem Kleiderschreine einen weitverhüllenden Regenmantel, welcher ihr zu ihrem Vorhaben geeignet schien. Hierauf sagte sie zu Elsen, die sich mit dem kleinen Johannes bei ihr eingefunden hatte: »Gute Dirne! Du hast treu bei mir ausgehalten, seit mich ein widriges Gestirn in die Tiefe des häuslichen Unglücks versenkte; nicht dein Mund, nicht ein Blick von dir hat mich fühlen lassen, wie sehr die Gegenwart meine Vergangenheit in Schatten stellt. Empfange dafür meinen herzlichsten Dank und gieb mir Gelegenheit, dir eine noch wärmere Dankbarkeit widmen zu können. Willst du, meine gute Else?« – Die Zofe staunte bei dieser ungewohnten Sanftmuth ihrer Herrin und versicherte sie ihrer Bereitwilligkeit. – »Entsinnst du dich noch des Traumes, den ich dir vor manchen Monden erzählte?« fuhr Margarethe fort. »Ich spottete damals deiner finstern Ahnung, obwohl mir der Spott nicht von Herzen ging. Nun aber erwahrt sich das Gebilde jener Nacht auf eine furchtbare Weise. Aus der Zeit ist eine Schlange erwachsen, aus Allem dem, was ich für das Theuerste achtete, ist ein Ungeheuer entsprungen, das mir das Herz abfrißt. Ich weiß, um diese Schrecken zu mildern, nur einen Ausweg und diesen zu ergreifen, sollst du mir behilflich sein.« – Else küßte der Gebieterin die Hand und fragte unter Thränen: »Was soll ich thun, ehrsame Frau, das Euch das Mittel darböte, den Frieden in Euer Haus und Herz zurückzubringen?« – »Ich muß fort,« sprach Margarethe mit gedämpftem Tone weiter, »noch in dieser Nacht muß ich fort. Hilf mir hinaus aus diesem Gebäude, wo mich Kummer und Angst tödtet.« – »Fort?« fragte Else erstaunt. »Fort? Ei, um unserer lieben Frauen willen? Wollt Ihr Euern Herrn verlassen und Euern guten Leumund zu Grunde richten? Oder wollt Ihr Euch ein Leides anthun? Ach, liebe Meisterin, unterlaßt doch dieses Vornehmen! Ihr seid jung, Ihr seid Mutter und Hausfrau. Verzweifelt nicht an der Barmherzigkeit, die Allen hilft. Ist der Kummer unverschuldet, der Euch drückt . . . und wie könnte es anders sein? . . . so wird der Allmächtige Euch nicht umkommen lassen. Die Wahrheit muß ja doch endlich an's Tageslicht kommen und Eure Feinde verderben. Man lebt nur einmal, gute Frau, und was helfen Euch alle Ehrenkronen auf Eurem Grabe, sobald Ihr die Augen nicht wieder aufthun könntet.«

»Nicht doch,« versetzte Margarethe mit schmeichelnder Ueberredung, »gutes Kind, du irrst. Ich will weder flüchtig gehen, noch mir das Leben nehmen und, wenn die Sterne mir günstig sind, bin ich morgen bei guter Zeit wieder zurück. Sollte ich aber nimmer wiederkehren, so sage meinem Herrn, daß er von deiner Mutter erfahren würde, wohin ich gegangen und wie mein letzter Gruß an ihn gelautet. Du aber bete dann für meine Seele, Mädchen!«

