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Gutenberg > Karl Spindler >

Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Zweites Capitel.

»Schon gesattelt und aufgezäumt?« fragte ein junger lebhafter Mann von ausnehmend schöner Gestalt und vornehmem Wesen den Knecht des Junkers von Hülshofen, der den erlösten Gaul mit der Reisedecke schmückte. – »Dachte nicht, daß es schon so weit sein würde, nach dem, was ich gehört!«

Sprach's und stand mit wenig Sprüngen in der Maienstube vor dem Edelknecht. Dieser saß bei einem Paßglase Malvasier und kanzelte den demüthigen Wirth zum Rebstock auf gut deutsch ab, wegen seines unziemlichen Benehmens gegen fremde ehrsame Edelleute. Da er jedoch des Besuches ansichtig wurde, wendete er sich in der fröhlichsten Laune zu dem Jüngling.

»Sieh da!« sprach er. »Edles Herrlein, seid willkommen. Habt doch Wort gehalten, ob schon Ihr's im Martinsjubel gegeben. Ihr verschmäht es nicht, in der Gesellschaft eines alten Schrankenraufers zu reiten, der Wappen und Freiheit an Eure Stadt verkaufen mußte um schnöden Sold?«

»Ei, warum denn, possierlicher Mensch?« fragte der Jüngling. »Wer mir auf der Lebensbahn aufstößt, lustig, wohlgemuth wie ich, ist vor Allen mein lieber Gesellschafter, er schaue nun unter einer Grafenkrone, einer Fechterhaube, oder einem Gugelhute hervor. – Alter Degenknopf; ich habe von deinem gebrannten Herzeleid gehört und bin gekommen, dich zu befreien aus den Schlingen der Edomiter, die gar zu gern einhergefahren wären auf deinem Turniergaule!« Hier klimperte er dem Gerhard gar anmuthig mit einem gefüllten Beutel vor den Ohren. – »Ich komme jedoch zu spät, wie ich zu meiner Freude sehe. Wie ist es dir möglich geworden, du durchlöchertes Sieb, dem Handel so schnell ein Ende zu machen?«

Gerhard erzählte lustig, locker und frech in der Freude seines Herzens die Art, wie er zu dem Gelde gekommen. Des Jünglings Gesicht verfinsterte sich jedoch gewaltig, und ungeduldig stampfte er mit dem Fuße, da Hülshofen geendet. – »Pfui! pfui! und abermals pfui!« rief er. »Zerbrich dein Wappen und dein Schwert, du geldsüchtiger alter Mensch! Bist du nicht schlechter als der Jude, der doch nur eine Christenseele kaufte, die du verschleudert hast? Gerhard! ist das eines Edelmann's würdig?«

»Noth kennt kein Gebot,« meinte Gerhard. »Hättet Ihr gesehen, wie mich der Wirth beschimpfte, hättet Ihr gesehen, wie meine lieben Freunde mich sitzen ließen, – hättet Ihr empfunden, wie kalt dieser Ofen und wie leer mein Magen war; Ihr würdet glimpflicher mit mir verfahren.«

»Einem Juden?« fuhr der junge Mann fort. »Der arme Junge! Ich war ja dabei, als du ihn gefunden. Noch sehe ich sein holdes Antlitz; ich empfahl ihn dir doch auf das Beste, da ich dich trunknen Mann an der Hausthüre deinem Knechte überließ; aber was hilft das Alles! Verschachert wie Joseph an die Kinder Ismaels! Nun, wart! wart! alter Luxbruder! Der heilige Martin wird dir's gedenken, wenn die Seele eines Christen durch dich zum Teufel fährt.«

»Ei nun,« erwiderte Gerhard, »so überlaßt es auch dem heiligen Martin und brummt nicht mit mir. Was soll das Hadern? Laßt uns den Span in Minne beilegen und zu Gaule steigen. Geld klingt in der Tasche und überall stehen die Fässer uns offen. Seid Ihr schon reisefertig?«

»Mein Pferd steht vor meiner Herberge,« antwortete noch etwas finster der junge Mann; »laßt uns dort den Valettrunk halten, denn von deinem mit Christenblut bezahlten Sect nehme ich keinen Tropfen an.«

