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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Dreiundzwanzigstes Capitel.

Schlösser und Riegel klangen. Eine helle Stube that sich auf. Die Augen der Gefangenen, die hineingelassen wurden, zogen sich zusammen, ob der ungewohnten Klarheit.

»Was sollen wir hier?« fragte Ben David den Schließer, der Beiden wenigstens die Schellen an den Händen abnahm. – »Wem haben wir zu verdanken die Wohlthat, wieder beisammen zu sein?« setzte Jochai hinzu und rieb sich den Arm, wo die engen Ketten gesessen hatten. – »Werdens schon sehen!« brummte der Wärter. »Ihr werdet heute mancherlei Besuch haben, den man nicht in Euer Verließ führen kann.« – »Dürfen wir denn mit einander reden?« erkundigte sich Jochai demüthig. – »In Gottes Namen,« erwiderte der Wächter, »der ehrbare Herr Oberstrichter meint, es könne nichts verschlagen. Denn ob Ihr bekennt oder nicht: auf jeden Fall brennt man Euch zu Asche.« – Eine Bewegung zaghafter Angst konnten die Gefangenen bei dieser rohen Rede nicht unterdrücken. Ben David faßte sich jedoch zuerst und ging auf den bleichen Vater zu: »Wie geht es dir, Vater?« fragte er in dem Dialect, der aus hebräischen und deutschen Worten zusammengesetzt, für den Zuhörer von Amtswegen beinahe unverständlich war. – »Frage die im Moor verdorrende Weide,« antwortete Jochai schmerzhaft, »die Lampe brennt aus allmählig und bald werde ich liegen in dem angstvollen Zustande, wo die Seele zittert vor der Nähe des Todesengels. O Sohn! Sohn! dein Eigensinn und Starrmuth wird mich von der Welt bringen, dessen Liebe dich zur Welt brachte.« – Ben David rieb sich bekümmert die Stirne. »Es ist beinahe verflossen eine Woche . . .« sprach er wie verloren vor sich hin, »keine Kunde doch von Esther und ihrem Auftrag. – Weißt du nichts von dem Kinde?« – »Der Wärter hat mir zwei Mal Wein gebracht;« antwortete Jochai; »gewiß hab' ich nur Esther's Liebe verdankt diese Stärkung.«

Ben David wendete sich an den Kerkerknecht. »Guter Mann,« sagte er, »wißt Ihr uns nichts zu sagen von Esther, unserm Kind? Kommt sie noch wohl wie früher täglich an die Pforte und fragt nach ihrem Vater und dem Greise Jochai?« – »Was weiß ich?« polterte der Wärter. »Ihr Gesindel bekümmert Euch wenig um die, die im Pfeffer sitzen. Eine Dirne ausgenommen, die ein paar Mal Wein für den Alten brachte, hat Niemand nach Euch gefragt. Eine Jüdin ist das Mädel nicht, denn es trägt ein Kreuz am Halse; aber häßlich ist sie dafür, daß es alle Tage in Eure Sippschaft gezählt werden könnte.« – »Also Esther ist's nicht!« seufzte Ben David und sah kummervoll zu Boden.

»Wie kommt die Barmherzigkeit in die Seele der Tochter aus Edom?« murmelte kopfschüttelnd der Greis. – »Wo mag wohl hingekommen sein mein Kind?« fuhr Ben David fort und lehnte sich trostlos an das, mit Gittern von Innen und Außen verwahrte Fenster.