»Ihr wollt mich beruhigen, ehrsame Frau,« begann Else nach einer kleinen Weile, in welcher sie die Gebieterin stumm betrachtet, »und dennoch mehrt sich meine Angst. Wohin wollt Ihr gehen, daß Ihr vielleicht nimmer lebendig wiederkehren dürftet. O, liebe Frau, denkt an Euern Knaben!« – Sie führte den wehmüthig die Hände faltenden Johannes zu Margarethen. Die Altbürgerin betrachtete den Knaben kummervoll, legte die Hand auf seinen Kopf und sagte: »Armer Junge! du bist die Quelle des Unheils, das uns betroffen und doch unschuldiger als wir Alle! Du wirst, wie auch dein Geschick sich wende, an Herrn Diether einen Vater finden.« – »Das walte Gott!« seufzte das Mädchen. »Was wird aber der rauhe, argwöhnische Herr an dem Knaben thun, da Ihr, die Mutter, so kalt von ihm scheidet?« – »Du schiltst mein Mutterherz?« fragte Margarethe heftig. Sie faßte sich jedoch bald wieder und fuhr gelassener fort, »die Nacht bricht ein, mein Kind. Laß' mich nicht vergebens bitten. Bleibe mir treu, ich fordere es vielleicht zum letzten Mal von dir. Berichte mir, wenn Herr Diether heut' Abend das Haus verläßt und öffne mir alsdann die Thür, wenn du's vermagst. Ich selbst habe die Schlüssel des Hauses nicht mehr, da sie mein Herr mir abfordern ließ, allein ich denke . . .« – »Gute Frau,« fiel Else ein, »ich will gerne die Hand zu einem Schritte bieten, von welchem, wie Ihr sagt, meine wackere Mutter weiß. Aber Ihr vergebt, daß der ehrsame Herr, so oft er abends das Haus verläßt, die Thüre sperrt. Wie wird es möglich, zu entweichen, wenn es auch geschehen könnte, daß keine Magd und kein Knecht Euch sähe?« – »Welch ein Hindernis!« klagte Margarethe, »und heute, gerade heute muß ich fort! Sinne nach, kluge Dirne, sinne nach und hilf. Schon steigt der neue Mond herauf am Himmel; wir haben nicht lange Zeit zu verlieren, denn weit ist der Weg, den ich unternehme.« – »Es wird mir schauerlich zu Muthe,« erwiderte Else, »hör' ich Euch also sprechen. Ihr werdet doch nicht zu einer Hexenfrau gehen, um Euch die Zukunft deuten zu lassen durch verbot'nen Zauber?« – »Schwätzerin!« schalt Margarethe halb scherzhaft, ihr auf die Wange klopfend. »Vergissest du, daß deine Mutter um die Sache wissen wird und daß sie eine allzu fromme Christin ist, um sich mit Hexenwerken einzulassen. Sei ruhig und öffne mir einen Weg aus dem Hause. Höre aber vorerst, was das Geräusch bedeutet, das ich in den Gängen vernehme.«

Die Zofe ging hinaus, um nach dem Willen der Gebieterin zu thun. Der kleine Johannes näherte sich aber der in Trübsinn versinkenden Frau und sprach: »Lieb Mütterlein! du kommst doch wieder? Du lässest mich doch nicht allein bei dem finstern Manne, der uns nicht mehr sehen, nicht mehr hören will?« – »Ich komme wieder, Johannes!« versicherte Margarethe, seine Hand streichelnd, »und wenn ich auch nicht wieder käme, so verzage nicht. Du bist ja ein unschuldig Kind. Dir werden sie nichts zu Leide thun.« – »Ach, dem kleinen Hans ist schon viel zu Leide gethan worden,« klagte der Knabe; »die schwarze Mutter hat ihn viel geschlagen und endlich gar verlassen. Und du bist so eine freundliche Mutter und wolltest auch von mir gehen?« – »Ei, Hans,« zürnte Margarethe leise, »wie magst du denn schon wieder an deine Träume denken? Geträumt hat dir von der schwarzen Mutter . . . nichts weiter. Wie kommt es denn, daß du wieder an die Tollheiten kommst?