Der Vorschlag wurde von dem trinklustigen Gerhard recht ausführbar befunden, und die Beiden begaben sich auf den Weg. Der lange Vollbrecht, ohnehin zum Fußmarsch verdammt, machte sich eilends zum Thore hinaus, während die Herren noch lustig im Rosengarten sich zutranken. Die rothwangige Tochter des Hauses credenzte den feurigen Wein und entzückte durch ihre Liebenswürdigkeit den jungen Mann dergestalt, daß er den Arm um ihren schlanken Leib legte und sich theuer vermaß, er wolle ihrer selbst im Getümmel der Feste zu Costnitz eingedenk sein.

»Ei, seht doch!« schäkerte die erfahrene Dirne; »der Junker will wohl gar noch leugnen, daß er in Frankfurt eine schöne Ameie zurückgelassen, daß vielleicht in Costnitz eine zweite seiner harrt.«

Der Junker fuhr sich unmuthig über die Stirne. »Was schwatzest du da für Zeug, tolles Mädel!« rief er.

»Nur nicht böse, lieber Herr!« bat Dorothea. »Es ziemt mir freilich nicht, also mit ritterlichen Leuten zu scherzen, allein dem willkommenen Mund verzeiht man öfters eine unwillkommene Rede.« – Sie bot dem Jüngling die frischen Lippen zum Kuß, der auch nicht verweigert wurde. – »Ihr dürft Euch übrigens,« fuhr sie fort, »im Ernste darauf gefaßt machen, Euer Herz in Costnitz zu verlieren, wäre es auch ganz allein an die schöne Fremde, die gestern einen Augenblick hier still hielt auf ihrer Reise nach Costnitz, und trotz der stark einbrechenden Nacht alsobald weiter fuhr. Sie darf Euch dort begegnen, und Ihr seid unwiederbringlich verloren.«

»Eine schöne Fremde?« fragte der Jüngling begierig, »Jungfrau oder . . .«

»Ein Fräulein ist sie wohl nicht, denke ich,« erwiderte das schlau lächelnde Mädchen; »aber eine Wittib ganz gewiß, eine junge schöne Wittib, der das schwarze Trauergewand unvergleichlich zu den dunkeln Augen steht.«

»Eine Frau in Trauer?« fragte Gerhard begierig; »die nur einen Augenblick halten ließ?«

»Ja; sie ließ sich nur einen Trunk Weins belieben und fuhr schnell von dannen. Ein Fuhrknecht und eine junge Gürtelmagd waren ihre ganze Begleitung.«

»Sie ist's ohne Zweifel!« schrie Gerhard. »Der Zufall hilft uns auf die Sprünge!«

Dorothea staunte. »Auf welche?« fragte der junge Mann und gab dem vorlauten Fechtbruder einen derben Rippenstoß, als dieser von dem gefundenen und verkauften Knaben anheben wollte. Gerhard schwieg bestürzt und folgte ohne Widerrede dem Junkherr, der, – nachdem er in Kürze von Dorothea erfragt, daß die trauernde Fremde in der That den Weg gen Costnitz genommen und vermuthlich eine jener fahrenden Frauen sei, die des Gewinns halber die Kirchenversammlung mitzufeiern gedachten, – rasch zu Gaule stieg und nebst seinem Begleiter Worms bald im Rücken hatte.

»Sage mir aber um Himmels willen,« begann der Jüngling nach einer Weile unmuthig, »sage mir, ob du rein des Satans bist, du kupfriges Gefäß? Erst verhandelst du eine unmündige Seele an den Moloch und hinterher willst du durch dein abgeschmacktes Gerede uns in den Mund der plauderhaften Dirne, vielleicht auf den Scheiterhaufen bringen?«

»Nun, nun,« fiel Gerhard begütigend ein; »nur nicht böse; meine Offenherzigkeit ist allzugroß, und wenn die Frau wirklich die Frau wäre . . .«

