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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Zweiundzwanzigstes Capitel.

Der Leuenberger Veit saß auf einem Vorsprunge in der Burg zu Gelnhausen, in welchem er durch ein Gitter in's Freie schauen konnte. Seine Base Petronella hinkte um den Herd des anstoßenden Gemachs, das zugleich Küche, Wohnstube und Schlafkammer vorstellte und blinzelte nur von Zeit zu Zeit nach dem Vetter, der sich gerade beschäftigte, seinem Falken ein neues Geschühe anzupassen. Seinen ungeduldigen Händen wollte das Nesteln und Schnallen der langen und kurzen Wurfschnüre nicht schnell genug gelingen. »Warte, verdammter Falk!« schalt er, »deinen Trotzkopf werde ich schon zu beugen wissen. Seit neun Monden bist du so einfältig, als ob du gerade aus dem Gestäude gehoben wärst. Aber hungern sollst du und wachen, daß dir der Kitzel vergehen wird in kurzer Zeit.« – Damit zog er dem Vogel die Haube übern Kopf und setzte ihn drinnen auf die Stange. Als Veit wieder hinaus auf den Vorsprung gehen wollte, rief ihm die Muhme zu: »Komm', Veitchen, komm', setz' dich zu Tische; komm', iß, mein armer Junge.« – Sie schob mit dem Aermel alles Hinderliche von dem morschen Rundtische und setzte ein Gericht Linsen auf das unreinliche Pfannenholz. Von Tellern war keine Rede und die rostigen Gabeln und Messer gaben eben keinen sonderlichen Begriff von dem Hauswesen des Edelmannes. Veit setzte sich maulend zum Essen und lachte spöttisch über das Endchen Wurst, das die Muhme triumphirend aus den Linsen fischte und gewissenhaft mit dem Neffen theilte. »Ein feiner Braten in der Osterwoche!« sprach er verdrießlich. »Ich sag's Euch, Base; wenn dieses Leben noch lange dauert, so hänge ich mich am nächsten Nagel auf. Diese unaufhörliche Armut bei so vielen Gefahren halte ich nicht länger aus. Seitdem der verdammte Schwager zu Frankfurt mir den Brotkorb höher hängte, ist es zum Teufelholen.« – »Du haderst immer mit dem Schicksale, statt es zu verbessern,« predigte die Alte, tapfer die Schüssel angreifend. »Drei Landstraßen stehen dir offen; was passest du nicht auf, wie Andere?« – »Warum bin ich ein ärmerer Schlucker als Andere?« fragte Veit höhnisch entgegen. »Der Eppsteiner und die Käseberger und all' die Brüder in der Runde haben Rosse wie Stahl und Eisen, die achtzehn Stunden in einem weg traben, ohne daß ihnen ein Huf wehe thut. Meinem Klepper kann ich kaum mehr einen Ritt von hier gen Frankfurt in einem Tage zumuthen und wenn ich ihn in den Sprung bringe, so bekommt er gleich das Keuchen. Die obige Sippschaft hat Geld, um die Kundschafter tüchtig zu bezahlen; mir verrathen die Bursche kaum einen wandernden Schuhflicker, weil ich ihre Klauen nicht versilbern kann. Das Schlechteste kommt an mich und theile ich mit Andern, habe ich sicher den kleinsten Theil. Bring' ich etwas heim, so geht's in Rauch auf, wie's gewonnen wurde und Schmalhans zählt uns immer die Brocken zu. Pest und rother Hahn! Ich hab's satt und drei Mal satt. Ich habe Wind und Wetter ausgehalten, verstehe mein Gewerbe wie ein Alter, und soll Leben aus, Leben ein, am Hungertuche nagen, während Andere im Wohlleben schwimmen und kein Haar besser sind als ich? Gott verdamme mich, wenn ich's länger mit ansehe.«