« – »Seit heute Nachmittag, lieb Mütterlein,« erklärte der Bube gesprächiger. »Es muß am Ende doch wahr sein, was ich geträumt habe. Else hat mich hinausgeführt auf die Gassen unter die andern Buben und wir haben gespielt. Und da ich müde wurde und Else sich vor einem großen schönen Hause mit mir hinsetzte, – da hab' ich den Mann gesehen, der mich gefunden hat, da meine schwarze Mutter von mir gegangen war und es ist just so vor mir gestanden, Alles, wie damals, als es mir geträumt hat, wie du sagst.« – »Welchen Mann?« fragte Margarethe mit pochendem Herzen. – Der Knabe besann sich ein wenig, dann versetzte er: »Ich habe bei ihm geschlafen . . . ganz gewiß . . . und bin auf seinem Knie geritten; . . . ach Mütterlein! welch ein großer Schnauzbart und den hat er noch.« – »Ei, wo sahst du ihn denn, Hans?« – »Am Fenster stand er,« fuhr der Bube fort, »und ein schwarzer großer Herr neben ihm und sie sahen mich auch lange an; der Mann hätte gewiß mit mir geredet, wenn er nicht im Hause gewesen wäre und ich auf der Gasse.« – »Gewiß,« versetzte Margarethe, leichter athmend; »daß er aber nicht zu dir herauskam, sei dir ein Beweis, daß es doch nichts war als ein Traum, was du dir einbildest; ein Traum, von dem zu reden ich dir ernstlicher verbiete als jemals, hörst du? Wenn du haben willst, daß ich nicht mehr zurückkomme, so magst du thun, was ich verboten habe.« »O, mein Mütterlein!« antwortete schmeichelnd der Bube. »Wieder kommen, nichts sagen, – gewiß nicht, herziges Mütterlein.«

Da trat Else wieder ein. »Ehrsame Frau,« sprach sie, »es ist als ob ein Zauber Euern Ausgang begünstigen wollte! Wir haben Besuch bekommen; der Bruder des Herrn, der Prälat aus Welschland, ist soeben im Hause eingekehrt, mit einem gar holdseligen Fräulein, das wohl seine Haushälterin oder eine Verwandte sein mag. Der Herr Schöff hat die Gäste in den großen Garten geführt. Darauf hat er dem Eitel befohlen, spanischen Wein heraufzubringen und ein Nachtmahl anzuordnen, wie es in der Eile sich würde thun lassen. Das Gesinde ist in Küche und Keller beschäftigt, die Thüre ist offen, das Glück und die Nacht sind Euch günstig, wenn Ihr ferner bei Eurem Vornehmen beharrt.« – »Ob ich dabei beharre?« fragte Margarethe lebhaft. »Hartnäckiger denn zuvor. Den Prälaten, welcher Wallraden liebt, wie seinen Augapfel, will ich nicht eher sehen, als bis ich etwas gethan, das unleugbar von meinem guten, aber schnöd verkannten Sinne zeugt. Komm', Else, hilf mir und du, mein Junge, setze dich dort in den Winkel und weine nicht und plaudere nicht. Ich werde wiederkommen und dir schöne Sachen mitbringen.« – Hans that, wie ihm geheißen war, und Else warf der Gebieterin den Mantel um. »Gott schütze Euch!« schluchzte die gute Seele, da sie die schweren silbernen Haken am Halse Margarethens zumachte und ihr das Kästchen unter den Arm schob: »Der Himmel gebe, daß wir Alle es nicht bereuen mögen, daß Ihr heute fortgegangen von Euerm Herrn und Sohne.« – »Das gebe der Himmel!« erwiderte Margarethe und öffnete die Thüre des Gemachs leise und vorsichtig. Else folgte der voranschleichenden Herrin und der Zufall wollte, daß kein Verräther über ihren Weg ging. Die schwere Hauspforte wurde halb aufgezogen, und in die braune Dämmerung entschwand Margarethe.