»Schweig!« brummte der junge Mann, »du wärst noch im Stande, der Nächstbesten auf den Kopf zuzusagen, daß sie ihr Kind ausgesetzt, bloß weil sie ein schwarzes Kleid trägt. Ich sollte mich billig auf's Neue gegen dich erzürnen, du Seelenverkäufer.«

»Laßt's sein,« meinte Gerhard. »Es kömmt bei dem Zanke nichts heraus. Laßt uns lieber von Eurem Herzlieb reden, das Ihr in Frankfurt zurückgelassen, denn ohne Grund wurdet Ihr nicht roth, da das Kellerdirnel Euch auf das Capitel brachte.«

»Pah! Schnurren und Flausen!« lachte der Jüngling. »Jede Dirne träumt nur von Minne, und jeder genäschige Hagestolz von unziemlicher Buhlschaft. Ich antworte dir darauf nichts, als daß ich zum Dienst des Herrn bestimmt bin, und also an kein Lieb zu denken habe.«

Gerhard hielt plötzlich seinen Gaul an, stemmte beide Arme in die Seiten und brach in ein unmenschliches Gelächter aus. »Ho ho!« stammelte er unter demselben, und wischte sich die Lachzähren aus den Augen, »erlaubt mir, daß ich lachend sterbe bei dem Gedanken, Euch dereinst im Chorrock mit geschorner Platte zu erblicken.«

»Stirb zu, alter Pickelhering,« entgegnete ihm der Begleiter lustig. »Jetzt hast du die beste Zeit dazu, denn ich ertheile dir die Absolution in aller Form, und einen so nachgiebigen Beichtvater findest du gewiß in deinem ganzen Leben nicht mehr. – Was meinst du aber mit deinem Narrengelächter eigentlich? Denkst du, ich würde mich schlecht ausnehmen im Meßgewand oder gar, wenn das Glück will, in der Inful?«

»Bewahre!« versetzte der Hülshofen. »Es macht mir indessen Spaß, Euch mir im Pfaffengewande zu denken, da Ihr doch augenfällig in den Panzer gehört?«

»Hast recht,« sprach der Jüngling, ein wenig nachdenklich werdend; »aber was hilft all das Reden gegen Vatergebot und Muttergelübde? Die gute Mutter! Daß sie mich zur Welt gebracht, gab ihr den Tod, doch um dem Himmel zu danken, daß er nur mich gesund und getrost erschaffen, vermählten mich ihm ihre sterbenden Lippen, und gerne schied sie dahin, weil ich nur athmete. Mein Vater – du kennst ihn ja – der alte Diether Frosch, stieß sich in meiner Erziehung wenig an den Schwur der Mutter und ließ mich adeliges Gewerb lehren. Ich lernte reiten, fechten, wälsch, ungarisch und deutsch tanzen, Falken abrichten und der Jagd obliegen, die Laute spielen und den Ball schlagen. Nothdürftig begriff ich die Kunst des Lesens und Schreibens, und war weit entfernt, zu glauben, daß es jemals Ernst werden sollte mit dem Gelübde der Mutter. Aber, da mein Vater ein anderes Weib nahm und mir eine böse Stiefmutter gab, wurde es anders.«

»Glaub's,« schaltete der Edelknecht ein, »kann auch ein Liedchen singen, wie's den Kindern erster Ehe geht.«

»Auf einmal war ander Wetter in unsrem Hause,« fuhr der junge Mann fort. »Die Stiefmutter, ein blühendes, rundes Weiblein, nicht älter denn ich damals gewesen – nämlich achtzehn Jahre mit Haut und Haar, zog ein in des Bräutigams Gut und Habe – eine rüstige Abigail zu einem ergrauten David. Seinen Reichthümern hatte die arme Freiin ihre Jugend geopfert; er hatte seine Selbständigkeit für die Rosen ihrer Wangen hingegeben. Der Himmel der neuen Ehe war blau, so lang die Hochzeitsfeste dauerten, dann thürmten sich winterliche Wolken daran auf. Die Rosen wollten im Schnee nicht gedeihen, sehnten sich nach einem andern Gärtner. Der Vater hatte nicht klug daran gethan, den erwachsenen Sohn im Hause zu halten, und . . . doch es gilt dir gleich viel, wie es geschah, daß ich aus Liebe zum Vater mit der Stiefmutter in Unfrieden gerieth.«

»Nur weiter; ich begreife schon,« versetzte Gerhard schelmisch lächelnd.

