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Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Siebenundzwanzigstes Capitel.

»Wallrade! kennst du mich?« wiederholte der Mönch mit schmerzlicher Stimme und Wallrade wand sich stolz aus seinen umfangenden Armen. »Wie sollte ich nicht, Rudolf?« fragte sie bitter. »Ich finde Euch immer im Gewande der Lüge. Was sucht Ihr hier? Wie kommt Ihr hieher?« – »Weib!« entgegnete der Herr von der Rhön, dessen bleiche Wange sich höher färbte bei dieser schnöden Anrede, »Weib! sieh' selbst, was du aus mir gemacht hast. Hab' ich denn so schwer gesündigt, daß ich umherirren muß wie ein Flüchtiger, dem Henker Verfallener? Du hast mich fortgetrieben aus meinem Hause, von Allem, was ich liebte. Zu stolz, um mich einen Thoren schelten zu lassen von den Freunden, die mir auf dieser seltsamen Flucht begegnen möchten, – zu schwach hingegen, ohne Scheu dem schimpflichen Tode entgegenzutreten, der von einem Worte deiner Lippen abhing, warf ich alle Zeichen meiner besseren Herkunft weg und zog, in das Gewand der Demuth und Dürftigkeit gehüllt, nach den Wallfahrtsorten der Schweiz. Zurück trieb es mich nach dem Wohnsitze meiner Lieben, trotz deinen fürchterlichen Drohungen. Was empfand aber mein Herz, da ich diesen Sitz des häuslichen Friedens verödet und verwaist fand, Alles von dannen genommen, was meinem Leben Werth zu verleihen vermochte, alle Blüthen entwendet, durch die Hand, die von jeher mein Unglück machte; durch die deinige. Lächle nicht so höhnisch. Du hingst nie aufrichtig und treu an einer Seele auf Erden. Zu Costnitz erfuhr ich, daß du zur Heimat gekehrt seist, zu den Deinigen nämlich, an Thüringens Grenze, daß eine Frau mit einem Kinde bei dir in deinem Gefolge sei. Ein neuer Donnerschlag! Mein Weib, mein Kind nachgeschleppt an deiner Kette, wie stumme Zeugen deines grausamsten Sieges! Ich erkannte deine Tücke, aber die Gegenstände meiner Zärtlichkeit dir zu entreißen, beschloß ich alsobald. Die Fluren, die ich seit Jahren mied, weil auf ihnen mir die Hölle erwuchs, betrat ich wieder, gestärkt durch den Gedanken an Katharinen. In jenem Hause, das meine Verblendung und den Ursprung unsers unseligen Zwistes sah, suchte ich meine Lieben und fand sie nicht, – leer die Stätte, wo ich mich einst in den Himmel träumte, während ich einen finstern Geist umarmte.« – »Redet deutlicher,« unterbrach ihn Wallrade kalt, »Ihr meint das Haus Eures Weibes, in welchem Ihr Euer unrechtmäßiges Weib und Eure Bastardtochter suchtet.« – »Wallrade!« fuhr der Herr von der Rhön empor, besann sich aber schnell und sprach gemäßigt fort; »ich muß mich schämen, daß ich nicht gelassen Euern Vorwurf erdulde, da ich doch die Schuld mit leichtem Muthe begangen, deren Ihr mich zeiht. Aber, Wallrade! des Menschen Zorn soll nicht durch Ewigkeiten dauern. Vergebt endlich, ich muß glauben, daß ein erschüttertes Herz Euch in dieser Kapelle Einsamkeit geführt, wo Ihr einen Priester des Herrn, einen Tröster zu finden hofftet. Laßt die seltene Regung in Eurer Brust nicht ganz verschwunden sein! Laßt aus der Gefangenschaft, die uns Beide hier fesselt, die Blüthe der Versöhnung entsprießen. War ich hart und ungerecht gegen Euch, so vergebt mir, wie ich Euch verzeihe, was Ihr mir Böses zugefügt. Laßt ab, mich zu verfolgen wegen dessen, was unwiderruflich einmal geschehen, – nicht mehr zu ändern ist.« – Wallrade sah ihn verächtlich an; »Ihr traut Euch viel Werth zu,« sprach sie, »da Ihr glaubt, mein Haß könnte wirklich niemals eine Grenze finden. Ich habe Euch es gedroht, aber der Jammer, in welchem ich Euch muthlos versunken sehe, bewegt meine Brust. Konnte ich einst Euch lieben? das frage ich mich selbst erstaunt, da ich Euch winselnd um meine Gnade flehen höre. Ist das der Mann, der einst alle Schranken übersprang, um mein zu sein? Seines Vaters Befehl, meine eigene Abneigung gegen jedes feste Band? Ach, schon damals hätte ich ahnen müssen, was die Folge bringen würde. Ihr scheuet Euch, im hellen Sonnenlichte mir zu gehören und diese Scheu gefiel meiner gedemüthigten Sprödigkeit, die gern vor aller Welt die Larve der Unüberwindlichkeit vorbehalten hätte. Eure Flatterhaftigkeit, Euer Wankelmuth enttäuschte mich fürchterlich. Der Segen des Priesters war ein Zauberwort gewesen, das unser Wohl vernichtet hatte. Laßt mich über jene Zeit hinweggehen, wo Ihr mich überreden wolltet, ich sei plötzlich ein Teufel geworden, während Ihr mich zuvor den Engel Eures Lebens nanntet. Von Eifersucht und Unzufriedenheit zerrissen, verließt Ihr mich und Euer Kind, um der Gatte einer andern zu werden. Wäre ich wirklich so böse gewesen, als Ihr betheuertet, schon damals hätte ich unsere Ehe bekannt gemacht, Euch und Euer Kebsweib der Schande preisgegeben. Ich that es nicht; nur mag mir vergeben werden, daß ich denjenigen nicht mehr in meiner Nähe dulden wollte, dem ich's verdanke, daß ich mit dem Leben zerfallen bin.« – »Bin ich es weniger?« fragte Bilger entgegen und sah sie durchdringend an. »Weib, das durch seine gleißnerische Beredsamkeit meinen Fehler in eine unverzeihliche Sünde verkehren möchte. Fräulein von Baldergrün! gedenkt des deutschen Herrn, Eures weitläufigen Verwandten, Eures nahen Freundes! Laßt mich schweigen! Seine Hilfe schloß unsern Bund, seine Hand hielt unsern Knaben zur Taufe, – sein tückischer Sinn vergiftete mein Glück und gab dir Muth, in deiner wahren Gestalt aufzutreten. Hier ein Bündnis, das mir nicht ehrenhaft mehr schien, um es laut zu offenbaren, ein Weib, das ich, das mich hassen gelernt hatte, ein Freund, der unter dem Mantel der Blutsfreundschaft und der Sittenreinheit eine unumschränkte Gewalt über dich und mein Kind ausübte, kurz eine Zukunft voll Verzweiflung und blutigen Ausgangs; – dort hingegen ein greiser Vater, der es in die Hand seines Waffengenossen geschworen hatte, seine Tochter nach dessen Tode zu erziehen und seinem Sohne zu vermählen, – diese Tochter selbst, ein Urbild von Sanftmuth und Unschuld, gegen deren Vorzüge deiner Reize gefährlicher Zauber mich unempfindlich gemacht hatte, – Scheu, falsche Scham, dem Vater zu gestehen, was vorgegangen, das nagende Gefühl, an deiner Seite nur Elend zu finden, – das Bewußtsein, daß Katharine um meinetwillen vergehe in stillem Liebesgram, – mit einem Worte, ich war ein Mensch und fehlte vor Kirche und Gesetz, während mein Herz mich frei sprach.«