Einer Glocke Schall rief den Wächter hinaus. Ben David und sein Vater sahen mit gespannter Erwartung nach der Thüre, ob nicht der angekündigte Besuch hereintreten würde. Endlich erklangen Stimmen und Tritte und der Wärter trat wieder ein, – hinter ihm Zodick. Die Blicke der Juden wendeten sich voll Abscheu von dem Abtrünnigen, dessen Züge einen sonderbaren Ausdruck von Wildheit, Aengstlichkeit und verstellter Theilnahme angenommen hatten. Auf einen Wink von ihm trat der Wächter ab. »Ben David und Jochai,« sprach der Convertit ernst und bedächtig, »ich habe ein Wort mit Euch zu reden, gewichtig für Hunderte.« – O, daß dich doch deine Mutter geboren hätte stumm!« eiferte Jochai in kaum verhaltenem Groll; Ben David schwieg aber finster und erwartungsvoll. – »Der hochgelobte Gott weiß,« fuhr Zodick leiser fort, »wie schwer mir's ist geworden, aufzutreten als Werkzeug seiner Vergeltung. Ich habe doch mit ihm gerungen, wie einst der Erzvater in dem Lande jenseits des Meeres. Aber des barmherzigen und zornigen Herrn Wille geschieht in Ewigkeit.« – »Läst're nicht den Herrn,« ermahnte Ben David, »du bekleidest ihn mit Schande durch deine schändliche blutgierige Lüge, die uns bringt in des Henkers Hand.« – »Scheltet mich immer einen Lügner,« erwiderte Zodick, »beweist aber, daß ich es bin. Der Halsschmuck, den man gefunden in Eurem Keller . . . er hat gedippert wie eine Elster und Euch genannt Hehler und Stehler von der Blutzapferrotte. Verrathen ist es durch aufrichtigen Bericht der Judenschaft zu Worms, die immer ehrlich handelt gegen die von Gott eingesetzte christliche Obrigkeit, daß du, Ben David, daselbst den Buben gekauft, den Ihr so schmählich ermordet habt. Der Rittersmann, dem du das Knäblein abgeschachert, ist gar wohl bekannt, und wird Euch Verstockte bringen zum Geständnis. Ihr seid verloren und mir blutet das Herz als Mensch und als Christ, denn der Gott, den ich jetzt habe erkannt, will nicht, daß der Sünder sterbe, wie ihm sterben läßt das Gesetz.« – Ben David und Jochai, obgleich von Zodick's unheildrohender Rede erschüttert, warfen ihm einen Blick der Verachtung zu und schwiegen. – »Rechnet es daher meiner Erbarmnis zu Gute,« fuhr der Heimtückische fort, »daß ich jetzt komme zu Euch, ein Bote der ewigen Milde, des Fürsten der Barmherzigkeit. Zwei Wege thun sich vor Euch auf zum Leben. Schon mancher Jude hat sich gekauft los vom Scheiterhaufen und dem Strang. Versucht auch Ihr das Mittel. Vertraut nur, wo Ihr vergraben habt Euer Geld, denn des Silbers wenig hat man gefunden bei Euch. Hab' ich Euch gebracht in Babylon durch des hochgelobten Gottes Fürsicht und Wille, kann ich Euch auch bringen wieder heraus durch die Kraft der Masumme, der die Gojim selten widerstehen.«