»Mit einem Worte,« fuhr der Jüngling fort, »plötzlich brach die alte Litanei los, von dem Gelübde der Mutter, von der Verpflichtung es zu halten, und da nach Verlauf eines Jahrs die Stiefmutter eines Söhnleins genaß, war mit einem Streich mein Schicksal entschieden. Meine Schwester, älter als ich und kühner, hatte schon früher das väterliche Haus im Zwist verlassen, und an Thüringens Grenze ein Gut bezogen, das ihr ein Oheim geschenkt, der Prälat eines Klosters in Wälschland ist, und den sie um Schutz angefleht gegen die böse Mutter. Ich folgte ihr bald nach und ward zu dem berühmten Predigermönch Johannes in Obhut gethan, der das Trivium und Quadrivium volle fünf Jahre mit mir durchstöberte und mich endlich auf den Punkt gebracht hat, wo man eingeht in das Pfaffenthum. Nun schrieb mein Ohm, der Prälat, dem Vater und forderte ihn auf, mich ihm zu senden nach Costnitz, wo er Pflichtswegen dem Concilio beiwohnt. Ich soll ihm gen Wälschland folgen, auf einer hohen Schule meine Studia vollenden und durch seinen Einfluß einer fetten Pfründe gewärtig sein.«

»Wohl dem, der heiliger Verwandtschaft sich rühmen kann,« meinte Gerhard.

»Und so ließ ich denn Alles dahinten,« fuhr der Jüngling fort, »Haus und Hof und Geld und Gut gehört dem kleinen Bruder Johannes, und ich überlasse ihm Alles gern, denn er ist ein lieblicher Bube, sofern als ich mich seiner noch entsinnen kann, bevor er seiner Gesundheit halber weggethan wurde in die Kost zu einer Amme unfern des Königsteins. Mich ernährt fürder der Altar, und ein faules Chorherrnleben ist eben nicht das Schlimmste.«

»Gott erhalte Eure Lustigkeit, Junker Frosch!« rief Gerhard. »Mit Euren Schwänken helft Ihr Euch über Alles hinüber. Und Recht habt Ihr beim Donner. Aber 's kommt nur darauf an, wie man die Sache nimmt. Seid Ihr einmal Stiftsherr, hat's keine Noth. Die beste Tafel, die süßesten Weine stehen Euch zu Gebot. Den Morgen verträumt Ihr im Chor oder schwänzt die Kirche, habt Ihr gerade nicht Lust zum Singen und Plärren. Für die Vesper mögen die Kapläne sorgen, während Ihr in Edeltracht zu Pferde sitzt, oder hinter'm Brettspiel, oder im kühlen Keller, und wenn Euch dann nach einem Tage voll Last und Plage Euer seid'nes Lager aufnimmt, so finden sich auch wohl ein Paar schöne Arme, die Euch umfangen, ohne daß der Leutpriester den Segen darüber sprach.«

»Ei, du ruchloser Gauch!« lachte der Junker. »Also verunglimpfst du das geistliche Leben?«

»Straft mich Lügen, wenn Ihr könnt,« rief Gerhard im Eifer. »Tretet nur einmal in ein vornehm Gestift und Ihr werdet mehr noch sehen. Machen's doch die Pfaffen auf dem platten Lande auch nicht besser. Der Pfarrherr hält' sein Lieb im Hause, der Vicar sucht es außerhalb. Der Domherr sieht keine zehn Mal im Jahre seinen Chorstuhl und der Bischof hat das Uebermenschliche gethan, wenn er die Weihen empfing, und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhört, auf seinem Throne sitzend.«

»Leider hast du recht,« erwiderte der Begleiter. »Unfug ist eingerissen, aber ihn zu beseitigen, ist ja die Kirchenversammlung angeordnet. Du wirst sehen . . .«