»Eitle Reden!« erwiderte Wallrade streng; »die Schmähungen, mit denen Ihr mich und den Herrn von Issing überhäuft, verzeihe ich Euerm Gewissen, das jeden Strohhalm festhalten möchte, um nicht rettungslos zu versinken. Ihr seid fortan ein unwürdiger Gegenstand meines Hasses. Geht hin! . .« – Bilger hielt die, zum Entweichen Gewendete zurück und fragte mit Thränen der Angst im Auge: »O Wallrade! ich will ja gerne schweigen und glauben, daß die Tugend, die Ihr heuchelt, eine wahre ist; allein nicht dieser kalte und leere Bescheid genügt mir. Sprecht . . . wo ist meine Katharine . . . wo meine Agnes? . . . soll ich Beide nimmer wieder sehen?«

Wallrade sah mit einem stechenden Lächeln in das blasse Antlitz des Geängsteten. »Ich habe bewiesen,« sprach sie langsam, »indem ich Mutter und Tochter der Hilflosigkeit entriß, in welche Euer Abschied sie versetzt hatte, – daß ich keinen Groll hege gegen sie, die ich doch wahrlich – den Umständen nach – nicht lieben konnte.« –

»Ihr hättet in Gutem für sie gesorgt?« fragte von der Rhön mißtrauisch; »Ihr? Ihr selbst triebt ja den Gatten und Vater von ihnen.« – »Schweigt!« herrschte ihm Wallrade zu, »ich konnte sie verschmachten lassen und that es nicht; ich konnte sie dem Hohn der Welt preisgeben und that es nicht. Nach Baldergrün wollte ich sie führen. Allein . . .« – »O, sagt's heraus,« unterbrach sie Bilger schnell und verstört, »Euer Zögern gibt mir im voraus den Tod. O, welches Wort sprach ich jetzt aus?« setzte er hinzu und schauderte; »mußte ich ihn nennen, den Tod? Und steht er nicht in Verbindung mit dem, was ich von Euch erfahren werde?«

»Möglich,« antwortete Wallrade kalt; »Gewißheit ist indessen besser als der Zweifel. Durch meines Herzens Bezwingung erhielt ich Katharinens Freundschaft, allein weder Trost noch Freigebigkeit konnten ihr Leben erhalten. Mit ihrem Kinde im Arm stürzte sie sich in die Fluten des Mains.« – Der Herr von der Rhön sank langsam nieder auf die Trümmer der Altarstufen. – »In die Fluten des Mains!« wiederholte er mit der eisigen Kälte der Verzweiflung, die jedes Wort mit Centnergewicht belegt, damit es ja unerbittlich die Seele zerschmetterte. »Das unglückselige Weib war also deiner Tugend Ziel? O, wahr ist es, wahr, daß die Sünde nimmer Gedeihen bringt.«

»Laßt doch meine Hände los!« sagte Wallrade zitternd, da sie sich von Bilger's eisiger Rechten erfaßt fühlte; »die Kälte des Todes zuckt in Euern Fingern!« – »Warum habt Ihr nicht recht?« jammerte der Herr von der Rhön und erleichternde Thränen schossen in seine Augen, wie der Angstschweiß auf die Stirne. »Warum liege ich nicht auch, ein erstarrter Leichnam, im Abgrund des trügerischen Stroms? Ach, ich habe ja doch nur sie geliebt. Was früher mein Herz bewegte, war eitler Tand . . . sie nur war das Juwel, die Perle meines Lebens. Aber so wie die Perle schläft in der Tiefe der Flut, so hat sie sich hinunter gesenkt auf den kühlen Moosgrund, weil die Welt zu arm war, dies Kleinod zu kaufen und zu hüten.«

»Ihr werdet wahnsinnig!« versetzte Wallrade, »laßt mich!« – »Nicht eher, als bis du mich hingeführt hast zum Grabe meines Weibes!« sprach Bilger. »Wo ruht sie? wo mein Kind? O, sage es mir, – du, ihre letzte Pflegerin, du ihre Mörderin!«

»Eure Sünden haben sie umgebracht,« antwortete das Fräulein kalt; »ihre Leiber fand man aber nicht und gewiß hat die Flut sie hinausgeführt in's offene Meer, damit nicht christlich geweihte Erde die Teilnehmerin wie die Frucht schändlicher Doppelehe bedecke!« – »Nicht einmal ihr Grab werde ich sehen?« klagte Bilger, ohne auf Wallradens Schmachrede zu hören. »Wie elend bin ich nun? Mochte ich doch flüchtig umherirren . . . ich wußte ja doch, daß fern von mir zwei Herzen voll Liebe für mich schlagen! Und diese sind jetzt zur Ruhe gegangen! O, ich Schändlicher! du Grausame! wir haben sie ermordet! Meine Katharine! meine kleine, holde, unschuldige Agnese!« – »Seht da, in welcher Erbärmlichkeit Euer unmännlicher Schmerz Euch darstellt!« sprach hierauf Wallrade, deren Busen hoch aufklopfte bei diesem Anblick; »Ihr trauert um das Weib, das Euch nicht gehörte, – um das Kind der Unzucht, und Eure rechtmäßige Gattin verabscheut Ihr, nach Eurem Sohn sendet Ihr kein fragend Wort aus?« – »Wölfin!« seufzte Bilger. »Erbarmte mich nicht des Knaben Schicksal? Hieltest du ihn nicht von mir entfernt und begannst meine Strafe, indem du ihn mir entzogst?«

»Weil ich mein Kind nicht als einen Findling in Euerm Hause wissen wollte,« erwiderte Wallrade. »Der Knabe sollte Euern Namen nicht führen, oder unter Katharinens Herrschaft stehen? Nimmermehr! Ich behielt ihn damit er mir stets Euer Verbrechen vergegenwärtige und – ich leugne es nicht – zu meinem Rächer wollte ich ihn erziehen.« – »Mein Sohn sollte dich an mir rächen?« fragte Bilger entsetzt. »Weib! du hast keinen menschlichen Blutstropfen in deinen Adern. Wo wird er zu diesem abscheulichen Geschäft erzogen?« – »Ich hatte ihn dem Freiherrn von Issing vertraut!« entgegnete Wallrade ruhig, obgleich bei diesem Namen ein Blitz aus Bilger's nassem Auge schlug; »allein der edle, von Euch verkannte Mann war schon in Preußen in einem Volksaufruhr gefallen und der Knabe selbst wurde mir geraubt.« – »Geraubt?« stammelte Bilger. »Geraubt? O, sprecht es aus: Er ist auch todt?« – »Ich würde es Euch nicht verhehlen!« erwiderte das Fräulein fest; »allein ich sage die Wahrheit. Euch hatte ich zuerst im Verdacht, aber nun habe ich erkundet, wo der Knabe ist und werde ihn – sobald ich befreit bin – zurückfordern.« – »Wo, wo ist er?« fragte Bilger dringend. »Dieses Kind könnte mir allein die Ruhe wiedergeben. Wenn noch ein Anklang jener Zeit in deinem Busen lebt, die uns das Trugbild einer schönen Zukunft vorspiegelte, so verhehle mir auch nicht – des Knaben Aufenthalt. O, wenn ich ihn auch nicht mein nennen darf, – nur sehen, sehen möchte ich ihn! Ihn küssen und fliehen bis in mein Grab!«