»Du bist ein trotziger ungenügsamer Mensch, ein fauler Bärenhäuter obendrein!« versetzte die Muhme, »schau einmal unsere Nachbarn unter den Burgleuten an. Betrachte den Jost, der just unter unserm Gemache haust und dessen Kinder uns den Kopf toll machen mit ihrem Geschrei. Die Stube voll Würmchen und die ewig kranke Frau und den lahmen Vater, und bei alledem auch nichts als den Grauschimmel und Sattel und Stegreif. Da heißt es die Ohren steif halten. Gedenke nur des Henne von Riedlingen, der im andern Flügel wohnt, dicht am Hundezimmer. Eine Stube wie ein Stall und darinnen eingepfercht zu sein mit Kind und Kegel und gezwungen zu sein, für die vielen Mäuler Tag aus, Tag ein, die Kost aus dem Forste, oder vom Vogelherde, oder aus dem verbotenen Teiche zu holen. Um wie viel glücklicher bist du, ein unbeweibter Mann, dem eine sorgfältige und regsame Base das Hauswesen führt! Du gehst, wenn du willst, du kommst, wenn dir's einfällt und findest immer etwas für den Schnabel, bald wenig, bald vollauf, je nachdem dein Gewerbe geht oder stockt. Daheim kannst du deinen Leib pflegen, Falken abrichten, die Fenster verkleben, wenn es Noth thut, und auf deinem wohlgefüllten Strohsacke lungern, so lange dir's gefällt. Ich wette darauf, deine ungerathene Schwester, die uns vergißt, wie alle Reiche zu thun pflegen, hat in ihrem Ueberflusse der Sorgen mehr als du.« – »Möglich!« antwortete Veit, »ich würde dennoch gleich mit ihr tauschen. Schaut einmal mein Wams an, Muhme. Der Ellbogen des rechten Aermels ist geplatzt.« – »Ei, so gieb her!« versetzte die Muhme geschäftig, »und lange mir vom Fenstergesims Nadel und Faden. Das muß auf der Stelle ausgebessert werden, denn die Katze hat sich heute gar oft hinter den Ohren gekratzt und mir juckt die Stirne beständig. Beides bedeutet aber einen Besuch, der heute nicht ausbleibt.« – »Ach, möchte es doch ein guter sein!« murrte Veit, unruhig auf und abgehend, »nicht der Junker von Hagen, dem ich noch sechs Schillinge vom Brettspiel schulde und nicht der Landschaden, dem ich das Heu mit Gewalt aus dem Schober nahm und nicht der Jude Nathan, von dem ich ein Pfund Heller entlehnte auf meinen nächsten Fang.«

»Du wirst doch all' die Leute nicht fürchten, Neffe?« sprach Petronella, »den von Hagen vertröste, den Landschaden fahre nur grob an und den Juden wirf die Wendelstiege hinunter, daß er den Hals bricht, denn der Hund darf dich in der adligen Ganerbschaft nicht beleidigen. Sei indessen unbesorgt. Es kribbelt mir in einem fort an der linken Hand und das bedeutet alle Mal ein Stück Geld, das man einnimmt, oder ein Glück, das einem bevorsteht.« – »Wollte Gott, Ihr hättet Recht, Base!« rief der Junker und stellte sich an den in der Ecke des Gemachs stehenden Schleifstein, um seinen Dolch und sein Jagdmesser abzuziehen. – »Ach,« seufzte die Muhme, »wie ich dich liebhaben würde, könntest du mir ein sorgenfreies Ende bereiten!« – »Das glaube ich,« versetzte Veit wacker d'rauf losschleifend, »käm's auf ein Wort an, oder eine Handvoll Stahls, wir würden bald reicher sein, als der alte Frosch, den neulich der ungeschickte Tölpel so schlecht getroffen hat.« – »Ich möchte wissen, wer wohl eigentlich dem Altbürger an die Kehle wollte,« brummte die Alte nachsinnend.« – »Mag's gewesen sein, wer da will,« erwiderte der Neffe unwirsch, »den Schafskopf von Mörder sollte man aber vom Handwerk jagen. Die Galle peitscht mir das Blut durch einander, wenn ich daran denke, wie viel wir hätten an uns ziehen können, wäre der Alte gefaßt worden, wie sich's gehört. Pah! weg mit den Grillen,« fügte er schnell hinzu. »Erzählt nur ein Märlein, deren Ihr so viele wißt, Muhme, oder besser, singt mir ein Lied aus der alten Zeit. Der Schleifstein wälzt sich dann hurtiger und das verdrießliche Geschäft geht schneller von der Hand.«

