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Der Jude

Karl Spindler: Der Jude - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer Jude (Bd. I)
authorKarl Spindler
yearca. 1900
publisherVerlag von Karl Prochaska
addressWien, Leipzig, Teschen
titleDer Jude
pages1-194, 3-194, 3-193, 3-218
created20040313
sendergerd.bouillon
firstpub1827
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Neunzehntes Capitel.

Am Morgen des Samstags in der heiligen Charwoche war ein reges Getreibe auf dem Römer. Die Osterfeiertage waren vor der Thüre und alle Geschäfte des Raths wie des Gerichts mußten bis auf den Punkt vorbereitet werden, die Ostertage hindurch ohne Nachtheil ruhen zu können. Die Kanzleien waren angefüllt von fleißigen Schreibern, harrenden Boten, befehlenden und in die Feder sagenden Rathsherren; die Vorgemächer wimmelten von ungeduldigen Clienten und Parteien. Gläubiger mit ihren Schuldnern, Treuenhänder mit ihren Mündeln, Tabellionen mit Kauflustigen gingen Thüren aus, Thüren ein, und ein schwirrendes Getöse erfüllte das weite stattliche Gebäude, die Säle ausgenommen, wo hinter schweren Flügelpforten die vierzehn Schöffen ihre Gerichtsbank hielten, oder Bürgermeister und Rath im weiten Kreise versammelt saßen, des Regiments zu pflegen. Wichtig thuende Schreiberknechte flogen mit Schriftbündeln auf und ab; mürrische Rathsdiener schneckten durch die Gänge. Altbürger, im Bewußtsein ihres städtischen Ansehens und Gewichts, stiegen gravitätisch umher und maßen mit finsterm Blicke die zahlreichen Edelleute vom platten Lande, die um Händel und Späne mit der Stadt beizulegen, herbeigekommen waren, um wider Willen ihr hohnlächelndes Haupt vor der Rechtspflege der reichsfreien Bürger zu beugen. Nebst all' diesen Leuten drehte sich noch in den Hallen eine nicht unbedeutende Anzahl müßiger Gesellen, die allenthalben ihr neugierig und faul Angesicht zur Schau trugen – und eine Menge Gesindels, das keinem zünftigen Gewerbe zugethan, sein elend Stücklein täglichen Brots täglich aus der blauen Luft holt, wie eine Lerche aus der Furche den Weizen. Die Einen dieses Gelichters hielten vor dem Gebäude die Pferde der Junker, die Andern zeigten den Fremden die Eingänge zu den verschiedenen Kanzleien; die Trägsten endlich bettelten geradezu die Vorübergehenden an, oder bildeten, an Mauer und Treppengeländer gelehnt, eine Straße von Gaffern, durch welche Alles hindurch mußte. Unverwandten Blicks starrten sie hinab zur Eingangspforte, hinaus auf die Gasse, wie Menschen, die auf etwas Außerordentliches gespannt sind. Es war nämlich durch einen nicht allzuverschwiegenen Diener des peinlichen Stuhls ruchbar geworden, daß heute der hundertjährige Jude und sein Sohn vor dem Oberstrichter im stillen Verhöre erscheinen würden. Dem Gesindel war es schon ein Fest, diejenigen von Angesicht zu sehen, gegen welche schon der Name ihres Volks Hohn und Erbitterung rege machte. Seit Wochen bereits lagen die Juden im Thurm und noch war die Art ihres Frevels nicht laut geworden unter dem Volke. Ursache genug, die grausame Neugier zu verdoppeln und den Wunsch zu erhöhen, bald ein blutiges Urtheil aussprechen zu hören, vollstrecken zu sehen. Denn, todeswürdig – so vernünftelte das Volk – todeswürdig müßte ihr Vergehen sein und unmenschlich die Strafe. – Mit Ungeduld harrte die Menge auf ihre Opfer, um ihnen schon diesen ersten sauren Weg durch Verwünschungen noch schrecklicher zu machen. Plötzlich lief ein Gemurmel durch die Reihen. »Seht ihr den Rothkopf . . .?« flüsterten sie unter einander. »Kennt ihr den Juden, der sich taufen ließ? Dort schleicht er die Treppe hinan. Was will der hier?« – Scheuen Blicks schritt Zodick durch das murmelnde Volk, grüßte hier demüthig einen ihm begegnenden Vornehmen, der vor ihm ausspuckte; warf dort einem bösen Schuldner, der ihm auswich, einen drohenden Wink zu; zog vor dem Crucifix der Vorhalle andächtig kriechend den Hut und berührte darauf furchtsam die Zizis, die er streng verborgen unter seinem Taufschilde und unter dem faltigen Wams auf der bloßen Brust trug, um den hochgelobten Gott der Sünde wegen, daß er den Sabbath entheiligen müsse, um Vergebung zu bitten.