Sie durcheilte die Straßen der Stadt, über welchen der neu eingetretene Vollmond einen feuchten, düstern Himmel gespannt hatte. Mit der Sonne hatte auch das schöne Wetter Abschied genommen und gewitterliche Wolken den Schauplatz bezogen. Wohl leuchtete der Mond, aber seine Scheibe war bleich und diese blasse Helle deutete auf herannahenden Sturm und Regenguß, so wie die Mitternacht herankommen würde. Es war ein seltenes Schauspiel, um jene vorgerückte Abendstunde ein Weib aus dem bessern Stande allein auf den Gassen der Stadt zu gewahren, und mehr als ein zudringlicher Junker bot der Eilfertigen seine Begleitung an. Kaum hörte sie jedoch die Begrüßung der Schüchternen, die Frecheren wies sie mit harten Worten zurück und verschloß ihre Ohren vor den Spöttereien der Wächter am Thore. Ein Ziel vor Augen habend, ging sie muthig hinaus in's Weite und das Mondlicht sowohl, als auch dann und wann ferne am Feldweg aufzuckende Blitze leuchteten ihr mitleidig auf dem Weg zum Schellenhof. Keine menschliche Seele war ihr vor der Stadt begegnet. Züge von Dohlen und Krähen, die, vor dem fern dräuenden Sturm einen Zufluchtsort suchend, dicht am Boden vorüberflatterten, waren die einzigen lebenden Geschöpfe, die sich zeigten. Frau Margarethe, trotz aller Standhaftigkeit dennoch solcher einsamen Wanderungen ungewohnt, dankte dem Himmel im Stillen, als die Hunde des Schellenhofs bei ihrer Annäherung anschlugen, obwohl hier erst der halbe Weg zur Gefahr überwunden war. Die Hunde tobten an der Kette und der geschlossene Fensterladen im Erdgeschosse ging auf. Crescentia, die nach der Ursache des Gebells aussah, erschrak in die tiefste Seele, als sie die Stimme der Dienstherrin vernahm, die auf einen Augenblick den Eintritt in's Haus verlangte. Die Beschließerin gehorchte auf der Stelle und that ihr Gemach auf, in welchem Margarethe einen Mann gewahrte, welcher soeben einen mäßigen Nachtimbiß einnahm und verlegen aufsprang, da Margarethe in die Thüre trat.

»Sieh' da, Vollbrecht!« rief die Altbürgerin, schmerzlich und freudig betroffen von dem Anblick des Knechts; »du hier? Ei, sprich, wo ist dein Herr und kehrt er zurück?« – »Ehrsame Frau!« lautete die Antwort, »wir sind herumgezogen in der Irre, haben aber nichts erlauert, nichts erspürt. Wir haben zwar manchen Span bestanden mit den adeligen Herren, die rundum an den Straßen und Flüssen die Schlagbäume machen und von Freund und Feind den Zoll heischen, – aber, die wir suchten, fanden wir nicht, und des Fräuleins leibeigener Knecht Rüdiger, nachdem er uns lange kreuz und quer im Lande umher geführt hatte, meinte endlich, er werde doch nimmer das Schloß erkennen, in welchem sie gesteckt – das Fräulein, er und die Zofe – und er glaube steif und fest, man habe das Fräulein umgebracht. Darauf haben wir uns auf den Rückweg gemacht und wollten heut' zur Vesperzeit in Frankfurt einreiten, als mit einem Male der Rüdiger krank wurde und so bresthaft, daß er wohl nimmer erstehen wird. Der Mensch hat sich so viel Gedanken um seiner Herrschaft Schicksal gemacht und sich so derb darob gegrämt, daß er sicher schon verschieden wäre, wenn er nicht etwas auf dem Gewissen gehabt hätte, das ihn, wie er sagt, seit geraumer Zeit gedrückt hat, wie ein Fels. Der Junkherr hat ihm zugesprochen, wie ein Beichtvater, und endlich hat der Knecht sich drein ergeben und versprochen, ihm Alles zu bekennen und sein Herz zu erleichtern vor dem Ende.« – »Was kümmert mich der Knecht?« schaltete Margarethe dringend ein. »Wo ist dein Herr? Das will ich wissen.