»Ihr seid berauscht von Euerm Schmerz,« versetzte Wallrade, »aber des Knaben Wohnort nenn' ich Euch nicht. Eure Unbesonnenheit und Euer Ungestüm könnten mir mein Eigenthum rauben, ehe meine Ketten sich hier lösen.«

»O, warum bin ich ein ohnmächtiger, wehrloser Mann?« rief Bilger. »Warum kann ich Euch nicht befreien, daß Ihr mich hinführen könntet zu dem holden Knaben, den Ihr zu unnatürlichem Dienste bestimmt. O gewiß! meine Reue, meine Liebe würden schon in dem Kinde die Rache des Mannes entwaffnen!« – »Der List, welche ohnmächtig scheint, und es nicht ist, gelingt oft mehr als der Stärke und Gewalt!« sprach Wallrade. »Eurem Gewande sollte nichts unmöglich sein. Wollt Ihr dem Sohne zu Liebe thun, was Ihr der Mutter nie zu Gunsten thun würdet, so trachtet, mich zu befreien. Dann führe ich Euch zum Sohne. Im Gegenfalle sterbe ich eher, als daß ich an Euch verrathe, wo der Knabe lebt. Sinnt nach! An Muße dazu fehlt es in dem Gefängnisse nicht. Ich lohne Euch mit gänzlichem Vergessen und mit einer Umarmung unsers Johanns. Vielleicht thue ich auch mehr, wenn ich Vertrauen zu Euerm Vaterherzen fassen kann. Nunmehr laßt uns aber scheiden. Im nahen Dorfe schlägt es die elfte Stunde und so ich nicht irre, vernehme ich von fern Frau Elsen, die mich abzuholen kommt.«

Sie verließ den zerknirschten Mann, der unbeweglich auf des Altars Stufen ruhen blieb. Frau Else kam ihr wirklich im Hofe entgegen, und der Anblick der Gefangenen erheiterte die harten und finster gewordenen Züge der Frau von Vilbel. – »Sieh', sieh',« sagte diese letztere, die Lampe in ihren Händen putzend, »das war ein lang Gewerbe in dem Kirchlein. Ich fürchtete bereits, Ihr möchtet mit dem Ordensmanne durch die Luft davon gegangen sein. Kommt jetzo nur mit hinaus. Ich habe die Trunkenbolde alle zu Bett geschickt. Der Weg zu unserm Gemache ist rein und still.« – Während Wallrade auf das Gebäude zuschritt, rief Else in die offene Kapellenthüre: »Kommt, ehrwürdiger Herr, ich habe Euch am glimmenden Herde ein Lager bereitet, worauf Ihr schlafen könnt, wie ein Kaiser.« – Indem trat der Herr von der Rhön auf sie zu und vor seinem leichenmäßigen Antlitz entsetzte sich Bechtram's Ehewirthin. – »Um Gott!« flüsterte sie, »was ist Euch zugestoßen, hochwürdiger Herr?« – Da nun aber der sogenannte Mönch nicht antwortete, sondern unwillkürlich nach der Thüre des Thurmes ging, in welchem er bisher gewohnt war seine Behausung zu sehen, so nahm ihn Frau Else ohne Umstände beim Arm und sagte: »Was treibt Ihr denn, guter Herr? Hat Euch ein Gesicht erschreckt? Kommt, kommt; dort in der Halle ist es warm und heimlich. Dort werdet Ihr ruhen und Eure bisherigen Leiden vergessen. Ich werde meinem Alten sagen, daß es anders mit Euch wird. Kommt nur! kommt!« – Sie schloß die Kirchenthüre zu und führte sorglicher, als man von dem harten Weibe hätte erwarten dürfen, den von seinem Schreck noch nicht zu sich Gekommenen in das Haus. Wallrade floh bei seiner Annäherung die Stiege hinan, und Bilger sank, nachdem Else mit eigener Hand die Holztreppe des Hauses in die Höhe gewunden und in dem Schloß befestigt hatte, ermüdet von Gram und Entbehrung auf die dürftige Ruhestätte, die ihm die mitleidige Rittersfrau am Fuße des Herdes bereitet hatte. Die Stunden schlichen aber über seinem Haupte hin, wie saumselig zögernde Grabgestalten; und Gestalten des Grabes sah auch nur sein wacher Traum. Er hatte Wallraden nur wieder gesehen, um neues Unbill von ihr zu erfahren. Ein größeres hatte sie ihm indessen niemals zugefügt; denn die Kunde von Katharinens und Agnesens Tode schlug seinen Muth völlig darnieder. Die Ungewißheit über seines Sohnes Schicksal, den er nur mit bangem Widerstreben, um sein Geheimnis nicht zu enthüllen, Wallraden überlassen hatte, vermehrte seine entsetzliche Stimmung und der Gedanke, daß er Wallrade zuvor befreien müsse, ehe er erfahren werde, wo sein Sohn hingekommen, scheuchte auch die leiseste Annäherung des Schlummers von seinem Haupte. Und da gegen Morgen die Erschöpfung ihr Recht geltend machen wollte, umstanden schon die Herren und Gäste des Hauses sein Lager und weckten ihn unter Scherzen, wie sie in der Genossenschaft gang und gäbe waren. – »Aufgestanden, Hexenmeister!« rief der Hornberger. »Halloh! an's Werk! Bechtram's Roß muß gesund sein, ehe noch die Sonne ganz über den Bergen ist.« – »Wo seid Ihr denn gestern hingekommen?« fragte Bechtram, der dem Herrn von der Rhön vom Lager aufhalf. – »Nicht weiter als hierher, ich wette!« lachte der Leuenberger, »der feurige Steinwein war dem armen Burschen ein ungewohnt Ding und er ging an die Arznei, als schon der Kopf nicht mehr sein war. Da hat er sich gewißlich während des Kesselschwenkens niedergelegt, um sanft zu entschlafen und selig.« – »Kommt, Ihr Herren,« erwiderte Bilger nach all' diesen freundlichen und spöttischen Reden, »ich denke, ich werde nicht zu viel versprochen haben.« – Der Versuch fiel glücklich ans. Bechtram's Gaul spitzte muthig die Ohren, da die schmerzhafte Heilung vorüber war und scharrte mit dem Huf, als wollte er in's Weite. Bechtram jubelte ob dem Gelingen und ließ sorgfältig den Gaul in den Stall zurückbringen. – »Habt Dank, Meister Kuttenmann!« sprach er freundlich zu Bilger. »Meine Anerkennung will ich Euch thätig beweisen, sobald ich kann. Vor der Hand könnt Ihr frei gehen, so weit der Zwinger reicht und meine Hausfrau soll Euch nichts abgehen lassen.« – Der Herr von der Rhön nickte gleichgültig mit dem Kopfe und entfernte sich langsam in's Innere der Burg. – »Ein närrischer Kumpan!« spottete der Leuenberger. »Mag er uns ein Freudenamt singen, wenn unser Wirth gesund und wohlbehalten von Frankfurt wiederkehrt.« – »Willst du im Ernste hin?« fragte Doring den Ritter und lächelnd bejahte dieser es. Doring schüttelte den Kopf. »Traue den Krämerfüchsen nicht!« sprach er warnend, »du wirst dich verlassen auf das frei Geleit, das sie dir vor einer Woche zustellen ließen für den heutigen Tag und den morgenden, im Fall sich die Unterhandlungen in die Länge dehnen sollten. Aber wir erleben heutzutage gar oft das Beispiel, daß frei Geleit gebrochen wird, sonder Scham und Reue. Geh' nicht hin.« – »So tapfer im Strauß, so feig im Rath!« versetzte lächelnd wie oben der Burgherr. »Ich traue den Frankfurtern. War ich nicht geraume Zeit ihr Stadt- und Feldhauptmann? Sie werden nicht hinterlistig handeln gegen einen Mann, der ihre Fahne trug.«