David sprach nicht ohne Bewegung: »Jetzt erst gibt sich bloß der Heißhunger des Gerichts und der deine nach meiner geringen Habe. Aber eben so wenig, als mich werden vermögen die greulichsten Martern zu bekennen eine Sünde, die ich nicht begangen, eben so wenig soll mich überreden deine Zunge, zu bezeichnen den Ort, wo ich verborgen, was mein ist. Was Werth hat an Silber und Gold und Edelstein, ist uns theuer, denn davon leben mir armes, verachtetes Volk. Edom würde uns ja mißgönnen die Luft, so wir athmen, hätten wir nicht Stein und Metall, seinen Lüsten zu fröhnen. Darum vertheidigen wir mit dem Leben unsern kleinen Schatz, eben weil er ist unser Leben. Aber einen Schlüssel dazu will ich dir geben, so fern du mir gibst Kunde von dem größten Schatz, den ich besitze, von meiner Tochter Esther. Ist auch sie gerathen in die Hände von Amalek durch deinen treulosen Mund? Sind auch ihre zarten Glieder bedroht von der Folter und Schmach? Das arme Geschöpf . . . es weiß ja von nichts. Oder hat sich des Mägdleins etwa bemächtigt deine gierige Lust? Gieb mir Gewißheit und ich will nicht herabfluchen den Zorn des starken und eifrigen Gottes auf dein Haupt. Gewißheit über Esther's Schicksal – sei's die traurigste – gieb dem trauernden Vater!« – »Mir thut's leid,« erwiderte Zodick, der bei all' diesen Reden beständig Zeichen einer ungewissen, von Aengstlichkeit beengten Haltung an den Tag gelegt hatte, »das Mädel ist in Buhlschaft verfallen mit einem rechtgläubigen Jüngling. Der unbesonnene Altbürger, der jüngst Euch und Eure Dirne allen Gesetzen zum Trotz vertheidigte, hat sie aus der Stadt gebracht und hält sie irgendwo versteckt zu eigener Kurzweil.« – »O, ihr ewigen Scharen der Elohims!« seufzte der gebeugte Greis Jochai. »Also hat die krumme Schlange eine von Zions Töchtern mit Schmach bedeckt. Sohn, Sohn, Vater deiner Esther! Wie wirst du bestehen vor dem Fürsten des Gerichts und dem Throne des Messias, da du durch deines Eisenkopf all' das Unheil, das wir erleiden und befürchten, erzeugt hast!« Ben David machte eine heftige Bewegung und unterbrach den Vater lebhaft. »Nicht meine Schuld . . . die Lüge hat uns hieher gebracht und der hochgelobte Gott wird uns nicht umkommen lassen durch die Ungläubigen. Schrecklich wäre es, wenn Esther in den Stricken läge der Buhlerei mit einem fremden Manne . . . aber, es heißt in den Büchern der Väter: So dich einer einmal belogen und falsch Zeugnis gegeben von dir, so glaube ihm nicht ein ander Mal, denn die Zunge desselben ist ein schlecht Stück Fleisch, das verdorren wird im Thale der Auferstehung.«

Zodick wies höhnisch die Zähne. »Wahrlich, ich sage Euch,« sprach er, »Esther und der junge Altbürger Frosch sind verfallen dem Scheiterhaufen, so die Gerechtigkeit der Obern sie ereilt. Noch ist ihr Aufenthalt nicht entdeckt, aber ganz gewiß wird er nicht entgehen meiner Wachsamkeit, da mich der Herr bestellt hat zum Mittler in Eurem traurigen Schicksal. Ihr aber nehmt zu an Verblendung und Lüge, wie das wachsende Kind an Kraft und Mark, da Ihr Euch weigert, die in Gesellschaft der Blutzapfer geraubten Schätze herauszugeben, um Euer Blut zu retten. Der Tag, der Eure Rechnung völlig schließt, ist jedoch noch nicht angebrochen, und der Prophet Elias, der immer um Euch ist, sieht betrübt, wie sich vermehrt die Last Eurer Sünden. Es ist schier außer Zweifel, daß du es gewesen, Ben David, der an dem alten Rathsschöffen Frosch das Mordstücklein gewagt.«