Er verlor sich in den schwach erhellten Gang, der zu der Thüre der peinlichen Kammer führte. Während dessen entstand eine lebhaftere Unruhe unter dem in den Saalgewölben harrenden Pöbel. Von starker Wache geleitet, schleppten sich in schwerer Eisenlast zwei lebende Bilder des Leidens über die Stufen des Gebäudes: der Greis Jochai und sein Sohn. Das Elend einer kurzen, aber entsetzlichen Haft hatte Wunder des Jammers an Beiden bewirkt; aber dennoch waren jetzo ihre todtenfahlen Wangen geröthet, ihre im Moderduft des Kerkers erloschenen Augen in flackernde Flämmchen verkehrt, denn vor einigen Augenblicken erst hatten sie sich wieder gesehen, die nichts mehr von einander wußten. Sie hatten die schmerzliche Freude empfunden, sich in gleichem Leide als Genossen zu finden und von halb menschlichen Wächtern begünstigt, des Glücks genossen, sich zu umarmen im Schmuck der Verbrecher. Sie durften zwar kein Wort wechseln, aber ihre Blicke sagten sich genug. – Dieses Paar, in unscheinbare Ueberreste seiner Gewänder gehüllt, Haar und Bart triefend von Nässe, starrend von Schimmel und Moder, wankenden Fußes einherschreitend, niedergezogen von schleifenden Ketten, wurde mit Hohngelächter und Geschrei bewillkommt. Nicht die Leiden der Seele und des Körpers, die auf Ben David's Gesichte verzeichnet waren, – nicht des höchsten Menschenalters rührende Ehrwürdigkeit auf Jochai's Antlitz rührte das unbarmherzige Volk.

Die Wächter hatten zu wehren, daß nicht Frevel an den Gefesselten verübt würden. Den Schmähworten konnten sie indessen nicht steuern und beladen mit Drohungen und Flüchen aller Art erreichten die Gefangenen die Höhe der Treppe; hier begegnete ihnen ein bekanntes Gesicht. Der Judenarzt Joseph war's, der gerade von einem, während der Sitzung unpäßlich gewordenen Rathsgliede kam. Kaum hatte er jedoch die Unglücklichen gewahrt, so wendete er scheu den Kopf hinweg, übersah den Gruß Ben David's und schob sich die Stiege hinunter, tobend und scheltend gegen den Pöbel, der dem, wenn gleich vornehmern und höher gehaltenen Juden den giftigsten Spott nicht schenkte. Erst nachdem sich die Thüre der Kanzlei des peinlichen Gerichts hinter Ben David und seinem Vater geschlossen, waren sie dem schadenfrohen Getümmel entronnen und nur die Zielscheibe der unziemlichen Scherze, welche sich Schreiber und Diener gegen sie erlaubten, bis sie auf das Zeichen einer Glocke in die Verhörkammer gebracht wurden, woselbst der Oberstrichter, umgeben von dem düstern Gepränge des Blutgerichts, ihrer harrte.