»Daß eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt,« unterbrach ihn Gerhard. – »Laß nur die Wälschen hineinplaudern, so ist von vornherein Alles verkehrt.«

»Vergissest du, daß des Kaisers Majestät selbst sich alle Mühe gab, das Concil zu Stande zu bringen? Daß der beredtsame Prediger aus Böhmen daselbst seine Lehre vertheidigen, sieghaft vertheidigen wird?«

»Sieghaft?« lachte Gerhard. »Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln? Wie macht's der Jäger einem störrigen Rüden, der die Zähne weist? Er lockt ihn mit Schmeichelworten, und kommt der dumme Hund heran, bethört von trügerischer Freundlichkeit, so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze, ehe er sich's versieht, und der Knüttel auf dem Kreuz. Was übrigens den Kaiser angeht, der wie ein Büttel deutscher Nation durch alle Länder fuhr, um Gottes willen die Fürsten einzuladen . . .«

»Schweig', Lästerzunge!« fiel ihm scherzend der Andere in die Rede. »Den Kaiser taste mir nicht an. Dagobert! sagte mein Vater beim Abschiede: Ich werde deine Tage segnen, so ich dich einmal in den Würden unseres Vorfahrens sehe, des berühmten Wicker Frosch, der Hauskaplan des höchstseligen Kaisers Caroli des Vierten und dessen rechte Hand gewesen! – Da ich nun also, diesen Zweck zu erreichen, mich freundlich mit dem Mehrer des heiligen römischen Reichs halten muß, so verbiete ich dir jeden Ausfall gegen Seine Majestät.«

»Nun in Gottesnamen!« versetzte Gerhard, »so sei denn Friede zwischen uns, und ich empfehle Euch, als zukünftigem Kanzler des wackern Herrn, Euren unterthänigen Knecht von Hülfshofen zu beliebiger Versorgung.«

Lustig trabten sie von dannen und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich weiten Fahrt, die, eine vorzeitige Kälte abgerechnet, nichts Besonderes aufzuweisen hatte. Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um. Mit gleicher Ungeduld spähte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande, aber die Sehnsucht Beider ward getäuscht. Näher und näher kamen sie dem Ziele und waren nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt, als sich endlich der Schauplatz um sie her veränderte. Die Straßen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern, von Reitenden und Fahrenden. Eine große Menge von Landleuten schleppte die Vorräthe des Landes nach der Stadt, in der es summte und brauste, wie in einem Bienenstocke. Kaufleute, Handwerksgesellen, Gaukler und Bänkelsänger zogen hordenweise dem gelobten Lande zu. Alle Herbergen und Schänken waren überfüllt von fremden Gästen, die in jeder Zunge schwatzten, sangen und fluchten. Gerhard freute sich des bunten Lebens, so lange es ihm nicht den Zutritt zum Keller versagte, aber seine Erwartung, diese Freude von seinem jungen Begleiter getheilt zu sehen, betrog ihn gewaltig. Der muntere Dagobert wurde unter dem ergötzlichen Gewühl still, einsilbig, verdüstert und blickte verdrossen vor sich hin.

»Lustig! Lustig!« rief ihm Gerhard mit ungestümer Theilnahme zu. »Fröhlich mitgeschwommen in dem Strome des heitern Lebens, junger, leichtbeweglicher Fisch! Jetzt, unter Fremden, gilt's, die blendenden Schuppen zu regen, und obenauf zu rudern in trüglicher Flut!«

»Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmuth,« erwiderte Dagobert. »Was ist es, das meinen Geist bekümmert, als eben wandeln zu müssen unter Fremden? Hier ist nicht mehr Deutschland. Die heimatliche Sitte der Vaterstadt gilt hier nicht mehr, untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit, die sich breit macht auf unsrer Erde. Und nimmer kehre ich vielleicht zurück zu dem Hause, wo meine Wiege stand; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder, die Fluren, auf denen meine Jugend erwuchs. Ein gutgemeintes aber vorschnelles Wort scheidet mich aus dem häuslichen Leben; der Groll einer Verschmähten wirft Berge und Ströme zwischen mich und meine Heimat! Was wird mir die Fremde bieten, die nicht meine Sprache kennt, nicht mein vaterländisches Herz?«