»Sohn! Sohn der Gebote und meines Gebets!« stammelte Jochai, »unseliger Mann! wohin bist du versunken? Bringt doch jeder Augenblick eine neue Klage auf Haut und Haar, jeder Augenblick einen neuen Herzstoß für den greisen Vater! O, weh' mir! weh' mir! Warum hab' ich gelebt der Jahre zwei Mal fünfzig und darüber? Warum verläßt mich der Gott David's und Samuel's also in meiner Noth, daß ich schauen muß, wie mein Geschlecht langsam versinkt in Blut, Schande und den Flammen des unehrlichen rothen Mannes! David! David! So wahr du trägst den Namen des Erlösers, den wir hoffen, so wahr will ich deinem Schweigen ein Ende machen; bekennen deine Unschuld wider deinen Willen. Zodick! rufe herbei den Richter! Ich will reden; der alte Jochai will reden und Wahrheit sagen. Geh'! geh'! und dir vergebe der hochgelobte Gott deine Sünden an uns, die dir nicht abgenommen werden können, weder durch den Tag der Versöhnung und das Kapporah des Bocks Hazazel, noch durch die Fasten Esther und Gedalia und die Feier der Tempelzerstörung.« – Der Greis schwieg erschöpft; Ben David verharrte in mißbilligendem Schweigen. – »Nicht um dein Geschrei zu hören, habe ich geredet,« sprach Zodick mit schadenfrohem Vorwurf zu dem Alten; »um Euch ein Mittel anzugeben vielmehr, das Euch, wenn nicht zur Freiheit und zum Leben, dennoch zu einem sanftern Tode verhelfen wollte, so Ihr es annehmen wolltet. Denn dem Tode seid Ihr gewiß, wenn Ihr Eure Habe verhehlt, und der Tod in Flammen ist schrecklich. Bekennst du hingegen, Ben David, daß du den Altbürger Frosch ermorden wolltest, auf Anstiften und Anregen seiner Ehefrau, so will der Altbürger selbst ein Fürwort einlegen, daß Eure Strafe in die leichteste verwandelt werde, weil er seinem Mörder Gutes zu thun wünscht. Beeilst du dich, die Gnade des Herrn zu verdienen, so könnte wohl gar noch werden bewiesen, daß Jochai im Wahnsinn gehandelt, da er den Knaben gekreuzigt im Keller, und könnte ihm, ob seines Alters Elend, noch werden geschenkt das Leben.« – Jochai befühlte sich bei diesen seltsamen Eröffnungen den Kopf, gleich als ob er aus einem bösen, bösen Traume aufzuwachen im Begriffe stände. Ben David hingegen gewann eine Ruhe und Heiterkeit, die gleich sehr gegen den dumpfen Jammer des Vaters, wie gegen die befangene Frechheit Zodick's abstach.

»Ich sehe,« sprach er recht laut, »daß ganz Frankfurt toll geworden. Das Ungeheuer könnte mich schier bringen zum Lachen. Wenn jetzo plötzlich aufstiege ein Nebel des Gewässers und unsichtbar machte die Brückenthürme oder Sachsenhausen . . . was gilt's . . . der arme David müßte sie gestohlen und seinem Vater gesteckt haben in den Schnappsack. Geh', geh', du lächerlicher Bote! Du bist, ob ein Lügner, ob ein Irrsinniger, gleichviel. Kannst du mir jedoch bringen wahrhaftige Kunde von Esther und ein Zeichen von ihr, – ein glaubhaftes, daß sie lebt und frei ist, wenn gleich versunken im Laster, dessen du gedacht, – so soll's dein Schade nicht sein; ich schwör's auf die Torah, und dieses heilige Gesetz wird mir geben die Kraft, durch mein Gebet des Mädchens Seele abzulenken vom Bösen und sein irdisch Theil zu retten von schimpflicher Strafe.« – Zodick warf spöttisch den Mund auf und ging hinweg, ohne ein Wort zu erwidern. – Ben David näherte sich dem Vater, der wie eine Bildsäule vor sich hinstarrte. »Du willst bekennen, Raaf,« fragte er ihn sanft und leise, »was willst du denn bekennen, da du nichts weißt, als daß der Knabe nicht gestorben, sondern seinen Freunden wiedergegeben? Sage tausend Mal, daß ich unschuldig sei und du nicht schuldig, und tausend Mal werden sie dir nicht glauben . . . selbst dann nicht, wenn ich's wollte und könnte beweisen. Wisse aber, daß ich lieber auf der Folter die Zunge verschlucke, ehe ich rede; weil ich gethan ein Gelübde, das ich halten werde fester als eins, das ich in der Schule geleistet.« – Jochai sah ihn fragend und kopfschüttelnd an. »Weh' mir!« sagte er; »ein Eid und wann hast du ihn gethan?« – »Er ist noch nicht so alt, als Zodick's Besuch,« erwiderte Ben David, »ich hab' ihn geschworen bei der Lade des Bundes im Allerheiligsten meiner Gedanken. Raaf!« sagte er leise flüsternd hinzu; »Raaf! ich habe böse gethan, fühle ich jetzt, denn ich habe gehandelt mit Menschenblut. Das Schändliche solchen Beginnes ist mir geworden klar, da mir einfiel, wie Esther jetzo hilflos einem gleichen Handel Preis gegeben ist, der vielleicht das Kleid ihrer Ehren in Koth tritt, vielleicht ihr junges Leben erstickt. Darum will ich büßen und sollt' ich ersterben in Graus und Schmerz, nicht durch mein Zuthun den Versuch machen, zu lindern mein Schicksal.«