« – »Ich bin ja gleich zu Ende,« erwiderte der Knecht gehorsam, »wir waren gezwungen, in einer schlechten Winkelschenke einzukehren, nicht allzufern von hier, da der Rüdiger nicht weiter konnte und wenn man ihn auf's Pferd gebunden hätte. Und da es den sterbenden Mann drängte, meinem Herrn zu vertrauen, was ihn quält und mir, dem Knecht, nicht nöthig und ziemlich ist, davon zu wissen, so hat der Junker gesagt: »Reit' du indessen gen Frankfurt, Vollbrecht, und sieh nur, wie es dorten steht, ob sich vielleicht durch Gottes und eines andern Biedermannes Hilfe die Schwester daselbst wieder eingefunden und wie es mit dem lieben Vater steht, der Mutter und dem kleinen Hans. Vergiß jedoch nicht, vorerst auf dem Schellenhofe einzusprechen und der wackern Frau Crescens meinen Gruß zu bringen mit dem Vermelden: es stehe bis auf die getäuschte Hoffnung wohl mit mir. Sobald des Rüdiger's Zustand es erlaubt, komme ich selbst.« – »Um Gottes willen nicht!« fiel hier Margarethe eifrig ein; »fliege zurück zu ihm und bringe ihm diese Kunde! Nur gen Frankfurt nicht, denn seine Feinde haben die tödlichsten Pfeile auf ihn gerichtet. Die heimliche Acht hat ihn vorgeladen und von ihren Schranken kehrt kein Gerechter wieder.«

»Jesus Maria!« seufzte die Beschließerin und schlug ein großes Kreuz. Der lange Vollbrecht faltete erschrocken die Hände und sprach kein Wort. – »Wenn ihm sein Leben, wenn ihm meine Ruhe lieb ist, so verberge er sich in entlegenen Landen vor den Schöffen der Vehme!« fuhr Margarethe bewegter fort. »Sage ihm, Vollbrecht, ich hätte gehört, daß der Kaiser allein die Vervehmten zu schützen vermöge. Er suche zu Siegmund's Füßen die Lossprechung von jener furchtbaren Ladung. Er fliehe zu den Füßen des heiligen Vaters, denn in Deutschland sollen hunderttausend Dolche auf die Brust des Geächteten lauern. Doch, was rede ich?« setzte sie, sich besinnend bei, »ich sollte ihn wegscheuchen vom heimatlichen Boden, ohne ihm erst zu sagen, wie sich Alles gestaltet? Nein, nein, reden muß ich noch einmal zu ihm. Ich muß ihn sprechen, obgleich ich nicht weiß, ob ich morgen noch lebe! Sage ihm, treuer Knecht, sage ihm, daß er morgen, um diese Stunde – hier erscheine – er würde mich finden, ihm Lebewohl zu sagen! Bis dahin möge er jedoch verborgen bleiben, denn Alles sei gegen ihn verschworen. Und nun mach dich zur Stelle und eile von dannen. Vielleicht ist jetzt schon Rüdiger des Todes oder genesen. Vielleicht geht schon der Sorglose, Unbefangene seinem Untergange entgegen, ohne Warnung, ohne Ahnung! Geh'! geh'! guter Vollbrecht!«

Um den schwankenden Entschluß des zögernden Burschen zu beschleunigen, drückte sie ihm ein Geldstück in die Hand und diese Freigebigkeit, verbunden mit der aufrichtigsten Anhänglichkeit an seinen Herrn, bestimmte den Knecht, sich alsobald aufzumachen. Frau Margarethen für ihr Geschenk das Kleid küssend, Crescenzien für das Nachtmahl dankbar die Hand schüttelnd, sprang er hinaus, warf sich auf den harrenden Gaul und suchte auf gut Glück in dunkler Nacht den Weg, den er gekommen. Die Schaffnerin hatte kaum ihren Ohren getraut, als sie die Reden vernommen, die Margarethens Mund gesprochen hatte. Es schien ihr noch immer wie ein Traum, daß ihre Meisterin jetzt, zu dieser Stunde in ihrem Gemache stehe und eine ängstliche Neugierde bemächtigte sich ihrer, zu erfahren, was der seltene und verstörte Gast hier begehre. Die Altbürgerin ließ diese Neugier nicht zu Worte kommen, denn auch sie wurde von der vorrückenden Nacht gemahnt, ihr Gewerbe hier zu Ende zu bringen. – »Der Tag wird kommen,« sagte