Nachdem der gestrenge Herr die Kettenbelasteten eine Weile mit finstern Augen gemessen, befahl er dem anwesenden Rathsknecht, ihnen die Bande abzunehmen und sich zurückzuziehen. – Sobald dem Befehle gehorcht worden war, winkte der Ritter dem Schreiber, die Feder zur Hand zu nehmen, und wendete sich mit den hergebrachten Eingangsfragen an die Juden. Auf die Fragen nach Namen und Stand erwiderte der hundertjährige Greis: »Gewaltiger Herr! Ich nenne mich David Ben Jochai; mein Sohn, Jochai Ben David, was so viel heißt, als: Sohn des David. Wir sind von jeher gewesen arme, aber fleißige Leute im Handel und Wandel und ehrliche Darleiher in guter Münze gegen billige Zinsen. Ich habe zurückgelegt das hundertste Jahr mit der Hilfe des barmherzigen Gottes. welcher zählt die Haare und die Tage des Menschen; mein Sohn ist gewesen fünfzig Jahre, wenn mich nicht trügt mein altes Gedächtnis. Der Herr in Israel hat uns auch gesegnet in der Fremde, bis wir sind gekommen in so viel Leid und Trübsal, als wir hier vor Euch stehen. Man hat uns gebunden mit Ketten, man hat uns geworfen in fürchterliche Löcher, wo wir müssen waten bis an den Knöchel im Wasser und noch hat man uns nicht gesagt, wessen wir beschuldigt sind und unser Herz ist doch rein wie das Ei, wenn es glatt und zu rechter Zeit aus der Schale geht.« – »Schweig'!« unterbrach ihn der Oberstrichter streng, »deine Zunge rührt sich ungemessen zur unrechten Zeit. Die Ursache Eurer Haft sollt Ihr heute noch erfahren, Ihr Ketzer, wenn Ihr nicht vorziehen solltet, Euer Verbrechen reuig zu bekennen.« – »Wie können wir doch bekennen, was wir nicht wissen?« fragte Ben David mit ängstlichen Geberden. »Wir wissen uns rein und können auf die Thora, auf welcher Gottes Herrlichkeit ruht, beschwören, daß wir unschuldig an jedem Fehl.« – »Stille!« rief der Oberstrichter ihnen auf's Neue zu, »eine Frage an Euch insgesammt, Vater und Sohn. Was ist aus dem Christenkinde geworden, das einer von Euch vor fünf Monden etwa in Euern Schlupfwinkel in der Judengasse geschleppt hat?« – Jochai, besonders aber Ben David stutzten heftig. »Nun?« fuhr der Ritter barsch fort, »wird's bald mit der Antwort? Wahrheit oder Lüge! Wo kam das Kind hin?« – »Ich weiß doch von keinem Kinde,« antwortete Ben David schnell, ehe der zweifelnde Jochai durch ein schwankendes Wort das Gegentheil verrathen konnte. – »Ihr wißt also nichts?« fragte der Richter bitter lächelnd weiter, »Ihr habt wohl noch nie ein Christenkind in Eurem Hause gesehen?« – »Als uns Gott soll helfen,« erwiderte Ben David ausweichend, »wir wissen nicht, von welchem Kinde Ihr sprecht.« – »Mein Alter macht mich vergeßlich«; fügte Jochai bei, welcher nicht bejahen, doch auch nicht ganz verneinen wollte. »Ich wüßte mich nicht zu besinnen, ob jemals . . .« – »Ihr leugnet?« sprach der Oberstrichter drohend, »desto strenger wird das Urtheil fallen.« – »Gott soll uns helfen und sich Israels erbarmen!« klagten Vater und Sohn. »Wir sind unschuldig, man mag uns zeihen, wessen man begehrt, und sollten unsere Brüder gefrevelt haben, so kümmert's doch uns nicht.« – »Es ist hier nicht die Rede von Euern Ketzerbrüdern,« erwiderte der Oberstrichter, »von Euch selbst, verworfenes Gelichter; und da Ihr nicht gestehen wollt, was Ihr begangen, so will ich's Euch beweisen lassen, von unverwerflichen Zeugen.«