»Gern, mein guter Junge,« erwiderte Petronella, hing das Wams an den Wandhaken, vergnügte mit dem Ueberrest des ärmlichen Mahls die hungrige Katze und begann, indem sie die Pfanne säuberte und schenkte, mit gellender Stimme ein Lied zu singen von dem Kaiser Rothbart und der Burgmannstochter Gela, das zu jener Zeit in und um Gelnhausen, unter Bürgern und Landvolk, stark im Schwange ging. Während nun die Base sang und das Schleifrad flog und die Klingen lust'ge Funken sprühten und der Falk auf seiner Stange ungeduldig kauerte und das Gefieder sträubte ob dem störenden Lärm, kam des Burgmanns und Nachbars Jost ältester Bube eilig heraufgesprungen über die dröhnende Wendelstiege und rief in das offenstehende Gemach: »Edler Nachbar! mein Vater läßt Euch berichten, Ihr möchtet in Wams und Stiefel fahren, denn der Hornberger Herr ist eben angekommen mit Roß und Wagen und wird gleich bei Euch sein. Er beschickt nur Pferde und Gefährt im Stall!« Der Bube sprang mit drei Sätzen die Treppe hinab und schon verkündete das wohlbekannte Gebell des weit in der Wetterau gefürchteten dänischen Bullenbeißers des Hornbergers Anwesenheit. – »Hab' ich's nicht gesagt?« rief die Muhme munter und lustig, »Einkehr, freundliche Einkehr hat uns die Katze prophezeit.« – »Ich halte den blauen Teufel von der freundlichen Einkehr!« maulte der Neffe, indem er die schweren Holzsohlen in die Ecke schleuderte, Stiefel und Wams überwarf und eine Wolke von Staub aus dem dürftigen Federstrauß seines Baretts blies, »der Hornberger ist ein armer Schlucker wie ich. Nur versteht er das Schmarotzen, trägt feinere Kleider und reitet einen besseren Gaul.« – »Und treibt sein angewiesen Gewerb besser als du,« entgegnete die Muhme, zusammenräumend und unter den Herd werfend, was ihr nicht geeignet schien, vom Gast auf den ersten Blick wahrgenommen zu werden, »der gute Herr hat dich oft zum Theilnehmer an einträglichem Geschäft erwählt und aus keiner andern Absicht kommt er heute.« Die Muhme war mit ihrem Aufräumungsgeschäfte noch nicht zu Ende, als schon der klingende Tritt des Edelknechtes, sein heller Pfiff und das ungezogene Schnauben seines Hundes hörbar wurde und Herr und Thier zugleich in das Gemach stürmten, beide gleich übelgerathene Gesellen.

»Guten Tag!« schrie der Erstere, schüttelte dem entgegenkommenden Namensbruder die Hand, klopfte der Muhme derb auf den gekrümmten Rücken und brach in ein ungestümes Gelächter aus, als sein Bullenbeißer Petronella's Katze ansichtig wurde, mit einem Riesensprunge die Fliehende über Herd, Tisch und Schemel verfolgte, die paar Töpfe der Haushaltung in Staub und Scherben legte und ein fürchterliches Gebell erhob, als die Katze durch das Gitter des Vorsprungs einen Ausweg gefunden hatte. – »Mein Packan ist ein kreuztolles Thier!« jubelte der Hornberger, die Fäuste in die Seite stemmend, »ein Hund ohne Gleichen. Laßt Euch den Plunder nicht kümmern, Fräulein Hinkebein. Eure Töpfe mögen immer beim Teufel sein. Ich bezahle sie.« – Er warf vornehm eine Handvoll von Weißpfennigen auf den Tisch und klimperte obendrein mit dem Geldvorrath in seiner Tasche. – Die Muhme machte urplötzlich ein freundlich Gesicht und ihr Neffe fragte halb neugierig, halb neidisch: »Du thust ja dicke und groß, wie der Schatzmeister des römischen Reichs? Welcher Kaufherr oder Müller hat dir seine Kisten oder Sparhafen öffnen müssen?« – »Bruder!« rief Hornberg vergnügt, »Bruder! ein Fang, wie er nicht alle Wochen vorkommt, ich schwör's bei meinem Schutzpatron! Das Wichtigste aber muß ich jetzt gleich vom Herzen drücken. Base Peterlein und du mürrische Rauchschwalbe! Angezogen, aufgeputzt, aufgesessen, ich bringe Euch die Aussicht auf eine Schlemmerei von vierzehn Tagen wenigstens.«