sie ernst zu der Dienerin; »ich werde vielleicht nicht wiederkehren, denn meines Lebens bin ich nicht sicher auf dem Wege, den ich heute gehen muß. Versprich mir aber, Crescenz, daß, wofern ich morgen in des Tages Frühe nicht zurückkehrte, du meinen Herrn aufsuchen wollest und ihm melden: Ich hätte es nicht ferner tragen können, meine Unschuld für böse Schuld abgewogen zu sehen. Ich sei ihm immer treu gewesen und hold – Dagobert sei rein, wie das Sonnenlicht – ich hätte weder meinen Herrn und Ehewirth zu morden begehrt, noch sein Herz zu zerreißen durch Wallradens Raub, den er mir ebenfalls zugeschrieben. Um ihn zu überzeugen, daß ich wahr und redlich gehandelt, sei ich heut' hinausgegangen zum Springlinsteine, um dort zu verrichten, was Herr Diether, von Argwohn und Mißtrauen befangen, nicht unternehmen wollte. Er möchte mir daher vergeben, was ich vielleicht im Leichtsinn der Jugend an ihm gefrevelt. Böses habe mein Herz dabei nie im Schilde geführt. Er möge mir auch verzeihen, was ich Schweres begangen, und mir nicht als Sünde zurechnen, was ein irre geleitetes Gefühl verbrach. Er möge endlich meiner in Frieden gedenken und von dem kleinen Hans seine Hand nicht abziehen, wie auch die Dinge kommen sollten. Verstehst du mich, gute Crescenz?«

Die Alte hatte immer aufmerksamer Auge wie Ohr geöffnet. »Ich werde ausrichten, was Ihr befehlt, ehrsame Frau,« sagte sie in ihrer Bestürzung, »aber ich will nicht getauft sein, wenn ich begreife, was das Alles heißen soll! Hat Euch denn der liebe Herrgott Euer Sterbestündlein offenbart? Oder welche Ursache habt Ihr denn, daß Ihr solche bedenkliche Reden führt? Oder hätte Euer häuslich Kreuz Euern Verstand beschädigt? Ich sollte Euch wahrlich nicht fortlassen in der dunklen Nacht.« – »Keine Widerrede,« befahl Margarethe herrisch, und Crescenz zog sich alsobald in die Schranke der Demuth zurück; »höre noch das Letzte,« setzte die Altbürgerin hinzu, »athme ich morgen noch, so werde ich am Abend hier mit meinem Stiefsohne ein Wort des Abschieds reden – in Gegenwart deiner beiden Augen, unter der Obhut deiner verschwiegenen Zunge. Hat jedoch der Herr des Lebens über mich geboten, so sage dem durch mich unglücklich gewordenen jungen Manne: Bis zu meinem letzten Athemzuge sei er mir der theuerste Mensch auf Erden gewesen. Die Zeit, da ich ihn verstohlen liebte, wie ein unerreichbar höchstes Gut, sei meine glücklichste, die Zeit, in der ich ihn haßte in verwirrter Leidenschaft, meine elendste gewesen. Seine vergebende Freundschaft war Paradieseshauch in meinem häuslichen Jammer, sein Bild der Heilige, zu dem ich betete. Bekenne ihm in meinem Namen, daß ich glücklich war in der Erinnerung an ihn und daß, wenn es möglich ist, mein Geist sich von oben herabneigen wird, um über seine Schritte zu wachen, daß ich ihn aber bitte mit der verzweifelnden Liebe einer Mutter, sich selbst zu erhalten und die Stätte zu meiden, wo öffentlich und heimlich die höchste Gefahr ihm droht, wo selbst der eigene Vater von schnöder Rachelust entbrannt ist gegen den Unschuldigen. Beschwöre ihn« . . . – hier hemmten Thränen die Worte Margarethens und mit einem schmerzlichen »ich kann nicht mehr, lebe wohl!« stürzte sie aus dem Gemach. Die angstvolle Crescenzia folgte ihr ermahnend, bittend und klagend. – Die Altbürgerin war unerbittlich gegen ihr Flehen; noch unter der Hausthüre mußte ihr die Alte die Richtung bezeichnen, die sie gen Bergen zu nehmen hätte und unter dem Gebell der wachbaren Hunde entwich die kühne, auf's Aeußerste gefaßte Frau der alten Dienerin.