Er zog die Glocke und flüsterte dem eintretenden Diener ein Wort in's Ohr. Kurze Weile, nachdem sich dieser wieder entfernte, schlich Ben David's Sabbathmagd, die stumme Grete, herein; mit gefalteten Händen, in welchen der Rosenkranz hing, mit thränenden Augen und blassem Angesichte. Sie verneigte sich demüthig vor dem Richter und dem Bilde des Erlösers, das über dessen Stuhle hing, und schlug seitwärts auf die Beklagten blickend, ein verstohlenes Kreuz. – »Die Schwörfinger in die Höhe!« gebot der Richter, »du schwörst vor der heiligen Dreifaltigkeit und bei dem Gedächtnis an unsers Heilandes bitt'res Leiden die Wahrheit, sofern sie dir bewußt, zu bekennen durch unverdächtige Zeichen? Nicke mit dem Kopfe!« – Die Alte that, wie man ihr hieß und zitterte vor andächtiger Furcht an allen Gliedern. – Nachdem sie der Oberstrichter über ihren Namen, Gewerb und die Zeit, während welcher sie bei den Beklagten in Diensten gestanden, befragt, ging er zur weitern Untersuchung über, und auf seine dringenden Ermahnungen gestand nach und nach das arme Weib, so deutlich es nur durch seine Zeichensprache anging, daß vor einiger Zeit Ben David einen Christenknaben in sein Haus gebracht, von einer fernen Wanderung zurückkommend; daß sie selbst den Knaben zwei Nächte hindurch in ihrer Kammer beherbergt; daß er aber in der dritten verschwunden und nicht mehr zum Vorschein gekommen sei. – »Hast du nicht wahrgenommen,« fuhr der Oberstrichter in seinem Verhör fort, »ob nicht einer von diesen anwesenden Juden gegen den Knaben einen besondern Widerwillen und Haß bezeigt?« – Grete nickte nach einigem Nachsinnen mit dem Haupte und deutete auf den Greis Jochai. – »Nun denn, Ihr schändliches Gesindel,« fuhr der Richter die Juden an, »gesteht Ihr bis hieher ein, was die Alte angedeutet?«

Ben David leugnete frischweg die ganze Sache und Jochai, der es erwartet hatte, wie sein Sohn sich benehmen würde, stimmte ohne zu zögern, in das Leugnen ein. Der Oberstrichter wurde braunroth im Gesichte, zog zum zweiten Male die Glocke und nach einer kurzen von den Beklagten bang durchathmeten Stille trat, keck wie die sichere Wahrheit selbst, Zodick in die Kammer, achtete nicht des Schrecks, mit welchem Jochai und Ben David bei seinem Anblick zusammenfuhren, sondern näherte sich furchtlos dem Richter, dessen Gewand er unterthänig berührte, und vor dessen Gerichtstafel er sich mit erhobener Hand stellte, die frechen Augen auf das Crucifix und den Verhörenden gerichtet, wie einer, der schon oft dabei gewesen. Die Geberde, die er machte, kam jedoch den Juden so unerwartet, daß Jochai, seinen Unmuth vergessend, dem Menschen mit ängstlicher Stimme zurief. »Zodick! ach Zodick! ist es denn wahr, was von dir gesagt haben unsere Leute? Hast du abgeschworen den einzigen Gott, um zu opfern dem Fremden?« – »Zodick, was thust du?« setzte der von nichts wissende Ben David überrascht hinzu. Der Oberstrichter rief aber dazwischen: »Schweigt, Ihr Hundsjuden, sonst lasse ich Euch stäupen zum Lohne für Eure verfluchte Schwatzhaftigkeit. Laß' dich's nicht kümmern, Friedrich,« setzte er gemäßigter bei, »und schwöre vor der heiligen Dreifaltigkeit und ihren Heiligen und bei dem kostbaren Blute unsers gekreuzigten Erlösers, die Wahrheit zu sprechen, sonder Furcht und Mitleid.« – »Ich schwöre!« entgegnete Zodick kurz und fest; und nachdem er auf Befehl des Oberstrichters den Glauben gebetet und das Kreuz vor Stirn und Brust geschlagen hatte – wobei Jochai mit geschlossenen Augen der jüdischen Schulen Bannformel zwischen den Zähnen murmelte – begann er ein Zeugnis, oder besser, eine Klage abzulegen, während welcher die Stille des Grauens also eintrat mit ihren Schauern in das unheimliche Verhörgemach, daß auch keine Silbe aus des Klägers Munde einem der Anwesenden entging.