»Eben darum!« fuhr Doring lebhafter fort. »Hättest du den Lappen nie getragen! Und wozu soll denn wohl der vorgeschlagene Vergleich dienen? Du wirst doch nicht die Artikel halten wollen, die das Bürgerpack dir aufschwatzen möchte?« – »Beschwören und halten ist nicht einerlei,« sprach Bechtram dagegen; »aber mir kann's nicht einerlei sein, wenn ich sehe, daß die vorsichtigen Pfeffersäcke mir die Heerstraße rein halten, so weit das Auge reicht. Darum will ich sie wieder kirre machen und wimmelt's alsdann wie ehedem von Kärrnern, Metzgerzügen und Weinfuhren, so will ich ihnen die Leichtgläubigkeit eintränken und meine Vorräthe anhäufen. Jährlich einen Span mit Frankfurt und jährlich wieder Versöhnung! Dabei finde ich gute Rechnung. Den alten Fuchs von Vilbel fängt man nicht so leicht, und die Herren von Frankfurt fürchten mich und meine Drohungen.« – »Donner und zehntausend Teufel!« rief der Hornberger dazwischen, »das dürfen sie auch. Wir heißen nicht umsonst die wilde Jagd in der Wetterau. Eine Lohe wollten wir anschüren über den Giebeln der Stadt, daß die Engel im Himmel die Füße zusammenziehen sollten vor Brandschmerz; . . . und so viel Achtung und Freundlichkeit mir das Fräulein von Baldergrün eingeflößt hat, – das Haupt schlüge ich ihr vom Rumpfe und schickte es ihren Landsleuten zum Geschenke, wenn sie sich an unserm biedern Wirth vergreifen wollten.«

»Erbärmliche Prahlerei!« sprach der Leuenberger halblaut zu dem von Wiede. »Ich wollt' es ihm doch rathen, des Fräuleins Kopf ungeschoren zu lassen.« – »Donner und Pestilenz!« erwiderte der Junker von Hornberg, der die Aeußerung gehört hatte. »Wer spricht da? Veit! Veit! nimm dich in Acht mit deiner vorlauten Zunge! Einen Prahler schilt mich keiner zwei Mal.« – »'s käme darauf an, es zu versuchen!« entgegnete Veit und warf die Nase in die Höhe. – »Wahre dich vor dem Hornberger!« redete Bechtram lachend dazwischen. »Schäme dich aber auch, alter, großer Leuenberg, daß du so unritterlich dem Fräulein den Hof machst. Schon längst hab' ich's gemerkt. Es gibt, weiß Gott, nichts Lächerlicheres, als einen verliebten Burschen, der schon beinahe über die Jahre hinaus und in seinen. ganzen Leben der Schönste nie gewesen ist.« – Die Genossen des Ritters lachten hell auf, während eine Art von Schamröthe in Veit's braunes Gesicht stieg. – Bechtram fand Anerkennung seines rohen Witzes und fuhr daher kecker fort: »Den Hornberg lob' ich mir dagegen. Die Blicke einer Dirne prallen von ihm ab, wie die Pfeile des Schützen von dem Küraß. Und doch wäre er ein anderer Mann als du, mein guter Veit. Während du auf der faulen Haut liegst und denkst, die Sonne soll dir Wein, Brot und Fleisch in die Kammer scheinen, sitzt der Hornberg frisch und straff zu Gaule und ist in der Wetterau gefürchtet, wie ich es nur war in meiner besten Zeit. Aber derselbe Muth, der im freien Felde sich herumschlägt, gewinnt auch in einsamer Kammer die Herzen der Weiber. Merke dir das, Veit; und vergieb mir, daß ich dir in etwas die Wahrheit sagte, wie man nur einem Freunde zu thun pflegt.« – Veit antwortete hierauf, seinen auf's Höchste gestiegenen Unmuth hinter einem bittersüßen Lächeln verbergend: »Ob es geziemend ist, einen Gast durch solche Reden zu kränken vor ansehnlicher Ritterschaft, meine ich nicht; allein ich übersehe es Euch, da Ihr eben mein Gastfreund und obendrein mein Lehrer seid und um Eures Alters wegen ein Wort voraushaben mögt. Daß ich überall dabei bin, wo es gilt, und ich einen Vortheil absehe, daß ich in Kühnheit und Muth es aufnehme mit jedem, der es mit mir wagen will, behaupte ich, so wie daß ich jedem den Hals breche, der an den des Fräuleins will. Sie ist meine Base, und wahrlich weder der Graf von Montfort, noch Ihr, verehrlicher Ritter, habt Euch durch ihren Raub Ruhm erworben.« – »Horch! horch!« spottete Hornberg, »wie hat der Leuenberg vor wenig Tagen noch gesprochen und wie spricht er jetzo? So lernt man minnen, was man haßte. Was gilt's, hol' mich der Satan, er bedauert, der arme Schelm, daß ihn die Frankfurter in den Bann gethan. In die Krämerladen würde er sich stellen und das Einmaleins lernen und die Elle handhaben, um sein Liebchen zu gewinnen!« – »Wenn du nicht schweigst!« – schrie Veit, nach dem Dolche fahrend. Bechtram stieß ihn indessen kurz und bündig zurück.

»Friede!« rief er barsch dazwischen. »Stern und Kreuz! Vertragt Euch; damit Ihr's könnt, soll meine Wirthin Wein schaffen!« – Er klatschte in die Hände, pfiff seinen wohlbekannten Forstruf, und da das Fenster erklang und Frau Else herausschaute, begehrte er einen Valet- und Satteltrunk. – »Ich bin heute so vergnügt,« fuhr er fort und sah sich munter im Kreise um. »Ich gedenke heute einen frohen Tag zu feiern und morgen spätestens wieder behaglich in Eurer Mitte zu sein.« – Alle, sogar der maulende Veit, reichten ihm die Hände. Doring sagte jedoch kopfschüttelnd: »Gott verdamme den Weg, den du machst, Bechtram. Ich habe böse Ahnung. Dein Gaul hat gestern das Vorzeichen gegeben. Bleib' daheim.« – »Sorge nicht,« versetzte Bechtram lächelnd, »mir begegnet nichts Böses. Der alte Auerstier ist die Furcht des Waldes und wäre ich's auch nicht allein, den die Städter fürchten, so sind es doch meine Freunde. Ihr laßt mir nichts geschehen, Freunde, und in diesem Vertrauen laßt uns die Becher leeren auf fröhlich Wiedersehen!« – Frau Else credenzte den Trunk und mit einen. Jubel flogen die geleerten Humpen in die Luft. – »Nun keinen Tropfen mehr!« rief der Reifenberger. – »Auf morgen, oder heute Abend schon, das Uebrige!« setzte Henne von Wiede hinzu. – »Wiedersehen!« murmelte Doring, dem Bechtram die Rechte schüttelnd. – »Ehe wir aber uns hinsetzen, um über die hintergangenen Reichsstädter in's Fäustlein zu lachen, müssen wir unsern Freund an Frankfurts Thore geleiten!« sprach lebhaft der Hornberger. – »Ja! das müssen wir!« jubelten Alle insgesammt. – »Ich reite mit ihm in Sachsenhausen ein!« fügte der von Wiede hinzu, »ich gehe ihm nicht von der Seite!« – »Warum darf ich nicht ein Gleiches thun!« brummte Doring. »Aber ich habe einen Span mit dem Rathe und traue nicht.« – »Wir erwarten den Bechtram zu Oberad!« schlug der Hornberger vor und Bechtram willigte gerne ein in das Geleit seiner Freunde und Genossen. – »So sei's!« sprach er, »sobald ich mit dem Magistrate im deutschen Hause Frieden geschlossen, komme ich zu Euch und sollte jener Unglücksvogel, der Kunz, recht haben und sie mich einsperren auf ein Lösegeld, trotz Geleit und Furcht, so kommt der Wiede doch und bringt Euch Kunde.«