Kopfschüttelnd sah ihr die Letztere nach, schob alsdann den Riegel vor und sendete das Gesinde, das durch das Hundegebell aufgeschreckt worden war, wieder zum Lager zurück. Sie setzte sich hierauf in den Sorgenstuhl und dachte in unruhigem Geist nach über die Begebenheiten des Abends. Nach allem Ueberlegen schien ihr endlich nichts klarer und gewisser zu sein, als daß der angehäufte Gram und Unmuth Margarethens Verstand in Unordnung gebracht habe und sie begann, sich die bittersten Vorwürfe zu machen, daß sie die Sinnverwirrte hinausgelassen in die einsame Finsternis und daß sie gar nicht bedacht, wie ungnädig Herr Diether ihr Betragen – kam's zu Tage – aufnehmen würde. »Ei!« unterbrach sie sich, gegen das Fenster lauschend, »war mir's doch, als ob die Hunde sich wieder bewegten und leise knurrten; 's ist aber wieder Alles stille – und dennoch,« setzte sie nach einer Pause hinzu, »dennoch regt sich draußen etwas und ich höre die Hunde schnaufen und schmatzen, als ob sie etwas Köstliches zu fressen erhalten hätten.« – Schon griff die herzhafte Frau nach der Lampe, als eine behutsame Faust einige Male leise an den Laden klopfte. – »Da haben wir's!« flüsterte die Alte vor sich, »das ist ein frecher Dieb, der meinen Hunden mit Gift das Maul gestopft hat und nun herein möchte.« – Sie erfaßte schnell eine Haue, die in der Ecke stand, öffnete das Fensterlein und sprach durch die Ritze des Ladens hinaus: »Du diebischer, ungeschlachter Gesell, wer du auch seist, – packe dich fort, denn meine Leute sind beim ersten Schrei wach und hellmunter. Auch halte ich eine Haue in der Hand, die dir den Kopf zerschmettert, wenn du in's Fenster einzubrechen wagst. Zieh' darum ab. Ich bin 'ne arme Frau und hier ist nichts zu holen, als ein blutiger Kopf.« – »Macht keinen Lärm!« flüsterte es von draußen herein, »ich bin kein Dieb, sondern ein ehrlicher Mann. Ich komme doch nur, um Euch zu warnen, Mütterlein.« – »Wofür? du Schalksgesell?« fragte Crescenz, noch immer ungläubig. Der Fremde vor dem Fenster fuhr aber fort: »Man ist Ben David's Estherchen gekommen auf die Spur, du gutes Weiblein. Sie werden kommen, ehe vergeht eine Stunde, um die Jüdin zu fangen, und um dich, als Hehlerin, zu setzen auf den Thurm bei Wasser und Brot.« – Crescentia's Herz klopfte heftig, denn sie konnte nicht an dem guten Wissen des Klopfenden zweifeln. Sie öffnete scheu den Laden, obgleich nur halb und beleuchtete vorsichtig Zodick's häßliches Antlitz, das sich herein bog. »Wer bist denn du, Nachtläufer?« fragte sie halb erschrocken. – »Kennst du mich denn nicht, Memme!« sagte Zodick entgegen, »bin ich doch gewesen der Knecht, der dir so oft gebracht hat mildthätige Beisteuer von Ben David, dem Sohne Jochai's, du mußt dich noch besinnen auf meine Gestalt.« – »Ach! du bist's?« rief die Alte erschreckt, »weiche von dannen, du Lügner, der seinen Herrn zum Tode bringt durch seine blutige Bosheit!