»Es sind fünf Monden etwa verflossen,« sprach Zodick, »und es war so gegen das Ende des Mondes Marchesvan, da die Juden, wie mich dünkt, den letzten Sabbath des Mondes feierten, als Ben David, mein damaliger Herr, heimkehrend von einem Gang über Feld, wie er öfters zu thun pflegt, des Handels wegen, – ein Kind mit sich brachte, einen Knaben, und von christlicher Geburt. Am Abend des eingehenden, sowie am Abend des ausgehenden Festes sah ich den Knaben nicht, denn ich lag darnieder an einer Wunde, die mir böse Menschen geschlagen hatten. Ben David sagte mir mit keinem Worte von dem Kinde, und nicht Esther, seine Tochter, und Jochai war der Einzige, dem in der Geschwätzigkeit seines Alters die Kunde entschlüpfte gegen mich, es befinde sich im Hause ein Knabe, den der Herr geführt habe, man wisse nicht von wannen, und bringen wolle, man wisse nicht, wohin. Vom Schmerz meiner Wunde geplagt, achtete ich auch nicht auf des Alten Geplauder. Da nach dem Habdalah mein Leib wundersam schnell wieder genesete und ich am folgenden Tage, bloß um zu ruhen, zu Bette lag in meiner einsamen Kammer, da trat dieser Greis Jochai, als es schon wieder zu dämmern begann, zu mir und sprach: »Steh' auf, Zodick, und folge mir eiligst mit Schaufel und Haue.« – Ich stand alsbald auf, nahm nach seinem Willen Schaufel und Haue und folgte ihm, der trotz seiner blöden Augen rüstig voranschritt über die dunkeln Stiegen zu dem Keller. In dessen Gewölbe, das unter dem Hinterhause fortläuft und durch einen Verschlag geschieden ist von dem Vordern, rastete der Alte und befahl mir, Feuer anzuschlagen und die Leuchte anzuzünden, die er unter seinem Rocke hervorzog. Dieses geschah. Nun setzte sich der Alte auf einen Stein und sprach: »Jetzo, mein guter Knecht, nimm die Werkzeuge zur Hand und haue hier vor meinen Füßen eine Grube.« Ich zögerte nicht, mich an die Arbeit zu machen, in der Meinung, man wollte hier Kostbarkeiten vergraben, wie die Juden gar oft zu thun pflegen. Da mir nun aber Jochai gebot, die Tiefe von zwei Ellbogenlängen zu nehmen und säuberlich geräumig zu machen die Grube, ward ich stutzig. »Raaf!« sagte ich, kopfschüttelnd, »Ihr müßt viel köstliche Habe zusammenbringen, um dies Loch nur zur Hälfte auszufüllen.« – Er hieß mich jedoch einen fürwitzigen Mamser und befahl mir, zu fördern die Arbeit. Ich that es nun auch und während dessen begann der Alte eitel verdächtige und seltsame Reden und fragte mich: »»Hast du nie davon gehört, daß eines unmündigen, vom Berge Seir stammenden Knaben Herz, in der Nacht des Amalektischen Sabbaths von gesegneten Händen ausgerissen, zu Staub verbrannt und am Abend des Festes Haman in geheiligtem Weine genossen, Glück bringt und großen Reichthum?«« Ich schaute dem Raaf bestürzt in's Gesicht und habe nicht erwidert ein Wort. Nachdem ich aber die Grube vollendet und den Grund geschaufelt auf einen Haufen, mußte ich noch verstopfen mit Stroh und Holz die Luftlöcher des Gewölbes und wurde von dem Alten angewiesen, mich zu begeben hinauf und dem Herrn zu sagen: es sei geschehen im Namen des Propheten Elias. – So wie ich nun aber an des Kellers Thüre gelange, komme mir entgegen bereits der Herr und trägt auf der Schulter einen Knaben in Schlummer versunken. Er stutzte sehr, da er mein wurde ansichtig, und der Raaf sprach zu ihm wie im Zorne: »Warum kommst du geschlurft zur Unzeit? Der Knecht sollte dir erst sagen, war's beschlossen . . .« – Ben David stotterte ein paar unverständliche Worte und hieß mich gehen von dannen mit der Lampe, so er mit sich gebracht und mich legen zu Bette, ohne zu verweilen. Ich ging und hinter mir schlossen sie die Thüre zu mit allen Riegeln. Da ich nun aber die Stiege emporging, ließ mir's nicht Rast und nicht Ruh' und ich mußte sehen, was da unten vorging. Ich zog daher aus die Schuhe und blies aus die Lampe und tappte in finstrer Nacht in das Höflein und sah hinunter in den Keller durch eine Ritze, die ich mit Vorbedacht gelassen hatte in einer der Fensterverkleidungen. Ich muß geworden sein kalt wie Eis, da ich gewahrte, was vorging im Gewölbe. Ben David hatte den Knaben entkleidet und die Kälte den Armen geweckt. Zu dem leise Wimmernden trat der Raaf und fragte ihn, wie die Juden zu fragen pflegen am Feste Jom Kippur, das da fällt im Monde Tisri: Jüngelchen, über welches der Mohel nicht gekommen, willst du sein mein Kappora? – Das Büblein machte Ben David nicken mit dem Haupte und plötzlich stopfte ihm der Raaf einen Knebel in den Mund, daß es nur leise und dumpf stöhnen konnte. Und herbei aus dem Winkel schleppte der Raaf ein roh gezimmertes Kreuz; Ben David streckte darauf den Gepeinigten aus und voll zitternder Begierde nagelte ihn der Raaf auf das Leidenholz, indem er das Gebet murmelte, das leider unter den Juden heimisch ist und also lautet. Dies Opfer soll mir dienen als Wechsel und Tausch; es komme an meine Statt; es gehe in den Tod und ich mit allem Volke Israel in's ewige Leben! Furcht und Angst komme über die Gojim! Verflucht seien die Wohnungen des Berges Seir! Verflucht und vertilgt die Hütten Amalek's! Verflucht und vertilgt Ammon, Edom und Moab. Offenbart und endlich geschenkt deinem Volke seine Erlösung!«