Jochai wollte in ein Geschrei des Jammers ausbrechen; Ben David bedeutete ihm jedoch heftig zu schweigen und raunte ihm in's Ohr: »Spare deine Worte, die unser Elend nur beschleunigen, denn hinter jener Wand lauschen verborgene Zeugen, die Zodick's Unterredung mit uns behorchten. Mir hat's verrathen sein ängstlich Lauschen und ich warne dich. Man kommt schon, hörst du? Ermanne dich. Dein Leben werd' ich gewißlich retten. Meine Vertheidigung muß der hochgelobte Gott unternehmen. Eine Menschenzunge allein rettet einen Juden nicht.«

Der Oberstrichter kam herein mit gewohnter Würde; in seinem Gefolge ein Schreiber, das Verhörsprotokoll unterm Arme, das Schreibzeug am Gürtel. Der Gefangenwärter schob den Tisch zurecht und ging. – »Jude Jochai und du, sein Sohn David!« begann der Richter, »man hat uns gemeldet, daß die Aufrichtigkeit in Eurer Seele die Oberhand gewonnen, ehe wir noch der Folter bedurft, um sie zu wecken. Ihr thut klug daran, zu bekennen, denn Eure Missethaten brechen von Tag zu Tage mehr hervor aus dem Schleier, mit welchem Eure Ränke sie umhüllt hatten. Gerhard von Hülshofen – erbleicht Ihr nicht noch deutlicher unter Eurer Blässe? – wird nicht säumen, vor unsern Schranken Zeugnis gegen Euch abzulegen, um also die Schuld wieder gut zu machen, so er als rechtgläubiger Christ zu böser Stunde auf sich geladen. Des armen Friedberger's Schmuck, von seiner Witwe erkannt, bezeichnet Euch als Glieder der verruchten Mordbande, die ihre Verbrechen sogar in unsern Mauern ausübt. Nichtswürdige Gesellen, die schon seit lange in unseren Verließen schmachten, und ehemals mit jener Rotte Korah in Verbindung gewesen, entsinnen sich recht gut, einen der Hauptmörder mit dem Namen »der Jude« bezeichnen gehört zu haben und würden gewiß den David von Angesicht zu Angesicht erkennen, wäre er ihnen damals nicht immer in einer unkenntlichen Vermummung erschienen. Gerade jetzt ist's noch Zeit zu bekennen, um die schwere Hand der gesetzlichen Rache in ihrem Falle etwas aufzuhalten und ein milderes Los zu gewinnen, wenn es sein kann. Wir haben daher auch nicht gesäumt, der an uns gegangenen Aufforderung diesenfalls zu entsprechen und begehren von dir, Jochai, daß du sonder Ausschweife an den Tag gebest, was du zu bekennen hast.« – »Zu bekennen, Herr!« sagte der durch die Hingebung seines Sohnes muthiger gewordene Greis; »Gott soll mir helfen, wenn ich weiß, was ich bekennen soll, wenn es nicht ist unsere Unschuld.«