»Eine Schlemmerei?« fragte Veit mit gespitztem Ohre. – »Von vierzehn Tagen?« wiederholte die Muhme, deren Antlitz die froheste Hoffnung auf eine Frist des Wohllebens abspiegelte. – »So ist's,« versetzte der Hornberger; »ich bin geritten wie ein Dieb und ehe es noch zwölfe schlägt, müssen wir aufbrechen. Unser guter alter Degen, der ehrliche Bechtram von Vilbel ladet Euch Beide zu Gaste auf seine Veste.« – »Bechtram von Vilbel?« begann die Muhme staunend. – »Ei, wie kommt denn der geizige Hellerfuchs dazu, uns einzuladen?« setzte Veit mißtrauisch bei. »Seitdem er aufgehört hat, der Feldhauptmann der Frankfurter Spießbürger zu sein und wieder adlig Handwerk treibt, hat er sich nie um mich bekümmert, obgleich er mich das Raufen lehrte. Wie soll ich denn die Einladung verstehen?« – »Redlich und annehmbar;« antwortete Hornberg, »mein adlig Wort darauf. Jetzt aber, Gott verdamme mich, mag die Base sich zum Aufbruch rüsten, denn in diesem Aufzug einer Küchenhexe nehm' ich sie nicht mit.« – »Aber du liebes junges Blut,« entgegnete die Alte, verlegen umher trippelnd, »wenn ich nur erst wüßte . . . ist es Ernst? . . . und wie werde ich fortkommen, ohne Pferd noch Esel . . .?« – »Dafür ist gesorgt,« fuhr Hornberg fort. »Aber, potz Kreuz und Dorn! So sputet Euch doch einmal.« – »In's Himmels Namen denn!« seufzte die Alte, hinkte in eine Ecke des Gemachs, wo der über einen ausgespannten Strick gehängte, abgetragene und hie und da durchlöcherte Reitmantel des Leuenbergers Petronellens Lagerstätte und ihre wenigen Habseligkeiten dem unbescheidenen Auge des Besuchers nothdürftig verbarg.