»Während dieses Gebets hat Ben David dem zuckenden Würmlein gespieen in's Angesicht und gerufen mit Hohn: Gegrüßt seist du uns, König in Israel! Herrlich und gesegnet seist du, Fürst der Juden! – Darauf ergriff der Raaf ein blank geschliffen Messer und heiligte es in den von den Gliedern des Opfers rinnenden Tropfen und näherte sich damit der Stelle, wo das ängstliche Herzlein pickte und zeichnete hier ein blutiges Kreuz . . . .«

»Ersticke und verdammt seist du, verfluchter abtrünniger Sohn des Leviathan!« kreischte hier der alte Jochai und sank unter Zuckungen zur Erde nieder. Ben David stand ihm, obwohl selbst kraftlos taumelnd, bei und wandte zum Himmel die trocknen Augen, in welchen eine wilde, verzweiflungsvolle Frage an das Verhängnis lag. Der Oberstrichter gebot dem fürchterlichen Kläger zu enden. Mit tückischer Behaglichkeit ging auch Zodick zu Ende. »Das Büblein ist verschieden unter dem Messer des Raaf und sein weiteres Schicksal weiß ich nicht!« schloß er. »Ob sie das Körperlein vergraben, – ob sie es geworfen in den Fluß, weiß ich nicht, da ich mich entfernte, während sie noch darüber gestritten. Der Raaf war für das Erstere und Ben David für das Zweite denn er hat mir nicht getraut, da ich ihn kommen gesehen mit dem Knaben. Ich aber konnte nicht mehr aushalten in Ben David's Nähe und habe benützt die erste Gelegenheit, um aus der Gemeinschaft zu treten mit dem Raaf und seinem Sohne. Das ist, so wahr mir helfe der Barmherzige, der mich gerettet von der Ketzerei, die reine, lautere Wahrheit; Amen.«