»Ihr schiebt Alles auf's Vaterland!« brach Gerhard los; »aber der Donner soll mich erschlagen aus heit'rem Winterhimmel, wenn hinter den Gedanken an die Heimat sich nicht noch birgt das Gedächtnis an etwas Liebes, das Ihr daheimgelassen!«

Dagobert erröthete und sprach nach einer Weile: »Fast möchtest du recht haben. Ich gestehe es selbst. Ich glaubte nicht, daß ein wohlthuend Gefühl, welches ich seit Jahren bewahre, wie man eine bescheidne Blume bewahrt im stillen Schlafgemach, so ernstlich geworden sei. – Aber,« fuhr er, sich ermannend, fort, »es ist all Thorheit und Schnack. Ich hätte das Blümlein nicht vor die Brust stecken dürfen, wenn ich auch ein Laie bleiben könnte. Der Levit muß sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen.«

»Ihr seid nicht dazu gemacht, für die Liebe zu sterben in der Sehnsucht Pein,« meinte Gerhard. »Schwer ist's allerdings, ein Mägdlein zu vergessen, an das man sich gebunden mit der Herzenskette; so lang man nur seiner gedenkt und unnöthig ihm die Treue aufbewahrt. Aber federleicht wird's – glaubt es nur – sobald man sich vornimmt, Alle zu lieben, die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen erhalten haben von dem lieben Gott. Thut ein solches, und Ihr werdet mich loben.«

Dagobert lachte. – »Das ist es ja eben, was ich am meisten fürchte!« rief er. »Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt, wie es mein Vater hat, der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjährige umfing. Ein Paar schöne Augen haben mir's immer angethan, wo die Minne frei walten durfte, und die Sorge, meinem Schätzlein nicht die Treue bewahren zu können, die ich ihm im Herzen zugeschworen, quält mich halb zu Tode. Doch diese Wolken gehen auch vorüber, wie alle andern, und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben. – Sieh', diese herrliche Aussicht über die Stadt und den Bodensee! Sieh', wie Alles funkelt im winterlichen Mittagsglanz! Wen sollte dieser Anblick nicht froh machen im tiefsten Leid? Horch! die Glocken läuten uns entgegen. Sie könnten nicht feierlicher schallen, wenn du der Kaiser wärst, und ich an deiner Seite heranritte, als Hauskaplan!«

Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefühl zu ersticken, das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte. Gerhard hörte ihm wohlgefällig zu, ließ den Blick über Stadt, See und Strom gleiten, und übersah es, daß der Weg an einem geringen, aber von Reif und Novembereis geglätteten Abhang hinunterlief. Plötzlich strauchelte sein Pferd, und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zügel des stolpernden Rolands konnte Gaul und Reiter vom gefährlichen Sturz erlösen. – »Kreuz und Dorn!« fluchte der erschrockene Gerhard, stille haltend; »das kommt davon, wenn man Euch zuhört und sich selbst darüber vergißt! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang! Es wird besser sein, wenn wir – da doch die Mittagsglocken läuten – wie andere ehrliche Christen von den Pferden steigen, das Käpplein unter den Arm nehmen und unsere Thiere betend weiter führen!«

»So sei's, du wackerer Christ!« entgegnete Dagobert; »es wird nebenbei nicht schaden, daß wir bei der Hand sind, wenn jener Reitersmann, der da vor uns hinkleppert, sich aus dem Sattel begeben sollte. Sein Gaul tanzt wie deiner auf der Eisbahn . . . wie du, scheint der Mann in Gedanken versunken, denn der Zaum hängt schlaff, und wer weiß, wie bald . . .«

»Alle Teufel! da haben wir's!« unterbrach Gerhard sein schon begonnenes Gebet, und er und Dagobert setzten sich in Lauf, auf die Gefahr, ein Bein oder den Hals zu brechen, denn der besagte Reiter schlug soeben zum Boden nieder und das Roß wälzte sich auf ihm. Die Helfer in der Noth schnürten in der Eile ihre Gäule an einer Buche fest mit dem Zügel und eilten zur Rettung des Gestürzten herbei. Mit vieler Mühe wurde dieser von der Last seines Pferdes befreit, das sich mit der größten Anstrengung aufrichten ließ und endlich, schaudernd von Schreck und Schmerz, aber unverletzt, neben seinem Herrn stand. Dieser saß, nach und nach Besinnung und Sprache wiedererlangend, auf der Erde, und starrte die beiden Schutzengel lange an.