Der Hornberger setzte sich indessen auf den Spreusack, der das Bett seines Freundes vorstellte und hob an zu erzählen, wobei Petronella und ihr Neffe, der mittlerweile das Geschäft des Bartscherens vornahm, eifrig zuhörten. »Ich war über Land geritten,« sprach er, »dieweil ich zu Hause nicht Holz hatte, um mich zu wärmen, noch Wein, mich zu erquicken; und das fiel in die heilige Woche. Ich wollte den Reiffensteiner heimsuchen, fand ihn aber nicht und die Frau schien nicht Lust zu haben, mich den Mann, der nach Franken geritten war, erwarten zu lassen. Ich trabte daher gen Neufalkenstein, wo auch der Eppsteiner sein sollte, wie ich vernommen. Der alte Bechtram ist zwar nicht freigebig, aber seine Hausehre, Frau Else, läßt einen wackern Rittersmann nicht Noth leiden, wenn er Gründe halber die Feiertage in ihres Herrn Hause zuzubringen verlangt. Die Anstalten zu dem Feste waren auch richtig schon gemacht. Frau Else hantirte am Backtroge und die Knechte im Hofe brachen ein paar Rehe auf, bei deren Anblick mir das Wasser im Munde zusammenlief. Es war morgens um die neunte Stunde etwa und der Ritter saß schon mit dem Eppsteiner und dem Wernher von Hyrzenhorn bei Wein und Fischen. Die Herren empfingen mich fröhlich und guter Dinge. Absonderlich sagte der Hausherr: »Da kommt der Hornberger, ein grober, aber ausgepichter Ostergast.« – Hierauf mußte ich mich zu ihnen setzen und der Becher ging tapfer in der Runde umher, bis dem langen Wernher der Kopf schwer wurde und er entschlief. Nun begann Bechtram erst zu mir zu reden: »Er hätte nicht zu gelegenerer Zeit kommen können, ungeschlachter Hornberger. Wir haben etwas vor, der Eppstein und ich; so dies und jenes, und eins und das andere, wobei wir Euch brauchen können.« – »Ich war dessen bereitwillig und wunderte mich nur, daß sie den Hyrzenhorn nicht angeworben, der doch ein schier noch rüstiger Kämpe sei denn ich.« Da verzog der Eppsteiner das Gesicht und Bechtram sagte: »Der Teufel hole alle Frankfurter und die, die es aus Feigheit mit ihm halten;« womit er des Hyrzenhornes spottete, der sich der Stadt zu eigen verschrieben. »Ich habe lange genug den Schwefelkrämern das Banner getragen;« fuhr Bechtram fort. »Wie haben sie mir's vergolten? Dafür will ich ihnen jetzt auch das Licht halten, daß ihnen die Haut schauern soll.« – Nun verabredeten wir ein paar Ritte gen Peterweil und Erlebach vorzunehmen nach der heiligen Zeit. Alsdann nahm mich aber Bechtram bei Seite und redete zu mir: »Wollt Ihr Eure Osterfladen in meinem Hause und ein brav Stück Geld nebenbei verdienen, so mögt Ihr Euch morgen mit mir zu Gaule setzen und auf das Wiesbad zu reiten. Der Eppstein hat ein Gelöbnis gethan, nicht eher zu satteln, als bis die Glocken von Rom zurückkommen. Dasselbe Gelübde habe ich zwar auch gethan, mit dem Eppstein zu gleicher Zeit, als uns die Erzbischöflichen von Mainz schier am Kragen gepackt hatten und die Heiligen haben uns darum auch durchgeholfen. Jedoch habe ich nicht Noth, mein Gelöbnis zu halten, weil mich vor drei Wochen der Pfarrherr zu Offenbach in Bann gethan, und ich bin nicht gesonnen, einen Hauptgewinn von der Hand zu weisen. Ein vornehmer Mann hat mir aufgetragen, ein gewisses Fräulein aufzufangen und festzuhalten, das von Frankfurt nach dem Thüringer Walde zu ziehen vor hat und dessen Kostbarkeiten und Geld mein sein sollen, benebst einem reichlichen Lohngelde und Atzungsvorschuß, so mir der biedere Edelmann zu zahlen verspricht. Seit länger denn eine Woche hat mein guter Geselle Kunz Doring das Fräulein zu Frankfurt belauert und mir gestern gemeldet, daß es sich plötzlich entschlossen, gen Wiesbaden zu ziehen, zwar nur auf einen Tag, wie man aus dem Geplauder ihres Knechts vernommen. So habe ich denn beschlossen, das Weib, wenn es von Wiesbaden von dannen fährt, auszufischen, und bedarf es eines rüstigen Beistandes, denn der Reiffenberger und der von Wiede, meine Freunde, sind den Rhein hinab, um einen Zöllner leicht zu machen, und Doring's Arm ist mir nicht hinreichend, im Fall die Frau mit starkem Geleite daher käme.« – Es versteht sich, daß ich ohne Bedenken einschlug und am stillen Feiertage lagerten wir schon auf der Heerstraße zwischen dem Wiesbad und Frankfurt, weil unser Fräulein nach der Stadt zurück wollte. Die Sache verzog sich indessen bis zum Sonnabend. Die Sonne war gerade aufgegangen, als sich der Wagen sehen ließ; nun wir drauf und dran und drüber her, ich schlug den Knecht vom Gaule, schnitt die Stränge los, warf die Zofe vom Wagen, knebelte die Gebieterin, obgleich sie sich wehrte, wie ein Mann, räumte den Karren aus und band das Fräulein auf's Sattelpferd. Während nun Doring einem Bäuerlein vergebens nachsprengte, das hinten auf dem Wagen gesessen und sich beim Ueberfall schnell davon und nach dem Wiesbad zurückgemacht hatte, Bechtram die Habseligkeiten der Gefangenen seinem Pferde aufpackte und sein Knecht die Dienstleute derselben an Knebel und Leine legte, trabte ich mit dem Fräulein, einem schönen Weibsbilde, auf Neufalkenstein zu. Sie betrug sich so friedlich, klug und stille, daß ich ihr alle Erleichterung angedeihen ließ, bis wir in der Dämmerung nach dem Schlosse gelangten, wo wir denn auch die Uebrigen versammelt fanden. Die Dienstleute ließ man am andern Morgen, ohne ihnen zu sagen, wo sie gewesen, laufen, und die schöne Gefangene blieb allein zurück.«