Des Oberstrichters schlaufreundliche Miene wandelte sich in eine frostige um, da er die Weigerung des Alten hörte. »Wie?« fragte er, »hast du dein Vorhaben so bald geändert? Man sagte mir doch . . .« – »Edler Herr!« versetzte Jochai mit scheinbarer Offenherzigkeit, »so uns der hochgelobte Herr der Welt Stärke verleiht, so werden wir selbst unter Folterpein nicht aussagen, was uns, sind wir gleich fleckenlos wie das Lamm, den Stab bricht; um wie viel mehr müßten wir die Zunge schelten, die an uns zur Lügnerin werden wollte, freiwillig, ohne Noth.« – »Aber,« polterte der Richter aufwallend, »du sagtest doch selbst, alter Sünder . . .« Jochai schüttelte schweigend den Kopf, wie einer, der seine Sache sehr gewiß hat und, mit einem Lächeln nur, den Unglauben eines Andern straft. Diese Geberde machte indessen den Richter hitziger. »Leugne nicht, Jude,« sprach er drohend; »Friedrich hat die Lügen verabscheuen gelernt im Schoße des wahren Glaubens. Du warst geneigt zu bekennen . . . so bekenne denn. Bekenne die erschreckliche Kreuzigung des Knaben, die hauptsächlich dir zur Last gelegt wird – hast du einmal diese erste und größte Missethat von allen gestanden, dann wird das Bekenntnis der übrigen leichter.« – Jochai warf einen verstohlenen Blick auf den unerschütterlichen Ben David und sagte dann entschlossen: »Gestrenger Herr . . . mir sollen alle Glieder erstarren zu Eis, wenn ich anders sagen kann, als: »Wir sind unschuldig.« Der abtrünnige Knecht Zodick hat auch heute gelogen wie in seiner Klage. Ich werde nicht bekennen, was ich nicht weiß.«

»Ja, verdammter Jude!« brach der Oberstrichter los, »du hast Bekenntnis und Lüge in einer Tasche. Die wenigen Augenblicke, die du mit diesem Elenden hier allein geblieben, alter Thor, waren hinreichend, dich umzustimmen, und nun soll Friedrich gelogen haben, obgleich . . .«

Hier verstummte der edle Herr, weil ihn beinahe der Zorn veranlaßt hatte, zu gestehen, daß er Alles, hinter jener Wand verborgen, mit angehört. »Genug,« fuhr er fort, »ich sehe, daß Ihr unverbesserliches Gesindel seid. Was jener blut- und raubdürstende Mensch, dein Sohn, an Kraft und Geschick, das Böse zu thun, vor dir voraus hat, das ersetzest du durch deine hundertjährige Schlauheit und Tücke. Aber – was es nun auch sei – boshafte Lüge, beginnender Wahnsinn des Alters, oder jene Vergeßlichkeit, die den ergrauten Bösewicht zuweilen befällt und seinem Gedächtnisse schwere Frevel entrückt, als ob sie nie vollführt worden wären . . . ich will dich schon zum Geständnis bringen. Die Verworfenheit, die rund um unser Weichbild und innerhalb desselben das Haupt zu Raub, Todtschlag und Brand erhebt, zittert vor meinem Namen. Diese Schrecken der Zügellosigkeit sollen auch nicht an zwei erbärmlichen Juden erlahmen.«

»Gebraucht Eure Macht, strenger Herr,« sprach Jochai mit leidender Demuth, »der Mensch ist ein schwach Gefäß in den Händen seines zornigen Feindes, der große Tag jenseits des Meeres aber wird ausgleichen Alles, was geschehen ist zwischen Auf- und Niedergang. Ich sage nicht, was nicht ist, wenn ich unsere Unschuld bekräftige. Der Wahnsinn redet auch nicht aus mir. Aber auch nicht Vergeßlichkeit, erzeugt vom Uebermaße der Verbrechen, hat entrissen meinem Gedächtnisse, was einst, wichtig wie allenfalls sein kann ein Mord, sich ihm einprägte. Ich weiß noch herzuzählen an den Fingern die zweihundertundachtundvierzig Gebote, wie die dreihundertfünfundsechzig Verbote, denen ich mich mußte unterwerfen, da ich wurde im dreizehnten Jahre meines Lebens ein Sohn des Gesetzes. Ich habe mich gewöhnt, aufzuzeichnen und zu behalten im Kopfe alle glücklichen und unglücklichen Tage meiner Jahre. Der glücklichen hatte ich wenig aufzuzeichnen, der unglücklichen jedoch zu behalten viele.«