»Gelobt sei Jesus Christus!« begann er endlich mit sehr tief und vollklingender Stimme, während er sich das linke Bein rieb, auf dem sein Rappe gelegen war. »Das nenn' ich einen Sturz, wie er mir noch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen ist.«

»Ihr seid doch ganz und heil, lieber Herr?« fragte Dagobert theilnehmend. – Der Fremde zuckte die Achseln, aber ein zufriedenes Lächeln breitete sich über sein braunes männliches Angesicht, als er nach wiederholter Ausdehnung seiner Gliedmaßen verspürte, daß sie unverletzt geblieben.

»'s ist noch gut abgelaufen!« meinte er, und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne. »Hebt mich auf, Ihr guten Leute! Ich werde wohl mit Gottes Hilfe allein stehen können.« Der Versuch ging ohne Gefährde glücklich vorüber. Der Fremde stand da, seine beiden Nothhelfer um ein Erkleckliches überragend, und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen, der noch ängstlicher zitterte, als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen. »Seht da, Ihr Herren!« sprach der abgeworfene Reiter, »seht da einen Gaul, der mir schon zehn Jahre dient und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf getragen, um den man mich gar oftmals beneidet, und den ich Gutfreund getauft, um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen. Ist's nicht eine Schande, daß er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachlässigkeit? Du böses Pferd – mit unsrer Freundschaft ist's aus; von heute an reite ich dich nicht mehr.«

»Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt, ist's gut für Euch,« versetzte Gerhard, der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschätzung betrachtete. »Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet. Er ist ja kein Mensch.«

»Wack're Freunde und treue Thiere halten sichern Schritt bis an's Ende!« erwiderte der Fremde, die Sache ernster nehmend. »Der Freund, in dessen Schoß ich nicht sicher ruhen kann – der Gaul, der durch Trägheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt – sie gelten mir nichts mehr. Darum fresse dieser abgedankte Träger das Gnadenbrot, so lange er will. Er verkümm're aber unter dem Troß.«

»Ihr seid ein seltsamer Mensch!« lachte Gerhard. »Um des bischens Abwerfens willen! Du lieber Himmel! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil, aber abgesetzt hat er mich dennoch oft, nur nie, wo's Ernst galt. Kugelt man auch ein wenig in den Staub, was thut's, so lange die Rippen halten? Ist Euch doch nichts mehr nichts weniger begegnet, als dem heiligen Vater erst vor Kurzem, da er über den Arlberg gen Costnitz zog, und sein Fuhrwerk umschlug.«

Der Fremde brummte ein etwas unwilliges »Hm!«, ergriff den Zügel seines Rappen und zog ihn, langsam vorschreitend, nach sich. Dagobert hatte die beiden andern Pferde herbeigebracht, und alle drei gingen, der Fremde in der Mitte, auf die Stadt los, die Thiere führend. Gerhard, der ungern seinem Witz Fesseln anlegte, war er einmal im Zuge, schwatzte weiter im Texte: »Wie Ihr so straff und aufrecht daher schreitet, lieber Herr! Euch kümmert's nicht, ob dieser Fall ein böses Omen gewesen oder nicht. Doch Se. Heiligkeit ist furchtsamer gewesen, und es dürfte leicht geschehen, daß sie Recht hatte, als sie auf dem Arlberg ausrief: »Was hat es zu bedeuten, daß uns der Unfall wiederfuhr? Gott lenke es zum Guten!«

»Und lehre dich schweigen, aberwitziges Schneppermaul!« platzte der Fremde los, der, als die Rede wieder vom Papste anhob, die Stirne gehässig gerunzelt hatte. »Verspotte nicht das Haupt der Christenheit, oder . . .!«

Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den bestürzten Gerhard, schien aber weniger Lust zu haben, ihm denselben vor die Füße zu werfen, als um's Gesicht zu schlagen. Hülshofen griff nach dem Schwertknauf; Dagobert jedoch, der schnell auf seine Seite gesprungen war, flüsterte ihm zu: »Gib Ruhe, Raufbold! willst du dich in's Verderben bringen? Wir sind innerhalb dem Weichbilde der Stadt. Du bist dem Blutbann verfallen, so du ziehst.«

Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein, und murrend ließ er die Klinge ruhen, einigen Schimpfworten Luft machend und den Fremden mit drohenden Blicken messend. Dagobert drängte sich zwischen Beide. »Ihr mögt sein, wer Ihr wollt,« begann er zu dem Fremden, »so bitte ich Euch, Friede zu halten. Ein Schwank soll nicht mit Blut gesühnt werden, und wenn drei unbedeutende Menschen, wie wir, zum Schwert greifen, einen tollen Handel auszufechten, wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen sein. Ueberdies sind wir Fremde, daß Ihr es seid, verbürgt mir Eure Mundart. Warum wollen wir den Hals dem Gesetze dahingeben, während wir vielleicht zu einem rühmlicheren Streite aufbewahrt sind?«

»Ihr sprecht wie ein Buch,« versetzte der Fremde lächelnd; »Ihr irrt jedoch, wenn Ihr glaubt, daß ich dem Menschen dort zu Leibe wollte. Beim heiligen Georg! das kam mir nicht zu Sinne. Mir stünde es wenig an, mich mit ihm gemein zu machen. Euch hingegen kennen zu lernen, junger Mann, freut mich ganz absonderlich. Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen, denke ich. Wollt Ihr mein Freund werden, so sagt mir Euern Namen.«

Dagobert wollte soeben, sich verwundernd, dieselbe Frage an den Fremden richten, da kam unweit des Stadtthors ein Knecht daher in weiß und rothem Rock, entblößte, da er des Unbekannten ansichtig wurde, das Haupt, und blieb am Rande des Weges stehen. – »Nimm dieses Pferd,« sprach der Reiter zu ihm, »und bring' es in den Stall. In Zukunft reite ich den Schimmel nur.«

Der Knecht empfing, still sich neigend, das Thier, und einen Schritt vom Thor entfernt, fragte der Herr den jungen Frankfurter lächelnd: »Werde ich noch nicht erfahren, wer mir aus der Noth half?«

Dagobert nannte bescheiden seinen Namen und machte auch Gerhard's Stand und Geschlecht kund. »Mit dem Edelknecht habe ich nichts zu schaffen,« versetzte der Fremde barsch. »Er hat den Dienst, den er mir leistete, zu Nichte gemacht durch seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding, ob dem ich keinen Scherz verstehe. Ihr aber, biederer Altbürger, Ihr seid mir lieb und werth. Ohne Zweifel werdet Ihr im »Engel« Eure Wohnung nehmen, da die Schöffen, Eurer Stadt Abgesandte, daselbst die Einkehr nahmen? Recht lieb wird mir's sein, von Euch zu hören.«

Nach einem flüchtigen Kopfnicken verließ der Mann, ohne weiter das Geringste hinzuzufügen, die Ankömmlinge, und ging in die Stadt. Die Letztern sahen wohl, daß die Soldwächter ehrerbietig Platz machten, die Bürger demüthig Hüte und Mützen rückten. »Ich fürchte, ich habe einen thörichten Streich gemacht,« flüsterte Gerhard dem Begleiter zu. »Der Mann ist wohl mehr, als wir Beide.« – »Möglich,« versetzte Dagobert lächelnd und verwies den Neugierigen an den Knecht, der mit dem gestürzten Gutfreund hintendrein kam. »Wie nennt sich dein Herr, guter Gesell?« fragte auch Gerhard den Knecht und verstummte kleinlaut, als dieser erwiderte: »Seine fürstl. Gnaden ist's, der gnädigste Herzog Friedrich von Oesterreich-Tirol.«

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