»Aber, Gottes Marter!« rief Veit, was kümmert uns dann die verdammt lange Historie? Dergleichen Begebenheiten an Kreuz- und Hohlwegen sind mir doch, bei Gott! bekannt genug.« – »Was Euch die Historie kümmert?« lachte der Hornberger; »sehr viel, denn Ihr verdankt ihr ein paar zehr- und zechfreie Wochen und die Bekanntschaft mit einer liebenswerthen Base, denn keine andere ist Bechtram's Gefangene, als Eurer Margarethe Stieftochter Wallrade.« – »Wallrade?« kreischte die Base hinter dem Mantel hervor, Veit sah aber den Hornberger mit ungläubigem Lächeln an. – »So wahr ich, wie ein echter Christ meine österliche Zeit gehalten habe,« betheuerte der Hornberger, »so völlig hat mein Wort seine Richtigkeit. Das Fräulein von Baldergrün ist's, und ihre Klugheit und Besonnenheit hat mir viele Freude gemacht. Sie benimmt sich so gleichgültig, als ob sie ein Rittersmann wäre, dem das Glück der Fehde untreu geworden. Aber im Innern scheint's dennoch unheimlich zu stürmen und damit sie nicht krank werde und etwa sterbe, bevor die Atzungskosten und das Fanggeld bezahlt, soll Wallrade durch den Besuch ihrer Blutsfreunde überrascht werden und sich an den Märlein Petronellens ergötzen.«

»Ich zweifle, daß unser Besuch die hochmüthige Dirne erheitern werdet entgegnete Veit schadenfroh; »aber mir wird's ein Fest sein, das Krämerfräulein in seiner Erniedrigung zu sehen.« – »Ja wahrlich, du hast recht, guter Neffe!« fiel Petronella ein, die in ihrem Staats- und Abendmahlsrocke aus ihrem Winkel rauschte. »Mich gelüstet sehr, meine eitle Verwandte zu begrüßen, die es für einen Schimpf gehalten, daß das Leuenberg'sche Wappen zu ihres Vaters Hause herabgestiegen ist. Sage doch, guter Veit, ob mein Gewand in den gehörigen Falten liegt und noch im Stande ist, die Stiefnichte zu ärgern und dem Hause der Leuenberger, wie dem Hause meiner alten Freundin, der Frau Else von Vilbel, Ehre zu machen?«