»Was soll das Gewäsche?« fragte der Oberstrichter barsch. »Spare die erheuchelten Thränen für die Folterbank und den letzten Gang, elender, grauer Dieb. Was hast du noch vorzubringen? Kurz, sage ich dir!«

»Ich werde sein schnell zu Ende,« antwortete Jochai, mit den Händen über seine nassen Augen fahrend. »Ich will nur reden von der Zeit, gestrenger Herr, da Ihr noch waret ungeboren, Euer Vater ein Knabe noch beinahe, und Eures Vaters Vater noch ein rüstiger Mann. Herr, ich habe erlebt, was sich jetzt noch die Enkel des damaligen Geschlechts erzählen mit behaglichem Grausen. Herr, ich war schon gewesen ein Mann von vierzig Jahren, da des hochseligen Kaisers Karl IV. Majestät genau drei Jahre am Regiment gewesen, und da wir zählten das Jahr, in welchem man allenthalben begann, die Juden zu schlachten, weil sie vergiftet haben sollten die Brunnen, verzaubert das Vieh und herbeigeflucht die große Pest. Mir gedenkt's wie der Tag von gestern, da das Gemetzel losbrach hier zu Frankfurt, als die Geißler eingezogen waren mit Fahnen und Kerzen, und den vielen Bildern des gekreuzigten Mannes.« – »Des Heilandes!« verbesserte der Oberstrichter finster; unterbrach jedoch, mit einer Art von Theilnahme sich vorlehnend, den Greis nicht, so sehr auch der Schreiber, den die anhebende Erzählung langweilte, mit ungeduldiger Geberde zum Unterbrechen mahnte.

»Die Geißler haben gesungen durch die Straßen: Ach, so hebet Eure Hände, daß sich doch das Sterben wende!« fuhr Jochai fort; »mittlerweile aber sie sich die Rücken zerfleischten und den Staub der Gassen tränkten mit ihrem Blute, ist ein Feuer ausgebrochen. Unfern von unserer Gasse war durch Nachlässigkeit oder vorsetzlichen Frevel der Brand aufgegangen. Ich stand gerade fertig, um über Land zu gehen und zu holen mein Weib, das heimgesucht hatte seine Eltern über dem Rheine. In meiner Mutter Stube stand ich, da die Glocken anfingen zu wimmern und das Getöse überhand nahm in den Straßen. Die arme, alte Frau von siebzig Jahren, erblindet durch die Mühen des Gewerbes, erschrak zum Tode und schickte mich fort, zu sehen, was es gebe. Ich lief. »»Die Juden haben den Brand gemacht!«« schrieen die rasenden Geißler auf den Gassen. »»Wir haben's gesehen! Sie haben geschossen mit feurigen Pfeilen aus dem Hause zum »Storch« nach dem Rathhause!«« Und das Volk schrie nach und dürstete Rache und brach ein in die Häuser, die Geißler beständig voran, die raubten und sengten und metzelten. Herr! da kam ich heim, vor Angst und Ermattung halb todt, um zu retten die blinde, arme Mutter. Die war in ihrer Herzensnoth herausgegangen zur Stube und hatte sich zur Treppe gefühlt, war aber gestiegen hinauf, statt hinunter und also gerathen auf den Speicher, wo nebenan des Nachbars Haus brannte lichterloh. Und ich stand vorm Hause und konnte nicht hinein, weil Alles voll Plünderer wogte, und sah die liebe Frau, die mich geboren, am Giebelfenster stehen, wo sie die Hände rang und hinausrief in die Flammen, die sie nicht sah. »Sohn! Sohn! Jochai! wo bist du! verlaß' mich nicht!« Ich sah endlich, wie die Räuber zu ihr hinauf drangen und konnte, selbst geschlagen und mißhandelt, nicht herzu. »»Heule nicht! Judenvettel!«« donnerte der Verzweifelnden ein Mann zu, erhitzt von Wuth und angethan mit Grausamkeit. »»Dort ist dein Sohn! fahr' gesund zum Teufel!«« Und in die Flammen des Nachbarhauses flog die Blinde. Auf ihrer Asche sei der Friede!«