»Wehe dann der Stadt!« betheuerten Alle mit Lärm und Geschrei. – »Dir, mein werther Schüler und Freund,« wendete sich Bechtram zu Leuenberg, »dir glaube ich eine Liebe zu thun, wenn ich dich abermals zum Hüter der Frauen und des Hauses bestelle. Wallradens Gefangenschaft wird dir weniger grausam erscheinen, wenn sie nur deine Gefangene ist. Bleibt der Montfort noch eine Weile aus, trotz Versprechen und Wort, so liefere ich das Fräulein wieder aus an ihren Vater, der mir ein schweres Lösegeld dafür bezahlen soll. Dann magst du um dasselbe freien nach Herzenslust, insofern Herr Diether Frosch deine Armut und der Papst die Blutsfreundschaft übersieht. Bewahre mir also vor der Hand Thurm und Haus und sorge, daß meiner Hausfrau und deinen Basen nichts Böses widerfahre.«

Die Herren schwangen sich auf die Gäule, und nachdem Frau Else einen kurzen Abschied von dem Gatten genommen, zogen die Reiter von dannen, einige wenige Knechte auf ihrer Spur. Der Leuenberger sah ihnen durch das Vorsprungfensterlein am Thore nach und sprach zu sich: »Viel Glück auf den Weg, elendes Volk und Gesindel, das sich erhebt, als wäre es schon vor der Sündflut geadelt worden. Daß der Hornberg ein vorlauter, böser Geselle ist, war mir längst bekannt und seine Freundschaft hat mir nie Erkleckliches in den Säckel gelockt. Ich hasse den Buben jetzt von ganzer Seele, aber ich denke, ich hasse den alten Bechtram noch weit mehr seit einer Stunde. Wie mich der Graubart hingestellt hat vor aller Welt. Was er sich nur einbildet? Auf was er nur pocht? Auf seine Habe? Hätte ich ein paar Dutzend Knechte und einige arme, aber handfeste Schlucker, wie der Doring, der Wiede oder der Reifenberg zu meinem Befehle, ich wollte mich auch bald reich gearbeitet haben. – Oder pocht er auf seinen Stamm? Mein Adel ist so alt wie der seine, und dem Kaiser wird es schon lange leid thun, daß er ihn zum Ritter geschlagen. Was nützen ihm die goldenen Sporen? Wenn es um den Scharlachhandel zu thun ist oder darauf ankommt, ein paar elende Kaufleute niederzuwerfen, so ist der Edelmann mit der besten Faust der Tauglichste, er sei nun Ritter oder Junker. Eine gute Faust konnte man dem Bechtram nicht ableugnen, aber er ist schon ein alter Bär geworden. Er soll es bereuen, daß er mich wie einen Schmarotzer und Krippenreiter behandelt hat. Ich fürchte, seine Hoffnung auf das Lösegeld aus Diether's Hand schlägt fehl, denn ich kenne Einen, der ihm zuvorkommen wird. Heute haben wir Vollmond und ich meine, Meister Diether werde auf der Bergener Straße zu finden sein. Ist das Geld in meinen Händen, dann wird auch Wallrade mir folgen müssen, wenn auch nicht in ihr väterlich Haus, und die Frankfurter brennen zum schuldigen Dank dem hochmüthigen Bechtram den Schornstein ober dem Haupte weg. Pest und rother Hahn! Ein herrliches Fündlein,« setzte er bei, indem er, vergnügt sich die Hände reibend, aufstand, »mit einem Streiche erlange ich Diether's Geld, Wallradens Demüthigung, Bechtram's Verderben, und zuletzt muß mein verhaßter Schwager erst noch getäuscht mit langer Nase von diesen Mauern abziehen! Noch einmal: Glück auf den Weg, Ihr Herren und Freunde, der Leuenberger macht Euch Alles wett!«

Die Stunden verstrichen. Die Veste lag einsam und weder Roß noch Mann weit hinaus in die Runde waren zu sehen. Die Sonne sank und im Zwinger und Burghof wurde es schon schattig und düster. Die Frauen beschlossen, abermals auf dem Wartthurme luftige Helle zu suchen. Während sie jedoch die Höhe erklimmten, ließ der Leuenberger seinen Gaul aus dem Stalle ziehen und die Pforte öffnen. – »Wilpert,« sprach er zu dem Knechte, der ihm das Pferd vorführte, »ich kehre erst zur Nacht zurück. Der Frau magst du sagen, daß ich, meines Falkens Steigen zu erproben, ein wenig in's Freie geritten sei. Bleibe hübsch auf deiner Hut und hab' Acht auf das Thor.« – Der Knecht nickte mit dem Kopfe und der Junker ritt aus und lenkte seinen Klepper gleich außer der Burg auf versteckte Waldpfade, daß die auf dem Wartthurme sitzenden Weiber nicht das Geringste davon bemerkten. – »Ihr seid also völlig wieder hergestellt?« fragte Petronella das Fräulein mit erheuchelter Theilnahme. »Ihr werdet mir nun sagen können, ob der Luftzug über die Zinnen, oder mein arm, unschuldig Märlein an Eurem Zufalle schuld gewesen?« – »Keins von Beiden,« versicherte Wallrade spitzig; »im Ganzen war es nur ein Uebelbefinden, das mich öfter anwandelt, weiter nichts. Ihr kennt ja solche Zufälle, ob sie gleich bei Euch vom Alter ihren Ursprung nehmen und bei mir das junge heiße Blut daran Ursache ist.« – Frau Else lachte, während das Fräulein von Leuenberg die spitzige Nase rümpfte. – »Mag ich doch der Jahre so viele zählen, als der Erzvater Methusalem,« sprach sie bitter, »ich bleibe doch immer jung gegen das Alter unsers adeligen Stammes. Nicht alle Leute können sich solcher Herkunft rühmen.« – »Nicht alle Leute mögen hoffärtige Armut einem bequemen Bürgerthum vorziehen,« versetzte Wallrade gereizt; »es mag Alles wahr sein, was Ihr mir von Eurem schönen Schlosse zu Gelnhausen zu erzählen für gut fandet, allein es ist wohl Besseres zu finden, als schmale Kost und magere Märlein. Das wußte Eure Base Gretchen sehr gut; sie scheute sich keineswegs, dem Wohlleben eines Frankfurter Bürgers ein leeres Wappen zum Opfer zu bringen.« – »Dieses Opfer unbesonnener Jugend hat auch schier mein Herz gebrochen,« erwiderte Petronella; »der Falk soll nie auf einem Finkenneste horsten.« – »Warum hatten doch Eure Warnungen keine kräftigere Wirkung?« fuhr Wallrade glühend und mit Spott fort; »meinem Hause wäre viel Unfriede erspart gewesen, – und viele Schande.« – »Schande?« schrie Petronella, erstickend fast vor Unwillen. – »Was sollen denn die Stachelreden?« fiel Else derb ein. »Gebt Euch zufrieden. Beide seid Ihr mir gleich liebe Gäste, – und,« setzte sie scherzend hinzu – »das Fräulein von Baldergrün ist mir schier noch angenehmer als Ihr, Leuenbergerin.« – »Weil das Fräulein mit goldenen Ketten und Geschmuck den gezwungenen Aufenthalt bezahlen muß,« ergänzte Petronella. – »Und Ihr das erwünschte Tractament nur mit Märlein,« setzte Wallrade verhöhnend hinzu. »Ihr verdankt meinem Unglücke ein paar lustige Gelagwochen. Euer alter Kater ist schon in seinem Fett erstickt und auch Eure hagere Gestalt beginnt sich zu runden.« – »Ich bin sammt meinem Vetter in Ehren geladen hieher gekommen,« sagte Petronella mürrisch, »und es steht Euch schlecht an, mich für eine Schmarotzerin geltend zu machen. Der Hochmuth ziemt Eurer Lage nicht. Meinen Adel, meine Freiheit, mein gutes Gewissen habt Ihr doch nicht. Lacht nicht, mit dem Gewissen ist's wirklich nicht richtig; die gestrige Ohnmacht und die plötzliche Bekehrung, die darauf folgte, beweisen es, und der Mönch, der Eure Beichte anhörte, würde viel zu erzählen haben, wenn er anders erzählen dürfte.«