Veit musterte aufmerksam das veraltete Prachtgewand, das sich schon seit einem Jahrhundert beiläufig von einer Leuenbergerin auf die andere vererbt hatte und der Hornberger biß sich in die Lippen, daß sie schier bluteten, um nicht beim Anblick des greisen Fräuleins in ein allzubeleidigendes Gelächter herauszuplatzen. An Veit's Seite stolzirte der Raufdegen, auf seinem Kopfe prangte der befiederte Hut. Des Hornberger' s Weißpfennige klapperten in einem weitschimmernden Beutel an Veit's Gürtel und somit waren Alle zum Ausbruch fertig. »Macht ein Ende,« drängte Hornberg mit einem seiner kräftigen Hausflüche. »Eh' es Zwölfe brummt, müssen wir auf und davon sein und doch wird's hart halten, vor stockfinst'rer Nacht Neufalkenstein zu erreichen, wenn auch Räder und Hufe Feuer geben. Für einen Wagen nämlich ist gesorgt. Die Muhme möchte einen Ritt selbander auf dem Rosse nicht allzuwohl aushalten.« – »Donner und Wetter!« rief Veit, »dem alten Bechtram ist gewiß sein Stündlein nahe, der uns sogar einen Wagen schickt.« – »Meine Vorsorge,« lachte der Hornberger, »zwei Stunden von hier fällt mir plötzlich ein, wie ich denn wohl die Base vom Platze bringen werde und ich bin schon halb und halb entschlossen, sie als höflicher Rittersmann vor mich auf's Pferd zu nehmen, als mir, gerade wie gerufen, ein Bauer begegnet, der gen Frankfurt und Höchst zu fahren gedenkt, mit einem Wägelein voll des besten Strohs, auf dem ein Bettelmönch sitzt. Den Bauer anhalten, ihm befehlen, mit mir umzukehren und dann mit einer neuen Ladung hinzufahren, wo es nur belieben würde, war eins und schnell abgethan. Der Hund wollte sich weigern. Da hieb ich einem von seinen beiden Gäulen die Sehne am Hinterfuße durch und drohte, den anderen eben so zu zeichnen, falls er nicht gehorsam sein wolle. Die Lehre half und er fuhr mit zurück. Den Pfaffen, der nach Frankfurt gedenkt, wollte ich vom Wagen jagen; der Mensch wies mir aber seine wunden Füße und so ließ ich ihn denn in Ruhe, weil man nicht weiß, wo man einmal eine Kutte brauchen kann. Bauer, Mönch und Fuhrwerk hab' ich unten im Stalle eingesperrt und meinen Knecht als Wache zurückgelassen. Den wunden Gaul mach' ich dir zum Geschenk, Veit, und dem Bauer wollen wir unterwegs schon wieder ein anderes Pferd schaffen.«

Die Muhme versicherte, daß sie nun noch einmal so gern die Fahrt mitmache, da ein Gesalbter des Herrn ihr Nachbar sein würde, hängte den vergessenen Rosenkranz an die Hand und das kupferne Kreuz an den Hals. – Veit nahm den Falken auf die Faust und warf noch einen Blick in dem Gemache umher. »Habt Ihr die Truhe verschlossen, Muhme?« fragte er dann leise, »habt Ihr das Eisengeräth wohl verwahrt, das ich neulich heimbrachte und die Gefäße, die vor Kurzem aus der Maxkapelle abhanden gekommen sind?« – »Alles ist wohl verwahrt, Neffe,« erwiderte Petronella, indem sie das Gemach nach den vier Weltgegenden mit Weihwasser besprengte, das an der Thüre hing. »Gott und seine Heiligen werden in unserer Abwesenheit unsre stille Klause wohl bewahren.« Damit ließ sie das Schloß zuschnappen und hinkte den Männern nach, belastet mit ihrer Katze und einem Bündel. Veit hatte indessen dem Nachbar Jost die Aufsicht über seinen kleinen Palast empfohlen und einen Sattel von ihm geliehen, ein dem Nachbar, dessen Pferd erst kürzlich gefallen, sehr entbehrliches Geräth.

Des Leuenberg's Klepper wurde geschirrt, Petronella auf den Wagen neben den in seine Kapuze verhüllten Mönch gehoben; die edeln Herren saßen zu Pferde, des Hornberger's Knecht auf dem Hintertheile des Karrens. Der arme Fuhrbauer warf noch einen trüben Blick auf den verletzten Gaul, der in einem fremden Stalle zurückbleiben mußte, um wohl nimmer zu seinem Herrn wiederzukehren. Dann schwang er mit einem Seufzer die Peitsche und fort ging's wie auf einer Rennbahn.

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