Eine tiefe Stille folgte dieser Erzählung Jochai's. Der Oberstrichter starrte ungewissen Auges zu dem Gitter des Fensters empor; sprach aber keine Silbe. Da schloß Jochai also. »Die Blinde, Herr, ist gewesen meine Mutter und der sie in das Feuer warf, Euer Großvater, Herr. Ich kenne demnach, was ein Jude zu gewärtigen hat von Eurem Geschlecht, und Ihr habt ein Pfand, daß ich bin nicht so vergeßlich, als Ihr glaubt. Was der Großvater übrig gelassen, mag nun verderben der Enkel!«

Der Oberstrichter schwieg noch immer mit äußerst nachdenklichem Gesichte. Er rieb sich heftig die Stirne, zog die Augenbrauen zusammen und hing an einer unangenehmen Erinnerung. »Du bist also . . .?« fragte er in einem Male wie bewußtlos, unterbrach sich aber schnell und wendete sich zu dem Schreiber. »Ich bedarf Eures Dienstes nicht,« sagte er, »geht und nehmt diesen Alten mit Euch. Der Thurmwächter soll ihm ein luftigeres und reinlicheres Gefängnis geben und ihm fürder die Ketten nicht mehr anlegen.« Der Schreiber winkte dem staunenden Jochai, auf den Ben David schnell zuging, um ihn zu umarmen und ihm die Hand zu küssen. »Ein Strahl der Milde bricht in die Hütten Jakobs!« sagte er, heftig bewegt. »Raaf, zage nicht und vertraue dem Herrn!« – Jochai schwankte hinaus mit dem Begleiter. Der Oberstrichter hatte seinen ganzen fürchterlichen Ernst wieder gesammelt und redete zu Ben David: »Du siehst, wie barmherzig ich sein kann. Ich habe Willen und Vollmacht, für dich ein Gleiches zu thun, wenn du weniger halsstarrig sein wolltest. Bekenne, daß du Diether's Mörder sein wolltest, angereizt und besoldet von seinem treulosen Weibe. Gestehe ohne Scheu. Eine gnädige Behandlung, ein leichter Tod sei dein Lohn dafür.« – »Herr!« erwiderte Ben David ohne Bedenken, »wär' ich allein in das Gewebe verflochten, das mich Unschuldigen droht zu erwürgen, so sagte ich ohne Wahl und Furcht ein lautes »Ja!« Aber es ist wider das Gebot, eine fremde, schuldlose Seele mit zu tödten durch falsches Zeugnis. Ich kenne die Ehewirthin des Altbürgers nicht.« – »Du lügst,« entgegnete der Oberstrichter gereizt, »du warst oft in ihrem Hause, ich habe Zeugen.« – »Gehandelt hab' ich mit der ehrsamen Frau,« gab David zu, »doch soll mir Gott helfen, kenn' ich sie weiter!« – »Du lügst!« zürnte der Oberstrichter heftig. »Man hat dich zur dunkeln Nachtzeit aus dem Hause schleichen sehen. Du warst in fremder Tracht, beladen mit Geld, wie es schien. Also hast du damals den Lohn des blutigen Werks im Voraus empfangen und den Handel geschlossen.« – »Gestrenger Herr!« entgegnete Ben David, seine Betroffenheit künstlich verbergend, »da Meister Diether Frosch angefallen wurde, war ich zu Costnitz.«

»Du ermüdest meine Langmuth!« schalt der Oberstrichter. »In der Folterkammer wirst du geschmeidiger werden, sage ich dir indessen voraus. Denk' an mich!« – »Ich will es erwarten, Herr!« antwortete Ben David ruhig und ließ sich geduldig in sein trauriges Verließ zurückbringen.

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