»Ei, beim Wetter!« rief Frau Else. »Ist des Haderns noch kein Ende? Schämt Euch, Fräulein von Leuenberg und nehmt Euch in Acht vor dem Vetter Veit, denn es scheint, als hätte er seine Nichte zu lieb gewonnen, als daß er Euch nicht den Kopf zurecht setzen wollte, wenn Ihr das Fräulein schmäht.« – »Das wolle Gott verhüten!« seufzte Petronella mit niedergeschlagenen Augen, »der Bruder wird doch nicht dem Beispiele der Schwester zu folgen trachten?« – »Und wenn es wäre?« entgegnete Wallrade mit verächtlichem Scherz. – »Mein Tod wäre es,« fuhr Petronella giftig fort, »der letzte Nagel zu meinem Sarge.« – »So sterbt immerhin,« sprach Wallrade höhnisch weiter, während Frau Else des Lachens kein Ende finden konnte, – »der Junker von Leuenberg macht mir den Hof und hat geziemend um meine Hand geworben.« – »O, der dumme Christoph!« seufzte das alte Fräulein schmerzlich und machte ihre Augen groß auf. – »Noch mehr!« fuhr Wallrade schnell fort, »er wird mich befreien, er hat's versprochen.« – »Befreien? versprochen?« stammelte Petronella und sank auf ihren Sitz zurück. »Ich bin verloren. Der undankbare Mensch kann seiner Muhme also vergessen? Mich würde er aus dem Hause stoßen wollen, um eines Bürgers Tochter in unser Schloß zu setzen? Abscheulich!« – »Ich gebe Euch indessen mein Wort,« versicherte Wallrade, »daß ich mich lange besinnen werde, ehe ich zu Eures Vetters Zärtlichkeiten ein gutes Gesicht mache.« – »Und warum?« fragte die Alte ereifert, »ein junger Edelknecht von Veit's einnehmender Gestalt ist Jungfrauen von zweideutigem Bürgeradel immer willkommen und wenn ich's beim Lichte besehe, so kann ich's nicht dulden, daß Ihr meinen Vetter ausschlagt. Der Frosch soll sich's zur Gnade schätzen, mit dem Leuen auf dem Berge wandeln zu dürfen.« – »Ihr sprecht verwirrtes Zeug, Fräulein,« fuhr Frau Else dazwischen; »laßt das Ding nur seinen Weg gehen und kümmert Euch nicht darum. Unser lieber Gast Wallrade hat mit Euch sich einen Scherz erlaubt. Der Vetter Veit wird sie weder zum Altar führen, noch befreien, ehe mein Alter nicht klingendes Geld dafür gewonnen. Riegel und Knechte bürgen uns für ihr stilles Verhalten, wenn die Freundlichkeit, womit wir die Gefangene behandeln, es nicht thut. Ich habe indessen – glaubt mir's, Leuenbergerin – ein weit besseres Vertrauen zu des Leuenbergers Redlichkeit gegen uns und zu des Fräuleins Aufrichtigkeit als Ihr. Glaubt Ihr wohl, ich zögerte im Geringsten, die ehrsame Wallrade zu bitten, aus meinem Schreine die Stickarbeit zu bringen, die ich vor einigen Tagen begonnen, und ihr zu diesem Behuf meinen ganzen Schlüsselbund anzuvertrauen? Hier habt Ihr diese theuern Schlüssel, mein Fräulein von Baldergrün, Eure Bereitwilligkeit bürgt mir dafür, daß Eure jungen Beine meinen ältern den Liebesdienst erweisen werden.«

In dieser Bitte lag ein Befehl; Wallrade zögerte daher nicht, mit erkünstelter Freiwilligkeit zu thun, wozu sie sich nicht gerne hätte zwingen lassen. Schnell nahm sie die Schlüssel und flog die Treppen hinab. Sie erschrak beinahe, da sie, an des Thurmes Pforte angelangt, den Herrn von der Rhön erblickte, der mit verschränkten Armen auf der Steinbank an der Kapellenthüre saß und in tiefe Betrachtung versunken zu sein schien. Die Geübte faßte sich jedoch schnell und ging stolz vorüber nach dem Wohngebäude. Bilger sah ihr nach, bis sie innerhalb der Thüre desselben verschwunden war. Unmuthig in der Erinnerung seiner Verwirrung und seiner Leiden, wollte er in den verborgensten Winkel des Hofs entfliehen, um nicht zum zweiten Male den Anblick der Frau ertragen zu müssen, als über die Mauer herüber eine nicht unbekannte Stimme kam. »Gott grüße Euch und gelobt sei Jesus Christus, frommer Vater!« – Bilger sah den jungen Knecht über die Brustwehr lugen, mit dem er in verwichener Nacht geredet und dankte ihm nach Art der Mönche. »Hochwürdiger Herr!« fuhr der Geselle vertraulicher und leiser fort, »ich bin Euch viel Dank schuldig. Die Erlaubnis zu beten, die Ihr mir gabt, hat mich erquickt und im Schlaf heute Morgen ist mir mein Mütterlein erschienen und hat mich aufgefordert, wieder heimzukehren aus der ruchlosen Gemeinschaft.« – »Gott geleite dich, mein Sohn!« erwiderte Bilger. »Bete du auch für mich.« – »Ach, Herr!« meinte der Knecht, »wie gerne wollte ich Euch frei machen, wenn ich's nur vermöchte.« – Indem vernahm man ein Rennen und Laufen im Zwinger und der Balken der Zugbrücke knarrte, wie der Riegel des Thores. – »Was gibt's denn da draußen?« fragte der Herr von der Rhön den freundlichen Knecht. – »Denkt doch!« flüsterte dieser herab; »das böse Zeichen! der Gaul, auf dem heut der Herr fortgeritten, kommt schon wieder, gesattelt und gezäumt. Das Roß rennt wie toll am Abhang hin und her. Die Knechte machen sich hinaus, um's einzufangen. Ach, Herr! was wäre das für ein Augenblick des Heils für Euch, wenn das verdammte Gatterthor nicht wäre? Brücke nieder, Thor auf, Knechte zerstreut, ein Pferd, halb beschlagen, steht verlassen an der Schmiede. Warum könnt Ihr nicht hinauf und dann im Abendschein in den grünen Wald hinein!«