Ein tiefes Schweigen beherrschte den düstern Schauplatz. Jochai lag bewußtlos, Ben David war zu Stein geworden, – Grete betete in Gedanken ihren Rosenkranz zum Heil der hingeopferten Seele; – Zodick rastete von der Anstrengung seiner Rede und selbst der Oberstrichter und sein Gehilfe, gewöhnt an Schrecknisse und Frevelklagen, erholten sich von den unerhörten Greueln, die sie vernommen. – Endlich faßte sich der Richter und wendete sich mit donnernder Stimme an Ben David: »Du hast gehört, Abscheulicher,« sprach er, »wessen man dich anklagt. Ein Genosse deines Hauses, dein ehemaliger Glaubensbruder, dein getreuer Knecht ist es, der den Schleier von dem ungeheuern Verbrechen zieht, das du mit deinem Vater begingst. Wirst du ferner leugnen und dadurch das Schwert der Vergeltung schärfen?«

»Herr!« antwortete Ben David mit frostklappernden Zähnen, »ich soll reden und kann kaum finden ein Wort auf meiner Zunge. Ich könnte Euch zuschwören unsere Unschuld bei dem heiligen, hochgelobten Gott und Allem, was uns heilig ist in Israel, – Ihr würdet uns aber nicht glauben, denn wir sind schlechte Juden, – ich könnte herbeibringen das Zeugnis meiner unschuldigen Tochter Esther, – aber Ihr würdet sagen, es gelte nicht, weil es meine Tochter gab. – Warum jedoch glaubt Ihr dem abtrünnigen Knecht, der gegen uns zeugt, warum der Magd, die in ihrer Stumpfheit Alles bejaht, was man ihr vorsagt? Unschuldig sind wir, unschuldig an dem gräßlichen Frevel, den man uns auflegt. Fünf Monden sollen sein verflossen seither und nun erst kommt der gottlose Bube hier vor Eure Bank und schreit Zeter über uns? Warum hat er nicht alsobald aufgerufen zur Rache Himmel und Erde, nachdem – wie er lügt – die Unthat geschehen?« – »Wirst du schweigen, verfluchter aussätziger Jude!« zürnte der Oberstrichter, indem er heftig aufsprang, »sollte sich der arme Mann Eurer Rache aussetzen? Ihr Judengeschmeiß klebt an einander wie Kletten und dieser hier wäre nicht der Erste, den Ihr erschlagen habt, um seine Geständnisse zu verhindern. Ehe er mit Euch in's verdiente Gericht ging, mußte er aufhören, in Eurer höllischen Mitte zu leben. Er hat sich dem allbarmherzigen Schoß des wahren Glaubens zugewendet und kann nun offen gegen Euch auftreten, von unserer Macht geschützt. Noch mehr, die Seele des unschuldigen Knäbleins, das Ihr unserem Heilande zu schmählichem Spott, zu Tode gemartert habt, ist diesem neuen Christen zu wiederholten Malen im Traume erschienen und hat ihn aufgefordert bei seiner eignen Seele Heil und Frieden, die Greuelthat offenkundig zu machen und zu rächen schon in dieser Welt. Blutdürstiges Schelmenvolk! Deine Bosheit liegt am Tage und noch in dieser Stunde lasse ich Euch Beide in Eures Hauses Keller führen, der noch bis jetzt mit meinem Siegelring verpetschirt liegt. Ich will mir ein Fest daraus machen, durch eigene Untersuchung des Klägers Angaben zu beglaubigen und am letzten Tage der Leidenswoche unseres Herrn zwei Mörder und Gotteslästerer zu entlarven, die mit seinem Namen und mit seinem Erlösungswerke todeswürdigen Spott getrieben.«

Die Schelle erklang von Neuem und die Rathsdiener erschienen. »Reißt den alten Bösewicht von der Erde auf,« befahl der Oberstrichter, »es ist eitel Lug und Trug mit seiner Hinfälligkeit. Die Wahrheit, die er nicht leugnen kann, hat ihn umgeworfen. Schleift ihn an Stricken mit Euch. Den andern Höllenhund werft wieder in seine Fesseln. Der Stöcker soll herbei mit seinen Knechten und das Gezücht nach der Judengasse bringen; denn keinem ehrlichen Mann steht's zu, seine Hand an den Ungeheuern hier zu verunreinigen. Ich folge alsobald.«

Der gestrenge Herr warf den Mantel über, winkte dem Schreiber, dem Zodick und der stummen Magd, ihm nachzukommen, und ging aus der Kammer.