« – »Ich bin nicht derselbe,« hieß es entgegen; »jener Zodick, der geklagt hat in Edom, ist nicht mehr, sondern ein reuiger Zodick lebt noch, und darum will er retten die Tochter seines Herrn, die einer aus Israel verrathen hat an den wollüstigen Schultheiß.« – »Um Gottes willen!« fiel die Alte kläglich ein, »der Schultheiß? das arme Kind . . . wer war der Verräther?« – »Joseph, der Arzt,« erwiderte Zodick leise; »um die elfte Stunde kommen des Oberstrichters Trabanten heraus und wehe dir, wenn man die Dirne findet. Ich will holen das Estherchen und es bringen zum Vater.« – »Zum Vater?« fragte Crescenzia mißtrauisch, »faule Fische, rothköpfiger Jude.« –»Ich will sprudeln Gift und Galle ein Jahr lang,« betheuerte Zodick, »wenn es nicht ist wahr. Ich habe herausgebracht den Alten aus dem Thurm und ihm versprochen, weil er selber ist krank und schwach, die Tochter zu retten aus den Klauen der haarigen Böcke.«

»Ei, du unverschämtes Lügenmaul!« eiferte die Alte, »du hältst mich für eine Schnattergans, daß du solch' Possenzeug mir weiß machen willst. Esther ist nicht hier, ist noch nie hier gewesen, magst du wissen, du schleichender Spürhund. Hier haust eine andere Jungfer, die mit Euch Juden nichts gemein hat: weißt du das? Deine Märlein von dem Oberstrichter und seinen Knechten trage nur anderwärts hin, hörst du?« –

»Laßt doch das lächerliche Gedibber,« versetzte Zodick unwillig; »wer im Giebelstübchen wohnt, weiß ich gar wohl. Ruf' mir das Schickselchen herab und ich führe sie zum Aette, ehe noch die Gewalt kommt über Euch.« – »Wenn du nicht alsobald gehst,« erwiderte die Alte derb, »so kommt die Gewalt meiner Haue und meiner Hunde über dich, wenn du nicht die Letzteren vergiftet hast, da ich keinen Laut von ihnen höre.« – »Ohne Sorgen, Mütterlein,« sagte Zodick schmeichelnd; »sie leben, die Thiere; aber thun werden sie mir nichts, denn ich habe ihnen gegeben Kuchen, besser als der Kuchen Levi in der Nacht des Passah. Du, laß' mich aber hinein, daß nicht Unglück einzieht bei dir, und Estherchen frei werde von Amalek's sündigen Richtern.« – »Nimmermehr!« wiederholte Crescenz. »Ich traue dir nicht, du abtrünniger Mensch, dem's mit dem wahren Glauben eben so wenig Ernst ist, als mit dem falschen. Du bist ein Gezeichneter. Mache, daß du von hinnen kommst!«

Ein blitzendes Messer züngelte wie ein Strahl durch die Oeffnung des Ladens; Crescenz gewahrte jedoch noch zu rechter Zeit des meuchelmörderischen Versuchs, sprang zurück und riß den Laden mit einer Gewalt zu, daß die Klinge zerbrach. – Der Mordbube fluchte draußen halblaut über des Weibes Klugheit und den Verlust seines Gewehrs. Crescenz belferte ihm aber zu: »Rothhaariger Schuft! wo du nicht gleich Reißaus nimmst, rufe ich meine Leute und dein letztes Brot ist gebacken, du Schurke.« – Eilig, wie ein rollender Kiesel, entsprang der Bösewicht, und die Hunde, wie von einem Zauberspruch betäubt, rührten sich nicht in ihren Hütten.

 << Kapitel 27  Kapitel 29 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.