Soeben rief ein anderer Knecht den Plaudernden von dannen und alles Getöse verlor sich in der Ferne. Bilger blinzelte durch das Gitterlein am Gatterthore und sah, wie recht sein junger Freund gehabt. Alles leer, auf der herabgelassenen Brücke ein einziger gaffender Knecht . . . der an der Schmiede verlassene Schimmel ruhig grasend, mit schleppender Trense. – Nach Freiheit klopfte des Gefangenen Brust und mit leuchtenden Augen kehrte er sich, Groll und Kummer vergessend, zu Wallraden, die gerade mit Frau Elsens Stickerei aus dem Hause trat. – »Dort . . .« stammelte er, mit dem Finger durch das Gitter zeigend, »ein Augenblick der Rettung . . . wer zu dieser Pforte den Schlüssel hätte!« – Wallrade stand betroffen, dann faßte sie schnell nach dem Schlüsselgebunde, schleuderte Frau Elsens Stickerei in die dunkle Hausflur zurück und lief nach dem Thurme, dessen Pforte sie in einem Nu zuzog und mit dem ihr bekannten Schlüssel sperrte. Wie ein entschlossener Held zauderte sie keinen Augenblick, den Schlüssel zu suchen, welcher das Gatterthor öffnete und ein günstiger Engel leitete ihre Hand. Der zweite, mit dem sie es versuchte, schloß die Pforte auf. Bilger eilte ihr voraus in den Zwinger; das Schlüsselgebund flog in den Nesselbusch am Eingange; des Wildmeisters geübte Hand bemächtigte sich des Schimmels und hob Wallraden schnell auf dessen Rücken. Trotz der Kutte und der unbehilflichen Holzsohlen sprang er nach und der Gaul, begrüßt von Zungenschlag und Rippenstoß, entsetzt von der ungewohnten Doppellast, die sich ihm plötzlich aufgeschwungen, tobte wie rasend gegen das Thor, und war schon durch das Gewölb und den Brückenbogen, ehe dem wachhabenden, aber in die Ferne schauenden Knechte einfiel, »Halt!« zu schreien. Dieser Ruf kam zu spät, denn schon verloren sich Roß und Flüchtlinge hinter Kieferstämmen und Buschwerk, als erst die im Weiten nach Bechtram's Renner laufenden Burgleute das Geschrei vernahmen. Der Schimmel verstand seinen gezwungenen Dienst auf's Trefflichste, denn er stand erst nach einer langen zurückgelegten Strecke still – auf einem Waldplatze, der einsam zwischen hohen Bäumen lag, und auf welchem man nur schwach die Hornstöße vernahm, die von Neufalkensteins Warte ertönten. Wallradens Gesicht überflogen, trotz der Ermüdung und Erschütterung, Streiflichter der boshaften Schadenfreude, da sie die Nothtöne vernahm.

»Eine Mark Silbers gäbe ich darum,« stammelte die fast athemlos im Grase Ruhende, »könnte ich auf jenem Wartthurme Zeuge der Verwirrung der beiden niederträchtigen Weiber sein. Wie wird Bechtram fluchen bei seiner Heimkehr! Er ist im Stande und mordet die Weiber mit eigener Hand. Süße Wonne der Vergeltung, wenn diese Kunde mein Ohr berührte!« – »Seid doch nicht unversöhnlich und gehässig in der Stunde, da es gilt, den Himmel anzuflehen um völlige Befreiung,« ermahnte Bilger, sich aufraffend. »Eure ruchlosen Wünsche möchten leicht den Engel von uns scheuchen, der unsere allzu kühne Flucht bis jetzt beschirmte!« – Wallrade sah ihn finster an, er übersah es jedoch und drängte zur schleunigen Fortsetzung der Fahrt. »Wir haben keinen Augenblick zu entmüßigen,« sprach er heftig, »durch jene Büsche sehe ich im falben Abendglanz die Heerstraße schimmern. Die Sonne ist fast erloschen und das Dunkel beginnt. Noch lange jedoch sind wir nicht auf befreundetem Boden und ich fürchte, mit dem Pferde haben wir keine Zeit zu verlieren. Seht, wie es keucht und schnaubt.« – »Wohlan denn!« entgegnete Wallrade und ließ sich wieder auf den Schimmel heben. »Kommt und eilt, wenn auch das Thier zu Schanden gehen sollte!«

Rasch brachen sie durch auf die Straße und hastig ging's voran. Der Herr von der Rhön hatte keinen andern Gedanken, als den der Flucht, und alles Uebrige vergessend, hielt er mit dem rechten Arme Wallraden umschlungen, während die Linke den Gaul regierte. Wallrade fand aber unter Gefahr und banger Furcht noch Zeit zum unbescheidenen Scherz. »Ihr umschlingt mich ja so fest,« sprach sie, spöttisch lächelnd zu ihm zurückgewendet, »als wär' ich nur erst Euer geliebtes Bräutlein und nicht Eure verhaßte Ehefrau! Oder vermeint Ihr etwa, mein rascher Rittersmann, mich wieder in den Arm zu nehmen, weil Euer wahres Lieb der Sensenmann umfangen?« Der unzarte Scherz griff eiskalt an Bilger's Herz und von Wallradens schlankem Leibe wich schaudernd seine Rechte; der schwache Zaum entsank seiner Linken und alsobald stürzte der Gaul, über Baumwurzeln stolpernd, nieder, um nimmer wieder aufzustehen. Ein Vorderfuß war gebrochen und auch die keuchende Brust des Thiers, vom scharfen Ritte längst entwöhnt, war am Verathmen. – »Euerm Frevel folgt doch gleich der Fluch auf der Ferse!« zürnte Bilger und riß Wallraden unsanft in die Höhe. »Jetzt mag unserer eigenen Füße Kraft uns weiter tragen.« – »Feiger Mann!« schalt Wallrade verächtlich entgegen, »das schreckt Euch? Jeder Weg ist gut, führt er zum Ziele. Mag auch Dorn und Kies meine Sohlen zerreißen – gleichviel – entgehe ich nur dem schändlichen Bechtram und dem noch schändlicheren Montfort!« – »Ho! wer denkt hier meiner?« rief sie ein Mann an, der zu Pferde um die Waldecke bog, und Wallradens Knie brachen, denn selbst in der mächtig einbrechenden Dämmerung war des Grafen verwachsene Gestalt, die wie ein Kobold im Sattel saß, nicht zu verkennen.