Einer der Rathsknechte lief, befohlenermaßen, nach dem Stöcker und seinem Geleite, der Andere ging vor die Thüre, um den Wachen und neugierigen Gaffern redselig zu beschreiben, in welcher Wuth der Oberstrichter von dannen gegangen und welche Worte er drohend und zürnend gesprochen. Die Gefangenen blieben einige Augenblicke allein und Ben David küßte die Hände seines erwachenden Vaters. »Ach!« seufzte dieser ermattet, »so war es kein Traum! O, Herr in Israel! wie kannst du dulden solche Nichtswürdigkeit! Ich bin zu alt, um machen zu können Anspruch auf's Leben, denn ich habe gelebt für zwei Menschen auf der Erde, aber . . . du – mein Sohn – und Esther, das Enkelchen! Weh' mir! Was soll das noch werden, wenn du bestehst darauf, zu schweigen und nicht zu sagen, wo du hingeführt den Knaben aus Edom.«

»Ich darf nicht, Vater,« versetzte Ben David fest, »ich würde machen unglücklich, die jetzt glücklich sind. Ich habe versprochen zu schweigen und will halten, was ich versprochen.«

»Und wenn du hättest geschworen,« fiel Jochai eifrig ein, »so gilt der Schwur nichts, da es geht an den Hals. Ich will dich entbinden deines Gelübdes, wie ein rechter Lehrer in Israel. Ungiltig soll sein der Schwur, den man geleistet an die Männer und Frauen von Amalek.«

»Vater!« antwortete Ben David ernst, »du magst mich entbinden des Eides, doch nicht der Zusage, so ich geleistet als redlicher Mann. Wenig Gewinn würde entstehen aus meinem Bekenntnis; es würde mir kosten den Kopf und Estherchen Hab und Gut, und dir Schande bringen und den Bettelstab.«

»Weh' mir!« jammerte der Alte, »in welchen Handel hast du dich begeben? unbesonnener Mann. So du sterben mußt und Esther verarmen, begehre ich auch nicht länger zu athmen. Denn mehr als todt ist ein Alter von hundert Jahren, das in Kummer und Hunger versiegt.«

»Beruhige dich, Vater!« versetzte Ben David, »wir werden nicht sterben, du sollst nicht hungern. Die Leute, die da wissen, daß ich reden könnte, werden schon helfen, ehe es sein wird zu spät. Verlasse dich darauf!«

»Und wenn sie uns peinigen?« klagte der Greis mit wachsendem Eifer, »wenn sie uns tödten, schnell wie die Hand des Herrn? Sohn, Sohn! traue nicht auf der Gojim Hilfe und Versprechen! Noch ist Zion nicht gebaut und noch der Messias nicht gekommen; und also werden wir von dannen genommen sein, ehe Hilfe kommt, als Opfer deines unseligen Handels und deines Eigensinns.«

»Verzagst du denn so ganz an der Hilfe des hochgelobten Gottes?« fragte Ben David den Alten, der zwischen Wahn, Glaube und Unglaube ängstlich schwankte, wehmüthig bei der Hand ergreifend. »Vertraust du denn nicht auf unsere Unschuld selbst, deren Stimme endlich uns frei sprechen wird von dem teuflischen Lügengewebe? Halte dich am Glauben und laß' uns vertrauen.«

Mit vielem Geräusch trat die Wache ein, die ohne Schonung den Greis mit Stricken band und ihn neben seinem gefesselten Sohne, durch das wilde Volksgedränge hindurch, an die Pforte des Römers führte, wo auf den Stufen der Nachrichter mit seinen Knechten die Aermsten erwartete, die er im geheiligten Rathhause selbst nicht abholen durfte.

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