Der bestürzte Bilger ließ die Erbleichende aus seinem Arm und dies war der Augenblick, in welchem sich der vom Roß springende Montfort der Beute bemächtigte. »Ei, was seh' ich?« rief er schadenfroh und überrascht; »ist das nicht die tugendsame Jungfrau, der ich soeben zu Hofe zu reiten im Begriff bin? Wollte sie mir entgegen eilen, oder hättest du es gewagt, lüsterner Klostermann, mein Täubchen zu entführen? Fort mit dir, soll ich mich nicht an deiner Glatze vergreifen!« – »Herr Graf!« entgegnete Bilger trotzig, »Ihr werdet nicht so unedel sein, dies Weib auf offener Straße zu rauben, da es mir angehört.« – »Der Teufel gehört dir an!« fuhr ihn Montfort an, indem er die bloße Wehr gegen ihn erhob. »Weiche, verdammter Kuttenträger und erkühne dich nicht, meinen Namen nur auszusprechen.« – Wallrade machte eine Bewegung, um zu entkommen; des Grafen Arm hielt sie jedoch fest. Den vor Zorn erglühenden Bilger hielt er mit dem vorgestreckten Schwerte zurück. – »Ich höre Schnauben von Rossen und Stimmen von ferne,« jammerte die neuerdings Gefangene, die aber die Besonnenheit nicht in dem Grade verlor, um zu vergessen, daß nur dann erst Alles verloren war, wenn Beide wieder gefangen würden; »die Verfolger sind's! Weicht der Uebermacht, frommer Vater! Rettet Euer Leben!« – »Ja, fliehe, geschor'ner Wicht!« donnerte ihm Montfort zu; »fliehe! Mir ist's nur um diese hier zu thun, an welcher die Welt nichts verliert, mag sie dir vorgelogen haben, was sie will, gefälliger Beichtvater! Kommen hingegen die Andern heran, denen Ihr entlieft, so möchte es dir nicht gut gehen.« – »Flieht! Ihr macht uns Alle unglücklich!« schrie ihm Wallrade zu und deutete heftig nach der Gegend hin, wo Frankfurt lag; und da plötzlich Frau Elsens gellende Stimme auf der Höhe des Wegs laut sich vernehmen ließ, so fand Bilger's Unschlüssigkeit ihr Ende und mit der Schnelligkeit eines Hirsches warf er sich abermals in das dicke Forstgehege hinein, wohin kein Pferd dringen konnte, und das Rauschen seiner Schritte verscholl, ehe noch der Troß herbeikam, welcher in der That aus Leuten von Neufalkenstein bestand, die je zwei und zwei auf einem Ackergaule oder Lastesel hängend, herbeiklepperten. An ihrer Spitze war Frau Else selbst, quer auf einer grauen Stute sitzend, einen runden, kleinen Schild am linken Arme führend und mit einem breiten Weidmesser bewaffnet, das an ihrer Hüfte hing. Sah man den hinkenden Lauf ihres Rosses, das im aufgehenden Mondlicht erglänzende Regentuch, das um ihr Haupt flatterte, den im Abendwinde schwimmenden und wehenden Gürtel und das abentheuerliche Häuflein, das ihr folgte, so war man versucht, sie für die wilde Hexen- und Waldfrau zu halten, von deren Spuk die Sagen so viel zu erzählen wußten. – »Halt!« rief sie ihrer Rotte zu, da sie gewahrte, daß ihre Beute eingeholt worden; »Halt! herab von den Thieren! Kreuz, Nagel und Dorn! Grüß' Euch Gott, so ich Euch recht erkenne, Herr Graf von Montfort. Der Teufel auf Euern verdammten Schlangenkopf, listiges Fräulein! Haben wir Euch wieder? Alle vierzehn heilige Nothhelfer mußten Euch gerade diese Straße führen, Herr Graf. Heda! Bursche, nehmt das Weibsbild und bindet es recht fest, daß sich die falsche Hexe nicht rühren kann!«

»Frau Else!« entgegnete Wallrade empört, »das Unglück hat mich in Eure Gewalt gebracht und kein Verbrechen!« – Der Graf sprach mit beißendem Spott: »Ueberlaßt das Fräulein meiner alleinigen Obhut. Ich will es so zierlich, als ein Kämpe von der Tafelrunde in das so schnöde verlassene Kämmerlein zurückbringen und die sanfte, reizende Wallrade wird meinen Schutz sicher nicht verschmähen. Nicht wahr, mein Fräulein?« – Lächelnd hielt er ihr den Steigbügel seines Pferdes und Wallrade erwiderte, indem sie sich ungeduldig aufschwang: »Herr Graf! unter solchen Umgebungen hat Eure Ueberredung eine so unwiderstehliche Gewalt, daß ich Euch noch hundertfach mehr verabscheuen müßte, als ich es wirklich thue, um nicht Eure Gesellschaft derjenigen einer Frau vorzuziehen, die es mir nicht vergeben will, was sie selbst in ähnlicher Lage in's Werk gesetzt haben würde.« – »Die Leuenbergerin hat recht!« entgegnete Frau Else bitter. »Traut ihr nur ja nicht, bester Graf. Den Leuenberger Veit hat sie verführt, daß er ihr durchgeholfen und den Mönch hat sie mitgenommen. Der möchte in Gottes Namen sein, wo er wollte, wenn wir nur des ungetreuen Schirmvogts, des Leuenbergers, habhaft würden. Der Vogel hat aber sicherlich die Gefahr gespürt und ist auf und davon gegangen.«

Wallrade schwieg und ergötzte sich an dem falschen Verdachte der Alten, obschon die getäuschte Hoffnung ihr die Brust zusammenpreßte, daß die Tropfen bitterer Thränen in ihre Augen traten. Stumm wurde der Zug nach der kaum verlassenen Veste zurückgelegt. Auf Frau Elsens Ruf öffnete sich die Burg; als sie aber über die Zugbrücke zu dem Hofe ritten, entsetzten sich Wallrade und der Graf, und auch die rohen, des Bannfluchs gewohnten Knechte bekreuzten sich, und beteten einen Stoßseufzer, denn an den Thorpfeilern hingen zwei Leichname. Auf Befehl der strengen Hausfrau hatte hier der Thorwächter geendet, welcher Wallradens Flucht nicht auf der That gehindert, und der alte Schmied, der von dem Schimmel gegangen war, dessen sich Bilger bemächtigt hatte. – »Spiegelt Euch daran!« sprach Frau Else hartherzig und trocken zu Wallraden; »Allen, die es mit Euch halten, geht es also und müßte ich den Letzten mit eigener Hand aufhenken. Die Schlüssel aber,« – sie zeigte hohnlachend das wiedergefundene Gebund – »diese Schlüssel vertraue ich nimmer Eurer gefährlichen Hand, obschon es mit dem Einsperren im Wartthurm nicht so vieles auf sich hatte. Ihr habt vergessen, daß der Thurmwächter eine Axt besitzt, die allenfalls ein Schloß auch ohne Schlüssel zu öffnen versteht. Euch jedoch soll fürder weder Axt noch Schlüssel zu Gebote stehen, bis mein Herr sich mit dem Grafen abgefunden und Euer Schicksal entschieden hat.« – Der innere Raum der Veste wurde nun verrammelt, als ob ein feindliches Heer vor derselben läge. Frau Else bewirthete ihren gräflichen Gast in der Trinkstube und Wallrade betrat, von Zorn zerrissen, das Frauengemach, in welchem Petronella, vom Schreck über die plötzliche Flucht der Gefangenen und die muthmaßliche Theilnahme ihres Vetters zusammengeschüttelt, krank zu Bette lag und die mit dem Geschick Grollende mit den härtesten Vorwürfen empfing.

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